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Die Wirtschaft und das Geld

erstellt von Thomas Nöske zuletzt verändert: 16.06.2007 20:56

Wenn Zeit Geld bedeutet, dann ist Geld auch zugleich Zeit, nämlich die Zeit, die man durchs Geldverdienen verloren hat. Und sieht man dann Zeit als den wichtigeren Aggregatzustand an, so ist die Verwandlung von Zeit in Geld durch Arbeit eindeutig ein schlechter ökonomischer Akt. Letztlich ist sogar die Zeit, die man zum Ausgeben von Geld benötigt, verlorene Zeit.

Indes fängt Luhmann wieder an, seine Erkenntnis schrill zu hypostasieren. So zieht er die Schlussfolgerung: weil Knappheit nun zum Wesen und den notwendigen Eigenschaften des Geldes gehört, mache es keinen Sinn, ernsthaft über Umverteilung nachzudenken. Egal wieviel und von wo nach wo man umverteilt, Geld erscheint immer zu wenig, weil Knappheit zu seinem Wesen gehört. Das mag zwar rein theoretisch und gundsätzlich stimmen, widerspricht allerdings allen praktischen Erfahrungen, nach denen es durchaus Zustände gibt, in denen man mit dem Geld gut hinkommt. Das Problem, das Luhmann schildert, existiert: ich muss mich immer entscheiden, ob ich lieber ein paar neue Schuhe oder lieber eine Jacke vom Geld kaufe, ob ich lieber zum Friseur gehe oder mir ein Buch kaufe. Gerade weil Geld fast grenzenlos fungibel erscheint, für alles eingesetzt werden kann, es also immer mehr Möglichkeiten gibt, es auszugeben, als Geld vorhanden ist, ist es chronisch knapp.

Aber das heißt ja noch lange nicht, dass sich daraus eine Dynamik hin zu grenzenlosen Geldbesitz ergeben muss. Der Konflikt ließe sich genausogut in andere Richtungen auflösen, etwa in Richtung einer freiwilligen Selbstbeschränkung, die sich aus der subjektiven Identität ergibt: weil ich prinzipiell Schuhe den Büchern vorziehe, kaufe ich im Zweifel immer die Schuhe; oder durch Einbeziehung der Zeit in die Gegenrechnung. Wenn Zeit Geld bedeutet, dann ist Geld auch zugleich Zeit, nämlich die Zeit, die man durchs Geldverdienen verloren hat. Und sieht man dann Zeit als den wichtigeren Aggregatzustand an, so ist die Verwandlung von Zeit in Geld durch Arbeit eindeutig ein schlechter ökonomischer Akt. Letztlich ist sogar die Zeit, die man zum Ausgeben von Geld benötigt, verlorene Zeit. Man fürchtet sich mehr vor der Zeit- als vor der Geldknappheit.

Verweilen wir an dem Punkt, an dem Luhmanns Analyse der Systemzwänge in eine Systemmetaphysik umkippt. - Es könnte lohnen, sich diese Umschlagsstelle näher anzugucken. - Für das Individuum stellt sich die Frage, ob es die Gleichsetzung von ideellen und sachlichen Werten mit Geldwerten psychisch nachvollziehen möchte, etwa den Wert der eigenen Arbeit, der eigenen Lebensqualität ... durch Geld adäquat ausgedrückt findet. Womöglich gäbe es mit dem Geld gar kein Knappheitsproblem, wenn die Leute ihren subjektiven Erfolg anstatt in Geld auch anders erfahren könnten?

Während die Wirtschaft sich über ihren Geld-Code selbst reguliert, müssen andrerseits zahlreiche Menschen auf die Befriedigung ihrer Bedürfnisse verzichten, weil ihnen das dafür notwendige Geld fehlt. Es existiert nicht nur ein Leben außerhalb der Wirtschaft, zahlreiche Menschen sind regelrecht ausgeschlossen. Luhmann fragt sich, wie es dazu kommt, dass all die armen und ausgegrenzten Menschen still halten und tatenlos dabei zusehen, wie andere kaufen und verkaufen, Handel treiben, riesige Warenmengen hin- und hergewälzt werden und Berge aufgetürmt werden und sie selber nichts abbekommen. Der Umstand, dass Geld allgemein als Zahlungsmittel und der Handel als Form der Warenverteilung akzeptiert wird, soll dafür Sorge tragen, dass es zu keinem Sozialneid kommt:

Das Eigeninteresse der Dritten wird neutralisiert bzw. auf eine eigene Beteiligung an der Autopoiesis von Wirtschaft umgelenkt. Sie werden motiviert, selbst zu wirtschaften, um selbst Zahlungen zu erhalten und zahlen zu können; und damit wird in hochgeneralisierter Form abgefunden, dass jeder an Brot und Wein, an Hilfe im Garten und an Reparatur der Schuhe interessiert ist und nicht einsieht, weshalb er in solchen Fragen anderen den Vorrang einräumen sollte. –

Offenbar scheint Luhmann dem Geld eine magische Aura zuzuschreiben, die den Reichtum sozusagen tautologisch legitimiert: Reichtum ist erlaubt, wenn man das Geld dazu hat. An dieser Stelle verschmelzen die sachlichen Funktionen des Geldes eng mit seiner ideologischen Funktion: mit der Geldwirtschaft wurde die Gesellschaft wohlhabend und reich, aber sie ist zugleich der Grund dafür, dass andere Menschen in Armut leben und andere Menschen im Luxus – und dass dieser Kontrast auch noch von allen Seiten als notwendig, logisch, richtig ... akzeptiert wird, liegt daran, weil Geld als das Tauschmittel etabliert ist und kein Tausch ohne Geld mehr stattfinden kann.

Luhmann beschreibt diesen Konflikt recht treffend und witzig, indem er das Geld als symbolisch generalisiertes Medium einerseits und diabolisch generalisiertes Medium andererseits charakterisiert. Symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien "sind Spezialcodes, die ebendeshalb universelle Relevanz gewinnen können. (...) Ein solches Symbol ist das Geld. Man ist bereit, eigene Sachen hinzugeben oder mehr oder weniger unangenehme Arbeit zu leisten, nur weil man dafür bezahlt wird. Man gibt nicht in Ausführung einer sozialen Verpflichtung zur Reziprozität, man hilft nicht als Nachbar, man arbeitet nicht in der frommen Gesinnung, dadurch dem Willen Gottes zu dienen. Man lässt sich bezahlen." –

Entsprechend liegt umgekehrt die "Diabolik zunächst darin, dass das Geld andere Symbole, etwa das der nachbarschaftlichen Reziprozität oder die der heilsdienlichen Frömmigkeit eintrocknen lässt." Diejenigen, die aus den wirtschaftlichen Prozessen ausgeschlossen sind und in Armut leben, akzeptieren letztlich ihre Lage, weil sie letztendlich akzeptieren, dass ohne Geld nichts läuft. Dabei müsste sich ihre Rebellion - wenn wir Luhmanns Systemtheorie hier als eine smash-the-system-theorie lesen - gegen die universelle Verwendung des Mediums Geld an sich richten. Sie müssten auf ihre Subsistenzwirtschaft, Nachbarschaftshilfe oder religiöse Brüderlichkeit jenseits des Wirtschaftssystems bestehen.

Zwar existieren karitative und andere Interessen, doch immer dann, wenn Geld im Spiel ist, wird sich ein Profitmotiv durchsetzen oder zumindest stark bemerkbar machen. Alle Interessen, die nicht auf Profit gerichtet sind, kollidieren oder konkurieren mit dem Geld-Code.

In Luhmanns Worten: "Das Geld hindert sich keineswegs daran, für karitative Zwecke ausgegeben zu werden; es fordert nur, dass diese Operation als eine ökonomische orientiert wird an der Möglichkeit, das Geld für karitative Zwecke nicht auszugeben, sondern es für andere Verwendungszwecke bereitzuhalten. Und wenn diese Entscheidung am Code Zahlung / Nichtzahlung orientiert wird, heißt dies auch, dass es schwerfällt, sie zugleich an Gottes Willen (...) zu orientieren; denn wer würde sich einen Gott vorstellen wollen oder auch nur können, dem jede andere Verwendung des Geldes entschieden mißfällt?"

Man steht sozusagen immer vor der Wahl, Geld zu verdienen oder sich anderen Interessen und Neigungen zu widmen. Wobei sich Luhmann, wie gesagt, auf keine Diskussionen über den wahren oder falschen Ursprung von Bedürfnissen einlässt. Es bleibt natürlich weiterhin möglich, sein Geschäft auch aus Interesse an der Sache zu betreiben, z.B. einen spezialisierten Schallplattenladen, der nur eine bestimmte Richtung von Jazz- oder Rockmusik vertreibt und sich gegenüber Pop strikt sperrt; aber dann zerfällt die Orientierung gleichsam in zwei Dimensionen: man kümmert sich einmal um die Sache, zum Zweiten um den Profit, und muss beides harmonisieren. Jede Arbeitstätigkeit zerfällt analytisch gleichsam in eine wirtschaftliche und sachliche Dimension. Freilich bleiben Beziehungen bestehen: Gute Arbeit ist teurer als schlechte. Dennoch wird bei jedem ambitioniertem Unternehmen sozusagen ein Trend zur Spaltung deutlich: manche Aufträge werden wegen des Geldes erledigt, andere wegen der Sache. Das führt zu einem chronischen, strukturell bereits veranlagten Konfliktpotential von Sachinteressen und Profitinteressen. Dieser Konflikt müsste eigentlich immer und überall auftauchen, wenn Unternehmen überhaupt irgendein Sachinteresse artikulieren; und irgendwelche Sachinteressen gibt es eigentlich immer, wenigstens nach Arbeitszufriedenheit der Angestellten und Produktqualität für die Kunden. Die einzigen Unternehmen, die mir einfallen, für die Sachinteressen gar keine Bedeutung mehr haben, sind vielleicht die rein am Kapitalmarkt orientierten. Allerdings gibt es etliche Unternehmen, die auch diese beiden Faktoren ganz schön schleifen lassen: man denke nur an verdorbenes Fleisch in den Supermarktregalen oder eingeschüchterte Betriebsräte, über die in den Medien in regelmäßigen Abständen immer wieder berichtet wird.

In der Tat formuliert Luhmann die Systemzwänge chemisch rein und sehr abstrakt, eher als logische Gesetze aus einer allgemeinen Theorie, weniger orientiert an dem, was wir umgangssprachlich als Soziales System bezeichnen, wenn wir etwa vom Gesundheitssystem, Schulsystem oder Justizsystem reden. Möglicherweise hilft Luhmanns Ansatz indes ganz gut, wenn es darum geht, Handlungen aus Profitinteresse und Handlungen aus Sachinteresse gedanklich auseinanderzuhalten und so etwas Ordnung in die verschiedenen Dimensionen des Denkens zu bringen? Vielleicht hilft er, das Leben in "zwei strikt getrennten Abteilen", wie Aldous Huxley es vorschlägt, die Motive des eigenen Handelns – für das Geld oder für die Sache selbst – schärfer zu unterscheiden. Eine Theorie, die das kann, würde der Verwirrung vorbeugen und bei der Trennung helfen, was man für den Systemzwang (fürs Geld) und was man aus sich heraus (für die Sache) macht.

Im Sinne dieser Theorie ließe sich etwa die Entkopplung lebenswichtiger Versorgung von den Geldmärkten postulieren. Praktisch liefe das auf die utopische, aber bis in die 90er Jahre sehr beliebte Forderung nach einer einkommensunabhängigen Grundversorgung für alle Menschen hinaus; allerdings nicht in Form von Geld, sondern in Form von Naturalien. Allen Menschen sollen Wohnung, Kleidung und Lebensmittel zur Verfügung stehen. Indem man sie jedoch nicht als Bargeld, sondern konkret als staatlich finanzierten Wohnraum, Kleiderkammern und Volksküchen leistet, würde einerseits ein Mißbrauch der Sozialhilfe eingeschränkt, andererseits bliebe ein Anreiz zum Gelderwerb erhalten. Die Grundbedürfnisse wären immer schon erfüllt, Geld diente für die weiteren Wünsche darüber hinaus. Zwar wäre damit die Wahlfreiheit (die in der "universellen Verwendbarkeit des Mediums Geld" liegt) deutlich eingeschränkt, gleichzeitig jedoch das Überleben der Menschen vom Auf- und Abschwung der Kapital-, Arbeits- und sonstigen Warenmärkte unabhängig gemacht. Möglicherweise kann man leicht auf Wahlfreiheit verzichten, wenn man im Gegenzug nicht selber zum Objekt irgendwelcher Geschäfte gemacht wird? Das Problem liegt darin, dass sowas nur als zentralistische Steuerung von oben machbar wäre, also als Planwirtschaft, Bürokratie, Staatliche Lenkung etc., letztlich zumindest in diesem Bereich auf einen totalitären Versorgungsstaat hinausliefe. Zum Zweiten würde das Geld dadurch freilich marginalisiert werden und an Bedeutung insgesamt verlieren: denn wer soll noch unsere Jeans-Hosen für ein paar Cents zusammennähen, wenn man auch ohne überleben könnte?

Eine weitere Idee bestünde darin, eine Subsistenzwirtschaft sozusagen neben der Geldwirtschaft zu erlauben: In Ländern wie Rumänien kann man beobachten, dass die Landbevölkerung zwar arm ist, aufgrund ihres Besitzes an eigenem Grund und Boden, Haus und Garten aber zumindest nicht verelenden muss, während die Stadtbevölkerung, die erstmal einen Sockel an monatlichen Fixkosten für Miete und Nebenkosten erwirtschaften muss, viel leichter aus der sozialen Ordnung herausfällt. Also zumindest in Schwellenländern scheint es möglich, neben der offiziellen Geldwirtschaft noch eine zweite Subsistenzwirtschaft parallel laufen zu lassen, über die sich einige Bevölkerungsteile halbwegs versorgen können; oft sogar besser als die vollständig von der Geldwirtschaft abhängigen Großstadtmenschen – in den Vororten und Trabantenstädten von Bukarest oder Rio de Janero. In den alten Dörfern waren die Menschen bloß arm, in den Großstädten verelenden sie.

In Deutschland zeigt sich ein analoges Problem: für Freiberufler, Ein-Mann-Unternehmer und andere Selbständige ist es schon problematisch, dass sie mindestens fünfhundert Euro im Monat erwirtschaften müssen, um überhaupt existieren zu können, also bevor sie sich was zum Essen oder zum Anziehen kaufen können. Praktisch wird die schwierige Situation oft dadurch gelöst, dass Menschen einem Brotberuf nachgehen und in ihrer Freizeit ihre eigentliche Arbeit verrichten. Die Arbeit zum Leben und die Arbeit aus Interesse werden zeitlich, räumlich, sachlich getrennt.