Soziale Gerechtigkeit als Kommunikationsproblem
Bevor ihr Gesellschaftskritik übt, müsst ihr erst begreifen, wie die Gesellschaft überhaupt läuft. Und das ist gar nicht so einfach, denn die Gesellschaft ist hochkomplex und verschachtelt.
Denoch gibt Luhmann - und das macht ihn für die alternative Szene wieder interessant – der Kritischen Theorie und den Protestbewegungen einige grundsätzliche Problemdefintionen durchaus zu: Ja, es gibt Grund zur Sorge, die Gesellschaft entwickelt sich in vielerlei Hinsicht besorgniserregend. Wir sollten in die Lage kommen, korrigierend Einfluss zu nehmen. "Das Problem ist jedoch, dass man von einer Kritik der Zustände nicht zu einem rationalen Konzept für Änderungen kommt." Ergo, so er sinngemäß etwa weiter, bevor ihr Gesellschaftskritik übt, müsst ihr erst begreifen, wie die Gesellschaft überhaupt läuft. Und das ist gar nicht so einfach, denn die Gesellschaft ist hochkomplex und verschachtelt. Meine Systemtheorie ist heute die in dieser Hinsicht am weitesten entwickelte Theorie. Sie ist größer und stärker und leistungsfähiger als jede andere Theorie vor ihr. Mit ihr können wir genau analysieren, wie die Gesellschaft funktioniert, damit wir Probleme gezielt angehen, Verbesserungen effektiv erreichen können.
Beispielsweise ist die Diskussion, die ich mit Jürgen Habermas Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre hatte, unter einem Titel veröffentlicht worden, den Habermas gewählt hat, was ich geschehen habe lassen, weil ich dachte, das hat sowieso keine große Bedeutung: Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie? Man stellte sich eine Theorie der Gesellschaft mit gewissen ideologischen Vorprägungen vor; sie sollte alles Technische, Systemhafte und dergleichen ausklammern. (...) Eine der Absichten dieser Vorlesung ist, das zu widerlegen und zu zeigen, dass wir seriös und mit kontrollierten Vormeinungen oder kontrollierten Begriffsentscheidungen, die vorgeführt werden und kritikfähig sind, eine Gesellschaftstheorie bearbeiten können.
Luhmann begegnet der gerechten Empörung der 68er mit dem Habitus eines kühlen Durchblicks auf grundsätzliche Strukturen und Mechanismen gesellschaftlicher Systeme. Darauf könnte dann, so Luhmanns Utopie, wiederum eine neue, fortgeschrittene Gesellschaftskritik, sozusagen auf einem höheren Komplexitätsniveau, aufbauen – und damit freilich größere Erfolgaussichten einhergehen. Soweit das Versprechen. Wie gut er es tatsächlich einlöst, ist allerdings eine andere Frage. Praktisch läuft es freilich nicht auf eine Planskizze der optimal eingerichtete Gesellschaft hinaus.
Ich glaube nicht, dass man mit Hilfe von Systemtheorie eine Parallelentwicklung machen kann, das heißt zu Ergebnissen kommen kann, die festlegen, wie die Gesellschaft eigentlich sein müsste. Denn das ist eigentlich viel zu leicht zu sagen, man braucht einfach nur Wunschlisten zusammenzustellen oder negative Erfahrungen zu streichen, um zu Ergebnissen zu kommen, wie wir die Gesellschaft, eine menschliche Gesellschaft oder wie immer, haben möchten.
Ganz im Gegenteil: Luhmanns Argumentationsstil läuft meistens so, dass er zuerst eine Problemdefinition aus den öffentlichen Diskursen aufgreift, diese dann für sein theoretisches Konzept entsprechend umformuliert, ein paar Risiken, Dynamiken oder mögliche Entwicklungslinien für die Zukunft skizziert, um dann abrupt abzubrechen – und nüchtern festzustellen: das alles habe doch eh keinen Sinn, die Gesellschaft entwickle sich evolutionär, nach ihren eigenen, unvorhersehbaren Regeln oder überhaupt zufällig. Jede Prognose sei reine Spekulation und jeder Versuch gezielter Einflussnahme könne ebensogut nach hinten losgehen und das genaue Gegenteil der beabsichtigten Wirkung erreichen. Alle Apelle und Forderungen müssen mit den Zwängen und der Eigendynamik der Systeme rechnen; sonst werden sie eindimensional und fahren gegen die Wand. Das könnte man "Abwimmeln" nennen, wenn man es negativ sieht, oder als eine Art "Feuerprobe" für die Kritik. Die Standpunkte der Weltverbesserer sollen erstmal durch das Feuer der Systemtheorie gehen, sozusagen auf ihre Komplexitätstauglichkeit geprüft werden, bevor sie ernsthaft in der Öffentlichkeit auftreten dürfen.
Peter Sloterdijk knüpft daran seine Interpretation von Luhmann als einem Anwalt des Teufels, der gegen die gutgemeinten Appelle der Weltverbesserer die Eigendynamik der Gesellschaft und die Systemzwänge ins Feld führt, nicht um ihre Ambitionen zu zerstören, sondern um an ihrer Verbesserung mitzuwirken, um sie zu stählern.
Es ist der Teufel, der stets aus gutem Grund beweisen will, dass potentielle Heilige keine wirklichen Heiligen waren – ein Interesse, das seinerseits nicht der Ironie entbehrt, weil der Agent der Hölle mit seinen Negationen letztlich stets das Spiel der anderen Seite macht, zumal es ihm verboten ist, den Prozeß selbst ad absurdum zu führen – wobei mit den scheinbaren auch die wirklichen Heiligen verschwänden.
Später, nach seiner sogenannten autopoietischen Wende, die 1984 "einem Paukenschlag gleich in Erscheinung trat", neigte Luhmann mehr und mehr zu einem kruden Mystizismus, die autopoietische Reproduktion der gesellschaftlichen Systeme wie einen abstrakten, kybernetischen Gott zu beschwören. Autopoiesis, autopoiesis oohm oohm oohm. Mitunter scheint sich Luhmann selbst nicht ganz sicher zu sein, was seine Theorie eigentlich bringen soll.
Der Journalist Wolfgang Hagen fragt ihn in einem Radio-Interview direkt: "Sie meinen, eine präzisere Beschreibung dieser (gesellschaftlichen) Systeme würde helfen oder würde die Fatalität des Gesamtzusammenhangs zeigen?"
Und Luhmann antwortet: "Eher letzteres, aber das kann natürlich auch helfen, einerseits sozusagen unnötige Aufregung einzusparen (...) Andererseits aber auch präzisere Vorstellungen über das, was man dann trotzdem noch ändern kann und wo man ansetzen muss doch zu ermöglichen."
Offensichtlich gerät Luhmann ins Schwimmen. Er ist also ambivalent: Gesellschaftskritik – ja bitte. Aber naiv sollte sie nicht sein. Und natürlich ein realistisches Augenmaß bewahren, was möglich ist und was unmöglich ist. Wer wollte da noch ernsthaft widersprechen? Die Frage lautet mithin: ob Luhmann diesen Punkt wirklich trifft – zwischen praktischem Realismus oder heiterem Nihilismus, zwischen kühlem Kopf oder Gleichgültigkeit, nützlicher Analyse oder unnützer Glorifizierung des Zufalls? Lässt sich Luhmanns Theorie lesen als ein großartiger Versuch, den Menschen in eine bessere Lage mit einer gewissen Kontrolle über die "Welt aus den Fugen" zu verhelfen – etwa indem Systemgesetze beschrieben werden, die man kennen muss, wenn man ihnen nicht auf den Leim gehen will?
Oder handelt es sich doch eher um einen dunklen Mythos, in dem die Eigengesetzlichkeit der Gesellschaft über das Bewusstsein der Subjekte siegt – und ist dann sein abstrakt abgekühlter Sound nicht doch nur eine Attitüde, hinter der nichts steckt, außer vielleicht ein gewisses Vergnügen, Leute mit weltverbessererischen Ambitionen zu ärgern. Er sagt: "Wenn ich Habermas provozieren will, dann läuft das immer über eine moralische Unterkühlung." Fast sieht man ihn verschmitzt Schmunzeln (das typische Luhmann-Schmunzeln!), sich diebisch in sich hinein freuen. Luhmann "irritiert in der deutschen, speziell auch gerade in der Frankfurter Wissenschaftslandschaft diese Humorlosigkeit, dieses sozusagen direkte Verhältnis zu den Dingen, dieses Dafür-oder-Dagegen." –
Gleichwohl hält Luhmann Gesellschaftskritik weder für unsinnig noch für überflüssig: "Bei allen Vorbehalten gegenüber der blasierten Selbstgerechtigkeit der Alternativbewegung, ist sie doch der einzige bisher wirksame Versuch, die Gesellschaft nicht mehr bloß vom Kapitalismus her zu sehen, sondern in bezug auf die Tatsache, dass manche für ein lebbares Risiko halten, was für andere eine Gefahr ist." – es scheint allerdings so, als ob er sich selbst noch nicht sicher sei, wie wann und wo sie eigentlich erfolgen kann? Aus dieser Warte gesehen, wäre eine Systemtheorie der Gesellschaft, wenn sie denn gut ist und funktioniert, durchaus ein Gewinn: gerechte Empörung versus kühler Durchblick. Zumindest sollte sie bei der Klärung der folgenden Dilemma beitragen:
- Warum muss die Wirtschaft laufend neue Konsumbedürfnisse forcieren, anstatt sich einfach mit dem Erhalt des erreichten Wohlstands zufrieden zu geben?
- Warum führt steigender gesamtgesellschaftlicher Wohlstand zur Vergrößerung der Kluft zwischen Arm und Reich, anstatt alle Menschen zu ernähren?
- Warum wird jeder Politiker, der ehrlich anfängt, mit zunehmender Macht fast automatisch korrupt, anstatt die Verhältnisse zu beeinflussen?
- Warum haben wir den Verdacht, dass die Massenmedien Nachrichten einseitig auswählen, manche wichtige Meldungen ignorieren und andere ständig wiederholen?
- Warum glauben wir, dass uns die Massenmedien ein einseitig verzerrtes Bild der Welt vermitteln und damit eine implizite Ideologie verbreiten?
Es wäre ja nicht uninteressant, neben den einzelnen Fallgeschichten und Anekdoten, die gewiss jedem von uns zur Illustration der aufgeführten Thesen einfallen, auch ein paar Thesen über die strukturellen Verhältnisse zu haben, die dem zugrunde liegen. Fragen, die eine Systemtheorie der Gesellschaft oder Theorie Gesellschaftlicher Systeme wohl beantworten können müsste. Vor allem darf sie in zwei Fallen nicht gehen: zum einen darf sie keine historische Zwangsläufigkeit postulieren, etwa: alle Tendenzen laufen auf die Klassenlose Gesellschaft oder die Herrschaft der Konzerne hinaus, zum anderen darf sie aber auch nicht unverbindlich werden: überall herrscht Chaos, alles ist möglich.