Die Theorie als künstlerisches Gebilde.
So wie die Historiker, wenn ihnen die Sicherungen durchknallen, anfangen nach Atlantis zu suchen, und die Ingenieure das Perpetuum Mobile bauen oder nach künstlichen Intelligenzen suchen, so gehen die Philosophen auf die Suche nach Gott oder nach runden, geschlossenen Welterklärungstheorien.
Wir kommen nun zur dritten Gruppe der Leute, die mit Luhmann schnell fertig werden, die sagen: "Niklas Luhmann? Ist ein kosmischer Komiker!" So wie die Historiker, wenn ihnen die Sicherungen durchknallen, anfangen nach Atlantis zu suchen, und die Ingenieure das Perpetuum Mobile bauen oder nach künstlichen Intelligenzen suchen, so gehen die Philosophen auf die Suche nach Gott oder nach runden, geschlossenen Welterklärungstheorien. Davor hüte man sich. Luhmann hats dennoch gewagt und sich nun also an einer Welterklärungstheorie, von ihm selber auch "Supertheorie" genannt, versucht. Der aufmerksame Leser fragt sich gespannt: wird er sich diesmal lächerlich machen? Gewiss trägt es stark zum Unterhaltungswert seiner Bücher bei, dass man jederzeit gespannt sein darf, ob er es schafft, zum Beispiel jetzt noch Erklärungen zur Kunst, zur Religion, Ökologie und Protestbewegungen oder Liebe in seine Supersupertheorie einzubauen, ohne sich zu blamieren? Aber man fragt sich natürlich: "Wozu ist es gut?"- oder ist es nicht eher eine Art spleenige Beschäftigung, wie andere Leute Zeitungsschnippsel sammeln, Riesenmodelleisenbahnen bauen oder aus Stahlschrott komische Monster schweißen. Tatsächlich entpuppen sich viele Aha-Erlebnisse, die der wohlwollende Leser von Luhmanns Theorie genießt, bei skeptischem Hinsehen weniger als Offenbarungs-Erlebnisse des tieferen Wesens der Existenz: "Aha, so ist also das Leben!" sondern eher als ein witziges Vergnügen an Luhmanns Raffinesse, auch noch dies und das in seine Theorie einzubauen: "Aha, aha. Interessant, intereressant. So hat er das Phänomen jetzt also auch noch theoretisch eingebaut!"
Mithin könnte man durchaus auf die Idee kommen, in Luhmann so oder so gar keinen echten Wissenschaftler zu sehen, sondern eher eine Art Konzeptkünstler, einen Theoriebastler und originellen Erfinder. Seine Theorie ist gleichmäßig strukturiert, voller Variationen von identischen Mustern wie ein maurisches Deckenornament. Sie wirkt auf ihre ewig gleiche monotone Art auch sehr beruhigend, selbst wenn sie von Krieg, Armut, Katastrophen ... handelt, denn prinzipiell lässt sich alles durch seine Theorie hindurchschieben. – und wird dadurch neu konturiert, integrierbar – aber eben auch unglaublich harmlos, als kleines Element in einem großen verschachtelten, endlosen Konzert.
Uwe Schimank, einst Student bei Luhmann, heute selber Professor für Soziologie an der Fern-Uni in Hagen, vergleicht ihn mit einem Klaviersolo von Thelonius Monk:
Wie der stolpernde, torkelnde Gang eines Betrunkenen, der sich doch wunderbarerweise immer wieder im letzten Moment mit atemberaubender, chaplinesker Grazie fängt. Alles macht er falsch, so jedoch, dass die Gesamtheit der Fehler eine neue, eigene Richtigkeit schafft. Töne schlägt er zu laut oder zu leise an, als sei er von einer Taste abgerutscht; er verliert das Tempo, schleppt nach, um dann einen hastigen Zwischenspurt einzulegen, oder eilt voraus und hält plötzlich, sich am Kopf kratzend, inne; dann wieder spielt er falsche Töne, die unharmonisch wie ein Fauxpas im Raum hängen; oftmals scheint er nicht weiterzuwissen, über die Tonfolge grübelnd, immer wieder die letzten Töne wiederholend, bis ihm ganz unerwartet, am unerwartetsten für ihn selbst, doch noch ein Ausweg einfällt. Und stets hält die Musik jenes angedeutete Lächeln vor Augen, diesen stolzen Ausdruck des Wissens um die eigene Souveränität.
Luhmanns Bild von der Gesellschaft als System verhält sich eher so wie eine dadaistische Free-Jazz-Kapelle zu einem Symphonieorchester: genauso komplex, genauso vielstimmig, doch eine totale Kakophonie, voller Disharmonien und schiefer Töne. Wenn Parsons Theorie als eine großartige Hymne auf die Architektur der Gesellschaft gelesen werden kann, dann ist Luhmanns Theorie ein chaotisches kreuz und quer Gehupe, Gerassel, Gesinge und Getrommel. Und wenn Parsons Theorie wie eine feierliche Parade zu Ehren des Fortschritts und der kulturellen Evolution anmutet, dann ist Luhmanns Theorie eine groteske Prozession. Schon im Mittelalter stellten die Narren den würdevollen Festzügen des Adels und Klerus ihre eigenen grotesken Prozessionen gegenüber.
Luhmann verwendet selber oft Begriffe, die eher aus dem Bereich der Kunst stammen als der Wissenschaft, spricht von "Theorieästhetik" und "Theoriedesign", begründet Definitionen von Begriffen "theoriebautechnisch", so als gänge es ihm vor allem um eine möglichst runde, gut gebaute Theorie-Konstruktion, weniger um eine angemessene Beschreibung der Realität. In seinem letzten Buch "Die Gesellschaft der Gesellschaft" entschuldigt sich Luhmann sogar beim Leser, weil er "ohne Rücksicht auf Theorieästhetik" einen zusätzlichen Abschnitt einfügen muss, und in seinen Studien zur "Politik der Gesellschaft" wird, so mutmaßt Walter Reese-Schäfer, "um der Pointe willen eine ganze Diskussionstradition (...) in empirieferner Weise einfach beiseite geschoben".
Selbst hartnäckige Luhmann-Gegner wie Max Haller – "Eine spekulative Theorie dieser Art muß sich letztlich (...) als unbrauchbar erweisen" – bewundern und loben Luhmanns Phantasie, Witz, Originalität und Sinn für Theorie-Ästhetik: "Aus dieser Perspektive, erscheint auch die (...) Haltung Luhmanns, theoretische Begriffe ‚versuchsweise anzuwenden‘, ‚auszuprobieren‘ usw. in einem positiveren Licht. Gerade der Wissenschaft scheint eine Haltung angemessen zu sein, die nicht alles für bare Münze oder tierisch ernst nimmt."
Haller vergleicht dann den Charakter von Luhmanns Theorie mit Hermann Hesses "Glasperlenspiel", indem er aus Hesses Roman zahlreiche Stellen zitiert, und stellt erstaunliche Ähnlichkeiten fest:
Der ungeheure Aufwand, den Luhmann mit seinem "serial treatise" veranstaltet, (ist) im Grunde nicht anders zu beurteilen als ein begrifflich-theoretisches "Sprachspiel", dessen Zweck darin liegt, die soziale Realität, so wie sie der Systemtheoretiker selbst wahrnimmt, mit Hilfe eines vorgegebenen Schemas zu reinterpretieren, bzw. – genauer formuliert – eine bestimmte Art selbsterfundener geistiger Realität zu erschaffen. (...) Es scheint eine ganze Reihe von Parallelen zwischen dem "Glasperlenspiel" und Luhmanns Systemtheorie zu geben. Die erste betrifft die Tatsache, dass es sich (auch) beim Glasperlenspiel um eine rein formale Übung oder Tätigkeit handelt. Hesse beschreibt nie ganz genau, worin das Glasperlenspiel wirklich besteht, obwohl er darlegt, dass es vor allem aus der Musik und der Mathematik hervorgegangen ist.
Haller vergleicht dann Gestaltung und funktionalen Aufbau der Systemtheorie mit Figuren aus der Musikwissenschaft, dem Kontrapunkt – die "strenge Gegeneinanderführung zweier Stimmen", die "Umkehrung, in der ein Hauptthema gegenläufig zu einer Vorwärtsbewegung gebracht wird oder den doppelten Kontrapunkt", und schließt dann: "Als Höchstform des Kontrapunkt gilt die Kunst der Fuge, wie sie Händel und Bach im Spätbarock zur Vollendung gebracht haben."
Walter Reese Schäfer spricht von "gläsernen Kathedralen der Theoriearchitektur." - Es ist diese abgefahrene Mischung aus anything goes, Technizismus und Ewigkeitsperspektive, die den stilistischen Reiz der Luhmann-Theorie macht. Seine Gegner fühlen sich häufig von seiner heiteren Gleichgültigkeit provoziert, seiner artifiziellen, kalten Sprache und der demonstrativen Ablehnung jeglichen Engagements für Weltverbesserung. Christian Sigrist charakterisierte 1989 den Luhmann-Sound: "Super-clean-Bereiche in Fabriken, akustische Isolation samt Sicherheitszonen in Funkhäusern und Hochsicherheitstrakte sind typische Ausprägungen dieser Tendenz zur sensorischen Deprivation, zu der Luhmanns Texte über weite Strecken das sprachliche Äquivalent bilden." Der Lyriker Thomas Meyer produziert in seinen Gedichten einen ähnlich technizistisch-lakonischen Ton: "noch stunden danach / das nachleuchten des himmels / nach dem kälteunfall / das fahrzeugsterben in den straßen / schwarz-weiß gefroren / fallen wir hinter die gruppe zurück." – Und natürlich Doktor Gottfried Benn: "O dass wir unsere Ururahnen wären. / Ein Klümpchen Schleim in einem warmen Moor. / Leben und Tod, Befruchten und Gebären / glitte aus unseren stummen Säften hervor."
Als Kunstwerk ist Luhmanns Theorie überwältigend; doch es stellt sich ernsthaft die Frage, ob sie auch als sozialwissenschaftlich Arbeit ernst zu nehmen ist? Trotz aller Freude am ironischen Sprachspiel und einer gut gebauten Theorie, möchte Luhmann zuletzt natürlich nicht als Künstler verstanden werden, sondern als Wissenschaftler, und auch Max Haller schränkt seine Analogien mit Hesses "Glasperlenspiel", Händel und Bach am Ende ein: "Ich möchte den Vergleich (...) nicht so verstanden wissen, als ob es sich bei diesem Ansatz um ein Unternehmen handeln würde, dem überhaupt kein wissenschaftlicher Wert zukäme. Dagegen spricht schon die Tatsache, dass Luhmann ohne Zweifel ein äußerst belesener, herausragender und brillanter Autor ist." Man wird Luhmann nicht gerecht, wenn man ihn als reinen Gedanken-Virtuosen und Theorie-Akrobaten begreift. Dagegen spricht auch, dass er durch seine Ausbildung als Jurist, Arbeiten in Politik und Verwaltung und beim Aufbau einer neuen Hochschule, als Berater von Wirtschaftsunternehmen und nach dem frühen Tod seiner Frau 1977 als alleinerziehender Vater von drei Kindern, zumindest über etwas Millieukenntnisse und Lebenserfahrung verfügt, um auch einiges an Empirie in die Theorie fließen zu lassen.
In seinen Büchern finden sich immer wieder phänomenlogische Passagen, z.B. über das Recht oder über die Liebe, in denen er einen vortheoretischen Blick auf die Dinge kultiviert, ohne sie sofort in sein Systemschema einzuordnen. Allerdings ist das Verhältnis von Empirie und Theorie weder so, dass aus einer möglichst unvoreingenommenen Betrachtung der Realität die theoretischen Sätze gleichsam herausmassiert werden, noch werden die theoretischen Sätze in prüfbare Aussagen umformuliert und durch Beobachtungen gestützt oder widerlegt. Der wissenschaftliche Erkenntniswertwert liegt darin, die abstrakten Sätze der Systemtheorie als eine Art Struktur zu benutzen, die in der Konfrontation mit der Realität "sich in Form von Ereignissen ihre Mittel und Ergebnisse schafft", und somit Erkenntnisse produziert, indem sie den eigenen Blick auf die Welt systematisch verfremdet.
Was bedeutet das? - Heinz Abels betont eine grundlegende Schwierigkeit der Soziologie, die es meistens mit scheinbar selbstverständlichen und alltäglichen Dingen zu tun hat, zu denen man erstmal eine gewisse Distanz gewinnen muss, bevor man sie überhaupt sehen und hinterfragen kann. Entsprechend gehört es zu den ersten Aufgaben eines Soziologen, diese Distanz herzustellen. Es geht darum, "sich mit dem Vertrautesten, Alltäglichsten und Banalsten zu beschäftigen und darin Ungewöhnliches, Abenteuerliches und Erregendes zu entdecken." Erving Goffman war darin ein Meister, dem der verfremdende Blick quasi bereits im Blut lag, denn vor seinen Augen verwandelten sich alle Menschen in Schauspieler, die auf der Bühne der Welt ihre je eigenen Selbstbilder vertreten – und so konnte er schön beobachten, mit welchen Tricks, Methoden, unausgesprochenen Regeln etc. sie dies versuchen. Theodor W. Adorno beobachtete überall gebrochene Persönlichkeiten, die in der Gesellschaft wie Maschinen funktionieren und tapfer lächelnd, ohne es selber zu merken, an ihrer eigenen Instrumentalisierung leiden (der traurige Ausdruck in den Augen der Menschen, vom gesellschaftlichen System zu bestimmten Lebensweisen gezwungen zu werden und nicht vollständig Herren des eigenen Wollens zu sein, muss ihn sehr verstört haben), während Habermas überall Menschen sah, die gegenseitig Verständnis für ihre Situationen erwerben wollen (Sein allgemeinster Impuls für alle Fälle dürfte lauten: "Man muss halt mit den Menschen reden." Egal ob Krieg, Umweltzerstörung oder Vernichtung des Regenwaldes, "man muss halt mit den Leuten reden!") Und Luhmann? Für Luhmann sind wir alles kleine Systeme, die sich gegenseitig anstoßen und irritieren, während die gesellschaftlichen Institutionen ebenfalls kleine (oder auch größere) Systeme darstellen. Er hat die Systemmacke. Egal ob Schulen, mittelalterliche Päpste oder Weltraunmforschung - viele, kleine oder auch größere autopoietische Systeme, die sich reproduzieren, ihre Elemente selbst erzeugen und strukturell koppeln. Ich werde im zweiten Teil genauer zeigen, wie genau Luhmann sich das denkt. An dieser Stelle ist es erstmal wichtig, das Projekt gegenüber den Leuten zu verteidigen, die es bloß für ein originelles und hübsches, aber wissenschaftlich sinnloses Glasperlenspiel halten. Ihnen sei erwidert, dass der Erkenntnisnutzen von Luhmanns Projekt in der systematischen Konstitution eines verfremdenden Blicks liegt, der uns Aspekte, Seiten, latente Strukturen, Funktionen in der Gesellschaft sehen lässt, die sonst verborgen blieben.
Ich habe hoffentlich gezeigt, wie und warum Luhmann faszinierend, gefährlich oder bekloppt wirkt – und damit ein bißchen angedeutet, woher seine schillernde Aura rührt, was für ein Image er verströmt. Damit wollte ich vor allem zeigen, dass die typischen Standpunkte seiner Anhänger, seiner Gegner wie auch seiner Ignoranten, jeweils zu kurz greifen und Luhmanns Werk nicht wirklich treffen: die von den Jüngern behauptete "Universalität" und "Reichweite" der Theorie entpuppte sich als Illusion ihrer hermetischen Konstruktion, und die "heitere Gelassenheit" mochte in den hitzigen 70er und 80er Jahren ideologischer Grabenkämpfe wohltuend amoralisch wirken, muss im 21sten Jahrhundert sich indes erst noch auf seine Realitätstauglichkeit testen lassen. Indes ist der von den Gegnern behauptete "Antihumanismus" eine Folge der Fokussierung gesellschaftliche Teilsysteme, die in ihrem Eigenleben betrachtet werden, und für Luhmann eigentlich sogar ein Humanismus, da er den Menschen nicht mehr als Produkt der Gesellschaft versteht. Der von Habermas vorgeworfene "Metabiologismus" ist weder in der Lage ist, eine Parteinnahme für irgendeine bestimmte soziale Ordnung zu begründen noch eine technizistische Welthaltung zu befördern. Drittens trifft auch Hallers Vorwurf des "Glasperlenspiels" nicht wirklich, wenn man die zahlreichen empirischen Bezüge in Luhmanns Werk sieht. Es scheint so, als würden all diese Leute Luhmanns Theorie einseitig verzerrt wahrnehmen und dann – aus ihrer jeweiligen Sicht - bejubeln, verteufeln oder als völlig idiotisch abtun.
Das alles erklärt bisher also nur, inwiefern Luhmanns Image eine eigenartige Mischung aus erleuchtetem Guru, kühlem Techniker und ästhetischem Clown verkörpert, indes noch sehr wenig über die eigentliche Qualität seiner Theorie. Es erklärt noch nicht wirklich, warum wir uns überhaupt weiterhin mit ihm beschäftigen sollten?