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Die Realität der Massenmedien

erstellt von Thomas Nöske zuletzt verändert: 16.06.2007 20:41

Wenn man das biologische "Erkenntnis"-Prinzip – zum Beispiel einer Schnecke, die mit ihrem Fühler einen Grashalm ertastet, also einen Unterschied spürt und den systemintern als Information verarbeitet – metaphorisch überträgt auf die Verarbeitung von Informationen aus der Umwelt in den Massenmedien, dann ist es tatsächlich nicht mehr nötig, verschiedene logische Wahrheitesformen zu differenzieren; dann gilt als Information nämlich alles, was das System intern verarbeitet: "Informationen sind das, was die Massenmedien verarbeiten"

Der Manipulationsverdacht gegen der Massenmedien betrifft in erster Linie ihre Macht, über die Selektion, Verbreitung und Unterdrückung von Mitteilungen zu entscheiden. Es fällt nicht schwer, ohne großes Nachdenken dafür Beispiele zu finden. So erfuhr man zwar zur Wahl des neuen ukrainischen Präsidenten von einem Mordversuch der damaligen Regierung gegen den Oppositionsführer, aber nichts weiter darüber, ob der Vorwurf je aufgeklärt wurde. Vielleicht habe ich die Auflösung verpasst, das wäre natürlich möglich, sie war aber in jedem Fall kein sonderlich großes Thema, zumindest nicht wie die Wahlen selbst! Es bleibt auf jeden Fall die Vermutung, dass auch für unsere westlichen Medien Tatsachen-Wahrheiten entweder schlicht unzugänglich bleiben oder aus anderen Gründen zurückgehalten werden. Wir leben mit einem andauernden Eindruck, nicht vollständig informiert zu werden, sondern nur einen ausgewählten Teil von Meldungen zu erhalten. Die Massenmedien rufen diesen Eindruck systematisch hervor, indem sie immer wieder heikle Themen anschneiden, die nach weiterer Berichterstattung oder gar Aufklärung schreien, und sie später wieder vergessen, während sie andere Themen mit einer für Außenstehende unverständlichen Penetranz immer wieder durchkauen. Das alles begründet den Verdacht, dass die Massenmedien manche Themen willkürlich auswählen und ständig über sie berichten, während andere Ereignisse einfach ignoriert werden, als ob es sie nicht gäbe.

In einer zweiten Linie kritisieren wir an den Massenmedien, dass sie außerdem einen fragwürdigen kulturellen Horizont aus Weltdeutungen produzieren und permanent erneuern. Auch hierfür finden wir fast täglich Beispiele: Es wäre bestimmt mal eine interessante und lehrreiche Studie, wie sich die Bedeutung des Begriffs der "Arbeit" in den letzten fünfzig Jahren verändert hat: von einer sittlichen Pflicht in den 50er Jahren zur Aufgabe der Persönlichkeitsentwicklung in den 70ern bis heute zur Arbeit, die vor allem wettbewerbsfähig und den angeschlagenen Haushalt entlasten soll. Zuletzt konnten wir Mitte März 2005 beobachten, wie Bundespräsident Horst Köhler in einer Rede über Arbeitsmarktpolitik den Begriff der "Arbeit" noch weiter konkretisierte zu "Wettbewerbsfähigen Arbeitsplätzen" – und den Begriff der Arbeit damit dem des Wettbewerbs unterordnet. Statt von "Vorfahrt für Arbeit", wie er an anderer Stelle der gleichen Rede fordert, ist also eigentlich von einer Vorfahrt des Wettbewerbs die Rede. Diese Verschiebung der Prioritäten wird direkt in den Arbeitsbegriff selbst projieziert: "‘Arbeit‘ heisst es nur dann, wenn es im Wettbewerb besteht!" Die Frage wird erlaubt sein, was die Massenmedien dazu bringt, den Begriff der "Arbeit" so selbstverständlich mit dem Konkurrenzprinzip zu assoziieren und damit alle Formen von solidarischer, gemeinnütziger Arbeit so selbstverständlich auszuschließen?

Ich fasse zusammen: der Manipulationsveredacht gegen die Massenmedien basiert zum einen auf der Erfahrung, dass immer wieder heikle Meldungen kurz in den Nachrichten aufblitzen und danach nie wieder erscheinen; zum anderen auf ihrer Eigenschaft, die Welt nicht nur abzubilden, sondern gleichzeitig auch zu deuten, die wir zumindest fragwürdig finden. Infos werden zurückgehalten, Welt- und Sinndeutungen verschoben: soweit die beiden Ebenen der Kritik. Diese beiden Ebenen lassen sich zwei verschiedenen Arten von "Wahrheit" zuordnen: den Tatsachen- und den Vernunfts-Wahrheiten. Sie bezeichnen zwei verschiedene Sachverhalte, die vielleicht nur zufällig den gleichen Namen tragen, wenn sie gewiss auch zusammenhängen. Hannah Arendt führt aus:

Was Hobbes‘ Verbrennung mathematischer Lehrbücher schwer erreichen konnte, ist durch die Verbrennung der Geschichtsbücher durchaus erreichbar; um die Chancen der Tatsachenwahrheit, dem Angriff politischer Macht zu widerstehen, ist es offenbar sehr schlecht bestellt. Tatsachen stehen immer in Gefahr, nicht nur auf Zeit, sondern möglicherweise für immer aus der Welt zu verschwinden. Fakten und Ereignisse sind unendlich viel gefährdeter als was immer der menschliche Geist ersinnen kann – Axiome, wissenschaftliche Entdeckungen, Theorien; (...) Gewiss sind auch die Chancen, dass die euklidische Mathematik oder Einsteins Relativitätstheorie – von Platons Philosophie ganz zu schweigen – irgendwann in gleicher Form wieder aufgetreten wären, wenn ihre Urheber sie der Nachwelt nicht hätten überliefern können, nicht gerade gut. Sie sind dennoch erheblich besser als die Chance, dass eine einzige Tatsache, ist sie erstmal vergessen oder, was wahrscheinlicher ist, fortgelogen, eines Tages wieder entdeckt wird.

Eine Tatsachen-Wahrheit bezeichnet eine wahre Aussage über einen Sachverhalt: sie lässt sich prinzipiell objektiv überprüfen. Der Satz: "Oswald hat Kennedy erschossen", ist wahr, wenn Oswald Kennedy erschossen hat, und ist unwahr, wenn er ihn nicht erschossen hat. Die "Korrespondenztheorie der Wahrheit" setzt freilich die Existenz eines von logischen Aussagen unabhängigen Sachverhalts voraus, auf den die Aussagen sich beziehen. Es muss möglich sein, die Wahrheit des Satzes durch Bezug auf Sachverhalte zu prüfen. Ich werde die Tatsachen-Wahrheiten ab jetzt kurz T-Wahrheiten nennen.

Eine entsprechende Manipulation in den Massenmedien bestünde genau dann, wenn eine Aussage in den Massenmedien (egal ob Schrift, Bild oder Ton) nicht hinreichend genau mit einem realen Sachverhalt korrespondiert, wie sie es vorgibt. In diesem Sinn könnte man die journalistischen Arbeiten Michael Moores als einen permanente Anstrengung verstehen, bestimmte T-Wahrheiten über George W. Bush in der öffentlichen Diskussionen präsent zu halten; zum Beispiel die Tatsache, dass seine erste Wahl zum Präsidenten mindestens umstritten und höchstwahrscheinlich sogar gefälscht war. Man erkennt es an der eindringlichen Penetranz, mit der er immer wieder auf die Eindeutigkeit der Sachlage hinweist: "Alle Wahlzettel entsprachen nicht dem Wahlgesetz Floridas! Muss ich noch deutlicher werden? Bush hat nicht gewonnen! Gore ist der Sieger. Das hat nichts mit falsch gestanzten Wahlkarten zu tun, und nichts mit der dreisten Unterdrückung von Afro-Amerikanern in Florida. Bei der Auszählung der Stimmen wurde schlicht und einfach das Gesetz gebrochen. Alles ist dokumentiert, die Beweise liegen in Tallahassee."

Anders die Vernunft-Wahrheiten, oder abgekürzt: V-Wahrheiten, die sich auf die logische Reflexion einer abstrakten Aussage beziehen, für die keine objektiv zugänglichen Sachverhalte existieren. Köhlers implizite Aussage: "Arbeit muss wettbewerbsfähig sein!", kann nicht objektiv überprüft, sondern müsste offen diskutiert werden. Einfach weil an unserem Verständnis von Arbeit weitere anthropologische und ideelle Vorstellungen hängen, Selbstverwirklichung, Anerkennung ..., die sich durch bloße Beobachtung arbeitender Menschen nicht klären lassen. Mithin setzte eine Kritik an der massenmedialen Manipulation von Vernunftwahrheiten auf der Ebene der Begriffs-Reflexionen und Bedeutungen an. Sie bezieht sich darauf, die Massenmedien würden solche kulturell relativen und damit klärungsbedürftigen Begriffe konsequent einseitig gebrauchen und damit ihre potentielle Bedeutungsvielfalt absichtlich einschränken. So lassen sich z.B. deutsche Krimi-TV-Serien wie "Derrick" auf ihr implizites Frauen-, Ausländer- oder Arbeitslosenbild untersuchen oder die Texte von Schlagermusik auf ihre Definitionen von "Glück".

Schauen wir jetzt, was Luhmann zu dem Thema zu sagen hat! Zuerst einmal fällt auf, dass er im ersten Kapitel rasch zur Sache kommt und unsere Problemdefinition prinzipiell teilt:

Was wir über unsere Gesellschaft wissen, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien. Das gilt nicht nur für unsere Kenntnis der Gesellschaft und der Geschichte, sondern auch für unsere Kenntnis der Natur. Was wir über die Stratosphäre wissen, gleicht dem, was Platon über Atlantis weiß: Man hat davon gehört. (...) Andererseits wissen wir soviel über die Massenmedien, dass wir diesen Quellen nicht trauen können. Wir wehren uns mit einem Manipulationsverdacht, der aber nicht zu nennenswerten Konsequenzen führt, da das den Massenmedien entnommene Wissen sich wie von selbst zu einem selbstverstärkenden Gefüge zusammenschließt.

Aber dann erteilt er (ca. 200 Seiten später) dem Manipulationsverdacht und dem Anspruch auf wahrheitsgemäße Berichterstattung in den Massenmedien eine krasse Absage: "Wer an Vorstellungen wie "objektiver Wahrheit" oder psychisch bindenden "Konsens" hängt, wird diese Analyse nicht akzeptieren können und den Massenmedien Oberflächlichkeit, wenn nicht Manipulation vorwerfen. Wenn man andererseits die Individualität und operative Geschlossenheit autopoietischer Systeme ernst nimmt, sieht man: es geht nicht anders."

Was ist passiert? Luhmann begründet seine Absage mit dem Hinweis auf den konstruktiven Charakter aller Wahrheit überhaupt. Weil wir die Welt, wie sie wirklich ist, eh nie erkennen können, sondern unser Verstand vielmehr alle Wahrnehmung von vorneherein filtert und interpretiert, darum mache es auch keinen Sinn, den Massenmedien Manipulation vorzuwerfen. Wer es dennoch tut, so Luhmanns Seitenhieb, hänge an einer romantisch-idealistischen Illusion von objektiver Wahrheit, ist sozusagen für die moderne Gesellschaft nicht reif. Man kann auch sagen: er falle hinter Kant zurückdas ist die schlimmste Beleidigung für einen denkenden Menschen, hat doch mit Kant das moderne Denken erst begonnen! Das ist allerdings auch eine freche Behauptung, weil sie die Kritik an den Massenmedien gleichsetzt mit einem überspannten Anspruch auf Erkenntnis, ungefähr so: "Was? Du glaubst nicht, was in der Zeitung steht? Hast Du etwa mit Gott persönlich gesprochen!"

Ich denke, dass Luhmanns Kritik nur aufgrund einer groben Verwechslung der Wahrheitsbegriffe möglich ist; darum habe ich sie überhaupt erwähnt. Der berühmte konstruktivistische Satz, auf den er sich bezieht: Die Wirklichkeit, wie sie wirklich ist, ist nicht zu erkennen, betrifft die Grundsatzfragen der Wahrnehmung und des Denkens, des Zeit-Bewusstseins, unseres Erinnerungsvermögens sowie Zuschreibungen von Ursache-Wirkungsbeziehungen, die sich natürlich nicht absolut beantworten lassen. Der Gedanke, man könnte etwas über das Wesen des Universums erfahren, wie es sich präsentieren würde, wenn wir es quasi unter Umgehung des Filters unseres Verstandes betrachten könnten, wie es sich einem göttlichen Blick und nicht gegenüber Menschenaugen zeigen würde; wer sich sowas ernsthaft wünscht, fällt in der Tat hinter Kant zurück. Allerdings ist das keineswegs die Sorte Wahrheit, auf die sich die Massenmedienkritik und der Manipulationsverdacht bezieht. Die Sorte "Wahrheit", von der Luhmann und die Konstruktivisten sprechen, ist vielmehr noch eine weitere, dritte Variante von Wahrheit, die ich als Ontologische Wahrheit (kurz: O-Wahrheit) bezeichnen würde. Wir haben es inzwischen also mindestens mit T-Wahrheiten, V-Wahrheiten und O-Wahrheiten zu tun.

Wenn Luhmann indes seinen Begriff der "Wahrheit" nicht weiter konkretisiert, sondern relativ platt und unverbindlich einen Anspruch an "objektive Wahrheit" als vorgestrig abkanzelt, so macht er sich mindestens der groben Vereinfachung schuldig. Seine Absage verfällt auf das Niveau eines blöden Kalauers. Unter einem Kalauer versteht man ja bekanntlich einen Witz, dessen Komik allein darin liegt, dass zwei Wortbedeutungen miteinander vertauscht werden, also etwa: "Die meisten Menschen wollen nicht in Dortmund leben – sondern essen!" oder eben: "Essen". Je nachdem, was die Leute wirklich lieber möchten? In der Stadt Essen leben oder lieber etwas essen? Hahaha!

Auch Luhmann vermischt zwei verschiedene Bedeutungen, die vielleicht sogar nur zufällig mit dem gleichen Wort "Wahrheit" benannt werden, aber eigentlich genauer unterschieden werden müssten. Er lehnt dann die Existenz von T-Wahrheiten mit dem Hinweis auf den problematischen Charakter von O-Wahrheiten ab, verbunden noch mit einem Seitenhieb auf die Gesellschafts-Kritiker, denen er unterstellt, sie würden naiv an die Möglichkeit einer reinen Erkenntnis der Welt an sich glauben. Das ist frech! Während eine absolute Erkenntnis der Wirklichkeit tatsächlich unmöglich ist, so existieren für die Aussagesätze von Tatsachen-Wahrheiten zumeist objektiv zugängliche Realitäten, an denen die Aussage überprüft werden kann – oder könnte, wenn keine Mauern den Weg versperrten. Vielleicht werden wir es nie erfahren, ob Oswald Kennedy wirklich erschossen hat oder ob es ein anderer war, weil kein Zeuge mehr reden, kein Beweismittel mehr zugänglich sein wird; doch auch wenn wir es niemals erfahren werden, so wäre doch diese Erkenntnis in einer ganz anderen Weise ausgeschlossen als die letzte Gewissheit über den Ursprung unseres Universums. Die Versagung läge nicht im natürlichen Unvermögen menschlicher Erkenntnis begründet, sondern wäre eindeutig politischen Rahmenbedingungen geschuldet.

Bezogen auf die Gleichsetzung von Ontologischer-Wahrheit mit Vernunft-Wahrheit verliefe die Luhmann-Kritik ähnlich; auch hier geht es den Kritikern der Massenmedien ja keineswegs darum, einen unverstellten Durchblick auf das wahre Wesen der Begriffe "Arbeit", "Glück", "Freiheit" oder "Gerechtigkeit" zu fordern, den es so natürlich nicht geben kann – es ist schon erstaunlich, was Luhmann den Kritikern unterstellt - ; sondern vielmehr geht es darum, den Massenmedien nicht allein die Definitionsmacht zu überlassen, was diese Begriffe bedeuten sollen, sondern eben selber eine eigene, vernünftige Reflexion dieser Begriffe und ihrer Bedeutungen anzustellen. Die V-Wahrheiten folgen aus Diskussionen, wobei man gar nicht, wie Habermas, an die Idee eines herrschaftsfreien Diskurses und Konsens glauben muss, was Luhmann je ebenfalls ironisch unterstellt, sondern es reicht erstmal schon aus, offen für Dialoge zu bleiben und über unterschiedliche Ansichten zu reden. Bezogen auf unser Thema, der Manipulationsverdacht gegen die Massenmedien, besteht der Ansatz dann darin, immer wieder Transparenz und Dialogbereitschaft über ihre Kernaussagen und Grundbegriffe ihrer Weltdeutung zu fordern. Was für eine Vorstellung von Erfolg oder Freiheit steckt dahinter, was für ein Frauen- und Männerbild wird transportiert, warum werden die stupiden Parolen der Politiker unreflektiert übernommen, warum wird immer nur über Personen, aber nie über Strukturen berichtet?

Soweit die Gegenrede zu Luhmanns Vorwurf, die Medienkritik gründe auf erkenntnistheoretischem Größenwahn. - Warum hat Luhmann, der sich doch sonst soviel auf "begriffliche Schärfe" einbildet, hier die drei Wahrheits-Sorten so blöd miteinander vermischt? Die Vermischung erscheint noch sonderbarer, wenn wir sehen, dass er an anderer Stelle im selben Buch die sachliche Problemlage durchaus erkennt und teilt. So formuliert er einen selbstverständlichen Anspruch auf der Ebene von T-Wahrheiten, an dem die Berichterstattung gemessen werden soll:

Bei Informationen, die im Modus der Nachrichten und Berichterstattung angeboten werden, wird vorausgesetzt, dass sie zutreffen, dass sie wahr sind. Es mag zu Irrtümern kommen und gelegentlich auch zu gezielten Falschmeldungen, die sich aber häufig später aufklären lassen. Die Betroffenen haben das Recht, eine Korrektur zu verlangen. Das Ansehen von Journalisten, Zeitungen, Redakteuren etc. hängt davon ab, dass sie gut oder doch ausreichend recherchieren. Falschmeldungen werden daher eher von außen lanciert. –

Und seine Analyse der weltsetzende Kraft der Medien geht, ähnlich wie bei Horkheimer und Adorno, übers bloße Formulieren von Normen hinaus und reicht bis in die Präparation kognitiver Strukturen, Wahrnehmungsraster und Interpretationen der Realität hinein.

Er sagt: "Mit ihrem laufenden Fortschreiben von Realitätskonstruktion untergraben die Massenmedien das immer noch herrschende Verständnis von Freiheit. Freiheit wird immer noch wie im Naturrecht als Abwesenheit von Zwang begriffen. (...) Tatsächlich beruht Freiheit jedoch auf den kognitiven Bedingungen der Beobachtung und Beschreibung von Alternativen mit offener, entscheidbarer, aber eben deshalb auch unbekannter Zukunft."

Warum aber dann diese vehemente Ablehnung des Manipulationsverdachts? - Ich denke, der springende Punkt liegt darin, dass Luhmann den Kritikern der Massenmedien ihre Kritiken in gewisser Weise "schenkt". Das soll heißen: er gesteht ihnen zu, dass all diese Probleme mit der massenmedialen Weltvermittlung und –konstruktion bestehen, dass diese indes im Angesicht der großartigen autopoietischen Selbstreproduktion des Systems nur ein unvermeidbares Übel darstellen. Selbst wenn Luhmann die zentralen Aspekte eines "journalistischen Ethos" zunächst teilen sollte, so wird dieser im weiteren Aufbau seiner theoretischen Architektur zwangsläufig kassiert: das wird deutlich, wenn wir uns zunächst eine Nachrichten-Auswahl nach den Kriterien wichtig, wahr oder sinnvoll vorstellen, die in letzter Konsequenz jedoch von der Metacodierung des Systems in Information / Nicht-Information (Neuigkeit / Nicht-Neuigkeit) dominiert wird. Das bedeutet, dass das letzte Kriterium bei der Auswahl einer Meldung nicht ihre Wichtigkeit oder Wahrheit darstellt, sondern ihr Neuigkeitswert. Wenn die SPD in Nordrhein-Westphalen die Landtagswahlen verliert und Kanzler Gerhard Schröder am selben Abend Neuwahlen auf Bundesbene verspricht, dann wirft die zweite Nachricht sozusagen die erste aus dem Rennen.

Luhmann betont, dass es sich der Begriff der Neuigkeit "auf das Funktionssystem der Massenmedien (bezieht) und nicht auf ihre einzelnen Organisationen (Redaktionen), deren Entscheidungsfreiheit bei der Auswahl von Nachrichten, die sie bringen, viel geringer ist, als Kritiker oft vermuten." – Weil die Massenmedien nicht als konkrete Verlage, Redaktionen, Sender etc. definiert werden, sondern als abstraktes System massenmedialer Kommunikation an sich, kann Luhmann ihnen alle Eigenschaften aus der allgemeinen Systemtheorie zuschreiben, die ich im zweiten Teil beschrieben habe. Das heißt: sie sind operativ geschlossen, beobachten ihre Umwelt, bauen Eigenkomplexität auf etc. Die Umwelt wird nur auf Informationen mit Anschlussfähigkeit nach dem Code Neuigkeit / Nicht-Neuigikeit, auf möglichen Themen durchkämmt, unabhängig von allen übrigen Kriterien, die bei der Nachrichtenauswahl sonst noch eine Rolle spielen könnten, wie etwa: Gemeinnützigkeit oder politische Relevanz. Luhmann bezieht seinen "Informations"-Begriff nicht auf die Bedürfnisse einer kritische Öffentlichkeit, sondern grundsätzlich, im Sinne Batesons: the different, who makes a different, relativ zum gegenwärtigen Systemzustand der Massenmedien selbst. Das System behandelt eine Information bezogen auf seinen je aktuellen Eigenzustand; was eine Neuigkeit ist, hängt davon ab, was gestern berichtet wurde und was man für selbstverständlich hält. Manche Meldungen erscheinen nur innerhalb eines Kontextes neu, den die Medien selbst erzeugen; dass ein Urlaubsparadies von einer Flutwelle überrollt wurde, ist eine Neuigkeit, nicht aber ein Nicht-Urlaubsland, das sowieso noch nie romantische Phantasien weckte.

Meldungen, Nachrichten, Berichte, Informationen etc. werden nicht im Hinblick auf ein kritisches oder sonstwie mündiges Publikum hin ausgewählt, sondern allein relativ zu ihrer eigenen Weltkonstruktion. Das erklärt die zusehendes autistischer werdende Verfassung des Systems, dass es mehr und mehr um sich selber kreist und warum eine winzige Hollywood-Nebenrolle einer ehemaligen Tageschausprecherin in der Binnenperspektive des Systems wichtiger erscheint als eine wirkliche Meldung, die an sich zwar wichtig sein mag, nur in der Binnenlogik des Systems nicht anschlussfähig ist. Es erklärt außerdem, warum Politiker, Unternehmer, Künstler ... mehr und mehr ihre Aktionen, Statements, Inszenierungen ... an den Bedürfnissen des massenmedialen Systems orientieren als am Rest der nicht-massenmedialen Welt. Kurzum: warum die Massenmedien zur Schöpfung eines eigenes Paralleluniversums mit eigenen Relevanzmustern, Wertehierarchien, physikalischen, sozialen und moralischen Gesetzen tendieren – und damit eben sich selbst und ihrer Umwelt sozusagen die Maßstäbe für Vertrautes und Unvertrautes setzen.

Nach welchem Prinzip genau nehmen die Massenmedien die Welt auseinander und setzen sie neu zusammen? – zunächst einmal kann er aus den oben skizzierten Eigenschaften der Massenmedien eine Reihe von Kriterien entwickeln, die alle möglichen Ereignisse aus der Wirklichkeit für den Neuigkeit / Nicht-Neuigkeits-Code besonders anschlussfähig machen. In dem Buch "Die Realität der Massenmedien" liefert Luhmann eine Liste, die etwas aus dem Handgelenk geschüttelt wirkt, und als lehrbuchartiger Hinweis an Journalisten jeden Berufsethos untergraben würde.

Bevorzugt werden Konflikte. Konflikte haben als Themen den Vorteil, auf eine selbsterzeugte Ungewissheit anzuspielen. Sie vertagen die erlösende Information über Gewinner und Verlierer mit dem Hinweis auf die Zukunft. Das erzeugt Spannung und, auf der Verstehensseite der Kommunikation, guess-work. (...) Quanitäten sind immer informativ, weil eine bestimmte Zahl keine andere ist als die genannte – weder eine größere noch eine kleinere. (...) Auch Normverstöße verdienen eine besondere Beachtung. (...) In der Darstellung durch die Medien nehmen Normverstöße häufig den Charakter von Skandalen an. Das verstärkt die Resonanz, belebt die Szene und schließt die bei Normverstößen mögliche Äußerung von Verständnis und Entschuldigung aus. Im Falle von Skandalen kann es ein weiterer Skandal werden, wie man sich zum Skandal äußert.

Der Neuigkeitswert einer Meldung sorgt für Überraschungen, dafür, dass man also überhaupt Zeitungen kauft oder den Fernseher einschaltet, weil man eben was Neues erwartet, während die Anschlussfähigkeit der Nachrichten wichtig ist, damit die morgige Ausgabe an die von gestern anknüpfen kann. Es ensteht das Bild einer Welt, in der ständig was passiert und sich doch nie was ändert. Außerdem werden regelmäßig Personen in den Vordergrund gestellt, weil Ereignisse, Meinungen und Schicksale nur durch Handlungen von Personen dargestellt werden können. Soweit also die strukturelle Verfassung der Realität, wie sie die Massenmedien konstruieren.

Wenn die Massenmedien nun als ein autopoietisches, eigengesetzliches System Informationen selektiv auswählen, codieren, verarbeiten und darstellen, dann wird die Unterscheidung zwischen T-Wahrheiten, V-Wahrheiten, O-Wahrheiten und sonstigen Wahrheiten tatsächlich aufgehoben. Vorm Hintergrund des binären Codes Neuigkeit / Nicht-Neuigkeit wird es praktisch überflüssig, noch genauer zwischen bloßen Meinungen und Gutachten, wirklichen Ereignissen und inszenierten Aktionen, realen Fakten oder dem Plot einer Soap-Opera etc. zu trennen. Eine Neuigkeit ist eine Neuigkeit ist eine Neuigkeit. Schließlich bleibt es sogar egal, ob es sich um fiktive oder reale Meldungen handelt, etwas in der Welt außerhalb der Massenmedien wirklich geschieht oder nur als Ereignis in einer TV-Serie, einem medieninternen Happening etc. – und zwar sowohl für die Operationen wie für die Funktionen des Systems, denn Neuigkeiten bleiben Neuigkeiten nur vor der eigenen Realitätskonstruktion der Massenmedien, und ein Relevanzsystem zur gegenseitigen Orientierung lässt sich auch durch die "Dallas" oder die "Lindenstraße" erzeugen.

Allgemein gesprochen: Wenn man das biologische "Erkenntnis"-Prinzip – zum Beispiel einer Schnecke, die mit ihrem Fühler einen Grashalm ertastet, also einen Unterschied spürt und den systemintern als Information verarbeitet – metaphorisch überträgt auf die Verarbeitung von Informationen aus der Umwelt in den Massenmedien, dann ist es tatsächlich nicht mehr nötig, verschiedene logische Wahrheitesformen zu differenzieren; dann gilt als Information nämlich alles, was das System intern verarbeitet: "Informationen sind das, was die Massenmedien verarbeiten" – analog zu: "Kunst ist das, was in den Museen hängt", oder: "Politik ist das, was die Politiker machen!" Alle weiteren Konkretionen sind gewissermaßen ein überflüssiger Luxus, den sich das System zusätzlich gönnen kann, wenn es Ressourcen übrig hat. Das Massenmediensystem hat die alleinige Definitionsmacht darüber, was es selber als Tatsache, was es als Vernunft und was es als Ontologie interpretiert.