Emanzipation versus Autopoiesis
Da er alle gesellschaftlichen Prozesse als eigenständige Systemprozesse versteht, die mehr oder weniger unabhängig von subjektiven Interessen laufen, kommt seine Theorie praktisch auch ohne Menschen aus; die Sozialen Systeme gehorchen ihren eigenen Regeln.
In Luhmanns Theorie haben psychoanalytische oder emanzipatorische Begriffe wie "Ich-Stärke", "Ich-Integrität" oder "Ich-Identität" keinen Platz, da schon der konzeptionelle Ansatz seiner Theorie die Vorstellung des ganzen Menschen ausschließt. Das liegt daran, weil der ganze Mensch bereits unter den unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen aufgeteilt ist und somit nur noch fragmentiert in Erscheinung tritt: als biologischer Organismus in der Medizin, als Geistes und Seelenwesen in der Psychologie, als soziales Wesen und Träger von Rollen in der Soziologie etc. "Die Konsequenz (...) ist, meines Erachtens nach, dass man von verschiedenen emergenten Ebenen des Ordnungsaufbaus der Realität ausgehen muss, die den Menschen sozusagen durchschneiden." Luhmann zieht daraus die Folgerung, den Menschen soziologisch nur noch insofern zu berücksichtigen, als er an Prozessen der Kommunikation beteiligt ist, also eigentlich nur als Randphänomen gesellschaftlicher Eigendynamik, als jemand der kauft, wählt, vor Gericht klagt, zum Arzt geht, in Konferenzen sitzt oder in Schulen lehrt, kurzum: als Agent verschiedener Systemzwänge, als "bloßes Betriebsmittel kommunikativer Autopoiesis" (Uwe Schimank) an der Fortsetzung der anonymen Prozesse eigenständiger Sozialer Systeme mitwirkt.
Fragen nach der Freiheit des Individuums in der Gesellschaft, wie sie ja für Adorno oder Hannah Arendt im Zentrum der Forschung standen, stellen sich für Luhmann im Rahmen seiner Theorie gar nicht. Da er alle gesellschaftlichen Prozesse als eigenständige Systemprozesse versteht, die mehr oder weniger unabhängig von subjektiven Interessen laufen, kommt seine Theorie praktisch auch ohne Menschen aus; die Sozialen Systeme gehorchen ihren eigenen Regeln. Rein theoretisch hat das durchaus seinen Reiz, weil die Psyche, das Bewusstsein in dieser Konzeption prinzipiell nicht gesellschaftlich determiniert sein können. Der Mensch ist nicht Teil, sondern gehört zur Umwelt der Gesellschaft. Er kann sich in die Gesellschaftlichen Prozesse, die auch ohne ihn laufen, ein- und wieder ausklinken. Die Gesellschaft muss ihn nicht mehr als nötig tangieren. Aufgrund der hohen Komplexität seines Bewusstseins ist er sowieso genötigt, sämtliche Informationen nach eigenen Mustern zu verarbeiten, und aufgrund der strukturellen Autonomie seines Gehirns all seine Gedanken aus sich selbst heraus zu produzieren.
Luhmann bezieht sich auf Ergebnisse der Gehirnforschung. Seine Überlegungen lauten etwa so: die Sinnesorgane des menschlichen Körpers bestehen aus Sensoren, die auf Bewegungen, Farben, Licht-Dunkel-Kontraste... reagieren und bei Reizung elektrische Impulse durch die Nervenbahnen ins Gehirn feuern. Was schließlich im Gehirn als Information ankommt, sind Unterschiede zwischen den elektrischen Spannungen und Entladungen. Die Wahrnehmungsreize (Farben, Formen, Geräusche etc.) gelangen also nicht direkt in unser Bewusstsein, sondern werden vorher in "neuroelektrische Erregungszustände" umcodiert, die an die Bits der Computersprache erinnern. Das Gehirn kann noch nicht einmal erkennen, welche Impulse durch das Auge, Ohr oder die Nase ausgelöst wurden, sondern interpretiert sie als gesehen, gehört, gerochen ..., je nachdem, in welcher Hirnzone sie landen. Darum bleibt es prinzipell möglich, Geräusche zu sehen oder Gerüche zu fühlen. "So weiß der Haschischesser, (...) was es heißt, vom Salzfeuer verbrannt zu werden." (Ludlow, zit. in: A. Kupfer) Das Gehirn entscheidet sozusagen selbständig, ob es einen Impuls als gehörte oder gesehene Wahrnehmung dechiffriert.
Der Gehirnforscher Gerhard Roth schreibt: "Der Übergang von der physikalischen und chemischen Umwelt zu den Wahrnehmungszuständen des Gehirns stellt einen radikalen Bruch dar. Die Komplexität der Umwelt wird ‚vernichtet‘ durch ihre Zerlegung in Erregungszustände von Sinnesrezeptoren. Aus diesen muß das Gehirn sich wiederum durch eine Vielzahl von Mechanismen die Komplexität der Umwelt (...) erschließen. Dabei werden durch die Kombinationen auf den vielen Stufen der Sinnessysteme jeweils neue Informationen, neue Bedeutungen erzeugt."
Aus dieser Analyse des Gehirns als einem biologischen Organ schlußfolgern Niklas Luhmann und die Gehirnforscher, dass die objektive Wirklichkeit mit unserer Aufassung von ihr nicht mehr viel gemein haben kann; stattdessen verarbeitet jedes Gehirn als ein komplexes, autonomes Organ die Umweltdaten auf seine eigene Weise. Die operative Geschlossenheit des Gehirns wird gewährleistet, da es die Informationen, die es aufnimmt, selbständig selektiert, filtert, intern umcodiert und weiterverarbeitet.
Darüber hinaus nimmt das Gehirn nicht nur von den Sinnesorganen bereits vorgefilterte Wahrnehmungsreize entgegen, sondern ist auch umgekehrt in der Lage, den Sinnesorganen eigene Selektionen zu diktieren. Der franzöische Ethnologe Claude Levi-Strauss vertritt die These, dass es bestimmten Völkern früher möglich war, den Planeten Venus am Himmel bei Tageslicht zu sehen: "Berufsastronomen bestätigten mir natürlich, dass wir ihn (den Planeten Venus) nicht sehen. Dennoch sei es nicht völlig ausgeschlossen, dass einige Völker, die die vom Planeten tagsüber ausgestrahlte Lichtmenge kennen, ihn sehen könnten." - Dies habe, so Levi-Strauss weiter, nichts damit zu tun, dass die Sehorgane dieser Völker etwa genetisch-biologisch anders gebaut seien; vielmehr sei deren Wahrnehmung anders geschult. Unsere Wahrnehmung der vermeintlichen Außenwelt und die Art und Weise, wie wir innerhalb unseres Kopfes Gedanken (bewusst oder unbewusst) sortieren und verknüpfen, stehen in einer engen Wechselwirkung. Das können wir uns am eigenen, beinahe alltäglichen Erleben leicht klar machen: denn jeder von uns hat in seinem Leben gewiss schon Schlüsselerlebnisse gehabt, die seine gesamte Wahrnehmungswelt verwandelt haben, und zwar nicht erst auf der Ebene der intellektuellen Reflektion, sondern bereits an vorderster Wahrnehmungsfront, in der Sensibilität für bestimmte Außenweltreize und Objekte. Das Ohr hört auf einmal Töne, die zuvor schlicht nicht da waren, das Auge erkennt ganz ungewohnte und neue Farben, die Nase riecht neue Gerüche, viel differenzierter als jemals zuvor. Es ist, als wären uns über Nacht neue Sehzäpfchen in den Augäpfeln und Membrane in der Nase gewachsen.
Claude Levi-Strauss berichtet von seinen Südamerika-Reisen: "Glückliches Jahrhundert, in dem noch alles möglich war, wie heute vielleicht wieder – dank der fliegenden Untertassen! War nicht Kolumbus in denselben Gewässern, in denen wir jetzt schwimmen (vor der Küste Brasiliens; Th. N.), Sirenen begegnet? (...) Die Seekühe haben einen runden Kopf und Zitzen an der Brust; und da die Weibchen ihre Jungen beim Stillen mit ihren Pfoten an sich drücken, ist eine Identifizierung mit Sirenen nicht allzu verwunderlich, besonders nicht in einer Zeit, da man der Baumwollpflanze den Namen Schafsbaum gab und sie als einen Baum beschrieb (und sogar zeichnete), an dem statt Früchten ganze Schafe hingen, die man nur zu scheren brauchte."
Das Gehirn konstruiert seinen Außenweltkontakt wie es will: es filtert Wahrnehmungsreize aus seiner Umwelt und verarbeitet sie nach eigenem Muster; dafür kann es selbständig die Sinnesorgane anweisen, auf bestimmte Objekte zu achten und andere zu ignorieren. Dazu gehört die Fähigkeit des Gehirns, sich intern für Distinktionen zu entscheiden und nach entsprechenden Differenzen in der Außenwelt zu suchen. Der Grad der Übereinstimmung zwischen unseren subjektiven Bildern von der Welt und der objektiven Wirklichkeit außerhalb unserer Köpfe, besteht mithin in der Kunst des Denkens, mit den eigenen Ideen sozusagen immer wieder an eine äußere Realität andocken zu können.
Der amerikanische Science-Fiction-Autor Robert A. Heinlein verwendet das Bild einer Gehirntransplantation, bei dem das Gehirn wie eine Pflanze in einen anderen Topf gesetzt wird; dann soll es seine Wurzeln im fremden Körper selbständig schlagen.
In Heinleins Roman "Das geschenkte Leben" erklärt ein Chirurg: "Wissen Sie, wie viele Millionen Nervenverbindungen betroffen sind? Glauben Sie, ich könnte sie alle in elf Stunden zusammenflicken? Oder in elftausend Stunden? Wir versuchen es gar nicht erst; wir arbeiten einfach an den Nerven des Kopfes, verbinden dann die Hauptstränge des Zentralnervensystems – und greifen zu unseren Gebetsmühlen. Vielleicht verwachsen sie, vielleicht nicht. Das kann man vorher nie wissen."
Auf dieser Ebene operiert das Gehirn noch gleichsam blind, als neuronales System bei Hunden und Katzen, Mäusen, Delphinen und Menschen prinzipiell gleich.
Das Bewusstsein entsteht erst durch einen weiteren Schritt, nämlich dem "enormen Volumenzuwachs der Großhirnrinde beim Menschen, so Wolf Singer, Direktor des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung. Beim Menschen kommen "neu hinzu (...) vorwiegend solche Hirnrindenareale, die sich nicht mehr direkt mit Signalen befassen, die von Rezeptor- und Effektorsystemen an sie geliefert werden, sondern es sind Hirnrindenareale, die ihre Informationen hauptsächlich und in manchen Fällen sogar ausschließlich von bereits existierenden Hirnrindenarealen erhalten. (...) Hirninterne Abläufe werden also zum Gegenstand der Verarbeitung der in ihnen überlagerten, aber sonst identisch aufgebauten Hirnstrukturen."
Das Phänomen des Bewusstseins wird also überraschend einfach operationalisiert, sozusagen als eine zusätzliche Feedback-Funktion des Gehirns, indem die Neuronalen Prozesse des Gehirns in einer weiteren Hirnzone zusätzliche Prozesse auslösen, die sich zu den ersten Primärprozessen so verhalten wie die Primärprozesse zu den Wahrnehmungsreizen. Die Autonomie des Denkens wird also über drei Schritte operationalisiert: erstens, dass Gehirn verarbeitet Umweltinformationen auf seine Weise; zweitens: es kann den Wahrnehmungsorganen eigene Auswahlkriterien der Sinnesdaten diktieren; drittens: es reflektiert die eigenen Prozesse und kann sich selber beim Denken zusehen.
Um die Grundlagen der Hirnforschung zum Autopoiesis-Konzept des Bewusstseins rund zu machen, noch ein vierter Punkt: Das Gehirn wird durch die Inputs von außen nicht determiniert. Seine Kapazitäten werden durch die Umweltdaten und durch die Anforderungen an ihre Verarbeitung nicht ausgeschöpft. Die subjektive Leistung des Gehirns, das eigene Weltbild kreativ zu entwerfen, reicht über das, was ihm an "harten Fakten" durch Nervenimpulse geliefert wird, weit hinaus. Hermann Pfütze bringt das auf die einfache wie schöne Formel: "Das Gehirn kann mehr als es muss." Luhmann formuliert es so:
So hat man seit langem gewusst, dass das Gehirn qualitativ und quantitiv nur einen sehr geringen Kontakt mit der Außenwelt unterhält. Das gesamte Nervensystem beobachtet ja nur die wechselseitigen Zustände des eigenen Organismus und nichts, was außerhalb stattfindet. Alle von außen kommenden Einwirkungen werden rein quantitativ codiert (Prinzip der undifferenzierten Codierung) und überdies spielt ihre Quantität, verglichen mit rein internen Verarbeitungsereignissen, nur eine ganz marginale Rolle.
Auf den ersten Blick scheint Luhmanns Konzeption zunächst einmal eine Schwächung des Subjekts zu bedeuten und seine Unterwerfung unter herrschende gesellschaftliche Systemzwänge zu postulieren, also auf eine Art groben Systemasochismus hinauszulaufen: Die Systeme sind groß – und du bist klein! Allerdings wird das Komplexitätgefälle zwischen Gesellschaft und Individuum ausgeglichen durch die Fähigkeit des Gehirns, prinzipiell autonom zu operieren, eigene Weltentwürfe aus sich selbst heraus zu schöpfen und alle Umweltdaten nach eigenen Mustern zu verarbeiten.
Die objektive Welt hat eine größere Komplexität als das System; sie enthält mehr Möglichkeiten, als im System selbst vorgesehen sind und verwirklicht werden können. Das System weist in diesem Sinn eine höhere Ordnung auf (weniger Möglichkeiten, geringere Varietät) als die Welt. Dieses Ordnungsgefälle wird (...) vom System her durch einen ‚subjektiven‘ Weltentwurf ausgeglichen. Das heißt, das System interpretiert die Welt selektiv, überzieht die Information, die es erhält, reduziert die äußerste Komplexität der Welt auf einen Umfang, an dem es sich sinnvoll orientieren kann, und gewinnt dadurch erst strukturierte Möglichkeiten eigenen Erlebens und Verhaltens.
Klassische Begriffe gesellschaftlicher Kritik, wie sie z.B. die Kritische Theorie oder Hannah Arendt benutzt haben, machen für Luhmanns Konzept mithin schlicht keinen Sinn. Es gibt keine Gleichschaltung des Bewusstseins, keine totale Empfindungskontrolle oder Gesinnungspolizei. Es kann sie –zumindest theoretisch – gar nicht geben, da das Bewusstsein immer ein eigenes, operativ geschlossenes, selbstbestimmtes und komplexes System ist, das sich bereits aufgrund seiner grundsätzlichen Verfassung allen Formen von Außensteuerung entzieht und sich stattdessen selbständig reproduziert.
Herrmann Pfütze schreibt: "Der Witz der Systemtheorie ist nicht ihre begriffliche Tragfähigkeit und Reichweite, auch nicht ihre Ideologiefreiheit und ihre so entlastende wie usurpatorische Robustheit, alles ‚anschlußfähig‘ zu machen, sondern ist der Eigensinn eines jeden Systems: Alles, was es macht und was ihm widerfährt, arbeitet ein System nach der eigenen Struktur ab und nicht nach seiner Umwelt. (...) Kunst und Demokratie sind antisystemische, selbstreferentielle Formen des Widerstands gegen fremdreferentielle Systemzumutungen."
Man könnte sagen, dass die Ideen der "Ich-Stärke" oder "Emanzipation" aus der Kritischen Theorie und Psychoanalyse in der Systemtheorie ersetzt werden durch die Begriffe der "Autopoiesis" oder "Komplexität". Allerdings sind die beiden Konzepte nicht direkt eins-zu-eins vergleichbar. Die enorme, kreative Freiheit des Gehirns bricht weder mit den Systemzwängen der Gesellschaft noch neutralisiert es sie oder hebt es sie auf. Vielmehr existiert die Eigendynamik der Gesellschaft parallel. Auf der einen Seite freier Geist, Bewegung und Selbstbestimmung des Denkens als psychisches System; auf der anderen Seite die Eigengesetzlichkeit von Justiz, Wirtschaft, Politik, Massenmedien etc. als ebenfalls komplexe, autopoietische, operativ geschlossene Kommunikations-Systeme.
Das Individuum ist in Luhmanns Theorie aus der direkten Umklammerung der Gesellschaft gerissen. Vielleicht wird es von den äußeren Verhältnissen in einem oberflächlichen Sinne beherrscht, das heißt: zur Anpassung gezwungen, niemals aber wird es bis in die Knochen geprägt. Es ist nicht, so wie eben Adorno es meint, Produkt der Gesellschaft noch bis in seine ersten und letzten Regungen, Empfindungen, Gefühle, Wahrnehmungen und Gedanken hinein. Es mag sich aus "Vernunfts-Gründen" arrangieren, aber es wird nicht bis in die Seele korrumpiert. Weil Luhmann das Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft prinzipiell anders versteht als Adorno und die anderen Kritischen Theoretiker, ist Emanzipation für ihn kein Thema; allerdings stellt sich dann die Frage, wie Luhmann selber in der Lage ist, Freiheit und Unfreiheit, offenene Gesellschaften und totalitäre Regimes etc. mit seinen Begriffen angemessen zu erfassen?
In dem berühmten Experiment von Stanley Milgram wurde eine Versuchsperson bekanntlich gebeten, einer zweiten, nur fingierten Versuchsperson Fragen zu stellen und jede falsche Antwort mit einem Stromstoß zu bestrafen; diese Stöße sollten regelmäßig erhöht werden. Zu Milgrams eigenem Überraschen und Erschrecken, waren die meisten echten Versuchspersonen bereit, Stromstöße bis in vermeindlich lebensgefährlicher Höhe zu versetzen, ohne dass in der Situation großer Druck oder Zwang auf sie ausgeübt wurde. Milgram erklärt dies mit einer natürlichen "Notwendigkeit bei der Überprüfung autonomer Automata in eine koordinierte Hierarchie, individuelle Herrschaft und Kontrolle zugunsten einer Kontrolle durch höherrangige Komponenten zu unterdrücken." Als Beispiel nennt Milgram: "Der einzelne Pilot tritt die Kontrollherrschaft an den Fluglotsen im Tower ab, wenn er einen Flughafen anfliegt, damit die Einheiten in ein koordiniertes Landesystem eingeordnet werden können." – auch Hannah Arendt erklärt in ihrer Studie über "Eichmann in Jerusalem" die eigenartige Charakter- und Konturlosigkeit Adolf Eichmanns damit, dass er seine Identität vollständig mit dem Apparat verschmilzt. Ein solches "Aufgehen" des einen Systems in einem übergordneten System, die Aufgabe der lokalen Selbsteuerung zugunsten einer Fremdsteuerung, dürfte es nach Luhmanns Theorie eigentlich nicht geben. Zwar ließe sich gewiss auch Luhmanns Modell entsprechend modifizieren, doch wenn ich strikt von seinen Grundannahmen ausgehe, dass sich jedes System nur aus dem eigenem Inneren heraus reproduziert und zur Umwelt einen hochselektiven, losen Kontakt unterhält, bleibt seine Theorie für Phänomene der Konformität und des Gehorsams eigenartig blind.
Die beiden Vorstellung des Verhältnisses von Individuum und Gesellschaft ließen sich zugespitzt in zwei extremen Polen beschreiben:
Hier das systemisch vollständig integrierte Individuum, dessen subjektive Konturen sich schließlich völlig verlieren – dort der primär moralisch geleitete Akteur, dessen normative Identitätsansprüche von den gesellschaftlichen Vermittlungsinstanzen letztlich unberührt bleiben; hier die kulturindustriell verführte Person, bei welcher Adorno zufolge "die Scheidung von Innen und Außen hinfällig" wird, weil "ein Innen gar nicht mehr sich konstituiert" – dort der eigensinnige Rezipient, der seine kulturellen Sinnwelten nach eigenem Gusto selbst zusammenbastelt.
Angesichts der einseitigen Unzulänglichkeit beider Modelle, favorisiert Sighard Neckel ein drittes Modell, das des "reflexiven Mitspielers (...), der noch die Aufklärung über die Tauschgesellschaft und die Kulturindustrie zu einer Art Selbststeuerung im sozialen Wettbewerb nutzt, die durch keine gesellschaftliche Instanz mehr gänzlich zu konditionieren ist." Der reflexive Mitspieler weiß um die Macht der gesellschaftlichen Systeme und macht partiell mit, weil er parallel sein eigenes Ding verfolgen kann. Wir werden später sehen, wie Luhmanns Theorie eine solche Haltung befördert. Das Leiden an der Gesellschaft ist damit freilich lange nicht gebannt. Vielmehr ist "beim reflexiven Mitspieler (...) die Furcht vor der Abweichung der Angst vor der eigenen Unzulänglichkeit gewichen". Die zentrale Gefahr ist nicht mehr Entmündigung, sondern Überforderung. Denn es reicht ja nicht mehr, sich lediglich oberflächlich anzupassen; vielmehr müssen die Operationen gesellschaftlicher Systeme und ihre Strukturen in ihrer Komplexität und Dynamik hinreichend begriffen werden, damit man als reflexiver Mitspieler weder den Anschluss noch die eigenen Selbststeuerung verliert.
So oder so: Das psychische System muss seine operative Unabhängigkeit nicht erst mühselig in Prozessen der Persönlichkeitsentwicklung erringen, sondern bringt sie in der Grundausstattung der biologischen Bestandsvoraussetzung bereits mit; auf der anderen Seite gelten in genau dieser Weise ja auch bewusstlose Organismen als prinzipiell autonom. "Bewusstsein" in einem empathischen, idealistischen Sinn, wie es von links-alternativen Bewegungen in der Regel verstanden wird, das heißt: als ein reifes, entwickeltes, über Ideologien hinausgewachsenes, selbstsicheres ... Bewusstsein, spielt für den "Autonomie"-Begriff der Systemtheorie keine Rolle. Man kann auch als bewusstloses Wesen autonom sein. In diesem Sinn spricht Hermann Pfütze von einem "bewusstlosen Bewusstsein", weil Bewusstsein eben nicht als qualitativ höherwertiges Reflexionsniveau begriffen wird, sondern lediglich der Name des Mediums der Operationen des psychischen System ist. Allerdings erhöht Reflexivität (d.h. "Bewusstsein" im klassischen Sinn) die Komplexität des Systems enorm und wirkt damit als indirekter Faktor auf die Autonomie. In der abgefahrenen Systemsprache gesagt: "Der Einbau funktionaler Analysen in die Systemreproduktion verhilft Handlungssystemen zu einer größeren Problemlösungskapazität und damit höheren Leistungsfähigkeit."
Der Begriff des "Bewusstseins" wird von Luhmann also weder mit einer Richtung noch mit einer Wertung verbunden. Vor allem wird er nicht einseitig auf bestimmte Formen des kritischen Bewusstseins eingegrenzt, wie er etwa in den 70er Jahren nur durch Adorno oder nur durch Habermas repräsentiert wurden. Das spezifisch kritische Bewußtsein der 70er Jahre nennt Peter Sloterdijk "Verdinglichung des Bewusstseins": den Standpunkt des Gegners nicht mit den rationalen Mitteln der Argumente anzugreifen, sondern ihn stattdessen als eine Ideologie aus Zweckinteresse zu entlarven, gehörte zu den Standardtricks. Aus Luhmanns Sicht ein schmutziges Verfahren. - Sloterdijk selbst spart allerdings auch nicht an saftiger Polemik: "De facto bedeutet Ideologiekritik den Versuch, eine Hierarchie zwischen entlarvender und entlarvter Theorie aufzubauen; es geht im Bewusstseinskrieg um die obere Position, das heißt die Synthese von Machtansprüchen und besseren Einsichten." In diesem Sinn lehnt Luhmann die klassische "Ideologiekritik" ab, weil sie dem Kritiker gegenüber dem Kritisierten einen überlegenen Status einräumt und Personen ein falsches Bewusstsein unterstellt. Dagegen müsste Luhmann jedes Bewusstsein ernst nehmen und eine prinzipiell ergebnisoffene Auseinandersetzung wert sein. In diesem Sinne ist er mehr Demokrat als Adorno, der den Intellektuellen tatsächlich mehr Bewusstsein zusprach als dem einfachen Bürger, der erst aus seiner Verstrickung in den Verhältnissen befreit werden muss. Adorno und seine Mitarbeiter glaubten, als wenige Auserwählte den "Verblendungszusammenhang" zu durchschauen, während der Massenmensch in der "auf Ausbeutung, Herrschaft und Klischeehaftigkeit gegründeten bürgerlichen Gesellschaft" bloß blind funktioniert wie ein Zahnrad. Thomas Schäfer sehr treffend: Horkheimer und Adorno nähmen "den Zeitgenossen gegenüber faktisch eine Haltung ein, die eher dem Modell psychiatrischer Fürsorge entspricht, und ihre Theorie übernimmt die Sorge um Unmündige."
In diesem Punkt, könnte man mit etwas Ironie sagen, "emanzipiert" sich Luhmann von den strikten Ansprüchen der 1970er Jahre an reife Persönlichkeiten. Aber was ist die Emanzipation von der Emanzipation – eine Regression oder eine Hyper-Meta-Emanzipation oder ein dritter Weg, der gegenüber der 70er Jahre Unterscheidung emanzipiert oder nicht-emanzipiert quer verläuft?
Freiheit durch individuelle Indifferenz: Auch lässt sich darüber streiten, welche Form von "Autonomie" eher geeignet ist, totalitäre Gesellschaften zum Fallen zu bringen – die kritisch emanzipatorische oder individualistisch indifferente? Autonomie als systemtheoretische Indifferenz hat zumindest den Vorteil, die großen Systeme zu unterwandern und permanent zu irritieren, und zwar ganz selbstverständlich, aus der Selbstverständlichkeit des eigenen Soseins heraus, ohne die Verhältnisse etwa explizit provozieren zu wollen. Wer sich nicht an die allgemeinen Erwartungen anpasst, aber auch keine demonstrative Gegenposition einnimmt, sondern sich einfach nach den eigenen Regeln unberechenbar verhält, unterhöhlt die vermeindliche Totalität der vom Regimes vorgegebenen Ordnung und zeigt, dass alles eben auch anders gehen kann. Schließlich räumt auch Adorno in der "Ästhetischen Theorie" der abstrakten, nicht-gegenständlichen Kunst gegenüber der explizit sozialkritischen Kunst den Vorrang ein - "Moderne Kunst lebt vom Nicht-begriffenen" - und zwar nicht bloß ästhetisch, sondern sogar politisch.
Denkbar, dass beim Woyzeck, ähnlich wie fünfundzwanzig Jahre später bei den Aufführungen der beiden Akte aus der Mosesoper von Schönberg, weder die Einzelheiten noch ihr struktureller Zusammenhang voll vermutet wurden, dass aber die kompositorische Kraft durch das von ihr geprägte Phänomen hindurch einer Hörerschaft sich mitteilte, deren Ohr im einzelnen keine Rechenschaft davon hätte geben können. Das eröffnet eine Perspektive, in der die primär unleugbare Divergenz von neuer Musik und Gesellschaft nicht länger als absolut sich darstellt. Qualität vermag durch die Stringenz eines dem Publikum gar nicht ganz durchsichtigen Gebildes über den Bereich des gesicherten Verstehens hinauszudringen.
Die abstrakte Aussage lautet etwa: Ordnung (nicht im Sinne von "Zucht und Ordnung", sondern als Struktur, Komposition, Gestalt etc.) ist immer ein evolutionärer Vorteil. Das ergaben auch psychologische Experimente von Moscovici zum Einfluss von Minderheiten: diese können einzelne Personen aus einer anders denkenden Mehrheit für die eigenen Ansichten gewinnen, wenn sie den Eindruck von Konsistenz und innerer Schlüssigkeit aufweisen; es reicht also nicht aus, wenn eine Minderheit bloß stur gegen die Mehrheit urteilt, vielmehr muss ein noch unentschiedener Beobachter den Eindruck haben, das ihre Gegenposition einem nachvollziehbaren Muster entspringt, mithin dass auch er in der Lage wäre, ihr Andersdenken zu begreifen, dass es intern folgerichtig ist. Ein Beispiel für die enorme Wichtigkeit von Struktur, wenn man sich gegen äußeren Druck behaupten oder gar durchsetzen möchte. Gegen die Zumutungen der Gesellschaft setzt das Individuum innere Ausdifferenzierung und den Aufbau von Eigenkomplexität.
Man kann z.B. darüber streiten, ob der Zusammenbruch des Ostblocks von den explizit oppositionellen oder den explizit unabhängigen Organen verursacht wurde? Es scheint, dass eine konsequente und durchdachte Indifferenz für totalitäre Regimes genauso gefährlich ist wie Opposition. Symptomatisch ist die Feindschaft der Nazis gegenüber abstrakter oder gar entarteter Kunst, des real-existierenden Sozialismus gegenüber Jazz und Rock und der Kulturindustrie gegenüber allen Experimenten, das heißt: gerade gegenüber solchen Ausdrucksformen, die keine explizite Antihaltung vertreten, sondern sich sowohl der Vereinnahmung wie auch der Entgegensetzung strikt sperren. Weil sie sich nicht bruchlos ins herrschende System integrieren lassen, sondern eine eigene Welt darstellen, kratzen sie an seinem absoluten Anspruch und demonstrieren seine Relativität und Willkürlichkeit.
Über die Seele in der entzauberten Welt: In unserer modernen, technisch geprägten Welt wirken die Begriffe "Seele" oder "Persönlichkeit" irgendwie antiquiert. Zumindest passen sie nicht zu den wissenschaftlichen Disziplinen Gentechnologie, Hirnforschung, Atomphysik etc., die unsere Umwelt völlig entzaubern, in Formeln, Atome und bloße Materie zerlegen und dem "Menschen" das Heilige, Besondere, Emphatische nehmen. Spätestens nach einem Besuch von Günther von Hagens "Körperwelten"-Ausstellung mit den aufgeschnittenen, plastinierten Leichen sieht man: "Oha. In uns drinnen sieht es nicht wesentlich anders aus als in einer Kuh. Fleisch ist Fleisch, Knochen sind Knochen, Gedärm ist Gedärm." Und die Erfindung der Computer macht uns plötzlich klar, dass selbst die Logik keine spezifische, auf menschliches Denken beschränkte Angelegenheit ist, sondern womöglich ein Muster des Seyns schlechthin.
Dagegen vermag der Satz: "Ich bin ein System" noch ein warmes, angenehmes Gefühl für das eigene Selbst zu wecken. Man kann sich sagen: "Auch wenn die ganze Welt nur aus Chemie und Physik besteht, und auch wir Menschen nur aus Chemie und Physik bestehen, so bin ich doch zumindest ein eigenes, operativ geschlossenes System. Nur ich reproduziere mich nach meinen eigenen Mustern und Regeln, als operativ geschlossenes System bin ich einmalig und einzigartig gestrickt, und wenn das ganze Universum einschließlich uns Menschen nur aus Chemie und Atomen besteht, dann herrscht in mir zumindest eine gewisse Ordnung, während draußen Chaos herrscht." In dem Manga-Film "Ghost in the Shell" philosophiert die Roboterfrau.
"Wir stellen die höchste Stufe der Technologie dar; kontrollierte Metabolismen, computererweiterte Gehirne, kybernetische Körper (...) Menschlicher Körper und Geist setzen sich aus unzähligen Igredienzien zusammen. All diese Komponenten machen mich zu einem Individuum mit einer eigenen Persönlichkeit. Sicher mein Gesicht und meine Stimme unterscheiden mich auch von Anderen, aber mein Verstand und meine Erinnerung gehören nur mir, und ich besitze das Bewusstsein meines Schicksals. All dies sind Teilaspekte des Ganzen, ich nehme Informationen auf und verarbeite sie auf meine Weise. Aus dem Zusammenwirken all dieser Vorgänge entsteht mein Ich und das Bewusstsein meiner Persönlichkeit."