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Fünf Thesen und Antithesen

erstellt von Thomas Nöske zuletzt verändert: 16.06.2007 08:52

Vielleicht das Herzstück meines ganzen Essays! Hier versuche ich Luhmanns abgefahrene Systemterminologie auf unsere Alltagserfahrung runterzubrechen und herauszufinden, was er mit so schrillen Begriffen wie "re-entry" oder "Autopoiesis der Kommunikation" überhaupt meint. Dabei wird schon einiges an Sinn und Unsinn seiner theoretischen Konstruktion sichtbar.

1.) Das Lesen war vor dem Schreiben:

In "Die Gesellschaft der Gesellschaft" entwickelt Luhmann seine Theorie anhand von Überlegungen zum prähistorischen Ursprung der Sprache: "Im vorsprachlichen Bereich, ja selbst im Verhältnis von Menschen und Tieren findet man die wohl wichtigste Vorbereitung für die Evolution von Sprache: das Wahrnehmens des Wahrnehmens und insbesondere: das Wahrnehmen des Wahrgenommen-werdens" Durch die Erkenntnis, dass andere mich beobachten und meine Handlungen interpretieren, entwickle ich ein Bewusstsein für den Signalcharakter meines Tuns. Luhmann zieht daraus die Folgerung, Kommunikation sei nur von der Seite des Verstehens her zu definieren.

In Luhmanns Betrachtung vom Ursprung der Sprache kommt dies zum Ausdruck: "In China scheint der Ausgangspunkt in der Divinationspraxis gelegen zu haben, die zu einem hochkomplexen Zeichenlesen (auf entsprechend präparierten Knochen, Schildkrötenpanzern etc.) entwickelt war. Man konnte also schon lesen, bevor man schreiben konnte." Das Zeichen wird also nicht erst mit Erfindung und Verbreitung der Kulturtechniken verdinglicht, sondern die Natur selbst ist bereits zeichenhaft, d.h. kann von Menschen so gedeutet werden. Damit gesteht Luhmann dem Zeichen gegenüber den Menschen eine äußere Realität zu, durch die Kommunikation recht formal, wie ein Hin- und Herschieben von dinglich gegebenen Zeichen erscheint; Zeichen werden abgesondert, liegen dann im intersubjektiven Raum rum, bis der nächste ein neues Zeichen anklebt ... Züge auf einem Spielfeld, das Regeln eines Verkehrspolizisten, Stecknadeln auf einer Tafel, das Flaggen Alphabet zwischen Schiffen etc.

Dagegen würde ich die Antithese formulieren: Menschen schalten sich nicht nur in bereits laufende Kommunikationsprozesse ein, sondern reden auch aus sich heraus. Man könnte nämlich ebensogut umgekehrt argumentieren: Das Sprechen war vor dem Hören, das Schreiben war vor dem Lesen, wie z.B. Hermann Pfütze es macht: "Die Welt zu verwirklichen (...) ist wie die Sprachlust oder der Spieltrieb etwas Ursprüngliches, während die Wirklichkeit der Welt zu entziffern und zu lesen etwas nachträgliches ist." Dieser Ansatz würde dem Menschen zuerst ein Bedürfnis nach Selbstausdruck unterstellen, aus dem erst in einem zweiten Schritt die Orientierung an Systemreferenzen folgte.

In der Konsequenz läuft dies auf eine qualitativ andere Vorstellung des Verhältnisses von Individuum und Gesellschaft hinaus. Man kann sagen, dunkle Wolken werden als ein Hinweis auf Gewitter gelesen, fette Gänse sind ein Zeichen für einen leckeren Braten; dennoch besteht für uns eigentlich kein Zweifel, dass es sich beim Lesen der Natur und beim Lesen von menschlicher Schrift um zwei völlig verschiedene Angelegenheiten handelt. Die Natur spricht nicht zu uns, um uns etwas mitzuteilen. Die dunklen Wolken rufen nicht: "Alles schnell in Deckung, gleich geht der Regen los!" Während der Mensch natürlich schon in der Erwartung, dass jemand zuhört, und mit einer Absicht kommuniziert. Auch entwicklungs-psychologisch geht der Wunsch nach Ausdruck dem Wunsch nach Verständigung vor: das Baby brabbelt zuerst und vergnügt sich expressiv an den selbsterzeugten Geräuschen, bevor es mit anderen Personen gezielt Informationen wechselt.

In Luhmanns Theorie ist das anders: er scheint zwischen Zeichen der Natur und Zeichen der Gesellschaft nicht zu trennen. Im System der Gesellschaft zirkulieren Macht, Geld, Informationen durchaus analog wie der Kreislauf des Wassers in Grundwasser, Flüssen, Wolken und Regen. Das heißt, der Mensch findet in seiner gesellschaftlichen Umwelt bereits zirkulierende Zeichen vor, in deren Prozess er sich bloß einschaltet. Es ist wie beim Autofahren: wir fädeln uns ein in einen bereits fließenden Straßenverkehr, machen einige Sequenzen lang mit und klinken uns dann wieder aus. Wir sollten ihn ruhig wörtlich nehmen, die Eigenartigkeit seiner Konzeption uns voll bewusst machen: Die Gesellschaft lebt ihr eigenes Leben, und wir Menschen sind ihre Parasiten. Und es gibt ein Leben außerhalb der Gesellschaft: wie in dem Kinofilm "Matrix", steigen wir in die gesellschaftlichen Realitäten ein und wieder aus. Vor allen zwischen Tag und Nacht, der subjektiven Welt der Nachtträume und der objektiven Realität der Wachheit. Schon Schopenhauer wusste, dass sich Traum und Realität nur dadurch unterscheiden, dass die eine Welt sprunghaft, fließend erscheint und die andere einen dichten, kontinuierlichen Zusammenhang bildet. Doch das allmorgendliche Einfädeln findet oft nicht ohne Anstrengung und Schmerzen statt. Kein Erwachen des Subjekts, sondern ein sich Einschalten des Sozialen Objekts. "Einschalten" hier freilich im doppelten Wortsinn: einmal als ein Anknippsen des eigenen Bewusstseins, das wie ein Monitor-Schirm plötzlich aufflackert und Datenkolonnen liefert; zum zweiten als ein Sich-Einklinken in die Kommunikationsprozesse der Gesellschaft, die in der Umwelt auch ohne mich laufen. Ich gehe mit meinem Bewusstsein auf on-line in einen gesellschaftlichen Datenstrom, der analog und parallel zu meinem inneren Bewusstseinsstrom stattfindet. Das Bild hat etwas Neuromantisches, erinnert auch an die Informationskanäle, Fernsehen, Internet, die wir anzapfen wie Steckdosen, auf und zudrehen wie Wasserhähne. Wir klinken uns für ein paar Stunden in die Realität, laden uns ein paar Kilobyte gesellschaftliche Wirklichkeit runter, erfüllen ein paar Jobs in der Matrix, sind danach völlig geschafft, klinken uns wieder aus und dürfen uns, wenn die Funktionen gesellschaftlichen Überlebens gesichert sind, wieder in unsere subjektive Erfahrungswelten zurückziehen.

Keine Frage, die Erfahrung, dass es so sein könnte, existiert, hat gewiss jeder von uns schon einmal gemacht. Thomas Luckmann und Thomas Berger schildern sie in einer eindrucksvoll phänomenologischen Passage:

Die Zeitung garantiert unserem (beispielhaften) Mann natürlich die ganze große Welt seiner Wirklichkeit. Vom Wetterbericht bis zu "Babysitter gesucht" beteuert sie ihm, dass er die wirklichste aller möglichen Welten bewohnt. Zusätzlich wird er noch mit der Gewißheit darüber versehen, dass den seltsamen Ekstasen, die er vor dem Frühstück erlebt hat, nur ein ziemlich minderer Wirklichkeitsstatus zukommt: dem sonderbaren Aussehen angeblich vertrauter Gegenstände beim Erwachen aus verworrenem Träume, dem Schock, das eigene Gesicht im Badezimmerspiegel kaum wiederzuerkennen, dem unaussprechlichen Verdacht, Weib und Kinder seien geheimnisvolle Fremde. Die meisten Leute, die anfällig für solch metaphysischen Schabernack sind, schaffen es, ihn durch stramme Morgenriten mehr oder weniger zu vertreiben, so dass die Wirklichkeit einigermaßen intakt ist, wenn sie aus ihrer Wohnungstür treten. Verläßlich wird die Wirklichkeit aber erst in der stillen Bruderschaft im Vorortzug. Wenn er schließlich in Grand Central Station einfährt, ist sie schon ganz hübsch massiv. Ergo sum, murmelt unser Mann vor sich hin. Und wach und selbstsicher begibt er sich ins Büro.

Die Alternative wäre vielleicht ein emphatischer Begriff des "Handelns", wie Hannah Arendt ihn zelebriert. Menschliches Handeln als ein in Erscheinung treten, sich als ganze Person für alle sichtbar machen und zu verwirklichen:

Sprechend und handelnd schalten wir uns in die Welt der Menschen ein, die existierte, bevor wir in sie geboren wurden, und diese Einschaltung ist wie eine zweite Geburt, in der wir die nackte Tatsache des Geborenseins bestätigen, gleichsam die Verantwortung dafür auf uns nehmen. –

Handelnd und sprechend offenbaren die Menschen jeweils, wer sie sind, zeigen aktiv die personale Einzigartigkeit ihres Wesens, treten so auf die Bühne der Welt, auf der sie vorher so nicht sichtbar waren. - Die Tatsache, dass ein Mensch zum Handeln im Sinne eines Neuanfangens begabt ist, kann daher nur heißen, dass er sich aller Absehbarkeit und Berechenbarkeit entzieht, dass in diesem Fall das Unwahrscheinliche selbst noch eine gewisse Wahrscheinlichkeit hat, und dass das, was "rational" (...) nicht zu erwarten steht, doch erhofft werden darf. Und diese Begabung für das schlechthin Unvorhersehbare wiederum beruht ausschließlich auf der Einzigartigkeit durch die jeder von jedem, der war, ist oder sein wird, geschieden ist.

2.) Kommunikation reproduziert sich selbst:

Zur Bildung eines Kommunikations-Systems kommt es, indem die einzelnen Kommunikations-Akte anhand der Differenz zwischen Information und Mitteilung beobachtet werden. Ein Zeichen wird erst dadurch zum Zeichen, dass es sich anhand dieser Differenz beobachten lässt und somit als Zeichen identifizierbar wird; sonst könnte man es nicht vom unwillkürlichen Geräusch ohne Bedeutung unterscheiden. Luhmann betont, dass diese Differenz nicht vom Sender, sondern erst vom Empfänger vorgenommen wird, da ja auch unabsichtlich gesendete Zeichen einfließen, z.B. Gelassenheit oder Aufregung in der Stimme. Der Empfänger meldet sein Verstehen zurück, wobei "Verstehen" hier nicht empathisch im Sinn von Begreifen, Einsehen gemeint ist, sondern eher als ein: Zur-Kenntnisnehmen. Ein Kommunikationsakt wurde als solcher erkannt, der Empfänger reagiert mit einer Anschlusskommunikation. Diese zerfällt sogleich freilich ebenfalls in die Differenz zwischen Information und Mitteilung.

Luhmann folgert daraus, dass über Information und Mitteilung durch das rekursive aneinander Anschließen von Kommunikationsakten entschieden wird, das heißt: im Prozess der Kommunikation, nicht im Bewusstsein der Beteiligten. Kommunikation schließt sich dadurch zu einem autopoietischen System. Das ist im Rahmen der allgemeinen Systemtheorie schlüssig, da eine eigene Leitdifferenz zur Abgrenzung des Systems von der Umwelt zu den Bedingungen operativer Schließung gehört. Wie aber kann man sich das praktisch klarmachen? "Die Autopoiesis der Kommunikation produziert Kommunikation aus Kommunikation – nie aus Bewusstseinszuständen", soll heißen: Ich muss etwas sagen, damit andere antworten. Wenn ich etwas nur denke, kann niemand darauf reagieren.

Eine laufende Kommunikation zieht Aufmerksamkeit an, "um (das Bewusstsein) zu reizen, die Kommunikation zu reizen". Das Senden von Signalen provoziert Reaktionen, jemand sagt etwas, ein anderer fühlt sich zur Antwort aufgefordert oder kann der Kommunikation nicht ausweichen. Diese Erkenntnis lässt sich auch so formulieren: Ein Kommunikationsakt schließt weitere an, weil sich Menschen in ihrem Handeln aufeinander beziehen müssen. Ich kann nur auf das reagieren, was andere machen, oder sozialen Kontakten aus dem Weg gehen. Das lässt sich freilich als ein rekursives aneinander Anknüpfen einzelner Kommunikationsakten beschreiben, da keiner unabhängig vom vorherigen erfolgt. Die Kommunikationsakte bilden gleichsam eine Kette, verschlungen und mit vielen Verästelungen. Und das meint Luhmann mit den Worten: Kommunikation reproduziere sich selbst.

"Nur Kommunikation schließt an Kommunikation."

- Er entfaltet seine These am Beispiel der Ökologie: irgendjemand muss das Thema immer wieder ansprechen. Das Ozonloch selbst schreibt keine Zeitungsartikel, in denen es auf die Klimaerwärmung hinweist; aussterbende Tierarten weisen nicht auf ihr eigenes Aussterben hin. Stets sind es Menschen, die ökologische Gefahren erkennen und artikulieren. Die Aussage klingt trivial, sie meint ja bloß: Steine, Pflanzen und Tiere können nicht sprechen, nur Menschen können sprechen. Doch weist sie auf ein echtes Problem hin, man könnte es das "Titanic"-Syndrom nennen: Das Schiff ist zwar schon halb im Meer versunken, aber die Leute reden noch immer übers Essen, die Kapelle spielt noch immer weiter. Es nicht schwer, sich weitere Fälle auszudenken: ein Mensch ist schwer krank und liegt im Sterben, aber seine Freunde und Angehörigen reden über Fußball oder das Wetter, als ob nichts wäre; eine Liebesbeziehung ist längst im Eimer, aber die Partner halten an ihren Konventionen der Zweisamkeit tapfer fest. Kommunikation reproduziert sich selbst unabhängig, bzw. blind gegenüber äußeren Situationen. Das ist zumindest ein beobachtbares Phänomen. Kommunikationsverläufe schotten sich scheinbar von Kontextfaktoren ab und halten an ihren fixen Inhalten und Mustern hartnäckig fest, auch wenn es in einer sich laufend wandelnden Umwelt unangemessen erscheinen. Die Kommunikation wird weltfremd und läuft trotzdem weiter. Der Witz besteht freilich wieder darin, eine gemeinhin als Fehlentwicklung interpretierte Sachlage quasi naturgesetzlich zu normalisieren, etwa nach dem Motto: "Wie sollte es anders sein? So ist eben die Kommunikation!"

Bald suchen auch die Letzten nach den Schwimmwesten und rufen um Hilfe. - Dagegen würde ich als Antithese formulieren: für den Verlauf von Kommunikationsakten gilt nicht nur, was jeweils vorher gesagt wurde, sondern auch gemeinsam zugängliche Fakten. Selbst wenn sie nicht innerhalb der Kommunikation aufgegriffen werden, lassen sie eine Kommunikation im Kontext doch als angemessen oder abwegig erscheinen; die Gespräche wirken aufgesetzt, unaufrichtig, unpassend, bekommen gezwungene, krampfhafte Züge. Sie lassen sich auf die Dauer nicht durchhalten, auch wenn es die Protagonisten selber nicht merken. Außenstehende spüren, dass der äußere Lauf der Dinge und das Hin und Her der Kommunikationsakte nicht zusammenpassen. Es gelingt den Politikern auf die Dauer nicht, die offiziellen Rechtfertigungen für den Irak-Krieg durchzuhalten, es handele sich um einen Versuch der Befreiung und der Demokratisierung. Es ist einfach allgemein bekannt, dass es in Wirklichkeit nur um die Erdöl-Vorräte geht; und dabei ist ebenfalls klar, dass kein Politiker, der innerhalb der offiziellen Verflechtungen was werden will, dies laut sagen darf. Luhmanns These lautet zugespitzt: die Fortsetzung der Kommunikation geht vor ihrer inhaltlichen Validierung. Selbst wenn alle wissen, dass die Kommunikation inhaltlich falsch ist, wird sie sich durchsetzen, wenn sie sich nur fortsetzt. Mithin hängt die Stärke eines Diskurses nicht von seiner Bedeutung ab, sondern von seiner Fähigkeit, immer weitere Anschlusskommunikationen zu provozieren. Politiker wissen das und forcieren immer wieder "Schein-Debatten", um von den ernsthaften Problemen abzulenken.

Auch hier wieder die Frage: wie weit können wir Luhmann wirklich folgen? - es existieren mitunter Sachzwänge, innerhalb von Kommunikationen einen gewissen Schein formal aufrecht zu erhalten und Situationsfaktoren zu ignorieren. Z.B. muss der König wie ein König behandelt werden, auch wenn er offensichtlich verrückt ist. Außerdem neigen Kommunikationen in ihren Verläufen dazu, in eingefahrene Gleise zu münden und sich somit auf die Dauer zu wiederholen. So gab es in den 50er und 60er Jahren mal eine Zeit, in der Rockmusik wirklich als revolutionär erlebt wurde, während sie seit den 90er Jahren immer schwächer ausfällt und dennoch von allen Radiomoderatoren penetrant als "Sensation" etc. angepriesen wird. Ich meine, der Realität zuwider laufende, in diesem Sinne: falsche Kommunikationen werden aus verschiedenen Gründen fortgesetzt, aus Gründen des Takts oder der politischen Strategie, weil sie alten Mythen aufsitzen oder Ideologien folgen, oder vielleicht auch einfach aus Gewohnheit. Gewiss spielen weitergehende Konventionen, Werte, Abhängigkeiten, kulturelle Faktoren auch noch eine Rolle, die uns Dinge sehen und sagen lassen und über andere lieber schweigen. Ich gebe Luhmann insoweit Recht: mitunter verlaufen Kommunikationen gegenüber den Umweltfaktoren hartnäckig gleichgültig. Doch ob eine autopoietische Reproduktion die dafür beste Erklärung darstellt, wage ich zu bezweifeln.

3.) Kommunikation beobachtet ihre Umwelt:

Die Differenz von Information und Mitteilung erfolgt im Prozess der Kommunikation, nicht im Bewusstsein: Bevor ich auf einen Kommunikationsakt antworte, muss ich diesen in eine Informations- und in eine Mitteilungsseite zerlegen, um ihn als Kommunikation zu identifizieren und mit einer Reaktion anknüpfen zu können. Zum Beispiel enthält der Anblick einer schlafenden Person zwar eine Information, aber keine Mitteilung, während die Aussage: "Ich bin Superman" zwar sehr viel Mitteilung, aber wenig Information enthält.

Da jeder Kommunikationsakt auf vielfältige Art in Information und Mitteilung zerlegt werden kann, entscheidet über die konkrete Anwendung des Differenzschemas tatsächlich erst Alter Egos Reaktion. Diese Erkenntnis steckt schon in den berühmten Beispielen von Paul Watzlawick, wenn die Frau zum Mann sagt: "fahr doch nicht so schnell", und der Mann antwortet: "Du willst nur an mir rumnörgeln!" – Aber auch auf der Inhaltsebene können Kommunikationsakte ganz unterschiedlich aneinander anknüpfen. Der Mann fragt an der Kreuzung: "Kommt ein Auto?" Und die Frau antwortet: "Nein!" Der Mann gibt Gas. Da ergänzt sie: "... nur so ein häßlicher Tankwagen!" Der Witz des Missverständnisses liegt darin, dass die beiden ihre Begriffe ihrer Kommunikation verschieden abgrenzen, der Mann: Auto oder freie Kreuzung, die Frau: Auto oder anderes Fahrzeug.

Krachbumm! Wir können sehen: der Verlauf einer Kommunikation ist von keiner beteiligten Person zu lenken, sondern entwickelt sich ungeplant. Diese Eigendynamik entsteht dadurch, dass die Kommunikationsakte sich jeweils eigensinnig und spezifisch auf die Differenz von Information und Mitteilung beziehen – und damit den Verlauf der Kommunikation prinzipiell chaotisch werden lassen. In diesem Sinn lässt sich Kommunikation von der Umwelt abgrenzen und als geschlossenes System für sich beschreiben.

Luhmann Satz: "die Differenz von Information, Mitteilung und Verstehen sind Teile des Kommunikationssystems, nicht eines einzelnen Bewusstseins", heißt also auf die Alltagserfahrung übertragen: Kommunikationsakte können sich unterschiedlich aufeinander beziehen. Dabei knüpfen sie vor allem an die Inhalts- und Mitteilungsseite vorangegangener Kommunikationsakte an. Der Verlauf der Kommunikation ist darum von außen nicht mehr zu steuern, er wird insgesamt unberechenbar und entscheidet sich rekursiv, von Anknüpfung zu Anknüpfung jeweils neu.

Wie bereits der Begriff des "Verstehens", wie oben erklärt, von der alltäglichen Erfahrung extrem abstrahiert wird, kann es sich auch bei der "Selbstbeobachtung der Kommunikation" nur um eine sehr abstrakte Beschreibung handeln: Kommunikationssysteme selektieren aus der Vielfalt menschlichen Handelns und Verhaltens die Sinnelemente, die als passende Kommunikationsakte identifiziert und an die weitere Anschlusskommunikationen angeknüpft werden; Luhmann etwas ironisch: sie "entstehen auf Grund der Geräusche, die psychische Systeme erzeugen bei ihrem Versuche zu kommunizieren".

Aus der Kommunikation "entsteht ein System, das auf Grund seiner Geschlossenheit umweltoffen operiert, weil seine basale Operation auf Beobachtung eingestellt ist. Die Formdifferenz von Mitteilung und Information ist mithin für das System eine unvermeidbare Bedingung autopoietischer Reproduktion." Dieses Kommunikations-System selektiert, was es als Sinnelement aufnimmt und intern weiterverarbeitet, durch die eigenen Strukturen und Operationen. Wobei Luhmann die Begriffe Struktur und Operation in dynamischer Wechselwirkung zueinander beschreibt: "Ein Kommunikationssystem ist ein (...) irritierbares System, das aber die eigenen Operationen nur durch die eigenen Strukturen und die eigenen Strukturen nur durch die eigenen Operationen determinieren kann." Es gibt also keine Dominanz des einen gegenüber dem anderen, sondern beide gehören gleichermaßen zur Autopoiesis des Systems, die entsprechend als eine rekursive Abfolge von Systemzuständen beschrieben werden kann. Kommunikation entwickelt sich von Augenblick zu Augenblick und diskriminiert jeweils, was angeschlossen werden kann und was nicht.

Durch sein Differenzschema konstruiert es eine eigene Innen-Außen-Grenze, die es intern reflektieren und mit der es sich selber beobachten kann. Das gilt für Bewusstseinssysteme, die intern zwischen Wahrnehmung der Umwelt und eigenen Gedanken unterscheiden und somit eine eigene Innen-Außen-Grenze produzieren, und analog für Kommunikationssysteme, die sich über Mitteilungen auf sich selbst beziehen und über Informationen auf die Umwelt. So unterscheidet das Justiz-System zwischen Recht und Unrecht in der Welt, und es unterscheidet sich dadurch gleichzeitig von der Welt, und es kann sich selber beobachten, indem es beobachtet, wie es die Welt beobachtet.

Die Welt selbst fungiert für das Justizsystem sozusagen nur als Lieferant von Fällen, über die entschieden werden muss oder die zur Reflexion von Anwendungen des Recht-Unrecht-Codes anstoßen. Das Justiz-System beobachtet die Welt, meint also: juristisch sind nur solche Daten interessant, die zu Rechtsfragen beitragen; für die Wissenschaft sind nur solche Daten interessant, die ihre Wahrheitsdiskurse betreffen etc.

Für "soziale Systeme lassen sich autopoietische Reproduktion und Operationen der Selbstbeschreibung und Selbstbeobachtung, die die System/Umwelt-Differenz im System selbst verwenden, nicht trennen." Die Aussage: "Kommunikation beobachtet", meint also die abstrakte Tatsache, dass nicht alle menschlichen Handlungen als Kommunikationsakte wahrgenommen werden und nur an Kommunikationsakte weitere Kommunikationsakte angeschlossen werden. Wenn sich jemand am Arm kratzt, antworte ich nicht unbedingt mit einem Niesen, und wenn mich jemand fragt: "Was hältst Du von der Gentechnik", würde die Antwort nicht passen: "Die Grafiken mit den gewickelten Leitern sind so hübsch bunt!"

Das klingt trivial. Was für Konsequenzen folgen aus der Überlegung? – Zunächst scheint es sich bei Luhmanns Formel von der "Anschlussfähigkeit" von Kommunikationsakten um einen echten Gummibegriff zu handeln. Denn: was soll Anschlussfähigkeit genau heißen? Wenn ich Urlaub in Spanien mache und auf dem Campingplatz ein paar Leute kennenlerne und mit denen ein Bier trinke, kann ich sagen: ich habe Anschluss gefunden; dasgleiche wenn ich eine Tagung besuche und nach den Vorträgen mit anderen Personen gemeinsame Interessen entdecke und wir über die Tagung hinaus weitere Zusammenarbeiten besprechen. Aber als Soziologischer Grundbegriff, um die operative Schließung von Kommunikation zu einem eigenem System zu begründen? –

"Anschlussfähigkeit" bezieht sich immer auf die Differenzen, die in einem Kommunikationsakt mitschwingen. Wenn ich z.B. sage: "Ich koche Kartoffeln zum Lachs", dann produziert hier jedes einzelne Wort mehrere Differenzen, an die weitere Kommunikationsakte anschließen können. Nehmen wir uns den Satz mal vor. Erstes Element: "Ich", Differenz: Du, jemand anderes, mögliche Anschlüsse: "Heute ist doch Reinhard dran mit Kochen!", "Soll ich dir helfen?" etc. Zweites Wort: "Koche", Differenz: brate, nehme, kaufe etc., mögliche Anschlüsse: "Im Kühlschrank stehen noch fertig gekochte Kartoffeln von gestern", "Nimm nicht soviel Wasser" etc. Drittes Wort: "Kartoffeln", Differenz: Nudeln, Reis etc., mögliche Anschlüsse: "Reis würde aber besser passen" etc.

Kommunikationsakte schließen durch Differenzen aneinander. Mit der Zeit, wenn sich das Gespräch in der Küche wiederholt, profilieren und etablieren sich einige Differenzen gegenüber anderen. Irgendwann zieht die Aussage "Ich koche Kartoffeln!" fast automatisch bestimmte Reaktionen nach sich: "Kartoffeln sind gut, Reis wird immer so pampig!" oder umgekehrt: "Schon wieder Kartoffeln. Warum nicht mal wieder Reis?" Die Kommunikation schließt sich zu einem System, das heißt: indem sich Differenzen etablieren, erhält sie einen eigenen Spin. Man kann beobachten, dass sich in der Wissenschaft Differenzen wie Geist / Natur oder qualitativ / quantitativ etablieren. Auch in politischen Diskussionen spielen sich typische Argumentations-Anschlüsse ein, z.B. kann Vermögenssteuer zu einem Symbol für Wirtschaftskompetenz oder –inkompetenz avancieren, so dass auf bestimmte Argumente fast zwangsläufig bestimmte Gegenargumente folgen. "Wir müssen den Sozialstaat erhalten", und: "Wir dürfen die Firmen nicht so stark belasten!" oder andersherum: "Wir müssen die Firmen entlasten", und: "Wir dürfen den Sozialstaat nicht aufgeben!" Die Kommunikation schließt sich zu einem System.

Allerdings provoziert es die Gegenfrage, was mit den Kommunikationsakten geschieht, an die nicht angeschlossen wird? Ist es, als habe es sie nie gegeben, verhallen sie einfach? – Meine Antithese lautet: an den Code nicht-anschlussfähige Kommunikationsakte spielen doch eine Rolle! Kein Kommunikationsbeitrag orientiert sich nur an einem einzigen Code. In der Politik spielt nicht nur Macht eine Rolle, sondern auch die Wahrheit der jeweiligen psychologischen, historischen, wirtschaftswissenschaftlichen ... Fakten, auf die sich die Personen jeweils berufen, die Vertretbarkeit gegenüber einem moralischen Gewissen, ethischen Reflektionen; und auch die Wissenschaft ist nicht nur an formaler Wahrheit oder Unwahrheit ihrer Forschungen interessiert, sondern steht automatisch unter Druck, auch Sinn und Wert ihrer Ergebnisse zu reflektieren, ihre Bedeutung für die Gesellschaft etc. Die gesellschaftlichen Teilsysteme sind längst nicht so streng operativ geschlossen, wie Luhmanns Theorie es nahelegt. In Wissenschaft, Justiz, Politik, Wirtschaft etc. fließen immer auch Beiträge von außerhalb der Systeme ein, die sich nicht explizit auf die je aktuellen Systemoperationen beziehen und direkt an die Codewerte docken.

4.) Kommunikation reflektiert die eigene Umweltbeobachtung:

Nun erfolgt die Umwelt-Beobachtung im System selbst noch gewissermaßen blind. Inwieweit lässt sich darüber hinaus sagen, dass sie auch als Selbstbeobachtung im System reflektiert wird? – Gewiss meint Luhmann auch hier nicht, Kommunikation verfüge über ein eigenes Bewusstsein, in dem sie zur Selbsterkenntnis erwachen könnte. Wie lässt sich aber dann Luhmanns Aussage verstehen?

Wie gesagt, sind z.B. in einer Gerichtsverhandlung nur solche Beiträge anschlussfähig, die zur Anwendung des Recht-Unrechts-Codes in einem Fall beitragen; davon abschweifende Beiträge werden als irrelevant ignoriert. Die Regeln dafür werden in den Rechtswissenschaften reflektiert. Auf der allgemeinen Ebene der Interaktionen werden Geräusche und Bewegungen ohne Zeichencharakter ignoriert, aber auch solche Kommunikationsakte, die gerade nichts zur Sache tun. Die Anschlussfähigkeit von Kommunikationsakten wird nun im Verlauf der Kommunikation immer wieder thematisiert, was zuerst zur Bildung der Reflexionstheorien der Teilsysteme und später zur Soziologie führt. Und eine solche Thematisierung, meint Luhmann, ist nicht durch die beteiligten Personen motiviert, sondern eine Entscheidung des Kommunikationssystems, das neben den Akten der Primärkommunikation außerdem Akte der Metakommunikation sozusagen anzieht oder provoziert.

Wie kann man sich das praktisch denken? - Das Kommunikationssystem selbst registriert, wenn Kommunikationsakte als nicht-anschlussfähig herausfallen, wenn z.B. in der Gerichtsverhandlung der Zeuge nicht zur Sache redet. Darüber entscheidet der Richter in einer Verhandlung nicht eigenständig, sondern handelt nur als Agent des Systemzwangs der Verhandlung, wie Luhmann in "Legitimation durch Verfahren" zeigt: "Rationale Entscheidungstechniken entwickelt die Praxis (der Gerichtsverfahren; Th. N.) vor allem mit Hilfe von schematischen Regeln für die Abfassung von Voten und Entscheidungen. Solche Regeln legen die Darstellung des Arbeitsergebnisses fest und steuern dadurch gleichsam von hinten das, was zur Herstellung der Darstellung getan werden muß." Das Kommunikationssystem selbst verlangt also von den beteiligten Personen ausreichend Sensibilität für die Anschlussfähigkeit ihrer Beiträge, wenn sie nicht außen vor bleiben und ignoriert werden wollen, einerseits im Hinblick auf den Code, anderseits im Hinblick auf wechselnde Strukturen und Operationen.

Nicht-anschlussfähige Beiträge gefährden die Autopoiesis der Kommunikation. Entweder wird sie dann abgebrochen oder verebbt, was prinzipiell kein Problem ist, da ja ständig neue Kommunikationen entstehen; oder sie soll fortgesetzt werden und muss zur Metakommunikation übergehen, den eigenen Verlauf, Zustand etc. reflektieren, um sozusagen wieder in einen geordneten Verlauf zurückzufinden.

Nach Luhmanns Theorie handelt es sich hierbei um eine Leistung der Kommunikation, nicht der beteiligten Personen. Das kann ich mir nur so erklären, dass die Kommunikation aufgrund der Wichtigkeit, Attraktivität oder Brisanz ihres Themas sozusagen noch weitere Kommunikationsakte anzieht, selbst wenn ihr Verlauf vorübergehend stockt; und dass dieses Stocken eben nur durch Akte der Metakommunikation ("Das habe ich nicht verstanden", "Wie soll ich jetzt darauf antworten" etc.) überwunden werden kann. Man könnte sagen, dass ein Thema wie Gerechtigkeit aufgrund seiner paradoxen Verfassung soviel Klärungsbedürftigkeit ausstrahlt, dass die Diskurse selbst nach zahllosen nicht-anschlussfähigen Beiträgen immer noch weiterlaufen, und sich die Welt mit Reflexionen füllt.

Das wirft allerdings die Frage nach der Art der Beteiligung der Akteure auf, denn Luhmann behauptet ja nicht, dass dies alles etwa ohne beteiligte Akteure passieren würde, sondern lediglich: dass für die weitere Entwicklung der Kommunikation die Entscheidungen der Akteure gegenüber der Eigenlogik des Kommunikationssystems nachrangige Bedeutung haben. Die Akteure werden gewissermaßen zu einem Akt der Metakommunikation genötigt, weil der Kommunikationsfluß nicht abbrechen darf – und sie darum die einzige Möglichkeit ist. So wie Kommunikation das Bewusstsein zu weiterer Kommunikation reizt (siehe oben), verlangen Kommunikations-Störungen Akte der Metakommunikation. Z.B. wird eine wissenschaftliche Konferenz nicht einfach abgebrochen, nur weil ein Redner unverständlich redet. Vielmehr würde dies als Anlass genommen, sich erneut über Spielregeln und Themen der Wissenschaft im Allgemeinen und der Konferenz im Besonderen zu verständigen. Die genervten sagen, der Idiot solle seine Vortrag doch woanders halten, währen die wohlwollenden ihn als eine Anregung zu was-auch-immer verstehen.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Kommunikation kann im Fall von ambivalenten, schwer anschließbaren Beiträgen entweder verebben oder zusammenbrechen oder zusätzliche Feedback- oder Verstehensschleifen durchlaufen, um zurück in die eigene Ordnung zu finden. Da Kommunikation weitere an sie anschließende Kommunikationsakte anzieht, enstehen bei Störungen des Flusses Akte der Metakommunikation, die dann widerum als anschlußfähige und nicht-anschlußfähige sortiert werden. Dies geschieht im Prozess der Kommunikation selbst, weil die Störungen ja in ihr erfolgen und die Reflexionen kommunikativ zurückgemeldet werden müssen, um Einfluss auszuüben. Damit sind die Akte der Metakommunikation ihrem weiteren Verlauf genauso ausgesetzt wie die der Primärkommunikation. In diesem Sinn ließe sich metaphorisch sagen: Kommunikation mache sich die eigenen Strukturen und Operationen selbst transparent.

Doch auch hier erscheint mir das autopoietische Konzept eigenartig unvollständig. Die (ergänzende) Antithese dazu müsste lauten: Metakommunikation findet statt, wenn die beteiligten Akteure der Meinung sind, eine Kommunikation sei es wert, trotz Schwierigkeiten in der Verständigung fortgesetzt zu werden. Luhmanns Aussage, Störungen im Kommunikationsfluss führten entweder zu einem Ende oder zur Metakommunikation, ist eine völlig simple These, fast zu trivial, um überhaupt erwähnt zu werden; dennoch bleibt die Frage offen, wann eine Störung zur Metakommunikation führt und wann die Kommunikation einfach aufhört, abbricht, verebbt? Meines Erachtens nach, lässt sich diese Frage allein aus der Eigengesetzlichkeit der Kommunikation kaum beantworten, ohne die Motivationen der beteiligten Akteure zu beachten. Irgendjemand muss ja – auch gegen die Probleme und Widerstände hinweg - an der Fortsetzung der Kommunikation festhalten wollen und eben aus diesem Grund die Reflexionen sozusagen ins Spiel bringen.

Wenn ich es richtig sehe, läuft Luhmanns Erklärung dagegen darauf hinaus, in der strukturellen Verfassung der Kommunikation selbst unterschiedlich starke Kraftfelder zu vermuten, die Anschlusskommunikationen anziehen oder nicht anziehen. Wir können uns die Überlegung gut deutlich machen. Hochdifferenzierte Aussagen sind wie allzu allgemeine Differenzen wenig anschlussfähig. Wenn ich in einen Kleidungsladen gehe und sage: "Ich möchte gerne etwas zum Anziehen kaufen", fällt eine geeignete Antwort dem Verkäufer genauso schwer wie wenn ich sage: "Ich hätte gern ein dunkelgelbes Jacket mit matt-silbernen Knöpfen und einem Kragen aus braunem Cord und gemustertem Innenfutter!" Kommunikationsakte müssen die richtige Mitte zwischen zu speziellen und zu allgemeinen Differenzierungen finden, um anschlussfähig zu sein.

Noch mehr Anschlussmöglichkeiten bieten Dualismen, da aus jeder Wahl für den einen Anschluss eine direkte Ablehnung des anderen Anschlusses folgt. Wenn ich ihm Recht bin, muss der andere im Unrecht sein; wenn die Theorie wahr ist, ist die Gegentheorie unwahr. Das bedeutet, dass sich jede Aussage nicht nur von einem unbestimmten Hintergrund abhebt: Das und nicht irgendetwas anders; sondern bestimmte Gegenaussagen negiert: das und nicht das Gegenteil. Das provozieret natürlich stetigen Widerspruch, und darum ziehen dualistische Unterscheidungen mehr Anschlusskommunikationen an als einfache Abgrenzungen. Wer nicht direkt angesprochen wird, kann trotzdem antworten, weil er nämlich implizit ausgeschlossen ist.

Die meisten Anschlusskommunikationen bieten jedoch Paradoxien. Sie sind die anschlussfähigsten Sinn-Elemente überhaupt, da sie sich einerseits zwar strikt auf eine duale Unterscheidung festlegen, ihre zwei Seiten andrerseits indes maximal variabel halten, wie Luhmann am Beispiel der "Liebe aus Passion" zeigt:

In der Intimkommunikation muß die paradoxe Konstitution ausgehalten, ja expressiv verwendet werden. Hier versagt die Flucht in die Scheinrationalität. Die Gründe dafür lassen sich klären, wenn man fragt, welche spezifischen Strukturpobleme der Intimkommunikation durch Paradoxierung gelöst werden. Sie ergeben sich auf verschiedene Weise aus der Abhängigkeit von freier Entscheidung. Dies schließt es aus, die Regeln so zu fassen, dass das Verhalten durch sie direkt konditioniert wird. Paradoxiert man dagegen den Code, kann das daran orientierte Verhalten als sinngebunden, zugeordnet und zugleich als frei dargestellt werden.

Die Kommunikationshandlungen der Liebenden können sich also laufend aufeinander beziehen, ohne dass einer der beiden Partner die andauernde Führung übernimmt, das Verhalten in der einen Situation das Verhalten in den folgenden Situationen festlegt etc. Liebe lässt sich nie abschließend klären, aber es gibt Kommunikationen, die um nichts anderes kreisen. "Ich liebe dich?" – "Ja, aber liebst du mich wirklich?" – oder: "Ich liebe dich nicht!" – "Das stimmt nicht, du liebst mich doch. Du merkst es bloß nicht!"

Vergleichbar paradoxe Verfassungen sieht Luhmann in den Kommunikationen über Eigentum, Gerechtigkeit, Macht etc. wirksam werden, wie ich im 2.6. Kapitel noch näher erläutern werde. Jedenfalls sollen Themen wie Recht oder Unrecht, Haben oder Nicht-Haben oder wahr oder unwahr aufgrund ihrer spezifisch paradoxen Verfassung mehr Anziehungskraft auf Anschlusskommunikationen ausüben als z.B. Mann / Frau oder progressiv / regressiv, die immer nur zeitweilig in die Diskussion gelangen oder nur Teile der Bevölkerung beschäftigen. Darum existieren, nach Luhmann, über Recht / Unrecht und Haben / Nicht-Haben mehr Reflexionstheorien als über Mann / Frau oder progressiv / regressiv. Für Luhmanns theoretische Zwecke ist eine solche Formel indes völlig ausreichend. Denn für seine Evolutionstheorie kommunikativer Figuren reicht es ja bereits aus, wenn er erklären kann, warum Anschlussfähigkeit einen evolutionären Vorteil macht und sich die paradoxen Formen darum im Lauf der Jahrhunderte durchsetzen.

Praktisch lässt sich daraus die Handlungsempfehlung ableiten "Willst du Anschlussmöglichkeiten bieten und Handlungsspielräume erhalten, kommuniziere paradox." Seit den 90er Jahren gehört es ohnehin zu den bevorzugten Strategien, allen Aussagen eine ironischen Unterton beizumischen, um sich immer in alle möglichen Richtungen bewegen zu können. Man drückt durch Überbetonung aus, dass man nicht wörtlich verstanden – und darum später also auch nicht festgenagelt werden möchte. Aber auch das erklärt die Phänomene nicht restlos, kann die letzte Weisheit noch nicht sein. Bloß weil eine Kommunikationsform paradox ist und damit schier endlose Anschlüsse erlaubt, müssen ja nicht automatisch auch gleich endlos Kommunikationsakte an sie angeschlossen werden. Die Paradoxe Form mag Anschlüsse zur Verfügung stellen, ob man sie wahrnimmt, ist eine andere Frage. Es muss doch zumindest noch ein anthropologischer Faktor ins Spiel kommen, der erklärt, warum sich Menschen für bestimmte Dinge, Themen interessieren.

5.) Bewusstsein und Kommunikation sind strukturell gekoppelt:

Die Selbstbeobachtung des Kommunikationssystems findet im Kommunikationssystem selbst statt, nicht in den Köpfen der beteiligten Personen; diese machen sich zwar auch ihre eigenen Gedanken über den Lauf der Dinge, können die laufenden Prozesse aber nicht direkt beobachten. Ihr Verhältnis beschreibt Luhmann mit dem Begriff der "Interpenetration":

Es (kommt) zu einer Schematisierung der Elemente, die von beiden Systemen in Anspruch genommen werden. Deren Kontingenz wird als Differenz interpretiert, und dieser Differenz wird ein bestimmtes Sinnschema unterlegt. Dieses Sinnschema lässt sich dann, je nach Bedarf weiter präzisieren und gegen andere Schematisierungen absetzen.(...) Die Integration liegt (...) darin, dass verschiedene Systeme in der Reproduktion ihrer Elemente dasselbe Differenzschema verwenden, um Informationen zu verarbeiten, die sich aus den komplexen Operationen des jeweils anderen Systems ergeben.

In seinen Monographien über Wirtschaft, Politik, Justiz ... definiert Luhmann bekanntlich bestimmte Differenzschemas, die den jeweiligen gesellschaftlichen Teilsystemen eigen sind, z.B. Zahlung / Nicht-Zahlung, wahr, / unwahr, Regierung / Opposition etc.

Dem Bewusstsein wird z.B. die Funktionsweise des Justiz-Systems nur dadurch zugänglich, indem es konkrete Probleme vorm Hintergrund des Recht / Unrecht-Codes reflektiert und sich auf diese Weise die Perspektive des Justizsystems zu eigen macht. Allerdings kann diese "Integration" von Bewusstsein und Kommunikation durch das "Differenzschema" nur über gemeinsam gebrauchte Elemente erfolgen, über die sich die verschiedenen Systeme ineinander verschränken. Der Recht / Unrecht-Code muss auf einen konkreten Fall angewandt werden, damit man in die Strukturen des Systems hineinreflektieren kann. Z.B. kann ich über den gescheiterten Antrag auf ein Verbot der NPD reflektieren, wie die Operationen des Justiz-Systems arbeiten und warum der Antrag aus Gründen juristischer Eigenlogik abgelehnt werden musste, während der oberste Richter sich politisch und persönlich durchaus für ein solches Verbot aussprach.

Auf der allgemeineren Ebene der Interaktion, meint "Interpenetration" mithin, dass das Bewusstsein Sinn-Elemente vorm Hintergrund des Differenzschemas der Kommunikation Information / Mitteilung beobachtet und somit über die Reflexion konkret aneinander anschließender Kommunikationsakte die Operationen des Kommunikationssystems nachvollzieht.

Das Bewusstsein übt dadurch, die eigenen Gedanken für eine sprachliche Darstellung zu präparieren um sich auf eine erwartete Kommunikationssituation gut vorzubereiten und nicht über eine ungeschickte Wortwahl oder missverständliche Darstellung zu stolpern. Dabei orientiert es sich an einer Ordnung, die es nicht aus sich selbst entwickeln kann, sondern die es aus Erfahrung mit Kommunikation rekonstruiert.

Über Sprache ‚interpenetriert’ soziale Komplexität zwar in das Bewusstsein, aber dies geschieht nur anhand eines Nachvollzugs der Wahrnehmungsdistinktheit der akustischen bzw. optischen, für mündlichen bzw. schriftlichen Gebrauch entwickelten Formen der Sprache und nicht in der Art einer ‚internen Kommunikation’ deren Adressat man selber wäre.

Bezogen auf unsere Alltagserfahrung, bezeichnet der Begriff der "Interpenetration" also die Tatsache, dass wir die Eigendynamik sozialer Systeme immer nur vermittelt über konkrete, gemeinsame Probleme erfahren, und uns die Strukturen und Operationen Sozialer Systeme über diese Erfahrungen erschließen müssen. Wenn wir wissen wollen, wie ein bestimmtes Soziales System "tickt", müssen wir beobachten, wie es sich in bestimmten Situationen verhält und mit Sachverhalten umgeht. Wir können reflektieren, was für die Justiz "Glaubwürdigkeit" bedeutet, was für die Mafia "Ehre" oder was für Helge Schneider "Katzenklo" bedeutet, und können auf dem Weg ihre jeweiligen Horizonte rekonstruieren, indem wir über den Gebrauch gemeinsamer Elemente sozusagen in sie hinein reflektieren.

Die Mechanismen von Politik, Wirtschaft, Justiz ... lassen sich nicht insgesamt, als ganze Gebilde betrachten, sondern nur im konkreten Umgang erfahren. Individuen und Soziale Systeme verhalten sich wie Black-Boxes zueinander: sie können ihre internen Abläufe jeweils nur durch input-output-Verhältnisse kombinieren. Das läuft nach dem try-and-error Prinzip: man macht etwas, guckt was passiert, wertet die Beobachtung aus, probiert etwas anderes ...

Die Antithese hierzu könnte lauten: unabhängig von dem, was die gesellschaftlichen Teilsysteme machen, existieren kulturelle Werte von Wahrheit, Gerechtigkeit etc., über die sich eine Gesellschaft insgesamt verstehen kann. Vor Gericht, beim Einkaufen, im Umgang mit Massenmedien oder Politik orientieren wir uns nicht nur an der Binnenlogik des fremden Systems, sondern berufen uns immer auch auf allgemeine, übergeordnete Ideen von Gerechtigkeit, Allgemeinwohl, Vernunft etc.

Allerdings erlaubt sich Luhmann für das Phänomen der Liebe eine, kleine romantische Extravaganz. Zum einen behandelt er die Liebe als ein operativ geschlossenes System von rekursiv aneinander anschließenden Kommunikationsakten – wie alle übrigen Kommunikationen und Sozialen Systeme auch -, wenn er z.B. ausführt:

Die Dame kann, wenn sie erste Zeichen der Gunst gegeben hat, stärkeres Drängen zwar noch abwehren; aber sie kann eine offenere Werbung nicht mehr als völlige Überraschung, als Unverschämtheit behandeln. Der Verführer kann damit rechnen, dass sie berücksichtigen muß, dass sie ihn zum Weitergehen ermutigt hatte. Und dafür zählt nicht die wirkliche Absicht, sondern das, was als Zeichen dafür erstellt werden und nicht negiert werden kann.

Auch im Fall der Liebe also gilt: Kommunikationsakt schließt an Kommunikationsakt. Zum anderen besteht die Möglichkeit, dass die einander liebenden Personen ihre beiden an sich getrennten Bewußtseinssysteme über den gemeinsamen Gebrauch von Sinn-Elementen direkt ineinander verschränken, ohne laufend mit blöden Symbolen hantieren zu müssen, die sie entfremden, zwischen ihnen stehen und zu allem Übel dann auch noch eigene Systeme mit eigener Dynamik, eigener Anschlussfähigkeit etc. bilden.

Es geht um die Welt des anderen (Alter), nicht um die Logik der Situation:

Die Komplexität eines Menschen wird für einen anderen von Bedeutung und umgekehrt. (...) Intimität stellt sich ein, wenn mehr und mehr Bereiche des persönlichen Erlebens und des Körperverhaltens eines Menschen für einen anderen zugänglich und relevant werden und dieser Sachverhalt sich wechselseitig einspielt. (...) Das Verhalten des Alter läuft dann nicht einfach situationskonform ab; es wird als innengesteuerte Selektion erfahren – bedingt durch die Komplexität der Welt des Alter und nicht einfach bedingt durch die Umwelt des Ego (in der Alter neben vielen anderen vorkommt). Alter wird erfahren als sich selbst in seiner Welt verortend.

Bei der Liebe existieren also zwei Varianten zwischenmenschlichen Kontakts: eine symbollastige Kommunikation, die sich im Prozess zu einem eigenen System schließt, und ein unmittelbares Verstehen der Welt des anderen (unter Umgehung kommunikativer Eigendynamik), als Kopplung von Bewußtsein mit Bewußtsein. Da es sich hierbei jedoch um keine spirituelle Ausnahmereglung für die mystische Spezialkraft der Liebe handelt, sondern lediglich um eine Anwendung der allgemeinen Formel auf das Verhältnis zwischen zwei psychischen Systemen statt zwischen einem psychischen und einem sozialen System, kann man wohl fragen, warum diese Ausnahme eigentlich nur für die Liebe gelten soll, wieso Luhmann sie für den Spezialfall der "Intimität" reserviert? Zumindest rein theoretisch müsste sie auch für alle anderen Verhältnisse möglich sein. Es kommt ja, auch wenn ich mit Nachbarn, Arbeitskollegen, Verkäufern, Bekannten etc. spreche, regelmäßig vor, dass ich nicht nur in der Logik der Situation agiere, sondern den Standpunkt meines Gegenübers einbeziehe. Ohne das wäre nach Herbert Mead Kommunikation gar nicht möglich. Für Luhmann dagegen treten die Menschen einander nur als Agenten irgendwelcher anonymer Systeme gegenüber.

Die allgemeine Antithese könnte dann lauten: für das soziale Handeln ist nicht nur die Logik der Situation relevant, sondern auch das Bewußtsein der übrigen Personen.

Z.B. habe ich vor ein paar Tagen beobachtet, wie an einer Bushaltestelle eine Frau den Busfahrer fragte: "Fahren sie Richtung Rathaus Reinickendorf oder Alt-Tegel?"

Und der Busfahrer antwortete: "Das ist hier der X33er!"

Diese Antwort ist aus Sicht des Sozialen Systems einwandfrei, denn sie meint etwa: "Nehmen sie die Information von der Anzeigentafel. Alles, was sie wissen müssen, steht dort drauf! Der Rest ergibt sich aus dem Fahrplan." Der Busfahrer denkt, mit dem Hinweis die Frage der Frau vollständig beantwortet zu haben: das hat er natürlich nicht, höchstens noch aus der Perspektive des Nahverkehrssystems.

Dagegen lautete eine Antwort, die sich auf das Bewußtseinssystem der fragenden Frau bezieht: "Aha, offenbar wissen sie nicht, wohin der X33er fährt? Darum wissen sie nicht, wohin ich fahre. Der X33er fährt nach Rathaus Reinickendorf!"

Das Beispiel ist freilich geradezu rührend alltäglich. Ich meine allerdings, dass es den Kernkonflikt zwischen "Interpenetration mit dem Sozialen System" und "Interpenetration mit dem Bewußtsein" ganz gut ausdrückt. Vor allem gibt es uns vielleicht einen Wink, was uns im Umgang mit Ämtern und anderen anonymen Apparaten immer so wild macht und wie umgekehrt ein zugewandtes, verantwortliches Handeln von Systemagenten mit normalen Menschen möglich wäre. Es ist sozusagen mikrosoziologisch relevant.

Mithin lautet die Antithese zum Komplex der "Interpenetration": Orientierungsrahmen, Bezugssystem kann nicht nur das Soziale System sein, indem ich gerade aktiv bin, sondern müsste ebenso der Horizont des konkreten Mitmenschen sein, mit dem ich es zu tun habe. Die subjektiven Innenwelten der anderen Menschen sind uns in gleicher Weise zugänglich wie die Spielregeln der Gesellschaft.