Soziale Systeme und Bewusstsein sind isomorph
Auch wenn er über seine Zettelkästen sagt, sie seien eine Art "Zweitgedächtnis", das "ein von seinem Autor unabhängiges Eigenleben" gewinnt, so meint er das gewiss metaphorisch, außer er will sagen, dass er seinen Zettelkasten längere Zeit nicht geputzt hat und sich im Lauf der Zeit kleine Tiere in den Fächern eingenistet haben.
Ich möchte zuerst versuchen, die typischen Merkmale von Kommunikation als einem autopoietischen System, wie Luhmann sie beschreibt, für unser Alltagsverständnis plausibel zu machen und kritisch hinterfragen. Dabei führt mich folgende Überlegung: Dierk Starnitzke untersucht den logischem Aufbau der Systemtheorie, wie Luhmann sie in dem Buch "Soziale Systeme" darstellt. Dabei stellt er fest, dass das vielzitierte Paradigma vom "labyrinthischen Theorieaufbau" für dieses Buch zumindest nicht zutrifft. Ganz im Gegenteil: Luhmann geht konsequent von den Sätzen einer allgemeinen Systemtheorie aus und spezifiziert sie in den Kapiteln dann schrittweise für Soziale Systeme; er gelangt so zu einer Theorie sozialer Systeme, ohne auf empirische Phänomene Bezug zu nehmen. Im fünften Kapitel von "Soziale Systeme" erfolgt dann ein Bruch, so Starnitzke weiter, da Luhmann mit der Betrachtung von System-Umwelt-Differenzen fortsetzt, und zu diesem Zweck die Gültigkeit der Systemtheorie für Soziale Systeme eigentlich bereits voraussetzt:
"Es wird jedoch nicht recht deutlich, wie (...) die Verbindung zwischen den beiden Ebenen (den Sätzen einer allgemeinen Systemtheorie und den Sozialen Systemen; Th. N.) laufen soll. (...) Man hat vielmehr den Eindruck, dass zunächst auf der allgemeinen Theorieebene so weit wie möglich nach unten spezifiziert wird, und dann nach einem Sprung auf die Ebene einer Theorie sozialer Systeme mit Hilfe der zuvor gewonnenen Theoreme weitergearbeitet wird."
Starnitzke vermisst den Nachweis dafür, dass sich die Sätze der allgemeinen Systemtheorie sinnvoll auf das Verhalten von Kommunikationsprozessen anwenden lassen. Der logische Punkt, so seine Vermutung, an dem der Nachweis erfolgen müsste, wird – vorm Hintergrund einer vorgeblich labyrinthischen Theorieanlage - einfach umschifft. Starnitzke fragt, ob es sich bei der Behauptung einer labyrinthischen Theorieanlange um ein "Defizit der methodologischen Reflexion oder ein Ablenkungsmanöver für den Kritiker" handele? Dabei wäre seine Klärung um so wichtiger, da es sich bei den Sätzen der allgemeinen Systemtheorie um "schwergewichtige Vorausentscheidungen" handelt.
Die "Vorausentscheidung" ist "schwergewichtig" in zweierlei Hinsicht: zum einen handelt es sich um Grundpfeiler der Luhmannschen Argumentation, auf denen die ganze weitere Theoriearchitektur aufbaut. Es handelt sich, wie Oliver Jahraus es formuliert, um einen "Punkt (...), an dem Systemtheorie einen Beginn willkürlich setzt, um einen Anfangsgrund für weitere Konzeptionalisierungen zu schaffen." Luhmann selbst leugnet den axiomatischen Status der Unterscheidung von psychischen und sozialen Systemen nicht. Ohne ihn könnte er seine speziellen Analysen der gesellschaftlichen Teilsysteme Justiz, Wirtschaft, Politik etc. so nicht durchführen.
Zum zweiten ist die Behauptung, Kommunikation laufe nach dem Modell eines autopoietischem Systems, alles andere als evident. Mitunter hat man zwar den Eindruck, dass Soziale Prozesse sich verselbständigen und eine Art Eigenleben entwickeln, das Wuchern von Verwaltungsapparaten, der Zwang zu wirtschaftlichem Wachstum. Allerdings ist das wohl eher als Metapher für chaotische Zustände gemeint, weniger als reale Vorstellung einer naturgesetzlichen Selbständigkeit der Kommunikationen. Gewiss meint Luhmann nicht, Kommunikation sei ein Lebewesen wie ein Parasit, der geisterhaft durch den Raum schwirrt. Wie aber meint er es dann, wenn er sagt, Kommunikation sei ein autopoietisches System? Ich möchte versuchen, etwas Licht in die Sache zu bringen.
Wie gesagt, gründet Luhmanns gesamte "Theoriearchitektur" auf den Sätzen einer allgemeinen Systemtheorie. Da er sie in seinem Werk immer wieder axiomatisch rekapituliert, fällt es nicht schwer, eine Liste der zentralen Systemgesetze aufzustellen:
- ein System erzeugt und bestimmt seine Elemente durch seine Operationen selbst;
- es reproduziert sich selbst, indem es Operationen rekursiv aneinander anschließt;
- es arbeitet "operativ geschlossen", indem es Informationen aus seiner Umwelt selektiv auswählt, intern umcodiert und nach eigenen Mustern weiterverarbeitet;
- es beobachtet sich selbst, indem es ein Differenzschema erzeugt, durch das es sich selbst von der Umwelt unterscheidet;
- Operativ geschlossene Systeme sind füreinander prinzipiell intransparent, können aber durch "Interpenetration" miteinander gekoppelt sein;
Diese Merkmale gelten für Bewusstsein wie für Kommunikation, denn Psychische Systeme und Soziale Systeme sind "isomorph". Im Unterschied zu Organismen oder Maschinen werden sie genauer charakterisiert als "sinnverarbeitende Systeme": "alles, was in der Welt der Sinnsysteme rezipiert und bearbeitet werden kann, muß diese Form von Sinn annehmen; sonst bleibt es momentaner Impuls, dunkle Stimmung oder auch greller Schreck ohne Verknüpfbarkeit, ohne Kommunikatibilität, ohne Effekt im System."
Luhmann selbst zeigt an einem Beispiel wie die Verknüpfungen von "Sinn"-Elementen im Bewusstsein oder der Kommunikation laufen können: "Eine Rose ist eine Rose – aber nicht nur eine Rose, sondern eine Rose in meinem Garten, die von Unkraut bedroht ist, das man chemisch bekämpfen müßte, was man neuerdings wiederum nicht soll, weil die Umwelt geschont werden muß, usw." Was soll uns dieses Beispiel sagen? Es ist offensichtlich, dass Luhmann den Begriff des "Sinns" in einem sehr weiten Sinn gebraucht, der also vom bloßen Sinn einer kleine Geste – "zur Toilette geht’s bitte rechts dortherüber!" – über den Sinn einer Reise oder einer Berufswahl – "Ich möchte Indien kennenlernen", "Ich möchte helfen", "Ich möchte selbständig sein" - bis zum Sinn des Lebens – "Aus der Erde kommen wir, zu Erde werden wir" - alles umfasst. Die Aussagen verschiedener Gewichte "Ich will Sekt", und: "Ich glaube an Gott", werden auf der Ebene der Sinn-Bedeutung von Luhmann als absolut gleichwertig behandelt, ohne Berücksichtigung inhaltlicher Dimensionen. Sinn ist der Stoff, der durch die Schläuche unseres Denkens und den Fluss der Kommunikation fließt. Es "wäre jetzt viel dazu zu sagen, was unter ‚Kommunikation‘ zu verstehen ist. (...) ‘Kommunikation‘ ist die Äquivalenz zu biochemischen Aussagen über Proteine und so weiter."
Kein Wunder, dass diese Konzeption von "Sinn" Jürgen Habermas empört: "‘Intention‘ ist gegenüber ‚Bedeutung‘ der primitivere Begriff. Entsprechend definiert Luhmann ‚Sinn‘ vorsprachlich als einen auf die Intentionalität von Erleben und Handeln bezogenen Verweisungszusammenhang von aktualisierbaren Möglichkeiten. An die Stelle selbstbewusstseinsfähiger Subjekte treten mithin sinnverarbeitende oder sinnbenutzende Systeme."
Doch in der Grundkonzeption des "Sinn"-Begriffs zeigen sich neben Luhmanns Nihilismus durchaus auch sein Realismus: die Projektion aller Sinn-Aussagen auf eine Ebene und ihre Nivellierung zu bloß austauschbaren Elementen von Bewusstsein und Kommunikation hat zwar etwas Empörendes, weil eben "Sinn" ohne jeden empathischen Sinn, eher auf die Ebene einer chemischen Zuckung im Gehirn setzend – oder eben als beliebiges Zeichen im ewigen Fluss von Kommunikationen; aber das korrespondiert mit einer Erfahrung eines Dilemmas der Moderne, das nicht von der Hand zu weisen ist. Als bloße Beschreibung gesellschaftlicher Realität ist an dem Modell viel Wahres dran! Bereits Neil Postman kritisierte ja an den Fernseh-Nachrichten, dass sie "Sinn-Elemente" von völlig verschiedener Relevanz gleichwertig nacheinander präsentieren: den Geburtstag eines Schimpansen im Zoo mit Hungerkatastrophen in Afrika etwa. Postman schob das damals auf eine eigene Nivellierungs-Dynamik, die dem Fernsehen als Medium inhärent sei. "Die Formel ‚Und jetzt...‘, mit der die TV-Ansager von einer Sendung zur nächsten überleiten, markiert die Tatsache, dass das was vorher kam mit dem danach nicht das geringste zu tun hat!" Für Postman noch ein empörender Zustand, für Luhmann das Verknüpfungsprinzip denkender und kommunizierender Systeme schlechthin. Ich denke z.B., dass ich etwas Geld für die Flutkatastrophe spenden könnte, entscheide mich dann aber um und kaufe stattdessen eine CD mit klassischer Musik. Ein Freund berichtet mir, dass er tödlich krank sei, und ich antworte besorgt, auch ich spürte manchmal ein komisches Stechen in der Brust. Ob er mir auch sagen könne, was das bedeute? Wir können täglich beobachten, dass wir mit Situationen konfrontiert werden, die Abwägungen von Sinn-Bedeutungen verlangen – und bei denen klar ist, dass sich die Bewertungen aus den verschiedenen Kontexten der beteiligten Personen womöglich krass unterscheiden. Sinn-Elemente organisieren sich im Bewusstsein oder in der Kommunikation also nicht nach einer absoluten Hierarchie von Wichtigkeiten, sondern knüpfen eher assoziativ an Sinnbedeutungen an, um dann auch gleich wieder im ewigen Bewusstseins- und Kommunikationsstrom zu verschwinden. Die Frage, die Neil Postman stellen würde, ob das so sein müsse oder das Fernsehen schuld, kann offen bleiben. Für dieses Phänomen ein abstraktes soziologisches Erklärungsmodell zu formulieren, dass zur Analyse von Situationen geeignet ist, wäre nicht das schlechteste; Luhmanns Gegner freilich meinen, dass er durch seine Theorie einer weiteren Diffusion und dem Zerfall objektiver Werte Vorschub leistet!
Auf der Ebene der Sinnverarbeitung operieren Bewusstsein und Kommunikation gleichermaßen autonom. Es wird rasch deutlich, dass Luhmann den Sozialen Systemen ein hohes Maß an Selbständigkeit zugesteht:
Viele Verben (...) verweisen ihrem Alltagsverständnis nach auf einen bewusstseinsfähigen Träger der Operation; man denke z.B. an: Beobachten, Beschreiben, Erkennen, Erklären, Handeln, Unterscheiden, Zurechnen. (...) Sie müssen in diesem Text so gelesen werden, dass sie sich auf einen Träger beziehen, der als selbstreferentielles System beschrieben werden kann, aber nicht notwendigerweise ein psychisches System ist, also seine Operationen nicht notwendigerweise in der Form von Bewusstsein durchführt.
Eine radikale Trennung von äußerer Gesellschaft und innerem Bewusstsein:
Wie bei allen strukturellen Kopplungen werden dabei Diskontinuitäten im System und in der Umwelt vorausgesetzt. (...) Dieser Bedingung entspricht die Sprache dadurch, dass sie Sätze und Satzfolgen bildet, also einen ständigen Übergang zu anderem Sinn erzwingt. Eben deshalb kann, ausgehend von einem momenthaft aktualisierten Wort- und Satzsinn, dass Bewusstsein völlig andere Prozesse anschließen als die Kommunikation.
Und diese enorme Selbständigkeit der Kommunikativen Systeme ist natürlich auch der Punkt der Kritik. Denn es widerspricht ja jeder Alltagserfahrung, wenn man sagt: Kommunikation beobachte, Kommunikation entscheide etc.
Jürgen Habermas spöttisch: "Der Aktenfluß zwischen Ministerialbehörden und das monadisch eingekapselte Bewusstsein eines Robinson liefern die Leitvorstellungen für die begriffliche Entkoppelung von sozialem und psychischem System, wobei das eine allein auf Kommunikation und das andere allein auf Bewusstsein basieren soll." –
Ich möchte nun versuchen, dieses allgemeine Modell an dem, was wir gemeinhin als Kommunikation erfahren, nachzuvollziehen. Erst dann können wir nüchtern beurteilen, wie weit wir Luhmann folgen wollen und ab wann sein autopoietisches Modell gespenstisch erscheint.
Dafür muss ich die Ebene von Luhmanns Theorie und die Ebene unseres Alltagsverständnis auseinander halten und darum drei verschiedene Bedeutungen des Kommunikations-Begriffs unterscheiden: wenn ich Kommunikation als System im Sinne Luhmanns Theorie meine, spreche ich vom Kommunikationssystem; dagegen bezeichne ich die einzelnen Beiträge als Kommunikationsakte. Wenn ich dagegen einfach von Kommunikation oder Interaktion spreche, meine ich damit das allgemeine Phänomen, dass Menschen in nicht weiter vorstrukturierten Situationen einander begegnen und mittels Gesten und Sprache Informationen austauschen, sich verständigen, ihre Handlungen koordinieren etc.
Mithilfe dieser Begriffe lässt sich meine Frage nun präzisieren: wie entsteht aus einer Abfolge von Kommunikationsakten ein Kommunikationssystem, in welcher Weise lassen sich diese Prozesse angemessen anhand des Autopoiesis Modells beschreiben und wie verträgt sich dies mit unserem Alltagsverständnis?
Bevor ich beginne, muss ich noch einen zweiten Begriff klären, nämlich den des "Sozialen Systems". Luhmann unterscheidet ihn auf drei Ebenen: Interaktionen, Organisationen, Gesellschaften. Er betont, dass sich diese drei Ebenen nicht einfach in der Form von Mikro-, Meso- und Makrosoziologie übersetzen lassen, sondern auf komplexe Weise ineinander verschränkt sind. Unter anderem unterscheidet er Interaktionen von Gesellschaft durch die Merkmale der Anwesenheit versus Allgemeinheit oder nacheinander ablaufende versus gleichzeitig stattfindene Kommunikationsakte. Indes entwickelt er das Autopoiesis-Modell für Interaktionen nicht anders als für die gesellschaftlichen Teilsysteme.
Es versteht sich, dass sich unsere Alltagserfahrung vor allem auf Interaktionen beziehen kann; während sich die Stärke von Luhmanns Theorie eher bei den großen makrosozialen gesellschaftlichen Teilsysteme Recht, Wirtschaft, Politik usw. zeigt. Die Mechanismen der großen abstrakten Teilsysteme müssen mikrosozial fundiert sein, um plausibel zu sein; indes erscheinen sie auf der Makroebene deutlich konturierter: die operative Geschlossenheit, die Selbsterzeugung der Elemente, das rekursive Anschließen etc. lassen sich am Beispiel des Justizsystems wesentlich leichter verdeutlichen als anhand der flüchtigen Interaktion von Leuten, die sich auf der Straße treffen. Für meine Arbeit ergibt sich hieraus, dass ich auf Mechanismen von Teilsystemen mitunter beispielhaft Bezug nehme, das Modell selbst jedoch anhand von Interaktionen prüfen möchte.