Benutzerspezifische Werkzeuge
Artikelaktionen

Warum sollen wir uns überhaupt mit Luhmann beschäftigen?

erstellt von Thomas Nöske zuletzt verändert: 16.06.2007 20:33

Ich möchte hier der Frage nachgehen, was Niklas Luhmanns Theorie einer gesellschaftskritischen Perspektive zu bieten hat? Dafür gibt es mehrere gute Gründe ...

... zum ersten gilt sie für manche als die zur Zeit modernste und innovativste soziologische Theorie, oft sogar als die einzige Theorie, die dem Zustand unserer aktuellen, komplexen-dynamischen und katastrophalen Hochleistungsgesellschaft angemessen sei; zum zweiten hat sich Luhmann ausführlich mit den radikalen Ansätzen der Kritischen Theorie von Adorno und Habermas auseinandergesetzt, sie alle als unzureichend oder ideologisch verworfen und seine eigene Konzeption dagegen gesetzt; zum dritten analysiert er die Eigendynamik gesellschaftlicher Teilsysteme wie Wirtschaft, Politik, Justiz, Massenmedien etc., also gesellschaftliche Systeme, die in wir in den 1980er Jahren oft als "Schweinesysteme" bezeichnet haben; zum vierten ist in seiner Theorie der Begriff der "Autonomie" zentral, der ja ebenfalls eine besondere Rolle im Links-Alternativen Denken spielt. Das sind zumindest Indizien, die darauf hinweisen, dass Luhmann gerade für gesellschaftskritische Perspektiven interessant sein könnte.

Dagegen spricht allerdings, dass Luhmann Zeit seines Lebens von den Linken nie besonders gemocht wurde. In den 70er und 80er Jahren wurden seine Seminare an der Bielefelder Uni von protestierenden Studenten entweder ignoriert oder laufend gesprengt. Luhmann galt als herrschaftsstabilisierend, als affirmativ, als kühler Technokrat oder einfach als Fatalist, der keine humanistischen Werte gelten lässt, dem Menschlichkeit egal ist. Dies führte zu dem, für meinen Geschmack, recht traurigen Ergebnis, dass es kaum Versuche gibt, seine Theorie für gesellschaftskritische Interessen zu antizipieren. Gewiss gab es zahlreiche Auseinandersetzungen mit ihm, allen voran durch Jürgen Habermas. Diese zeichnen sich allerdings häufig dadurch aus, dass sie Luhmanns Theorie bereits im Ansatz als völlig unsinnig, antihuman oder sozialdarwinistisch verwerfen und ihm desweiteren keine drei Schritte mehr über den Weg trauen. Eine Auseinandersetzung, die ihn nicht im Ganzen verwirft, sondern seinen Gedanken genauer nachspürt, um zu prüfen, ob nicht doch was wahres dran ist, ob sich nicht doch was davon produktiv verwerten lässt, kenne ich leider nicht.

Auf der anderen Seite existieren natürlich zahlreiche Ergüsse der Luhmann-Fans. Wie bei vielen großen, komplexen, radikalen Denkern zeichnen diese sich dadurch aus, dass sie Luhmanns Sätze wie ewige Weisheiten nachbeten, gar keine Distanz halten können. Ihre Texte lesen sich häufig wie ein Kauderwelsch seiner hochabstrakten, teils unverständlichen Terminologie, die eine Aura von Geisterbeschwörung ausstrahlen. Luhmann wird wie ein Prophet rezipiert, den man nicht hinterfragt, sondern nachbetet. Fairerweise muss ich ergänzen, dass auch eine große Anzahl von fachwissenschaftlichen Auseinandersetzungen existiert, die freilich weder feindselig noch jüngerhaft motiviert sind, sondern an einer ernsthaft sachlichen, soziologische Auseinandersetzung interessiert. Diese behandeln allerdings großteils akademische Fragen, die für Insider der Disziplin wichtig sein mögen, für den nur allgemein interessierten Laien indes zu speziell sein dürften.

Zwischen diesen drei Positionen möchte ich einen goldenen Mittelweg finden. Ich möchte die grundsätzlichen Positionen gesellschaftlicher Kritik, wie sie eben z.B. von Adorno und Habermas, aber auch von Hannah Arendt oder Karl Marx formuliert wurden, nicht aufgeben und vor ihrem Hintergrund die Brauchbarkeit der Luhmannschen Theorie prüfen. Von daher werde ich mich immer wieder auf Überlegungen von ihnen als Kontrastfolie beziehen, um Luhmanns Gedanken Konturen zu geben und sie abzugrenzen, seine Unterschiede im positiven wie im negativen Sinne deutlich herauszuarbeiten, aber auch zu gucken, an welchen Stellen er weiter weiß als die Kritische Theorie, ob er bessere Ansätze zur Erklärung der Dilemmata der modernen Gesellschaft hat?

Andrerseits bin ich mir darüber im Klaren, dass Luhmanns theoretischer Ansatz bereits im Kern mit einigen philosophischen Überzeugungen der dialektisch-materialistischen Tradition oder der emanzipationsorientierten Subjektphilosophie bricht und sich von daher nicht ohne weiteres auf ihre Standpunkte beziehen lässt. Ich gebe den Luhmann-Jüngern Recht, dass es sich bei seinem Werk tatsächlich um ein höchst originelles, phantastisches und höchst eigensinniges Theorie-Gebilde handelt, das man als solches durchaus würdigen kann. Allerdings glaube ich auch, dass sie als rein schöngeistige Gedankenarchitektur keinen Wert hat, sondern daran gemessen werden muss, wie gut sie tatsächlich in der Lage ist, gesamtgesellschaftliche Probleme zu erfassen und zu ihrer Lösung beizutragen.

Drittens komme ich also auch um einige fachsoziologische Auseinandersetzungen nicht herum. Dabei stellt sich die Schwierigkeit, dass ich einerseits nicht voraussetzen kann, dass der Leser Luhmanns Theorie bereits kennt, sondern von einem interessierten Laien ausgehen muss. Andrerseits möchte ich aber auch keine reine Einführung geben. Solche Einführungen existieren nämlich ohnehin zuhauf: Margot Berghaus "Luhmann leicht gemacht", oder Walter Reese-Schäfers "Luhmann. Zur Einführung" seien hier genannt. Ansonsten empfehle ich Leuten, die tiefer in den Stoff einsteigen wollen, mit Luhmanns Buch "Die Wissenschaft der Gesellschaft" zu beginnen, in dem er einige Grundlagen seiner Theorie erläutert, und dann mit "Soziale Systeme" weiterzumachen. In jedem Fall braucht man etwas Geduld, bis man sich an seine eigenartige Sprache gwöhnt hat; dafür liest sich dann der Rest umso schneller und man wird belohnt mit überraschenden Gedankengängen, einer wirklich heiter nihilistischen Weltsicht und einem ästhetischen Erlebnis, das seine Texte vermitteln, wenn man sich erstmal in seine manieristisch-technizistische Sprache eingearbeitet hat. Ich habe in dieses Buch ziemlich viele Luhmann-Zitate eingebaut, um dem Leser unter anderem auch einen Eindruck von diesem speziellen "Luhmann-Sound" zu geben.

In diesem Sinn versuche ich also eine kritische Luhmann-Einführung zu bringen, die sich an den klassischen Positionen gesellschaftlicher Kritik orientiert, Luhmanns Werk aber auch als einen radikal anderen theoretischen Ansatz ernst nimmt und dabei aktuelle fachsoziologische Diskussionen einfließen lässt. Ob es außerdem noch gelungen ist, einen lesbaren Stil zu finden, wird der Leser entscheiden. Der Aufbau des Buches ist jedenfalls so: in den ersten Kapiteln 1.1. bis 1.5. möchte ich die typischen Standpunkte der Luhmann-Jünger, der extremen Luhmann-Gegner und der Leute, die ihn bloß für einen Spinner halten, betrachten. Dabei werde ich zu dem Ergebnis kommen, dass ihre Standpunkte jeweils zu kurz greifen und seinem Werk nicht wirklich gerecht werden. In den Kapiteln 1.6. bis 1.11. möchte ich dann mein eigenes Interesse an Luhmann formulieren und zeigen, warum sich eine detailliertere Auseinandersetzung mit seinen Gedanken auch aus links-alternativer Sicht lohnt. Dieser ganze erste Teil trägt den Titel: "Das Versprechen", weil es darum geht, was wir von Luhmann eigentlich erwarten, was wir erwarten können und woran wir ihn messen wollen.

Darauf folgt der zweite Teil: "Die Theorie", in dem ich mich dann eingehender auf seine theoretische Konzeption einlasse. Dieser Teil ist insofern wichtig, da Luhmann Kommunikationen und Gesellschaftliche Systeme wie Politik, Wirtschaft, Justiz, Wissenschaft, Massenmedien etc. mit den Gesetzen einer allgemeinen Systemtheorie beschreibt, die zuerst aus der Biologie und der Informatik entwickelt wurden. Dieser Ansatz hat Luhmann einerseits den Vorwurf des Sozialdarwinismus eingebracht, andrerseits aber auch eine Menge Kopfschütteln, denn warum sollten die Prozesse in der Politik oder Justiz analog laufen wie die Reproduktion eines biologischen Organismus? Hier besteht mein Plan darin, Luhmanns Anwendung der allgemeinen Systemtheorie auf soziale Phänomene mit dem zu vergleichen, was wir selber täglich als Kommunikation und Gesellschaft erfahren, um zu einem eigenem Urteil zu gelangen, wie weit ich seinem Ansatz trauen kann. Die Kapitel 2.1. bis 2.3.5. sind vielleicht die wichtigsten im ganzen Buch; sie sind allerdings auch die abstraktesten.

Im Anschluss, im Kapitel 2.4. "Systemtheorie als Smash-the-System-Theorie" vergleiche ich dann Luhmanns Konzeption der gesellschaftlichen Systeme als autopoietische, operativ geschlossene Kommunikations-Systeme mit Adornos und Horkheimers System-Begriff, wie sie ihn in der "Dialektik der Aufklärung" verwenden. Darauf baue ich später, im Lauf des dritten Teils, meine Konzeption des Konflikts zwischen Individuum und Gesellschaft auf. Vorher erfolgt in den Kapiteln 2.5. bis 2.7. noch eine Darstellung der Art und Weise, wie Luhmann auch die Entwicklung von Diskursen, Philosophien, Weltbildern etc. in seine kybernetischen Evolutionstheorie einbaut.

Im dritten Teil geht es dann um konkrete gesellschaftliche Phänomene und wie sie mit Hilfe von Luhmanns Theorie verstanden werden können? Dabei gehe ich dann wieder von den klassischen Standpunkten gesellschaftlicher Kritik aus: Warum haben wir das Gefühl, dass die Massenmedien ein einseitig verzerrtes und manipuliertes Bild der Welt vermitteln oder entwerfen? Warum sorgt die Wirtschaft trotz insgesamt steigendem Wohlstand für eine Verschärfung der Kluft zwischen arm und reich? Warum weckt sie künstliche Konsumbedürfnisse, die wir ohne sie nie hätten? Warum wird jeder Poltiker, der mit großen idealistischen Ambitionen startet auf seinem Weg zur Macht scheinbar automatisch korrupt und verleugnet die einstigen Ideale? etc. Die Betrachtung der Luhmannschen Theorie wird hier konkret auf die Frage bezogen, ob und wie weit er dazu in der Lage ist, unser Verständnis für die strukturellen Mechanismen hinter diesen Dilemmata zu verbessern. Zum Schluss fasse ich die zentralen Ergebnisse meiner Arbeit nocheinmal zusammen.

Soweit mein Plan. Dabei bleibt es nicht aus, dass ich immer wieder vorgreifen oder auf erfolgte Darstellungen zurück verweisen muss, das habe ich dann durch Hinweise: "Wie schon in Kapitel so-und-so erläutert", oder: "Darauf gehe ich später noch ein" markiert. Am Ende hoffe ich, eine gut lesbare, kritische Darstellung von Luhmanns Theorie geliefert zu haben und sie auf einige zentrale Fragen gesellschaftlicher Kritik bezogen zu haben.

Ich bedanke mich bei allem, die in letzter Zeit mit mir über Luhmann oder andere, verwandte Dinge gesprochen haben und dadurch teils indirekt, teils durch sehr handfeste Vorschläge und Korrekturen an der Herstellung des Buchs geholfen haben, namentlich seien an dieser Stelle erwähnt: Herbert Laschet, Andreas Hotopp, Elke Hilgenböcker, Veit Schiele, Matthias Rappe, Marcus Stein, Thomas Stemmer, Sven Wittkopp, Johanna und Elisabeth Nöske, Friedhelm Juckner, sowie den Teilnehmern unseres montäglichen Soziologie-Mentoriums der Fern-Uni Hagen unter der Leitung von Dr. Thomas Schäfer. Damit soll natürlich nicht gesagt sein, dass irgendeiner der genannten Personen eine Schuld für etwaige Fehler oder Unsinn in dem nun folgenden Text zugeschoben werden könnte. Idee und Durchführung der Arbeit insgesamt gehen natürlich auf meine eigene Kappe.