Richtige Bedürfnisse / Falsche Bedürfnisse
Ein anderes Dilemma mit dem Wirtschaftssystem besteht darin, dass es Konsumbedürfnisse weckt, die scheinbar bis ins Maßlose wachsen können, wenn man so will: steigende Konsumsehnsüchte provoziert.
Rolf Schwendter, der berühmte Professor für Subkultur in Kassel, beklagt das Fehlen einer Bedürfnissoziologie, die in der Lage wäre, wahre Bedürfnisse und falsche Bedürfnisse voneinander zu unterscheiden. Dahinter steckt vermutlich der Gedanke, wie bei Adornos Aphorismus: "Es gibt kein richtiges Leben im Falschen", aus den Deformationen des Subjekts durch die Gesellschaft soetwas wie ein wahres Subjekt herauszuschälen. Vielleicht lassen sich die Systemzwänge aus den Individuen sozusagen herausrechnen, bis schließlich unterm Strich etwas wie das wahre, eigentliche Subjekt übrig bleibt?
Wir können an diesem Beispiel denselben Prozess beobachten, den wir schon im 3.1. Kapitel über die Massenmedien fanden: zunächst einmal akzeptiert Luhmann die Definition des Problems. – hier: die Provokation künstlicher Konsumbedürfnisse, die die Wirtschaft in Schwung hält, den Menschen aber nicht glücklicher macht. Im Rahmen seiner Theorie unterscheidet er drei verschiedene Bedürfnisebenen.
Zunächst ist an elementare Bedürfnisse zu der Reproduktion des Menschen zu denken, also an Sachverhalte, die auch für die Gesellschaft selbst Umwelt sind (womit Luhmann die biologische Natur des Menschen meint; Th. N.). Ihre Wahrnehmung setzt keine ausdifferenzierte Wirtschaft voraus. Die Ansprüche an das, was hier in Betracht kommt, lassen sich über bloße Mindestanforderungen des Überlebens schon beträchtlich steigern. Dazu kommen Bedürfnisse, die erst entstehen, wenn Geld zur Verfügung steht, um ihre Befriedigung zu ermöglichen. Das ist nur möglich, wenn die Wirtschaft als System der Zahlungen schon hinreichend ausdifferenziert ist. Schließlich gibt es noch Bedürfnisse, die noch enger an die Wirtschaft selbst gebunden sind, vor allem die Sekundärbedürfnisse der wirtschaftlichen Produktion, also Bedarf an Energie, Material und Arbeitsleistung. Diese Bedürfnisse werden als Eigenbedürfnisse der Wirtschaft beschrieben; aber auch hier vermittelt die Kategorisierung als Bedürfnis einen Umweltbezug, der als Grund für Zahlungen in Betracht kommt.
Kurz gesagt: was der Mensch zum Leben braucht; was der Mensch zum guten Leben und zum Genuss braucht; was der Mensch zur Teilnahme am Wirtschaftssystem und was die Unternehmen für ihren Betrieb (dunkelblaue Anzüge, tragbare Internetanschlüsse etc.) brauchen. Von hier könnte man leicht fortschreiten und die so unterschiedlich definierten Kategorien für Bedürfnisse genauer untersuchen. Man könnte fragen, bis zu welchem Grad Subsistenzwirtschaft Bedürfnisse zu befriedigen vermag oder näher auf das Verhältnis von Geld und Luxusbedürfnissen eingehen; so unterscheidet z.B. Georg Simmel in seinem berühmten Buch "Philosophie des Geldes" bereits um 1901 Genüsse, die sich aus der Sache, der Tätigkeit, dem Erleben ... selbst ergeben, und Genüsse, die schon im bloßen Gefühl, sich etwas leisten können, liegen. Simmel beschreibt dazu den Genuss als zweistufigen Prozess: "Wenn das Endglied (...) der Genuß aus dem Besitz des Objekts ist, so ist ihre erste uns hier wesentliche Mittelstufe, dass man das Geld besitze, die zweite, dass man es für den Gegenstand ausgebe. Für den Geizigen nun wächst jene erste zu einem sich lustvollen Selbstzweck aus, für den Verschwender die zweite." Oder analysiert Rolf Schwendter den Zwang, ein Automobil zu besitzen, wenn man sich um manche Jobs bewerben will: "Mehrmals erlebte ich die Ironie, daß erwerbslose Sozialarbeitende nicht in Lohn und Brot gebracht werden konnten, weil der Besitz eines Automobils die Voraussetzung ihrer neuen Stelle gewesen wäre."
Luhmann geht einen anderen Weg. Er lässt sich auf eine anthropologische Reflexion der Bedürfnisse gar nicht erst ein, sondern meint: "Die Offenheit der Wirtschaft findet ihren Ausdruck mithin darin, dass Zahlungen an Gründe für Zahlungen gebunden sind, die letztlich in die Umwelt des Systems verweisen. Dies ist ein schwieriger Gedanke, der eine sehr genaue Analyse erfordert. Wir setzen dafür den Begriff des Bedürfnisses ein." – Das ist ziemlich abgefahren, anstatt den Ursprung des Bedürfnis im Menschen zu suchen, dreht Luhmann den Spieß einfach um: "Bedürfnis ist das, wofür im Wirtschaftssystem Zahlungen geleistet werden!" Das Phänomen wird nicht von den Menschen an die gesellschaftlichen Systeme herangetragen, sondern umgekehrt aus dem System heraus erklärt.
Es geht (...) nicht mehr um dieses oder jenes Bedürfnis, das im Rahmen standesgemäßer Lebensführung und einer geschlossenen Haushaltsökonomie zu befriedigen ist, also auch nicht mehr um Bedürfnisse, die in ihrer Berechtigung und ihren Grenzen moralisch beurteilt werden können. Auch wird der Begriff nicht mehr wir früher mit Mangel oder Armut assoziiert. Vielmehr gewinnt der Begriff die Abstraktheit eines Geldkorrelats und repräsentiert dann schließlich die Offenheit des Wirtschaftssystems für alle möglichen Wünsche in Rückbindung an die Geschlossenheit des Zahlungskreislaufs, der sicherstellt, dass man beliebige Bedürfnisse nur befriedigen kann, wenn man zahlen kann.
Was als Bedürfnis gilt und was nicht, entscheidet also das Wirtschaftssystem; ihm obliegt sozusagen die Definitionsmacht für "Bedürfnisse". Wir hatten eine ähnliche Projektion von den internen Systemprozessen in die Umwelt im 3.1. Kapitel über die Massenmedien gesehen. Dort hieß es: "Informationen sind das, was von den Massenmedien aufgenommen, verarbeitet und wieder verbreitet wird!" Die Motivation des Individuums, an den Systemprozessen überhaupt teilzunehmen, wird nicht als anthropologische Konstante behandelt, sondern als nützliche Fiktion, die die Systeme produzieren, um sich selber in Gang zu halten.
Natürlich kann selbst ein radikaler Konstruktivist wie Luhmann nicht leugnen, dass elementare Grundbedürfnisse existieren, die in der Natur des Menschen liegen; und dass andere Bedürfnisse durch Werbung oder Konventionen forciert sind, Bedürfnisse, die das Wirtschaftssystem zur Fortsetzung der eigenen Reproduktion prägt. Es wäre eine Untersuchung wert, ob Luhmann aus den von ihm formulierten Systemzwängen heraus in der Lage ist, die verschiedenen Bedürfnis-Ebenen scharf zu unterscheiden? Ich meine, er ist dazu leider nicht wirklich in der Lage. Weil sich seine Theorie ganz auf die Seite der Systeme konzentriert, fehlt ihm zu den aus der Wirtschaft heraus definierten Bedürfnissen der anthropologische Kontrastbegriff. Er müsste, wie Adorno es in der "Minima Moralia" macht, zwischen Bedürfnissen unterscheiden, die vom Subjekt ausgehen und die das System in dem Subjekten forciert. Falsches Leben: von der Gesellschaft determiniert; wahres Leben: bewusst aus dem Subjekt heraus lebend. Damit korrespondiert die Etikettierung weiterer Begriffe, z.B. in wahres Schenken und falsches Schenken:
Noch das private Schenken ist auf eine soziale Funktion heruntergekommen, die man mit widerwilliger Vernunft, unter sorgfältiger Innehaltung des ausgesetzten Budgets, skeptischer Abschätzung des anderen ausführt und mit möglichst geringer Anstrengung ausführt. Wirkliches Schenken hätte sein Glück in der Imagination des Glücks des Beschenkten. Es heißt wählen, Zeit aufbringen, aus seinem Weg gehen, den anderen als Subjekt zu denken: das Gegenteil von Vergeßlichkeit. Eben dazu ist kaum einer mehr in der Lage.
Oder die Dichotomie: wahre Gastfreundschaft und falsche Gastfreundschaft – in dem Aphorismus "Kalte Herberge":
Manchmal graut solchem Fortschritt vor sich selber, und er sucht die kalkulatorisch getrennten Arbeitsfunktionen, wenngleich bloß symbolisch, wieder zusammenzufügen. Dabei entstehen Figuren wie die hostess, die synthetische Frau Wirtin. So wie sie in Wirklichkeit für gar nichts sorgt, durch keine reale Verfügung die abgespaltenen und erkalteten Verrichtungen zusammenbringt, sondern sich auf die nichtige Gebärde des Willkommens und allenfalls der Kontrolle der Angestellten erstreckt, so sieht sie auch aus, verdrossen hübsch, eine schlanke aufrechte, angestrengt jugendliche und fanierte Frau. Ihr wahrer Zweck, ist darüber zu wachen, dass der eintretende Gast sich nicht einmal mehr den Tisch selber aussucht, an dem der Betrieb über ihn ergeht. Ihre Anmut ist das Reversbild der Würde des Hinauswerfers.
Der Gast möchte eigentlich empfangen werden, stattdessen wir er in den laufenden Betrieb eingebaut, er möchte bedient werden, stattdessen wird er abgespeist etc. Es gibt also die wahren Bedürfnisse des Subjekts, in dem Restaurant empfangen, freundlich bedient, gut behandelt zu werden, und sozusagen die Bedürfnisse des Systems nach reibungslosem Ablauf, innerer Stabilität und Routine. So könnte man den Konflikt zwischen dem wahren Menschen mit seinen Bedürfnissen, Empfindungen, Wünschen etc. und den gesellschaftlichen Systemen, die sich anonymen und eigengesetzlich selbst reproduzieren, grob skizzieren.
Auch wenn es frevelhaft klingt: man könnte Adornos und Luhmanns Theorien wie zwei einander komplementär ergänzende Puzzleteile zusammenschieben. Während sich Adorno vor allem um die Deformationen des gebeutelten Subjekts und seine Träume einer besseren Welt kümmert, dürfte Luhmann einiges zur anderen Seite beitragen, zu der Seite der sich selbst genügenden Systeme. Auf die Idee ist auch schon Kai-Uwe Helmann gekommen, der zumindest eine Handvoll gemeinsamer Interessen zwischen Adornos Kritischer Theorie und Luhmann ausfindig gemacht hat: das Interesse an einer "Theorie der Gesellschaft", die die Gesellschaft als umfassenden Zusammenhang beschreibt, "die Gesellschaft nicht unmittelbar, sondern nur als Vermitteltes" erschließt. Entsprechend wollen beide "hinter den Erscheinungen die Grundstruktur einer Gesellschaft aufspüren" und sehen sich in diesem Sinn der "Wissenschaft und der Wahrheit" verpflichtet. Das naive Alltagsdenken verfällt der von den Systemen erzeugten Illusion, bei Adorno, wie gesagt, "Verblendungszusammenhang", bei Luhmann "Realitätskonstruktion" genannt. Darüber hinaus sind ihre Konzepte sehr unversöhnlich, und die beiden hätten einander ganz bestimmt nicht gemocht!
Ohne die Gemeinsamkeiten zu übertreiben, kann man vielleicht sagen, dass sowohl bei Adorno wie auch bei Luhmann die großen sozialen Themen und Konflikte Gerechtigkeit, Eigentum, Herrschaft, Liebe, Wahrheit, Schönheit etc. eine anthropologische, in Adornos Sinne subjektive emphatische wahre Dimension haben und eine gesellschaftlich entfremdete, in Luhmanns Sinne systemfunktional konstruierte Dimension haben. Die Begriffe "Gerechtigkeit", "Eigentum", "Macht", "Wahrheit" etc. können von den Empfindungen und der Logik der Subjekte oder von den Funktionen der Gesellschaft her gedacht werden . Man kann Gerechtigkeit als das Spiel des Justizsystems definieren oder aus dem Erleben des Subjekts heraus, das gleiche gilt für Macht, Eigentum, Wahrheit etc.
Last but not least, beschreibt auch Michel Foucault in seiner berühmten Antrittsvorlesung am Collège de France 1970 zur "Ordnung des Diskurses" einen gesellschaftlich kontrollierten, institutionalisierten Diskurs in den Systemen und ein subjektives Ausdrucksbedürfnis jenseits davon: "Es ist immer möglich, dass man im Raum des wilden Außen die Wahrheit sagt; aber im Wahren ist man nur, wenn man den Regeln einer diskursiven ‚Polizei‘ gehorcht."