Das Problem der Intersubjektivität
Luhmanns wichtigtes Argument für die theoretische Notwendigkeit des Autopoiesis-Modells in der Soziologie lautet, dass sich sonst Intersubjektivität – also das Phänomen, dass wir trotz vieler individueller Unterschiede im Fühlen und Denken irgendwie doch auch alle in einer gemeinsamen Welt leben - nicht angemessen erklären ließe.
Armin Nassehi hat die Überlegung rekonstruiert. Nassehi meint: Intersubjektivität lässt sich entweder nur durch die Existenz einer objektiven Außenwelt erklären, an deren Halt sich eine intersubjektive Weltvorstellung bildet, oder durch eine prinzipielle Übereinstimmung der Denkstrukturen von Individuen, durch die verschiedene Gehirne gleiche Weltentwürfe produzierten. Beide Argumente sind mit dem konstruktivistischen Verständnis jedoch unvereinbar: unsere individuellen Weltwahrnehmungen sind jeweils zu subjektiv, um von einer gemeinsamen, objektiven Wirklichkeit determiniert zu sein oder ein einheitliches Konstruktionsprinzip aller menschlichen Gehirne zu offenbaren. Wie ist es dann aber möglich, dass wir dennoch einen großen Teil gesellschaftlicher Wirklichkeit miteinander teilen? Luhmann sucht die Antwort in der Kommunikation:
Indem diese beiden Bewusstseine kommunizieren, geht weder ihre operative Geschlossenheit verloren, noch sind sie im engeren Sinn Subjekte des Kommunikationsgeschehens. Vielmehr bildet das Kommunikationsgeschehen selbst (...) ein rekursives Nacheinander von mitgeteilten Informationen, weil die Bewusstseine füreinander instransparent sind. Die Emergenz von Kommunikation, so könnte man sagen, ist die funktionale Folge der radikalen Individualität psychischer Systeme, die ihre schon physiologisch bedingte operative Unabhängigkeit voneinander nur in Form einer emergenten Operationsweise des Sozialen überleben können.
Allerdings würde diese Erfordernis durch ein Symbol-Universums auch schon erfüllt: es muss doch lediglich einen kollektiven Fundus an Zeichen geben, die bestimmte Bedeutungen haben und durch Regeln der Sprache und des Sinns miteinander kombiniert werden können. Dieses Symbol-Universum ist den Menschen äußerlich, da es tradiert in Mythen, Ritualen, Kulturobjekten, Schrift ... jedes individuelle Leben überdauert und insofern auch eine eigene Entwicklung durchläuft.
Indes ist damit noch lange nicht gesagt, dass es sich um eine autopoietische Entwicklung handeln muss. Genauer gesagt: Zur Klärung des Problems der Intersubjektivität reicht es aus, dass wir in einem gemeinsamen Symbol-Universum leben, das weder von der Struktur unserer Gehirne noch von der Verfassung der objektiven Wirklichkeit determiniert ist, sondern uns als äußere Realität gegenüber steht; ob es sich autopoietisch reproduziert, ist zumindest für das Intersubjektivitäts-Problem ohne Belang.