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Glückliche Ruinen

erstellt von Thomas Nöske zuletzt verändert: 24.05.2009 20:29

Die nekrophile Romantik in den Abbruchvierteln der Industriestädte, verbunden mit dem surrealen Hang zur Anderswelt, dunkel eingefärbt durch Drogenkonsum und selbstzerstörerische Akte, fängt kaum ein Buch so elegant und farbenprächtig ein wie Caroline Hartges Roman "Ptolemain", der von 1995 stammt.

Bele scheint noch sehr jung, fast noch ein Kind, jedenfalls nach der Art geurteilt, wie man sie im Krankenhaus behandelt. Sie wurde durch Gänge und automatisch öffnende Türen zum Röntgen gefahren, wo ein junger, in Witzen sprechender Mann Aufnahmen ihrer Halswirbelsäule anfertigte - komprimiert, im Liegen, und gestreckt, im Stand. Eine Aufnahme mißlang, denn "du hast mich ja angeschwindelt, du hast ja doch Schmuck um!" - Bele hatte ihre Halskette abzunehmen vergessen. Ob sie das Foto behalten dürfe - aber sicher, klar doch. Und ihr Genick war heil und ganz, sieben schöne Wirbel, siehste die? - doch wie der Leser Bele während ihrer Krankenhausbehandlung quasi über die Schultern blickt, dämmerts ihm allmählich, und zwar nach und nach, daß sie drogenabhängig ist. Die Droge ist fiktiv und heißt "Ptolemain" und der Ort, an dem die Geschichte spielt, Butte-des-Morts, eine surreale, düstere Ruinenlandschaft. Aber von der psychedelischen Aura einer vergifteten Heimat, mit den Geistern auf du und du, und doch eigentümlich gebremst, zurückgehalten, wie durch den Schleier sanfter Halluzinationen. Es wärmt, es umgibt einen, es gibt einem das Gefühl von Zuhause - aber es ist giftig. Eine vergiftete Muttermilch, wie Drogensucht in der psychoanalytischen Theorie symbolisiert wird.

Franca hat diese Wohnung von der Schwester ihres Großvaters geerbt, den sie nie gesehen hat; mit allem, was beim Tod der alten Frau darin war. Eigentlich ist sie viel zu groß, findet Bele, soviel Raum können zwei allein gar nicht mit Leben erfüllen. Was wir bräuchten, wären ein paar Katzen. Das Licht verliert sich in den weitläufigen Fluchten der Wohnung, sie schluckt die kleinen alltäglichen Laute, und alle Wärme scheitert an ihrer beharrlichen, feuchten Kälte. Dunkelheit - Stille - Kälte: Hier kann man nicht leben. Aber niemand weiß, daß Francas Großtante längst gestorben ist, die mietfreies Wohnrecht auf Lebenszeit genoß, und so sind Franca und Bele seit vier Jahren bei Luise Krause zu Besuch.

Außerdem ist die Wohnung im Laufe der Zeit ziemlich heruntergekommen, verwohnt worden eben; eine unüberschaubare Folge von Zimmern, mit Tapetentüren und begehbaren Schränken, absurden Grundrissen und himmelhohen Decken, die das Tageslicht nie behelligt. Aus unerfindlichen Gründen muß Francas Großtante etwas gegen Deckenlampen gehabt haben: Nur im fensterlosen Flur baumeln schäbige fünfundzwanzig Watt von der Decke.

Seit dem Tod der Großtante hat sich in der Wohnung wenig verändert. Niemand hat in den Schränken geguckt, die Schubladen geöffnet (ölige Radiergummis, dicke Buntstifte, die man nur mit einem Federmesser anspitzen kann, Münzen aus längst entlassenen Kolonien, Siegellackreste), oder die zahllosen Umschläge und Aktendeckel auf ihren Inhalt hin erforscht. Zum Beispiel dieses kleine Mäppchen, auf dem ein Zettel mit der Aufschrift "Mirrors over Kiev" klebt? Oder die länglichen, silberglänzenden Fazermint-Schachteln, in denen ursprünglich finnische Pfefferminz-Schokoladen-Bonbons waren, und von denen in jedem Schrank mindestens eine zu liegen scheint?

Aber es ist Franca nie in den Sinn gekommen, dieses Grab eines langen, ihr nicht bekannten Lebens pietätlos zu plündern und zu räubern, und Bele noch viel weniger. So haben sie es als Grabwächterinnen bewohnt und gemeinsam gehütet, und jetzt hütet Bele es allein.

Die Stadt, in der Bele lebt, könnte jede mittelgroße Hafen- oder Industriestadt sein, mit einer Silhuette von Kränen vorm dunkelgrauen Himmel. Allein das "Ptolemain", der Name der Droge, hergeleitet vom ptolemäinschen Weltbild, nachdem die Erde eine Scheibe ist und der Himmel eine gewaltige Kuppel, an der Sonne, Mond und Sterne hängen, gibt der Tristesse etwas Saft.

Der morbide Kult um zerstörte Industrieanlagen, rostige Stahlträger im Regen, Schlammpfützen zwischen Öl- und Benzinpfützen, eine Gegend wie ein verottetes Ruhrgebiet. Anfang der 90er fanden die ersten Techno-Events in leerstehenden Fabrikhallen statt, in Tunnels und in den Kellern ungenutzter Hochhäuser. Es gibt einen praktischen Aspekt, denn die Fabrik- und Lagerhallen standen leer und rotteten vor sich hin und konnten von der Jugend für Techno-Festivals benutzt werden; und es gab einen ästhetischen Aspekt, denn die zerfallenen Gebäude hatten postapocalyptischen Flair, beflügelten die Phantasie, und man konnte sich als Teil einer postapocalpytischen Avantgarde fühlen. Ein Tanz auf den Trümmern, wie 1989 in Göttingen das Abschieds-Open-Air-Konzert eines besetzten Hauses betitelt wurde. Wenn eines Tages die Apocalypse kommt und sie nur die meisten Menschen, nicht die Natur, die Pflanzen und die Tiere träfe, dann sähe danach die ganze Welt so aus. Die paar übriggebliebene Menschenwesen, zu desillusioniert und enttäuscht um noch an irgendetwas zu glauben, fielen in heidnische Rituale zurück - und so ist die postapocalyptische Vision eine krude Mischung aus Stahl- und Betonruinen, Selbstzerstörung und kultischen Ritualen. Das ist das traurig berauschte Lebensgefühl zwischen den Industrieruinen der Endzeit, ein Szenario, wie man es in tausend deutschen Großstädten seit den 80ern Jahren findet: Einstürzende Neubauten, Bauhaus und die Sisters of Mercy. Die Gebäude sind vermutlich Asbestverseucht, das Trinkwasser ist bleihaltig und die Luft voller Smog.

Geschlossene und finale Weltbilder, die von festen Werten ausgehen und auf einen allgemeinen Untergang hinauslaufen, haben den Nachteil, das Denken ihrer Anhänger einzuschränken, und den Vorteil, eine enorme Intensität an Kraft und Orientierung zu vermitteln; wenn Zivilisation und moderne Kultur zum Untergang verurteilt sind, ist es gleich, ob man mit oder gegen die Gesellschaft handelt - man kann ihre Kosmologie erforschen wie die eines mittelalterlichen Kirchenmanns. Nicht Kraft aus Freude, nicht Kraft durch Arbeit, sondern Kraft durch ein eingeschränktes Weltbild, lautet das Motto. Das Ptolemain verzaubert die Stadt in ein Geisterreich, wo sonst nur mechanische Gestalten und routinierte Holhlformeln zwischen gammligen Industriefassaden ablaufen. Für Nietzsche ist das Kriterium einer starken Kultur die Stärke ihrer Mythologie: "das Leben braucht eine umhüllende Atmosphäre aus Illusionen, Leidenschaften, Liebe, um lebendig zu bleiben. Verbunden ist dieser Gedanke mit einer Kritik am Realismus, der sich den vermeintlich harten Tatsachen unterwirft, resigniert, kraftlos oder zynisch, um schließlich zu enden bei der Gesinnung eines nihilistischen Egoismus." Kein Wunder, wenn sich jeder aufgeklärte und desillusionierte Mensch irgendwie auch immer zurücksehnt in ein fixes und mythisch aufgeladenes Welterklärungssystem. Nur die härtesten von ihnen haben auf die Dauer die Härte, der Versuchung zu widerstehen. Bele erlebt ihre Welt mit der Kraft eines psychedelischen Schleiers, gefärbt im Ton melancholischer Stadtruinen und düsterer Träume. Der Alltag, so normal wie das Leben auf Drogen überhaupt sein kann, wird phantastisch eingefärbt. Nichts passiert, aber die bürgerliche Umgebung, in der Bele den täglichen Überlebensrhythmus lebt, verschwimmt verzaubert in eine Art Märchenwald aus Häusern, Läden und Fußgängerzonen. Eine Welt, so langweilig und öde, so einsam und ziellos wie gleichförmiges Leben nur sein kann, doch komplett getaucht in melancholische Verklärung und den morbiden Glamour eines Drogenuniversums: Aberglaube, Hinterhalte, Verstecke, Magierzweikämpfe und heilige Stätten - zwischen Karstadt, Tschibo, Drospa, der Sparkasse und der Straßenbahn.

Während Bele also versucht, ihr normales Leben so gut es geht aufrecht zu halten, erwacht am anderen Ende der Stadt das düstere Monster, das sie verfolgt:

Es war eine Szene in einem dämmrigen, stickigen Zimmer gewesen, von dem er ohne nachzudenken gewußt hatte, es war in einem Hotel. Die Fensterläden waren geschlossen gewesen, so daß er nicht sicher gewußt hatte, an welchem Ort es gewesen war, aber es hatte sich orientalisch angefühlt. Die von draußen gedämpft hereindringenden Geräusche und Gerüche hatte er eindeutig als maghrebinisch identifiziert. Woher er diese Gewissheit gehabt hatte, war Erik selbst nicht ganz klar. Aber es waren genau diese für Träume ungewöhnliche Klarheit und Sicherheit, die die Anweisungen der Organisation von allem anderen in Eriks Leben deutlich unterschieden. Die Organisation ließ ihn und seine Brüder nie im Zweifel. Und das war es letztendlich, was sie alle in unverbrüchlicher und halsstarriger Treue an die Organisation band.

Die Inkarnation hatte apathisch in einem Sessel am Fenster gesessen, mit dem Rücken zu ihm. Als Erik vor ihr stand, hatte sie sehr, sehr langsam den Kopf zu heben begonnen, was eine schiere Ewigkeit dauerte. Aber dann hatte sie gar kein Gesicht gehabt, gar keine Augen. Nur ein narbiges, rötliches Glühen wie wie die Sonne mit ihren Gasflecken, das allmählich heller und heller geworden war. Die Gestalt hatte ihm bedeutet, sich zu ihr herunterzubeugen, als wolle sie ihn küssen, doch das Glühen war immer weißer und gleißender geworden, so daß Erik schließlich vor der Hitze zurückgezuckt war. Aber in diesem unerträglich weißglühenden Leuchten hatte er das Gesicht des Personifizierten Schmerzes erkannt.

Jetzt mußte er es nur noch finden (...) und ein für alle mal auslöschen. Der Virus des Schmerzes befand sich in einem permanenten Mutationsprozeß und nahm ständig neue Hüllen an, aber die Organisation war auf Draht und dem Schmerz hart auf den Fersen. Es war die Aufgabe von Agenten wie Erik, die aufgespürten neuen Inkrnationen unschädlich zu machen.

Und er wußte auch schon, wie, denn es war nicht der erste Auftrag dieser Art.

Und sein Ziel ist Bele, die Frau, die er nur ein paar Buchseiten zuvor noch als die WUNDERSCHÖNE BRIEFTRÄGERIN beobachtet und bewundert hat - jetzt also Inkarnation des Schmerzes, und er befindet sich auf ihrer Spur. Der Reiz und der spezielle Wert die Geschichte liegt freilich in der Vermischung von Fantasy und Realismus, Psychologie und Psychedelic. Die Stadt, es könnte Duisburg sein, es könnte Kassel, Hannover, Rostock oder Halle sein, verschwindet in den finsteren Visionen von Protagonist und Antagonist, die, weil sie wenigstens zu zweit sind und übereinstimmen, nicht nur eine Fiktion, sondern eine Wahrheit produzieren. So ist also der Wolf auf seiner Fährte, und das Lamm sondert Duftstoffe der Angst ab.

Interesant, und damit zu einem Werk jenseits des Mainstreams, zu einem Werk des Independents, wird die Erzählung durch das konsequente Weglassen aller bestimmter Schilderungen auf das Suchtverhalten. Wir sehen Bele weder Dealer suchen noch Zitronensäure in Löffeln aufkochen noch unzurechungsfähig über die Bürgersteige torkeln. Die überklare Darstellung der Handlungen und Rituale des Suchtmillieus, wie sie ja in jedem Buch seit 1970 mit dem Prädikat "realistisch" zelebriert werden, wird vermieden. Stattdessen lernen wir mit Bele eine Welt kennen, die auf der einen Seite unglaublich sinnlich und vertraut, auf der anderen Seite immer wieder in surrealistische Exkurse abhebt: "Im toten Ende des Flures hatte der antike Staubsauger von Francas Großtante gestanden, eines jener Vampiretta-Modelle, bei denen der Staubbeutel frei an einer Längsstange aufgehängt ist. Das dunkelgrüne, handliche Gerät war ihnen immer wie die zeitgenössische Variante eines Hexenbesens oder Spinnrockens vorgekommen: Zielscheibe zahlreicher Anspielungen und alberner, etwas despektierlicher Witze, mit denen Bele und Franca ihr Unbehagen in der frostigen Wohnung zu verscheuchen versucht hatten." Und zum Aufsitzen auf das Ding und Abflug in eine Gewitternacht über Tannenwipfeln ist es genauso weit wie zur nüchternen, doch bislang unbemerkten Feststellung, daß das Rohr verstopft und das Ding bereits seit drei Monaten nicht mehr richtig saugt. Bele lebt und bewegt sich auf einem schmalen Trampelpfad zwischen einem unendlichen Geister- und Dämonenreich, über das nichts bekannt ist, und einer endlosen Realität, über die man ebenfalls nichts weiß; der beleuchtete Fleck ihres Universums ist winzig im Vergleich zu den unbekannten Weiten und Tiefen, in die es nach außen hin immer weiter zerläuft. Butte-de-Morts, die Stadt, scheint für Bele auf ein paar Punkte und bekannte Flecke beschränkt, Linien zwischen ihnen, die sie verbinden: das Industriegebiet, das Klinikum, der Buchladen, die Discothek. Die einzelnen Szenarien setzen sich zu keinem gerundeten Ganzen zusammen, wodurch das Nachttraumhafte der Erzählung verstärkt wird, während der Leser doch stets bemüht, sich ein Bild des ganzen Szenarios zu machen, kurz aufblitzend, Eindrücke von, na, sagen wir, Hafenstadt am Berghang, verottetem Industriegebeit oder 50er Jahre Fußgängerzone empfängt. Auf der anderen Seite zerfällt auch das surreale Reich der Geister und Dämonen in unzusammenhängende Fragmente. Der beleuchtete Pfad, auf dem Bele durch eine vertraute Welt laufen kann, ist wirklich schmal und verschwindet in allen Richtungen in schwarzem Dickicht. Wir stellen uns eine schlaksige Frau vor, die zäh wirkt, aber nicht stabil, recht hübsch, aber unauffällig und in ihrer vorsichtigen Art nicht ohne weiteres zugänglich. Ein stilles, tiefes Wasser ist, in ihrer rätselhaften Selbstversunkenheit jenseits oberflächlicher Begriffe wie "bodenständig", "selbstbewußt", oder: "eigensinnig", elegant in der Melancholie, bescheiden und mit einiger Liebe zu Schnörkeln, schüchternem Witz, grundsätzlicher Neugier und einem heiligen Respekt vorm Verborgenen. "Er zog die Tür heftig ins Schloß. Seine seltsam stampfenden Schritte entfernten sich langsam auf der Treppe. Die Milchglasscheiben in der Wohnungstür klirrten leise. / Es war keine professionelle Vorstellung; aber ich bin auch nur der Finger auf der Tastatur, und Bele, die all dies erlebt hatte, Bele stürzte ins Bad und erbrach sich heftig."

Das Finale, der Showdown ist mehrdeutig genug gefasst: die unterschiedlichen Erzählebenen überlagern einander und wabern umher. Vielleicht fließt Blut, vielleicht stirbt jemand, vielleicht ist das bloß symbolisch, jedenfalls outet und offenbart Erik, ohne es zu wollen freilich, die pathologische Dimension seiner fanatischen Religiösität, und durch diese Konfrontation wird Bele aus ihrer Lethargie und Trance geweckt und geht befreit von ihrer Drogenabhängigkeit als Siegerin des Showdowns hervor. Es ist eine Geschichte der Befreiung aus der Abhängigkeit von der giftigen Muttermilch. Über der Stadt wird nicht gleich die Sonne aufgehen, aber der Grauschleier wird sich heben, die Dinge werden neu beseelt. "Der Himmel begann leise zu glühen", und Caroline Hartges Leser vollzieht nach, wie die Düsternis aus Beles Wahrnehmung entflieht. Also ein Befreiungsbuch. Vom Buchlabor in Dresden in dicke Pappe fadengebunden, mit einem roten Band als Lesezeichen, einem Schutzumschlag aus cremfarbenen Papier und gelbgefärbten Schnittkanten, ein Buch wie aus Luise Krauses geheimen Schrankfächern, in denen auch die Tablettenröhrchen liegen; ein Schmuckstück. Eines der handvoll Schätze, die man sein Leben mit sich herumträgt, auch wenn sie immer gammliger werden. Nach dem Schlüsselerlebnis und dem Aufwachen schließt sich Bele nicht etwa dem bürgerlichen Leben in der Normalität an. Sie braucht keine Wohlstands- und Sicherheitsideologien, um sich von der rauschaften Selbstzerstörung loszusagen. Die Befreiung soll rein innerlich geschehen, quasi unabhängig kultureller Umstände.