Benutzerspezifische Werkzeuge
Artikelaktionen

Die Systeme wollen ihr Funktions-Monopol

erstellt von Thomas Nöske zuletzt verändert: 16.06.2007 21:06

Adorno äußerte in den 60er Jahren noch den frommen Wunsch: "Ich möchte doch nur, dass sich die gesellschaftlichen Institutionen nach den Bedürfnissen der Menschen richten und nicht, dass der Mensch für die Institutionen existiert." Dieses Dilemma hat sich für Luhmann lange schon geklärt, für ihn ist es gar keine Frage, dass die Sozialen Systemen natürlich nur für sich selber existieren.

Auch dies freilich eine durch und durch nüchterne Beschreibung der Zustände, wie sie sich realistischerweise offenbar darstellen; aber als Soziologe will Luhmann diesen Sachverhalt auch theoretisch begründen. Dies geschieht unter anderem in seinem Buch "Zweckbegriff und Systemrationalität". Hier wird der altertümliche, klassische Begriff des Zwecks als oberste Ordnungskategogie menschlichen Handelns abgelöst durch eine Orientierung an der Binnenlogik der Systemoperationen. In einem ähnlichen Sinn spricht Max Horkheimer von einem klassisch-antiken, bzw. idealistischen Begriff der "objektiven Theorie der Vernunft":

Sie zielte darauf ab, ein umfassendes System oder eine Hierarchie des Seienden einschließlich des Menschen und seiner Zwecke zu entfalten. Der Grad der Vernünftigkeit des Lebens eines Menschen nach seiner Harmonie mit dieser Totalität bestimmt werden. Deren objektive Struktur, und nicht bloß der Mensch und seine Zwecke, sollten der Maßstab für individuelle Gedanken und Handlungen sein. (...) Der Nachdruck lag mehr auf den Zwecken als auf den Mitteln.

... und einer instrumentell reduzierten Vernunft, die sich "ausschließlich auf das Verhältnis eines (...) Gegenstandes oder Begriffs zu einem Zweck" richtet, "nicht auf den Gegenstand oder Begriff selbst." Die Frage nach der grundsätzliche Orientierung und Vernünftigkeit der Lebensführung verschwindet also, nach Horkheimer Kritik, hinter dem bloßen Vollzug einer rein praktisch ausgerichteten Vernunft im Rahmen gesellschaftlich bedingter Vorgaben, die sich der Reflexion entziehen. Die eigentlichen Zwecke bleiben im Dunkeln. Im englischen Orginal trug sein Aufsatz den poetischen Titel: "Eclipse of Reason" – die Sonnenfinsternis der Gründe.

Entsprechend lautete die Kernthese von Horkheimers und Adornos "Dialektik der Aufklärung": aus der Fähigkeit der Vernunft, die Natur zu beherrschen und den Menschen damit frei zu machen, wurde die Unterwerfung des Menschen unter die Mechanismen der technisch geprägten Kultur. Der Mensch wird zum Spielball der Verhältnisse und verliert den Bodenkontakt, seine individuelle Existenz in einem substanziellen Sinn selber zu entwerfen; sich also nicht nur zwischen Mitteln und Wegen unter gebenenen Umständen zu entscheiden, sondern den unbedingten Sinn des eigenen Lebens zu bestimmen. Nach Horkheimer und Adornos war das ja einer der schlimmsten Schäden, die die moderne Gesellschaft am Bewußtsein des Menschen angerichtet hat.

Luhmann vollzieht den gleichen Prozess in seiner eigenen Systemterminologie am Beispiel Talcott Parsons nach und kommt zu dem Ergebnis:

Talcott Parsons war in einem wichtigen Abschnitt seines ersten Hauptwerks bis vor die Tore dieses Gedankengangs gelangt. Es gebe in den Handlungswissenschaften wissenschaftliche Aussagen, die in ihrem Gegenstand ein gewisses Maß an Komplexität voraussetzen und daher nicht in bezug auf Einzelhandlungen, sondern nur in bezug auf Handlungssysteme sinnvoll seien. So könne von wirtschaftlicher Rationalität nicht in bezug auf eine einzelne, nach Zweck und Mittel explizierte Handlung die Rede sein, sondern nur in bezug auf Handlungssysteme, da dieser Rationalitätsbegriff Knappheit von Mitteln und eine Mehrheit von Zielen voraussetze. Zweck und Mittel sind für Parsons jedoch zunächst noch Wesensmerkmale des Handelns. Es fragt sich daher, ob Parsons‘ Argument an dieser Stelle abgebremst werden kann, oder ob nicht auch Zweck und Mittel Begriffe sind, die nur in bezug auf Systeme das Urteil "rational" begründen können.

Der Gedanke wird für alle Gesellschaftlichen Teilsysteme präzisiert: es gibt keine übergeordneten Zwecke oder Ziele, sondern lediglich Systemregeln, die eingehalten werden müssen, wenn die Dinge laufen sollen. Das Ziel der Politik ist nicht das Allgemeinwohl, das Ziel der Justiz nicht die Gerechtigkeit, das Ziel der Wissenschaft ist nicht die Wahrheit, sondern alle diese Systeme entwickeln lediglich Spielregeln, die Konflikte institutionalisieren und allgemeine Regeln zu ihrer Behandlung entwickeln.

Mithin gibt es eine Teilsystemrationalität, die aus der Betroffenen-Sicht als "Schweinesystemrationaltät" erscheint, und eine wahre, utopische Rationalität, die mit dem System-Zwang bricht und den Rest der Welt in ihren Operationen mitberücksichtigt. Gleichzeitig lassen es die Systeme nicht zu, dass über Eigentum, Gerechtigkeit, Macht, Wahrheit etc. außerhalb ihrer Teilsystemrationalität entschieden wird. Auf die Dauer lassen sich keine Alternativ-, keine Zweit- oder Subkulturen neben dem offiziellen Betrieb der Systeme etablieren.

Luhmann bezeichnet dies eigenartigerweise als "Selbstbefriedigungsverbot", das verhindern soll, dass den Teilsystemen die außersystemischen Ressourcen abgegraben werden.

Ich habe sehr interessante Beobachtungen in dieser Richtung bei den Hutterern in Kanada gemacht, die selber machen, was sie irgend selber machen können, bis hin zu Blecharbeiten, Röhren, alle handwerkliche Arten. Die Traktoren müssen sie kaufen, aber sonst machen sie alles selbst, produzieren auch ihre eigene Ernährung selbst, und infolgedessen verschwindet in den Dörfern, wo sie das Land ringsherum aufgekauft haben, der Handel. Die übrig bleibenden Kanadier, die nicht zu den Hutterern gehören, haben plötzlich keinen Laden mehr, in dem sie einkaufen können.

Entsprechend darf Wahrheit nur über die vom Wissenschaftssystem anerkannten Verfahren "entdeckt" werden und lässt die Politik es nicht zu, ist, dass über Werte und Normen ohne sie diskutiert und entschieden wird. Die Parteien ringen um ihre Definitions- und Deutungsmacht für die Themen Arbeitslosigkeit, Umweltverschmutzung, Gleichberechtigung, Bildung etc. Luhmann formuliert es als allgemeine Regel, dass die Systeme ihr Monopol für die jeweilige Funktion schützen wollen und es nicht zulassen, dass sich alternative Lösungsmuster außerhalb dieser Systeme entwickeln. Wer über Recht und Unrecht streiten möchte, muss dies mit dem Justizsystem machen, wer über Wahrheit streiten möchte, muss dies mit dem Wissenschaftssystem machen etc. Das erklärt, warum Bürgerintiativen und Bewegungen zur Parteibildung streben und sodann vom System absorbiert werden. Umgekehrt werden unorganisierte Statements und Vorschläge zu Konflikt- und Wertethemen ignoriert, gleiten sozusagen an den Grenzen des Systems ab, als seien diese schallgeschützt.

Vielleicht liegt darin eine Erklärung dafür, dass Subkulturen so rasch und eigendynamisch vom Gesellschaftssystem zerschlagen oder aufgesogen werden: weil sich eben kein Rechtsverständnis neben dem offiziellen Recht des Justizsystems, keine eigenen Machtdefinitionen neben der staatlich organisierten Macht entwickeln darf, auch Handel hat entweder vermittelt durch Geld stattzufinden – oder er wirkt banal, nutzlos. Tauschbörsen, ehrenamtlichen Tätigkeiten, informellen Netzwerken ... haftet häufig etwas Wohlwollendes, manchmal auch Mitleiderregendes oder Mafiöses an. Selbst subkulturelle Kunst wird entweder vom offiziellen Kunstsystem als anregende Innovation integriert, oder als Nicht-Kunst ignoriert.

Für die Gesellschaft besteht mithin die erste Funktion der Teilsysteme darin, soziale Konflikte zu absorbieren und Monopole für ihre Behandlung zu bilden. Zwar maßt sich das Justizsystem nicht an, jemals abschließend über Recht und Unrecht zu entscheiden, geschweige denn im Sinne einer höheren Gerechtigkeit - alle Definitionen dürfen jederzeit hinterfragt, angezweifelt, korrigiert ... werden. Doch soll bloß keiner auf die Idee kommen, über Recht und Unrecht außerhalb der Systeme zu entscheiden.

Luhmann zynisch am Beispiel einer Gerichtsverhandlung:

"Funktion des Verfahrens ist mithin die Spezifizierung der Unzufriedenheit und die Zersplitterung und Absorption von Protesten. Motor des Verfahrens aber ist die Ungewissheit über den Ausgang. (...) Die Spannung muss bis zur Urteilsverkündung wachgehalten werden. (...) Die Ungewissheit wird nämlich als Motiv in Anspruch genommen, um den Entscheidungsempfänger zu unbezahlter zeremonieller Arbeit zu veranlassen. Nach deren Ableistung findet er sich wieder als jemand, der die Normen in ihrer Geltung und die Entscheidenden in ihrem Amte bestätigt und sich selbst die Möglichkeit genommen hat, seine Interessen als konsensfähig zu generalisieren und größere soziale oder politische Allianzen für seine Ziele zu bilden."

Die Funktion einer Gerichtsverhandlung, so könnte man seine Studien zusammenfassen, besteht vor allem darin, die Kläger und Angeklagten für das Urteil zu öffnen. Mithin dafür zu sorgen, dass es nicht als willkürlich oder unangemessen erscheint, sondern als Ergebnis in einem korrekten Prozess der Entscheidungsfindung aufgenommen wird. Art und Ablauf des Verfahrens tut zur Qualität der abschließenden Entscheidung nichts zur Sache, gar kein Verfahren vermag das. In dem Punkt unterscheidet sich Luhmann von Jürgen Habermas, der ja durch klare, rationale Diskussionsregeln Konsens, Herrschaftsfreiheit, Gerechtigkeit ... erreichen wollte. Aus Luhmanns Sicht besteht der einzige Sinn solcher Diskussionsregeln darin, dass die Betroffenen hinterher eine Entscheidung leichter schlucken, die ihnen die anonymen gesellschaftlichen Mechanismen so oder so diktieren. "Legitimation durch Verfahren", ist Luhmanns düsterstes Buch. Hinter dem spröden und technizistischen, aber auch ironisch überbetonten Titel verbergen sich phänomenlogische Studien zu Gerichtsverhandlungen, demokratischen Wahlen und Parlamentsdebatten, die man nihilistisch oder gar anarchistisch nennen könnte, da Luhmann die hohen Begriffe "Demokratie" und "Gerechtigkeit" nicht nur entzaubert, sondern sie auf eine rein funktionale Bedeutung reduziert. Philosophisch ist "Legitimation" dem "Verfahren" vorgeordnet; hier soll indes das Verfahren die Legitimation erzeugen, anstatt selber der Legitimität zu bedürfen. Vielleicht ist das typisch deutsch: aus der Verwaltungswissenschaft eine Metaphysik machen.

Konflikte über Herrschaft werden symbolisiert durch Macht und befriedet, da jeder das Prinzip demokratischer Wahlen akzeptiert. Auch hier stellt sich Luhmann nicht die Frage: wann ist eine Herrschaft gerechtfertigt, sondern lediglich: wann wird sie akzeptiert. "Die politische Wahl bietet eine Gelegenheit für den Ausdruck von Unzufriedenheit ohne Strukturgefährdung, also für expressives Handeln, das entlastend wirkt. Sie gehört insofern zu den Mechanismen der Absorption von Protesten." Selbst bei andauernden Niederlagen der eigenen, favorisierten Kandidaten, hält das System den Wähler bei der Stange, weil "jeder Wahlsieg nur vorüberhehende Bedeutung hat (und) Wahlen periodisch wiederholt werden, so dass die Unterliegenden ihre Hoffnung nicht begraben, sondern nur aufschieben müssen. Sie bleiben als Gegner erhalten." – auch hier besteht also die Hauptfunktion des Systems nicht darin, Probleme zu lösen, sondern durch die Einführung von Spielregeln zu befrieden.