Benutzerspezifische Werkzeuge
Artikelaktionen

Personen oder Strukturen?

erstellt von Thomas Nöske zuletzt verändert: 16.06.2007 20:47

Offensichtlich reicht der binäre Code Neuigkeit / Nicht-Neuigkeit nicht aus, einen Systemzwang, eine Eigendynamik des Systems zu begründen. Dafür ist der Code viel zu unpräzise und schwammig. Es lässt sich nicht einwandfrei sagen, wann eine Neuigkeit eigentlich eine Neuigkeit darstellt und wann nicht.

Ich möchte nun, nachdem ich Luhmanns Konzept halbwegs skizziert habe, ein paar zentrale Punkte zur Kritik vorbringen. Es fällt nämlich auf, dass wir mithilfe seines Rasters zwar sehr gut in der Lage sind, Geschichten von Meldungen und Meinungen im TV zu sortieren, zu beobachten und zu analysieren, dass indes kaum Prognosen möglich sind. Die Karriere von Themen wird von dem Code allein jedenfalls nicht hinreichend determiniert. Warum etwas so und nicht anders gelaufen ist, erkennt man immer erst im Rückblick. Das hat natürlich mit Luhmanns Grundsatz: "Evolution ist gleich Zufall" zu tun und ist im Rahmen seiner Theorie völlig logisch und konsequent. Andrerseits stellt sich dann natürlich die Frage, worin überhaupt die Eigengesetzlichkeit des Systems besteht – also das, was auch nach Luhmanns eigener Terminologie, über die bloße Nicht-Kontrollierbarkeit hinausgeht und die Selbststeuerung des Systems ausmacht?

Offensichtlich reicht der binäre Code Neuigkeit / Nicht-Neuigkeit nicht aus, einen Systemzwang, eine Eigendynamik des Systems zu begründen. Dafür ist der Code viel zu unpräzise und schwammig. Es lässt sich nicht einwandfrei sagen, wann eine Neuigkeit eigentlich eine Neuigkeit darstellt und wann nicht. Jubiläen können Neuigkeiten sein, z.B. der 300ste Geburtstag von Immnauel Kant, obwohl allein die Tatsache, dass Kant vor 300 Jahren geboren wurde, gewiss keine Neuigkeit darstellt. Die Neuigkeit besteht darin, im Rahmen der Festivitäten sein Werk nochmals neu zu lesen und seine überraschende Bedeutung für unsere modernen Verhältnisse festzustellen, Kants erstaunlichen Weitblick näher unter die Lupe zu nehmen. Oder wenn ich Goethes Roman "Die Wahlverwandtschaften" lese, bestünde eine für mich mögliche Neuigkeit z.B. darin, dass der olle Geheimrat und Dichterfürst schon um 1800 herum "voll die progressiven Gedanken" hatte. Alte Dinge können wieder aktuell werden, wenn man sie mit neuen Augen betrachtet; aber das ist sowieso klar, sonst würden wir ja gar keine alte Literatur, keine alte Musik, keine alten Gemälde und keine alten Theaterstücke anschauen; die Museen könnten schließen, die Verlage alle paar Jahre ihr Sortiment einstampfen. Was ich sagen will: in dieser axiomatischen Weise, wie Luhmann den Begriff benutzt, ist alles eine Neuigkeit, weil unsere Wahrnehmung eh nur für Unterschiede, Informationen, Neuigkeiten ... offen ist.

Andrerseits, das ist unmittelbar evident, behalten Ereignisse, an die wir uns nach Luhmanns Theorie eigentlich längst gewöhnt haben müssten, den Status von Neuigkeiten, wenn wir uns nicht an sie gewöhnen wollen; Arbeitslosigkeit ist in Deutschland seit zwanzig Jahren ein Problem und auch in der Diskussion, aber offenbar immer noch eine Neuigkeit wert; auch die Kommentare zu dem Thema wiederholen sich sichtbar. Vielleicht besteht hier die Neuigkeit ja darin, dass das Problem noch immer akut ist, obwohl es doch eigentlich längst gelöst sein sollte. Die Neuigkeit besteht sozusagen in dem fortdauernden Skandal, dass es noch immer keine guten Neuigkeiten zu vermelden gibt. Das gleiche trifft für die ständigen Toten im Nahen Osten zu, für wachsende Umweltschäden durch Technik und Industrie. Sie bleiben Neuigkeiten, weil wir uns nicht an sie gewöhnen wollen. Sie existieren als Abweichung von der Idee einer möglichen und besseren Welt. Luhmann hat das zwar mit seiner Formel von der "Information im Kontext" und der "Abweichung von der Norm" angesprochen, wie oben ausführlich beschrieben; allerdings reicht der binäre Code Neuigkeit / Nicht-Neuigkeit lange nicht aus, die Produktion dieser Normen zu erklären. Sie müssen woanders her stammen. Auch hier kann Luhmann die Gesetze und Regeln, die die Massenmedien steuern, mit seiner abgefahrenen Theorie nicht hinreichend exakt bestimmen.

Darum sage ich: er erzeugt mit seiner Theorie mehr eine Komplexitäts-Ahnung als ein echtes Komplexitäts-Bewußtsein. Auch in diesem Sinn ist sie mehr Kunst. Von einer Steuerung des Systems durch seinen Code kann keine Rede sein. Doch die ziemlich grobe Beschreibung der Systemoperationen verdeckt den Einfluss, den konkrete Persönlichkeiten innerhalb dieser Strukturen noch haben. Selbst wenn Luhmann Recht hat - und inhaltliche Festlegungen vom System in einer rekursiv vernetzten Autopoiesis eigengesetzlich getroffen werden – so kann man doch zumindest anmerken, dass nur eine sehr elitäre Gruppe von Personen an diesen kommunikativen Prozessen überhaupt beteiligt ist; und selbst wenn sie nicht in der Lage seien mögen, den Lauf der Kommunikation zu steuern, so haben sie doch einen weitaus größeren Einfluss als der Rest der Bevölkerung, der weder Artikel schreibt noch in Interviews befragt wird. Bloß weil eine Redaktionskonferenz oder Parlamentsdebatte in gewisser Hinsicht sicher auch ein chaotisches System ist, heißt das ja noch lange nicht, dass sie nicht von den Interessen einer bestimmten Gruppe dominiert ist.

Für andere Beobachter der politischen Realität steht eigentlich außer Zweifel, das Richtungsfragen häufig in Gestalt von Personalentscheidungen getroffen werden: wenn der Herausgeber der "Bild"-Zeitung einen stärkeren Rechts-Drift seines Blattes möchte, so erreicht er dies nicht etwa durch Dienstanweisungen oder Pamphlete an die beschäftigten Redakteure, sondern durch die Personalauswahl, Einstellung von geeigneten Chefredakteuren und Ressortleitern, die eben einen solchen Drift gewährleisten können. Das Gleiche gilt analog bei der Einstellung von Richtern, Professoren, Verwaltungsleitern etc., die ebenfalls immer auch als politischer Richtungsentscheid von Verantwortungsträgern interpretiert werden können.

Der Einwand, besser: die Ergänzung bringt Luhmanns Analyse freilich nicht zu Fall. Eher scheint es, als ob die Systemzwänge, so schwach wie er sie bestimmt, für den Durchgriff einzelner Persönlichkeiten besonders offen wären. Jedenfalls lässt sich zumindest sagen, dass der Systemzwang zu difus ist, um Auswahl, Verarbeitung und Verbreitung der Nachrichten durch die Massenmedien wirklich zu determinieren; eher formuliert er ein paar Minimalvoraussetzungen, was bei einer Nachricht allermindestens der Fall sein muss, damit sie überhaupt gebracht werden kann; wobei dieses Schema jedoch einen großen Gestaltungsspielraum bereit hält, innerhalb dessen einzelne Personen und politische Absichten massenmediale Realitätskonstruktion gezielt gestalten.

Sein Diskurs-Modell müsste zumindest in die Richtung Foucaults erweitert werden, dass nicht nur die Eigendynamik der Kommunikation die Entwicklung bestimme. Die Zugänglichkeit der Diskurse für bestimmte Personengruppen und der Ausschluss anderer Personengruppen spielt wohl zumindest auch noch eine weitere wichtige Rolle.

Dagegen müsse Luhmanns Theorie konsequent zu Ende gedacht eigentlich besagen, dass selbst eine Konzentration aller Zeitungen und TV-Sender in der Hand eines Monopolisten keine Gefahr für die Meinungs- und Informationsvielfalt darstellt, da es ja doch derselbe allgemeine Code sei, der die Selektionen und Weltkonstruktion steuere. Genau so rechtfertigt übrigens Springer-Boss Matthias Döpfner die Fusion des Springer-Verlags mit den TV-Sendern Kabel eins und Pro Sieben und die damit einhergehende Medienmonopolbildung, mit dem Hinweis: die politische Ausrichtung der Firma können sich gegen die Systemzwänge der Massenmedien eh nicht durchsetzen.

Und aus Luhmanns superdistanzierter Ewigkeitsperspektive vom Mars wirkt das natürlich auch wieder schlüssig. Bei starker Vorherrschaft von Medienmonopolen führt die Eigendynamik des Neuigkeitscodes zur Bildung von Alternativmedien, die dann notwendigerweise nachgefragt werden müssen, weil im Verhältnis zum offiziellen Einheitsbrei sie die wirklichen Neuigkeiten bringen. Das DDR-Fernsehen konnte auf die Dauer gegenüber dem Westfernsehen keine Konkurrenz darstellen. Auch das Attentat vom 11.09. zeigt grausam, aber eindrucksvoll die Eigendynamik der massenmedialer Selbststeuerung durch den Neuigkeitscode. Ohne Rücksicht auf Politik oder Psychologie der amerikanischen Massenseele wurden etliche Stunden lang die stummen Bilder der brennenden Türme von New York gezeigt, zu denen die Reporter nur fassungslos stammelten; denn so schnell ließ sich keine professionelle Berichterstattung konzipieren, aber man konnte auch nicht wegschalten und was anderes senden. Also entstand für mehrere Stunden der gespenstische Eindruck, die Medien seien durch die Ereignisse gebannt und nicht mehr kontrollierbar.