Zusammenfassung und Schluss
Bei der Anwendung seines theoretischen Konzept auf konkrete gesellschaftliche Phänomene wurde allerdings folgendes deutlich: erstens, dass sein Ansatz tatsächlich sehr gut in der Lage ist, uns einen Eindruck von komplexen und eigendynamischen gesellschaftlichen Verstrickungen zu geben; zweitens jedoch, dass es sich hierbei eben auch tatsächlich bloß um einen Eindruck handelt!
Ich habe am Anfang die Frage gestellt: was hat uns Luhmann wirklich zu sagen? Dann habe ich das Wörtchen "wirklich" in zwei Richtungen präzisiert. Zum einen wissenschaftlich: was erscheint von seinem abgefahrenen Konzept, Kommunikationen und gesellschaftliche Systeme nach den Regeln einer allgemeinen Systemtheorie zu beschreiben, vorm Hintergrund eigener Erfahrungen verständlich, logisch nachvollziehbar? Zum zweiten inhaltlich: was ist für eine gesellschaftskritische, wenn man so will, links-alternative Perspektive überhaupt interessant? Die folgenden Kapitel bestanden aus Versuchen, diese Kernfrage am Beispiel verschiedener Themen und Fragestellungen zu behandeln. Ich hoffe, dass sich dadurch unser Blick auf die Probleme der real-existierenden Gesellschaft wie auch auf Luhmanns Theorie etwas geschärft hat. Angesichts des enormen Umfangs und hohen Schwierigkeitsgrads von Luhmanns Werk wie auch der enormen Dynamik und Komplexität unserer Gesellschaft, ist es freilich schwer, zu einem kurzen, bündigen, abschließenden Resümee zu gelangen. Ich möchte es dennoch versuchen, oder zumindest die wichtigsten Ergebnisse meiner Arbeit nocheinmal rasch zusammenfassen und rekapitulieren.
Im ersten Teil habe ich festgestellt, dass Luhmann den aktuellen Zustand unserer Gesellschaft zwar einerseits als bedrohlich beschreibt, andrerseits aber die üblichen Appelle von Protestbewegungen als naiv oder größenwahnsinnig abkanzelt. Seine Kernbotschaft lautete hier: "So einfach ist das nicht. Die Gesellschaft ist komplexer als ihr denkt, und außerdem besitzt sie eine tückische Eigendynamik, die niemand kontrollieren kann!" Luhmanns aufklärerische Leistung, so hatte ich gefolgert, müsste dann darin bestehen, diese Komplexität und Eigendynamik theoretisch so gut erfassen, dass eine Korrektur unglücklicher gesellschaftlicher Entwicklungen doch wieder möglich wird. Wenigstens sollte sie uns Hinweise geben, was bei Versuchen gezielter Einflussnahme an kritischen Faktoren zu beachten sei. Ansonsten wäre seine Theorie buchstäblich in der Tat unbrauchbar. Man müsste ja mindestens ein halbwegs scharfes Bild von der Gesellschaft bekommen, damit man klarer sieht, was los ist – und nicht hilflos und wild drauflos agiert. Luhmann gab uns das Versprechen, mit seiner Theorie ein solches Bild zu besorgen.
Bei der Anwendung seines theoretischen Konzept auf konkrete gesellschaftliche Phänomene wurde allerdings folgendes deutlich: erstens, dass sein Ansatz tatsächlich sehr gut in der Lage ist, uns einen Eindruck von komplexen und eigendynamischen gesellschaftlichen Verstrickungen zu geben; zweitens jedoch, dass es sich hierbei eben auch tatsächlich bloß um einen Eindruck handelt! Bei der genaueren Betrachtung der Massenmedien, der Wirtschaft und der Politik wurde klar, dass seine abstrakten Gesetze nicht wirklich in der Lage sind, ihre Systemzwänge genau zu erfassen. So wurde am Beispiel der Massenmedien sichtbar, dass der Neuigkeits-Code nicht scharf determiniert, was als Nachricht in Frage kommt und was nicht; am Beispiel der Politik, das Luhmann nicht sagen kann, was eigentlich Macht ist. In gar keinem Fall konnte er uns sagen, wie ein soziales System gestrickt sein muss, damit es in einem humanistischen Sinne gut läuft. Am stärksten ließ sich der Systemzwang noch am Beispiel der Wirtschaft verdeutlichen, aber das kann man nicht als Luhmanns Verdienst sehen; das hat er von Marx übernommen.
Ähnlich verhält es sich beim theoretischen Konzeption des Phänomens der Komplexität: das Konzept des binären Codes, mit dem die Vielfalt inkongruenter Beobachterperspektiven leicht erfasst und rekonstruiert werden kann, gibt uns eine Vorstellung von der Unterschiedlichkeit der Weltauffassungen von Juristen, Ökologen, kritischen Intellektuellen und Mönchen des Mittelalters. Allerdings muss zu diesem Zweck ihre jeweiligen Standpunkte und Weltauffassungen grob vereinfachen und ist nicht in der Lage, ein tieferes Verständnis für die fremden Situationen zu schaffen; sie verharrt auf dem Niveau von Skizzen.
Das meine ich damit, wenn ich sage, Luhmann vermittle uns bloß einen Eindruck von der Komplexität und Eigendynamik gesellschaftlicher Prozesse. Ich möchte die Leistung nicht kleinreden: in dieser Hinsicht ist sein Werk höchst innovativ! Zwar ist Luhmanns Überzeugung, mit ihm habe die Soziologie als Wissenschaft erst richtig begonnnen, eindeutig überzogen; allerdings stellt sich für eine "Soziologie nach Luhmann", wie Uwe Schimank es nennt, tatsächlich die Aufgabe, auf dem Niveau, das Luhmann bei der Beschreibung von Komplexität und Eigendynamik erreicht hat, aufzubauen. Ich gebe Luhmann prinzipiell Recht: ja, die aktuelle Gesellschaft läuft vertrackter und unkontrollierbarer als man gemeinhin denkt. Davon einen ungefähren Eindruck zu vermitteln, – auch wenn er in den theoretischen Deatails oft flüchtig und skizzenhaft erscheint – ist einiges.
Dieses Ergebnis der Betrachtung wirkt allerdings noch immer unbefriedigend. Sie rückt Luhmann wieder näher an die Kunst als an die Wissenschaft. Ich denke, es wird etwas weniger unbefriedigend, wenn wir uns an Dietrich Dörners Studie zur "Logik des Misslingens" erinnern, die ich im Kapitel über "Autopoiesis versus Emanzipation" beschrieben habe. Dörner hatte darin Thesen zur Förderung eines Komplexitätsbewusstseins vorgestellt, die er aus psychologischen Tests mit Versuchspersonen an Simulatoren entwickelt hatte. Dabei kam er zu dem Ergebnis, dass für erfolgreiches Handeln in komplex-dynamisch strukturierten Situationen bestimmte geistige Einstellungen hilfreich sind, z.B. die Entwicklung von prüfbaren Hypothesen über das Systemverhalten, das Antesten von Handlungsorientierungen bis an Punkte, wo sie sich zu bewähren scheinen oder korrigiert werden müssen etc. Dabei arbeitete Dörner mit Computersimulatoren von Atomkraftwerken oder Städten. Seine Studie lässt sich also gewiss nicht unmittelbar auf Luhmanns Gesellschaftstheorie übertragen. Allerdings können wir, wenn wir Luhmanns Theorie nicht als eine Theorie im engeren Sinne verstehen, mit der also einwandfreie Prognosen über das, was passieren wird, getroffen werden, sondern stattdessen eher als eine Art terminologisches Raster verstehen, mit dem komplex-dynamisch strukturierte soziale Situationen überhaupt erstmal grob erfasst und vereinfacht beschrieben werden können, Informationen erhalten, die ein strategisch-umsichtiges Handeln in Dörners Sinne im Kontext der modernen Gesellschaft ermöglichen.
Dies bringt uns wieder zu der Frage, was für ein Menschenbild, was für einen Lebensstil Luhmanns Theorie eigentlich befördert: läuft sie auf aufgeklärte, emanzipierte, selbstbewußte, reife Persönlichkeiten hinaus, wie sie der deutsche Idealismus seit Kant, die Psychoanalyse und Adornos kritische Theorie fordert? Oder handelt es sich nur um Bewußtseinssysteme, die analog konzipiert zu organischen Zellstrukturen einfach nur eine beliebige Struktur von Gedanken reproduzieren, über deren inhaltliche Qualität gar nichts zu sagen ist, bis sie eines Tages den Löffel abgeben? Das war das Thema am Ende des ersten Teils. Eine mögliche Antwort lag in den Überlegungen zum Aufbau von Eigenkomplexität, verbunden mit weiteren Überlegungen, ob die Autonomie, die ein komplexes Bewußtsein ermöglicht, politisch gleichzusetzen sei mit Emanzipation?
Allerdings konnte man gleichzeitig sehen, dass in Luhmanns Konzeption des Bewußtseins alle psychoanalytische Überlegungen zum Themenkomplex Anpassung, Gleichschaltung, Konformität etc., wie Adornos "Identifikation mit dem Aggressor" oder die "Misslungene Identifikation" keinen Platz haben. An dieser Stelle erscheint Luhmanns Postulat, Bewußtsein als ein von Natur aus prinzipiell autonomes System zu fassen, ziemlich weltfremd. Seine Grundthese, jedes Individuum sei immer schon autonom, ignoriert zumindest sämtliche psychologische Einflussgrößen. Dieser Befund lässt Luhmanns theoretischen Ansatz, Gesellschaft und Individuum als strikt voneinander getrennt operierende Systeme aufzufassen, recht blass erscheinen. Man kann wohl fragen, ob es nicht neben dem Begriff der gesellschaftlichen Systeme klug erscheint, einen anderen Begriff des Subjekts als den des psychischen Systems zu verwenden?
Dann nämlich ließe sich Luhmanns Theorie wieder recht gut mit den Ansätzen der kritischen Theorie verknüpfen. Wie wir sahen, definierte Luhmann die großen Konfliktthemen: Eigentum, Gerechtigkeit, Macht, Wahrheit, Information etc. sei jeweils das, was die dafür zuständigen gesellschaftlichen Teilsysteme als solche definierten. Er selbst bezeichnete dies als "zirkuläres Argument" und "Selbstvalidierung" (Kapitel 2.6.), da für die jeweiligen Begriffe keine außersystemischen Referenzen angegeben werden könnten; stattdessen konzeptionalisierte er sie als entfaltete Paradoxien. Gerade an dieser Stelle wurde der radikale Nihilismus, oder gar: Anarchismus der Theorie sichtbar, überhaupt gar keine absoluten Werte gelten zu lassen, sondern alles, sogar die Bedeutungen der großen idealistischen Begriffe, auf eine zufällige kulturelle Evolution zu schieben. Er präsentierte sich also einerseits als großer Relativist, für den keine absoluten, ewigen platonischen Ideen existieren, sondern nur kulturell konstruierte Begriffe im Fluss der Zeit; auf der anderen Seite dann aber doch auch als Metaphysiker, da Enstehung und Wandel dieser relativen Begriffe widerrum nach seinen ewigen Gesetzen der kommunikativer Evolution erfolgen sollten. Stichwort: Einheit von Differenz und Distinktion, Paradoxierung und Entfaltung des Codes!
Gegenüber dieser reichlich abgefahrenen Auffassung habe ich ergänzend Adornos Verständnis des reifen, selbstbewußten Subjekts gestellt, dass seine eigenen Empfindung und Vorstellung von Macht, Eigentum, Gerechtigkeit, Wahrheit etc. entwickelt und mit den Definitionen der Gesellschaftlichen Systeme in Konflikt gerät. Mit dieser Ergänzung machte Luhmanns Theorie erst wieder Sinn, weil der Mensch als anthropologischer Kontrastbegriff eingeführt wurde und sich die Systemtheorie nun als Schweinesystemtheorie lesen ließ. Dazu gehören freilich auch die Ausführungen im "Smash the System"-Kapitel, zum "Funktionsmonopol der Systeme", sowie zur "Welt im Ungleichgewicht". Der springende Punkt ist in jedem Fall, dass erst durch die Einführung eines empfindsamen, in Adornos empathischen Sinne wahrhaft menschlichen Subjekts die Analyse der Systemdynamiken und –zwänge brauchbar wird. Von diesem Standpunkt ließ sich dann nämlich der eigenwillige Umgang der gesellschaftlichen Teilsysteme Politik, Massenmedien, Wirtschaft mit den Begriffen Macht, Bedürfnis und Information vernünftig kritisieren.
Ich habe diesen Standpunkt als Umschlagspunkt identifiziert, bis zu dem wir Luhmann wirklich folgen können: an dem nämlich seine Systemtheorie von einer Systemkritik umkippt in eine Systemmetaphysik. Zuerst: "Ja, es gibt Probleme mit der Gesellschaft, die wir verstehen müssen!" Darauf folgt der wohltuend aufklärerische Impuls: "Aha, es wird nur mit Wasser gekocht!" Und schließlich die Verehrung der kybernetischen Gottheit: "Es ist alles nur Autopiesis, Autopoiesis ohm ohm ohm!"
Interessant ist dann natüerlich wieder der Punkt, an dem Luhmann doch wieder einen idealistisch aufgeladenen Begriff ins Spiel bringt, den er sogar selber bejaht, nämlich die "Systemrationalität". Luhmann verstand darunter eine Übereinstimmung zwischen der inneren Eigendynamik der Systemprozesse, der eingeschränkten Teilsystemrationalität, verknüpft mit einer rationalen Betrachtung ihrer Effekte auf die Gesellschaftliche Umwelt, z.B. der Massenmedien auf den Bildungsstand, der Wirtschaft auf die Reichtumsverteilung oder der Politik auf die Macht aus der Basis. Gegenüber der eingeschränkten Teilsystemrationalität, die nur an interner Stabilität und Reproduktion orientiert ist, liefe eine gesellschaftliche Gesamtrationalität auf eine echte Utopie hinaus: Überlegungen, wie eine gute Gesellschaft verfasst sein müsste, in der alle Menschen an Macht, Gerechtigkeit, Eigentum etc. gleichermaßen wahrhaftig teilhaben können. Das ist in der Tat eine Utopie, der Luhmann nicht weiter nachgeht, vielleicht weil das nicht seiner trockenen Mentalität entsprechen würde. Als erreichbares Ziel ist sie wie alle Utopien natürlich unrealistisch; aber sie markiert einen Fluchtpunkt, an dem sich gesellschaftliche Systemkritik nach Luhmann orientieren könnte: man müsste sozusagen an die eingeschränkte Teilsystemrationalität appellieren, sich endlich für Gedanken der guten Gesamtrationalität zu öffnen. An die Politik, sich nicht nur für Macht-, sondern auch für Sachfragen zu interessieren, an die Wirtschaft, nicht nur an den Profit zu denken, sondern auch für eine gerechte Güterverteilung zu sorgen, an die Massenmedien, nicht nur nach Sensationen zu lechzen, sondern sich auf ihren Bildungsauftrag zu besinnen etc. – und man müsste natürlich nicht nur appellieren, sondern systemtheoretisch erforschen, wie diese Systeme in einem wirklich guten Sinne ihren Funktionen erfüllen können und ihre Selbststeuerung dabei bewahren, ohne der Illusion einer Außensteuerung durch zentrale Instanzen oder übergreifende Ideologien zu verfallen.