Feuerprobe
Eine typische Lesung in Hilka Nordhausens legendärer Buch Handlung Welt Mitte der 70er Jahre. Damals war ich gerade erst geboren, die Geschíchte ist also fiktiv, basiert aber halbwegs auf Augenzeugenberichten, so dass sie sich so vielleicht hätte zutragen können. Ansonsten enthält sie aber wenigstens ein paar nette Zitate.
Die Buch Handlung Welt sah nicht sehr geöffnet aus. Theo Köppen rüttelte an der Tür. Abgeschlossen. In weniger als einer Stunde sollte er hier eine Lesung aus seinem Buch "Bekanntmachung" beginnen. Der Raum war dunkel und, soweit Köppen durch angestrengtens Spähen zwischen den Jalousien erkennen konnte, auch nicht im geringsten vorbereitet oder auch nur aufgeräumt. Die Buch Handlung Welt sah aus wie nach einer Party, während Gäste und Gastgeber verkatert noch schliefen oder wie ein zugesperrtes Yippie-Büro nach polizeilicher Räumung. Kein doller Empfang - nach sechs Stunden Autostopp, mit einem Rucksack voll Bücher und Flaute bei Nieselregen am Hannover Kreuz! Von Stühlen für die Gäste, Tisch, Lampe und Wasserglas für den Vortragenden, nichts zu sehen. Köppen ließ seine Blicke durch den schattigen Raum streifen, um abzuchecken, wie lange es wohl dauern würde, den Laden für seine Lesung bereit zu machen. Zuvor musste er allerdings überhaupt erst einmal die Eigentümerin des Ladens ausfindig machen, Hilka Nordhausen, mit der er die Lesung erstens abgesprochen hatte und die sie zweitens ja auch in allen Tageszeitungen, Veranstaltungsmagazinen, ja sogar durch gedruckte Handzettel und Plakate angekündigt hatte. Wahrscheinlich war sie mal wieder besoffen in hochgradig halsstarrige Streitigkeiten verstrickt. Wieviele Szene-Kneipen gab es im Kiez?
Eigentlich war er über die Situation nicht wirklich überrascht. Er seufzte nur wie jemand, der weiß, daß ihm wieder ein Batzen stressiger und unangehmer Arbeit bevorsteht. Aber er hatte es ja so gewollt: die Buch Handlung Welt im Hamburger Karolinenviertel gehörte zwischen 1976 und 1983 zu den wenigen avantgardistischen Orten Deutschlands, wo sich die jungen und wilden, experimentellen und kritischen Literaten trafen, die auf der Höhe ihrer gegenwärtigen Zeit sagen wollten, was zu sagen ist. Das Karolinenviertel war damals so etwas wie Kreuzberg in den 80ern für Berlin oder der Prenzlauer Berg für Ostberlin, nämlich ein Kiez der Freaks, Ausgestoßenen, Unverstandenen, der Künstler und der politisch Radikalen. Die Avantgarde tritt ja nie flächendeckend auf, sondern hat ihre Zentren, in denen es brodelt, kocht, neue Ideen entstehen. In der durchschnittlichen, normalen deutschen Kleinstadt oder auch mittleren Großstadt bekam man von Punk und Provokation, Krach und Konzept, Beat und Buddhismus nicht gerade viel mit. Die Brisanz ergibt sich indes nicht aus der ideologischen Reinheit einer Strömung, sondern aus der lebendigen Vermischung und Überlagerung, durch die hochexplosive Akkumulationen und Wellen entstehen. Wer dabei sein, das Fieber in der Luft spüren oder diskutieren wollte, den führte ein Weg nach Hamburg in Hilka Nordhausens Buch Handlung Welt.
Michael Kellner schrieb in einem Nachruf:
... der "Warencharakter" von Kunst war problematisiert und wurde versucht zu unterlaufen, aktuelle Stilrichtungen waren konkrete Poesie und Konzeptkunst (...) weniger eine Buchhandlung im klassischen Sinne, sondern ihr ganz persönliches Gesamtkunstwerk. Bücher waren nur ein Teil des Konzepts: zum literarischen Surrealismus, zur Konzeptkunst, die in Deutschland sicherlich größte Auswahl an deutschen und amerikanischen Literaturzeitschriften und Büchern aus kleinen Verlagen, Künstlerbücher, Autorendrucke, Buchobjekte.
Der andere Teil war Handlung: Lesungen, manchmal zwei pro Woche, Filme, Performances. Hier "trainierte" die international besetzte Hamburger Künstlergruppe HENRY/NANZY, und dann war da die Stirnwand des Ladens: 3,80 Meter hoch, 5,20 Meter breit. im Vier-Wochen-Rhythmus wurden Malerinnen und Maler eingeladen, ein Bild direkt auf die Wand zu malen. Nach Ablauf der vier Wochen wurde sie weiß überstrichen, das nächste Bild konnte entstehen. Über 60 Gemälde überlagerten sich so im Laufe der Jahre, und jede/r, den Hilka Nordhausen für würdig hielt, bekam eine Chance: damals und heute Namenlose ebenso wie Dieter Rot, Vlado Kristl, Albert Oehlen und Werner Büttner - und diese Bilder waren nicht zu kaufen, nicht in den Handel zu bringen, sperrten sich, wie es radikaler nicht geht, gegen eine Verwertung.
Michael Kellner, Köppens Freund aus Göttinger Tagen, war sogar extra ihretwegen von Kassel nach Hamburg gezogen. Er arbeitete jetzt mit als Geschäftsführer, was zu der Zeit ungefähr soviel bedeutete, daß er der schlampigen und immer betrunkenen Hilka zu erklären versuchte, wie sinnvoll eine spezielle Ablage für unbezahlte Rechnungen sei. Aber Hilka war radikal und verrückt. Sie führte ihre Buch Handlung mit allem Herzblut, gestaltete sie als Gesamtkunstwerk, als Hort progressiver und subversiver Schriften und ästhetisches Modell einer utopischen Zukunft, - aber eine Ablage für unbezahlte Rechnungen gehörte nicht dazu. Wie sollte es auch, dachte Theo Köppen, sie ist ja nicht einmal im Laden, wenn eine lange geplante und angekündigte Lesung stattfinden soll, noch hat sie den Laden vorbereitet. (1983 ging sie bankrott, nicht nur weil ihr Sortiment zu speziell war, sondern auch, weil es schlicht keine vernünftige Wirtschaftsweise gegeben hatte.)
Ungefähr dreißig Sekunden lang spähte er durch die Lamellen des geschlossenen und dunklen Ladens, er skizzierte im Kopf schon mal einen groben Plan, erst den Boden freiräumen und Dreck wegfegen, damit die Gäste sitzen können, dann Tisch, Lampe, Stuhl, Bierflasche für den Vorleser auf die Bühne..., dann machte er sich auf den Weg in die "Markstuben", einer der Stammkneipen im Viertel. Die Hamburger Kunstszene hatte ihre Treffpunkte, tagsüber die Buch Handlung Welt, abends, nachts und frühmorgens die Marktstube, und wenns drauf ankam, die Buch Handlung Welt dann erst wieder am späteren Nachmittag. Jedenfalls hoffte Köppen, daß, wenn er Hilka schon nicht im Laden antraf, er sie zumindest in einer der nähergelegenen Stammkneipen finden würde, wo er als nächstes nachschauen wollte. Und er hatte Glück. Sie war da. Viel länger hätte die Suche auch nicht dauern dürfen. Es war schon halb neun.
Er erkannte sie sofort - an ihrer lauten Stimme. Hilka saß mit einigen anderen, Leuten, vermutlich auch Künstler aus der Hamburger Szene, an einem Tisch. Wortreich, laut und mit wilden Handbewegungen wollte Hilka einem milchgesichtig aussehenden Typen deutlich machen, daß sie ihn für ein arrogantes, überhebliches Schwein hielt. Vermutlich hatte der arme Teufel beiläufig irgendeine dumme Bemerkung gemacht, einen Standpunkt bezogen, der zuwenig durchdacht war, hatte versucht, Eindruck zu schinden, oder versucht, mit einem halbherzigen Zugeständnis Sympathien zu haschen - auf jeden Fall wurde er jetzt beschimpft. Kunstvoll zerpflückte sie seine, wie sie fand, aufgeblasene Meinungen, seine mangelnde Selbstgewissheit, seine Effekthascherei, führte alles als aufgewärmten Pseudoquark vor, konfrontierte ihn mit schmutzigen Geschichten aus der Kulturschickeria, forderte Konsequenzen, machte ihm den Wert seiner angepassten Handlungen klar... Dann kam sie zu dem Ergebnis, daß er ein rückratloser Schnösel sei, auf Leuten wie ihm würden die Diktaturen errichtet... Je länger sie auf ihn einschimpfte und gestikulierte, umso weiter rückte der arme Mann in seine Sitzecke, er wurde im wahrsten Sinn in die Ecke gedrängt - und dort zerfetzt.
Die Geschichte ist natürlich erfunden, aber ich habe versucht, sie so realistisch wie möglich zu erfinden. Als zentraler Treffpunkt war Hilkas Buch Handlung prinzipiell offen für jeden aus der Künstlerszene, aber sie musste zusehen, es nicht mit lauter halbherzigen Möchtegerns zu tun zu bekommen. Ein gewisses Niveau sollte gehalten bleiben. Da man das Alte hinter sich lassen und auf Neuerungen setzen wollte, konnten, anders als bei den großen Museen, etablierten Verlagen, Universitäten, Zeitschriftenredaktionen... kaum rein formale Qualifikationskriterien entscheiden, und eine Vetternwirtschaft verbot sich ja fast von selbst. Hilka musste also das Kunststück vollbringen, ihren Laden und ihren Kreis einerseits offen für neue Experimente zu halten, andererseits nicht von zuvielen halbherzigen, undurchdachten Ansätzen verwässern zu lassen. Ihr Standpunkt lautete etwa: Junge, du kannst Denken und Wollen was du willst, aber du musst es wirklich vertreten können. Wenn sie die Leute so stark anging, immer wieder nachbohrte, konfrontierte und versuchte, mit fiesen Argumenten zu Fall zu bringen, ja sie teilweise sogar aus dem Laden schmiss, nur weil der Lebensstil ihr nicht passte oder jemand unaufrichtig und nur so tuend als ob erschien, war das schlicht (bei aller Aufrichtigkeit in den Emotionen und Impulsen) auch ein Regulativ, mit dem sie zusah, daß ihre Szene nicht verwässert wurde... mit anderen Worten: wer mitmachen wollte, musste schon wirklich überzeugt von seinen Sachen sein...
Auf den armen Kerl musste Theo Köppen wie eine Rettung wirken. Köppen stellte ärgerlich fest, daß nur noch wenige Minuten ihn vom angekündigten Beginn seiner Lesung trennten. Er hatte keine Zeit zu verlieren, tippte Hilka auf die Schulter, lächelte wie einer, der trotz alledem dankbar und voll guter Hoffnung ist und sagte: "Hallo Hilka, ich bin gerade angekommen, na, wie gehts Dir, schön Dich zu sehen...", und: "Du, wir müssten jetzt mal bald rübergehen in deine Buch Handlung und Stühle und Tische aufbauen. Du hast meine Lesung doch angekündigt. Gleich ist es neun Uhr."
Ob aus purer Freude oder schlechtem Gewissen, jedenfalls begrüsste sie ihn herzlich, umarmte ihn und strahlte: "Ah, Du bist schon da, Grüss' Dich! Schön dich zu sehen. Setz' Dich, bestell' Dir ein Bier!" Sie schien unlängst etwas wackelig auf den Beinen, und ihr Atem roch recht scharf. "Wir haben gerade eine interessante Diskussion über die Rolle des Künstlers und seine Glaubhaftigkeit und woran man glaubt..." Sie drückte ihn an sich und ließ sich dabei schon wieder auf ihren Stuhl sinken, fest gegen Köppens Schültern drückend, er solle neben ihr auf einem Stuhl Platz nehmen.
Er aber hatte keine Zeit zu verlieren und machte sich los: "Nee, ich möchte jetzt, daß wir die Buch Handlung für meine Lesung vorbereiten!"
"Ist Michael nicht da?" fragte sie, die eine Hand am Bierglas, die andere nach den Zigaretten tastend. Der Mann am Tisch atmete hörbar durch.
"Der muss doch heute arbeiten bis elf..."
"Achsoja. Warte. Ich geb' dir den Schlüssel, dann kannst du das machen!" Sie kramte in ihrer Hosentasche, die Schulter hochgezogen bis zum Ohr, die Haare fielen ihr über die Augen, sie kramte ein Feuerzeug, ein bißchen Geld und Haschbröckchen hervor...
"Nein!" sagte Köppen, "Ich will, daß du mitkommst und den Einlass machst. So ist es abgesprochen."
"Abgesprochen, abgesprochen - wird nicht gebrochen." Sie lachte laut ein besoffenes Kneipenlachen, wie eine frühgealterte, zahnlose Pippi Langstrumpf, "geh schonmal vor, ich komme gleich nach, sobald ich mit dem... dem - Kerl da... fertig bin"
Sie klopfte ihm fest auf die Schultern.
"Hör' mal! Du hast mich eingeladen, und es ist gleich neun. Es geht gleich los. Ich meine, du solltest dabei sein, du bist schließlich die Gastgeberin!"
"Wieso? Kriegst du deine Sachen nicht allein auf die Reihe?" Sie hatte den Schwung und die hemmungslose Direktheit von Menschen, die es gewohnt sind, alle ihre Geschäfte mehr oder weniger angetrunken zu erledigen, und die ihr Handicap durch persönliches Engagement auszugleichen pflegen. Wenn etwas klappte, war Schnaps im Spiel, und wenn nicht, ebenfalls: so einfach war das Ganze.
"Natürlich kriege ich meine Sachen auch ohne Dich... aber nein, darum gehts überhaupt nicht, du hast mich eingeladen, du hast mich eingeladen, du hast Werbung gemacht, es ist deine Buch Handlung, und du musst den Einlass machen, und du hast mich eingeladen... und... äh..." Er versuchte chamarmat zu grinsen: "Ich möchte natürlich auch, daß du dir meine Gedichte anhörst und mir hinterher sagst, wie sie dir gefallen haben, hmm?!"
"Lieb von dir, Theo, ein andernmal vielleicht, ich muss erst noch..." Sie wollte sich wieder ihrem Streitpartner zuwenden... der hob sein Bierglas hoch und stellte es wieder ab...
Theo packte sie am Arm, wusste, daß das vielleicht provozierend wirken könnte, aber auf den Machtkampf ließ er es ankommen: "Nichts da! Du kommst mit. Die Gastgeberin soll dabei sein! Das ist ein Gebot der Höflichkeit!"
"Du kannst mich mal am Arsch lecken", entgegnete sie schroff, schlug seine Hand von ihrem Arm, "Ich bin im Gespräch, auch ein Gebot der Höflichkeit!"
"Er kann doch mitkommen!" rief Köppen, ebenfalls mit dem Kopf in seine Richtung deutend, und merkte sogleich, daß das diplomatisches Glatteis war. Das unangenehme Gefühl stieg in ihm auf, nur noch zu Verzweifelungstaten zu greifen...
"Was, ein Schwein wie der in meinem Laden?!"
Er sah alle seine Felle davonschwimmen. Die Lesung, seine Dichterei, die Kunst. Er hielt die Hände auf Brusthöhe, als flehe er zum Herrgott und dachte nur eins: Scheiße! Hilka hatte sich indessen schon wieder halb über den Tisch gebeugt, um weiter zu reden; aber ihr Streitpartner hatte die Zwischenzeit genutzt, um sich in ein Gespräch mit dem Mann zu seiner Rechten zu vertiefen. Vollkommen überzeugt, daß diese Diskussion bei weitem wichtiger und ernster sei als alles, was er von ihr noch erfahren könnte. Hilka machte ein, zwei Versuche, den Streit erneut aufflammen zu lassen, aber vergebens: es war, als spräche sie in ein tiefes Loch. Nur einmal drehte er ihr kurz das Gesicht zu, schaute sie kurz an und hob entnervt die Augenbrauen, als wolle er sagen: ist gut, es reicht jetzt, o.k.?
"Der ganze heuchlerische Kulturbetrieb kümmert sich doch nur um seinen eigenen verfilzten Dreck", brüllte Hilka ihn an, "Ihr seid so verguckt in euern eigenen Filz, daß man an euch gar nicht rankommt, ihr seid doch schon völlig verkalkt vor lauter Borniertheit, eine eingeschworene Bande aus Funktionären, die bei ernsterer Kritik auf taub schalten und jede Auseinandersetzung kalt an sich abgleiten lassen... eine Bande substanzloser Gestalten, die sich gegenseitig die Staatskohle zuschieben und alle paar Monate irgendein beliebiges Projekt machen, nur um ihre Öffentliche Dienst Pöstchen zu rechtfertigen, Seilschaften der Saftsäcke... aber nicht mehr fähig, Kunst zu erkennen, wenn sie nicht im Katalog klassifiziert, einsortiert ist..." Der Blonde schien ihr gar nicht mehr zuzuhören, widmete sich demonstrativ seinem Sitznachbarn und blickte nur noch einmal kurz zu ihr auf, die Lippen fest zu einem Lächeln zusammengebissen: bitte, ich möchte nicht mehr gestört werden, schien er zu sagen. Aus lauter Wut kippte sie ihr Bierglas um, daß die Suppe über die Tischplatte floss und den Leuten über die Hosen.
"O.K.", wird sie zum Abschied vielleicht gerufen haben, "Wir machen uns jetzt aus dem Staub und machen die Lesung klar, und ich verspreche euch, es wird eine geile Lesung werden, davon könnt' ihr nur träumen! Aber eines verspreche ich, wir sind noch nicht fertig!", etwas in dieser Art vielleicht... (Theo Köppen hat mir zu verstehen gegeben, meine Darstellung von Hilka sei falsch: so hat sie niemals gesprochen. Sie habe sich nie so ausführlich erklärt, ihre Urteile begründet, sie habe einfach nur gesagt: "Dies und jenes ist Kacke", desweiteren die Leute ausgelacht und im Regen stehen lassen; ähnlich Thomas Kapielski: Hilka sprach, sie brauche keine Gegenargumente, sie sei selber dagegen. Tür zu. Abgang.)
Auf dem Weg in die Buch Handlung Welt versuchte Köppen sie etwas zu beruhigen. Er erzählte ihr von seinen neuen Methoden, Gedanken für neue Gedichte zu sammeln, von neuen Gedichtheften, die er gemacht hatte. Immerhin, so dachte er dabei, der erste Stolperstein ist zumindest geschafft.
Hilka sperrte die Buch Handlung auf und machte Licht. Köppen schob einen kleinen Tisch neben die Eingangstür, stellte einen Stuhl dazu und sagte: "O.K. nimm doch schonmal Platz hier, falls die ersten Gäste kommen, ich räum' den Raum auf und stelle die Stühle zurecht..."
Er holte eine Flasche feinen Whisky aus seinem Rucksack und stellte sie vor Hilka auf den Tisch, "...ein kleines Geschenk, bester Whisky, hat mir meine Schwester aus Irland mitgebracht, gibts nur da!" Das war natürlich Quatsch, er redete einfach nur so, damit die Dinge weiter ihren Gang nahmen und Hilka jetzt nicht etwa auf die Idee kam, die Regale umzubauen oder andere abwegige Vorhaben aufzugreifen...
"Danke", sagte sie, während sie sich langsam auf den Stuhl am Tisch neben der Eingangstür setzte, und: "Ist mir gleich, Hauptsache es knallt", sie schraubte die Flasche auf und goss sich ein Glas voll ein.
Während sie trank und auf die ersten Gäste wartete, erzählte sie ohne Punkt und Komma lange Geschichten über die Hamburger Szene, was in den letzten Wochen und Monaten alles so passiert sei: daß Kiev Stingl bei einer Performance im Schwimmband vom drei-Meter-Brett ins Becken gepisst habe, sonst nichts, daß irgendein regional bekannter Künstler, der einst für radikale Inhalte gestanden hatte, nun einen völlig aufgeweichten Dialog mit den Mächtigen führe, daß das Hamburger Kulturamt mehrere tausend Mark für ein völlig idiotisches Denkmal am Alsterufer zur Verfügung stelle, was nur darum geschehe, damit das Geld später für ein wirklich gutes, aber unbequemes Denkmal, für das ebenfalls ein Antrag vorbereitet würde, nicht mehr zur Verfügung stünde...
Köppen räumte den Müll weg, fegte rasch über dem Boden die größten Haufen Zigarettenkippen und Straßenschmutz weg, trug dreißig Stühle aus dem Nebenraum hinein und baute sie zu Sitzreihen auf, räumte die Bühne frei, holte einen weiteren Tisch, einen Stuhl und eine Lampe, rückte alles so zurecht, wie er es für seine Lesung brauchte, packte seine Texte aus und legte sie auf den Tisch. Dann stemmte er die Hände gegen die Hüften und besah alles: o.k., dachte er, die Show kann beginnen. Dann klatschte er in die Hände und ging zu Hilka, die schon ziemlich müde und geschafft an ihrem Tisch hing: "Ich habe seit drei Tagen nicht geschlafen", maulte sie leise, "Aber schön, daß du da bist!"
Mit der Zeit tauchten die ersten Gäste auf, natürlich verspätet, denn daß Veranstaltungen in der Buch Handlung Welt selten pünktlich beginnen, hat sich herumgesprochen. Die meisten gehörten zum Stammpublikum und kamen immer wieder. Sie wussten, hier passiert wirklich was. Kaum eine Lesung, bei der nicht wirklich was geboten wurde. Entweder war der Dichter stark, dann bot er eine gute Show, oder er war schlecht, dann wurde er jämmerlich ausgelacht. Anschließend gab es hitzige Diskussionen über Kunst, bei denen sich die Leute ihre Meinungen und Theorien um die Ohren schlugen: enfant terribles, Großkotze, Berufsrevolutionäre, Kulturschocker, agent provocateure, studierte und unstudierte... Ihr musst das, was Ihr wollt, auch vertreten können, predigte Hilka ihnen regelmäßig. Ihr müsst euch entscheiden, wollt ihr wirklich eure Sachen machen oder ewig nur rumwichsen. Manche Leute fürchteten sich auch, das Maul aufzumachen, sie hörten nur zu und konnten so noch was lernen. Langweilig wurde es jedenfalls nie.
Köppen, allmählich nervös werdend, trank sein zweites Bier, um sich aufzuwärmen. Er begrüßte einige der Gäste, die er bereits kannte, denn natürlich war auch er vorher schon mehrfach in der Buch Handlung bei Lesungen als Besucher gewesen, und er sprach einige fremde Leute an, von denen er mal was gehört oder gelesen hatte, die er gern näher kennenlernen wollte. Je näher sein Auftritt rückte, umso mehr zog er sich jedoch von dem bunten Treiben zurück und versuchte sich zu sammeln.
Kiev Stingel wurde von Hilka überschwenglich begrüsst, mit großem Ah und Oh! Ein gern gesehener Gast, fast ein Star in der Szene, sie gab ihm einen Kuss auf die Wange. Stingl, mit rundem Gesicht, schmalen Augen, fast wie ein Asiate, langen, dunklen Locken, in enger Jeans, Stiefeln und Lederjacke, was man 1976 einen Halbstarken nannte, konnte einen Dichter mit drei, vier lässigen Bemerkungen aus dem Handgelenk von der Bühne schießen. Ein intellektueller Cowboy, ein zähnefletschender Buddha. Er schoss den Dichter sozusagen mit coolen, aber fiesen Sprüchen von der Bühne wie Zen-Leute Bogen schießen: indem er ins Schwarze traf, ohne zu zielen, das heißt: gerade WEIL er nicht gezielt hatte. Stingl schrieb: Das Drama des Vierten Reichs ist bettelarm; will einer meinen billigsten Juwel? Im Koffer stapelt sich die Beute, abendländische Diebe, rostige Christdornen, milliardenähnliche Verbrecher. Wäre ich Imperator, was mir seit meiner frühesten Geburt zusteht, ich würde mein früheres Europa mit feuchten Lappen schlagen, meine Schußwaffe mit dem Unwetter zufälliger Dämmerungen vermählen, mit meiner kreischenden Säge jeden Aufrührer in Mutterwärme stoßen. Aber die Republik stellt sich stumm; sie phantasiert nicht mal persönlich, lallt bloß: "ai'm coming to langweil you." - das war Prahlerei, Bekenntnis und Programm, und das Buch, in dem solch Verbrochenes stand, trug auch noch den Titel: "Die besoffene Schlägerei".
Kurz und gut, Köppen wusste, dass Stingl schon einige Veranstaltungen durch Zwischenrufe und Pöbeleien gesprengt und nicht wenige Schlägereien während der Lesungen angezettelt hatte. Behäbig bewegte sich Stingl auf einen der freien Stühle zu, wohl wissend, daß er wenigstens der zweite Mittelpunkt des heutigen Abends, wenn nicht der erste sein würde. Er rutschte mit dem Rücken etliche Zentimeter abwärts und verschränkte die Arme vor der Brust. Köppen sah von seinen Blättern kurz auf: Stingl hatte Kampfhaltung angenommen. Sei's drum, dachte er, auch das hast Du ja schon vorher gewusst...
Die Leute sitzen nicht brav wie bei einer Lesung in der Stadtbibliothek und warten ab, daß der Autor endlich anfängt, sondern laufen mit Bierflaschen und Zigaretten in den Händen herum und reden, tratschen, wie in einer Kneipe. Köppen weiß, wenn er darauf wartet, daß alle still sind und jemand ihn vorstellt, kann er lange warten. Er muss sich einfach Gehör verschaffen, einfach loslegen, das erste Gedicht wie ein Jahrmarktschreier ins Publikum rufen und die Leute zum Zuhören zwingen. Darauf hat er sein Programm abgestellt. Ein kurzes Zurechtrücken der Lampe, ein kurzes Zerren am Stuhl. Er guckt nochmal kurz, ob die Blätter auch alle richtig sortiert sind, ob das erste Gedicht doch das richtige ist, oder lieber ein anderes? Dann fällt ihm ein, daß es im Stehen besser geht, und er steht wieder auf. - "Na, doch lieber im Stehen lesen?" bemerkt Stingl mit normaler Stimme, aber für Alle hörbar. Köppen beachtet ihn gar nicht, hebt das Blatt in Augenhöhe und ruft begeistert wie ein Jahrmarktschreier: "Das Gedicht heisst: alles ist Freude, was nicht zu verwechseln ist mit Spass!"
ich trinke schon zum frühstück / eine kanne freude, mit sahne und kandis, / esse 4 getoastete scheiben freude / und zwei 5 minuten gekochte freuden / höre freude durch die straßen rollen / stecke mir eine freude an / bin selber freude durch und durch / am himmel scheint die freude / in den straßen schlendert sie beschwingt / mit wehenden röcken und DA! / sogar mit preßlufthämmern wird freude / in die erde gestanzt / ein notarztwagen rast in irrer freude / bei rot über eine ampel / alles ist freude schreit die sirene / es gibt keine ausnahme / freude in den geschäften / freude in den büros / freude in den fabrikhallen / auf den straßen in der luft / freude am grill / freude in der pfanne / freude wird tiefgefroren / freude wird eingebudelt / freude wird geboren / freude wo du gehst uns stehst / sagt was ihr wollt - / ich laß mich nicht täuschen / alles ist freude / meine damen und herren!
Die letzten zwei Zeilen hat er nochmal richtig laut gerufen, so laut geschrien wie er gerade noch konnte ohne zu kreischen, sie waren gewissermaßen der Tusch an Schluss, damit die Stille danach umso stärker wirke. Einen winzigen Augenblick lang ist es tatsächlich mucksmäuschenstill. Dann applaudiert der erste, immer mehr Hände fallen ein. Ein paar Leute rufen sogar "Huiii!" oder "Yeah!" oder ähnliches. Nur Kiev Stingl flüstert leise: "Friede, Freude, Eierkuchen", was aber niemand hört.
Köppen freut sich, die Eröffnung ist schonmal geglückt, denkt er zufrieden, und setzt sich, aber er weiß auch, daß das Spiel 90 Minuten dauert. Er will nicht nur als sarkastischer Clown auftreten, sondern auch leise, stille Texte vortragen. Er hat einen ganzen Stapel von Gedichten mitgebracht. Es ist nicht seine erste Lesung, aber seine erste wirklich wichtige. Er fragt sich, ob wohl auch Leute von der Presse da sind; vom Fernsehen jedenfalls nicht, denn die würde man ja an ihren Kameras erkennen. Das Publikum jedenfalls ist auf seiner Seite, denkt er, jetzt kanns weitergehen. Er blättert kurz in seinen Papieren, dann hat er was gefunden: pfirsichblüten / auf dem balkon / und du, liest er vor. Niemand rührt sich.
Vielleicht denken die Leute, dies sei nur der Titel des Gedichts und warten noch drauf? Haben noch gar nicht gemerkt, daß es das ganze Gedicht schon war? Vielleicht sind sie auch irritiert, weil der erste Text so laut und lustig, erwarten wieder was Gebrülltes? Erwarten wieder was zum Lachen? Keine Ahnung, aber dumm ist diese Stille im Publikum irgendwie schon, also schiebt er schnell noch ein Gedicht hinterher: GANGES // Die welle im fluß / rollt leise / glättet sich sanft.
"Warst Du mal in Indien?!" ruft Singl aus einer der mittleren Sitzreihen.
Köppen wird nervös und sucht nach was längerem. Die kurzen Sachen sind wohl doch nicht das Richtige. LAO TSE'S GEWAND // Lao Tse trug stets nur ein einfaches gewand / einst ließ der könig ihn zu sich rufen // die diener des königs erklärten ihm / daß er in diesem aufzug / nicht vor dem herrscher erscheinen dürfe // Lao Tse entkleidete sich wortlos / und trat nackt in den empfangssaal // der könig befahl seinen dienern zornig / den alten sofort zu bedecken / da aber kein passendes kleidungsstück / zur hand war brachten sie ihm schleunigst / sein altes // siehst du lächelte der könig / meine diener wissen was dir paßt.
"Erleuchtung! Erleuchtung!" ruft Stingl. Diesmal ist es nicht mehr nur still um ihn herum, sondern ein paar Leute glucksen, kichern. Andere klatschen, aber auf Köppen klingt es, als täten sie's nur aus Protest, um dem Stingl zu zeigen, daß ihnen die Sachen gefallen haben. Köppen schaut kurz zu den Klatschenden auf und nickt ihnen zu und merkt im selben Augenblick, daß er wohl einen Fehler gemacht hat. Ein Scheinwerfer blendet ihn, hinter dem weißen Licht verschwindet das Publikum im Dunklen. In der Stille danach fühlt er sich verloren, das Publikum scheint sich vom Resonanzboden verwandelt zu haben in schallschluckende Kegel, die Stille unheimlich wie im Sicherheitstrakt...
"Treffen sich zwei Zen-Meister!" ruft Stingl, "Sagt der eine zum anderen...", wie ein Wolfsruf aus dem Wald... es heult und knackt im Gebüsch...
"Tschsch", fährt ihn jemand an. "Lass ihn doch lesen."
Theo hat das unangenehme Gefühl, die Lesung gleite ihm aus den Fingern... manchmal ist Stingl stärker als die Kunst, dann muss die Kunst nicht schlecht sein, denkt er, dann ist die Kunst zu schwach. Er ringt mit sich und dem Publikum, aber die Leute sitzen da und gucken ihn an, auch Stingl, der zumindest den nächsten Text abwarten will, bevor er einen Witz reißt. Es ist eine Feuerprobe, denkt Köppen, und ich muss heil da durch, ich muss da durch. Zuerst hatte er sich mehrere von den kurzen Sachen vorgenommen, dann ein paar Lao-Tse-Geschichten, jetzt verspürt er den Drang, den ganzen Block zu überspringen und anders weiterzumachen. Aber er weiß noch nicht genau wie. Hat er denn genug in Reserve, wenn er den Block überspringt? Sind noch genug knallige Gedichte übrig, um die Lesung gut und anständig über die Bühne zu bringen? Köppen blätterte in den Papieren, und das Publikum wartete. Für kurze Zeit verschwimmt alles vor seinen Augen, er rutscht auf seinem Stuhl hin und her, dann stellt er beide Füße auf den Boden. Er spürt, daß er jetzt geerdet ist, und im gleichen Augenblick sieht er den richtigen Text vor sich, und er liest ihn langsam und laut und mit einer Betonung als erlebe er ihn überhaupt als Eingebung gerade erst live in dem Augenblick...
GLOCKENLÄUTEN und vogelschreien weckt mich / sofort sitzt die katze auf meiner brust und schnurrt / mein blick ist verschwommen, die brille liegt irgendwo / ich brauch sie nicht zum träumen // einer der seltenen morgen, an denen ich / voller genugtuung entdecke, / daß mein weinbecher noch halb voll ist / geschmacksbezeichnung: LIEBLICH / trinke den wein in kleinen schlucken und / fühle mich bereit / diesen tag zu einem festtag zu machen ( also / auch ein weichgekochtes ei zum frühstück) // pfingstmontagmorgen / glockenläuten vogelschreien katzenschnurren / in der nachbarwohnung haben die irren schon // das tv angestellt... der tag verspricht / extrem zu werden.
Klar, der Text ist nicht der Brüller, schlägt nicht ein wie "Alles ist Freude". Aber der Applaus ist anständig, kein Höflichkeitsklatschen, sondern echt. Eine Frau, die fast ein bisschen wie eine alte Indianerin ausschaut, applaudiert sogar recht stark. Andere Leute lachen freundlich oder sagen: "Ha!", einer ruft: "Schöne Pointe!", ein anderer: "lustig!" Stingl beugt sich nach vorne und zischt: "Hau das tv", aber das ist jetzt nur noch Unsinn und bringt keinen mehr gegen Theo auf. Der dagegen bringt jetzt ruhig und souverän seine Lesung zu Ende...
Nach der Lesung kommt ein Typ auf ihn zu, mit langen glatten Haaren und John-Lennon-Brille und sagt im ruhigen ernsthaften Ton, fast flüsternd: "Klasse! Wirklich Klasse! Ein völlig neuer Ansatz, hats noch nie gegeben, soweit ich weiß... wenn es dir gelänge, den zu perfektionieren und weiter auszuarbeiten, dann... DANN... DANN... !!!"