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Drei Utopien: Integration, Emanzipation oder Steuerung

erstellt von Thomas Nöske zuletzt verändert: 10.06.2007 13:37

Es ist also klar, dass Luhmanns implizite Utopie nicht mit denen des Marxismus oder der Kritischen Theorie verglichen werden kann, sondern eigene Definitionen des gesellschaftlich Wünschenswerten voraussetzt.

Wie gesagt, weist Luhmann sämtliche Ansprüche an eine Soziologische Theorie, für die gesamtgesellschaftliche Entwicklung sowas wie Empfehlungen, Wünsche ... abzugeben, brüsk zurück. Doch auf der anderen Seite wehrt er sich auch gegen den Vorwurf, seine Theorie sei etwa nicht kritisch. Wie passt das zusammen? Zunächst einmal möchte ich meinen, dass eine Gesellschaftskritik quasi automatisch immer auch indirekt auf eine Utopie hinweist, während umgekehrt jede Utopie prinzipiell auch als spiegelbildlich verschlüsselte Kritik an der Gegenwart verstanden werden kann. Kritik und Utopie sind mithin nur zwei verschiedene Ausdrucksformen eines Gedankens: die Kritik betont die schlechte Realität im Angesicht ihrer besseren Möglichkeiten, und die Utopie betont die besseren Möglichkeiten im Angesicht einer schlechten Realität.

Es versteht sich, dass sowohl die Ansätze gesellschaftlicher Kritik wie auch sozialer Utopie relativ und subjektiv verschieden sind. Wie sich jeder Mensch seine eigenen Vorstellungen von Jesus Christus als einer vorbildlichen menschlichen Person macht – "der friedlich brave denkt sich einen friedlich braven, der engagiert-couragierte denkt sich einen engagiert-couragierten, der sorglos freakige denkt sich einen sorglos freakigen Jesus Christus" – so sind auch Kritik und Utopie logischerweise relativ abhängig von den Präferenzen, die sich das jeweilige Individuum selbst setzt. Es ist also klar, dass Luhmanns implizite Utopie nicht mit denen des Marxismus oder der Kritischen Theorie verglichen werden kann, sondern eigene Definitionen des gesellschaftlich Wünschenswerten voraussetzt. Mithin erscheint es sinnvoll, wenn wir uns zunächst ein genaueres Bild von Luhmanns spezifischem Blick auf die Gesellschaft und ihrem Kritik- und Utopiepotential machen.

In diesem Sinne möchte ich zwischen Integrationsutopien, Emanzipationsutopien und Steuerungsutopien unterscheiden. Ich möchte diese drei Ansätze kurz skizzieren: Mit Hegel gingen die Fortschrittsoptimisten davon aus, dass das Wirkliche vernünftig sei, und das hieß konkret: die Welt zu erkennen, heißt sie zu erklären, und umgekehrt; und je mehr wir erklären, umso logischer und widerspruchsfreier fügen sich alle Tatsachen und Zusammenhänge ineinander, bis am Ende die ganze Natur und die ganze Gesellschaft als ein transparenter Mechanismus vor uns liegen, bei dem wir stets genau wissen, was wir tun müssen, wenn wir etwas erreichen wollen. Menschlicher Geist und Weltgeist werden identisch. Unfehlbarkeit! Doch das dialektische Prinzip: "Widersprüche müssen aufgelöst werden", soll nicht nur über eine Art Prozess der inneren Diskussion - These, Antithese, Synthese – das Begreifen des subjektiven Geistes leiten, sondern gleichzeitig Entwicklungsgesetz der Natur sein. Hegel hatte die Einheit von natürlichen Prozessen mit der geistigen Entwicklung des Menschens auf die kurze Formel gebracht: "Die Knospe verschwindet in dem Hervorbrechen der Blüte, und man könnte sagen, dass diese von jener widerlegt wird." – mit der dialektischen Entwicklung des menschlichen Geistes vermag der einzelne Mensch also nicht nur sich selbst eine scheinbar widersprüchliche Welt immer besser zur erklären und logisch transparenter, zugänglich zu machen; vielmehr verschwinden aus der Welt zugleich die Widersprüche, da sie sich analog und substanziell mit der subjektiven Geistesentwicklung verwandelt, bis am Ende sozusagen auch der Löwe kein Schaf mehr reisst. Eine gewisse Ironie liegt darin, dass Hegel als verbeamteter Professer an der Berliner Universität dem Preußen-König Loyalität schuldete und darum auf den etwas unpassenden Trichter kam, die Entfaltung des Weltgeistes im damaligen Staat bereits vollständig erreicht zu sehen. Einer von Adornos Lieblingssätzen: "Denn soviel ist wahr an Hegel ...", meint genau das: gerade nur sowenig von diesem verquanzten Schwulst ist wirklich wahr; aber dieses bißchen ist dafür sehr, sehr wahr, wunderbar wahr!

Ich würde die Utopie als eine Utopie der totalen Integration beschreiben, da der Fortschrittsprozess letztlich darauf hinauslaufen soll, dass in der optimalen Gesellschaft jeder seinen Platz findet, niemand draußen bleiben muss, alle sozialen Prozesse, Regeln ... ihren Sinn haben und nichts unerklärlich, absurd oder zufällig erscheint. Die Vernunft durchdringt das Gebilde Gesellschaft völlig und lässt weder Fragen noch Wünsche offen. Nichts passiert ohne guten Grund, Konventionen, Rituale, Gesetze ... gründen alle auf einem soliden Wissen, das ihre Notwendigkeit, ja Richtigkeit für jedermann einsichtig macht. Wie in Herbert Marcuses berühmten "Triebstruktur und Gesellschaft" können auf unnötige Grausamkeiten, zusätzliche Unterdrückungen verzichtet werden. Die verwirklichte Vernunft integriert die ganze Gesellschaft zu einem vollständig ein- und durchsichtigem System. Mithin findet die Integration in dreifacher Hinsicht statt: erstens, als Integration jedes einzelnen Menschen nach seinen individuellen Bedürfnissen und Fähigkeiten in das Gesellschaftliche System; zweitens, als Integration der ganzen Gesellschaftlichen Ordnung durch die Vernunft zu einem transparenten und logisch stimmigen Ganzen; drittens, als Integration des individuellen Bewusstseins durch die Vernunft in die Vernunft des ganzen Systems. (Was freilich voraussetzt, dass die Individuen die Vernünftigkeit des Ganzen nachvollziehen können.)

Doch schon für Adorno war dieses sogenannte Identitätsprinzip die Hölle, weil er es mit den totalitären Staaten gleichsetzte, in denen ja auch alle Einzelheiten sich zu einem lückenlosen System fügen sollen. Die totale Integration des subjektiven Geistes in die objektive Vernunft und des einzelnen Menschen in die soziale Ordnung zeigte sich nur negativ im Nazi-Regime, dem Stalinismus und der kommerziellen Kulturindustrie. Also charakterisierte er seine Kriterien für eine optimale Gesellschaft durch andere Formeln: "Ohne Angst verschieden sein dürfen", oder: "Nicht hetzen müssen" etwa.

Die Utopie der Kritischen Theorie, aber auch der Psychoanalyse, der 70er Jahre Pädagogik bestand entsprechend in der Entwicklung eines selbständigen, autonomen Menschen, der in der Lage ist, den Drohungen und Verführungen der Gesellschaft zu widerstehen, kreativ und genussfähig zu bleiben und unter allen Umständen seine Identität zu wahren. Erik H. Erikson beschreibt diesen Typus sehr anschaulich als Ableitung des jüdischen Intellektuellen aus der psychoanalytischen Gründerzeit:

Das, was Freud das "Primat des Geistes" nannte, und was die Krönung seiner Hierarchie der Werte bildete, war auch der Grundstein der Identität der ersten Psychoanalytiker; ihr Wurzelgrund war das Zeitalter der Aufklärung und die reife Geistigkeit der jüdischen Rasse. (...) So konnte Freud von seinem sicheren Standort intellektueller Integrität aus gewisse grundlegende Moralbegriffe und mit ihnen auch eine kulturelle Identität selbstverständlich voraussetzen. Für ihn stand das Ich wie ein vorsichtiger, manchmal auch verschlagener Patrizier mitten zwischen der Anarchie der Urtriebe und der Furie des archaischen Gewissens, aber auch zwischen dem Druck der bürgerlichen Konventionen und der Anarchie des Massengeistes.

Die Utopie liegt in einer Gesellschaft, die den emanzipierten Menschen nicht nur zulässt, sondern geradezu hervorbringt; reife, gesunde, selbstbewusste, moralisch autonome, sexuell befriedigte ... Persönlichkeiten, die sich von keinem Mob was sagen, sich für kein Geld und keine Macht kaufen lassen und wegen keiner gesellschaftlichen Verhältnisse ihr Selbst verbiegen. Auch Jürgen Habermas assoziiert im Schema seiner "Theorie des Kommunikativen Handelns" die "Interaktionsfähigkeit" mit der "personalen Identität", und in den Sozialen Utopien der progressiven Subkulturen, etwa in Callenbachs "Ökotopia", Huxleys "Eiland" oder P. M.s "bolo’bolo‘, spielt Persönliche Reife sowieso eine zentrale Rolle. –

Ich möchte mich nun Luhmanns Ansatz aus drei Richtungen nähern und sie jeweils von traditionellen Standpunkten gesellschaftlicher Kritik abgrenzen. Dies wird in den nächsten drei Kapiteln passieren: Autopoiesis versus Emanzipation, Funktionalismus versus Ideologiekritik, sowie Komplexitätsbewußtsein versus Soziale Ethik.