"...weil Realität nicht mehr konsenspflichtig ist."
Ja, gerade weil wir uns jederzeit völlig darüber klar sind, dass die massenmedial erzeugten Weltbilder nur kontingente, vom System-Schematismus abhängige Konstruktionen darstellen und gerade dies aufgrund ihres Systemcharakters auch offensichtlich ist, fällt es uns leicht, eine eigene, individuell abweichende Weltsicht zu entwickeln
Die Funktion der Massenmedien für die Gesellschaft besteht darin, einen kollektiven Horizont an Wissen, Informationen, Themen, Meinungen etc. zu erzeugen, auf den wir uns gemeinsam beziehen können; das heißt: ich kann unterstellen, dass meine Freunde, Arbeitskollegen und Nachbarn ebenfalls wissen, was gerade im Irak los ist, auch wenn sich die Interessen und Ansichten in den Details gewiss unterscheiden; zumindest im Großen und Ganzen orientieren wir uns an einem gemeinsamen Raster. Und diese Matrix produzieren die Massenmedien für die Gesellschaft. Wir müssen immer davon ausgehen, dass alle anderen Personen, mit denen wir in Kontakt kommen, zumindest im Groben über die gleichen Dinge Bescheid wissen wie wir, sonst könnten wir uns kaum verständigen – und zwar unabhängig davon, wie wir persönlich zu den einzelnen Themen stehen. Wir wissen zumindest alle, wer Osama bin Laden ist, auch wenn wir über seine konkrete Person und wirkliche Rolle in den internationalen Konflikten verschieden denken.
Darum ist auch klar, dass die einzelnen Zeitungen, Zeitschriften, Illustrierten, Radio und TV-Sender untereinander halbwegs kompatibel sein müssen; zumindest darf der Leser sich nicht in einer völlig fremden Welt wähnen, wenn er mal die Zeitung wechselt. Auswahl und Präsentation der Meldungen unterscheiden sich zwar zwischen "Bild" und dem "Spiegel" deutlich, aber man kann beide Zeitungen parallel lesen und direkt vergleichen. Wenn die "Bild"-Zeitung einen Skandal aufdeckt, kann der "Spiegel" es nicht ignorieren; es sei denn, es handelt sich um eine reine Klatsch-und-Tratsch-Sache, für die er sich zu schade ist. Dies muss, nach Luhmann, darum so sein, weil die Medien nicht nur redaktionsintern entscheiden, sondern letztlich einen die konkreten Blätter übergreifenden Code, Neuigkeit / Nicht-Neuigkeit verwenden. Wenn bestimmte Ereignisse nicht nur einmal, sondern mehrmals und in längeren Artikeln behandelt werden, entstehen sogar gemeinsame Sprachregelungen, weil sich die Interpretationen zu einem hermetischen Horizont zusammenschieben. Das können wir immer wieder beobachten, und das ergibt sich auch schon rein logisch aus Luhmanns differenztheoretischen Ansatz, indem ja der Begriff der Neuigkeit von einem Gegenbegriff des Schon-lange-Bekannten abgegrenzt werden muss: "Bei Neuheit denkt man zunächst an Einmalereignisse. Aber das Erkennen von Neuheiten erfordert vertraute Kontexte. Das können Typen sein (Erdbeben, Unfälle, Gipfeltreffen, Firmenzusammenbrüche) oder auch temporäre Geschichten, zum Beispiel Affairen oder Reformen, zu denen jeden Tag etwas Neues zu berichten ist, bis sie sich mit einer Entscheidung auflösen." Es ist klar, dass sich jede einzelne Zeitung, jeder einzelne TV-Sender mit seinen Selektionen auf den kollektiven Horizont beziehen muss, den alle Medien gemeinsamen produzieren; damit entsteht die zumindest in Grundsatzfragen und je aktuelle offensichtliche Uniformität aller massenmedial vermittelten Informationen und Interpretationen. Luhmanns Theorie gibt für dieses Phänomen von Einstimmigkeit, Gleichschaltung eine recht spannende Erklärung ab, ohne Rückgriff auf die heimliche Existenz allgemeiner Ideologien oder gar Grauer Eminenzen im Hintergrund, sondern allein auf der Basis einer unideologisch, aber konformistisch vernetzten Informationskultur.
Das Aufklärerische an Luhmanns Ansatz liegt wohl darin, den Massenmedien zwar einerseits eine zentrale Funktion bei der Herstellung eines kollektiven Welthorizonts und alltäglicher Relevanzraster zuzubilligen, sie aber gleichzeitig als ziemlich isoliert und eingeschränkt operierendes Teilsystem zu definieren, das wir gewissermaßen gut auf Distanz halten können, ohne uns von ihm vereinnahmen zu lassen. Wir können vom Medienkosmos subjektiv hier und dort abweichende Ansichten vertreten, etwa: Russland doch für die größere Weltmacht halten, Eduard Lawinsky für heillos überschätzt oder Zahnschmerzen für eine Erfindung der Zahnpastaindustrie halten. Doch auch dann benötigen wir die von den Massenmedien erzeugte Weltfolie, um uns vor ihr zu profilieren und abweichendes Wissen, Ansichten etc. positiv abzuheben. Wobei die Alternativ-Informationen natürlich ebenfalls aus den Massenmedien stammen, der Begriff erstreckt sich über die Tagespresse und Fernsehen hinaus auch auf Bücher, Vorträge, Filme, Dokumentationen, Flugblätter etc..
Die Massenmedien beliefern uns also mit einer allgemeinen Weltfolie, die für unsrere alltagsweltliche Orientierung verbindlich sind. Wobei Luhmann anders als Horkheimer und Adorno dies eben nicht im Sinne von Hörigkeit, Gleichschaltung meint: bloss weil wir uns alle vorm Hintergrund massenmedial erzeugter Weltbilder bewegen, heisst das ja nicht automatisch, dass wir ihnen verfallen; wir können uns auch bewusst von ihnen abgrenzen. Das Besondere an seiner theoretischen Fassung der "Realitätskonstruktionen" gegenüber dem "Verblendungszusammenhang" der Kritischen Theorie, liegt mithin darin, dass Luhmann sozusagen den Scheinwelt-Generator ausfindig gemacht und damit seine Wirkungsmacht gewissermaßen isoliert hat: eben als System der Massenmedien. Wenn wir den Common Sense, den Schleyer, Maya ... als Konstrukt eines operativ geschlossenen Systems identifizieren, fällt es eher leichter, ihn auf Distanz zu halten. Wir können mit dem Finger darauf zeigen. Horkheimer und Adorno vermochten dies nicht, da ihr Verblendungszusammenhang längst über seinen Herd der "Kulturindustrie" hinausgewuchert war und unser aller Bewusstsein bereits besetzt hielt. Indem Luhmann jedoch nun die Quelle der "Scheinwelten" klar identifiziert und lokalisiert, relativiert, schwächt er ihre wirklichkeitssetzende Kraft. Was wir als allgemeine Realität täglich erfahren, wird also als kontingentes und damit relatives Erzeugnis eines dafür spezifisch zuständigen gesellschaftlichen Teilsystems gefasst – und somit in einem erhöhten Maße subjektiver Skepsis anheimgestellt. Natürlich müssen wir uns unentwegt auf sie beziehen, aber wir tun es stets distanziert; eben nicht im Sinne "unserer Welt", sondern lediglich im Sinne eines funktional notwendigen Bezugssystems. – "Wie ich gestern in der Talk-Sendung gesehen habe..." - Die Medien selbst markieren dies durch Ironie.
Ja, gerade weil wir uns jederzeit völlig darüber klar sind, dass die massenmedial erzeugten Weltbilder nur kontingente, vom System-Schematismus abhängige Konstruktionen darstellen und gerade dies aufgrund ihres Systemcharakters auch offensichtlich ist, fällt es uns leicht, eine eigene, individuell abweichende Weltsicht zu entwickeln: "Es genügt, die eigene Realitätssicht mit der eigenen Identität zu verschweißen und sie als Projektion zu behaupten. Weil Realität ohnehin nicht mehr konsenspflichtig ist." - Die Realität der Massenmedien, unsere offizielle Realität, verbunden mit der Möglichkeit, sie buchstäblich einknipsen und wieder ausknipsen zu können, gibt uns auf breiter Basis der modernen Gesellschaft erst die Chance zu subjektiven Weltkonstruktionen, weil "Realität nicht mehr konsenspflichtig ist". Vorher wussten wir gar nicht, was Subjektivität überhaupt ist! Mit diesem interessanten und überraschend optimistischen Aspekt seiner Theorie geht Luhmann über den Pessimismus der Kritischen Theorie hinaus!