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Richtiges Leben // falsches Leben

erstellt von Thomas Nöske zuletzt verändert: 26.06.2007 22:00

Der Versuch, einer konzeptionellen Definition der Subliteratur über einen binären Code. Der Text selbst ist allerdings stellenweise ziemlich pathetisch und kitschig, so dass er mir heute schon fast peinlich ist. (Ich habe ihn vor acht Jahren geschrieben!) Andrerseits finde ich den Ansatz, Lebensphilosophie und Ethik so zusammenbringen, auch heute noch verflucht chic.

Ich mache mir die Schwierigkeit deutlich anhand der ersten beiden Fragen, die man sich in der Regel vorm Schreiben einer kulturwissenschaftlichen Arbeit stellt: erstens, was muss an Quellen herangezogen, gesichtet und studiert werden?, zweitens: wie grenz' ich mein Thema inhaltlich ein? Dabei wird die schlechte Griffigkeit des Themas "Sub.-Lit." offenbar. Schon Michel Foucault wies darauf hin, wie schwierig allein schon das Schriftwerk eines Künstlers klar zu begrenzen ist: Wenn man zum Beispiel an die Veröffentlichungen der Werke Nietzsches geht, wo soll man haltmachen? Man soll alles veröffentlichen, ganz sicher, aber was heißt denn dieses "alles" ? Alles, was Nietzsche selbst veröffentlicht hat, einverstanden. Seine Werkentwürfe? Zweifellos. Aphorismusprojekte. Ja. Aber wenn man in einem Notizbuch voller Aphorismen einen Bezug, einen Hinweis auf ein Rendevous oder eine Adresse oder eine Wäschereirechnung findet: Werk oder nicht Werk? Wenn ich nun über die Subliteraturszene schreibe, in der Menschen wie Hilka Nordhausen und Kiev Stingl sogar gezielt sich bemühten, ihr Leben und ihre Persönlichkeit als Gesamtkunstwerke zu gestalten, sinkt die Chance einer Eingrenzung des Werks gegen Null. Es strebt geradezu auseinander. Folglich will ich gar nicht erst versuchen, alle mir erreichbaren Quellen zu recherchieren, sondern beschränke mich bewusst darauf, solange einem Künstler nachzuspüren, bis ich ein halbwegs scharfes und hinreichend komplexes Bild vor Augen habe. Und damit gebe ich mich dann zufrieden. Manche Leute werden das falsch finden, aber hoffentlich nicht verkehrt.

Was nun das Feld der Untersuchungen angeht, so ist das Problem prinzipiell gleich: die subliterarische Szene zwischen 1969 und 1999 hat sich zu keinem Zeitpunkt exklusiv oder gar in Form eines Vereins organisiert, sondern ganz im Gegenteil auf möglichst in allen Richtungen offene Netzstrukturen gesetzt; man wollte sich ja nicht absondern, sondern ausbreiten, nicht verkriechen, sondern Leute erreichen. Der "Rhizom"-Begriff von Gilles Deleuze und Felix Guattari bringt den labyrinthischen, offenen Charakter subkultureller Netze auf den Punkt. Ein Rhizom ist ein vielverzweigtes Gängesystem, das mehrere Eingänge und das mehrere Ausgänge hat.

Entsprechend schwer fällt es, immer auszumachen, wo die subliterarischen Felder ihre Grenzen haben. Ich denke, es ist sinnhaft, einfach von einer Art Sippe auszugehen, deren Kinder und Enkel jeweils von den Vätern und Großvätern lernen. Wie Köppen, sprechen wir freilich von geistigen Verwandschaften, und wie bei solchen Verhältnissen üblich, gibt es etliche schräge Beziehungen: Schwieger- und Schwagerbeziehungen, anerkannte und abgelehnte Vaterschaften, große und kleine Stiefgeschwister, Halbbrüder... Wahlverwandschaften, vielleicht, sicherlich auch Schicksalsgemeinschaften; Brüder kann man sich nicht aussuchen, nicht alle werden Freunde. Und genauso, wie sich womöglich Tante Olga aus Mannheim weigert, zum Geburtstag von Opa Hans zu kommen, wenn Stieftochter Sabine ebenfalls da ist, was Außenstehende selten nachvollziehen mögen, gingen sich manche Leute der Subliteratur aus dem Weg und mieden Veranstaltungen, obwohl sie von außen gesehen zur Clique gehörten, da sie einander nicht grün waren. Auch das gehört dazu, wie auch eine Form des Vertrauens und Gewährenlassens, wenn die Dinge gut laufen.

Ich zähle vier Netzwerke beziehungsweise Gruppen deutschsprachiger Subliteratur zwischen 1969 und 1999: von 1976 bis 1983 existierte Hilka Nordhausens Buch Handlung Welt. Von circa 1984 bis 1988 trafen sich bei Helmut Salzinger auf dem Dorf die Literaten der Head Farm Odisheim. Darauf folgte von ca. 1988 bis 1992 Hadayatullah Hübsch' Gruppe 60/90 mit ihren Treffen in Frankfurt. Und fast nahtlos im Anschluss, nämlich von 1993 bis 1998 bildete sich in Berlin das Social-Beat-Netz. Vier Gruppen in drei Jahrzehnten, die alle mehr oder weniger ineinander übergingen, eine auf die andere folgte. Jede Gruppe existierte zwischen fünf und zehn Jahren, was wahrscheinlich eine recht akzeptable Lebensdauer ist in unserer schnellebigen modernen Epoche. Jede der Gruppen hatte natürlich ihren eigenen Geist und ihr eigenes Klima und eigene Stile, Inhalte. Sie waren auch sehr von ihren jeweiligen Initiatoren geprägt: Hilka Nordhausens Gruppe war aggressiver, provokanter als die eher ökologisch, dörflich kommunardische Head Farm Helmut und Mo Salzingers... doch in jeder Gruppe wurden subkulturelle Trends zum "richtigen Leben" verfolgt... jede Gruppe hatte gewissermaßen ihre Aufgabe und Funktion in der Zeit, mit deren Einlösung sie sich auflöste. Vielleicht hatten die beteiligten Künstler auch keinen Bock mehr... denn wie zeigt sich der Umstand, daß man seine Aufgabe erfüllt hat, dem Indidviuum subjektiv, wenn nicht schlicht im Gefühl, - im positiven Sinn - keine Lust mehr zu haben?

Meine Frage lautet: worin bestand jeweils die Aufgabe der Subliterarischen Gruppen und Netzwerke in ihrer Zeit und wie haben sie sie gelöst? Buch - Handlung - Welt, das war genau das, was ich meinte! Mein Slogan war: Die Bewegung geht vom Buch aus. Durch Bücher kann man sich aus seiner Prädisposition befreien. Das war eigentlich das, was ich meinte, mein ganzes Autodidaktentum, das war darin auch präsent. Die Erkenntnis, daß man durch Bücher Handlungssfreiraum kriegt, Handlungsspielraum. Dafür kann man leben, dafür kann man schon mal eine Buch Handlung aufziehen und vergehen lassen. Hilka Nordhausen betrieb eine spezifische Aufklärung und vermittelte Bildungshintergründe, z.B. Surrealismus, Expressionismus, Dada, Beat und Fluxus, die damals noch lange nicht zur Allgemeinbildung gehörten. Sie waren gewissermaßen exklusive Inhalte der Sub.-Szene, während sie heute die Schaufenster jeder Buchladenkette schmücken; und jeder zwar Andy Warhols Poster kennt, wenige indes seinen "Trash"-Film. Auch Zenbuddhismus und Psychoanalyse gehören ja mittlerweile zum Inventar eines jedes Grabbeltisches. Damals hatte die Beschäftigung damit noch was Kitzeliges, Anrüchiges, sich auf ein unbekanntes Meer zu fremden Ufern hin wagendes. Man meinte, man sei den normalsterblichen Menschen überlegen, wenn man den Zen-Buddhismus kapiert hätte. Können wir das heute noch?

Damals gab es Eingeweihte und Uneingeweihte, und wer durchs subkulturelle Feuer gegangen war, hatte (im wahrsten Sinne des Wortes) fürs Leben gelernt. Wie einst der ferne Orient oder die Welt hinter den sieben Bergen, war die Subkultur bis Mitte der 90er ein Reich der Wunder und Rätsel. Hier lebten die Riesen und Zwerge, Einhörner und Zentauren, Hexen und Zauberer, Feen und Kobolde... des 20sten Jahrhunderts. Wer wissen wollte, wie man eine gebrochene Wirbelsäule durch Konzentration überbrückt, mit dem Geist durch die Zeit reist, telepathischen Kontakt zur 1000 Meilen entfernten Geliebten aufnimmt oder zwischen Klarsicht und Psychose pendelt wie andere zwischen Tee und Kaffee, informierte sich in der Sub.-Szene, nicht nur ein Hort subversiver Parolen und Sprüche, sondern eine Fundgrube echter Überlebenskunst in den Kanalisationen einer prinzipiell immer barbarischen Welt. Krass: Immo Jallass, der eine Zeitschrift und verschiedene Bücher zum Thema "Schädeltrepanation" herausgegeben und geschrieben hat. (Durch ein selbstgebohrtes Loch in der Stirn soll das Bewusstsein dauerhaft erweitert werden; der menschliche Geist und Verstand soll gewissermaßen getuned werden wie ein Sportwagen mit Turbine...)

Der sogenannte Mainstream stand schon immer in dem Ruf, nur halbwahr zu sein und seine Mitschwimmer um einen Teil ihres Lebens zu betrügen. Ich kann noch so wachsam sein, aus jedem Kinofilm gehe ich dümmer hervor als ich hineingegangen bin, glaubt etwa Teddy Adorno. Wenn die goldene Regel des Mainstreams lautet: mache mit, egal wie, dabei sein ist Alles; so heisst es in der Subszene: gehe deinen eigenen Weg, lerne deinen eigenen Weg gehen, egal wer dir dafür auf die Schultern klopft oder nicht. Es ist gewissermaßen das Reversbild des olympischen Mottos.

Der Mythos subversiver Gruppen: ein Geheimwissen zu pflegen, tiefere Erkenntnisse in das Wesen der Liebe, der Macht, der Unsterblichkeit und des Universums zu besitzen und weiterzugeben. Doch keine Geheimbünde, sondern eine offene Szene, wenn man nur neugierig genug ist. Schwierige Schriften, eigenartige Zeichen, die entziffert werden müssen, will man verstehen, wie das Grauen in die Welt kommt und wie man ihm begegnen kann. Da die Archetypen relativ autonom sind, wie alle numinosen Inhalte, so können sie nicht einfach rational integriert werden, sondern verlangen ein dialektisches Verfahren, das heißt eine eigentliche Auseinandersetzung, die vom Patienten häufig in Dialogform durchgeführt wird, womit er, ohne es zu wissen, die alchemistische Definition der Meditation verwirklicht: nämlich als "colloquium cum suo angelo bono", als inneres Zwiegespräch mit seinem guten Engel, erklärt uns Carl Gustav Jung, der selbst ausführliche Diskussionen mit Philemon führte, einer griechischen Sagengestalt. Von einem Inder erfuhr Jung 15 Jahre später, daß es ihm ganz natürlich erschien, daß Menschen einen Geist zum Lehrer haben. Die Gedichte der Subkultur sind die Zaubersprüche, ihre Geschichten die Mythen, mit denen man sich das falsche Leben vom Hals hext und das richtige anlockt. Ein permanenter Gegenzauber, den man in der U-Bahn, in den Fußgängerzonen und in den Fluren der Sozialämter vor sich hin murmeln kann, um die schlechten Vibrations der verkommenen Kultur sich vom Leib zu halten. Flöte, flöte, flöte - das richtige Leben!

Doch nicht nur dies: ein Gutteil der Veröffentlichungen sind wahre Aufklärung, wissenschaftliche Erkenntnisse autonomer, unkorrumpierter Geister, verpflichtet nur dem Ideal eines menschlichen Fortschritts. Sprich: Bücher über das wahre Bewusstsein, über die wahre Ökologie, die wahre Sexualität, die wahre Liebe... Denn was uns der Mainstream über das Verhältnis der Menschen zur Welt, zum eigenen Ich und zum Mitmenschen erzählt, sind Ideologien einer technischen Kultur. Zum Beispiel: Ja, Gewalttätigkeit ist sehr wichtig. Keine besondere charmante oder ästhetische Art der Kommunikation, aber ich habe noch keine (Liebes-)Beziehung erlebt, wo nicht ein gewisses Maß an Gewalttätigkeit dazu gehörte, verdeckt oder offen. Ich persönlich bevorzuge die offene.

Es geht um Ernüchterung, um eine Götzendämmerung pseudozivilisatorischer Werte (alles was Du zu wissen glaubst, ist falsch), um das Erwachen des sozialutopischen Menschen. Es gibt eine rauschhafte Extase und es gibt Extasetechniken. So ist die Subkultur beides: Geheimnis und Mythos, aber auch Avantgarde und Entwicklung. Es geht um Aufklärung und Magie, das intensive Leben und wirklichen Fortschritt.

Die Normen, Institutionen... der progressiven Subkulturen dienen diesen dazu, den gegenwärtigen Stand der Gesellschaft aufzuheben, weiterzutreiben, einen Grundsätzlich neuen Zustand zu erarbeiten,

meint Rolf Schwendter und stellt dann ironisch fest, daß sich eine jede von 50 Subkulturen für progressiv halte und die anderen 49 für regressiv, um mit Fragen nach den inhaltlichen Kriterien anzuschließen. Der Rest seines Buchs beinhaltet eine enorme Menge subkultureller Quellen, die anhand der Begriffe "progressiv" und "regressiv" diskutiert werden. Niklas Luhmann: Wer für irgend etwas ist, was als Herrschaft oder herrschend bezeichnet werden kann, ist konservativ. Wer emanzipieren möchte, ist - auch und gerade wenn er dies anderen antun will - progressiv. Ich habe Friedrich Nietzsches "Fröhliche Wissenschaft" gelesen, und ich habe geweint. Subkultur als Abenteuer und Glücksversprechen, als Erfahrung des Lebens von seiner ursprünglichen, kulturell ungebrochenen, leistungsgesellschaftlich noch nicht kanalisierten Seite. Das Leben, wie es sich anfühlen würde, wenn wir hier im Abendland nicht zufällig Kapitalismus hätten.

Wenn ich mich erinnere, auf welchen Wegen ich zu meinen wirklich großen Kunsterlebnissen gekommen bin, vom antiquarischen Buch einer abenteuerlichen Lebensbeichte über die Empfehlung eines wirklich interessanten Kinofilms bis zum New-Yorker Underground-Jazz..., so war das meistens, wenn zwar nicht auf subversiven, so doch auf privaten Kanälen. Und ich denke, so ist es immer: Man wird quasi persönlich auf die "wahre" Kunst hingewiesen, von Freund zu Freund, von Komplize zu Komplize, von Mensch zu Mensch. Durch Massenmedien wird man darauf nicht aufmerksam. Die wahre Kunst wird persönlich weitergegeben, wie unterm Regime.

Mit solchen Hoffnungen begibt sich manch Jugendlicher auf die Suche. Auf die Suche nach Lebenserfahrung und altem und neuem Wissen. Die Subkultur hat den Flair und einige Riten subversiver Gruppen der Geschichte übernommen, zum Beispiel das lebendige Weitergeben von Erfahrungen durch konkretes Handeln statt Wissensübermittlung und formaler Lehrer-Schüler-Verhältnisse. Statt eines Lehrers sucht man sich Meister, und die stehen einem zur Seite, während man existentielle Erfahrungen macht. Jeder muss selber erfahren, was Schmerz, was Sehnsucht, was Scheitern, was Magie, was Energie, was Macht, was Verheissung und was Tyrannei bedeutet, im Buch des Lebens lesen - und erkennen, was hinter den pappenen Fassaden einer Kultur aus Werbung und Psychotechniken lauert. Dagegen setzt die Subszene auf Surrealismus, Existenzphilosophie, Indianermystik, Bewußtseinserweiterung, CutUp-Experimente, Ökologie und Punkrockrevolte, die Welt ist bunt und voller Möglichkeiten, nichts hat nur eine Seite und viele Wege führen nach Rom und in andere schöne Städte auch...

Es ist also recht schwierig, all die völlig unterschiedlichen Erscheinungen und Muster der Subkultur auf ein gemeinsames Prinzip zu bringen. Aber ich denke, es geht prinzipiell darum, den Blick für die Unterscheidung in richtiges Leben und falsches Leben zu schärfen. Dabei ist jedermann klar, daß es letztendlich kein absolut und total richtiges Leben geben kann, weil wir als Menschen von Geburt an mit dem Makel Fehlbarkeit versehen sind. Das hindert uns aber nicht daran, die Welt wie sie uns umgibt mit der Unterscheidung richtiges Leben / falsches Leben im Hinterkopf zu beobachten. Nehmen wir zum Beispiel die beiden Phänomene Surrealismus und Punkrock: der Surrealismus setzt auf die Beschäftigung mit Traumwelten und Traumsymbolen, die für ihn nähere Bewußtseinsebenen der wahren Kräfte, Lebensenergien sind; der Punkrock dagegen setzt auf eine totale Realität, die jedoch gerade darum kalt und sinnlos erscheint und deswegen immer wieder zerstört werden muss. So unterschiedlich beide Phänomene in ihren Erscheinungen auch sein mögen, so gemeinsam ist ihnen doch die zentrale Unterscheidung ihrer Weltbeobachtungen in richtiges Leben / falsches Leben. Wie die einzelnen Bewegungen dann diese beiden Kategorien mit Gedanken und Ideen füllen, aufeinander und auf die Außenwelt beziehen, prüfen, erweisen und neu gestalten... die ganze Bewegung in der permanenten Auseinandersetzung, die Widersprüche, das auf den Kopf stellen, wieder hervorkramen, polieren und kombinieren..., macht die unglaubliche Vielfalt und Buntheit der Szene aus und macht das Leben so abwechslungsreich und intensiv. Und auch für den Taucher wird die Unterwasserwelt umso schillernder und bunter, je tiefer er sich auf den Meeresboden hinabbegibt - und dann wieder öde, paramonsterviecher...

Jeder begibt sich auf die Suche, um den eigenen Sinn, das Gespür für diese Unterscheidung zu schärfen. Die Begriffe sollten mit Erfahrung wohl gefüllt werden, ihr Denken feiner, genauer, klarer, transparenter... werden, aus bloßen Ahnungen sollten Kenntnisse wachsen. Dabei ist natürlich ebenfalls klar, daß Momente des richtigen Lebens so sicher in der etablierten, bürgerlichen Welt auftreten können wie es im Underground auch Tyrannen, Heuchler, Spießer, Normalos, Todessüchtige, Perverse... kurz: Vertreter des falschen Lebens gibt. Aber die Subkultur, wie gesagt, ist das System, in dem das Denken mit der Unterscheidung dieser Kategorien vollzogen und geübt wird, egal ob man von dort nach hier oder von hier nach dort blickt und die konkreten Ergebnisse im Einzelnen begrüsst oder ablehnt... Siehe zum Beispiel Johannes von Leyden, der im Mittelalter in Münster ein eigenartiges Terrorregime errichtete, mit freier Sexualität und sozialisiertem Kollektiveigentum, bis man ihn hinrichtete, für Greil Marcus einer der ersten Subkulturellen in der Geschichte.

Heute, im Jahr 2001 leben wir komischerweise in der Situation, dass kaum noch eine intakte, stärkere, geschlossene... Subkultur existiert, sich auf der anderen Seite indes führende Politiker (wie Bundeskanzler Schröder oder Außenminister Fischer) und Universitätsprofessoren und andere Autoritäten damit schmücken, in den 60er, 70er und 80er Jahren auf Seiten der Subkultur, Hausbesetzer, Straßenmusiker, Aussteiger, Punks, Yippies, Kommunarden, Weltrevolutionäre... gewesen zu sein. Das Thema Subkultur ist nach wie vor aktuell, nur nicht mehr im Präsenz, sondern retrospektiv. Man sagt etwa: "Meine Biographie enthält viele Verirrungen, und einiges seh' ich heut' anders, doch dieser Weg hat mich dahin gebracht, wo ich jetzt stehe, mir Erfahrungen gegeben und mir die Reife verliehen."

Man schwört auf den Weg durchs Feuer des Undergrounds als Schule fürs Leben. Da muss man einmal durchgegangen sein, um sich zu qualifizieren, gewissermaßen vom Ideologieverdacht reingebrannt und in kritischer Selbstreflexion geschult zu sein, geprüft im Ertragen der Konsequenzen des eigenen Idealismus', und was nicht noch....?? Bestimmte Erfahrungen und Inhalte kann man eben nur dort lernen, sonst nirgends, und die sind wichtig fürs Überleben und Verständnis der Welt. Ich erinnere mich an einen Vortrag des Göttinger Professor Rüthers vor der Deutschen Gesellschaft für soziale Psychiatrie, in dem er mehrfach betonte, vor seinem Studium habe er zwei Jahre lang als Clochard unter den Brücken von Paris gelebt, so als wolle der als konservativ geltende Gelehrte klarmachen, wie radikal sogar er die Träume des völligen Ausstiegs geträumt habe...

Die 70er Jahre trugen Früchte: die Pädagogik wurde empathischer, die Politik pragmatischer und die Religion charismatischer; in den Irrenanstalten wurde das Gespräch mit den Langzeitinsassen gesucht, und wer mal vorübergehend durchknallte, konnte rein- und wieder rausgehen wie in einen Tabakladen... Alles Prozesse, in denen Subkultur ihre Ergebnisse in die Gesellschaft trug, sich stellenweise durchsetzte, aber auch Prozesse der Säkularisierung, Integration und Entzauberung. Die Drogenerfahrung ist für die meisten Jugendlichen normal geworden, sie birgt jedoch keine kosmische Botschaft mehr. Johannes Ullmaier zeigt das sehr schön, wenn er die Notation eines Drogenerlebnisses aus den 70ern mit der aus den 90ern gegenüberstellt: die Vision wird zum nackten Bewusstseinsfilm, ohne spezielle Rekursion auf mystische, kosmische Themen. Postmodern, wie wir heute sind, haben wir alle Subkultur integriert - und vermissen sie als Alternative.

Die Frage nach den Inhalten, nach dem, was uns Subkultur eigentlich sagte und lehrte, soll im Vordergrund stehen. Wir fragen: was lehrt sie uns, was wir sonst nirgends lernen können, was wir indes lernen sollten, heute wie damals? Das sind Fragen im Gepäck, mit denen wir auf die Suche gehen.

Für erwähnenswert halte ich in diesem Zusammenhang die Notizen eines gewissen Doktor Delzepich, mehrere hundert Seiten handgekritzelter Bemerkungen zum Thema. Wenn man den Angaben glaubt, leider haben wir keine anderen, wurde er 1888 in Frankreich geboren; da er noch lebt, müsste er heute 112 oder 113 Jahre alt sein. Sein Ehrgeiz besteht darin, die bislang älteste Frau der Welt zu übertreffen, die 1999 erst im Alter von 123 Jahren starb. Delzepich hat also noch ein gutes Dutzend an Jahren vor sich. Ich fand seine Notizen in einem Koffer, der auf einem U-Bahnsteig stand. Zuerst hielt ich sie für sinnloses Gekritzel, bis ein paar Namen herausstachen und ich fesstellte, daß er sich mit dem gleichen Thema befasst wie ich: Subliteratur und ewiges Leben; nur gilt es für mich metaphysisch, für ihn jedoch im strengsten Sinne körperlich. Wenn Du zu früh stirbst, hast du was falsch gemacht.