Der Blick vom Mond
Die Systemtheorie überträgt also Regeln und Gesetze des biologischen Lebens auf die Gesellschaft, so dass Institutionen wie die Wirtschaft, Politik, Justiz, Kunst etc. mit Eigenschaften organischer Lebewesen versehen werden, etwa einem eigenem Überlebensinstinkt, eigener Entwicklungslogik etc. Die Systemtheorie zieht sich dann auf einen möglichst entfernten, gleichmütigen Beobachterstandpunkt zurück und beobachtet das Geschehen auf der Erde aus kosmischer Distanz.
Hannah Arendt kritisiert diesen Standpunkt als einen Blick vom Mond: Es zeigt sich, "dass alle menschlichen Tätigkeiten, wenn man sie nur von einem genügend entfernten Standpunkt, also dem Standpunkt eines archimedischen Punktes im Universum, ansieht, nicht mehr als Tätigkeiten in Erscheinung treten können, sondern zu Prozessen werden. So würde sich z.B., wie ein Naturforscher kürzlich gemeint hat, die moderne Motorisierung wie ein biologischer Mutationsprozeß ausnehmen, in dessen Verlauf der menschliche Körper sich schneckenartig mit einem Metallhaus umgibt."
Man kann sagen, dass Luhmanns Theorie den gesellschaftlichen Systemen ein parasitäres, quallenhaftes Eigenleben gegenüber den Menschen und eine erstaunliche Selbständigkeit zugesteht, sich unabhängig von den Menschen, sogar gegen ihre Interessen zu organisieren. Die gesellschaftlichen Systeme sind geradezu ekelhaft lebendig. Dies hat Luhmann den Vorwurf des "Antihumanismus" eingetragen. So wieder Jürgen Habermas, der philosophisch versierteste Luhmann-Kritiker: "Tatsächlich richtet sich dieser methodische Antihumanismus (...) gegen ein ‚Humanitätsanliegen‘ (...); ich meine das ‚Anliegen‘, die moderne Gesellschaft so zu konzeptionalisieren, dass für sie die Möglichkeit, im ganzen normativ Abstand von sich zu nehmen und in höherstufigen Kommunikationsprozessen der Öffentlichkeit Krisenwahrnehmungen zu verarbeiten, nicht schon durch die Wahl der Grundbegriffe negativ präjudiziert wird." Offensichtlich bedeutet für Habermas "Humanität" der Anspruch, gesellschaftliche Institutionen nach den menschlichen Bedürfnissen zu gestalten. Der Mensch soll also, wenn zwar nicht das Maß aller Dinge, so doch wenigstens das Maß einer menschlichen, vernünftigen gesellschaftlicher Ordnung sein.
Eigentlich ein verständlicher Wunsch, und Luhmann würde diesem Anliegen im Kern wohl auch gar nicht widersprechen; natürlich findet auch er es besser, wenn Friede herrscht und kein Krieg, alle genug zum Essen haben etc. Allerdings schränkt er solche Forderungen an mehreren Stellen scharf ein. Zum einen möchte er zunächst die Welt analysieren wie sie eben gerade ist und sich bei seinem nüchtern-analytischen Blick auf die Gesellschaft von keinen humanistischen Anliegen stören oder beeinflussen lassen. Die Realität ist eben nicht humanistisch, und darum sollen keine frommen Wünsche die Sicht verklären. Wir haben das schon in ähnlicher Weise im Fall der "heiteren Gelassenheit" diskutiert.
Vor allem stellt sich der Humanismus für Luhmann indes nicht als moralisches, sondern als theoretisch-konzeptionelles Problem, denn: "Der konkrete Mensch (besteht) ja nicht aus Kommunikation, sondern aus lebenden Zellen, aus Bewußtsein, aus einem Gehirn, aus Hormonsystemen und allen möglichen Sachen, die wir heute gut kennen. Aber man kann natürlich nicht sagen, dass der Mensch aus Kommunikation besteht. Das heißt, er ist nicht Teil der Gesellschaft." Ein so verstandener Anti-Humanismus ist für Luhmann eigentlich der wahre Humanismus, weil er den Menschen aus der (theoretischen) Umklammerung durch die Gesellschaft entlässt. Der Mensch ist der Gesellschaft nicht verfallen, er wird nicht zum stumpfen Produkt seiner Verhältnisse, wie es die marxistische Theorie oder die kritische Theorie meint, sondern bewegt sich von Natur aus in einer Art vornehmer Distanz zu den kulturellen Werten und Normen, Institutionen und sozialen Mechanismen, die ihn umgeben. In dieser Art natürlichen Entfremdung liegt für Luhmann die Freiheit. Auf der anderen Seite lässt sich Gesellschaft nicht von menschlichen Wünschen und Bedürfnissen her konstruieren, kein Konsens vermag das, sodern sie entwickelt sich in ihren eigenen evolutionären Prozessen, die menschlichem Handeln im Kern unzugänglich bleiben. Der einzelne Mensch gilt Luhmann prinzipiell autonom, und die Gesellschaft bildet seine Umwelt, die sich nach ihren eigenen Regeln und Mustern reproduziert und entwickelt.
Luhmanns Problem sind also weniger die humanistischen Werte an sich (obwohl er an denen auch viel zu nörgeln hat), sondern eher, dass sich die Funktionen, Regeln ... der gesellschaftlichen Systeme nicht ohne weiteres über die humanistischen Werte definieren lassen. "Antihumanismus" bedeutet für ihn lediglich, dass der Mensch von der Gesellschaft nicht vollständig determiniert wird und auch seinerseits nicht die Gesellschaft determinieren kann, sondern ihr eher distanziert und entfremdet gegenübersteht wie dem Kosmos und der Natur. Das ist ein ungewohnter Gedanke, weil er den Begriff der Gesellschaft von dem des Menschen trennt und unterstellt, man könnte quasi die Gesellschaft vom Menschen isoliert betrachten; etwa so wie man eine ausgestorbene Stadt betrachtet: die Strukturen der Häuser, Straßen und Plätze bilden eine eigene Ordnung, deren konkrete Form und Logik man auch betrachten kann, ohne das Leben ihrer ehemaligen Bewohner mitzubedenken.
An dieser Stelle haken seine Kritiker ein und sagen: "Niklas Luhmann? – bringt uns gar nichts!" Was im Leben wirklich wichtig ist, wird von ihm und seiner Theorie nicht begriffen, und das heißt: Alles, was das Leiden des Subjekts an der Gesellschaft betrifft. Fragen, wie die Gesellschaft den einzelnen Menschen isoliert, diszipliniert, missbraucht, entfremdet, instrumentalisiert, manipuliert, deformiert etc., prallen an Luhmanns theoretischer Konstruktion glatt ab, da er Gesellschaft ja quasi abgehoben von den Menschen analysieren möchte. Die Menschen: sie kommen in seiner Theorie einfach nicht vor!
Die spezifisch menschlichen Bedürfnisse sind nach Luhmann Sache der Psychologie, Philosophie oder Anthropologie, nicht der Soziologie. Sie handelt von gesellschaftlichen Mechanismen, die ihrer eigenen Entwicklungsgeschichte und Logik folgen. - Dagegen ist natürlich prinzipiell nichts zu sagen, außer eben: "Naja, aber dann wird’s doch sinnlos! Warum soll man überhaupt forschen, wenn nicht für den Menschen?! Auch andere, abstrakte Wissenschaften wie Physik, Chemie, Astronomie und Mathematik betreiben wir doch aus der Humanperspektive heraus, um uns selber zu helfen!"
Hier begreift sich Luhmann wohl als eine Art Grundlagenwissenschaftler, der an den theoretischen Fundamenten für die kommenden Generationen arbeitet und heute noch nicht absehen kann, für welche zukünftigen Probleme er die Voraussetzung ihrer Lösung schafft. Herauszufinden, ob und wie man gesellschaftliche Systeme analog zur bioorganischen Reproduktion operationalisieren kann, heißt: die Soziologie fit fürs 21ste Jahrhundert machen. Luhmann sinngemäß: vor mir bestand die Soziologie aus Wunschdenken, nach mir erst wird sie zur vollgültigen Wissenschaft! Vielleicht wird es eines Tages möglich, wenn wir die fatalen Regeln gesellschaftlicher Systeme und ihre Eigendynamik als von den Menschen unabhängig betrachten, sie so zu dressieren, einzurichten, zu justieren, dass sie eben nicht mehr so wirr um uns herumspuken, sondern endlich in unserem Sinn laufen!