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Supertheorie der Gesellschaft: wofür braucht man sowas?

erstellt von Thomas Nöske zuletzt verändert: 10.06.2007 13:42

Es ist ja nicht so, dass er die Forderungen seiner gesellschaftskritischen Studenten nach 1968 rundheraus abgewiesen hätte; damit hätte er sich kaum zum Intimfeind der Bewegung entwickeln können. Vielmehr hat er einige ihre Problemdefinitionen zunächst einmal angenommen, dann jedoch vorm Hintergrund der eigenen Überlegungen umformuliert und anders beantwortet.

Die oben aufgeführten Gründe erklären, warum Luhmann Aufsehen erregt, wie ein verrückter Vogel die Soziologischen Fakultäten aufmischt, aber das kann nicht alles sein. Sonst könnte man es bei einem kurzen Schmunzeln, Achselzucken oder Abwinken bewenden lassen, es gäbe keinen Grund, sich ernsthaft in das monströse theoretische Werk einzuarbeiten. Ein weiterer wesentlicher Grund liegt, glaube ich, darin, dass er der gerechten Empörung der Gesellschaftskritik mit einem Habitus des kühlen Durchblicks begegnet. Es ist ja nicht so, dass er die Forderungen seiner gesellschaftskritischen Studenten um 1968 rundheraus abgewiesen hätte; damit hätte er sich kaum zum Intimfeind der damaligen Bewegung entwickeln können. Vielmehr hat er einige ihre Problemdefinitionen – die Wirtschaft provoziert maßlose Konsumbedürfnisse und sorgt für eine Ungleichverteilung von Reichtum und Armut, die Wissenschaft produziert Techniken ohne ökologische Rücksicht, Politiker sind nur an der Macht interessiert, die Massenmedien verbreiten Falschmeldungen und Ideologien – zunächst einmal angenommen, dann jedoch vorm Hintergrund der eigenen Überlegungen umformuliert und anders beantwortet. Zuerst: "Ja, ihr habt recht. Die Zustände sind bedrohlich!" Dann: "Wie kann man einem System sagen, wie es laufen soll?"

Als Luhmann 1969 zum Professor an der neuen Universität in Bielefeld ernannt wurde, war zumindest die westdeutsche Soziologie noch stark von den fundamental-kritischen Ansätzen der Kritischen Theorie Horkheimers und Adornos geprägt. Adornos Leitmotiv lautete ja bekanntlich, alle Bildung sei so zu gestalten, dass "Auschwitz nicht sich wiederhole", und das galt natürlich für die Wissenschaft von der Gesellschaft in besonderer Weise. Indes konnte man Adornos Paradigma in der Weise missverstehen: "Alles, was Auschwitz verhindert, ist gut", und damit noch die irrsten Formen von Protest und abweichendem Verhalten als wertvoll heroisieren. Luhmann würde es vielleicht so ausdrücken, Adorno habe als grundlegende Leitdifferenz seiner Weltbeobachtung das Schema: verhindert Auschwitz / ermöglicht Auschwitz gewählt und sich damit selbst in die problematische Lage gebracht, die eigene Teilhabe an der bundesrepubikanischen Ordnung leugnen und gleichzeitig den Protest zu grundsätzlich formulieren zu müssen.

Jürgen Habermas, damals Assistent unter Adorno, charakterisierte den "schwierigen, richtigen Weg (...) als eine Gradwanderung zwischen Indifferentismus, Überanpassung und politischer Apathie oder irrationalen Handlungsorientierungen auf der einen Seite, der Seite der Masse der Studenten, und Aktionismus, verselbständigter revolutionärer Dauerbereitschaft und theoretischer Übervereinfachung auf der anderen Seite, der einer kaum erwähnenswerten Gruppe von Studenten. Den Studentenführern auf dem Podium eine exemplarische rationale Verarbeitung der von ihm bezeichneten Konflikte und Gefahren bescheinigend, warnte er zum Schluß noch einmal vor dem Masochismus, durch Herausforderung die sublime Gewalt der Institutionen in manifeste Gewalt umzuwandeln." Auf einem Videofilm von der Institutsbesetzung sieht man den jungen Habermas mit eckiger Hornbrille und blondem Seitenscheitel inmitten der tobenden Studenten gegen seinen Rednerpult gelehnt und engagiert um einen rationalen Konsens bemüht. Das war allerdings schwierig, denn die Studenten verlangten unter anderem die Abschaffung aller Prüfungsleistungen und absolute Mehrheiten in allen Gremien, weil sie meinten, als künftige Elite der Industriegesellschaft über quasi grenzenlose Druckmittel zu verfügen. Da standen Habermas und Adorno vor der sensiblen Aufgabe, das teils verquere, teils größenwahnsinnige Weltbild einerseits zurechtzurücken, ohne die revolutionäre Motivation ihrer Studenten anzukratzen.

Gegenüber dem, aus Adornos Sicht, unbedachten, blinden Aktionismus der Studenten, wollte er sein Denken als eine besonders radikale Form von Praxis darstellen. So kam er in die Bredoullie, "vor allem, weil die Kinder,während sie gleichzeitig gegen die Autorität rebellieren, dann doch in einer fast rührenden Weise zu mir gelaufen kommen. Die Verantwortung ist arg groß, wenn einem der Widerspruch zwischen der Bewegung der Studenten und der objektiven Situation so bewusst ist wie mir." Indes verteilte Jürgen Habermas anlässlich der Besetzung des Soziologischen Seminars im Dezember 1968 ein Thesenpapier: "Zwischen Wissenschaft und Aktionsvorbereitung bestehen strukturelle Unterschiede, die eine klare institutionelle Trennung beider Bereiche erfordern", das höchstwahrscheinlich auch nicht alle erhitzten Gemüter zu beruhigen vermochte.

Ganz soviel Empathie mit der Situation und den Motiven der Studenten brachte Niklas Luhmann indes nicht auf.

Es dürften oft weniger die Inhalte gewesen sein, die seinen Unmut erregten, als der nicht selten auftrumpfend-dürftige Stil, mit dem von der ‚Gegenseite‘ reklamiert wurde, man habe die richtigen Lösungen, und daher müßten alle, die guten Sinnes seien, an dieser Stelle mitziehen. Während einer so strukturierten Diskussion in seiner Fakultät kam von ihm (wohl wieder) statt der eingeforderten Solidaritätserklärung irgendeine Heiterkeit erregende Bemerkung, die selbstverständlich Empörung auslöste und den Hinweis, über sowas mache man keine Witze. Luhmanns Replik war das von ihm später immer wieder stolz zitierte Bonmot: "Der Gag heiligt die Mittel"

Was Arno Frank in der taz über die Nerds schreibt: "Was auch immer ihnen im Leben begegnet, es wird gesammelt, inventarisiert und schließlich in einer eigentümlichen Ironie aufgelöst, die immer universell und milde, nie spezifisch oder ätzend daherkommt", lässt sich auch über Luhmann sagen. Allerdings ist Luhmanns Ironie mitunter durchaus ätzend. Er meckert gegen die in den 70er Jahren verbreitete Praxis, seine Vorlesungen zu stören und Appelle zu formulieren:

Appelle an den Redner oder Schreiber (...) sind leicht zu äußern, aber sie bleiben folgenlos, wenn sie die entgegenstehenden Gründe nicht berücksichtigen. Appellantentum scheint eine Art von Krankheit zu sein, deren typischer Verlauf inzwischen gut bekannt ist: Sie tritt in regelmäßigen sich wiederholenden Anfällen auf, die für den davon Befallenden recht schmerzhaft sein können, besonders weil er den Grund seiner Krankheit nicht kennt. Aber Appellantentum ist, obwohl verbreitet, zum Glück nicht ansteckend. Der Kranke isoliert sich selbst.

Nicht etwa, dass es keinen Grund zum Appellieren, Protestieren, Kritisieren etc. gäbe, ganz im Gegenteil: die Gefahren krasser Differenzen zwischen Arm und Reich, Umweltzerstörung und moderner Technologien sieht auch Luhmann. Die gesellschaftlichen Systeme, wie er sie sieht und beschreibt, sind keine freundlichen oder gar vernünftigen Systeme. Ihre einzige Rechtfertigung liegt darin, dass sie so und nicht anders existieren. Allerdings:

Vor allem die Unterscheidung von affirmativ und kritisch, die in Frankfurt so beliebt ist, verfehlt den Anschluß an das, was sich der Beobachtung bietet. Sie ist ein spezifischer Fall von Blindheit; denn sie schließt die Möglichkeit aus, dass das, was sich als Gesellschaft realisiert hat, zu den schlimmsten Befürchtungen Anlass gibt, aber nicht abgelehnt werden kann. Das gilt, wenn man die ins Extrem getriebene Autonomie und wechselseitige Abhängigkeit der Funktionssysteme, die gravierenden ökologischen Probleme, die Kurzfristigkeit der in Wirtschaft und Politik tragfähigen Perspektiven und vieles andere bedenkt.

Gleichwohl wehrt sich Luhmann explizit gegen die Vorwürfe, seine Systemtheorie sei etwa nicht kritisch. "Das ist die Frankfurter Darstellung." Seine Reaktion auf die gesellschaftskritischen Protestbewegungen lautet knapp zusammengefasst etwa: so einfach, wie ihr euch das vorstellt, funktioniert die Gesellschaft nicht. Es ist alles viel, viel komplizierter. Die Gesellschaft funktioniert vertrackter und komplexer als Ihr denkt! Kein Wunder, dass man ihn auf öffentlichen Veranstaltungen mit Mehl bewarf und ein Foto seines weißbestäupten Hauptes mit der spöttischen Bildunterschrift kommentierte: "Draußen vom Walde komm‘ ich her und muss euch sagen, es ist alles wieder sehr komplex heute."

Ich will es mit einem Gleichnis versuchen: Wenn ich mich Zuhause an meinen Schreibtisch setze und einen Brief an den Bundeskanzler schreibe, der etwa so klingt: "Lieber Herr Bundeskanzler, ich habe sie im Fernsehen gesehen und glaube, dass sie ein guter Mensch sind. Also möchte ich sie bitten, sorgen sie doch dafür, dass mehr Gerechtigkeit auf der Welt herrscht", diesen Brief dann abschicke und mich nach einer Woche darüber wundere, dass die Welt sich inzwischen nicht verändert hat, dann würde wohl jeder soziologisch halbwegs gebildete Mensch sagen: Kein Wunder, so einfach funktioniert es ja nicht. Als ob der Bundeskanzler einfach so die Welt verändern könnte. – der Gedanke ist doch naiv! Und so ungefähr sieht Luhmann die Gesellschaftskritik der 68er Studenten, der Protestbewegungen der 80er und 90er Jahre und sogar der Kritischen Theorie von Adorno und Habermas.

Sein Hauptargument gegen die Protestbewegungen lautet: ihre Forderungen seien überzogen und richteten sich an eine imaginäre Instanz, die nicht existiert. Es gibt keine Person mehr, die in der Lage wäre, den Kapitalismus abzuschaffen; auch Gregor Gysi oder Oskar Lafontaine vermögen dies nicht. Sogar George Bush ist nur eine Art Marionette, die durch Strukturen in ihrer Machtposition gehalten wird, die von keiner einzelnen Person kontrolliert werden. Wer also ist überhaupt dazu in der Lage, wirklich was zu ändern? Niemand, wenn man nicht an irgendwelche geheimen Superlogen wie die Illuminaten etc. glaubt. In vormodernen Zeiten war das noch anders: im Mittelalter stand der König als Repräsentant der Gesellschaft im Zentrum, symbolisierte mit seinem Hofstaat ein Modell fürs Ganze.

Heute scheitert selbst eine vergleichsweise konkrete und einfache Forderung wie "Schaltet die Atomkraft ab!" an strukturellen Verwicklungen, die kein einzelner Minister oder Bundeskanzler auflösen kann. Das ließ sich gut erkennen, als die erste rot-grüne Koalition an die Regierung kam. Fast sah es 1998 so aus, als könnte Umweltminister Jürgen Trittin einfach so per Beschluss die Atomkraft abschaffen; was nach zähen Verhandlungen am Ende bei rauskam, dreißig Jahre Restlaufzeit inklusiver hoher Abfindungen für die Betreiber, war alles andere als ein souveräner Ministerentscheid. Kurzum: es gibt keinen Adressaten, Protest und Appelle sind in den Wind gesprochen.

Das Zentrum soll sie hören und ihrem Protest Rechnung tragen. Da es aber in der modernen Gesellschaft kein gesamtgesellschaftliches Zentrum mehr gibt, findet man Protestbewegungen nur in Funktionssystemen, die Zentren ausbilden; vor allem im politischen System und, schwächer ausgeprägt, in zentralistisch ausgeprägten Religionen des Religionssystems. Gäbe es diese Zentrum / Peripherie-Differenz nicht, verlöre auch der Protest als Form seinen Sinn, denn es gäbe keine soziale (sondern nur noch eine sachliche oder zeitliche) Grenze zwischen Desiderat und Erfüllung.

Luhmann spricht von einem Komplexitätsgefälle zwischen sozialen Systemen und individuellen Bewusstsein. Was ist größer - der einzelne Mensch oder die Welt? Natürlich die Welt, doch darf sich dann ein Einzelner überhaupt das Recht herausnehmen, die ganze Welt zu kritisieren? Für die kritische Theorie Adornos war das prinzipiell möglich, weil ja das Subjekt als eine Art Spiegel der objektiven Wirklichkeit gedacht wird. In diesem Sinne ist eine vollständige Repräsentation der äußeren Wirklichkeit im subjektiven Bewusstsein zumindest potentiell möglich – und Adorno nahm ja für sich wohl auch in Anspruch, dieses besondere Bewusstsein zu besitzen. Eigenartigerweise kann Luhmann sowas gar nicht gut leiden. Er wird regelrecht bissig gegenüber Protestlern und Bürgerbewegungen:

Der Versuch, eine Grenze zu ziehen, um von der anderen Seite aus Gott und seine Schöpfung zu beobachten, galt in der alten Welt als Fall des Engels Satan. Der Beobachter muß sich ja, da er das Beobachtete und anderes sieht, für besser halten und damit Gott verfehlen. In der heutigen Welt ist dies Sache der Protesbewegungen.

Dieser Vergleich gefällt ihm so gut, dass er die ganze Passage fünfzehn Jahre später wörtlich in seinem Buch "Die Gesellschaft der Gesellschaft" wiederholt. Warum er so weit ausholt und Protestbewegungen mit dem Teufel in ein Boot setzt, sorgt - gerade bei ihm, dem sonst so nüchternen Wissenschaftler - für einige Verwunderung. Man hat doch manchmal den Eindruck, als hätten Luhmann und die Links-Alternativen ein recht persönliches Hühnchen miteinander zu rupfen. Walter Reese-Schäfer betont, dass für Luhmanns Abneigung gegenüber linken Bewegungen keine theorieimmanenten Gründe zu finden seien; es muss sich um eine reine Mentalitätssache handeln, vermutlich gabs in seinen Vorlesungen und Veranstaltungen in Bielefeld einfach zuviel Zoff.