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I feel so right now

erstellt von Thomas Nöske zuletzt verändert: 26.06.2007 22:07

Weiter geht es - ganz im Sinne des skizzierten Konzepts - mit Helmut Salzinger, der in den 70er Jahren nach dem revolutionären Potential in der Rockmusik suchte und dann aufs Land zog, wo er den Gräsern beim Wachsen zuhörte wie einst Keith Richards beim Stimmen seiner Gitarre.

Wo fahren sie denn heute nach hin? Wissen sie das nicht?, fragt ein Mädchen Johnny, den Rocker und Motorradrebellen, gespielt von Marlon Brando (in dem Kinofilm "Der Wilde" von 1956). Wir fahren weiter, wir fahren irgendwohin, erklärt er verschwommen - und dann: Wir haben kein bestimmtes Ziel, wir hauen nur so ab. Sonnabends treffen wir uns, und wenn wir Lust haben, brausen wir durch die Gegend. Das ist unsere Masche. Einfach, weil wir die Schnauze voll haben von dem ganzen Zirkus, den man aufstellen muß, um ein bißchen Geld zu verdienen.

Es geht um das typische Rebellentum dieser Zeit, vielleicht auch um das Rebellenklischee, kein Bock auf die Welt der Eltern, Langeweile in der Wohlstandsidylle, Wut und die verzweifelten Versuche, etwas vom wilden, vom wahren Leben irgendwie abbekommen zu können... einfach, weil wir die Schnauze voll haben von dem ganzen Zirkus, den man aufstellen muß, um ein bißchen Geld zu verdienen, sagt Marlon Brando, und dann: Verstehen sie das nicht? - und dieses "verstehen sie das nicht?", am Ende klingt fast ein bißchen bittend, flehend, so als merke er, Johnny, der Motorradrebell selber, daß seine Erklärung des falschen Lebens und seine Vorschläge für das richtige Leben ein bisschen dünn klängen, und das Mädchen, Kathie erwidert: Doch, das kann ich schon verstehen. / Johnny: "Na, dann bin ich ja beruhigt." / Kathie: "Mein Vater wollte mich in den Ferien mal mit nach Kanada nehmen." / Johnny: "Ja?" / Kathie: "Leider wurde nichts draus." / Johnny: "Interessant..."

Für Jörg Fauser liegt in diesem einem Wörtchen "Interessant", in der Betonung, wie Brando es ausspricht, in der Geste dazu, aber auch in dem ganzen Zusammenhang des Films, wie und wo es gesagt wird, die ganze Tiefe und Weite des Rebellen und Beat-Universums der 50er verborgen: seine Ursprünge, seine Motive und seine Schöpfungen...: dieses "Interessant" mit dem abschätzenden, skepischen, illusionslosen, nicht unfreundlichen, aber distanzierten und nicht unbedingt traurigen, aber freudlosen Blick über den schäbigen Tresen der Kleinstadtpinte - das ist das pure Brando-Image der Beats und der Rebellen an der Landstraße überall in der Welt, wo Jugend an Straßen steht. Eine Geste, ein Ton, ein Wort. Eine winzige Augen- oder Mundbewegung, vielleicht, ein ganz sanftes, aber unruhiges, aufweckendes Vibrieren im Klang der Stimme.

Der Protest ist zunächst sprachlos, ohne deutliche Gestalt. Vielleicht nur ein Zittern, ein stummes, aber hartnäckiges Widerstreben in der Motorik, eine psychosomatische Verweigerung, die sich noch nicht ganz zu Bewusstsein bringen lässt. Das Gefühl, sich aus dem Lauf der Dinge ausklinken zu wollen oder gar den Lauf der Dinge selbst in andere Bahnen zu lenken, kommt zunächst aus dem Bauch, aus dem Herz und aus den Eingeweiden. Noch heute sprechen viele Menschen zuerst von Bauchschmerzen angesichts bestimmter Zustände - der so genannte "Atomkonsens" verursachte bei einigen Bremer Grünen, darunter auch beim Landesvorsitzenden Klaus Möhle, Bauchschmerzen - und geben so einen Vorbehalt bekannt, bevor sie in die Lage kommen, ihrem Unbehagen klareren Ausdruck zu geben. Bauchschmerzen werden als vorläufiger Einwand in Diskussionen gebracht, als Ausdruck von Zweifeln, ein Spiel nicht mitmachen, eine Entscheidung nicht mittragen zu können, bevor man sich sachlich artikulieren kann. Die Koalitionspartner hatten sich (...) nach Angaben ihres Fraktionsvorsitzenden mit Bauchschmerzen durchgerungen.

Wenn ich mir die Biographie Helmut Salzingers anschaue, denke ich, daß bei ihm ebenfalls zuerst der Wunsch zum Protest und zum anderen Leben aus dem Körper kam, bis er schließlich in seinem Bewusstsein gedanklich in Form kam.

Seine ersten Anstalten zum Protest klingen typisch pubertär. In seiner Abiturzeitung, ebenfalls im Jahr 1956: Keinen interessiert die Bohne jene griech'sche Antigone. Keine besonders brilliante Satire, zugegeben, aber im spießigen, verklemmten 1956 Anlass genug für die Lehrer, die Hefte vernichten zu lassen. Wie verkrampft unsere Beherrscher, die selbst vor so milden Frotzeleien ihre seelischen Zusammenbrüche nahmen. Nicht ohne daraus handfeste Übergriffe der Macht abzuleiten.

Jürgen Lodemann erinnert sich: Der "Besinnungsaufsatz". Als Gesinnungsaufsatz. Die Wiederbewaffnung der Deutschen als Rettung des Abendlandes. Unverblümte Regierungspropaganda. Helmut und ich als bedenkliche pazifistische Fälle (Heinemann, ebenfalls aus Essen, hatte Adenauers Kabinett im Protest verlassen.) Der Russe versteht nun mal nur die Sprache der Panzer. Gegen Ende teilt die Klassenchronik mit, Helmut wolle Journalist werden. Der Prediger: "Soll ich nun den Journalismus vorm Salzinger bewahren oder den Salzinger vorm Journalismus."

In einem Schulaufsatz zum Thema "Was ich in meinem Leben erreichen möchte" schrieb Salzinger: Ich möchte in meinem Leben möglichst viel Geld verdienen und möglichst viele Frauen lieben. Dafür gabs nur eine vier Minus.

Dem Protest und Salzingers Rebellion haftet noch sehr der jugendliche Touch des schlichten Unzufriedenseins mit der vorgefundenen Welt der Elterngeneration an. Es fehlt ihm offensichtlich noch gänzlich ein eigenes Konzept für das alternative, bessere Leben. Es fehlt ihm noch an Visionen und Ideen, wie der Protest zu füllen sei. Bislang scheint er über missmutiges Grummeln und hier oder dort mal eine kleine Provokation just for fun nicht wirklich hinauszukommen. Aber er befindet sich auf der Suche.

Zunächst beginnt er in Köln ein Studium der Volks- und Betriebswirtschaft. Es scheint, als mache er noch alles was die Eltern von ihm erwarten. Dann stellt er fest, daß das nicht das Richtige für ihn ist, und nach einem Jahr wechselt er in die Abt. Literatur- und Theaterwissenschaften nach Hamburg. Ein vorsichtiges Abweichen vom vorgezeichneten Weg der Eltern, die ihn zum Geschäftsmann vorgesehen haben? Das Thema seiner Doktorarbeit 1967 klingt jedenfalls wieder richtig verstaubt, altbacken und traditionell eingefahren: Die künstlerische Entwicklung Eugen Gottlieb Winklers. Da steckt nichts Phantastisches, nichts Visionäres oder gar Revolutionäres drin: eine ganz trockene und konventionelle Fleißarbeit. In Hamburg bewohnt er eine billige, schlichte Studentenbude, ein Bett, Tisch und Stuhl, an den Wänden in den Regalen Bücher gestapelt bis zur Decke. Er ist um die dreißig Jahre alt und seine Biographie noch völlig normal, stromlinienförmig angepasst an die ehernen Gesetze des akademischen Betriebs und ohne besondere Auffälligkeiten. Besonders gut gings ihm damit allerdings nicht, es war auf irgendeine Weise zu Ende für mich, berichtete er, ich habe ja auch überlegt, ob ich mich umbringe. Ich war damals (...) auf dem besten Wege, mich durchs Leben umzubringen. Wäre bestimmt, wenn ich nicht Diabetiker geworden wäre, heute tot. Weil ich damals exzessiv getrunken habe und so. Auch für Salzinger kündigt sich die Zeit für eine grundsätzliche Änderung der Lebensweise zunächst im Leib an, es kommt aus dem Bauch heraus, es quillt allmählich aus ihm hervor, und dieses Gefühl im Bauch, nicht mitmachen zu wollen, was anderes zu wollen, wird am ehesten in der Rockmusik präsentiert, gefunden, die ja mit ihren elektrischen Vibrations direkt auf den Magen schlägt.

Und jetzt spielen sie. Vier Leute, Baß, Klarinette, Orgel und E-Piano, Schlagzeug, machen eine Musik, die mir den Boden unter den Füßen wegzieht. Ich setze mich hin. Aber da wird es noch schlimmer. Die Baß-Schwingungen übertragen sich über den Fußboden, dringen direkt in meinen Körper ein. Mir ist, als sei ich unmittelbar an die Musik angeschlossen. Das ist mehr als Hören. Ich nehme die Musik mit dem ganzen Körper auf. (...) Wirklich, es ist ein sexuelles Gefühl, warm und angenehm, ich lasse mich tragen von der Musik.

Und Helmut Salzinger verfasst "Das Lange Gedicht":

... von den verstärkern sprech ich den heißen kreischenden jaulenden pfeifenden zischenden verstärkern schnarrenden raschelnden schlürfenden gurgelnden sprechenden hustenden heulenden keuchenden krächzenden stöhnen den aufgedrehten / überdrehten / verstärkern spreche ich / von den prophetischen verstärkern...

Er, Salzinger gibt sich nicht zufrieden mit einem Gefühl, sei es auch noch so eindringlich, einer rotzigen Unzufriedenheit; er will es dingfest machen, auf den Punkt bringen. Er vertraut durchaus seinem Gefühl, wenn er schreibt: Unter diesen Leuten (dem Publikum eines Rock-Konzerts im Londoner Hyde-Park; Th.N.) befanden sich die freiesten Menschen, die man heute auf diesem Erdball finden kann, Leute, die jene Revolution bereits antizipiert haben, so gut das in der westlichen Gesellschaft überhaupt möglich ist, so in der Zeitung DIE ZEIT im Sommer 69, bei der Salzinger als fester Mitarbeiter schreibt und die er später im Streit verlassen wird, weil er sie eben für eine Stütze des schlechten Bürgertums hält, und die auch mit ihm nichts mehr zu tun haben wollen wird.

Aber Salzinger ist auch ein Gelehrter, ein Kopfmensch, ein Doktor der Philosophie eben. Wir zählen ihn zu den Gelehrten, die Nächte lang am Schreibtisch an der Schreibmaschine sitzen und mit rauchendem Kopf vor einem Text brüten oder sich in ihren Büchern vergraben, zu den wenig spontanen, zu den Hardcoreintellektuellen... er will nicht nur fühlen und verstehen; er will begreifen, mit Gedanken nachvollziehen. Er ist es gewohnt, hart zu arbeiten, vor allem am Schreibtisch, wo er seine Gedanken sortiert und gestaltet, und genau hinzugucken, Gedanken präzise zu formulieren und keine Antworten schuldig zu bleiben; und das macht er natürlich so auch bei seinem Gefühl, die Rock-Musik brächte die Revolution. Er will wissen, was sie mit ihren Zuhörern und Fans genau anstellt? Er will wissen, worin genau ihr Beitrag zur Umwälzung der gesellschaftlichen Verhältnisse besteht? Kann Rock-Musik eine (soziale) Revolution bewirken?

Der Begriff Rock-Power behauptet, die Musik trage dazu bei, die Revolution in Gang zu setzen. Salzinger beginnt zu graben - und zwar in der Musik. Und in den Bäuchen, die durch die Musik in wohltuende Aufregung versetzt werden. Von Walther Benjamin und Adorno hat er gelernt, daß es keinen Erkenntniszuwachs bringt, wenn man sich einem neuartigen Phänomen wie der Rockmusik mit vorgefertigten Theorieschablonen nähert. Er will sich mit seinem Denken allmählich hineinarbeiten, und er will aus ihr hervorholen, was sie an Potential zur Veränderung der schlechten Realität bietet.

Eric Burdon hört nicht: er will sich bloß frei fühlen, frei als Gefangener seiner selbst, um all die Sachen zu tun, die er gern tut. Freedom, sagt er, freedom? fragt der andere. Freedom schreit Eric Burdon. Plötzlich sieht es so aus, als glaubte er selbst nicht an die Freiheit, von der er die ganze Zeit gesungen hat. Plötzlich sieht es so aus, als bedürfe er, der den anderen damit helfen wollte, daß er ihnen seine Freiheit bringt, selber der Hilfe. Aus seinem Geschrei, daß er sie hätte, die Freiheit, wird ein Schrei nach Freiheit. Und jetzt antwortet ihm der andere, und er schreit es ihm zu: You are not alone.

Sein Buch "Rock-Power" ist zusammengesetzt als eine große Textcollage aus unterschiedlichen Quellen zum Thema Rock-Musik, Subkultur und Revolution: Konzertberichte, Interviews mit Musikern, Zitate linker Philosophen, Statements, Pamphlete, Songtexte, Analysen, persönliche Aussagen... Salzinger verdiente sein Geld als Musikjournalist und hat das Werk aus einer Masse von qualitativ hochwertigem und signifikantem Material zusammengestellt. In "Rock-Power", der Collage, sind die Zitate wie Schnipsel um das Thema, seine zentrale Frage im Mittelpunkt herum arrangiert.

Mick Jagger sagt: Der Jammer mit John Lennon ist, daß er nie Marx gelesen hat; und die ZEIT-Herausgeberin Marion Gräfin von Dönhoff meint: die Rock'n'Roll-Revolution war die größte - unblutige - Revolution des 20sten Jahrhunderts, in ihrer alle Bereiche des Lebens umfassenden Bedeutung der Französischen Revolution durchaus vergleichbar; (Salzingers Kommentar: die Gräfin spinnt); Timothy Leary ist der Auffassung: Alles was das Bewußtsein verändert, ist eine Bedrohung der etablierten Ordnung; und David Cosby bekennt sich zum Leben nach dem Untergang der Wohlstands- und Konsumkultur: Wenn die Bank niedergebrannt wird, dann hab ich immer noch meine zwei Hände und ich habe keine Angst davor. Ich hab das schon gemacht, oft genug. Ich hab mir meine eigenen Fische gefangen und hab sie ausgenommen und sauber gemacht und sie gekocht. Es ist nicht so, als ob ich etwas gegen die Zivilisation hätte. Ich hab nichts dagegen, und ich will nicht, daß sie kaputt gemacht wird. Aber ich möchte dieses politische System kaputt machen. Mann.

Und dann sagt Mick Jagger wiederum: Die jungen Leute können nicht die Führer finden, die sie suchen, und bitten uns daher, die Führung zu übernehmen. Wir müssen sie enttäuschen. Wir wollen niemals ihre politischen Führer sein.

Salzinger schildert eine Schlüsselgeschichte, da die Rolling Stones auf einem Konzert das Publikum soweit zum Kochen brachten, daß ein Beobachter meinte, nun müsse Mick Jagger nur noch ein Angriffssignal geben und London würde sofort in Grund und Asche geplündert. Stattdessen habe er jedoch absichtlich einen beruhigenden, friedlichen Song gespielt, bei dem das Publikum wieder entspannte. Was weiter passiert wäre, hätte Jagger das Angriffssignal gegeben, ist eine andere Frage; jedenfalls beschäftigt sich Salzinger anhand dieses Beispiels intensiver mit der Frage, wie frei die Rock-Musik wirklich sei? Ist sie in der Lage, die Verhältnisse radikal zu wandeln, oder stellt sie nur einen weiteren Gimmick der Kulturindustrie dar, Platten zu verkaufen und viel Kohle zu scheffeln?

Es handelt sich bei dieser Bewegung durchaus um eine Kulturrevolution, also um ein Überbauphänomen. Deren "Wirklichkeit" sind die Medien. Die Medien aber sind zugleich die Produktionsmittel, die sich wie immer größtenteils im Besitz des Gegners befinden. Daher die Widersprüche, die den einzelnen Werken und Äußerungen der Kulturrevolution vorgehalten werden können. Selbstverständlich sind mit der Musik vorwiegend Geschäfte gemacht worden, die

message der Musik aber ist in diesem deal sozusagen als Zugabe mit eingegangen.

In guter Rockmusik befindet sich sozusagen ein ideeller Überschuss, der über das, was die Plattenfirmen aufkaufen und vermarkten können, hinausgeht, und dieser kann auch rein instrumental sein, Salzinger spricht vom politischen Gehalt eines Gitarrensolos. Ein Gedanke übrigens, den Adorno pauschal auf alle echten Kunstwerke bezieht, wenn er quasi sagt, daß sie stets aus einer ideologischen Rüstung und aus einem wahren Kern bestünden. Und der Kern ist die Revolution, der sein Gehäuse potentiell zu sprengen droht.

Mick Jagger ist der Größte. Bob Dylan ist der Größte. Aber die Größten sind die Beatles. Grace Slick von den Jefferson Airplane ist die Größte. Frank Zappa ist auch ganz gut. Und der größte überhaupt ist Van Morrison. Manchmal sind die Größten die Velvet Underground. Oder die Grateful Dead. Cosby, Stills, Nash & Young sind auch die Größten. Elvis ist schon immer der Größte gewesen. Aber der Größte, glaube ich, ist Captain Beefheart.

Seit den 90er Jahren hat sich der Konflikt zwischen dem grundsätzlich revolutionärem Kern der Rockmusik und ihrer poppigen Hülle zum besseren Verkauf weiter verschärft, wie der Selbstmord Kurt Cobains zeigt. Der ideelle Kern ist allerdings, wenn er echt ist, immun gegen seine Instrumentalisierung durch die Popindustrien. Auch lassen sich die Ideen zum Protest oder besserem Leben niemals restlos und komplett verwirklichen in konkreten Reformen, Entwicklungen...

Die Stones tun auch jetzt, da sie darauf festgelegt werden, das zu tun, was sie taten, als sie taten, was sie wollten, was sie wollten. Und darum werden sie kritisiert; denn es ist nicht das, was die Kritiker wollen, das sie täten, wären sie noch, was sie waren, als sie taten, was sie wollten. Dabei tun sie genau das: was sie wollen. - Es ist dasselbe wie bei Dylan. - didididi - Der Anfang von "Street Fighting Man" ist nichts anderes als der Anfang von "Dancing in the Streets", gesungen von den Mamas & Papas. "Street Fighting Man" ist "Dancing in the Streets" auf den radikalen Nenner gebracht.

Die dialektische Schlußfolgerung, die Salzinger in dem Collagenwerk "Rock-Power" schließlich zieht, klingt sehr vorsichtig und kann doch auch als Versuch gelesen werden, bei aller Vorsicht einen unangreifbaren Kern des Rock'n'Rolls zu bewahren. Es gibt etwas, das uns die Musiker geben kann, das kann uns keine Plattenfirma nehmen - aber auch keine Revolution je verwirklichen: der ideelle Überschuss in der Kunst.

Rockmusik kann politische Realitäten nicht direkt verändern. Aber sie kann vielleicht beitragen, die Voraussetzungen dafür zu schaffen. Ein Gitarrensolo von Keith Richard oder Ron Wood vermag ein Maß an Trauer und Aggression, Dynamik und Melancholie im Hörer freizusetzen, das mehr bewirken kann als jeder noch so aktivistische Text. Rockmusik kann gesellschaftliche Zwänge nicht aufheben, aber sie zumindest bewußt machen. Sie kann ein Klima schaffen, in dem Befreiung eher möglich wird.

Der Rockjournalist Salzinger verdiente einige Jahre den Lebensunterhalt mit Schreiben und Publizieren von Musikkritiken und Konzertberichten, er hat also durchaus persönliche Erfahrungen gemacht mit der Schwierigkeit, innerlich der Rock'n'Roll-Revolution treu zu bleiben und gleichzeitig seine Artikel für Geld zu verkaufen. Rockmusik ist ein großes Geschäft geworden, ein Markt für die Jugend. Denn wenn Anfang der 60er Jahre in Deutschland jeder Jugendliche im Durchschnitt 74 DM zur freien Verfügung hatte, multiplizierte sich dies bei 4,5 Millionen Jugendlichen auf immerhin 4 Milliarden Mark. Um diese Summe, um diesen Kuchen veranstalteten die Plattenproduzenten und Musikverlage ihren Tanz, jeder um die Gunst des jungen Publikums zu gewinnen. Salzinger tanzte mit. Für ihn war die Jugend jedoch nicht nur eine ideologisch angenehm unfeste und daher durch Presse und Werbung gut knet- und formbare Masse, sondern vor allem Träger und Avantgarde des utopischen Lebens auf dem Planeten. (Wir haben die Erde von unseren Kindern nur geborgt.) Es ging ihm darum, die Generation der Zukunft rechtzeitig mit dem richtigen Wissen und den wesentlichen Informationen zu versorgen. Rock-Musik wird gezielt daraufhin beoachtet, ob sie das Lebensgefühl einer zukünftigen, befreiten Menschheit in sich tragen und gebären kann.

Die Gratefull Dead sind nicht darum eine unpolitische Gruppe, weil in ihren Texten so gut wie nie von politischen Fragen die Rede ist. Sie demonstrieren ihren Standort innerhalb des Movements vielmehr durch ihr Verhalten und durch ihre Lebensweise als Gruppe. Sie schlossen sich nicht nur zu einer der ersten, sondern auch dauerhaftetsten Großfamilien San Franziskos zusammen und bewiesen damit die Funktionsfähigkeit dieses gesellschaftlichen Modells. (...) Die Byrds hingegen, bei denen von der ursprünglichen Besetzung einzig noch Roger McGuinn übriggeblieben ist, liefern mit ihrer wechselvollen Geschichte als Gruppe das negative Gegenstück zum Gratefull-Dead-Modell. Ihre verschiedenen Splittings sind das Ergebnis unkoordinierter und unkoordinierbarer Ego-Trips der verschiedenen Musiker.

Mit solchen Gedanken und Veranschaulichungen, kann man wohl sagen, hat Salzinger Anfang der 70er Jahre den Vogel abgeschossen.

Aber auch diese Lebensform war auf die Dauer nicht die richtige für ihn. Kritisieren ist meine Art, mich auf Dinge einzulassen, und so ein Leben ist ungesund. (...) Ich konnte überhaupt nichts vorbehaltlos aufnehmen, sondern habe immer gleich den Finger in irgendwelche Macken gesteckt: Also - DAS stimmt aber NICHT! (...) Du kannst dich mit der Welt nicht nur kritisch beschäftigen. Das läßt sie sich nicht gefallen, so stellt er rückblickend fest. Bei Salzinger kommt der erste Kick zur grundsätzlichen Veränderung der Lebensweise als psychosomatische Äußerung des Leibes, die erst im Lauf der weiteren Entwicklung bewußt gemacht, in Gedanken gebracht werden kann. Die Bauchschmerzen wachsen sich bei ihm bis Pankreatitis Diabetis, einer Erkrankung der Bauspeicheldrüse, aus.

Bei einem Rockkonzert am Ende der 60er Jahre musste er sich eine Insulinspritze verpassen und wurde von Polizisten fälschlicherweise verhaftet, weil sie ihn für einen Junkie hielten. (So sah er auch aus: dünn, ausgemergelt, lange schwarze fettige Haare, hageres Gesicht...) Da wurde ihm klar, daß die Großstadt nicht gesund für ihn ist. Zusammen mit Mo, seiner Frau, zog er aufs Land, nach Odisheim, einem kleinen Dorf im norddeutschen Moorland bei Bremerhaven. Dort haben sie ein Häuschen, und um das Häuschen herum ein kleines Grundstück und ansonsten viel Regen und Wind. Die Gegend ist dünn besiedelt, die nächste größere Stadt Bremerhaven fünfzig Kilometer entfernt. Das Land ist flach wie ein Teller, das Wetter windig bis stürmisch, und ständig Regen. In allen vier Himmelsrichtungen sieht man den Himmel am Horizont, keine Berge, keine Häuser verdecken die Sicht, hier kann man sich wirklich vorstellen, was die Menschen im Mittelalter glaubten, daß die Erde eine Scheibe und der Himmel eine Kuppel sei. Nur ab und zu mal ein Baum, der aus dem Gras und dem Moor emporragt wie eine seltene Sensation. Der Wind fegt durch seine Äste und Blätter, rauscht in der Krone. Mehr Bewegung lässt der Himmel erkennen: ständig sind die Wolken in Aktion, fliegen mal von hier nach dort, dann wieder in eine andere Richtung, zerfasern oder klumpen sich zu dichten undurchdringlichen Ballen zusammen, manchmal dunkel wie die Nacht...

Der Löhrbusch ist ein kleiner Wald südlich der Linie Elmhohe-Kührstedt, der sich von einem flachen Geestrücken herab in die Senke hineinschiebt, an deren Grund die Geeste mehr steht als fließt. Dennoch nimmt sie alles Wasser auf, das aus der Umgebung zusammenkommt, und führt es ab in die Weser. Es ist ein weitläufiges und unzugängliches Gelände aus Röhricht und Wasser, in dem einer bald verlorengehen könnte. Die festen Wege liegen ein wenig höher und führen durch die Zone zwischen Waldrand einerseits und feuchten Wiesen andererseits, in welcher sich auch Bruchwiesen über aufgegebenen Torfstichen finden.

Vor dem langen, geraden Randweg am Fuß des Geestrückens zweigen lange Stichwege in die Uferwiesen ab. Sie führen zum Ufer hin in ein mehr oder weniger unbetretbares, mit Schilfrohr bewachsenes Gelände, und man muß sie wieder zurückgehen, wenn man wieder auf festes Land kommen will. Insgesamt ein deltaartig strukturiertes Gebiet, das sehr schwierig zu kennen und eigentlich nur zu Pferde oder, zeitgemäßer, mit dem Geländewagen im Auge zu behalten ist.

Geschrieben steht diese wundervolle Passage in Salzingers Buch "Moor", Untertitel: Ein Versuch, nichts zu erzählen, und das ist es dann wohl auch: er macht viele Worte, um die Landschaft zu beschreiben, und kommt letztlich über das süß melancholische Gefühl des einsamen Spaziergängers im Herbst nicht hinaus, immer wieder darauf zurück: der bittere Geschmack von Einsamkeit und Entfremdung in der Welt.

Aber Salzinger war zunächst nicht aufs Land gezogen, weil er die Natur liebte (obwohl man die Natur im Norden durchaus lieben muss, sonst hält man nämlich die feucht-windige Witterung dort niemals aus); vielmehr hatten Ärzte ihm das geraten, nachdem er zuckerkrank geworden war. Für die Natur begann er sich erst allmählich zu interessieren, da nämlich kam er nicht drum herum, wo sie ihm in Odisheim doch auf Schritt und Tritt begegnete. Und wie zu erwarten, beginnt er dann auch über die Revolution des Landlebens nachzudenken. Es scheint, als wolle er das Gratefull-Dead-Modell aufs Landleben übertragen.

Es kann ja nicht um die Information gehen, daß auf Ken Keseys Farm in Oregon Kälber und auf der Hog Farm am Delware Schweine gezüchtet werden. Es geht vielmehr um den Nachweis, daß derlei Unternehmungen imstande sind, zwei Dutzend Leute, die von Ackerbau und Viehzucht keine Ahnung hatten, zu ernähren und daß die dazu erforderliche Arbeit sinnvoll wird und beinahe spielerische Züge annimmt, sobald ihre Erträge nicht irgendeinem im Konkurrenzkampf stehenden Big Boss, sondern den Arbeitenden selbst zu gute kommen.

Das war noch im Auftrag der "Zeit" geschrieben, blieb indes unveröffentlicht. Das lange Gedicht hatte ja mit den Worten geendet: ich hör jetzt auf / ich steig jetzt aus / ich fang jetzt an / steig aus / jetzt. Er kehrte der Zeit den Rücken (also der Zeitung DIE ZEIT und dem Zeitgeist seiner Gegenwart. Doppelsinn!) Ich vermute, daß Salzinger bei seinem Konzept der Head Farm etwas ähnliches wie Ken Keseys Farm vorschwebte; soweit es innerhalb Deutschlands überhaupt möglich ist, in einem totalen Sinn auszusteigen. Salzinger zog sich zurück und sprach etliche Jahre lang kaum ein Wort, er kümmerte sich nur um die Natur, die ihn umgab. Er tappte mit verbundenen Augen durch die Landschaft, seinen sechsten Sinn für die Natur zu sensibilisieren.