Wie Luhmann die ganze Welt in die Tasche steckt
Der ästhetische Kick der "Leichtbauweise" von Luhmanns Theorie liegt sicherlich darin, dass sie bei aller Komplexität und Weite im Großen und Ganzen eigentlich mit einer einzigen logischen Operation auskommt: dem Eintritt der Unterscheidung in das durch sie unterschiedene...
Damit das Bild von Luhmanns seltsamer theoretischer Konzeption rund wird, bedarf es noch einer weiteren Anwendung, nämlich der Autopoiesis auf kulturelle Diskurse. Wir haben gesehen, wie Luhmann die Operative Schließung von Kommunikationsakten und gesellschaftlichen Prozessen zu operativ geschlossenen Systemen erklärt. Wir werden im nun folgenden Kapitel sehen, wie Luhmann mit seinem Ansatz ganze Weltanschauungen und Menschenbilder, Denksysteme und kulturelle Symboluniversen, Philosophien und Ideologien, Diskurse und öffentliche Meinungen etc. zuerst dekonstruiert, dann wieder rekonstruiert und so in seine eigene Supertheorie einfügt. Dafür fangen wir nochmal von vorne an.
Neben dem Modell des autopoietischen Systems ist Gregory Batesons Satz von dem Unterschied, der einen Unterschied macht, für Luhmanns Theorie zentral. Er zitiert ihn in seinem Gesamtwerk insgesamt ungefähr 158.493 mal. - "Eine Information ist ein Unterschied, der einen Unterschied macht." - Gregory Bateson hat diesen Satz der Grundlagenforschung geprägt. Er erklärt ihn am Beispiel einer Tafel, die ja im unbeschriebenen Zustand ebenfalls bloß eine schwarze Fläche ist.
Ein Selbstversuch: Wir schließen die Augen und fahren mit dem Finger über die Tafel und spüren – nichts. An einer Stelle liegt eine dicke Kreideschicht auf der Tafel. - "Damit habe ich auf der Tafel etwas ganz ähnliches wie den Buckel auf der Straße. Lege ich die Fingerspitze – einen tastempfindlichen Bereich – senkrecht auf den weißen Fleck, werde ich ihn nicht spüren. Streiche ich aber mit dem Finger über den Punkt, dann ist der Unterschied zwischen den Ebenen sehr auffällig. Ich weiß genau, wo der Rand des Flecks ist, wie weit er herausragt und so weiter."
Wir müssen den Finger permanent bewegen. Unsere Fingerkuppen spüren den Unterschied in der glatten Berührung der Tafel und der leicht poröseren Kreideschicht nur dann, wenn wir immer wieder über die "Kante" des Flecks streichen. Auch das Auge muss immer wieder über die Konturen der Dinge streifen, um sie zu erkennen. Aus diesem Grund "zittert" der Blick tatsächlich ständig um wenige Mikromilimeter, das Ohr kann Töne nur in Form von Schwingungen aufnehmen. Diese Erkenntnis wird durch den Begriff des "crossings" abstrahiert und meint: Grenzen müssen immer wieder gekreuzt werden, damit das Bewußtsein die Konturen, Formen ... von Dingen, Gedanken, Ideen ... erkennen kann.
Die Lehre von dem Unterschied, der einen Unterschied macht, beginnt also mit einer extrem einfachen naturwissenschaftlichen Beobachtung: alles, was wir überhaupt wahrnehmen können, sind Unterschiede. Ohne Unterschiede gäbe es überhaupt keine Wahrnehmung, wären wir blind. Auch der blöde Witz vom Bild: schwarzes Quadrat auf schwarzem Grund mag den Gedanken verdeutlichen. Ein schwarzes Quadrat auf schwarzem Grund können wir nicht sehen. Es muss ja wenigstens irgendetwas auf einem Bild zu erkennen sein, und sei es eben nur der leiseste Schimmer eines Punktes oder Strichs, damit sich das Bild vom Nicht-Bild unterscheidet. Und auch Kasimir Malewitsch berühmtes Gemälde "Schwarzes Quadrat auf weißem Grund" benötigt zumindest einen weißen Grund um das schwarze Quadrat, damit das schwarze Quadrat als schwarzes Quadrat überhaupt erscheint, sichtbar und wahrnehmbar wird. Sonst wäre es nichtmal ein schwarzes Quadrat, sondern nur schwarz, und das hieße dann: Nichts.
Wir wissen, daß das Territorium nicht selbst in die Karte geklebt wird. Das ist der zentrale Punkt, über den wir uns alle einig sind. Wäre nun das Territorium einförmig, so würden nur seine Grenzen in der Karte auftauchen, da sie die Punkte sind, an denen es gegenüber einer größeren Matrix gegenüber aufhört, einförmig zu sein. Was also in die Karte gelangt, ist in der Tat ein Unterschied, sei es ein Unterschied der Höhe, der Vegetation, der Bevölkerungsstruktur, der Oberfläche oder was auch immer. Was in die Karte kommt, sind Unterschiede.
Das Axiom ist so evident, dass wir es sogar an kleinen Kindern beobachten können. Als meine kleine Schwester damals mit sechs Monaten sprechen lernte, sagte sie: "Ich kann mich nicht unterscheiden", wenn sie meinte: ich kann mich nicht entscheiden. - Von hier aus unternimmt Luhmann einen Sprung gleich Stanley Kubrick am Anfang seines "2001"-Films, wenn der prähistorische Affe den Knochen als Keule entdeckt, in den Himmel schleudert – und dieser dann verwandelt in ein Raumschiff wieder zur Erde fällt, wenn er von der aller einfachsten und klarsten Aussage: "alles Erkennen beruht auf Unterschiede" in die weiten Sphären von Philosophie, Geistesgeschichte und Kulturtheorie springt.
Der Satz: "Beginne mit einer Unterscheidung", hat den Status einer ersten und letzten Aussage, vergleichbar mit dem biblischen "Am Anfang war das Wort", oder: "Es werde Licht". Luhmann gibt ihm tatsächlich explizit diesen göttlichen Status, wenn er die wohl nur rhetorisch gemeinte Frage formuliert: "Kann Gott reduziert werden auf das Gebot des Unterscheidens" ? – und beantwortet:
Gott kann sich nicht selbst erkennen, weil er sich selbst von nichts unterscheiden kann. Er ist, auch für sich selbst, nicht definierbar, nicht dekomponierbar, nicht bestimmbar. (...)
Wenn mit all dem also keine Klärung des Selbstverhältnisses Gottes gewonnen ist, so doch eine Klärung (fast könnte man sagen: Modernisierung) seines Weltverhältnisses. Gott gibt, müßten Theologen sagen, die Weisung: Treffe eine Unterscheidung! Und ermöglicht damit Welt mit der Folge, dass er selbst im Ununterscheidbaren verbleiben muß und in der Welt nur als blinder Fleck aller Unterscheidungspraxis, als Ununterscheidbarkeit der Einheit der jeweils verwendeten Unterscheidung präsent sein kann. Aber die Welt ist damit nicht begriffen als eine Menge körperlicher und unkörperlicher Dinge, sondern als Kondensat einer Praxis des Unterscheidens, die sich als Praxis, wenngleich nicht im Moment ihres Vollzugs, beobachten und beschreiben, eben unterscheiden und bezeichnen lässt.
Der "Unterschied" soll also als zentraler Grundbegriff in der Differenz-Theorie verwendet werden, wie im Idealismus der Begriff der "Idee" und im Materialismus logischerweise der Begriff der "Materie". - Anders als die Idee, hat der Unterschied freilich keine eigene, unveränderliche Identität, sondern existiert ja in der Nicht-Identität der anderen Elemente, die sich ihrerseits natürlich nur durch ihre Anordnung und Verhältnisse profilieren, als Merkmal ihrer Relation, Kategorie ihrer Beziehung, Beschreibung ihres Verhältnisses, und anders als die Materie hat der Unterschied auch keine eigene Substanz, sondern existiert nur als Kontrast zwischen den Substanzen. Insofern kann man sagen, dass die Differenztheorie im Verhältnis zu Materialismus versus Idealismus tatsächlich einen echten dritten Weg beschreibt, der die beiden Paradigmen verschmilzt. Denn ob ein Unterschied im Geist besteht oder in der Natur, ist für die Differenztheorie egal, zumal sich ja geistige Unterschiede permanent in materielle Unterschiede verwandeln und umgekehrt. Die Unterschiede flutschen hin und her und verhalten sich zur Differenz von Materialismus versus Idealismus indifferent.
In Batesons Axiom ist von zwei Unterschieden die Rede: "Eine Information ist ein Unterschied, der einen Unterschied macht." Der erste soll einen zweiten machen; der erste liegt in der Außenwelt, der zweite im Subjekt. Allgemein gesagt: der erste Unterschied befindet sich in der Umwelt und löst einen zweiten Unterschied im System aus. Philosophisch kommt darum zusätzlich zum Begriff der "Differenz" noch der der "Distinktion". - Differenzen existieren scheinbar objektiv in der Außenwelt, werden nur noch registriert; dagegen gehen die Distinktionen immer vom subjektiven Betrachter aus, sind Entscheidungen. Der Beobachter entscheidet sich für eine Distinktion, die er wahrnehmen möchte, zum Beispiel die Differenz zwischen Freund und Feind bei den Bekanntschaften auf einem Fest; er macht sich sozusagen auf die Suche und fahndet nach Hinweisen und Zeichen. Natürlich müssen in der Außenwelt enstprechende Differenzen vorhanden sein. Was er sieht und findet, hängt von der objektiven Verfassung der Welt ab und gleichzeitig von seinem Blick. Distinktionen aus der Innenwelt müssen mit Differenzen in der Außenwelt korrespondieren. Wenn ich Farben unterscheiden möchte, kann ich dies in unserer Welt tun, wenn ich Töne unterscheiden möchte, kann ich dies tun; ich kann auch Formen, Größen, Oberflächen... unterscheiden, auf der primitiven Ebene. Im Rahmen des Geistes, der Kultur kann ich Rituale von Rationalitäten, Wettbewerbe von Konkurrenz, Interessen von Erkenntnissen oder Vereine von Clans, Machtpolitik von Sachpolitik, E-Musik von U-Musik, biologische Faktoren von soziologischen Faktoren, Planung von Zufall oder Eigenleistung von Fremdleistung... unterscheiden.
Die Sprache funktioniert, weil sie als Sprache zum Beispiel zwischen dem Wort ‚Professor’ und ‚Student‘ unterscheiden kann. Ob es zwischen diesen beiden Exemplaren, die so bezeichnet werden, wirklich Unterschiede gibt, spielt keine Rolle. Wir müssen, wenn wir die Sprache verwenden, Professor und Student unterscheiden. Ob es noch Altersdifferenzen gibt, Differenzen in der Kleidung, Differenzen im Mut zu ungewöhnlichem Betragen und so weiter, ist eine andere Frage. Die Sprache kann zunächst einmal so unterscheiden, und die Differenz der Wörter ist das, was die Sprache in Betrieb hält und womit man steuert, was man als nächstes sagen kann; ob in der Realität solche Differenzen vorhanden sind, kann offen bleiben.
Gleichwohl ist Luhmanns Sprung von Batesons wahrnehmungsphysiologischer Begründung des Unterschieds-Axioms hin zur Analyse von geisteswissenschaftlichen Gebilden etwas gewagt. Zwar sind Unterschiede, Grenzen, Konturen ... abstrakte Begriffe, die sich, wie die Systemgesetze, auch auf geisteswissenschaftliche Dinge beziehen lassen. Man sagt, eine Person habe ein "eigenes Profil", wenn sie sich in ihren Ansichten, Plänen, Praktiken... von anderen Personen abgrenzt, unterscheidet, in politischen Diskussionen dürfen bestimmte "Grenzen nicht überschritten" werden, z.B. darf man den politischen Gegner (wenn er als rechtsstaatlich, demokratisch gilt) nicht mit den Nazis vergleichen, oder wir merken irritiert, überrascht auf, wenn jemand Begriffe mit anderen Sinn-Bedeutungen verwendet als wir es gewohnt sind, z.B. den Begriff "Individuum" grundsätzlich abwertend benutzt, weil er ihn von einem "Guten Kollektivwesen" abgrenzt, mithin der Begriff des "Individuums" für ihn gleichbedeutend ist mit "Asozialer" und nicht "Selbstverwirklichung" assoziiert, wie wir es hier und heute gewohnt sind. – dennoch heißt das ja noch lange nicht, dass sich der ganze theoretische Apparat umstandlos auf geisteswissenschaftliche Entwicklungen anwenden lassen soll.
Indes gelingt es Luhmann ganz gut, seine Differenzprinzip gewissermaßen als Stilform vorzuführen, in seinen eigenen Worten: "fruchtbar zu machen", indem er verschiedene Begriffe immer wieder gegeneinander abgrenzt und damit Weltanschauungen sozusagen nach eigenem Muster rekonstruiert; in der "Gesellschaft der Gesellschaft" zum Beispiel, wenn er fragt: "Was ist Technik?", und dann die wandelnden Auffassungen zum Technikbegriff durch die Zeitalter und Epochen referiert:
Eine Durchsicht der Begriffsgeschichte ergibt zunächst, dass das Problem (...) von Technik immer durch Gegenbegriffe bestimmt war, denen die Aufgabe zufiel, das zu erfassen, wogegen technische Vollzüge ausdifferenziert sind; und wie immer, wenn Bezeichnungen durch Gegenbegriffe bestimmt sind, verrät das die Präsenz eines Beobachters, nach dessen Interessen man fragen kann. Das gilt zum Beispiel besonders deutlich für die Definition von Technik als Organersatz (...). In einer noch religiös und kosmologisch verstandenen Welt wurde Technik von Natur unterschieden. Technik hatte im griechischen Verständnis denn auch Züge des Verletztens einer natürlichen Ordnung an sich, Insistieren auf menschliches Können gegen die an sich und von selbst werdende Natur. Das konnte durch Fortschrittskonzepte religiös entproblematisiert werden. Seit dieser Zeit wird Technik als etwas ‚artifizielles‘ verstanden. Im christlichen Denken wurde der Naturbegriff auf eine andere Gegenbegrifflichkeit umgesetzt. Natur wurde von Gnade unterschieden mit der Möglichkeit, Technik nun gerade als Imitation einer immer besser zu erkennenden Naturgesetzlichkeit zu entwickeln.
Texte, Diskurse, Philosophien ... werden also danach untersucht, wie sie ihre zentralen Grundbegriffe voneinander abgrenzen und welche Dynamiken und Probleme die jeweilige Art und Weise dieser Abgrenzung nach sich zieht. So ergibt sich, nach Luhmann, aus der Differenz von "Gnade" und "Technik" beispielsweise die Möglichkeit, "Ziele (zu) variieren und neue, bisher ungesehene Phänomene zu erzeugen." Diese "techniknahe Semantik des Vorstellens und Herstellens (begünstigt) die Annahme eines außerhalb stehenden Subjekts, das die technischen Möglichkeiten von außen nutzt, ohne selbst nach Art einer Technostruktur zu fungieren." Daraus soll dann die Mahnung folgen: "der Mensch dürfe sein Selbstverständnis nicht durch Technik bestimmen lassen; er müsse gegen die daraus folgenden Abhängigkeiten rebellieren wie gegen Herrschaft schlechthin."
Luhmann meint jedoch, dass sich inzwischen die "Anzeichen dafür (mehren), dass auch diese Kontrastierung von Technik und Natur oder Technik und Humanität (Technik und Vernunft, Technik und ‚Lebenswelt‘ etc.) verbraucht ist." Der Grund dafür liegt in der Entwicklung der modernen Physik: "Wenn die Naturwissenschaft selbst den (beobachterunabhängigen) Naturbegriff aufgelöst hat und sich im ökologischen Kontext Technik und Natur auf untrennbare und unprognostizierbare Weise mischen, macht es keinen Sinn mehr, Phänomene nach der Unterscheidung Technik / Natur zu ordnen."
Auch der Unterschied Technik / Humanität verliert an Schärfe, weil: "nicht etwa die Technik wie eine anonyme Macht die Gesellschaft beherrscht, sondern (...) die Gesellschaft sich selbst in einer rational nicht vorausgeplanten Weise von Technik abhängig macht, indem sie sich auf sie einläßt. Wenn aber das Leben und Überleben der Menschheit überdeutlich von Technik abhängen (und dies im positiven wie im negativen, destruktiven Sinne), wird es unplausibel, das eigentlich Menschliche auf die andere Seite der Unterscheidung zu bringen, die den Begriff der Technik definiert."
Luhmanns "Durchsicht der Begriffsgeschichte" kommt also zu dem Ergebnis, dass das überlieferte Verständnis des "Technik"-Begriffs und seinen Abgrenzungen nicht mehr zeitgemäß sind. Er schlägt stattdessen vor, Technik durch die Unterscheidung von loser Kopplung / strikter Kopplung zu beschreiben: "Man sieht heute (...), dass die Stabilität von Organismen ebenso wie von ökologischen ‚Gleichgewichten‘ eine Vermeidung strikter Kopplungen voraussetzt; oder in anderen Worten: Robustheit beim Absorbieren von Störungen. Für Technik gilt dagegen die Bedingung strikter Kopplung." Das bringt Luhmann zu dem Ergebnis, dass Problem mit der Technik heute darin zu sehen, "wie sie wieder zu Störungen kommt, die auf Probleme aufmerksam machen, die für den Kontext ihres Funktionierens wichtig sind." – was, wenn ich es richtig verstehe, soviel heißt wie: es muss immer eine eingebaute Notbremse geben, mit der man die Kernschmelze, die ausgerissenen Gene stoppen kann – und die sich im Augenblick der Panne am besten automatisch selber auslöst!
In seinem Buch "Liebe als Passion" schildert er die historische Entwicklung der Liebe als eine eigene kulturelle Sphäre etwa ab dem 17ten Jahrhundert, das sich neben den anderen wie Besitz, Status, Moral... durch eigene Sinnmuster abgrenzt:
Die vielleicht wichtigsten fragen der Ausdifferenzierung und Sonderbehandlung des Liebens und der internen Ordnung eines entsprechenden Codes entscheiden sich am Begriff der Passion. Im Keim enthält dieses Konzept die Chance, sich in Angelegenheiten der Liebe von gesellschaftlicher und moralischer Verantwortung freizuzeichnen. "Passion" meint ursprünglich einen Seelenzustand, in dem man sich passiv leidend und nicht aktiv wirkend vorfindet. Das schließt Rechenschaftspflicht für ein Handeln, das aus der Passion folgt, an sich noch nicht aus. Passion ist keine Entschuldigung, wenn ein Jäger eine Kuh schießt. Die Lage wendet sich jedoch, wenn Passion als eine Art Institution Anerkennung findet und als Bedingung für die Bildung sozialer Systeme erwartet wird; wenn erwartet, ja gefordert wird, dass man einer Passion verfällt, bevor man in engere Liebesbeziehungen eintritt. (...) Und man beutet die Semantik rhetorisch aus, um die Frau zur Erfüllung anzuhalten: schließlich hat ihre Schönheit die Liebe verursacht, und der Mann leidet unschuldig, wenn nicht abgeholfen wird.
Es ist klar, dass ein Begriff von der "Liebe" als Passion eine andere Dynamik unter den Menschen in Gang setzt als eine "Liebe" auf Gottes Wunsch – weil man den vom Schicksal zugeteilten Ehepartner gefälligst zu lieben habe - oder eine "Liebe" als Entscheidung, wie wir sie vielleicht in der heutigen Zeit denken, da es etwa heißt: "Ich will mein Leben genießen, ich will mich selbst verwirklichen, ich will eine glückliche Beziehung, ich will lieben!"
Soweit so gut! Von dieser Stelle aus scheinen verschiedene Wege abzugabeln. Man könnte zu einer qualitativen Betrachtung übergehen und schauen, was verschiedene Definitionen von "Technik" und "Liebe" für das Leben bedeuten, wie sich die Menschen mit bestimmten Einstellungen fühlen. Man könnte sich vom herrschenden Verständnis abgrenzen und ideale Begriffe konzipieren, etwa wie Adorno postuliert: wahre Liebe wäre.,.., oder: wahrer Fortschritt wäre... Man könnte aber auch, wie Foucault, den "Technik"-Diskurs oder den "Liebes"-Diskurs daraufhin untersuchen, wie sie die Subjekte in ihrem Verhältnis zu sich selbst prägen und möglicherweise disziplinierend wirken, eine Gesellschaft aus Mitgliedern und Außenseitern, Normalen und Verrückten produzieren ...
Luhman geht einen anderen Weg und betrachtet auch diese Diskurse als autopoietische Systeme, die sich nach den Merkmalen der allgemeinen Systemtheorie selbst reproduzieren und nach ihren Regeln entwickeln. Die typischen Eigenschaften, die Luhmann den psychischen Systemen und den kommunikativen Systemen zugeschrieben hat, finden wir auch wieder bei der Betrachtung der geistigen Gebilde.
Wie bei den psychischen und den kommunikativen Systemen, wird hier ebenfalls nicht zwischen Subjekten und Diskursen (als Trägersystemen von Differenzen) unterschieden. Der Sammelbegriff der "Beobachterperspektive" umfasst individuelles Denken und öffentliche Meinung, Philosophien, Theorien, Kunstwerke, Kinofilme, kulturelle Symbolsysteme, Diskurse, Weltanschauungen, Philosophien, soziologische Theorien, Wahnvorstellungen, gesellschaftliche Teilsysteme wie Recht, Politik, Pädagogik etc. Sie alle werden von Luhmann auf ihre wesentlichen Grundbegriffe reduziert und anhand einer eigenen Dynamik, die sich aus der logischen Verknüpfung dieser Grundbegriffe ergeben soll, betrachtet.
Ihre zentrale logische Figur ist die des "Re-entry", der Wiedereintritt der Unterscheidung in das durch sie Unterschiedene. Diese Figur ist so allgemein, dass Luhmanns komplexe Theorie mit ihr allein fast schon auskommt. Es heißt:
- Die Beobachtung beginnt mit einer Unterscheidung, z.B. zwischen essbar oder nicht-essbar, wobei der Focus freilich auf dem Essbaren liegt;
- Die Unterscheidung ist paradox, weil sie einerseits vom Beobachter getroffen wird, andererseits aber entsprechende Differenzen in der Umwelt voraussetzt, das heißt hier: essbare und nicht-essbare Objekte;
- die Paradoxie wird vom Beobachter entfaltet, das heißt: der Beobachter muss die näheren Bedingungen angeben, wann etwas für ihn essbar ist und wann nicht.
- indem er dies tut, schließt er sich operativ zu einem autopoietischen System, das Umweltinformationen verarbeitet und sich selbst steuert. Er kann sich selbst unter anderem als ein Lebewesen definieren, dass manche Dinge essen kann und andere nicht;
Der ästhetische Kick der "Leichtbauweise" von Luhmanns Theorie liegt sicherlich darin, dass sie bei aller Komplexität und Weite im Großen und Ganzen eigentlich mit dieser einen logischen Operation auskommt. Die ganze Welt, sämtliche Phänomene, egal ob es sich um Umweltschutz, Liebe, Kunst, Bürokratie oder Psychoanalyse handelt, können so auf eine einheitliche Struktur projeziert werden. Mit diesem Schema hält Luhmann ein Werkzeug für praktisch unbegrenzten Zugriff auf die Welt in den Händen. Das ist wie bei den Borgs von "Raumschiff Voyager": das Wissen der anderen Kultur wird einfach in die eigene Matrix hinüberkopiert. Schauen wir uns jetzt das Schema noch einmal genauer an und wie Luhmann es auf Beobachterperspektiven bezieht.
Dabei klingt Konzept anspruchsvoller und zugleich simpler als es ist. – wir können z.B. die ganze Welt nach Schema: "Erst die Arbeit, dann das Vergnügen durchmustern." Es entspricht in jeder Hinsicht Luhmanns Kriterien, denn es beginnt:
- mit einer Unterscheidung, nämlich von Arbeit und Vergnügen. Wie mit allen Unterscheidungen, lassen sich mit ihr alle Phänomene klassifizieren: nachdem Gott die Erde erschuf, ruhte er sich am Sonntag aus; nachdem Jesus gepredigt hatte, teilte er das Brot und trank den Wein; nachdem Ludwig der XIV seine Minister empfangen hatte, aß er zu Abend und nahm er ein Bad; nachdem Goethe den "Faust" vollendet hatte, fuhr er mit seiner Geliebten nach Italien; nachdem die Londoner Industriearbeiter aus der Fabrik heimkehrten, spielten sie Karten und tranken Bier.
- Die Unterscheidung ist paradox, weil sie die Differenz von Arbeit und Vergnügen in der Umwelt nicht voraussetzen kann, sondern selber erst konstruiert, und zugleich mit dem Erleben der meisten Menschen korrelliert und sich auf Umweltmerkmale bezieht, beispielsweise die Existenz angenehmer und unangenehmer Aufgaben. Diese Einheit von Distinktion und Differenz nennt Luhmann paradox. Sie hieße hier: "schöpferische Tätigkeit", da sie sowohl die Pole Arbeit als auch Vergnügen umfasst und durch diese Differenzierung zum Blinden Fleck wird, von keiner der beiden Seiten mehr voll erfasst werden kann. Das heißt, wenn wir ersteinmal angefangen haben, all unsere Tätigkeiten krass nach Arbeit und Vergnügen zu kategorisieren, verlieren wir die Sinn für das Schöpferische, das beide Pole umfasst. Das verweist auf die moderne Gesellschaft, in der die Arbeit entfremdet abgeleistet wird und das Vergnügen aus Konsum besteht.
- Sie unterscheidet sich von der Umwelt, denn ich kann mich selbst durch das, was ich als Vergnügen empfinde, und das, was ich als Arbeit empfinde, von den Mitmenschen unterscheiden und mich dadurch als Individuum erfahren. Das Schreiben eines Buches (dieses zum Beispiel), Leistungssport, Soziales Engagement können teilweise ein Vergnügen sein, können aber auch in Arbeit ausarten. Aber auch ganze Kulturen können daraufhin betrachtet werden, wie sie diese beiden Pole definieren. So habe mich gestern mit Andreas Hotopp in der Kneipe darüber unterhalten, dass es für das deutsche Sprichwort: "Müßiggang ist aller Laster Anfang", keine französischen oder spanischen Übersetzungen gibt und dass Goethe einst zu Eckermann sagte: die Deutschen könnten sich nur eisern disziplinieren oder völlig haltlos gehen lassen, aber kein lockeres, entspanntes Verhältnis zu ihren Aufgaben und Pflichten entwickeln.
- Sodann kann ich diese Unterscheidungen reflektieren und Theorien bilden, die sich daran orientieren, wie Arbeit und Vergnügen zusammengehen. Ich kann, ähnlich wie die Spieltheoretiker mit dem Modell des "Gefangendilemmas" die Dynamik des Wettrüsten analysierten, aus den verschiedenen Konstellationen von Arbeit und Vergnügen Thesen darüber aufstellen, ob ein bestimmter Mensch zu großer Leistungsbereitschaft neigt, welche psychischen Konflikte provoziert werden, oder ob es in anderen Kulturen besser gelingt als unserer, die Einheit der Differenz zu wahren.
Das Modell des re-entry lässt sich auch mit anderen Begriffen durchdeklinieren, z.B. mit den Begriffen "Glück" und "Leid". Man könnte sagen, Aristoteles habe in der Antike "Glück" verstanden als Bedürfnislosigkeit und Selbstgenügsamkeit, während heute in unserer modernen Erlebnisgesellschaft "Gück" eher als Erfahrungsreichtum begriffen wird. Entsprechend hatte "Leid" früher die existentielle Komponente des "in einer vergänglichen Welt des Begehrens und der Bedürfnisse Lebens", während es heute vielleicht als ein "zuwenig des Wollens, keinen starken Willen haben" verstanden wird. Auch hier lassen sich leicht Aussagen für die implizite Dynamik machen, die aus den Relationen für Individuum und Gesellschaft ergeben, Konfliktrisiken, Eskalationspotential, Erfüllungschancen, Ballancepunkte, Frustrationswahrscheinlichkeiten, Asymmetriekonstellationen etc.
Und natürlich gibt es auch hier einen blinden Fleck, eine Einheit der Differenz, die man einfach "Existenz" nennen könnte, die in der Unterscheidung von "Glück"und "Leid" verloren geht und beide Pole in sich aufhebt. (Kluge Menschen antworten darum auf die Frage: "Wie geht‘s?", wenn sie ernstgemeint ist, nicht mit gut oder schlecht, sondern mit einer kurzen Beschreibung ihrer Lage.)
In der Konsequenz dieses Ansatzes kann Luhmann sagen: jedem Weltbild, jeder Theorie, jeder Philosophie, jeder Politik, jeder Gerechtigkeit, kurzum: jeder Beobachterperspektive liegt eine zentrale Leitunterscheidung zugrunde, mit der die Welt zuerst in zwei Teile geschnitten wird; alles Weitere ist dann ihre Entfaltung. Der erste Impuls, mit dem die Beobachtung begonnen hat, der die Systembildung in Gang setzte, die Einheit der Differenz wird damit zum blinden Fleck und kann nicht mehr gesehen werden.
Umgekehrt lässt sich jede Beobachterperspektive über die Leitunterscheidung wieder schnell dekonstruieren. Luhmann betont, dass es sich hierbei um keine genealogische, das heißt: historische, entwicklungs-geschichtliche Erklärung handelt. In "Das Recht der Gesellschaft" schreibt er: "Es geht um logische Rekonstruktion der Autopoiesis des Systems, und zwar um eine Rekonstruktion, die gerade die logische Unableitbarkeit, aber zugleich auch die empirische Unwahrscheinlichkeit des Systemaufbaus verdeutlichen soll."
Für Luhmanns Analysen macht es keinen Unterschied, ob er die Beobachterperspektive des Wirtschaftssystems Zahlung / Nicht-Zahlung analysiert oder die eines Paranoikers: Sie kriegen Dich / Sie kriegen Dich nicht. Am Fall des Neurotikers zeigt sich das Prinzip ohnehin am deutlichsten. Wir alle kennen bestimmt Menschen, die die ganze Vielfalt täglicher Erlebnisse vorm Hintergrund eines einzigen, ewig gleichen Grundkonflikts wahrnehmen, vielleicht: erscheint mir aufrichtig / erscheint mir unaufrichtig, ist mit der Welt im Reinen / ist mit der Welt im Unreinen, oder: ist für mich / ist gegen mich. Diese penetrante Zwanghaftigkeit, alle Erfahrungen auf einen einzigen, inneren Grundkonflikt zu beziehen, nennt der Psychotherapeut "neurotisch". In genau diesem Sinne bekommen Luhmanns abstrakte Denk-Beobachter-Kommunikations-Systeme, wenn er sie so extrem durch ihre Leitdifferenzen definiert, ebenfalls neurotische Züge. Sie werden zumindest verzerrt, irgendwie einseitig zugespitzt, in ihrer Leitdifferenz extremistisch. Das ist kein bloßes Wort- oder Gedankenspiel, sondern zeigt sich auch in der Alltagserfahrung: eine ausschließlich an Macht orientierte politische Praxis, eine an den förmlichen Rechts-Begriffen klebende Justiz, ein ausschließlich nach Neuigkeiten jagender Journalismus, ohne sich jeweils um andere, Luhmann nennt es: "Rejektions"-Werte zu kümmern, nennen wir in der Tat: neurotisch.
Während jedes System durch seinen blinden Fleck eine Einschränkung der Wahrnehmung erfährt, bleiben zwischen den Systemen Wechsel und vielfältige Perspektiven möglich. Jede konkrete Weltbeobachtung für sich ist eingeschränkt, insgesamt herrscht Pluralismus zahllos eingeschränkter Perspektiven nebeneinander. Der Phantasie sind beim Erfinden von Leitdifferenzen für die verschiedensten Beobachterperspektive kaum Grenzen gesetzt: die Kritische Theorie Theodor W. Adornos unterscheidet richtiges Leben / falsches Leben, oder: wahre Subjektivität / unwahres Ganzes, Selbstbestimmt / Fremdbestimmt, die antike Bildhauerkunst unterscheidet schöne Natur / gestaltete Kultur. Die Kirchen unterscheiden die Menschen in Katholiken und Protestanten, oder überhaupt in erlöste Seelen und in verdammte Seelen, die Revolutionäre in Herren und Knechte, Erleuchtete und Schafe, oder in Menschen, "die sich nehmen, was sie wollen, und solche, die es nicht tun", wie es die Lebefrau in dem Film "beeing John Malkovic" krass vorschlägt, und alle unterscheiden sich selber vom Rest der Welt dadurch, dass sie in der Welt auf ihre spezielle Weise unterscheiden.
Der Techniker unterscheidet in der Welt zwischen klappt und klappt-nicht, der Arzt zwischen gesund und krank, der Autofahrer zwischen Straße und Parkplatz, die Romantiker zwischen beseelter Natur und einsamer Seele, das Baby und Kleinkind zwischen Zuwendung / Abwendung, ein Jurist beobachtet die Welt mit der Unterscheidung Recht / Unrecht, ein Künstler mit der Unterscheidung von schön / häßlich, der Hund differenziert Knochen / Nicht-Knochen, der Vegetarier in tierisches Produkt / pflanzliches Produkt, der Alkoholsüchtige in Stoff / Nicht-Stoff, Goethes Werther in schwärmerische Liebe / spießige Beziehung, der Mensch auf Diät: viele Kalorien / wenige Kalorien, die Familie: Urlaub am Meer / Urlaub in den Bergen, und alle unterscheiden sich selber vom Rest der Welt dadurch, dass sie in der Welt auf ihre spezielle Weise unterscheiden.
Hieraus ergeben sich mehrere Konsequenzen, die ich im folgenden schildern möchte: