Die Fälle Joschka Fischer und Giuliana Sgrena
Das Patt kommt zustande, weil die Kriterien, die kritische Medien-Konsumenten und verantwortungsvolle Journalisten an die Nachrichtenauswahl anlegen, nicht die gleichen Kriterien sind, mit denen das System sich selber steuert.
Luhmanns Analyse der strukturellen Mechanismen einer einseitigen und verzerrten Weltdarstellung durch die Massenmedien, läuft nach dem Muster, dass ich im Kapitel 1.6. vorgestellt habe. Zuerst die gemeinsame Problemdefinition: "Das Weltbild, dass uns die Massenmedien liefern, ist einseitig und verzerrt! Zugleich sind sie jedoch unsere Hauptquelle!" Dann die Betonung struktureller Mechanismen und Systemzwänge: "Das liegt nicht an einzelnen Journalisten oder Herausgebern, das liegt am Prinzip der Massenmedien selbst!" Es folgt ein aufklärerischer Anspruch: "Wir müssen verstehen, wie die Massenmedien arbeiten!" Der schließlich in der Hypostase eines rein abstrakten, metaphysischen Autopoiesis-Konzepts gipfelt: "Autopoiesis oohm oohm oohm..."
Im Fall seiner Theorie der Masenmedien wird das Prinzip deutlich: wir erinnern uns, dass er eine allgemeine Erkenntnistheorie autopoietischer Systeme konstruiert hat, die für das Soziale System der Massenmedien haargenau identisch wie für individuelle Bewusstseinssysteme funktionieren muss. Tauchen wir nochmal kurz ab in Luhmanns Spezialterminologie: Erkenntnis entsteht, nach seinem Modell, indem ein System Informationen aus der Umwelt selektiv auswählt, intern codiert und weiter verarbeitet und sich selber beim Prozessieren dieser Selektionen, Codierungen und Verarbeitungen zuschaut. Er nennt das: Kybernetik zweiter Ordnung, das System beobachtet sein eigenes Verhältnis zur Umwelt, indem es beobachtet, wie es die Umwelt beobachtet. Dadurch differenziert es sich von seiner Umwelt, kann sich intern stabilisieren, die eigene Kontinuität der Reproduktion wahren und die eigenen Operationen reflektieren.
Spielen wir die Sache also mal rasch durch! Da Luhmanns Medientheorie sehr allgemein gefasst ist, fällt es tatsächlich nicht schwer, passende Beispiele zu finden; man muss ja nur in eine x-beliebige Zeitung gucken. Ich wähle zuerst einen Fall, der von Politikern selbst schon weitgehend für die Medien inszeniert war, Anfang 2005, die sogenannten Visa-Affäre um den Grünen Außenminister Joschka Fischer. An ihm können wir schön sehen, wie die Massenmedien selbst Realität inszenieren. Dann den Fall G. Sgrena, einen sehr realen Zwischenfall im Irak mit Entführung und einem Toten. An ihm können wir erkennen, wie Meldungen ausgewählt, gefiltert und ignoriert werden.
Zuerst Mr. Fischer: Durch eine Dienstanweisung des Auswärtigen Amts an die Botschaften, bei der Vergabe von Visas großzügig zu verfahren, sollen angeblich etliche tausend Kriminelle, Schwarzarbeiter und Prostituierte nach Deutschland gelangt sein. Genaue Zahlen hat man jedoch nicht erfahren, weil die Einwanderungs- und Kriminalstatistiken in dem Punkt anscheinend nicht aussagekräftig waren; der Versuch der rechten CDU-Politiker und der Presse, Fischer unter eine Decke mit der organisierten Kriminalität und Menschenhändlern zu stecken, wirkte eher haltlos und überzogen. Man konnte ernsthaft fragen, ob die Sache den Namen "Affäre" überhaupt verdient oder es sich nicht bloß um eine aufgebauschte Wahlkampfmanöver handelte? Dennoch: der Stein war ins Rollen geraten, und es gelang weder der Grünen noch der linken Presse, die ganze Affäre als reine Erfindung der CDU abzutun. Man musste sich zu der Sache verhalten.
Der "Spiegel" nahm die Sache zum Anlass, über Fischers schlampige Amtsführung zu meckern: "Termine vergab er am liebsten kurzfristig und nach Tageslaune. Er selbst pflege zu spät zu kommen. Unterlagen wollte er nicht – der Chef konsultierte lieber spontan und unverbindlich. Der Stempel mit der Aufschrift ‚Hat dem Minister vorgelegen‘ wurde kurzerhand abgeschafft." – Auch die "tageszeitung", die in diesen Konflikt Fischer gewiss näher stand als seinen politischen Gegnern, kam – pflichtschuldig, stereotyp einem difusen Konfrontationsethos folgend - nicht um die Frage herum: "Herr Fischer, sind sie am Ende?".
Trotz des anfangs noch breiten Interesses an der Sache, gelang es der CDU nicht, ihr Bild von einem verantwortungslosen, inkompetenten Außenminister zu verbreiten. Nicht einmal ihr Vorschlag, die Visa-Affäre in Fischer-Affäre umzubenennen, wurde aufgegriffen; vermutlich, da Fischer diesen Vorschlag schon selber gemacht hatte – und kein Journalist sich vorwerfen lassen wollte, seinen kalkulierten Provokationen auf dem Leim zu gehen. Spätestens jedoch nachdem Fischers Vernehmung vom Untersuchungsausschuss über zwölf Stunden lang auf dem "Phoenix"-Kanal live übertragen wurde, wurde es offensichtlich, dass es sich bei der ganzen Angelegenheit nur um eine Inszenierung handelt, und so wurde es dann auch in den Zeitungen weiter behandelt: als cooler Schlagabtausch zwischen Politikern mit unterschiedlichem Show-Talent, fetzig und spannend wie Wettkämpfe es eben sind, - "ein politisches Vollblut gegen (...) politische Kleindarsteller" - aber ohne sachliche Relevanz.
Und was hat das mit Luhmanns Theorie zu tun? – nun man könnte die Situation folgendermaßen analysieren: Die CDU-Politiker wollten einen Skandal für die Presse inszenieren, um den Außenminister zu stürzen; Joschka Fischer musste sich den Vorwürfen stellen und konnte nicht einfach behaupten, der Skandal existiere nicht. Auch die linke Presse konnte das Thema nicht ignorieren, sondern musste sich verhalten, selbst wenn sie keine Informationen über eine Affäre hatten. Ihre ersten hilflosen Versuche bestanden darin, Fischers Person eher allgemein auf seine Affärentauglichkeit hin abzuklopfen; nachdem das nichts brachte, man aber dennoch weiter berichten musste, verlegte man sich darauf, über die Angelegenheit wie über einen Showkampf zu berichten (Übergang von der Kybernetik eins zur Kybernetik zwei). Offensichtlich war dies der sicherste Weg, einerseits an der Sache dran zu bleiben, sich aber andrerseits auf keine parteiische Situationsdefinition einzulassen. Die ganze Episode war eigentlich eher albern und zeigt, wie Politiker Ereignisse gezielt für die Medien inszenieren – und die Medien ihrerseits damit umgehen müssen, dass sie einen Großteil der Meldungen, die nur ihretwegen erzeugt werden, nicht ignorieren können, und gleichzeitig zumindest den Anschein kritischer Distanz wahren wollen.
Ein ernsteres Beispiel ist der Tod eines italienischen Geheimdienst-Offizier bei einem Beschuss durch amerikanische Soldaten im Irak. Anfang 2005 war die Journalistin Giuliana Sgrena von irakischen Rebellen als Geisel genommen worden. Nach Verhandlungen mit der italienischen Regierung wurde sie freigelassen, vermutlich gegen die Zahlung von Lösegeld. Doch als der italienische Geheimdienst Sgrena zum Flughaften bringen wollte, wurde der Autokonvoi von amerikanischen Soldaten unerwartet beschossen. Der Offizier Calipari warf sich schützend vor Sgrena und starb, ein zweiter Italiener starb ebenfalls. Über die Hintergründe und Zusammenhänge dieses "Zwischenfalls" kursierten mehrere "Unklarheiten", die auch sofort in der Presse diskutiert wurden.
Der Tod Caliparis hat in Italien einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. (...) Ministerpräsident Silvio Berlusconi hat sofort nach dem Vorfall den US-Botschafter zu sich zitiert und um Aufklärung gebeten. Die Opposition attackiert die Regierung, und verlangt mit erneuter Vehemenz den Rückzug der italienischen Truppen aus dem Irak. Die US-Regierung ist um Schadensbegrenzung bemüht. Präsident George W. Bush hat sich persönlich bei Berlusconi entschuldigt. Washington spricht von einem bedauerlichen Unfall. Pier Scolari, der Lebensgefährte von Sgrena, spricht hingegen von einem Hinterhalt. Er glaubt, dass die Amerikaner die Journalistin bewusst töten wollten. Warum, das ließ er vorerst offen.
ZEIT-Autor Jochen Bitter nennt das Ereignis "eine grausame Ironie", liefert indes zugleich einen Ansatz für ein mögliches amerikanisches Motiv: "Mit den Schüssen auf ausgerechnet die Journalistin, die wie vielleicht keine andere immer wieder das Leid der irakischen Bevölkerung schilderte, die immer wieder die entsetzlichen Fehler der ‚Besatzer‘-Truppen anmahnte, ist sie nun selbst zum Sinnbild für jenes Unrecht geworden, das ein Krieg, sei er auch noch so gut gemeint, nun einmal mit sich bringt." Vorsichtig deutet er an, dass sich ein Motiv zumindest konstruieren ließe, wenn man dies unbedingt wollte, auch wenn das natürlich niemand wolle.
In der amerikanischen Presse wurde das Ereignis vor allem als Folge von allgemeiner Unsicherheit und Nervösität der amerikanischen Soldaten behandelt, die in unklaren Situationen leicht in Panik geraten und überreagieren:
Die Korrespondentin Annia Ciezadlo von Christian Science Monitor beschrieb in einer Reportage die Undurchsichtigkeit der Kontrollen. Viele Checkpoints bestünden aus zwei Durchfahrten: einer von irakischen Soldaten bewachten, wo die Fahrer meist durchgewinkt würden, und kurz dahinter einer amerikanischen bewachten. Deren Soldaten reagieren auf ein schnelles Heranfahren oft mit Beschuss des Wagens. Desweiteren schreibt Ciezadlo, dass viele Iraker aus Furcht auf das Gaspedal treten: Stehen amerikanische Soldaten mit Maschinengewehren vor ihnen, die hektisch in einer fremden Sprache Kommandos brüllen, werde man verunsichert, weiß die Korrespondentin aus eigener Erfahrung zu berichten.
Diese Version teilt auch Jochen Bittner: "Ob im Einzelfall die Unaufmerksamkeit der Wagenführer oder die Nervosität der Soldaten Hauptschuld haben, lässt sich wahrscheinlich kaum je klären. Doch schon häufig kam es an Kontrollpunkten zu tragischen Blutbädern mit vielen unschuldigen Opfern. ‚Checkpoint-Tote‘, sie sind im Irak längst zum festen Begriff geworden." – und Giovanni di Lorenzo meint sogar: "Dass sie aber die ZEIT-Mitarbeiterin und ihre beiden italienischen Begleiter ermorden wollten, um sich lästiger Zeugen zu entledigen – diese grassierende Verschwörungstheorie ist so widersinnig wie schädlich."
Dagegen besteht die befreite und beschossene Geisel Sgrena selbst auf ihrer Version, nach der die amerikanischen Soldaten sehr wohl gezielt auf ihr Auto gefeuert hätten. Sie haben, nach Sgrena, ein klares Motiv: "Wir wissen auch, dass die USA die Politik der Italiener oder Franzosen bei Entführungen ablehnen. Sie sind gegen jede Verhandlung mit Geiselnehmern. Und schließlich wissen wir auch, dass die USA im Irak alles zu verhindern suchen, was nicht in ihrem Sinne ist." - Und gegen die Unfallhypothese spricht: "Also, ich meine, (...) wenn es dauernden Kontakt zu den höchsten Stellen unseres Staates gab, dann soll ich glauben, dass die US-Armee nicht wusste, dass wir am Bagdader Flughafen ankommen?"
Die amerikanische Erklärung, dass an den Kontrollpunkten immer eine hochgradig gespannte Stimmung herrscht – egal, wer mit wem in Italien telefoniert - und man in einem Krisengebiet wie dem Irak immer mit Beschuss rechnen sollte - auch von den Verbündeten - klingt zwar zunächst plausibel. Sie wird allerdings durch weitere Widersprüche erschüttert: "Unklar ist ferner, ob sich der tragische Zwischenfall an einem Kontrollpunkt ereignet hat oder auf freier Strecke. Sgrena dementierte Ersteres und sagte, ihr Fahrzeug sei von einer US-Patrouille beschossen worden. Diese Version soll von anderen Überlebenden der Eskorte bestätigt worden sein." – und man fragt sich, warum selbst noch die Tatsache, dass es an einem Stützpunkt geschah, in Zweifel gezogen wird?
Unabhängig davon, welcher der Erklärungen man eher traut: so oder so gibt es offenbar eine Menge offener Fragen für weitere Nachforschungen und Recherchen. Gute Zeiten für Journalisten, möchte man denken, wenn es Arbeit gibt. Dennoch brechen die Beiträge zum Thema im "Zeit"-Archiv mit einer Anfrage an die US-Behörden vom 07.03. nach dem Stand der Ermittlungen ab; die US-Behörden antworten, man müsse noch weiter forschen, der Ausschuss müsse noch weiter ermitteln etc. Das ist ja ein typisches Ende für einen Skandal, irgendwann verlieren sich die Spuren im Sand, und niemand fragt mehr danach. Nun interessiert mich an dieser Stelle gar nicht die Aufklärung des Falls an sich, sondern allein, wie sich mit Luhmann sein Verschwinden aus der Tagespresse erklären lässt? Die zunächst einmal naheliegensten Erklärungen müssen nicht die Besten sein. Je nachdem, welcher der beiden Versionen man eher folgen möchte, wird man entweder sagen: "Die Amerikaner haben unsere Presse unter Druck gesetzt, das Thema fallenzulassen!", oder: "Giuliana ist durch den Schock traumatisiert und redet verwirrtes Zeug!" In beiden Fällen würde man sich auf eine Seite der Verschwörungstheorie schlagen, gegen die Amis oder gegen Sgrena. Entweder sind die Amis kaltblütige Killer oder die italienische Journalistin ist unglaubwürdig.
Dagegen läuft Luhmanns Erklärung auf ein anderes Muster hinaus: damit das Thema überhaupt von den Massenmedien weiter bearbeitet werden kann, müssten Neuigkeiten zu berichten sein. Solange der Untersuchungsausschuss aber keine neuen Informationen und keinen Bericht rausgibt, gibt es keine Neuigkeiten; denn Giuliana Sgrena, ihre Freunde und Kollegen haben schon alles gesagt, was sie sagen können. Jedes weitere Statement von ihrer Seite würde paranoid wirken. Die einzige Stelle, die eventuell wirklich noch für eine Neuigkeit gut sein könnte, wäre eben der amerikanische Untersuchungsausschuss, und der wird sich vermutlich hüten. Man könnte sagen, die Situation sei in ein Nash-Gleichgewicht gerutscht, "in der kein Beteiligter seine Position durch weitere Aktionen noch verbessern kann" – und somit ein stabiler Patt-Zustand erreicht ist.
Das Patt kommt zustande, weil die Kriterien, die kritische Medien-Konsumenten und verantwortungsvolle Journalisten an die Nachrichtenauswahl anlegen, nicht die gleichen Kriterien sind, mit denen das System sich selber steuert. Denn, wohlgemerkt: es geht Luhmann nicht um Ideologien und auch nicht um das, was einzelnen Mächtigen nützt, sondern um die Eigengesetzlichkeit des Systems, die einen Systemzwang ausübt. Das System interessiert sich nicht für wahre Tatsachen oder vernünftige Reflektionen – und wenn sich acht Milliarden Menschen auf der Welt dafür interessierten; das System tut es nicht. Selektion und Darstellung der Meldungen erfolgt allein nach ihrem eigenem Code, über den kein Mensch verfügen kann, dem dualen Code "Information / Nicht-Information".
Allerdings lässt sich diese Patt-Situation auch wieder relativ leicht durch die Journalisten selbst aufheben, nämlich indem sie über das Thema einfach eine längere Dokumentation oder einen dokumentarischen Spielfilm bringen. Eine solche Aufarbeitung könnte dann nämlich wieder als "Neue Rekonstruktion des Falls" in den Neuigkeits-Code eingespeist werden. Der Fall David Kelly ist dafür ein Beispiel: nachdem die Meldungen versickerten, kam der Spielfilm. Das System ist also relativ leicht zu überlisten, und man darf wohl angesichts dessen die Frage stellen, ob der Neuigkeits-Code die Auswahl der Meldungen tatsächlich stark genug diskriminiert, um ernsthaft von einem Systemzwang zu sprechen? Die positive Wendung dieser Erkenntnis liegt darin, dass der Fall Giuliana Sgrena trotz des vorübergehenden Patts der Kontrahenten und des Mangels an Neuigkeiten, über die berichtet werden könnte (Stand: Sommer 2005), über Umwege eine Renaissance erleben könnte, nämlich indem die Geschichte in einer längeren Dokumentation oder einem dokumentarischen Spielfilm aufbereitet wird; dem Neuigkeits-Code wäre damit sozusagen ein Schnippchen geschlagen, indem die Rekonstruktion der Ereignisse selbst zur Neuigkeit wird, Motto: "Erstmals komplett rekonstruiert!" Prominentestes Beispiel für die Variante ist freilich Oliver Stones berühmter Kennedy-Film, in dem wir zum hundertsten Mal auf die wesentlichen Widersprüche der vermeintlichen Fakten hingewiesen werden: mit so einem Gewehr kann man so schnell nicht dreimal hintereinander schießen, und aus der angeblichen Schuss-Perspektive lassen sich Kennedys Körper nicht die Wunden zufügen, die er tatsächlich hatte. Der ganze Verschwörungskomplex scheint in einer Handvoll Schlüsselfakten zu kummulieren, die in Stones Film wie der Refrain in einem Popsong immer wiederholt werden. Nach dem Kernsatz der Differenztheorie, der Unterschied macht einen Unterschied, reicht nämlich auch eine einzige Gegeninformation – hier: "Oswald kann nicht dreimal hintereinander so schnell und aus dieser Perspektive Kennedy erschossen haben" – um eine ganze kathedralische Weltbildkonstruktion zum Einsturz zu bringen.