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Ideologiekritik versus Funktionalismus

erstellt von Thomas Nöske zuletzt verändert: 10.06.2007 13:30

Würde man sein Gesamtwerk nicht als Wissenschaft, sondern als Poesie lesen, dann würde ich sagen: es sind Reflexionen eines Menschen, der sich durch einen verstrickten, kafkaesken Apparat schlagen muss – und in dieser Auseinandersetzung die eigene Selbständigkeit gewinnen möchte.

Die Gesellschaft kann unterschiedlich irritierend, schmerzhaft, bedrohlich oder aber auch halt- und sicherheitsgebend erfahren werden. Für Hannah Arendt, Theodor W. Adorno und die anderen Vertreter der Kritischen Theorie bestand die Erfahrung vor allem in der Flucht vor den Nazis. Kein Wunder, dass ihre Soziologie vor allem Fragen der Gleichschaltung, Verantwortung und Autonomie behandelte. Ohne diese Schockerfahrung mit dem Regime, so heißt es, wären aus ihnen nur ganz gewöhnliche, langweilige Feuilleton-Autoren und Fachphilosophen geworden.

Niklas Luhmann gehört zu einer späteren Generation, er erlebte das Kriegsende als gerade 18jähriger; sein Vater, ein großbürgerlicher Unternehmer, hatte bereits 1933 Ärger mit den Nazis und verhielt sich danach vorsichtig. Damals war sein Sohn Niklas also erst sechs Jahre alt. Er erzählt:

"Denken Sie doch mal an die Situation 1945, wie man sie als 17jähriger erlebt: Vorher schien alles in Ordnung zu sein und hinterher schien alles in Ordnung zu sein, alles war anders und alles war dasselbe. Man hatte vorher seine Probleme mit dem Regime und hinterher war es nicht so, wie es man sich erwartet hatte. (...) Vor 1945 hatte man doch gehofft, dass nach dem Wegfall des Zwangsapparates alles von selbst in Ordnung sein würde. Das erste jedoch, was ich in der amerikanischen Gefangenschaft erlebte, war, dass man mir meine Uhr vom Arm nahm und dass ich geprügelt wurde. Es war also überhaupt nicht so, wie ich vorher gedacht hatte. Und man sah dann bald auch, dass der Vergleich von politischen Regime nicht auf der Achse "gut / böse" verlaufen konnte, sondern dass man die Figuren in ihrer begrenzten Wirklichkeit beurteilen muß. Ich will damit natürlich nicht sagen, dass ich die Nazi-Epoche und die Zeit nach 1945 als gleichwertig betrachte. Aber ich war nach 1945 einfach enttäuscht. Aber ob das wirklich wichtig ist? Auf jeden Fall ist die Erfahrung mit dem Nazi-Regime für mich keine moralische gewesen, sondern eher eine Erfahrung des Willkürlichen, der Macht, der Ausweich-Taktiken des kleinen Mannes."

Luhmann ist durch die Konfrontation mit dem Nazi-Regime, dem Stalinismus und im amerikanischen Gefangenenlager gegenüber ideologisch aufgeladenen Begriffen wie "Gerechtigkeit" oder "Freiheit" immunisiert; stattdessen widmet er sich funktionalen Analysen der Systeme, von denen er abhängt. Er schildert somit eine subjektiv existentielle Situation, in der man zur Systemtheorie kommen kann; als kleiner Mensch eingeklemmt zwischen übermächtigen Systeme, die man irgendwie berechnen können muss, will man mit dem eigenen Handeln noch eine Chance haben. Man muss mit den anonymen, fremdem Systemregeln kalkulieren, wenn man durchkommen will. Zwar produzieren und benutzen die Systeme auch Ideologien, um ihren Zwang zu kaschieren oder durch vorgeschobene Gründe zu legitimieren, doch wird dem Systemzwang durch Ideologiekritik nicht widersprochen noch wird er gelöst. Eher ist die Ideologie ein schmückendes Beiwerk, aber nicht von zentraler Bedeutung. Das eigene Überleben hängt nicht an der Ideologiekritik, sondern an der funktionalen Analyse.

Folglich setzt Luhmann an anderer Stelle an: anstatt verschiedene Systeme anhand ihrer impliziten oder vorgeschobenen Ideologie zu beurteilen, betrachtet er sie alle gleichermaßen als anonyme, eigengesetzliche Gebilde, denen der einzelne Mensch so oder so fremd gegenübersteht. Die Frage lautet also nicht: welche Systeme sind für unsere Bedürfnisse und Neigungen am besten, sondern wie können wir uns mit ihnen arrangieren und halten sie uns darüber hinaus vom Hals? Zu diesem Zweck lässt sich Luhmans gewaltiger Theorieapparat tatsächlich mit Gewinn studieren. Seine Lektüre ist eine andauernde Übung des Nachdenkens über Perspektiven, Informationen, Systemzwänge, Alternativen, Codierungen, Kopplungen und Abhängigkeiten. Würde man sein Gesamtwerk nicht als Wissenschaft, sondern als Poesie lesen, dann würde ich sagen: es sind Reflexionen eines Menschen, der sich durch einen verstrickten, kafkaesken Apparat schlagen muss – und in dieser Auseinandersetzung die eigene Selbständigkeit gewinnen möchte. Luhmanns Welt, das ist unter anderem auch ein hochabstraktes Abchecken, welches System über welche Informationen verfügt, nach welchem Code es sie bewertet und wozu es sie benutzen kann: "Wissen die Amerikaner, dass mein Vater großbürgerlicher Unternehmer war – und wenn ja, wie werden sie diesen Umstand bewerten?" - wie diese Systeme untereinander interagieren und zusammenspielen, wie sie sich beeinflussen, gegenseitig Grenzen stecken. – "Erhalten die Amerikaner Informationen von den Nazis, durch die sie Mitglieder des Regimes von Kritikern trennen und unterschiedlich gut behandeln?" - wie die Systeme Informationen auswählen und bewerten, speichern und intern weiter verarbeiten. – "Könnten die Amerikaner ein Interesse daran haben, mich in ihren Sektor zu transportieren und nicht im russischen zu belassen? Wie kann ich das befördern" – wie diese Systeme das Individuum bedrohen, gefangennehmen oder laufen lassen.

Nun möchte ich die biographische Perspektive nicht übermäßig strapazieren. Doch kann eine biographische Betrachtung beim Verständnis und der Einordnung helfen: man sieht, was damals eigentlich der Anlass für die Theorie war und auf welche äußeren Bedrohungen sie eine Antwort darstellen wollte. – im Falle Luhmanns finde ich offensichtlich, dass eine existentielle Abhängigkeit des Jungens von wahrlich übermächtigen Systemen, die zudem sehr unterschiedliche Ideologien (die Nazis, Russen und Amerikaner) verkörperten, zueinander in Konkurrenz standen, gegen Kriegsende aber aufeinander trafen und gewiss chaotische Interaktionen produzierten.

Nach dem Krieg studiert er zunächst Jura und wird hoher Beamter in der Verwaltung. Er zeigt einen guten Instinkt dafür, welchen Positionen an welchen Ämtern ihm welche Freiheiten lassen. Die Entscheidung, ob er lieber als freiberuflicher Anwalt in eine Kanzlei arbeiten soll oder als Beamter in der Verwaltung, fällt er nach abstrakten Prämissen, die später in seiner Systemtheorie wiederkehren:

"Usprünglich wollte ich Anwalt werden, aber als ich in einer Anwaltspraxis tatsächlich als Referendar als Aushilfe gearbeitet habe, sah ich dann, dass das doch nicht ganz mein Fall war. Also man hatte die Abhängigkeiten von den Klienten, natürlich, und den Grundbesitzern aus der Umgebung der Stadt, die da mit nach Fett riechenden Stiefeln in die Praxis kamen ... Das war also nicht das, was ich eigentlich gedacht hatte. Und dann hatte ich mir vorgestellt, die Unabhängigkeit wäre sehr viel größer, wenn man nur einen Vorgesetzten hat. Ja, dann bin ich halt in die öffentliche Verwaltung gegangen."

Luhmanns systemtheoretisches Ergebnis ist zumindest insofern überraschend, da gemeinhin Freiheit oder Unabhängigkeit ja gerade mit der freien Wirtschafts assoziiert wird, nicht mit Jobs in der staatlichen Verwaltung. Aber Luhmanns Analyse verhält sich indifferent gegenüber dem großbürgerlichen Ideal des freien, selbständigen Unternehmers und setzt eher systemfunktional an: es ist immer besser, nur einen Chef zu haben, als viele Chefs, wobei er eben auch die Kunden funktional zu den Chefs zählt. Seine so gewonnenen Freiheiten nutzt Luhmann, indem er sich vor und neben der Arbeit geisteswissenschaftlich weiterbildet. Allerdings stößt er auch hier an Grenzen:

"Es war zunächst mal das Problem, dass der Beruf im Kultusministerium mich zunehmend in Anspruch nahm, weil dann auch politische Anforderungen hinzukamen. Man musste dann plötzlich Abends irgendetwas machen. Ich meine, ich konnte nicht immer beides nebenher laufen lassen, mit dem Schnitt um 17 Uhr, sozusagen. (...) Ich werde nie ein ordentlicher Beamter, wenn ich mich also nicht auf einem Feuerwehrfest betrinke. Und dann habe ich eben gesagt, ich lese Hölderlin, das müsste ja eigentlich ..., aber das hat nicht überzeugt. Das war alles unklar. Ich wurde Oberregierungsrat, aber die Beförderung wurde blockiert."

Einige Jahre später ist er Professor an der Bielefelder Universität und arbeitet exzessiv an seiner Supertheorie. Er liest auf den Sitzungen der Hochschulgremien demonstrativ Zeitung, weil er sie für Zeitverschwendung hält – und seine Mission eine andere ist. Sein Projekt, eine einzige Supertheorie zur Erklärung der Welt zu verfassen, erfordert natürlich soviel Zeit, dass für Politik nichts übrig bleibt. Seine demonstrativ unpolitische Haltung, zu den aktuellen Problemen der Gegenwart wie Arbeitslosigkeit oder Sozialstaat partout keine konkrete Meinung äußern zu wollen, wurde oft als Bekenntnis zur wissenschaftlichen Neutralität verstanden; ich meine darüber hinaus, dass es auch ein Bekenntnis zur eigenen Theorieproduktion ist. Freiheit bedeutet für Luhmann, genug Ruhe zu haben, um an der eigenen Supertheorie weiter arbeiten zu dürfen. Da kann er sich nicht um Politik kümmern. Darin liegt ein Zirkelschluss: seine Theorie soll ihm Distanz zu den Sozialen Systemen verschaffen, und er nutzt die gewonnene Unabhängigkeit widerrum zur Theorieproduktion. Sie scheint mithin einem gewissen Selbstzweck zu genügen, was sie erneut näher an die Kunst als an die Wissenschaft rückt; denn das reine Bedürfnis zur Produktion, um ihrer selbst willen, und nicht im Hinblick aufs Ergebnis, sagt man doch eher dem Künstler nach als dem Wissenschaftler; jedenfalls glaube ich, dass der Grund für Luhmanns Zurückhaltung gegenüber konkreten politischen Fragen weniger im Postulat der Neutralität der Wissenschaften oder im Glauben an eine Fatalität des Weltlaufs liegt, sondern schlicht darin, dass die Theorieproduktion für ihn die oberste Priorität hat – und weiterführende oder konkretere Fragen dabei eher stören. Sie würden ihm wertvolle Zeit stehlen, könnten allerdings auch dem Image schaden: eine Supertheorie darf keine weltanschaulichen Präferenzen verraten, sonst wirkt sie unglaubwürdig – und es könnten nicht Hinz und Kunz ihre Erwartungen auf sie projizieren.

Ich denke, wenn wir nach der subjektiven Motivation für die Schöpfung einer soziologischen Theorie fragen – und dann zum Beispiel für Adorno konstatieren: "Auschwitz darf sich nicht wiederholen" oder für Hannah Arendt: "Man muss sich als ganzer Mensch in die politische Welt einbringen!" – dann könnte Luhmanns Motiv vielleicht lauten: "Haltet euch die Systeme vom Leib und macht Euer eigenes Ding!" Man kann das als typische Haltung der 50er Jahre Nachkriegsgeneration kritisieren, als "Rückzug ins Private", wie es etwa Anette Treibel in ihrem Luhmann-Artikel macht; man könnte es aber auch als eine Haltung vornehmer Distanz verstehen, wie sie Georg Simmel etwa bei Friedrich Nietzsche entdeckte, als "einerseits den Ausschluß des Verwechseltwerdens, des sich gemeinmachens; andererseits (der) stolzen Ablehnung jeder Vergleichung überhaupt." Oder auch William S. Burroughs, der bekanntlich sagte: "Jeder kümmere sich um den eigenen Kram!"

So oder so lässt sich die Theorie als ein Versuch verstehen, dem Individuum gegenüber den sozialen Systemen eine gewisse Autonomie einzuräumen, genauer gesagt: dem Individuum mit den Sätzen zur Systemanalyse geeignetes Werkzeug zu geben, damit es sich gegenüber der Gesellschaft freier bewegen lernt; die Systeme sollen in ihrer eigendynamischen Unberechenbarkeit etwas berechenbarer gemacht werden, damit das Individuum sozusagen den Systemen geben kann, was für die Systeme ist, und darüber hinaus seine Ruhe hat. Luhmann nennt das "Exklusionsindividualität", eine Individualität sozusagen nicht innerhalb, sondern außerhalb der Gesellschaft. Wenn man getan hat, was getan werden muss, also nach 17 Uhr sozusagen, kann man den Systemen den Rücken kehren und endlich den wirklich eigenen Angelegenheiten nachgehen. Die Freiheit, von der Luhmann spricht, ähnelt ein bisschen der negativen Freiheit Schopenhauers, Nietzsches und William S. Burroughs, die alle drei über eine monatliche Rente verfügten und so auf maximale Distanz zur Gesellschaft und ihren Erwartungen gehen konnten. Ihre Werke lesen sich in jeder Hinsicht strikt nonkonformistisch und radikal individualistisch, aber auch fern jeglicher Alltagspraxis und jedem Nutzen im praktischen Leben. So weit würde ich bei Luhmann nicht gehen, ich meine allerdings, dass sich die Standpunkte insofern gleichen, da es auch Luhmann vor allem um die Produktion einer möglichst eigenen, unabhängigen Theorie geht, die von nichts und niemand für sich in Anspruch genommen werden soll, die ihn zugleich befähigt, zu seiner gesellschaftlichen Umwelt auf eine maximale Distanz zu gehen und sich nur noch "um den eigenen Kram" zu kümmern.