Benutzerspezifische Werkzeuge
Artikelaktionen

Drinnen und Draußen

erstellt von Thomas Nöske zuletzt verändert: 16.06.2007 21:18

Im krassen Gegensatz zur humanistischen Tradition behauptet Luhmann: die Vorstellung des ganzen Menschen macht unfrei! Hoch lebe der fragmentierte Mensch!

Mit der Entwicklung der Weltwirtschaft stellt sich massiv das Problem, dass Menschen von allen wirtschaftlichen Prozessen abgeschnitten sind und an der Zirkulation von Waren und Geld gar nicht mehr teilhaben. Der Ausschluss vom Wirtschaftssystem verstärkt sich und hat den Ausschluss von anderen Systemen wie dem der Schulbildung oder Justiz zur Folge. Die Menschen bleiben Analphabeten und leben in einem rechtsfreien Raum. Sie leben sozusagen neben den gesellschaftlichen Teilsystemen in einer Art Paralleluniversum, in den Slums und südamerikanischen Favelas. Luhmann nennt diese Sphäre "Exklusionsbereich": statt Justiz, Wirtschaft, Erziehung ... stabilisiert sich dort eine informelle Ordnung aus "Reziprozitätsketten, Nutzfreundschaften als Netzfreundschaften, Patron / Klientverhältnissen und Ähnlichem, in denen Ressourcen funktionalen Teilsysteme für Querverbindungen und für die Aufrechterhaltung des Netzwerks selbst ‚entfremdet‘ werden."

Luhmann kommt zu dem etwas eigenartigen Ergebnis, dass Exklusion die Person stärker integriert als Inklusion. Ich vermute, er will darauf hinaus, dass die Menschen im Exklusionsbereich auf ihr jeweiliges Stigma als "Vaganten, Bettler, entlaufene oder ausgewiesene Jugendliche, desertierte oder entlassene Soldaten" reduziert und von der Gesellschaft nur noch passiv wahrgenommen werden. "Mönche, Bettler etc. empfangen Almosen, aber entgelten sie nicht." Außerdem gelten im Exklusionsbereich rigide, informelle Strukturen, vielleicht eine Hackordnung, die den Individuen wenig Handlungsspielräume lassen. Wohlgemerkt: Luhmann hat keine Ahnung von dem Thema, er fabuliert einfach ein bisschen, was seine theoretische Konstruktion so hergibt – "Die basale Ressource dieses Netzwerks scheint zu sein, dass man jemanden kennt, der jemanden kennt; und dass Bitten um Gefälligkeiten derart verbreitet ist, dass man, wenn man überhaupt die Möglichkeit hat zu helfen, es nicht ablehnen kann, ohne binnen kurzem aus dem Netz der wechselseitigen Dienste ausgeschlossen zu werden. (...) Es geht jeweils um eine Inklusion der ganzen Person in die Interaktion." - Demgegenüber lässt die Teilhabe an gesellschaftlichen Teilsystemen den Individuen größere Freiheiten, da diese ja auch Negativ-Werte als Anschlusskommunikationen gelten lassen. Anders als in den informellen Netzwerken ist es erlaubt, Wahrheiten anzuzweifeln, Rechtmäßigkeiten anzuzweifeln, Dinge nicht zu kaufen etc.

Dagegen führt das Fehlen klarer Interaktionsregeln und Medien zu einer Art Rundum-Verpflichtung der Personen innerhalb ihres Netzwerks (meint Luhmann):

Die Voraussetzung ist: persönliche Bekanntschaft, die gegebenfalls durch Dritte bereitgestellt werden kann (Fürbitten dienen gewissermaßen als Geldäquivalent zur Extension des Tauschrpinzips); und die Form ist die mündliche Kommunikation, die deutlich werden lässt, dass man die Person als Person anspricht, im Unterschied zu schriftlichen Eingaben, die außerhalb des Netzwerks gemacht werden und folgenlos bleiben.

Wir haben am Anfang über die "Fragmentierung der ganzen Person" in lauter auseinanderfallende Rollenerwartungen gesprochen – und nun sehen wir, dass diese Fragmentierung für Luhmann nicht nur eine Konsequenz der Methode ist, sondern auch eine ethische Dimension enthält. Im krassen Gegensatz zur humanistischen Tradition, die den ganzen Menschen als positive Antithese zur gesellschaftlichen Zerstückelung proklamierte, - von Aldous Huxleys Postulat: "Zu ganzen Menschen sollt ihr wachsen", über Hannah Arendts Konzept der "Selbstverwirklichung durch Handeln" bis Herbert Marcuses Kritik am "Eindimensionalen Menschen" – behauptet Luhmann: die Vorstellung des ganzen Menschen macht unfrei! Hoch lebe der fragmentierte Mensch!