Gutgeschnürte Rettungspakete
Oder wie man sich schreibend am eigenen Zopf aus der Scheisse zieht. Auch ein ältere Text, dem der Leser bitte manche Holprigkeit oder Vagheit verzeihen muss, denn sein Kerngedanken ist, glaube ich, immer noch gut: das Fesselnde am fertigen Kunstwerk nämlich über den selbstherapeutischen Prozess der Kunstschöpfung zu definieren. Wir wollen das Ringen um Ausdruck erleben, das freilich am Ende erfolgreich verlaufen muss.
Die Sprache ist kleiner als unser Bewußtsein. Das können wir uns klarmachen, wenn wir beobachten, wie viel wir in einem Augenblick bewusst an innerer und äußerer Welt wahrnehmen und wie wenig wir davon als Sprache zum (Aufschreiben oder Weitererzählen) verarbeiten. In der Regel erleben, empfinden, wissen, fühlen... wir in jedem Augenblick mehr als wir zu Sprache verarbeiten. Wir können uns selber beim Denken beobachten und uns dabei zusehen, wie wir nach Wörtern suchen, die etwas präzise zum Ausdruck bringen, wenn wir nach einer geeigneten Form von Sprache für eine bestimmte Empfindung tasten, oder beim Lesen, wenn wir nach einigen Sätzen impulsiv innehalten und uns vergegenwärtigen: mit welchen sprachlichen Rafinessen erzeugt der Autor eigentlich seine Welt? Dann können wir sehen, daß die Sprache kleiner als unser Bewußtsein ist.
Und die Sprache ist größer als unser Bewußtsein. Das können wir uns leicht klarmachen, wenn wir uns eine Bibliothek mit tausend Büchern vorstellen, diese unendliche Vielfalt sprachlich erzeugter Welten, die niemals alle Platz finden in unseren Köpfen, diese unendliche Vielfalt an Themen, Personen, Ereignissen, Ländern, Städten, Zeiten, Epochen, Kulturen, Leiden, Fragen, Geschichten..., von denen Bücher handeln können. Die Gesamtheit all dessen, was sich in Sprache festhalten, ausdrücken lässt, übersteigt die Kapazitäten unseres Bewußtseins in jedem Fall um etliches. Es existieren mehr Sprachuniversen als wir je kennenlernen können. Die Vielfalt möglicher Aussagen, die unendlichen Möglichkeiten, durch Sprache Sinn zu erzeugen, sei es nun religiöser oder wissenschaftlicher, marxistischer oder mathematischer, globaler oder intimer, ästhetischer, moralischer oder nihilistischer... Sinn übersteigen die Kapazitäten unserer Vorstellungswelten in jedem Fall völlig.
Die Sprache ist also einerseits größer als unser Bewußtsein, und andrerseits ist die Sprache auch kleiner als unser Bewußtsein.
Das womöglich einzige Lob, das für alle Literaten gleichermaßen gilt, lautet: fesselnd. Das ist das letzte Kriterium, unabhängig aller sonstigen inhaltlichen, stilistischen Ausrichtungen und Vorlieben; fesselnd will jeder sein. Zu Schreiben ist jede Art erlaubt, außer die langweilige, hat irgendeine berühmte Persönlichkeit gesagt, weiß nich' mehr genau wer. (Das Zitat hing in Schaufenstern von Buchhandlungen.)
Wer kennt nicht das wundervolle Gefühl, beim Lesen die Welt um sich herum restlos zu vergessen? - man schwingt ein in den Text, und plötzlich lässt das Buch einen nicht mehr los, die Augen kleben an den Worten und Sätzen, die man verschlingt, in sich hineinfrisst, ohne Pause, während die Welt des Buchs das Bewusstsein voll besetzt. Es gibt nicht außer der Gedankenwelt des Autors, der entführt, in seine Welt entführt. Zimmer und Umgebung verschwinden, man merkt bald nicht mehr, ob es Tag oder Nacht, warm oder kalt ist. Eine virtuelle Welt. So vollkommen ein Buch uns aus der Gegenwart in die Hexenverfolgung des Mittelalters, in die Gesellschaft der wilden 20er oder ins Berlin der Schwarzhändler und Schmuggler der 50er Jahre entführen kann, so restlos verzaubert uns kein Kino oder Fernsehen.
Wir wollen nicht lange um den heißen Brei herumreden, wir wollen den Leser nicht unnötig lange auf die Folter spannen, hier ist die Antwort auf die Frage, die alle Schreiber und Leser interessiert: eine Sprache ist fesselnd, wenn sie zeigt, daß derjenige, der sie spricht, Ahnung hat, sich auskennt, weiß wovon er redet - und nach den geeigneten Worten sucht und tastet, um seine Erfahrungen gedanklich zugänglich zu machen. Beides muss zusammen kommen. Nicht allein wer sich auskennt in einem Gebiet schreibt darum schon fesselnd. Selbst wenn das Gebiet an sich sehr spannend ist. Das Wissen bleibt sozusagen auf einem Niveau unterhalb der Bewußtseinsschwelle. Der Leser muß außerdem merken, daß die Erfahrungen im Gehirn gut durchgeknetet sind. Es reicht nicht, die Epoche zwischen dem ersten und zweiten Weltkrieg und Machtergreifung Hitlers als Zeitzeuge miterlebt zu haben, um darüber fesselnd berichten zu können, erst muss man sie sich selber greifbar machen, auf den Punkt bringen. (Wer die Naziepoche schlicht als düstere Zeit schwarzer Mächte beschreibt, hat wenig begriffen.) Und das heißt: die eigenen Erfahrungen absolut präsent halten, "als ob es damals wäre", und doch die distanzierte Haltung des Denkers einnehmen, der sich selbst beim Denken zuschaut und seine eigenen Gedanken kritisch betrachtet: gut gedacht / schlecht gedacht. Und aus diesem beidem, der reflexiven Distanz zur eigenen Sprache, dem selbst beim Denken sich Zuschauen und gleichzeitig voll im Stoff Stehen, entstehen fesselnde Texte...
Die Faszination liegt darin, die Nichtdeckungsgleichheit von Sprache und Bewußtsein auszuhalten. Wenn man voll im Stoff steht, wie man so sagt, verschmilzt man ja mit seinem Thema, löst sich auf in seinem Fachgebiet. Das eigene Wissen, die Erfahrungen und Kenntnisse erfüllen einen durch und durch, man verschwindet als abgegrenzte Persönlichkeit und wird gewissermaßen zum Medium seines Themas. Eine Sprache, die in einem solchen Zustand abgesondert wird, ist selten fesselnd, sondern meistens eher trunkenes Gebrabbel. Nicht unbedingt sinnlos, auch nicht dumm oder uninteressant, sondern einfach nur formlos, nicht klar strukturiert, schlecht pointiert, ohne Stil. Adorno sagt, daß das Kunstwerk ohne seinen Stil ungehört zerfließt. Der Stil ist gewissermaßen das Bindemittel eines Kunstwerks. Und der Spin, mit dem die Substanz sich in unsere Gehirne schraubt.
Eine klare, elegante Sprache zerschneidet die Welt, schält Inhalte aus ihr heraus und kehrt sie hervor, trennt Wichtiges von Unwichtigem, setzt Zeichen und Schwerpunkte. Dagegen nennen wir umgekehrt ein Denken, das die ganze Welt durch die Brille der eigenen Begriffe betrachtet und in diesem Sinn total ist, psychotisch. In gewisser Weise modelliert der Sprecher sein Thema wie eine plastinierte Leiche. Er schwingt hin und her zwischen einem fast blinden Stehen im Stoff und der Distanz, in der er sein Thema zur Sprache verarbeitet. In dieser Teilhabe des Lesers an der Schwingbewegung liegt die Faszination, an dem abwechselnden Eintauchen in den Stoff und mit Leib und Seele erfüllt sein durch den Stoff und am Abstandnehmen und dem gezielt, prüfenden Blick auf eben das, was einen gerade noch durchdrang und was man davon hervorkramen, dingfest machen konnte. Diese permanente Dämmerung und das wieder Eintauchen in die Welt. Woody Allen, sehr schön: Ich bin kein Fan der Realität, aber sie ist der einzige Ort, an dem man ein gutes Steak bekommt.
Fesselnd, wie gesagt, wirkt nicht das Ergebnis der Auseinandersetzung, nicht die Bedeutung des Themas an sich, sondern eben der Prozess selbst, in dem man sich in etwas hineinbegibt, wieder entfernt und nach den geeigneten Worten sucht. Man darf sich diesen Prozess nicht zu chronologisch vorstellen, gar als geordneten Drei-Stufen-Plan; vielmehr finden Hineinbegeben, Entfernen und nach guten Worten-Suchen als drei Bewegungsmomente innerhalb einer Haltung statt: die eigene Welt zur Darstellung zu präparieren. Und indem man seine Welt aus sich heraus absondert und rundet, wird man immer unabhängiger von ihr. Man gewinnt als Individuum Konturen, schält sich selbst gewissermaßen aus seinem Universum heraus, freilich mit all seinen Schwächen, Verstrickungen, Abhängigkeiten, Prägungen... Es ist der allgemeine Prozess individueller Aufklärung, sich selbst als eine Welt denkendes Wesen und von dieser Welt geprägtes Wesen zu erkennen. In diesem Prozess schält sich das Indidviduum aus seiner Umwelt heraus und wird immer autonomer, die klassische Geburt des Ichs. Jedem seine persönliche Götterdämmerung.
Rüdiger Safranski beschreibt wie um 1780 alles begann:
.Es mag uns heute wunderlich vorkommen, mit welchem Aufwand an Scharfsinn das scheinbar Selbstverständlichste, nämlich "Ich bin", aus heillosen Verwicklungen des Gedankens herausgezogen wird. Es m u ß uns dies zunächst wunderlich vorkommen, wenn wir wirklich nachvollziehen wollen, woraus das Selbstbewußtsein sich herausarbeiten mußte, als es philosophisch geboren wurde, und von welchen euphorischen Gefühlen diese Geburt begleitet war. Denn das vergißt man bei der gängigen Vernunftkritik: die Lust, die Intensität, den Vitalismus, die mit der Aufdeckung des weltsetzenden Ichs verbunden waren. Das Einfache war so schwierig, weite Wege mußte man zurücklegen, ehe man zu sich kam. Man kann die Euphorie der Ankunft nur verstehen, wenn man die Art der Selbstverborgenheit in der vorneuzeitlichen Epoche sich vergegenwärtigt. Denken, Glauben, Empfinden waren damals (...) anders gepolt. Das Denken verschwand im Gedachten, die Empfindung im Empfundenen, der Wille im Gewollten und der Glaube im Geglaubten
... und dieses Erlebnis wird bei der Lektüre eines jeden fesselnden Buchs wiederholt. Egal ob Sebastian Haffners Historie-Schmöker oder Tom Wolfes N.Y.-Roman, der Leser wird immer wieder neu beteiligt am Erwachen des Subjekts. Immer wieder Teilhaber bei der Geburt des autonom Denkenden. Er profiliert sich durch sein Bewußtsein und gibt seiner Umgebung die Tiefenschärfe. Das wirkt fesselnd, nichts sonst.
Der berühmte Historiker Sebastian Haffner beschreibt die Gleichschaltung der Presse im Nazideutschland 1933, die er als junger Jurist und Journalist persönlich miterlebte, bis er ins englische Exil ging. Dabei gehts ihm besonders darum, daß er nicht als Angehöriger einer verfolgten Gruppe flüchtete, sondern einfach als aufrechter Individualist, dem als Mensch an sich das Leben unmöglich gemacht wurde: Nun, der Chefredakteur des Blattes hatte sich zu weit vorgewagt, er verlor seinen Posten und entging mit knapper Not dem Tode (...); die übrige Redaktion aber blieb und war auf einmal vollkommen selbstverständlich und ohne den geringsten Verlust an Eleganz und Jahrtausendperspektive Nazi - sie war es schon immer gewesen, selbstverständlich, besser, eigentlicher und tiefer als die Nazis selbst, beschreibt er die Situation, und dann kommt ein begnadeter Satz: Man staunte in das Blatt hinein, - das ist es! - Derselbe Druckspiegel, derselbe Satz, dieselbe großartige Unfehlbarkeitsgeste, dieselben Namen - und das Ganze auf einmal ohne Wimpernzucken ein vollblütiges, smartes Naziblatt. MAN STAUNTE IN DAS BLATT HINEIN!, klarer kann Haffner seine Enttäuschung und seine Verachtung für geschmeidige Rückgratlosigkeit und unreflektierte Anpassung nicht ausdrücken. Haffner muss gar nicht erst andere Standpunkte als die Nazis beziehen, ihn widert bereits die ganze Sache an sich an - und diese Radikalität des Empfindens kann in ihrer vollen Weite und Tiefe nur die Poesie rüberbringen. Er sagt nicht, was er ist; allerdings muss er auch gar nicht Kommunist, Homosexueller oder Jude, ja nichteinmal Humanist sein, um die Nazis ekelhaft zu finden. Darin liegt die Stärke seiner Darstellung. Haffner schält sich aus der Welt indem er sie benennt und wird so erst Individuum
Dann Sigmund Freuds "Traumdeutung": ein spannendes Buch!, besonders, wie er sich in der Beschreibung von Nachtträumen auf einzelne Worte verlässt, sind Träume doch eigentlich aus einem übersprachlichen Material geschaffen: Ich bin plötzlich in einem anderen Coupé, in dem Leder und Sitze so schmal sind, daß man mit dem Rücken direkt an die Lehne stößt, schildert er und ergänzt dazu: Diese Beschreibung ist für mich selbst nicht verständlich. Doch scheint dies die Beschreibung zu sein, die sagt was zu sagen ist, nicht mehr und nicht weniger. Dagegen wäre Das Coupé ist eng, oder man sitzt eingequetscht vielleicht an der Sache vorbei?! Das ist die Pointe: gerade weil wir über das Bild stolpern, gerade als Satz- und Wortkonstruktion es uns auffällt, präsentiert es uns seine Welt, entführt es uns in seine Welt. Niklas Luhmann definiert Kunst ja bekanntlich codiert in die Pole sichtbar/unsichtbar. Sichtbar sind die Buchstaben und Zeilen, unsichtbar was sie uns mitteilen. Die Seele kann als unsichtbare nur zwischen den Zeilen liegen, darum müssen die Zeilen klar geschnitten sein, damit sie zwischen ihnen ihren Platz findet. So jubelt Friedrich Nietzsche dem gebrochenen Gedanken:
Ich sehe hier einen Dichter, der, wie so mancher Mensch, durch seine Unvollkommenheit einer höheren Reiz ausübt, als durch alles Das, was sich unter seiner Hand rundet und vollkommen gestaltet, - ja er hat den Vorteil und den Ruhm vielmehr von seinem letzten Unvermögen, als von seiner reichen Kraft. Sein Werk spricht es niemals ganz aus, was er eigentlich aussprechen möchte, was er gesehen haben möchte: es scheint, dass er den Vorgeschmack einer Vision gehabt hat, und niemals diese selber: - aber eine ungeheure Lüsternheit nach dieser Vision ist in seiner Seele zurückgeblieben, und aus ihr nimmt er seine ebenso ungeheure Beredsamkeit des Verlangens und Heisshungerns. Mit ihr hebt er Den, welcher ihm zuhört, über sein Werk und über alle "Werke" hinaus und giebt ihm Flügel, um so hoch zu steigen, wie Zuhörer nie sonst steigen: und so, selber zu Dichtern und Sehern geworden, zollen sie dem Urheber ihres Glücks Bewunderung, wie als ob er sie unmittelbar zum Schauen seines Heiligsten und Letzten geführt hätte, wie als ob er sein Ziel erreicht und seine Vision wirklich gesehen und mitgeteilt hätte. Es kommt seinem Ruhme zu Gute, nicht eigentlich an's Ziel gekommen zu sein.
Das Phänomen, von einem Text gefesselt zu sein, berührt beide Seiten: der Leser fühlt sich gefesselt, wenn die Welt, die der Text vermittelt, komplex und verschachtelt ist, wenn er in sie eintauchen kann und sich gedanklich ganz in der Welt des Buchs bewegt und wenn gleichzeitig jedes einzelne Wort sorgsam gewählt ist, feine Konturen hat und entsprechend sich's ebenfalls lohnt, den Text Satz für Satz, die Wörter gleich Dingen zu betrachten. Das abwechselnde beim Lesen Verschlungen-Werden und der Genuss an gelungener Wortwahl und Satzbau ergeben zusammen das Phänomen, von einem Text gefesselt zu sein. Der Leser schwingt hin und her zwischen der Gegenwärtigkeit des Inhalts und reiner Freude an der Sprachgestaltung Es ist die Freude, einem Handwerker bei der Arbeit zuzuschauen, zu beobachten, wie geschickt er eine Welt zimmert und im Geiste sich gleichzeitig in dieser Welt zu bewegen, als sei sie so präsent wie die Wirklichkeit vor der eigenen Haustür, im eigenen Zimmer. Vor allem aber: wenn ein Buch so geschrieben ist, hat man jedesmal wieder neu das große Gefühl, das beste Buch überhaupt zu lesen.
Für den autonomen Literaten besteht die Utopie nun darin, sich in einer eigenen Sprache zu üben, die die Welt so offenlegt und fesselt wie ein gutes Buch. Das Erlebnis, von einem Text gefesselt zu sein, abwechselt von den Wörtern und Sätzen durchdrungen zu sein wie bei einer Vision, dann wieder das Buch fest in den Händen zu halten als einen klar umgrenzten Gegenstand, - eben dieses Erlebnis erlebt auch der Schöpfer, der den Sog, der ihn verschlingt, erst erschafft. Es ist die Erfahrung, nachdem man einige Seiten Text fabriziert hat, plötzlich vor einer kritischen Masse zu stehen, die aufgrund ihrer puren Gravitation ihren Autor selbst in sich zieht und zur Fortführung der Textproduktion gewissermaßen zwingt: das Buch schreibt sich dann fast wie von selbst. Ist der Stein einmal ins Rollen geraten, hat man nur noch indirekten Einfluss.
Die Nicht-Deckungsgleichheit von Bewußtsein und Sprache sowie die Eigendynamik in der Entstehung des Kunstwerks ab einem gewissen Punkt sind der Grund dafür, daß sich kein Künstler niemals in einem seiner Werke voll wiederfindet; immer nur ein wenig. Er sagt zum Beispiel: "Ja, das trägt meine Handschrift", oder: "Da habe ich was von mir verarbeitet", oder auch: "Da ist was aus dieser Lebensphase eingeprägt", doch wird er niemals sagen: "Dies ist mein Spiegel", oder gar: "Das bin ich!" Wer sowas sagt ist dumm und verkauft seine Seele, nicht gerade an den Teufel, aber an die Kunst. Nicht zuletzt ist der Stil (und daß kein Werk ohne ihn auskommt) ein Grund dafür, daß das Kunstwerk immer ein vom Schöpfer absolut getrennt zu denkendes Ding ist, das durch seinen Schöpfer nur geformt, getätschelt, geknetet, gestoßen... ist, um zu entstehen, jedoch nicht sein Produkt, Geschöpf, Kind oder Baby oder sowas. Sogar leibliche Kinder werden den Müttern geschenkt, wie der Volksmund bekanntlich sagt. Indes darf und soll sich der Autor von seinem Werk in der Entstehung fesseln lassen. Und jetzt kommen wir wieder zu der Ausgangsfrage näher: wie man sich am eigenen Zopf schreibend aus der Scheiße zieht? Ganz einfach: indem man sich in einer Kunstproduktion übt und ein Werk, einen Stein ins Rollen bringt, das genug Sogkraft ausübt, Anziehungskraft ausübt, um einen - nicht wahr?! - aus der Scheiße zu ziehen.
Zum Beispiel in der Suchtberatung - und die Sucht ist nur eine Sorte von Scheiße, aus der man sich ziehen muss - wird häufig darauf gesetzt, dem Suchtkranken eine starke äußere Struktur zu schaffen (über ein sozialarbeiterisches Arbeitsprojekt, eine religiöse Glaubensgemeinschaft, eine feste Therapiegruppe....), deren Sog eben stärker wirkt als der des Suchtmittels. Der suchtkranke Künstler oder Autor, der für solch Gruppen und vorgegebene Strukturen vielleicht einfach bloß zu einzelgängerisch und selbständig denkend ist, muss sich den rettenden Sog selbst erzeugen, und er tut eben dies, indem er, wie oben beschrieben, einen Stein ins Rollen bringt, dem er dann hinterrennen muss, der ihn sozusagen - mental fesselt.
Die Formulierung: sich aus der Scheiße ziehen, ist ein bißchen missverständlich, da sie den Eindruck erweckt, man sei irgendwann draußen. Das ist man natürlich nicht. Das Leben bleibt hart, und eigentlich gehts eher darum, den Kopf über Wasser zu halten: die Bewegung des sich am Schopf aus dem Sumpf Ziehens, ist eher eine Schwimmbewegung, und wie gut man dabei ist, planlose Paddeln oder kräftige gleichmäßige Armzüge und Beinbewegungen. Man darf den eigenen Schopf nie loslassen, Selbstaufklärung als unendliche Geschichte. Fesselndes Sprechen, Schreiben, Denken... also will geübt sein wie Kochen oder Autofahren.
Anschließende Frage: wie lernt man Schreiben? Durch Übung! Schreiben lernt man, indem man Schreiben übt, und zwar genauso wie andere Leute Jonglieren, Einradfahren, Tischfußball, Eisschnellauf, Gartenpflege, Kopfrechnen, Tapezieren, Bildhauerei, Bauchtanz, Yoga, Kickboxen, Bogenschießen oder Jazztrompete üben.
Dann besteht die Aufgabe des Schriftstellers darin, sich möglichst frei in dem Universum aus Sprache zu bewegen, ohne permanent auf bereits fertig Gedachtes, Phrasen, Modelle, komplett gefügte Weltanschauungen, zementierte Wahrheitssätze... rückgreifen zu müssen. Denn es zeichnet den Schriftsteller aus, alles mit eigenen Worten zu sagen. Es versteht sich fast von selbst, daß eine Sprache zu diesen Zwecken gepflegt sein will. Eine schadhafte Sprache kann gefährlich werden wie ein schadhafter Taucheranzug, ein löchriger, verhedderter Fallschirm oder eine schadhafte Safariausrüstung. Wenn ich den Himalaya besteige, muß ich mir überlegen: was nehme ich mit? Nehme ich Sauerstoff mit, nehme ich Kekse mit, oder was auch immer. Und für den Berg, den wir in den 60er Jahren besteigen wollten, boten die Beats ein gutes Rüstzeug, erklärt Jürgen Ploog zum Beispiel sein Interesse für William S. Burroughs in einem Interview. Sprache zum Anziehen: wir müssen achtgeben, daß wir an ihr nicht ersticken, nicht gar zu nackt oder wie ein Paradiesvogel aussehen oder aus Versehen an Türrahmen hängenbleiben... Der Schriftsteller formt und feilt an einer Sprache, die er sich einverleiben und die er aus sich hervorbringen kann, um mit ihr gewissermaßen per Anhalter durch die Galaxis zu reisen.
...wenn das gelungen ist, ist ein Buch fesselnd: so wie wir auch den Anblick von guten Zirkusakrobaten und Eiskunstläufern nicht lassen können. Und es liegt für den wirklich liberal denkenden Menschen eine große Beruhigung in der Erkenntnis, daß fesselnde Bücher über alle nur denkbare Themen und in allen Stilformen existieren - leben? Gibt es ein deutlichereres Symbol für Gedankenfreiheit als eine vielfältig bestückte Bibliothek? Psychologische und soziologische Sachbücher lesen sich fesselnd, und fesselnd lesen sich die Krimis von Eric Ambler, Dashiell Hammet und Simenon. Fesselnd lesen sich manche Thriller der Bestsellerlisten wie Thomas Harris "Das Schweigen der Lämer" oder Michael Crichtons "Dino-Park" wie sich auch die Klassiker eigenbrötlerischer Außenseiter, zum Beispiel Karl Philip Moritz's "Anton Reiser", fesselnd lesen - und Hasspamphlete wie Svende Merians berühmter "Tod des Märchenprinzen", eine feministische Hetzkampagne der 80er Jahre im Flugblattstil, ziemlich verbohrt, ziemlich verbittert und ideologisch verklärt, aber fesselnd, wirklich fesselnd! Und fesselnd liest sich sogar das Tagebuch der Hausfrau und Mutter Gisela Wünnemann "Mama, mach mal!" Für mich persönlich waren die Science-Fiction von Robert A. Heinlein ungeheuer fesselnd. Für andere mag Lydia Lunchs krasses New-Yorker Underground-Tagebuch fesselnder sein, oder Johann Wolfgang von Goethes "Wahlverwandschaften", Thomas Kapielskis "Davor kommt noch", Jürgen Habermas "Strukturwandel der Öffentlichkeit", Stefan Zweigs "Maria Stuart", Albert Camus "Der erste Mensch", Norman Mailers "Marilyn Monroe", Helmuth Karraseks "Das Magazin", Sten Nadolnys "Die Entdeckung der Langsamkeit", Sebastian Haffners "Anmerkungen zu Hitler", Hermann Hesses "Steppenwolf", Carlos Castanedas "Lehren des Don Juan" oder sogar Immo Jallass "Mehr Bewusstsein!"
Bei einer Fortbildung lernte ich einen Strafverteidiger kennen, der behauptete, das Deutsche Gesetzbuch sei ungeheuer fesselnd ("Da tobt das Leben!"), und dann gab es noch zwei weitere Juristen, die in ähnlicher Weise schwärmten...
Ist die Frage, wie man sich schreibend am eigenen Schopf aus der Scheiße zieht?, damit erstmal hinreichend beantwortet? Ich denke schon!
Für den liberalen Geist, wie gesagt, hat es etwas absolut beruhigendes zu sehen, daß nahezu jede Sorte Text Menschen zu fesseln vermag. - denn stellen wir uns mal vor, nur eine ganz bestimmte Sorte Texte vermöchten zu fesseln - das wäre doch schlimm! Das wäre die totalitäre Negativ-Utopie. Für die Spaß- und Erlebnisgesellschaft ist die Aussage: "Nur dies ist spannend, alles andere langweilig" identisch mit den Parolen des 19ten und frühen 20sten Jahrhunderts "Dies allein die Wahrheit", dogmatisch, gleichschaltend, autoritär. Ein tiefer Widerspruch und vielleicht der Schlüssel zum Popfaschismus der Jahrtausendwende liegt in der Erkenntnis, daß wer sich auf Pluralismus und Meinungsvielfalt beruft, auch verschiedene Geschmäcker gestatten muss bei dem, was als witzig, unterhaltsam, spannend, interessant, lebendig... empfunden wird, also zum Beispiel auch gerade das auf den ersten Blick biedere, dröge, akkurate, erbsenzählerhafte, schleimscheisserische, gescheiterte... Leben...