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Die Rätsel der verkehrten Welt

erstellt von Thomas Nöske zuletzt verändert: 16.06.2007 20:53

Das Geld erzeugt also eine künstliche Knappheit, die dadurch zustande kommt, weil sich alle Waren, auch Dienstleistungen und Arbeitskraft in Geldwerte umrechnen lassen und die Gesamtmenge zur Verfügung stehenden Geldes logischerweise begrenzt ist.

Adornos berühmter Satz: Es gibt kein richtiges Leben im falschen, wird eingeleitet durch eine längere Reflektion des "Wohnens". Niemand darf sich mehr den Luxus leisten, sich häuslich einzurichten. In einer Welt aus den Fugen, voll bitterem Elend und obszönem Reichtum, Umweltkatastrophen und Kriegen, kann man keine sichere Heimat mehr finden. Tatsächlich hatte ihr Frankfurter Institut bis in die 60er Jahre hinein einen Notfallplan bereit liegen und gepackte Koffer, um jederzeit flüchten zu können, falls erneut ein antisemitisches oder antikommunistisches Regime an die Macht käme. Wer sich dennoch gemütlich einrichtet, "balsamiert sich bei lebendigem Leibe ein." Heimatlosigkeit wird zum Fluch und zur Pflicht. Von der Innenarchitektur geht’s zum Privateigentum und schließlich zur Verteilung der Güter schlechthin: In einer Gesellschaft, die durch wissenschaftlichen und technischen Fortschritt insgesamt reich geworden ist, die sich kraft der Entfesselung der Produktivkräfte, wie es bei Marx heißt, riesige Paläste und sogar Stationen im Weltraum finanziell leisten kann, in der einzelne Milliardäre über eigene Privatzoos, Flugzeugstaffeln, sogar ganze Inseln verfügen, in einer solchen modernen Gesellschaft, wie sie ja in diesen Extremen erst seit dem 20sten Jahrhundert existiert, ist bereits die Tatsache, dass es überhaupt noch Armut gibt, eigentlich schon ein unvorstellbarer Skandal.

Die Situation hat den Charakter eines Rätsels, eines Welträtsels, dass uns die historische Entwicklung sozusagen aufgegeben hat. Seine Lösung findet sich offenbar noch außerhab unseres Horizontes, noch können wir sie nicht im Ansatz zu erahnen.

Adorno formuliert das Problem explizit paradox: "Die Kunst bestünde darin, in Evidenz zu halten und auszudrücken, dass einem das Privateigentum nicht mehr gehört, in dem Sinn das die Fülle der Konsumgüter insgesamt so groß geworden ist, dass kein Individuum mehr das Recht hat, an das Prinzip seiner Beschränkung sich zu klammern; dass man aber dennoch Eigentum haben muss, wenn man nicht in jene Abhängigkeit und Not geraten will, die dem blinden Fortbestand des Besitzverhältnisses zu Gute kommt."

Wenn man sich auf Adornos Formulierung einlässt, bekommt das Rätsel scharfe Konturen wie ein Fixierbild. Ausgehend von Walter Benjamin, bestand ein Anspruch darin, die gesellschaftlichen Misstände in einer Form zu präsentieren, dass man sie einerseits nicht mit ein, zwei ideologischen Phrasen abtun, das Rätsel aber auch nicht ignorieren kann. Zumindest in unserer Welt scheint keine Lösung zu existieren, und eine andere kennen wir nicht. Man muss erst seinen Horizont erweitern, bevor die Lösung ins Auge springt, und dann wundert man sich, warum man nicht viel früher darauf gekommen ist! Bis zu diesem Sprung in den "utopischen Reifezustand" soll es uns weiter verfolgen. Das Problem, die Krise, das Thema wird nie aus den Gesprächen und aus unserem Bewusstsein völlig verschwinden, wenn es diese Rätselform angenommen hat.

Wie erfasst nun Luhmann das von Adorno fixierte Problem? – zunächst einmal, würde er wohl sagen, ist für die Produktion und Verteilung von Waren das Wirtschaftssystem zuständig. Allerdings regelt es das nicht nach sozialen oder anderen Kriterien, sondern gemäß seiner eigenen Dynamik; es lässt sich keine Ziele von Außen diktieren. Der binäre Code, mit dem sich das System selbst steuert, heißt: Zahlung / Nicht-Zahlung. Waren werden produziert und gegen Geld verkauft, wobei der Verkäufer später das Geld wieder ausgeben kann für andere Waren, die er selber braucht. So fließt das Geld von Person zu Person und von Firma zu Firma. Die zentrale Handlung im wirtschaftlichen System ist die Zahlung, und das Ziel für jeden, der an den Prozessen teilnimmt, die eigene Zahlungsfähigkeit wieder herzustellen. Damit, so Luhmann in: "Die Wirtschaft der Gesellschaft", "wird es im Produktionsbereich von den privaten Motiven und Wertschätzungen unabhängig, nämlich unabhängig davon, ob jemand lieber eine Parfumfabrik oder eine Gerberei betreibt; unabhängig davon auch, ob er Pflicht und Neigung verspürt, das Geschäft des Vaters fortzusetzen." Mit dem Profit erzeugt das System die Motivation zum wirtschaftlichen Handeln selbst und schließt sich. Man macht mit wegen des Geldes. Alle anderen Sachinteressen an der eigenen Tätigkeit werden in indifferente Positionen abgeschoben, zu einer Art von Folklore, die man neben dem Erwerbsstreben auch noch pflegen kann. Ähnlich spricht Hannah Arendt von der "Erwerbskunst, als der Kunst, nicht mehr arbeiten zu müssen."

Das ist alles nicht Neues, das wissen wir schon seit über hundert Jahren von Marx: das in der Wirtschaft dominierende Prinzip ist der Profit, das den Akteuren als ein anonymer Systemzwang diktiert wird. Jeder, der mitspielen möchte, muss sich danach richten, auch wenn er es privat gar nicht möchte, sonst geht er bankrott. Entsprechend sprach Marx von der "Charaktermaske" des Unternehmers, der nicht aus Bosheit oder Egoismus seine Arbeiter knechtet und unterbezahlt, sondern weil die Dynamiken im Wirtschaftssystem ihm keine andere Wahl lassen. Die marxistische Theorie formulierte damit den Prototyp des Systemzwangs, die allgemeinen Einsicht: "Nicht der Mensch, sondern das System ist Schuld!"

Soweit geht Luhmann bei seiner Betrachtung auch mit. Er sagt, dass es immer besser sei, mit Geld statt mit Waren oder Arbeitskraft auf den Markt zu gehen. Denn Geld lässt sich gegen alles eintauschen, während der Anbieter konkreter Dinge erst unter tausend anderen seinen bestimmten Kunden finden muss. Nicht die Waren, sondern das Geld wird immerzu nachgefragt. Das führt zu der komischen Situation, dass sich die Knappheit der Waren in eine Knappheit des Geldes verwandelt.

Das ist etwas anderes als zu sagen: "Die Güter sind von Natur aus knapp", oder – wie Max Haller Luhmann (miss)versteht: "Der gleichzeitige Zugriff aller Menschen auf die Güter plus egoistische Bevorratung für schlechte Zeiten mache die Güter knapp!" Max Haller widerlegt diese Behauptung originell, indem er in seiner Kritik seitenlang aus Defoes "Robinson Crusoe"-Roman zitiert und immer die Stellen markiert, an denen Robinson allein auf seiner Insel sich Vorräte anlegt. Haller möchte damit zu zeigen, dass nicht der gleichzeitige Zugriff der Menschen die Güter knapp macht und die Bevorratung erzwinge; selbst der einsame Robinson muss Vorräte sammeln! Natürlich hat Haller damit recht, aber das ist, glaube ich, für Luhmann gar nicht der springende Punkt.

Luhmann sagt: Das Geld "ermöglicht unlimitiertes Besitzstreben und damit ein Knappwerden aller Güter, unabhängig von Ausmaß und Qualität des natürlichen (biblischen!) Reichtums der Erde." Selbst bei Überproduktion wird die Welt nicht etwa mit Waren überschwemmt, weil eine Knappheit der Waren künstlich durch die strukturelle Knappheit des Geldes erzeugt wird; eher vernichtet man die Überschüsse, wenn sich kein Käufer findet, oder spendet sie an Hilfsorganisationen, wo sie den Markt nicht verzerren.

Neben die Knappheit der Güter wird eine ganz andersartige Knappheit des Geldes gesetzt. Das heißt, Knappheit selbst wird codiert. Sie enthält neben der ursprünglichen (natürlichen) eine zweite (artifizielle) Form, so wie neben die Sprache die Schrift tritt. Das ermöglicht es, die Operationen der Wirtschaft mehr und mehr in diesem zweiten Medium abzuwickeln und das Eigentum dann schließlich, soweit ökonomisch relevant, als einen Aggregatzustand von Geld, als eine festgelegte Geldsumme, als Investition oder als Ware anzusehen. (...) Man behält oder verkauft Eigentum unter dem Gesichtspunkt der Verluste oder Gewinne, die es verursacht. An die Stelle der Relation Sacheigentum à Geld à Sacheigentum tritt die Relation Geld à Sacheigentum à Geld.

Das Geld erzeugt also eine künstliche Knappheit, die dadurch zustande kommt, weil sich alle Waren, auch Dienstleistungen und Arbeitskraft in Geldwerte umrechnen lassen und die Gesamtmenge zur Verfügung stehenden Geldes logischerweise begrenzt ist. Wir erinnern uns an Adornos Formulierung des Dilemmas: eigentlich ist der gesamtgesellschaftliche Wohlstand groß genug, um alles an alle zu verteilen und das Prinzip des Privateigentums zu vergessen, wie eine alte Haut abzustreifen; jedoch muss sich jeder einzelne weiter an sein Eigentum klammern, da ihn sonst der Lauf der Dinge, bzw. die Operationen des Systems bestrafen. Ich denke, dass dies die allgemeinste Form ist, ein uraltes Rätsel der verkehrten Welt zu formulieren, angefangen von Jesus: "Sorget Euch nicht. Die Vögel auf dem Feld sorgen sich doch auch nicht", - bis zur modernen Pädagogik: "Hört auf, euch zu kloppen. Es ist genug für alle da!" Dafür gibt es die unterschiedlichsten Erklärungen, die im Lauf der Geschichte gegeben wurden, wenigstens eine biblische, eine marxistische und eine psychoanalytische. Die Bibel antwortet: weil der sündige Mensch irdische Güter höher schätzt als göttliche. Die Marxisten antworten: weil der Kapitalismus uns zu Charaktermasken erzieht und die Verhältnisse uns nichts anderes gestatten. Die Psychoanalytiker antworten: weil wir als Babys streng dazu erzogen wurden, den eigenen Kot zurückzuhalten, und darum als Erwachsene auch kein Eigentum loslassen können. Vielleicht sind alle Theorien zu diesem Thema mehr oder weniger aus diesen drei Faktoren irgendwie zusammengebaut? - Ideelle Werte höher schätzen, Loslassen können und sich nicht dem Profitzwang fügen.? -

Luhmanns beantwortet das Dilemma mit den Eigenschaften, die im Gebrauch des Mediums Geld an sich liegen. Das Geld hat an sich keinen Wert, aber es ist als universelles Medium allgemein akzeptiert und kann gegen alles getauscht werden. Darum ist es attraktiver, mit Geld auf dem Markt aufzutreten als mit Waren. Dies führt zu chronischer Geldknappheit und damit, weil Waren nur für Geld zu haben sind, zu Warenknappheit, obwohl die Waren paradoxerweise gar nicht an sich knapp sind, sondern lediglich durch ihre Vermittlung übers Geld. Das Ungleichgewicht liegt also in der Logik des Mediums Geld selbst begründet und in seinem universellen Einsetzbarkeit, dass man fast alles für Geld und nur für Geld bekommen kann und die Gesamtmenge des zur Verfügung stehenden Geldes begrenzt ist. Ich denke, das hat Karl Marx auch schon erkannt, und bis hierhin hat Luhmann ihm eigentlich noch nichts wirklich Neues hinzugefügt.

Luhmanns Soziologie unterscheidet sich von Karl Marxens, da für ihn längst nicht alle menschliche Produkte und Handlungen automatisch die Warenform annehmen. Zumindest heute in Westeuropa sind wir uns doch alle bewusst, dass man für Geld zwar vieles, aber eben längst nicht alles kaufen kann, vor allem nicht die wichtigsten Dinge wie "Freunde", "Charakter", "Liebe", "Anerkennung", "Verstand" etc. Ähnlich wie in Pierre Bourdieus Theorie für ein gelungenes Leben nicht allein das finanzielle Kapital entscheidend ist, sondern auch das von ihm sogenannte kulturelle und soziale Kapital, kennt Luhmann neben dem Geldmedium noch die Medien Wahrheit, Recht, Liebe, Macht etc., die in ihren Sphären jeweils auch als ideelle Währungen fungieren. Für die Massenmedien, so haben wir im vorherigen Kapitel gerade gesehen, geht der Informations, bzw. Neuigkeits-Code dem Geld-Code vor, was zumindest nachvollziehbar ist, wenn wir eine unabhängige Tageszeitung mal mit einem rein anzeigenfinanzierten Blatt vergleichen.

Der Unterschied zwischen Luhmann und den Marxisten liegt also darin, dass er sozusagen den Wirkungsbereich, die Geltungssphäre des Geldes einschränkt und begrenzt. Wir haben diesen abstrakten Gedanken seiner allgemeinen Theorie bereits am Beispiel der Massenmedien kennengelernt: die Systeme sind zwar omnipräsent und haben universelle Funktionen, sie sind aber auch genau darauf beschränkt; man kann sie auf ihre Operationen reduzieren, ihre Grenzen genau angeben. Die Systeme sind sozusagen nicht übergriffig. Und darin liegt natürlich wieder eine freundliche Lesart des luhmannschen Werks, dass er die Gesellschaft zwar als anonymes, a-humanes, eigengesetzliches System betrachtet, aber gleichzeitig ihre Grenzen klar definiert: bis hierhin und nicht weiter.

Vor allem gefällt mir seine Idee, das Prinzip in dem Kommunikationsmedium dingfest zu machen, wie einen Virus zu isolieren und damit auf weiter ausufernden Erklärungen, die gesamte Kultur, das Bewusstsein, die Triebtruktur sei in toto Schuld, zu verzichten. Man denkt sich: "Na, das Geld ist doch eine überschaubare Sache, die müsste man doch irgendwie manipulieren können, einfach dem Geld einen Schuss Gerechtigkeit injiezieren." – so wie es doch eigentlich auch einen Motor ohne Benzin geben müsste, könnte es doch ein Geld ohne Kapitalvorteil geben, etwa wie in den Schwundgeldtheorien Sylvio Gesells oder der "Gesellschaft für Freiwirtschaft", in denen das Geld einem kontrolliertem Zerfall ausgesetzt und somit zum stetigen Umlauf motiviert werden soll.