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Virtuelle Agenten

erstellt von Thomas Nöske zuletzt verändert: 05.08.2007 13:03

Über Jürgen Ploog und die Sprache als einem Virus. Aber man soll diese Aussage bitte nicht symbolisch verstehen, etwa: die Sprache sei in ihrer Funktion vergleichbar mit einem Virus - denn sie ist durchaus wörtlich gemeint. Auch Luhmann wusste, dass das Wort uns zuerst äußerlich war, wie ein Stein, ein Stück Rinde, die Asche nach dem Feuer ...

Als 10jähriger Junge war ich fasziniert von den Bildern aus Science-Fiction-Filmen, die vor den Kinos hingen, und in den Kinos selbst wurden rasante Zusammenschnitte neuer Filme für die Werbung gezeigt. Das faszinierte mich oft mehr als später der ganze Film. Auf den Bildern sah man die unterschiedlichsten Szenen, zum Beispiel einen Mann in einem hölzernen Käfig an einem Baum im Urwald, eine Armee aus glatten, weißen Robotern, Raumschiffe zwischen Sternen am Himmel, ein Zweikampf von verrückten Außerirdischen... diese ganz und gar unterschiedlichen Bilder, die auf den ersten Blick völlig willkürlich zusammengestellt erschienen und keine Vorstellung des ganzen, runden, geschlossenen Films erlaubten, stachelten meine Phantasie von einer überkomplexen Wirklichkeit an. Im Kopf konnte ich die zahllosen, schillernden Bilder auf kein System zusammenbringen und stellte mir ein expandierendes Universum vor, zu weitläufig und verschachtelt für unsere reduzierten Menschengehirne. Als ich dann 12 Jahre alt war und mir die ersten Science-Fiction-Filme im Kino ansah, wurde ich enttäuscht: klar, die Bilder waren durchaus bunt, die Kostüme und Kulissen gewaltig, die Musik laut, die Gestalten abgefahren, die Situationen zugespitzt und die Szenen rasant und voller Tempo und Wucht - aber auf eine Reihe gefädelt waren sie nach den linearen, eindimensionalen Mustern klassischer Märchenschemen. Der Held muss Verbündete gewinnen, um den Diktator angreifen zu können; um ein außerirdisches Monster zu töten, muss man es erst finden und eine Verichtungswaffe für den überlegenen Organismus bauen. Ganz schlichte Handlungsmuster, einfachste Archetypen, bekannt aus unzähligen Nachtträumen. Das war nicht das, was mir der bloße Anblick der Bilder phantastisch verheißen hatte: nämlich eine überkomplexe Wirklichkeit, die den Alltagsverstand und sein Denken in engen Kausalmustern sprengt und überbietet. Ich wollte einen Science-Fiction, der in seiner Handlung und Konstruktion im wahrsten Sinne des Wortes den Verstand überfordert, der zu verschachtelt und zu komplex ist, um verstanden und begriffen zu werden, kurz: ein Science-Fiction, der größer ist als die Gegenwart. Eine Gesellschaft kennenlernen, deren futuristische Ordnung unsere überkommene Vorstellungskraft übersteigt und sprengt. Frank Heriberts Roman "Der Wüstenplanet" dagegen ist vollgestopft mit mittelalterlichen Motiven wie Ritter, Fürsten, Treueschwüre, Alchemisten, Prophezeiungen und Hexenverfolgung. Man will einen Science-Fiction sehen und bekommt eigentlich bloß ein Mittelalterspektakel, bei dem die Burgen aus Stahl und mit Düsentriebwerken sind, die Rüstungen Raumfahreranzüge und die Pferde kleine Magnetschweberaketen. Aber kann das denn sein, daß eine Menschheit, die mit Raumschiffen durchs Weltall reist, noch an altertümlichen Begriffen von "Macht", "Geschäft", "Mut", "Tugend" und "Freiheit" sich orientiert? Das alles war sehr unbefriedigend.

Lächerlich klingt es, wenn ein Wissenschaftler der Raumfahrt bekennt: "Natürlich (...) wenn wir auswandern, werden wir darauf bestehen, daß auch ein paar Mädchen uns auf den Mond begleiten. Aber wenn wir dort ankommen, werden wir auch in der Lage sein, ihnen alles anzufertigen, ihre Lippenstifte, ihre Parfüms, ihre Nagellacke - na, sie wissen schon." Bei der anschließenden Pressekonferenz stellte sich indes heraus, daß für das Problem in der Schwerelosigkeit nicht immer von allein wieder aufklappernder Badezimmerspiegelschranktüren noch schlüssige Lösungskonzepte fehlen. (Ich gebe zu, daß ist albern: das Zitat stammt aus einem euphorischen Bildband von 1972, den ich vom Flohmarkt geholt habe.)

Der phantastische Reiz, in der Kunst mit möglichen Gesellschaftsformen zu spielen, verführt zur Vereinfachung; in Wirklichkeit ist auch die Gesellschaft stets größer als die Kunst. Und das wiederum weckt in uns die Idee zur Strategie, die Science-Fiction an ihren Rändern zerfleddern, in ihren Detaills zerbröckeln zu lassen. So die Forderung der klassischen Science-Fiction lautete, das ganze System solle wie ein philosophisches möglichst aufgehen und logisch konsequent erscheinen, lautet die des CutUps genau andersherum: ausgerechnet das Lückenhafte und Unschlüssige seiner Bausteine und Elemente hervorschießen zu lassen. Statt eines dichten Kunstwerks wird ein geborstenes angestrebt, statt auf kräftige Archetypen wird auf zersprungene gesetzt. Denn wir wissen, daß mit dem Wissen immer auch das Nicht-Wissen steigt. Wer sich perfekt auskennt in Geschichte, merkt darum nur umso schmerzhafter, daß er über die Gegenwart wenig weiß, und wer sich intensiv mit Biologie auseinandersetzt, erkennt umso deutlicher, daß er von Kunst oder Religion keine Ahnung hat. Je mehr wir wissen, umso exakter gestaltet sich dieses Wissen und zeigt so selbst, wo es seine Grenzen hat. Und weil dies so ist, darum muss der ausgefeilteste Science-Fiction gleichzeitig der sein, der an seinen Rändern die meisten Fragen unbeantwortet lässt und sein Wissen über das was kommt am offensten hält.

Robert A. Heinlein erzählt in seinem Science-Fiction-Roman "Das Neue Buch Hiob" die Geschichte eines Liebespärchens, das von Paralleluniversum zu Paralleluniversum fällt. Immer dann, wenn die menschliche Entwicklung an einen Entscheidungspunkt kommt, spaltet sich das Universum auf in mehrere Varianten, die je einem möglichen Weg folgen. So gibt es zum Beispiel Universen, in denen keine Flugzeuge erfunden wurden, in denen kein zweiter Weltkrieg erfolgte, in denen die USA und Kanada einen gemeinsamen Staat ergeben... zwischen diesen Paralleluniversen werden Alec und Margarethe hin und her geworfen. Ständig müssen sie sich in einer komplett anderen Welt neu zurechtfinden. Münzen, die sie in den Hosentaschen mit sich tragen, sind in den anderen Welten nichts mehr wert, und an andere Konventionen müssen sie sich eh ständig gewöhnen. Alec sucht sich Jobs als Tellerwäscher, und Margarethe arbeitet als Bedienung in Kneipen: das ist in allen Paralleluniversen möglich; von Ort zu Ort reisen sie per Anhalter, das klappt auch immer, mal mit Autos wie wir sie kennen, dann mit Pferdekutschen oder futuristischen Schwebegleitern. In allen möglichen Welten wird sich fortbewegt oder getrampt, es gibt Geld, ein Staatswesen, eine Armenfürsorge, eine Form von Glaube oder Religion, Tagelohnarbeit, Gastfreundschaft und Fremdenfeindlichkeit, und ihr geliebtes Café mit Eis mit heißer Soße könnten Alec und Margarethe auch in fast jeder Welt eröffnen - wollen. Das sind die menschlichen Konstanten, die - freilich irrwitzig variiert - in jeder Welt auftauchen. Wir brauchten eine halbe Stunde, um uns einigermaßen zurechtzufinden. Die Gegend war uns vage vertraut, aber nichts war ganz richtig. Ich fand den Block, wo Ron's Grill liegen mußte, aber ich konnte Ron's Grill nicht finden. Endlich zeigte uns ein Polizist den Weg zur Mission... die jetzt in einem anderem Gebäude war. Zu meiner Überraschung war Bruder McCaw da. Aber er erkannte uns nicht und hieß jetzt McNapp. Wir zogen uns so taktvoll zurück wie möglich. Das heißt, nicht sehr. - in der Mitte der menschlichen Existenz verwandeln sich die Universen jedoch nicht. In allen Welten spielen Themen und Fragen von Gastfreundschaft und Arbeit, Treue, Vertrauen, Glaube, Liebe... eine Rolle. In allen Welten können sich die Menschen untereinander verständigen, sofern sie die spezifisch menschlichen Themen beachten. Der plötzliche Strudel, der Alec und Marga von eine Paralleluniversum ins andere reisst, kommt stets völlig überraschend; mitunter erwischt er sie beim Baden, so daß sie völlig nackt in einer anderen Welt landen. ... Außerdem gab sie mir Socken, die sich dem Fuß anpaßten, und Shorts, die meiner Größe zu entsprechen schienen. / Als sie uns angekleidet hatte, lag noch weitere Kleidung im Gras - ihre eigene. Ich begriff, daß sie bekleidet zum Tor gegangen war. Dort hatte sie sich ausgezogen - um genauso "angezogen" zu sein wie wir - und auf uns gewartet.

Freilich ist Heinlein auch ein Optimist, denn er geht davon aus, daß durch aufgeklärtes Denken und eine reflektierte Distanz zu den jeweiligen kulturellen Moden, Konventionen, Normen und Werten eine übergreifende Verständigung möglich ist, sozusagen ein interuniverseller Humanismus. Für uns geht es jedoch eher um eine Abgrenzung der menschlichen Sphäre: Alec und Margarethe reisen quer durch eine Reihe von Paralleluniversen, in denen es mal Luftschiffe gibt, mal nicht, mal das Christentum die stärkste Religion ist, mal ein heidnischer Pantheismus, Deutschland eine Monarchie darstellt oder eine Räterepublik... die Welten zerfasern an ihren Rändern; im Kern, da wo Menschen auf Menschen treffen, bleiben die Ideen die Gleichen. Die Welten zerfallen an ihren Extremen. Die Positionskämpfe zwischen Philosophen, Gläubigen und Politikern finden an den Fundamenten statt, auf denen sie ihre Luftschlösser und Kathedralen verankern; echte Begegnungen dagegen - zwischen Mensch und Mensch sozusagen - spielen sich in der Mitte der Existenz ab.

Wilder noch treibt Robert A. Heinlein es in seinem Roman "Freitag", der von einer künstlich geschaffenen Frau namens Freitag handelt. Sie ist normalen Menschen unendlich überlegen, kann schneller rennen, tiefer tauchen, hat mehr Kraft, verfügt über ein genaueres und besseres Gedächtnis, kann im Dunklen sehen... sie ist aber von außen nicht zu unterscheiden, und die normalen Menschen wissen gar nicht, daß es künstliche wie sie gibt - und wenn, dann lehnen sie sie ab wie unberührbare Paria. Freitag leidet darunter, keine Geschichte, keine Familie und auch keinen inneren, empathischen Bezug zur Kultur zu haben, obwohl sie Zuneigung und Zärtlichkeit fühlen kann, sich nach Anerkennung und Heimat sehnt wie ein Mensch. Parallel findet ein Bürgerkrieg statt, oder sogar mehrere, man hört von Armeen, von gesperrten Grenzen, von Terroristen und Fanatikern, von Spionen, Scheingeschäften, Affairen, Fluchtplänen, Verschwörungen, sicheren Gebieten, Privatrechten, Verstecken, Clans und Hotelzimmern, man hört von Skandalen, Verfolgung, Bündnissen und Gefahr - und Freitag mittendrin, die einerseits irgendwie auch überleben möchte, andrerseits indes mehr durchblickt und kapiert als die normalen Menschen und sich sehnt, wie gesagt, nach einem Zuhause. Dieser Roman, der für mich tatsächlich zu einem der faszinierensten und inspirierensten gehört, die ich kenne, ist also einerseits eine normale Abenteuergeschichte, die Odyssee eines Menschen auf der Suche nach sich selbst und einem sicheren Fleck zum Leben, aber das ist nicht das faszinierende an ihm; vielmehr, daß Heinlein immer wieder mit den Erwartungen des Lesers spielt, irgendein schlüssiges Konzept für die sozialen, wirtschaftlichen, idealistischen, religiösen, politischen... Inhalte und Strukturen der zukünftigen Gesellschaft zu erhalten, teilweise eben auch Fäden aufnimmt, kurzfristig spinnt, vielleicht auch nur um einen Spannungsbogen oder die Möglichkeit einer Auflösung anzudeuten, und sogleich wieder fallenzulassen, sobald das Element seinen dramaturgischen Dienst getan hat. Der Roman "Freitag" entwirft ein utopisches Universum, dessen Strukturen an allen Ecken und Enden zerfleddern, in Fragen auslaufen oder im Nicht-Wissen versacken. Es ist ein zerklüftetes Ding wie ein zerschmetterter und geleimter Spiegel oder Gletscher. Ein zersprengtes, labyrinthisch verzweigtes Ding mit Sackgassen und Wegen, die im Kreis führen, die im Nichts enden - dazwischen ein menschliches Wesen, das seinen Weg zu gehen versucht - das entsprach schon weit eher meiner Vorstellung der Darstellung des Lebens in einer zerfaserten und überwuchernden Gesellschaftsordnung der Zukunft. Konstant Freitags alles reflektierender, eiskalter Superblick auf menschliches Denken und Handeln. Die nächste Stufe, der Schritt darüber: das ist dann schon ein chaostheoretisches Muster. Eine aus lauter zufälligen Schnörkeln verschnörkelte Megaschnecke. Denn die Grenzen des Science-Fiction sind nicht nur seine Außengrenzen (etwa an der Frage möglicher Fluggeschwindigkeiten), sondern auch seine Binnengrenzen (etwa bei Varianten geschäftlichen Einvernehmens).

Jürgen Ploogs Roman "Die tote Zone" erinnert von weitem betrachtet an einen klassischen und groschenromanhaften Spionage-Thriller a lá Jerry Cotton. Die "Tote Zone", das Buch, ist ein reines Zusammengeschnippsel von Fragmenten und hat überhaupt keine Handlung, eine wilde Collage aus Krimi- und Science-Fiction-Motiven.

Der Mann sah nicht aus wie jemand, der mit Parolen zur Verbesserung der Verhältnisse um sich wirft. "Was immer geschieht, ist bereits Geschichte." Dazu nickte er als wollte er sich selbst davon überzeugen, was er sagte. Er hatte einen eigenartige abwesenden Blick, der, wenn schon nicht Unentschlossenheit, so doch ein Gleichgewicht zwischen Leben & Tod ausdrückte. "Nur sagen, was unbedingt notwendig ist. Botschaften ausschicken & wissen, dass es immer irgendwo einen Empfänger gibt..."

Ich streifte durch die Stadt. Ich schaute in die Halle des Carlton & in die Bard des Majestic, das gerade mal wieder umgebaut worden war & noch glanzloser wirkte, als zuvor & blieb schliesslich in einer Kneipe unten im Hafen hängen. Ich war damit bheschäftigt, die zerfledderten Geschichten in einen Zusammenhang zu bringen. Was war aus Selina geworden, hatte jemand die Contessa gesehn? Ich sammelte Einzelheiten, die, für sich genommen, wenig Bedeutung hatten. Wenn ich genügend zusammenbrachte, würden sie sich irgendwann zu einer Matrix fügen & ein Bild ergeben, das mir die weiteren Schritte weisen würde. Ein mühsames, endloses Spiel...

Ich hatte die Spur von Meier verloren & auch alle anderen Spuren, die auf eine Geschichte hinwiesen, an der ich beteiligt war. Ich hätte hier sitzenbleiben können, ohne je wieder gesehen zu werden & jemanden zu sehen, mit dem ich etwas zu tun hatte. Ich war nicht im Exil, ich war im Nirgends, in einer toten Zone... an einem Ort, an dem ich mich von Atemzug zu Atemzug & Augenblick zu Augenblick vergewissern musste, dass es den Ort & dass es mich gab.

Allein den Ausschnitten nach gedacht, könnte man meinen, es gänge irgendwie um eine Verfolgungsgeschichte von Agenten unterschiedlicher Mächte geheimer Botschaften, Informationen. Von weitem betrachtet, wenn sich eine nur schemenhafte Sicht bietet wie beim Blick vom Gibraltarfelsen auf die afrikanische Küste, erscheint Ploogs Buch "Tote Zone" tatsächlich wie ein Jerry Cotton Groschenheft Kriminalroman: Vor mir im Wasser tauchten Fische auf, kleine, schnelle Fische, aber es waren keine Fische, sondern Projektile, tödliche Bleihummeln aus der Maschinenpistole. Geht man näher ran und schaut genauer hin, zerfällt die scheinbare Ordnung in ein zufälliges Arrangement bekannter Elemente.

Aus nächster Nähe betrachtet, verwandeln Kunstwerke sich in Gewimmel, Texte in ihre Wörter,

erklärt Adorno.

Durch das Zerschlagen von Sinnbeziehungen zwischen Worten in einen Raum-und-Zeit-freien Bereich treten: Das mit der Teleportation ist eine schwierige Sache. Wer sich auf sie einlässt, weiß unterwegs nicht, wo er ist. Er hat keine Möglichkeit der Orientierung. Als Zustand ist sie wie ein schneller Traum oder ein Gedicht, das du im Sturzflug auf eine atemberaubend bizarre Landschaft liest. Die Jahreszeiten verschieben sich wie für jemanden, der von der Nordhalbkugel zur südlichen wechselt. Das Ende des Frühlings geht nahtlos in den Herbstbeginn über. Die Vegetation & die Tiere verändern sich, aber wer wäre im Zeitalter der Geschwindigkeit schon in der Lage, darauf zu achten? Der schnelle Wechsel lässt die Einzelheiten verschwimmen. Von William S. Burroughs lernt Ploog, daß Zeitreisen mithilfe der CutUp-Methode prinzipiell möglich seien: "Vielleicht sind Ereignisse von Anfang an aufgeschrieben und festgehalten", sagt Burroughs, "und wenn man die Wortreihen zerschneidet, sickert die ZUKUNFT durch."

Aus der Entfernung betrachtet, wie gesagt, aus der Entfernung betrachtet erscheint "Die Tote Zone" wie einer der klassischen Kriminal- oder Science-Fiction-Groschenromane. Sieht man genauer hin, erkennt man, daß alles nur chaotisch arrangierte Fragmente sind. Andrerseits: erklärte nicht bereits Hollywoodregisseur Howard Hawks, er hätte bei den Dreharbeiten zu dem Humphrey-Bogart-Klassiker "Tote schlafen fest" den Überblick über die Handlung verloren, die so verworren und veränderlich war wie es ein Hard-Boiled-Krimi nur sein kann? Man guckt sich den Film von weitem an: darum liegen die besten Plätze im Kino hinten. Und darum sind die sogenannten Trailer oft fetziger als die mit ihnen beworbenen Filme. (Das Ganze ist das Unwahre; Aufdruck eines T-Shirts, gesehen in Cottbus, 1998.)

Der amerikanische Kybernetiker Bateson schreibt folgenden Dialog: Tochter: "Wenn ich Dinge zeichne, warum haben sie Konturen?" / Vater: "Gut, was ist mit anderen Dingen - etwa mit einer Schafherde? Oder einem Gespräch? Haben die Konturen?" / Tochter: "Sei nicht albern. Ich kann doch kein Gespräch zeichnen. Ich meine Dinge." Der Begriff der "Konturen" wird über das bloß Anschauliche hinaus verwendet, auf alles, was sich hinreichend scharf vom allgemeinen Rauschen abzeichnet. Eine Kontur fällt aus ihrer Umgebung heraus. Ihre Umwelt dagegen ist der nicht weiter zergliederte Raum, the umarking space, der alles und nichts sein und enthalten kann, das rätselhafte Sein. Das ominöse Sein. Denn das Sein ist die unverborgene Offenheit des Universums.

Der prinzipiellen Offenheit der Wirklichkeit widersprechen die Weltbilder der Sprache und der Massenmedien, die uns immer wieder eine Realität aus einem Guss vorgaukeln. Jedes Wort einzeln für sich betrachtet stellt zwar auch ein Medium der Mitte dar, der Philosoph Heinz von Foerster sagt: Sprache ist Magie!, doch neigt sie im Ganzen immer wieder dazu, zu Systemen zusammenzuschießen, Kuppeln zu bauen, einen Himmel zu stützen. In der Einheit des Stils nicht nur des christlichen Mittelalters, sondern auch der Renaissance drückt die je verschiedene Struktur der sozialen Gewalt sich aus, nicht die dunkle Erfahrung der Beherrschten, in der das Allgemeine verschlossen war, schreiben Horkheimer und Adorno in ihrer berühmten "Dialektik der Aufklärung"..

Die gebrochene Sprache ist häufig die authentischere. Was passiert, wenn (im Kopf) Schnittstellen 2 oder mehrerer beliebig zusammengefügter Textstellen aneinanderstossen? Burroughs sagt, dadurch werden konditionell entstandene Asoziationsketten unterbrochen. Es werden sich Wortkombinationen ergeben, die nicht ins semantische Schema passen wie: "Die leeren Hände der Abwesenheit ... die Nervensplitter von 5 Schüssen in der rot angelaufenen Nacht von Newport ... die Schlüssel zu seinem Namen hinter dem Staub in seiner Kehle ... giftiges Puder über Erinnerungen zerstäubt..." (Claude Pélieu). Der Autor/Leser hat ein Sprungbrett in einen nichtsemantischen Raum gefunden.

Das Überkomplexe nähert sich dem CutUp prinzipiell an. Dies geschieht, da das Überkomplexe den Raum des sprachlich Verfassten automatisch sprengt. Stanislaw Lem zum Beispiel muss regelmäßig zu neuen Wortschöpfungen schreiten, will er die Waffentechnik der nächsten Jahrhunderte erklären ... deshalb bildeten nicht menschenähnliche Automaten die Armeen neuen Typs, sondern synthetische Insekten (Synsekten), keramische Mikrokrustentiere, Regenwürmer aus Titan und fliegende Pseudoinsekten mit Nervenknoten aus Arsenverbindungen und Stacheln, die aus schwer spaltbaren Elementen bestanden. Die futuristischen Menschenwelten der Zukunft werden nicht nach den Gesetzen der Naturwissenschaft, der Technologie oder gar vergleichenden Philosophie gebildet, sondern allein linguistisch. Ijon Tichy, der im Jahr 2039 aus dem Schlaf erwacht, schreibt in sein Tagebuch: 12.08.2039. Ich habe mich aufgerafft und Passanten nach der Buchhandlung gefragt. Sie zuckten mit den Achseln. Zwei Männer sagen: "So ein frostiger Tautropf!" Besteht etwa ein Vorurteil gegen Taulinge? Ich notiere weitere unbekannte Ausdrücke, wie ich sie vernommen habe: Dinkel, Sicker, Dreibapp, Beweiber, palastern, exen, knüppen, synteln. Die Zeitungen werben für Produkte wie Onkal, Spüral, Anengler und Kitzimobil (Kitzelant, Kitz). (...) Ich behaupte nicht, ich hätte das verstanden. "Onkal, vgl. Tantal, Skantal. - Enz. vgl. Penz; siehe auch: Vatikan." - Das blöde Wörterbuch nennt Synonyme, die ich genausowenig verstehe. "Palastern, Einpalastern, Auspalastern, zeitweilig einen Palast haben (nicht: mieten). - Anengler, Zweitgeist. Begriffliches und -greifendes Denken geht dem Handeln und Schaffen vorweg, die Verwandlung der Sprache geht der Verwandlung der Welt voraus. Am Anfang steht das Sprachspiel. Wir sprechen in diesem Zusammenhang von "Widerspruch", denn wir können der Sprache des Anspruchs und der Verneinung einen Sinn geben, wenn wir über Dinge sprechen. Wir können dieser Sprache einen Sinn geben, weil wir nichts als einfach nur vorhanden sehen, sondern als gesetzt, um den Geist zu verkörpern und auszudrücken. - diesen jedoch müssen wir selber erst erforschen und gleichzeitig gestalten in einem endlosen Prozess, dessen Schritte und Ziele sich erst ergeben, wenn wir danach suchen. Wer will es wagen, den Horizont voreilig durch absolute Sinnfestlegungen zu beschränken? Denn mit der Sprache modellieren wir unsere Zukunft, mit unserem Denken streben wir in das offene Land von Morgen.

Wer will behaupten, den Entwicklungen der Geschichte seien Grenzen bereits gesteckt, bloß weil wir zur Zeit bloß Geld kennen und Tausch, aber keinen Gausch, weil wir Liebe kennen, Freundschaft, Beziehung, Sex und Ehe, aber keine Frehe, keine Friebe, keine Lexiehung und keine Biebe? "Aber ja doch, meine Damen und Herren, sprechen wir heute einfach mal über die Biebe! Ich möchte heute einfach mal über die Biebe zu ihnen sprechen!"

Wenn wir uns eine Welt vorstellen, in der zahlreiche solcher neuen Wörter kursieren und das soziale und kulturelle Leben bestimmen, dann kommen wir fiktional so zu einer phantastischen Welt, in der auch die Bedeutungen der Begriffe "Ehre", "Glück", "Arbeit", "Heimat" ... umgedreht und sinnverändert sind. Es wäre schließlich etwas vermessen anzunehmen, wir könnten den Mars besiedeln mit den idiotischen Vorstellungen von "Treue", "Wahreit", "Fleiss", "Hoffnung" und "Freundschaft", mit denen wir heutzutage operieren. Wir müssen auch geistig neues Terrain erobern, in der Schwerelosigkeit des Alls zu einer neuen Beweglichkeit und Präzision des Denkens gelangen, indem wir festgefügte Wörter und Begriffe zerlegen und so verschobene Horizonte erschließen...

Dreißig Jahre lang war Ploog als Pilot beschäftigt. - "Was mich immer interessiert hat, war Reisen. Ich las eine Anzeige der Lufthansa. Ich hab mich beworben und wurde genommen. Plötzlich war ich Pilot. Das kam überraschend." - Insofern musste er körperlich und geistig bestimmten Ansprüchen entsprechen (jedenfalls hoffe ich das) und konnte sich ausgedehnte Drogenexperimente nicht leisten. Seine CutUps sind technischer als die anderer SubFreaks, die nicht nur mit der Schere Textseiten in der Mitte zerschneiden und neu zusammensetzen - sondern sich parallel dazu mit diversen Mitteln das Gehirn zerschießen. Ploogs CutUps sind in gewisser Weise chemisch reiner, weil er sie zwischen zwei Flügen in den Hotelzimmern fremder Länder fabrizierte, während er sich gewissermaßen für den nächsten Flug entspannte, und auf psychopharmakologische Zusätze verzichtete: keine dumpf vernebelten, düster dahingeraunten..., sondern saubere, kristallklare, blankgewienerte CutUps.

Vor allem lebt der Videofilm Ploogs Charisma: wenn er mit seiner tiefen, ruhigen Stimme seine kryptischen, rätselhaften, unverständlichen Texte vorträgt, unterlegt von psychedelischen Bildern wie aus 70er Jahren Lavalampen. Selbst wenn man gar keine Ahnung hat, was das Ganze soll, wirken seine Texte faszinierend, magische Botschaften, geheime Codes, die man entschlüsseln möchte, vermutet man dahinter doch Großes. Seine Stimme klingt eindringlich und monoton, ein akribisch-dunkles Ritual. Tatsächlich sind seine Texte jedoch genau das Gegenteil von Codes, höchstens Codes, die sich in ihrem Vollzug von selber entschlüsseln. Man kann seine Bücher jederzeit weglegen und sich mit etwas ganz anderem beschäftigen. Seine Bücher fesseln den Leser überhauptnicht - für jeden anderen Autor wäre dies eine Beleidigung; nicht aber für Ploog, der sagt: "Ich will meine Gedanken nicht sammeln, ganz im Gegenteil, ich will sie fliegen lassen." Ich vermute, dies hängt auch damit zusammen, daß er seine Texte nebenbei schrieb, während er hauptberuflich als Langstreckenpilot der Lufhansa arbeitete. Darum mußte er nicht nur eine Schreibform finden, wie er selber sagt, die seiner dikontinuierlichen Wahrnehmung der Welt gerecht wird (Montag in Frankfurt, Dienstag in Afrika, Mittwoch in New York...), sondern auch eine Schreibweise, die es ihm ermöglichte, jederzeit Schluß zu machen, und zwar ohne daß ihn lästige Gedanken noch bis ins Cockpit verfolgen. Es ist ja relativ unwahrscheinlich, daß er im Landeanflug auf Athen sagt: "Augenblick bitte, ich schalte mal eben auf Autopilot und redigier meine Notizen von heute früh durch." Soweit ich es weiß, hat er während seiner dreißigjährigen Pilotenzeit keine einzige Bruchlandung fabriziert. Und das ist ein Phänomen: obwohl seine Texte ungeheuer sprachgewaltig, poetisch, eindringlich, magisch und verschraubt sind, saugen sich niemals einzelne Sätze im Hirn fest. Seine Beschwörungsformeln beschwören nichts, außer ihre eigene Auflösung, auf das eine fast buddhistische Leere zurück bleibt. In Wahrheit sind sie Entschwörungsformeln.

Jürgen Ploog erklärt, der Schriftsteller Jörg Fauser habe sich mit dem CutUp-Verfahren beschäftigt und es sei ihm gelungen, auf diese Weise sich allmählich von seiner Heroinsucht zu befreien. In der Tat war die Beschäftigung mit dem CutUp für Fauser (lebens-) wichtig. Er sagt jedoch in einem Interview mit Helmut Karasek: Ich habe dann damit aufgehört, weil es für mich eine Sackgasse war, und er sagt bewusst Sackgasse, nicht etwa Holzweg oder Einbahnstraße. Denn während ein Holzweg ein falscher Weg ist, eine Einbahnstraße dagegen in nur eine Richtung führt, bringt einen die Sackgasse bis an einen bestimmten Punkt - und geht dann einfach nicht mehr weiter. So auch die CutUp-Methode: mit ihr kann man lernen, Sprache in der Poesie und in der Prosa im vollen Bewusstsein ihrer Konturen und Grenzen zu benutzen, und mit diesem Bewusstsein steigt dann freilich auch das Gefühl für den umarked space, für den durch sprachliche Zeichen und Codes noch nicht erschlossenen Raum, nicht mehr und nicht weniger. Diesen Punkt einmal erreicht, kann man die Erfahrungen bewahren und mit ihnen andere Wege einschlagen. Dazu im folgenden Kapitel "Gut geschürte Rettungspakete" mehr. Tatsächlich erscheint mir der CutUp immer auch ein bißchen wie ein Training, wie Übungen, Jam-Sessions. Cut-up ist die möglichkeit um den sprachlich festgefahrenen systemen zu entkommen und da kommt kein schriftsteller drumherum.

Nur wer weiß, wo sein Wissen endet, weiß auch, wo die Unendlichkeit beginnt. Es reicht also nicht, mit Sokrates bloß zu wissen, daß man nichts weiß, besser ist es, auch zu wissen: WAS man nicht weiß - oder es jedenfalls ungefähr zu ahnen. Mit anderen Worten: es gibt mehrere Sorten des Nicht-Wissens, nämlich die tumbe Ahnungslosigkeit der Doofen, sowie das gebildete Wissen um das Nicht-Wissen, ein Nicht-Wissen, das sich aus dem Wissen um die Grenzen des Wissens ergibt. Und dieses Nicht-Wissen wird paradoxerweise ausgerechnet dadurch erworben, daß sich das Wissen immer stärker präzisiert. Wissen, so der erste Lehrsatz der Aufklärung, begrenzt sich selbst, ist enggeführtes Denken. Während nun die moderne Metatheorie der Wissenschaft versucht, ihre Grenzen über Reflexion der Methoden und Erkenntniskritik in den Griff zu bekommen, geht das CutUp-Verfahren weiter, versucht die Grenzen noch radikaler und enger zu zurren, indem es die Letztelemente des Denkens überhaupt fixiert, Sätze und Wörter. Ohne zu schreiben, kann man nicht denken; jedenfalls nicht in anschlußfähiger Weise. Auch dieses Prinzip wird vom CutUp einfach umgekehrt: das heißt, ohne nicht nicht zu schreiben, kann man nicht nicht denken, und für Jürgen Ploog ist das Material seiner CutUps beliebig, nicht beliebig ist, was ich daraus mache, sagt er, vielleicht wie bei den bekannten Mathematikspielen, bei denen die Ziffern von mehrstelligen Zahlen nach bestimmten Mustern immer wieder umgekehrt und subtrahiert werden, bis nach unterschiedlich häufigen Reihungen am Ende 6455438 stets bei rauskommt. Bei aller Dynamik, bei aller Expansion, bei aller Wortgewalt und den schillernden Reflexen, wirkt Ploogs Sprache immer auch irgendwie eingefroren, bei Fotos würde man sagen: gestellt, wie die Bilder von Flugzeugen, die trotz Überschall fest in den Himmel montiert scheinen, Standbilder der Action, Gemälde von Kampfgetümel, Augenblicke gebannt in ewige Bilder.

Manchmal spüre ich ihn, den zeitlosen Wind, der Botschaften von anderen Sternenbildern bringt & das Gefühl auslöst, daß Körper ein ungewohnter Luxus ist. Die Schwerkraft der Nachmittage, als die Sterne über Baalbek aufgingen & ich noch mit von der Partie war, wenn auch mit beiden Händen in den Hosentaschen. Nie mehr machen als nötig ist: berühmte letzte Worte oder nicht? Wahnsinn & Macht & die Verwüstungen, die sie auf dem Planeten angerichtet haben. Nur Touristen halten sich an die Maxime von Gut & Böse... wie Phantome einer vergessenen Mission...

Das sind Standbilder, kosmische Stilleben, Landschaftsaufnahmen des Denkens, wenn man so will.

Das andauernde Rauschen, Flimmern und Zischen der Massenmedien, der Informationen und Nachrichten, der Werbebotschaften, ideologischen Phrasen, politischen Staments und Pamphlete, der Parolen, Versprechungen, Aufforderungen, Drohungen und Verheissungen - ein ewiger Brunnen, der immerzu fließt und Bewegung ist und doch still steht?

Der Künstler Ron Schmidt hatte eine derartige Vision:

Ein Buddha sitzt vor einem s/w-Fernsehgerät und meditiert über sein Abbild auf dem Bildschirm. --- Von dieser frühen Arbeit des Nam June Paik war ich tief beeindruckt.

In einer späteren Instalation hat er eine Anzahl Monitore in einen künstlich angelegten Dschungel eingebettet.

Als nächstes sah ich eine Kugel von ihm, deren Oberfläche aus vielen Bildschirmen bestand auf denen unterschiedliche Bilder in sehr hoher Schnittfolge zu sehen waren.

Jahre später betrat ich einen Raum, der aus unzähligen Monitoren bestand, die so schnelle Bildfolgen zeigten, dass ich nicht mehr in der Lage war Einzelheiten zu erkennen --- doch nach einiger Zeit unbehaglicher Hektik setzte ein Strömen ein, vergleichbar mit dem Strom des Lichts, das durch die farbigen Fenster eines Domes fällt. ---

Ich erinnerte mich an die meditative Stimmung des TV-Buddhas.

Die Beschleunigung hatte Null erreicht.

Und jetzt kommt eines meiner Lieblings-Luhmann-Zitate:

Sinnlosigkeit ist ein Spezialphänomen, es ist überhaupt nur im Bereich der Zeichen möglich und besteht in einer Verwirrung von Zeichen. Ein Durcheinanderbringen von Objekten ist niemals sinnlos, ein Trümmerhaufen zum Beispiel ist sofort als solches erkennbar, und zumeist sieht man auch gleich mit, ob er auf Alter oder Erdbeben oder "Feindeinwirkung" zurückzuführen ist.

Ein Experiment mit revolutionärem Charakter muss entweder in jedem Haushalt von jedermann mit einfachsten Mitteln durchführbar sein, oder es taugt nichts. In besonders schöner Weise gilt das für das CutUp-Experiment: man benötigt nur eine Zeitung oder Zeitschrift und eine Schere. Man zerschneidet die Seite so in Viertel, daß man die Spalten verschieben kann und sich so zufällig neue Satzzusammenhänge ergeben. Die meisten sind freilich blanker Unsinn, und man braucht manchmal ein wenig Geduld, muss das Experiment vier-, fünfmal wiederholen, bis sich Zusammenhänge ergeben, bei denen assoziativ sich neue Erkenntnisse ergeben. William S. Burroughs spricht bei einem Ertrag von drei bis vier brauchbaren Sätze pro zehn zerschnittenen Seiten - aber was sind das dann für Sätze?! CutUp-geschmiedete, feingeschliffene Supersätze... Brion Gysin:

Burroughs war im wahrsten Sinn des Wortes ätzend. Er trieb CutUps und seine eigenen variierenden Techniken so weit auf die Spitze, daß dabei Texte herauskamen, die auf den Leser - und sogar auf ihn selbst - geradezu schmerzhaft wirkten. Dies waren Texte, die es in eine Bleiummantelung gesteckt, zu entsorgen galt (...) Ein einziges hochgezüchtetes Burroughs-Wort und ein ganzes Faß voll guter alltäglicher Worte wäre ruiniert, literarischer Faulfraß würde ihnen den Garaus machen. Eine Prise solche Prosa, und man ruft aus: "Hmm, das ist ein Burroughs."

Axel Monte demonstriert den Sinn des Verfahren in seiner Doktorarbeit am Beispiel eines ded-Briefs aus der "Zeitschrift des Deutschen Entwicklungshilfedienstes", dort heißt es:

wer in diesem Heft nach allgemeingültigen Antworten zur jeweils richtigen Technologie für ein bestimmtes Projekt sucht, wird enttäuscht sein. Denn was richtig oder falsch, angepaßt oder unangepaßt ist, ist nicht allein eine Frage der technischen Zweckmäßigkeit, sondern vor allem eine Frage der Akzeptanz durch diejenigen Menschen, die damit umgehen und leben müssen. Und sie entscheiden oftmals nach Kriterien, die uns erst auf den zweiten oder gar dritten Blick einleuchten, weil wir die dahinterliegende Rationalität nicht verstehen. Die Ursache für so manchen Fehlschlag liegt den auch in der Gefangenheit des "Entwickelnden" in seiner eigenen Kultur und seiner mangelnden Fähigkeit, sich in andere Denkweisen hineinzuversetzen. Ohne die Bereitschaft, nicht nur von Partnerschaft zu reden, sondern sie auch zu praktizieren, wird Technologietransfer leicht an den Bedürfnissen der Zielgruppe vorbeigehen.

... das klingt sehr verständnisvoll gegenüber den fremden Kulturen und zurückhaltend mit den vermeintlichen Segnungen des westlichen Fortschritts... was aber macht der CutUp aus diesem Text, was bringt er zum Vorschein? In welcher Weise wirkt er enttarnend?

wer hier nach Partnerschaft sucht, wird enttäuscht sein. In diesem Heft steht die jeweils gültige Technologieantwort. Denn was technisch ist, paßt richtig. Religiöse Völker ohne Technologie sind ein Fehlschlag. Auch die Akzeptanz des künstlerischen ist uns fremd. Auf dem gesellschaftlich-technischen Bereich übernehmen wir kritiklose Völker durch Bedürfnistransfer, um unsere eigene Kultur, welche besser ist, zu erreichen. Mangelndes Technologiebweußtsein ist unangepaßt, die dahinterliegende Rationalität verstehen wir nicht. Menschen werden nicht berücksichtigt. Die Entwicklung einer Kultur-Gefangenheit ist zweckmäßig.

Steht irgendjemand an zu behaupten, der Unterschied zwischen dem Originaltext und dem aus ihm entstandenen SubText sei mehr als oberflächlich?

Der CutUp verrät uns in dem Sinn nichts neues, aber er spitzt die Absicht des Verfassers zu, enttarnt dessen wahre Haltung zwischen den Zeilen. Axel Monte, dem ich einige wertvolle Hinweise zu Theorie und Praxis des CutUps verdanke, schreibt: Es ist immer wieder zu beobachten, daß gerade "weiche" Texte "harte" CutUps hervorbringen. Der Grund ist ebenso naheliegend wie einleuchtend: wer versucht, innerhalb einer Struktur etwas verändern zu wollen, stabilisiert diese zumeist. Es geht also weniger darum, etwas völlig neues zu produzieren, sondern um ein herausstreichen von Grundintentionen. Der verborgenen Absicht des Sprechenden.

Wie alle anderen Detektoren auch, produziert der CutUp-Detektor Rauschen, solange er nichts findet, und Konturen im Nebel, wenn er auf ein Ideologie-Fragment gestossen ist. Auf diese Weise können wir das Unterdrückungs-System des 21sten Jahrhunderts betrachten wie heute die Kosmologie eines mittelalterlichen Kirchenmanns. William S. Burroughs:

Ein Tier sein ... Ein einzelner Wolf Scout ... / Tiere sein ... Er schließt sich anderen Wolf Scouts an, die spielen, lachen und schreien ... / Ein Tier sein ... Verhaltensweisen von vertierten Menschen ... Schlägereien, widerwärtige Eßgewohnheiten und Sexszenen. / Tiere sein ... Kühe, Schafe und Schweine werden zur Schlachtbank getrieben ... / Ein Körper sein / Körper sein / Ein schöner Körper ... ein Paar beim Geschlechtsverkehr ... Schnitte vor und zurück, eine 7-Sekunden Endlosschlaufe läuft mehrere Minuten lang durch ... eine verzerrte Version davon, in wechselnden Geschwindigkeiten ... Dem Publikum muß klarwerden, daß "ein Körper sein" gleichzeitig "mehrere Körper sein" bedeutet ... Ein Körper existiert nur, um ebenso andere Körper zu sein ... / Ein Körper sein ... Tonband- und Filmaufnahmen von Sterbeszenen ... ein Verschnitt von letzten Worten ... / Körper sein ... Ausblick auf Friedhöfe ... / Es jetzt tun ... Ein paar, das sich immer leidenschaftlicher umarmt ... / Es jetzt tun ... Eine Todeszelle ... Der Verurteilte ist der gleiche Schauspieler wie der aus der Liebesszene ... Er wird schreiend und sich sträubend von den Wärtern abgeführt ...