Mo and me
Den Essay habe ich für Caroline Hartges "Querfalk"-Buch aus zwei älteren Essays plus Ergänzungen zusammen gebastelt; und ist er nicht toll geworden?! - sonst enthält das "Querfalk"-Buch noch weitere tolle Essays über die Salzingers von Leuten, die in meinem Text erwähtn werden, u.a. Hadaytullah Hübsch und Theo Köppen. Es kann über www.engstler-verlag.de bestellt werden!
1992 war ich 23 Jahre alt, wollte Schriftsteller werden und zog mit einigen Freunden nach Ostberlin. Wir waren berauscht von der Entdeckung eines kulturellen Niemandslandes voll leerer, alter Bausubstanz. Es war wie bei der Entdeckung Amerikas, das Feld lag offen vor uns, eine romantisch-zerfallene Stadtlandschaft voller Hinterhöfe, Keller und Läden für Lesungen, Ausstellungen etc. Und es war so einfach, hier etwas auf die Beine zu stellen, weil überall Platz war, weil das Provisorische das Normale war und es noch keine etablierten Erwartungen gab. Die alte DDR-Ästhetik hatte zwar abgedankt, der kommerzielle West-Style sich indes noch nicht breit gemacht. Anders als im Westen hing in Ostberlin 1992 kaum Werbung in den Straßen, die meisten Läden standen leer, die Schaufenster kahl - oder sie waren bescheiden gestaltet wie die Geschäfte der 50er Jahre. Es gab kein Spiegelglas, kein Neon, keine bunten Stahlträger und kaum Plakate; aber jede Menge Mauern, an die wir die Ankündigungen unserer Literatur-Festivals kleistern konnten! Und an jeder Straßenecke stand zu Bergen getürmter Sperrmüll herum, jedes zweite Auto am Straßenrand war ein ausgeschlachtetes Trabbi-Wrack. Kann es für junge Undergrounddichter einen mystischeren Ort geben als ein großstädtisches Labyrinth aus Ruinen, ein postapocalyptisches Ambiente, ein Niemandsland nach Zusammenbruch der politischen Führung, aus dessen Ritzen die Straßenkids und Posthippies kriechen? - Ostberlin war für uns was Tanger für William S. Burroughs oder Barcelona für den magischen Realismus, ein gelobtes Land.
Es fiel weiß Gott nicht schwer, bei einer Flasche Rotwein auf dem Balkon sitzend und über die zerfallene Stadtlandschaft blickend, sich für ein gottverdammtes Underground-Genie zu halten. Dabei ging es uns keinesfalls nur darum, Schriftsteller zu sein; wir glaubten wirklich, die tieferen, verborgeneren Wahrheiten des Lebens aufzudecken und in Sprache transformiert, Sprengsätze für eine technoid verwaltete, gleichwohl irrationale und grausame Gesellschaft zu basteln. Wir dachten, wir stünden kurz vorm Durchbruch, wobei Durchbruch eben nicht nur meint, dass uns die Verlage und Feuilletons zu Kenntnis nehmen, sondern gleichzeitig sozusagen einen inneren Durchbruch zum ewigen Unterstrom, der in uns allen fließt, zum Äther des Genius, der zumindest kreative Unfehlbarkeit verspricht. Man kann machen, was man will, und alles wird Kunst. Also nicht nur in den Augen eines verblendeten Publikums, sondern tatsächlich, objektiv: wie bei König Midas, man fasst etwas an, und es verwandelt sich in Kunst, sozusagen ontisch, materiell, feinstofflich.
Man spricht ein Wort, und ein Wolkenkratzer stürzt ein, man spricht noch ein Wort, und ein Bankhochhaus stürzt ein ... Doch schon 1995 waren die Seifenblasen geplatzt. Zwei Dinge haben mich am Ende geärgert und frustriert. Einmal: die meisten Gespräche handelten weniger von den Inhalten der Texte und der Kunst, sondern drehten eher um die Frage: "wie werde ich populär?" Zweitens: die meisten Texte orientierten sich einseitig an Idolen aus der amerikanischen Beat-Szene, so dass die Texte einen epigonalen und uniformen Charakter bekamen. Plötzlich sah ich unsere Social-Beat-Gruppe ähnlich wie einen Country-und-Western-Club, Leute, die sich am Wochenende in ihre Fan-Kluft schmeissen und zu Bratwürsten und Bier ihrem Lieblingskult frönen, oder ich spottete, die Social-Beat-Bewegung sei eine experimentelle Inszenierung von Soziologen, um die Entwicklungsprozesse einer Subkultur unter Realbedingungen zu beobachten. Glücklicherweise kamen zu dieser Zeit Fabian Reimann und Martin Brinkmann auf mich zu, ich solle einen Roman für ihren Verlag schreiben. Das passte mir sehr gut, denn ich dachte mir: fein, Du kannst Dich zurückziehen und Deine Erfahrungen verarbeiten, Du kannst tief in dein inneres Selbst gehen und deine wirklichen Wünsche erforschen, Du wirst erkennen, was Dir wirklich wichtig ist, und dann hat sich bald dieser Lebensabschnitt auch erledigt.
Reimann und Brinkmann luden mich nach Norddeutschland ein, um über das Projekt zu reden, und bei dieser Gelegenheit besuchten wir Mo auf der Head-Farm. Ich wurde ihr wohl als aufstrebendes junges Talent vorgestellt, was natürlich witzig war, da im Lauf ihres Lebens ja gewiss etliche "aufstrebende junge Talente" an ihr vorbeigegangen waren und sie die kindliche Begeisterung durchaus zu relativieren wußte. Doch weil sie mich offenbar mochte und interessant fand, lud sie mich dann noch mehrmals zu sich ein. Und natürlich war ich begierig und durstig, von ihr etwas über die Rockrevolution 1968 und die Philosophie des Ausstiegs und der totalen Verweigerung zu erfahren. Nicht aus kulturhistorischem Interesse, sondern weil ich gerade desorientiert war, um für mich selber einen Weg zu finden.
Die Landschaft in Norddeutschland war so waagerecht, daß der Himmel den ganzen Horizont entlang den Boden berührte, kein Berg verdeckte die Sicht. Hier zu Besuch, konnte ich mir gut vorstellen, daß man früher dachte, die Erde sei eine Scheibe und der Himmel eine Kuppel. In der Regel blies Wind über die Ebene, manchmal trieb er Regen vor sich her. Bäume, Sträucher, Wiesen wurden durchgeschüttelt, doch viel wuchs nicht, was der Wind erfassen könnte: das Land bestand vor allem aus Moor, es gab wenige Wiesen und Felder und noch weniger Wälder und Bäume. Größere Bewegungen ließ der Himmel erkennen: ständig wechselte er die Farben oder bildete andere Wolkenmuster. Mo holte mich mit dem Auto vom Bahnhof in Bremerhaven ab. Nach einer dreiviertel Stunde Autofahrt (man fuhr fast wie in einem Automobil-Werbespot – auf endlosen Feldwegen zwischen kaum berührten Landschaften) erreichten wir die Head-Farm, das Haus der Salzingers.
Mo hatte langes, dichtes schwarzes Haar, das ihr struppig um den Kopf herum fiel, eine witzig geformte Stupsnase und konnte mit den Augen rollen wie der freundliche Löwe aus dem bekannten Bilderbuch. Sie hatte die tiefste Stimme der ganzen Szene, viel tiefer als alle Männer zusammen, und ihre Stimme schnarrte heiser, wie wenn man beim Sprechen mit den Stimmbändern die Kehllappen in Schwingungen versetzt. Und dabei lachte sie krächzend wie eine gute Hexe aus einem Kinderfilm.
An der Seite Helmut Salzingers war ihr Leben nicht immer leicht. Sie trug seine zahllosen Aktionen mit. Zwar war sie selbst Künstlerin und malte Bilder, sie fand auch gefallen an der Literatur; aber den ganzen verrückten Weg ihres Mannes, der auf dem Dorf den Pflanzen zuhörte und mit verbundenen Augen durch die Landschaft lief, um seine sechsten Sinn für die Natur zu sensibilisieren, ständig das Haus voller Dichter hatte, auf der Suche nach der wahren Literatur, das war ihr vielleicht doch manchmal zuviel. Dr. Salzinger schrieb für die "Zeit" und war mit mit einigen Größen der Nachkriegsliteratur befreundet, und Mo erlebt die ganzen Personen quasi privat, zu Gast in Wohnzimmer und Küche der Head-Farm. Sie, die sie sich als Künstlergroupie bezeichnete, lernte die berühmten Dichter als Menschen kennen. Ich frage sie zum Beispiel, was sie von dem So-und-so hält, und sie antwortet, ach, den habe sie ja affig gefunden, wie der sich gegeben habe, oder dass Der-und-der immer recht wehleidig rüberkam, als wolle er, dass man sich mit ihm beiseite setze, um bittere Klagen anzuhören und tröstende Worte zu sprechen. Ihre Sichtweisen entstanden bei Begegnungen, die mehr was von Zeltlagern oder Jugendherbergen als öffentlichen Lesungen oder Geschäftstreffen unter Kollegen hatten. Und während Hadayatullah Hübsch zum Beispiel von "Revolution" sprach, oder Theo Köppen Begriffe wie "Weltklasse" benutzte, sagte Mo: "Ja, das hat mir immer gut gefallen, was der so-und-so gemacht hat!" Sie liest Bücher und Texte durchaus mit kritischem Interesse, aber nicht durch die Brille einer Verlegerin, Händlerin oder Germanistin. Im Gespräch fällt sie Urteile über das, was sie liest, aber nicht nach Maßgabe irgendwelcher Ideologien oder ästhetischer Theorien, sondern allein nach sich selbst. Für mich, der ich es gewohnt bin, besonders die Werke bekannter Autoren nach verschiedenen, aber doch feststehenden Kriterien abzuklopfen, ist ihre natürliche Art, über die große Literatur zu reden angenehm und erfrischend.
Sie erzählt eine Anekdote, in der Hübsch am Frühstückstisch der Head-Farm sitzt und in gequältem Ton sagt: "Mo, der Kaffee ist alle!" Mo lacht sich kringelig und bemüht sich immer wieder, genau diesen Ton zu treffen, den sie damals in dieser speziellen Situation so irrsinnig komisch fand ... "Mo, der Kaffee ist alle!" ... was naturgemäß nicht klappen kann, denn die Komik lag ja in der gesamten Situation. Oder Hilka Nordhausen, die große Hilka Nordhausen! Mo versucht mir zu vermitteln, wie schwierig der Umgang mit ihr gewesen sei, wieviel Geistesgegegenwart und Klarheit erforderlich war. Hilka sei immer so aufgedreht, einnehmend und dominant gewesen, dass sie ihr gleich zu Beginn eines jeden Besuchs klar sagen musste: "He Du, ich habe zu tun, stör mich jetzt bitte erstmal nicht, setz dich still in die Ecke, ich komme später, um mit dir zu reden!"
Klar juckte es mir in den Fingern, einen Kassettenrekorder mitlaufen zu lassen, alles mitzuschneiden, um am Ende Insider-Berichte über den literarischen Underground der 60er und 70er Jahre zu schreiben. Doch Mo sperrt sich: erst findet sie kein Mikrophon im Haus, dann ist der Rekorder defekt und als in dem einem der zigtausend Zimmer doch noch was geeignetes finde, gibt sie endlich zu, ihre Berichte seien für keine Öffentlichkeit bestimmt. Indes sind ihre Erzählungen nie gemein oder entlarvend, sondern immer freundlich und menschlich sehr klug. Weder verherrlicht sie die Ambitionen der Subliteratur-Szene noch zieht sie sie ins lächerliche, und natürlich mochte sie die meisten Leute, die als revolutionäre oder aufstrebende Subliteraten in die Headfarm kamen; doch nach ihrem Umzug 2001 nach Ostheim werden die Kisten mit der Bibliothek nicht mehr ausgepackt. Wie alte Schatzkisten auf dem Meeresgrund ruhten sie im Keller.
Ich mache mir Sorgen: was passiert, wenn mir mein Buch nicht gelingt und ich die Erwartungen nicht erfüllen kann? – Mo grinst und sagt heiter-fatalistisch bis ironisch-informativ oder betont banal-sachlich: "Dann wirst Du eben ausgemeckert!" Später versuche ich dieses Wörtchen "ausgemeckert" hermeneutisch auszudeuten. Zum einen heißt das natürlich: wir nehmen die Literatur ernst, auch wenn wir dich mögen, sagen wir dir unsere Meinung! Zum anderen aber auch: das ist halb so wild! Zum Glück wird ja nicht kritisiert, sondern bloß gemeckert! Wie die Ziegen: mecker mecker ...
Wenn Helmut Salzinger der Kopf der Head-Farm war, so war sie die Seele: sie holte die Gäste vom Bahnhof ab, kochte leckere Klöße mit Steaks und Estragonsoße, bezog die Betten und sorgte nebenbei für den zwischmenschlichen Kitt, wenn die Diskussionen über Kunst zwischendurch mal verebbten. Gewiss könnte frau aus frauenrechtlerischer Sicht jetzt sagen, das sei unfair; warum konnte Helmut nicht mal die Küche schmeißen und Mo die Gedichte und Pamphlete verfassen? - und das stimmt schon; man muss sich aber auch fragen, wer letztlich den substanzielleren Einfluss auf die Entwicklung der Head Farm hatte? Wer lenkte die Politik wirklich? Helmut, der Gedichte und Essays tippte und die Zeitschrift zusammenstellte, oder MO, die das Klima unter den Gästen im Haus und bei den Treffen bestimmte und den persönlichen Draht zu den Künstlern hielt? -
Sie trug die Sache mit, leidenschaftlich, gewiss - aber manchmal hätte sie sich wohl auch ein einfacheres Leben gewünscht. Wenn sie von der Zeit damals berichtete, hatte ihr Ton, bei aller Begeisterung und allem Respekt, immer auch etwas ironisches, spöttisches. Mo raunte beim Erzählen mal stolz mit geschwollener Stimme, riss die Augen auf und nickte bedächtig ("Ja, der Helmut hat das SÄÄRRR konsequent betrieben!"), und mal lachte sie heiser, rollte mit den Augen, schüttelte den Kopf ("Also, mir kam das ja alles etwas übertrRRRIIIEeben vor!"). Wie gesagt, war ich damals auf der Suche nach dem wahren Leben, und als Spätgeborener traute ich den Hippie-Ideologien ebensowenig wie ich glauben mochte, sie seien nur eine knallige Verkaufsmasche der Pop-Industrien... ich denke, Mo konnte mir unglaublich viel geben, weil sie einerseits nicht die Ideologien ihres Mannes wiederkäute, sondern bei einigen Gedanken kopfschüttelnd abwinkte, andererseits das Alles voll miterlebt, mitgetragen und auch ein Stück weit selber so gewollt hatte. Ich habe Mo damals nicht als Connection oder Ikone besucht, sondern in einer Zeit der Entzauberung. Aber ihre Desillusionierung wirkte nicht zynisch, sondern, wenn man mir mal diese allzu naheliegende Metapher durchgehen lässt: erdend. Sie verkörperte die Lebensfreude, sogar den Glaube an Ausstieg und die Verweigerung des Head-Farm-Projekts, führte mich durch den Garten und die Bibliothek, sparte nicht an eigenen Meinungen und Urteilen, gab Auskunft, und dann lachte sie wieder heiser und ginste mich an: "Narjchra, aber dir kommt das anscheinend alles sääärrrr komisch vor, so wie du mich anschaust, krächz-krächz-krächz..."
Und wir lasen gemeinsam Teddy Ws "Minima Moralia", z.B. den Aphorismus "Fisch im Wasser": "Seit der umfassende Verteilungsapparat der hochkonzentrierten Industrie die Sphäre der Zirkulation ablöst, beginnt diese wunderliche Postexistenz."
"Chrrras ist ja interrrrrressant! Chrrras meint der mit Post-Existenz?"
"Naja, Post heisst nach, also die Nach-Existenz, also die Seinsweise, die nach dem Existieren kommt, also äh Existieren hier wohl in dem starken Sinne von: sein eigenes Leben verkörpern. Die Post-Existenz besteht dann, wenn man noch das überwunden hat, sich in den Betrieb beflissen eingliedern kann, ohne dabei an Profil einzubüßen ... ummpf, und das ist für Adorno eben kein vorbewußtes sozusagen immer schon Angepaßt-Sein, sondern eine nachbewußte, ja sogar eine selbstbewußte Anpassung ..."
"Jarrrr, das kenne ich! Das passt auf den so-und-so, plötzlich hat der sich enorm für Talkshowauftritte interessiert und Preise und nur noch Sachen gemacht, die ihn da weiterbringen, der hat sich aber gleichzeitig in seinem Auftreten und Verhalten dem Helmut und mir gegenüber gar nicht verändert, und hat geredet, als ob das selbstverständlich sei ..."
In einem Buch, das den Untertitel trägt: "Hommage an Helmut Salzinger", las ich, zum Werdegang eines jeden jungen Dichters in Deutschland gehöre es, einmal von Mo bekocht zu werden. Wörtlich genommen ist das natürlich Blödsinn, allerdings glaube ich, daß Lernen und gerade das Schreiben Lernen auch ein intutiver Prozess ist. Das heißt: man beschäftigt sich zwar auch mit dem, was andere gemacht haben, analysiert Texte, entwickelt Theorien und Konzepte, sollte aber auch die Orte besuchen, an denen diese Menschen gelebt und geschrieben haben, um die Athmosphäre, den Geist des Ortes auf sich wirken zu lassen. In den Regalen der Head-Farm-Bibliothek, die zehn Meter oder länger sind, stehen sie alle, die bunten Bücher aus dem Kellner-Verlag, die kopierten Broschüren der Hamburger Boa-Vistas, die Text-Bild-Collagen aus dem Verlag Peter Engstler, die In-Philosophen der 60er Jahre, von Hegel über Horkheimer bis Heidegger und Habermas, kritische Psychologie und eine Orignalausgabe von Jörg Fausers erstem CutUp-Roman, die ich anfasse wie eine Reliquie. Klassiker der Literatur-Geschichte stehen gleichberechtigt neben den dilletantisch gerotzten Lebenserinnerungen irgendeines kruden Punks, den nur seine acht Kumpels kennen, Werke, die einander beißen müssten, wie zum Beispiel die technoiden Zukunftsvisionen Ploogs und die Naturversenkung Gary Snyders, stehen friedlich nebeneinander, ohne sich zu bezanken oder zu widerlegen.
"Willst Du in der Bibliothek schlafen?" fragte sie mich bei meinem zweiten Besuch.
Ich verstand sie nicht: "In der Bibliothek schlafen ... Aber warum?"
"Ich mein ja nur", antwortete sie: "Dahinten steht ein Bett. Ich kann auch oben im Zimmer schlafen. Du kannst es dir ja noch überlegen!"
Später am Abend, als wir beim Bier zusammen saßen, verschiedene Dinge erzählt und philosophiert hatten, und ich dabei verschiedene Bücher zur Hand genommen hatte, mal hier hinein, mal dort hinein geschmökert hatte, bekomme ich allmählich ein Gefühl für den Geist als eine Art Landschaft. Eine offene, mehrdimensional verschachtelte Landschaft, in der es Höhen und Tiefen, Wege und Gräben, Ebenen und Wälder etc. gibt, aber keine absoluten End- oder Fixpunkte. Das hat nichts mit Beliebigkeit oder Wischi-Waschi zu tun, sondern einfach damit, zuerst die Vielfalt der Dinge anzuerkennen, bevor man sich auf eigene Standpunkte festlegt. Mir fällt auf, dass die Erfahrung von der Freiheit des Geistes der Erfahrung der Konsequenz vorausgehen muss, dass man sich erst dann festlegen darf, wenn man an der Weite der Möglichkeiten geschnuppert hat; sonst wirds verbohrt.
Dann sage ich: "Ja, ich glaube doch. Ich würde doch gern in der Bibliothek schlafen!"
"Na, ist der Groschen gefallen!" grinste sie mich an, als hätte ich gerade ein Satori-Erlebnis gehabt.
Als ich Mo Salzinger 1994 kennenlernte, war ich gerade Anfang zwanzig und sie bereits Ende fünfzig Jahre alt. Aus meiner Sicht war sie damals schon steinalt, aber sie schien ja noch spritzig und weitgehend gesund, wenn sie die 100 Meter auch nicht gerade in zehn Sekunden mehr lief; und mir war klar, daß ich gewiss irgendwann einmal ihren Tod erleben werde, in fünfzehn oder zwanzig Jahren, so dachte ich, dass es so bald passieren würde, hätte wohl niemand geglaubt. Sie starb im März 2001 bei einem Sturz auf den Hinterkopf. Sie rutschte mitsamt dem Teppich auf dem glatten Wohnungsflur aus und schlug mit dem Schädel gegen eine Stufe, ein unglaublich unnötiger und tragischer Tod. - warum geschieht sowas? Es könnte ebensogut nicht passieren und alles übrige gleich bleiben!
Sie wurde also mitten aus dem Leben gerissen. Bei ihrer Beerdigung gab es keine vorbereitete Grabrede, was seltsam anmuten mag, bestand doch der Freundeskreis vornehmlich aus Literaten und Journalisten. Vielleicht fühlte sich ja keiner direkt aufgefordert und dachte jeder, der Andere würde schon was machen? Schließlich lief es auch so ganz gut. Der Sarg stand, umgeben von Blumen und Kränzen, vor der Kappelle, ein kirchliches Begräbnis schloss die atheistische Mo aus, und aus einem tragbaren Kasettenrekorder krächzte ein psychedelischer Blues-Rock, endlose Gitarrensoli, Garagensound, traurig, sphärisch und schmutzig. Das Begräbnis lief sehr bescheiden ab: nach einigen Minuten hob man den Sarg an und brachte ihn unter die Erde. Fertig. Es war eine schnelle und unspektakuläre Beerdigung gewesen, doch hätten Pathos und Hippie-Glam im desillusionierten und ohnehin glamourüberfrachteten Jahr 2001 fehlt am Platz gewirkt. Man brachte sie einfach unter die Erde, umstandslos, wenn man so will, aber nicht mit dem Gefühl, lediglich einen toten Körper irgendwo zu entsorgen. Der Himmel war bewölkt an dem Tag, aber trocken, ein mässig kalter Märzmorgen. Bei aller Schlichtheit und dem Fehlen großer Gesten und Worte, schien zwischen den dreißig anwesenden Gästen die Luft zu Flimmern vor Trauer. Ich denke, es war für jeden ein großer Verlust, der Tod einer Freundin, die nebenbei für eine Ära, für eine Kulturrevolution mit utopischen Hoffnungen gestanden hatte. Jetzt blieb man mit dem bescheuerten 21sten Jahrhundert und dem totalen Kapitalismus allein - zurück. Ich weiß nicht, inwieweit die dämliche, das heißt: alltägliche Todesursache, sozusagen eine ironische Brechung des Schicksals, der Situation ein wenig den Druck nahm?
Eugen Plätsch, ein langjähriger Freund der Familie, musste improvisieren; aber wie er an dem Grab stand, die Hände vorm Bauch gefaltet, den Kopf leicht in den Nacken gelegt, um Haltung bemüht und doch am ganzen Körper vibrierend. Mo, wir werden dich sehr vermissen, Deine Klöße und die Estragonsoße, die wir so oft bei Dir genossen haben, jetzt stehen wir hier an Deinem Grab... und derjenige, der schon immer bei Dir zu Besuch soviel geredet hat, sagt jetzt auch wieder was... bestimmt sind wir eines Tages vereint bei einer großen Session - und Wein und Estragonsoße... verhaltene, zahme Hippievisionen für die atheistische und auch sonst skeptische Mo, die bei aller 68er-Euphorie stets ironisch blieb. Reden ist Silber und Schweigen ist Gold: man überschüttete sie mit Gold. Es lag unausgesprochen in der Luft: Du weißt, daß wir sehr traurig sind, wir finden jetzt keine Worte, geh' einfach. Die Todesanzeige schmückten noch weniger Worte: Sie liebte das Leben sehr. Das klingt so spröde wie ein Head-Farm-Poem - ist so knapp und sachlich, daß es fast unpoetisch ist; wäre da nicht dieses Wörtchen "sehr" am Ende, das die Aussage einerseits abschließt und befestigt wie ein Anker, andrerseits indes gerade durch seinen unbeholfenen Charakter als simpelster Superlativ angehängt – irgendwie andeutet, dass es um mehr geht als Sprache zu sagen vermag.