Faszination, Gefahr oder Unverständnis
Bevor ich tiefer in die Auseinandersetzung mit Luhmanns Theorie einsteige, erscheint es mir sinnvoll, die Frage zu klären: Was ist eigentlich so faszinierend an dem Mann? Warum scheiden sich die Geister nach wie vor – über zwanzig Jahre nach Erscheinen seines ersten Hauptwerks: "Soziale Systeme" - so krass in Jünger, die seine Hypothesen ehrfürchtig wie Gesetze rezitieren, und Gegner, die ihm keine drei Schritte weit über den Weg trauen?
Warum wird er von manchen in eine Reihe mit Gallileo, Darwin und Freud gestellt und als der Hegel des 20sten Jahrhunderts bezeichnet, während ihn andere für einen durchgeknallten Spinner halten und noch andere ihn gar für gefährlich? Diese Fragen möchte ich vorab klären, damit sie uns später nicht mehr Hinterkopf herumspuken und ich mich in Ruhe den eigentlich inhaltlichen Dingen widmen kann. Außerdem sollten wir ungefähr wissen, ob sich die Mühe überhaupt lohnt und was uns erwartet.
Noch kann ich nicht sagen, ob sich die Mühe lohnt; das sehe ich erst, wenn ich mit Luhmanns Theorie vertraut geworden bin. Bisher bin ich bloß neugierig geworden, und mich interessiert, woher diese Neugier kommt: beruht sie auf einer sachlichen Substanz, kann sie befriedigt werden? - Rein logisch gibt es immer drei Möglichkeiten, sich Dingen gegenüber zu verhalten, nämlich: positiv, negativ oder gleichgültig. Entweder man ist dafür oder man ist dagegen oder es ist einem egal. Im Fall von Luhmann erscheinen mir alle drei Varianten in jeweils extremer Ausprägung vorzukommen, also in Gestalt von euphorischer Begeisterung und grundsätzlicher Dämonisierung, sowie völligem Unverständnis. Das erweckt zumindest Aufmerksamkeit, denn: faszinierend, gefährlich, bekloppt – das sind die drei typischen Attribute, die Genies und Verrückten, Heiligen und Verführern gleichermaßen zugeschrieben werden. Wenn eine Person, ein Werk mit den polaren Extrembegriffen dieser Dreifaltigkeit beschrieben wird, sorgt das gewiss für ein erstes Interesse: man spürt seine difuse Aura, die extremen Reaktionen, die sie auslöst, und möchte wissen, was dahinter steckt. Und ganz gewiss gehört Luhmann nicht zu den Leuten, die sich nicht für die eigene Legendenbildung interessiert haben. Allerdings dürfte es kaum sein Ziel gewesen sein, als schräger Vogel in die Geschichte einzugehen. Die drei Attribute wecken zwar Aufmerksamkeit, sagen aber noch nichts über den Inhalt, auf den sie verweisen. Möglicherweise findet man nicht das, was man vermutet hat, oder man findet gar nichts und ist enttäuscht. Es steht noch offen, ob Luhmann die Neugier wirklich auch wert ist, die er weckt, oder ob es sich bei ihm bloß um einen Schaumschläger handelt.
Darüber hinaus existiert noch eine vierte Haltung: das skeptische Interesse. Gegenüber den anderen drei Haltungen ist sie die produktivste, weil sie als einzige eine aktive Auseinandersetzung befördert; während die anderen drei ja eher statische Verhaltensformen – überzeugtes Nachbeten, penetranterer Widerspruch und grinsendes Achselzucken – hervorrufen. Freilich stellt die Haltung des skeptischen Interesses noch lange keine Garantie dafür dar, dass die Ergebnisse auch wirklich befriedigen. Als einen heuristischen Nutzen bezeichnet man einen Erkenntnis-Gewinn, der sich aus der Beschäftigung mit einem großen, aber missglückten Projekt ergibt; aus Fehlern wird man klug: man lernt, indem man lernt, wie man es nicht macht. Luhmanns Hauptverdienst könnte von dieser Sorte sein: man analysiert, warum seine Theorie auf die gesellschaftliche Realität nicht zutrifft, und erfährt auf diesem Weg indirekt eine ganze Menge über die Realität. Das ist nicht das Schlechteste, viele Soziologen leisten weniger. So oder so gibt es Anzeichen, dass sich die Mühe der Auseinandersetzung lohnen könnte.
Indizien gleichen eher Spuren, denen man folgen kann; das und das könnte vielleicht interessant sein; während Beweise ihre Relevanz auf der Stirn tragen: das musst Du wissen! Das Indiz ist freilich schwächer als der Beweis. Doch es ist es deutlich stärker als die blosse Vermutung. Das Indiz enthält einen Ansatz, den man weiter entwickeln, es zeigt eine Richtung, in die man weiter suchen, und es präsentiert Gedanken, die man weiter entfalten kann. Anders als der Beweis vermittelt das Indiz keine hundertprozentige Sicherheit - wo gibts die schon noch in unserer Welt - sondern es vermittelt nur ein paar grobe Anhaltspunkte zur Orientierung. Ein bisschen nach rechts gucken, ein bisschen nach links gehen, und dabei immer auf der Spur, um das Bild zu schärfen. Eine Vermutung kann nur bestätigt werden oder sich verflüchtigen, in beiden Fällen blieben Form und Inhalt jedoch gleich; Indizien dagegen werden plastischer, griffiger, wenn man ihnen nachgeht, sie gewinnen an Plastizität und Transparenz, zeigen feinere Konturen und mehrdimensionale Tiefe. Unsere Wirklichkeit besteht vor allem aus Indizien, nicht aus Beweisen, damit wir uns in ihr bewegen, neugierig sein, weiter suchen und weiter forschen können.
Bezogen auf Luhmann und seine teils eigenartig verehrte, teils höchst umstrittene Supertheorie stelle ich also die Frage: was hat sie uns wirklich zu sagen? – und dieses Wörtchen "wirklich" meine ich wirklich ernst. Es soll meine Suchbewegung und Erforschung in zwei Richtungen eingrenzen. Zum einen heißt "wirklich": was von dem vielen komplizierten, abstraktem Geschwätz aus der Masse seiner Bücher ist so klar und konkret, dass man damit überhaupt was anfangen kann? Und was ist nur verwirrend, wichtigtuerisch, ein um sich Werfen mit schillernden Terminie, die bei genauerem Hinsehen als heiße Luft sich entpuppen? Zum zweiten bedeutet das Wörtchen "wirklich": was hilft uns wirklich weiter? Was taugt zum besseren Verständnis einer modernen Gesellschaft, die aus dem Ruder läuft und ihre eigenen, strukturell laufend selbst erzeugten Katastrophen, wie Armut, Krieg und Umweltzerstörung, nicht mehr in den Griff bekommt? Was enthält Perspektiven für eine bessere, vielleicht sogar utopische Welt – oder wenigstens dafür, wie Jürgen Habermas es sagt, "dass sie nicht noch idiotischer wird"?