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Systemtheorie als smahs the System-Theorie

erstellt von Thomas Nöske zuletzt verändert: 16.06.2007 08:54

Indes wird schon jetzt deutlich, wie Luhmann die frustrierende Erfahrung von der Arroganz, Selbstgerechtigkeit und Borniertheit gesellschaftlicher Teilsysteme auf der Ebene von allgemeinen Axiomen fundiert, sozusagen mit Naturgesetzen der Kommunikation begründet

Im vorherigen Kapitel habe ich versucht, die wichtigsten Merkmale autopoietischer, operativ geschlossener Systeme, so wie Luhmann sie beschreibt, für unsere alltägliche Erfahrung mit Kommunikation zu rekonstruieren. Dies geschah in der Absicht, sie einer Bewertung vorm Hintergrund subjektiver Erfahrung zugänglich zu machen. Man kann kein angemessenes Bild der Welt rein theoretisch konstruieren. Auch Luhmanns Regeln der Eigendynamik Sozialer Systeme, selbst wenn sie von so großen und abstrakten Systemen wie Wissenschaft, Wirtschaft oder Politik handeln und ihre Entwicklung in Jahrhunderten bedenken, müssen letztlich in unserer Alltagserfahrung fundiert sein, wenn wir sie im Kern nachvollziehen wollen; denn nur sie ist uns wirklich zugänglich. Ich habe mir die Mühe gemacht, Luhmanns irre Systemsprache in halbwegs verständliches Deutsch zu übersetzen, damit wir uns erstmal vergewissern können, was er überhaupt meint.

Was ist mit meiner Übersetzung der Systemgesetze in eher umgangssprachliche Formulierungen gewonnen? – vor allem hoffe ich, Luhmanns Satz von der Autonomie kommunikativer Systeme etwas von seinem gespenstischen Klima zu nehmen, so dass die von ihm formulierten Systemzwänge weniger mythisch wirken. Z.B. basiert die unberechenbare Eigendynamik der Kommunikationen nicht auf einer eigenen Lebensfähigkeit Sozialer Systeme, sondern darauf, dass jeder Kommunikationsakt zahlreiche Möglichkeiten für anschließende Kommunikationsakte bietet, und die Selbstbeobachtung der Kommunikation gesteht ihr kein rätselhaftes Bewusstsein zu, sondern beschreibt lediglich die Möglichkeit, stockende oder verebbende Kommunikation mit Meta-Kommunikation zu überwinden. Ich möchte schon jetzt meine These andeuten, dass die Axiome der "Autopoiesis" und "Operativen Schließung" zur genauen Beschreibung der Dynamiken und des Drifts von Wirtschaft, Politik, Justiz viel zu schwammig und unpräzise sind. Ich werde die These im dritten Teil an den Beispielen Massenmedien, Wirtschaft und Politik genauer erläutern.

Indes wird schon jetzt deutlich, wie Luhmann die frustrierende Erfahrung von der Arroganz, Selbstgerechtigkeit und Borniertheit gesellschaftlicher Teilsysteme auf der Ebene von allgemeinen Axiomen fundiert, sozusagen mit Naturgesetzen der Kommunikation begründet. Im Verlauf der Kommunikation etablieren sich Differenzen, die ihre weiteren Möglichkeiten einschränken und Beiträge in anschlussfähig und nicht-anschlussfähig sortieren. Man kann also nicht mit allem Möglichen andocken, sondern muss die eigenen Interessen selektieren. Verfahrensregeln in der Justiz lassen Einsprüche nur in bestimmten Formen und zu bestimmten Zeitpunkten zu, Ambitionen auf politische Machtpositionen muss man zurückhalten, um dann im rechten Augenblick zuzuschlagen, in der Wirtschaft entwickeln sich manche Branchen besser als andere etc. Andersherum wird sichtbar, dass die Systeme rein logisch nur einen Teil der Bevölkerung teilhaben lassen – und einen anderen Teil ausschließen. Es existieren immer anschlussfähige und nicht-anschlussfähige Kommunikationsakte. Wer den Anschluss an das System verpasst, den bestraft das Leben.

Wir können Luhmanns Ansatz nun als "Schweinesystemtheorie" lesen: das Konzept der Autopoiesis erfasst einige wesentliche Eigenschaften von Kommunikation, blendet indes andere aus und hypostasiert somit ein einseitiges, oft auch sonderbares Modell von Kommunikation als einem eigenem System. Staatliche Verwaltungen, Unternehmen, die Massenmedien und der Universitäts- und Wissenschaftsbetrieb geben sich also nicht erst auf der Ebene von Organisationen und Institutionen hermetisch; vielmehr sorgt bereits die natürliche Verfassung von Kommunikation an sich für Tendenzen der Ausgrenzung und Schließung. In diesem Sinn kann man seine Theorie einerseits eine "Ideologie" nennen, da sie die Immunität der Systemoperationen gegenüber allen äußeren Protesten, Ansprüchen, Wünschen ... allgemein begründet, zum anderen aber natürlich auch eine Art "Feindanalyse", da die Systeme durch ihre Beschreibung freilich auch wieder angreifbar werden. Zumindest lassen sich für einige Schritte - von der Alltagswahrnehmung zur Kommunikation als einem autopoietischen System - Gegenargumente finden. Ich fasse Thesen und Antithesen aus dem vorherigen Kapitel zusammen, und wir erhalten so ein scharfes Bild von Luhmanns Gesellschaft:

  • Das Lesen war vor dem Schreiben, versus: Menschen schalten sich nicht nur in bereits laufende Kommunikationsprozesse ein, sondern reden auch aus sich heraus;
  • Kommunikation reproduziert sich selbst, versus: Kommunikation erscheint, in ihrem jeweiligen Kontext betrachtet, angemessen oder abwegig;
  • Kommunikation beobachtet ihre Umwelt, versus: auch "nicht-anschlussfähige" Beiträge beeinflussen das Klima, den Rahmen, in dem kommuniziert wird;
  • Kommunikation reflektiert die eigene Umweltbeobachtung, versus: Metakommunikation findet statt, wenn die beteiligten Personen trotz Schwierigkeiten oder Missverständnissen eine Kommunikation fortsetzen wollen.
  • Bewußtsein und Kommunikation sind strukturell gekoppelt, versus: die Subjektivität der anderen Person ist gegenüber der Situationslogik gleichwertig;

Das macht es auch möglich, die Grenzen von Luhmanns Theorie genauer zu bestimmen. Es ist eben doch keine Welterklärungstheorie, sondern nur eine Theorie der Gesellschaftlichen Teilsysteme. Sie haben zwar eine gewisse Macht, aber sie haben ihre Grenzen; zumindest theoretisch gibt es ein Leben jenseits der Systeme.

Entsprechend erhalten wir, wenn wir nur die Antithesen lesen, eine Liste der typischen Argumente für den einzelnen Menschen gegen die Zumutungen der modernen Gesellschaft:

  • Der einzelne Mensch redet, weil er gerade als Individuum gehört werden will;
  • Kommunikation erscheint im Kontext angemessen oder unangemessen;
  • Protest macht Sinn, auch wenn er nicht sofort zu Lösungen führt;
  • Konfliktsituationen können thematisiert und reflektiert werden, wenn Personen mit dem Status Quo unzufrieden sind;
  • Das Bewußtsein der Gesprächspartner ist zu berücksichtigen;

Das System bei Adorno und Luhmann:

Adornos Systembegriff ist subtiler als Luhmanns, aber auch umfassender: das System ist der allmächtige Betrieb der modernen Gesellschaft, ein Konglomerat aus Industrie, Ökonomie, Staat und Kulturindustrie, das mit einer irrationalen, beinah religiösen Ehrfucht am Laufen gehalten werden muss. - "Weitergehen und Weitermachen überhaupt wird zur Rechtfertigung für den blinden Fortbestand des Systems, ja für seine Unabänderlichkeit. Gesund ist, was sich wiederholt, der Kreislauf in Natur und Industrie. Ewig grinsen die gleichen Babies aus den Magazinen, ewig stampft die Jazzmaschine." – Dafür bricht es die Individuen und gliedert sie ein als willenlose Zahnräder in die Maschinerie. - "Die von der Existenz unterm Systemzwang demoralisierten Massen, die Zivilisation nur in krampfhaft eingeschliffenen Verhaltensweisen zeigen, durch die allenthalben Wut und Widerspenstigkeit durchscheint." – für die unmündigen Menschen hingegen bildet das System den Verblendungszusammenhang, der alle Sinne umgreift, in dem sie subjektiv glauben, ein erfülltes Leben zu genießen: "Die eunuchenhafte Stimme des Crooners im Radio, der gutaussehende Galan der Erbin, der mit dem Smoking ins Schwimmbassin fällt, sind Vorbilder für die Menschen, die sich selbst zu dem machen sollen, wozu das System sie bricht. Jeder kann sein wie die allmächtige Gesellschaft, jeder kann glücklich werden, wenn er sich nur mit Haut und Haaren ausliefert, den Glücksanspruch zediert." – allein im Kulturindustrie-Kapitel der "Dialektik der Aufklärung" erscheint der "System"-Begriff nach einer Zählung von Ronald Dietrich 25 mal.

Neben dem gesellschaftlichen, kulturindustriellen System existiert für Adorno der Begriff des philosophischen Systems. Er entwickelt ihn analog zu dem des gesellschaftlichen Systems, denn "das abstrakt Allgemeine des Ganzen, das den Zwang ausübt, ist verschwistert der Allgemeinheit des Denkens, dem Geist." Der objektiven Einheit des gesellschaftlichen Systems entspricht die subjektive Einheit des Bewusstseins. Diese Gleichschaltung individuellen Denkens mit dem gesellschaftlichen Betrieb wird erreicht durch das "Identitätsprinzip", das heißt: durch die Verwechslung der Begriffe mit dem, was sie in der äußeren Realität bezeichnen. Man könnte Adornos "Identitätsprinzip" auch als eine Vermischung der beiden Bedeutungen des Begriffs "positiv" verstehen, einmal in dem Sinne von: ich finde etwas "positiv", das heißt: gut; zum anderen im Sinn von: der Test ist positiv ausgefallen, die Vermutung ist bestätigt. Das Identitätsprinzip bestünde dann in einer Reihe von Feststellungen darüber, was heute positiv der Fall ist, reflexartig verbunden mit ihrer inhaltlichen Zustimmung: "Ich wohne in einer Zwei-Zimmer-Wohnung in Treptow, und das ist gut so", "Um acht Uhr kommt die Tagesschau, und das ist gut so", "Die meisten Menschen finden Mundgeruch unangenehm, und das ist gut so", "Der Präsident hat den Bundestag aufgelöst, und das ist gut so", "Der Mond dreht sich um die Erde, und das ist gut so", "Berlin liegt nicht am Mittelmeer, und das ist gut so", "Tabak und Zigaretten werden teurer, und das ist gut so" etc. Etwa die Einstellung eines naiven Menschen, der ja zum Leben sagt und es in all seinen oberflächlichen Faktizitäten bestätigt.

Die Befreiung des Denkens soll nun, nach Adorno, durch das dialektische Hin- und Herwenden der Begriffe erreicht werden: indem wir Begriffe wie "Freiheit", "Glück", "Verantwortung", "Zukunft", "Erfolg" etc. hinterfragen und eben nicht stumpf und naiv auf Umweltdaten beziehen, lösen wir unseren Geist von den vorgefertigten Bestimmungen der Gesellschaft und gelangen zu einem eigenen, reflektierten, emanzipierten, in diesem Sinn erst wahrhaft subjektiven Weltverständnis. Ich habe bereits im Kapitel 1.9. gezeigt, dass für Luhmann die Sinn-Elemente (also die Begriffe) von den psychischen Systemen (den Subjekten) anders verarbeitet werden als von den sozialen Systemen (der Gesellschaft), so dass er also eine Punkt-für-Punkt-Übereinstimmung von individuellem Geist und sozialer Ordnung theoretisch eh schon ausschließt. Der allgemeine Satz lautet, dass ein "Strukturimport von ein System in ein anderes System prinzipiell ausgeschlossen" sei. Denn auch Luhmann verwendet den System-Begriff auf einer metaphysischen Ebene, wie wir gesehen haben: als autopoietisches, operativ geschlossenes System aus der allgemeinen Systemtheorie, und auf einer gesellschaftsstrukturellen Ebene, mit der wir es täglich zu tun haben: als Wirtschaftssystem, Schulsystem, Gesundheitssystem, politisches System etc.

In diesem Sinn kann er das Verhältnis zwischen Mensch und Gesellschaft auch nicht über das Identitätsprinzip, wie Adorno es formulierte, bestimmen. Vielmehr ergibt es sich aus Luhmanns Modell, dass jeder einzelne Begriff im Kontext des Bewusstseins eine andere Bedeutung entfaltet als im Kontext der Kommunikation. Die spezifische Form der Beziehung von Individuum und Gesellschaft wurde unter dem Stichwort "Interpentration" geschildert. Nach Luhmann, wächst die Komplexität des Bewusstseins koevolutionär in seiner Auseinandersetzung mit den Sozialen Systemen.

Die interpenetrierenden Systeme bleiben füreinander Umwelt. Das bedeutet: die Komplexität, die sie einander zur Verfügung stellen, ist für das aufnehmende System unfassbare Komplexität also Unordnung. Man kann deshalb auch formulieren, dass die psychischen Systeme die sozialen Systeme mit hinreichend Unordnung versorgen und umgekehrt. Die Eigenselektion und Autonomie der Systeme wird dadurch also nicht in Frage gestellt. Selbst wenn man sich Systeme als volldeterminiert vorstellen müßte, würden sie durch Interpenetration mit Unordnung infiziert und der Unberechenbarkeit des Zustandekommens der eigenen Operationen ausgesetzt. Alle Reproduktion und alle Strukturbildung setzt damit eine Kombination von Ordnung und Unordnung voraus: strukturierte eigene und unfaßbare, fremde, geregelte und freie Komplexität.

Im krassen Gegensatz zu Adorno, müsste Luhmann (theoretisch) zu dem Ergebnis kommen, dass Handlungsspielräume und Freiheiten des Individuums mit dem Grad seiner strukturellen Kopplung mit den gesellschaftlichen Systemen nicht sinken, sondern steigen. Denn: je mehr Kontakte mit Außensystemen, umso mehr Irritationen und umso mehr Eigenkomplexität wird vom Bewusstsein aufgebaut. Die Autonomie des Indviduums wächst, indem das Subjekt möglichst viele Mechanismen gesellschaftlicher Systeme aus eigener Erfahrung begreift. In einem koevolutionären Prozess entwickelt dabei sein Bewusstsein die nötige Komplexität, um auf alle gesellschaftlichen Zumutungen mit eigenen Operationen, Winkelzügen, Selbstdarstellungen reagieren zu können. Man wird zum sprichwörtlichen "Alten Hasen". Das ist allerdings platt, aber das ist auch noch nicht genau das, was Luhmann meint. Ich denke, es ist noch abstrakter und allgemeiner gefasst: das Bewusstsein wird mit jeder Irritation, die es von außen erfährt, komplexer; diese Komplexität ist indes nicht von außen kopiert, sondern bewusstseins-intern entwickelt. Je mehr Konfrontationen mit gesellschaftlichen Prozessen stattfinden, umso mehr Irritationen und umso mehr Eigenkomplexität baut das Bewußtsein auf, und zwar völlig unabhängig davon, wie genau es seine Erfahrungen verarbeitet. Eigenkomplexität kann schon rein logisch nur eigenstrukturiert sein. Wir haben das bereits bei Adorno und der modernen Musik angedeutet. Das komplexe Bewußtsein kann smart sein wie das des aalglatten Schnösels, der durch die gesellschaftlichen Strukturen schwimmt wie ein "Fisch im Wasser" und alle "Kanäle und Abzugslöcher der Macht" gut kennt; es kann aber auch Idealismus und Pragmatismus glücklich verbinden, Trägersystem für ein robustes und reflektiertes System eigener Werte, Ziele, Anschauungen ... darstellen, die sich im Kontrast zur Umwelt behaupten, und die sozialen Mechanismen gut genug kennen, um ihnen nicht auf den Leim zu gehen.