Benutzerspezifische Werkzeuge
Artikelaktionen

Die Kraft des Systems

erstellt von Thomas Nöske zuletzt verändert: 22.05.2007 07:16

Theorie-Systeme besitzen eine besondere Konsistenz und damit eine gewisse Überzeugungskraft. Sie können alles erklären. Gleichzeitig immunisieren sie sich gegen Widersprüche. Durch ihre Brille erscheint alles gleich.

Ich möchte zuerst die typischen Standpunkte der krassen Fans, der Gegner und der Leute, die Luhmann für einen abgefahrenen Spinner halten, untersuchen. Dabei möchte ich zeigen, dass ihre Argumente jeweils zu kurz gedacht sind und Luhmanns Projekt insgesamt nicht gerecht werden. Dies erscheint mir sinnvoll, damit sie uns nicht mehr im Kopf herumspuken und wir uns dann den eigentlichen inhaltlichen Fragen widmen können. Zuerst zur Faszination: Luhmanns Anhänger betonen oft die Kühnheit seines Projekts, eine einzige Theorie zur Erklärung der ganzen Welt zu basteln. Sie bewundern ihre Reichweite und Leistungsfähigkeit, einerseits auch für ungewöhnliche Phänomene zu passen, andererseits im Kern konsequent konsistent zu bleiben. Luhmanns Theorie sei die einzige Gesellschaftstheorie, meinen sie, die der modernen Gesellschaft gewachsen ist, einer globalen, pluralistischen, spezialisierten, chaotischen und dynamischen Hochleistungsgesellschaft. Außerdem wird Luhmanns Phantasie und Originalität bewundert, immer wieder für eine Überraschung gut zu sein und die verschiedensten Phänomene wie Liebe, Protest, Kunst, Politik, Armut, Reue, Versprechen etc. mit nur einer einzigen Theorie zu erklären.

Indes: die ganze Welt aus einer Handvoll abstrakter Prinzipien erklären - geht das nicht mit jeder Theorie? Jeder, der sich einmal intensiver mit einer Theorie oder philosophischen Strömung beschäftigt hat, kennt das Erlebnis, wie die Vielfalt der Phänomene plötzlich zusammenschrumpft und sich vor seinem Blick als bloße Variationen eines einzigen allgemeinen Prinzips zeigt. Das kann man bei der Beschäftigung mit der Psychoanalyse erleben wie mit dem Marxismus, beim Existentialismus wie mit humanistischen Lehren, dem Behaviorismus oder der Bibel. Zu allen Ereignissen hat man eine Erklärung aus dem Fundus der eigenen Weltanschauung rasch bei der Hand. "Wir können alles erklären!" das können die Zeugen Jehovas auch sagen. Dabei handelt es sich wohl weniger um ein echtes Kriterium für Universalität als vielmehr um ein typisches Merkmal für die Eingängigkeit einer Lehre, wie gut man sie verinnerlichen und reproduzieren kann und wie hermetisch sie das Bewusstsein ihrer Jünger okkupiert. Das Argument: "Luhmanns Theorie ist stark, denn mit ihr lässt sich alles erklären", besagt also eigentlich nicht mehr als: wenn Du seine Theorie richtig verinnerlicht hast, kannst Du zu allem was sagen. In dieser Position, das ergibt sich, fühlt man sich freilich auch der ganzen Welt theoretisch gewachsen.

Arthur Schopenhauer wies bereits 1818 darauf hin, dass kontinuierliches Denken automatisch zur Systemform führen muss. Lässt man dem Denken seinen Lauf, mündet es mit der Zeit ganz von allein im System, weil jede Antwort weitere Fragen nach sich zieht, jeder Gedanke mit anderen Gedanken abgewogen werden muss, Fragen und Antworten sich mit der Zeit zusammenschieben, einander gegenseitig stützen und dadurch an Härte und Konsistenz gewinnen. Dagegen muss ein antisystemisches Denken, wie Adorno oder Nietzsche es anstrebten, sich schon aktiv der Systembildung verweigern und vielmehr gegenüber allen möglichen Gedanken offen bleiben. Jede Erfahrung als einmalig verstehen, unverknüpfbar mit anderen, und die Einheit des Denkens als einen Fluch verabscheuen. Die "Kraft des Systems", wie Adorno es nannte, ergibt sich aus seiner fesselnden Ausstrahlung, seiner Fähigkeit, auf alle Fragen zumindest in sich schlüssige, passende und konsistente Reaktionen parat zu halten, sowie seiner Härte, in der Konfrontation mit der Realität undurchsichtige Phänomene zu knacken.

Max Haller bringt den erhellenden Hinweis, dass Luhmann den Begriff des "Erklärens" anders versteht als die empirischen Wissenschaften. In den herkömmlichen Wissenschaften müssen das Phänomen, das erklärt werden soll, seine konkreten Randbedingungen, sowie das allgemeine Gesetz, das zur Erklärung zitiert wird, "empirischen Gehalt" haben. Wenn man zum Beispiel als hauptsächlichen Faktor für die Kulturrevolution von 1968 den steigenden Wohlstand angibt, dann könnte das allgemeine Gesetz zur Erklärung etwa lauten: wenn der Mensch alle materiellen Sorgen gelöst hat, widmet er sich sozialen Fragen; und man müsste dann aus den Daten aus der 68er Zeit herausarbeiten, inwieweit die Neigung zu idealistisch motivierten Auseinandersetzungen mit dem materiellen Wohlstand korelliert. Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Ob die These stimmt oder nicht; jedenfalls ist sie ein Beispiel für den "empirischen Gehalt" in einer Theorie – wenn wir selber kein Gefühl dafür hätten, wie es ist, satt ins philosophieren zu kommen oder von der "Not durchs Leben getrieben" zu werden, würde uns die These vom Wertwandel durch Wohlstand auch nichts sagen.

Dagegen bei Luhmann "ist ‚Erklären‘ offenkundig zu verstehen als ein Interpretieren der sozialen Realität: Die Gesellschaft wird eben ‚aufgefaßt‘ als differenziert in Teilsysteme, von diesen wird angenommen, dass sie unterschiedliche Funktionen haben und aus dieser Annahme folgt sodann, dass es zwischen dem wirtschaftlichen und anderen Teilsystemen der Gesellschaft Unterschiede und Ähnlichkeiten gibt." In ihrem Hauptwerk "Vita Activa" beschreibt Hannah Arendt den Gegensatz zwischen einem kontemplativem Weltbild, dem eine theoretisch möglichst unvoreingenommenen Erfahrung vorausgeht, und einem ganz anderen Weltbild, das dem technischen oder naturwissenschaftlichen Herstellen entspringt. "Herstellen" hier freilich mit der Bedeutung: etwas aus theoretischen Prämissen ableiten, das Weltbild aus Axiomen konstruieren etc. Letzteres folgt dem Bedürfnis, das gesamte Universum auf eine Formel hin durchzumustern und damit ein abstraktes Erkenntnisprinzip durch fortlaufende Anwendung immer wieder in die Welt hinein zu reproduzieren. Heinz von Foerster unterscheidet den kontemplativen vom activen Standpunkt so: "Die beiden maßgeblichen beiden Fragen heißen: ‚Bin ich vom Universum getrennt? Das heißt, wenn immer ich schaue, so schaue ich wie durch ein Schlüsselloch auf das sich entfaltende Weltall.‘ Oder: ‚Bin ich Teil des Universums? Das heißt, wenn immer ich handle, verändere ich mich und das Universum mit mir.‘" Und Hannah Arendt schreibt:

Das einzige, was die aus Wissenschaft entwickelte Technik wirklich zu beweisen scheint, ist, dass die im Experiment hypothetisch vorweggenommene Welt jederzeit zu einer wirklichen Welt werden kann, was zwar besagt, dass die praktischen Vermögen des Menschen, das Vermögen, zu handeln, herzustellen, ja sogar Welten zu erschaffen, unvergleichlich größer und mächtiger sind, als irgendein vergangenes Zeitalter zu träumen wagte; was aber andererseits leider auch heißt, dass die volle Ausnutzung gerade seines weltschaffenden Vermögens den Menschen in das Gefängnis seiner selbst, seines eigenen Denkvermögens verweist, ihn unerbittlich auf sich selbst zurückwirft, ihn gleichsam in die Grenzen seiner selbst-geschaffenen Systeme sperrt.

Wenn wir ihre Rede auf die Luhmann-Jünger beziehen, dann hieße das etwa: allein die Tatsache, dass Luhmann eine Theorie gebaut hat, mit der er die ganze Welt neu durchmustern und alle sozialen, gesellschaftlichen Erscheinungen transformieren kann, heißt gar nichts; denn damit demonstriert er nur, wie vielseitig anwendbar und wie hermetisch und fesselnd seine Theorie ist, aber nicht, wie gut sie zur Realität passt.

Man hat bei der Luhmann-Lektüre tatsächlich das Gefühl, die ganze Welt theoretisch zu neutralisieren, kleinzustampfen und einfach in die Tasche zu stecken, freilich ohne sich allzu weit oder für längere Zeit vom eigenen Schreibtisch zu entfernen. Mehrere zigtausend Buchseiten in dreißig Jahren, "Luhmann schrieb wie ein Erleuchteter" (Der Spiegel), so als hätte er einen Trick entdeckt, den andauernden Bewusstseinsstrom, der uns allen permanent durch den Kopf rauscht, direkt aufs Papier fließen zu lassen. In einem Interview sagt er:

"Wenn ich nichts weiter zu tun habe, dann schreibe ich den ganzen Tag (...). - Ich muss ihnen sagen, dass ich nie etwas erzwinge, ich tue immer nur das, was mir leichtfällt. Ich schreibe nur dann, wenn ich sofort weiß, wie es geht. Wenn ich einen Moment stocke, lege ich die Sache beiseite und mache etwas anderes." - "Was machen Sie dann?" - "Na, andere Bücher schreiben natürlich. Ich arbeite immer gleichzeitig an mehreren verschiedenen Texten. Mit dieser Methode habe ich nie Blockierungen."

Die feine Ironie des "Spiegel"-Artikels liegt freilich darin, dass dem wahrhaft erleuchteten Menschen gemeinhin eher Schweigsamkeit und Sparsamkeit mit Worten zugeschrieben wird, während ungebremster Rede- oder Schreibfluss als typische Eigenschaften des Neurotikers gelten, der einfach nicht auf den Punkt kommen, seine letzten Worte einfach nicht finden kann. Luhmann ist auch ein großer Assimilator, der alles, was vor und neben ihm gedacht wurde, verwurstet und in die eigene Theorie integriert, als handle es sich bei sämtlichen Denksystemen der Geistesgeschichte um nur vorläufige Zwischenstufen auf dem Weg zu seiner Supersupertheorie. "Seine Universaltheorie beschreibt, wie Systeme funktionieren, egal ob in Wirtschaft, Kunst, Psyche oder Recht. Er schrieb über alles. Über Minnesang, Kostenrechnung und Geißeltierchen. Seine Theorie passte immer."

Gewiss bemüht er sich redlich, der Komplexität und Vielfalt der Realität theoretisch gerecht zu werden, gleichzeitig saugt seine Theorie sie auf wie ein Schwamm und macht sie damit kompakt. Am Ende liegen rund 3.000 Jahre Geistesgeschichte wie aktuelle Probleme der Weltgesellschaft inklusive der großen Rätsel nach dem Ursprung von Sprache und Bewusstsein, Individualität, Fortschritt, Demokratie, Politik und Liebe fein zusammengefaltet vor einem wie einem gebügeltes Oberhemd. Die ganze Welt wird theoretisch verdoppelt und steckt fast komplett nocheinmal in seinen Büchern. Doch wer gesellschaftliche Entwicklungen in Jahrhunderten bedenkt, kann sich nicht mit irgendwelchen Details, sagen wir, dem Unterschied von "Macht" und "Gewalt" in der politischen Theorie befassen.

Ich stelle jetzt mal ganz grob folgende Behauptung auf: Luhmanns Gesamtwerk besteht zu rund einem Drittel aus hochabstrakten Aussagen über Systeme im Allgemeinen. Da geht es um operative Geschlossenheit, Austausch von Informationen, Generation von Elementen, strukturelle Kopplung und Interpenetration; was bedeutet zum Beispiel das Komplexitätsgefälle zwischen einem System und seiner Umwelt für die innere Ausdifferenzierung? - ist doch logisch: jedes System muss sich intern ausdifferenzieren, um auf Irritationen durch eine überkomplexe Umwelt angemessen reagieren zu können, und so weiter und so fort. Ich werde darauf im 2ten Teil näher eingehen. Das ist der harte Kern seiner Schriften, der immer gleich bleibt, handelt das jeweilige Buch konkret auch von Liebe, Politik, Erziehung, Massenmedien, Ökologie oder Gesundheit.

Das zweite Drittel seines Gesamtwerks handelt dann von Versuchen, die hochabstrakten Systemgesetze auf reale Beobachtungen und Phänomene der wirklichen Welt zu beziehen. So nennt er Menschen bei sich psychische Systeme; diese psychischen Systeme arbeiten im Medium des Bewusstseins, und ihre Elemente heißen: Sinn. Darum heißen sie auch: sinnverarbeitende Systeme. So baut Luhmann allmählich Brücke für Brücke zwischen den allgemeinen, hochabstrakten Systemsätzen und der wirklichen Welt. Das dritte Drittel in Luhmanns Gesamtwerk widmet sich dann erst den eigentlich konkreten Fragen der Soziologie, zum Beispiel nach der Funktion der Massenmedien für die Kultur oder die Bedeutung der Politik für die Arbeitslosigkeit, also den Fragen, um die es eigentlich gehen soll. Da erscheint er dann mitunter eigenartig arrogant, weil es ihm letztlich doch stets mehr um seine Supersupertheorie als um die konkreten Phänomene geht, was er im Vorwort zu seinem Buch über "Kunst" frech zugibt: "dass überhaupt von Kunst die Rede ist, liegt nicht an besonderen Neigungen des Verfassers für diesen Gegenstand, sondern an der Annahme, dass eine auf Universalität abzielende Gesellschaftstheorie nicht ignorieren kann, dass es Kunst gibt."

Manchmal ist er in seiner blinden Überzeugung, Kraft des Systems allwissend zu sein, auch unfreiwillig komisch, z.B. wenn er in seinem Buch über die Wirtschaft behauptet, für seine Themen "existierten wirtschaftswissenschaftliche Beiträge nicht oder nur in unverständlichem Zustand." – wenn er in seiner ureigenen, völlig trockenen, überheblichen Art konstatiert, "für Soziologen (sei) es schwierig zu erkennen, was Ökonomen meinen, wenn sie von ‚Markt‘ sprechen" - oder eher seiner beiläufig sarkastischen Art kommentiert, in ökonomischen Theorien bedürfe das Geld "offenbar keiner weiteren Reflexion."

Kein Wunder, dass der Wirtschaftswissenschaftler Jürgen Kaube spürbar unwirsch reagiert: "die Erklärung, nicht fündig geworden zu sein, wird angesichts der Tatsache, dass insbesondere Preistheorie, Markttheorie, Kapitaltheorie und Geldtheorie seit fünfzig Jahren im Zentrum mikro- und makroökonomischer Diskussionen stehen, zur Frage nach der Art, wie gesucht wurde. Es wäre, als behauptete einer, für Soziologen sei es schwer zu erkennen, was Juristen unter Gesetz verstehen, die Unterscheidung von Legitimität und Legalität sterbe mit Max Weber ab, die Bedeutung von Richtern bedürfe für Rechtswissenschaftler anscheinend keines weiteren Nachdenkens und in der Diskussion von Strafnormen sei juristische Literatur für Soziologen nicht wirklich einschlägig!"

Ich breche den Streit an dieser Stelle ab. Die Aussage: "Wir können alles erklären!" haut offenbar nicht hin.

Das nächste Argument lautet, Luhmanns Theorie sei eine heilsame Zurückweisung aller größenwahnsinnigen Ansprüchen, eine Gesellschaft kontrollieren zu wollen, die sich zufällig und chaotisch entwickelt und nicht kontrollieren lässt. Motto: Aufregung nützt gar nichts - die Gesellschaft entwickelt sich eh wie sie will. Sein Schüler Dirk Bäcker sieht hierin sogar eine vierte Kränkung des Menschen in der Geschichte der Aufklärung, "nachdem Kopernikus den Menschen nicht mehr in der Mitte des Kosmos sieht, Darwin nicht mehr als Krone der Schöpfung, Freud nicht mehr als Herr im eigenen Haus und Luhmann nicht mehr als Element der Gesellschaft" – die Kränkung bezieht sich offensichtlich auf ein aufgeblähtes Ego des Menschen, der sich selbst als auserwähltes Wesen wähnt, seine Fähigkeiten überschätzt etc. Doch macht es schon den Wert einer Theorie aus, wie sehr sie den Menschen kränkt?

Kopernikus, Darwin, Freud, Luhmann – sollen also die vier großen Ernüchterer der Menschheitsgeschichte sein. Doch mit jeder dieser Enüchterungen ging paradoxerseise zugleich ein Zuwachs an Umsicht und Sensibilität für das Problem einher. Kopernikus sagt: die Erde ist nur ein winziger Planet, der sich um die Sonne dreht, heißt auch: wir dürfen uns nicht Aufführen wie die Herrscher des Universums. Darwins Satz: der Mensch ist auch nur ein Tier, bedeutet auch: wir sollten uns bilden und die Kultur pflegen. Freuds Erkenntnis: das Bewusstsein wird vom Unterbewussten beherrscht, beinhaltet: öffnet Euren Geist und nehmt die verdrängten Anteile wahr. So gesehen ist jeder Schritt der Kränkung zugleich ein Schritt der Erkenntnis, und diese Erkenntnis soll dem Menschen ein Bewusstsein für eine prekäre Angelegenheit geben, die er illusionärerweise als längst entschieden wähnte, einen Gewinn an Problem-Bewusstsein ermöglichen. Auf die Kränkung folgt die Kraft. Entsprechend müsste Luhmanns Behauptung: die gesellschaftliche Entwicklung liegt nicht in unseren Händen, darauf hinauslaufen: wir müssen wieder lernen, unsere komplexe, aus den Fugen geratene Gesellschaft zu lenken.

Wir werden später sehen, ob und wie weit Luhmanns Theorie dazu in der Lage ist. Jedenfalls können wir die heitere Gelassenheit allein nicht bewundern. Das Ziel der Wissenschaft ist nicht heitere Gelassenheit - so wenig wie sie auf der anderen Seite einen ungehemmten und größenwahnsinnigen Aktionismus befördern soll. Natürlich hat jeder Denker sein ganz persönliches Temperament, eher aktiv, eher passiv, eher moralisierend, eher tolerant, aber was sagt das über den Wert einer Theorie? Ich glaube auch, dass Nihilismus unter Umständen eine ganz gute Voraussetzung für einen realistischen Blick sein kann, für eine Art nihilistischen Realismus. Allerdings wäre dann der Nihilismus nur ein Mittel zum Zweck der Erkenntnis, kein Wert an sich. Sachlich geboten wäre eine soziologische Theorie, die ihre Grenzen kennt, innerhalb ihrer Möglichkeiten aber auch in der Lage ist, auf gesellschaftliche Entwicklung positiv einzuwirken. Der Nihilismus müsste in einem Realismus münden, und der Realismus widerrum in einem Pragmatismus, so dass die zuerst verabschiedete Utopie gesellschaftlicher Einflussnahme doch wieder wahrscheinlich wird.