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Es lebe das richtige Leben im falschen

erstellt von Thomas Nöske zuletzt verändert: 05.08.2007 13:05

Zu Adornos 100sten Geburtstag 2003 erschienen gleich drei neue Biographien. Dabei war ich erstaunt, dass noch die letzte seinem Leben neue Perspektiven und seinem Werk neue Interpretationen abgewinnen konnte. So kam ich auf die Idee, diese Vielfalt auf seinen Versuch zu beziehen, ein richtiges Leben im falschen zu leben. Den Essay selbst tippte ich an einem entspannten Sonntag Vormittag dahin und habe ihn danach nur oberflächlich überarbeitet.

In den drei neu erschienenen Adorno-Biographien (Sommer, 2003) wird der Mensch Adorno freilich ganz unterschiedlich dargestellt. Stefan Müller-Doohm stellt seine künstlerische, musikalische Seite in den Vordergrund, beschreibt ihn als einen vor allem künstlerisch empfindsamen Menschen, der im Sinn eines Bohemés durchaus zu leben verstand. Es ist bekannt, dass er in den 30er Jahren vor den Nazis in die USA fliehen musste und dort (zusammen mit Max Horkheimer) die "Dialektik der Aufklärung" und die "Studien zum Autoritären Charakter" verfasste. Aber dass er in den 40er Jahren im Exil an der Küste des sonnigen Kaliforniens lebte, in der Nachbarschaft mit Arnold Schönberg und Berthold Brecht, dass er in Hollywood die Partys der Schauspieler besuchte, dass er Klavier spielte und Charlie Chaplin dazu tanzte, dass er Thomas Mann bei seinen Romanen beriet, dass er auf Partys mit Sängerinnen und Schauspielerinnen flirtete und Liebschaften hatte ... Man möchte es nicht denken von diesem kleinen, rundlichen glatzköpfigen Mann mit der strengen Stimme und den traurigen Augen, der bellte: "Es gibt kein richtiges Leben im falschen"; er hat das Leben eines Avantgarde-Stars gelebt – und genossen.

Dagegen stellt Rolf Wiggershaus die politische und philosophische Seite Adornos in den Vordergrund. Er berichtet von Entwicklungen der gemeinsamen Gesellschaftstheorie, von Abgrenzungen gegenüber Kollegen, die falsch oder anders dachten, aber auch von Intrigen, Angriffen, Bündnissen und Sektierereien, mit denen Adorno seine Frankfurter Schule sauber hielt und Leute, die ihm nicht passten, außen vor hielt. Walter Benjamin, so hieß es, stand in den 30er Jahren ebenfalls auf der Gehaltsliste des Instituts für Sozialforschung. Ihm gelang die Flucht vor den Nazis nicht so gut. Damals, in Südfrankreich, lebte er versteckt, ständig in der Angst, entdeckt zu werden. Und was tat Adorno? – er lehnte immer wieder die Artikel ab, die Benjamin für die Zeitschrift des Instituts schrieb, weil sie ihm, so Adorno, in der dialektischen Logik nicht gut genug waren. So musste sich Walter Benjamin, auf der Flucht vor den Nazis und in akuter Lebensgefahr, noch mit Adornos strengen Ansprüchen an dialektische Logik auseinandersetzen, um sein Gehalt zu verdienen. Hannah Arendt, die Adorno nicht nur deswegen hasste, betrachtete dies als unmenschliche Schikane.

Walter Benjamin begann 1937, als für ihn klar war, dass er es nicht mehr über die Grenze nach Spanien schaffen würde, Selbstmord. Rolf Wiggershaus deutet in seiner Biographie zumindest an, dass Adorno vielleicht hätte Benjamin effektiver helfen können, schneller in die USA zu gelangen, anstatt oberlehrerhaft auf den korrekten philosophichen Ansatz zu bestehen. Hannah Arendt gibt Adorno sogar direkt eine Mitschuld am Selbstmord Walter Benjamins. Stefan Müller-Doohm dagegen lehnt diese Möglichkeit völlig ab. Wie lässt sich die Situation zusammenfassen? – zum einen: Walter Benjamin bezog ein festes und gutes Gehalt vom Institut für Sozialforschung, und zwar völlig unabhängig von Adornos Annahme oder Ablehung seiner Artikel für die Zeitschrift. Möglicherweise benötigte er jedoch für seine Flucht zusätzliches Geld, das indes auch das Institut nicht hatte. Zweitens: sowohl Adorno als auch Benjamin sahen sich als Philosophen von Weltrang, und für diese gehört eine strenge Auseinandersetzung mit den richtigen Begriffen selbstverständlich zum Geschäft; auch unter Freunden und in Krisen. Drittens: Adorno brauchte selber ziemlich lange, bis er die Gefahr der Nazis auch für sich erkannt hatte. So glaubte er zunächst, mit dem ernstgemeinten Pseudonym Hektor Rottweiler unauffällig in Deutschland überleben zu können, und er reiste noch vom Exil aus ständig nach Deutschland, als alle anderen das schon für Wahnsinn hielten. Doch dazu später mehr.

An dieser Stelle soll erstmal deutlich werden, wie unterschiedlich aus den verschiedenen Perspektiven der Biographen auf Adornos Leben, die Ereignisse gedeutet werden können. Tatsächlich kann man in ihm den Lebemann sehen, aber auch den Giftzwerg, den Künstler und Ästheten, aber auch den Pedanten, den sensiblen Freund und liebenden Ehemann, aber eben auch den Sektierer und Intriganten. Angesichts dessen – und weil Adorno bald 100sten Geburtstag hat – ist es interessant zu Fragen: wie hat er denn das richtige Leben im falschen gesucht und gefunden?

Die ganze Geschichte der Frankfurter Schule liest sich stellenweise wie ein Abenteuer-Roman: zunächst wurde in den 20er Jahren in Fankfurt das Institut für Sozialforschung gegründet. Es machte sich zur Aufgabe, konkret Sozialforschung zu betreiben, um die marxistische Theorie praktisch weiter zu entwickeln. Ab 1933 folgte dann die bereits angesprochene Flucht in die USA. Kurz nach dem Krieg, kehrten Horkheimer und Adorno indes wieder nach Deutschland zurück, anders als zum Beispiel Hannah Arendt, Herbert Marcuse, Erich Fromm oder Wilhelm Reich, die ja bekanntlich in Amerika blieben. Horkheimer und Adorno liebten ihre deutsche Heimat zu sehr – und die deutsche Sprache; für Rockmusik ungeeignet, war sie schon immer die Sprache der Philosophen.

Ab den 50er Jahren arbeitete das Institut für Sozialforschung also wieder in Frankfurt. Seine zentrale Frage: wir leben in einer aufgeklärten Kultur, wir haben hochentwickelte Produktivkräfte – warum haben wir dennoch keine gerechte Gesellschaft, in der jeder leben kann wie er will und niemand Angst vorm Verhungern oder vor Verfolgung haben muss? – Wir haben Medizin, wir haben Maschinen, wir haben die Psychoanalyse: was hindert uns eigentlich jetzt noch daran, fair und menschlich miteinander umzugehen? Eine fetzige Frage, in der Tat, die dem Institut eine progressive und revolutionäre Aura verlieh. - Philosophie im Zeichen des Glückversprechens, das heißt: wir versuchen einmal, die herrschende Gesellschaft aus der Perspektive des Paradieses heraus zu betrachten. Wir tun so, als ob wir bereits im Paradies wären, und richten dann unseren Blick auf die Realität; vielleicht sehen wir dann, was in der Realität dem Paradies entgegen steht? Das ist gewiss ein wunderbarer Ansatz, der allein Adorno einen Platz in der Ahnengalerie der Avantgardisten verleihen muss.

Dazu muss man allerdings bedenken, dass Adorno nie von einem gewissen Niveau philosophischer Logik und Reinheit des Gedankens abrückte. Klar, man kennt seine poetischen, knalligen Sprüche, seine garstigen Polemiken und geschliffenen Angriffe, - doch wenn man zum Beispiel die Mitschriften seiner Vorlesungen von 1960 bis 1967 zur Hand nimmt, erkennt man, dass jeder Teil seiner radikalen und aufregenden Philosophie bis in die letzten Gründe und Winkel hinein argumentativ ausgeleuchtet, sattsam begründet, wirklich durch und durch reflektiert ist. Da wird nicht einfach die nackte Überlegenheit irgendeines progressiven Bewusstseins über irgendeine verdinglichte Ideologie behauptet, da wird jede Stelle Punkt für Punkt hergeleitet, mit Argumenten untermauert. Gewiss: Martin Heidegger ist Adornos Lieblingsfeind Nummer eins. Aber man sollte mal seine Argumentation in "Ontologie und Dialektik" nachvollziehen. Über hundert Seiten allein, um Funktion und Bedeutung des Seyns-Begriff, der ja den Ansatz in Heideggers Existentialismus bildet, zu hinterfragen, und kaum eine Zeile Polemik; alles nur nackte, logische philosophische Argumentation .... dann aber darf er Heidegger endlich verreissen, und tut dies – zugegeben – auch mit einigem Vergnügen an der bissigen Verachtung!

Aber zurück zu seiner Person und dem "Richtigen Leben im Falschen": ich möchte versuchen, seine Stellung und sein Handeln in den politischen Konflikten um 1968 vorm Hintergrund seiner Person, seiner Philosophie und seiner Lage zu reflektieren. Die Situation war nicht ohne Schwierigkeiten: denn die rebellierenden Studenten erwarteten von Adorno, den sie als den radikalsten, vernünftigsten und integersten Gesellschaftskritiker hoch schätzten, Unterstützung bei ihren Forderungen und Protesten; die konnte und wollte er ihnen in dem Maße indes nicht geben. Die Situation eskalierte: 1969 ließ er das von seinen Studenten besetzte Institut für Sozialforschung polizeilich räumen. Im gleichen Sommer starb er an einem Herzinfarkt, Rüdiger Safranski und andere Biographen behaupten, unter anderem, weil ihm der Streit mit den Studenten das Herz gebrochen hätte.

Zwar stimmte Adorno seinen rebellierenden Studenten inhaltlich zu, konnte sich aber mit der Art und Weise der Proteste, der Gewalt und den Störungen nicht anfreunden. Zum einen forderte er grundsätzlich, die Persönlichkeitsrechte der Dozenten zu respektieren. Denn die formalisierten Rechtssatzungen hätten einen Moment der Positivität für jemanden, der erfahren hat, was es bedeutet, wenn morgens um sechs die Schelle geht und man nicht weiß, ob es die Gestapo oder der Bäcker ist. Zum anderen hielt er das Vorgehen der Studenten für strategisch und taktisch unklug. Man solle die latente Gewalt der staatlichen Organisation nicht zur manifesten Gewalt herausfordern. Insgesamt betrachtet sei die gesellschaftliche Situation für eine Revolution nicht reif, die Studenten täuschten sich, wenn sie dachten, die Massen hinter sich zu haben; die Massen in Deutschland seien zu zufrieden und zu satt. Gewiss gäbe es genug Gründe, für eine Änderung der politischen Verhältnisse zu sorgen, - seine gesamte Philosophie handelt ja von kaum was Anderem - allein: im wohlhabenden Deutschland fehlten die revolutionären Massen. Diese lebten heute in Afrika.

Entsprechend warfen die Studenten Adorno auch nicht vor, falsch zu denken, sondern vielmehr: aus seinem Denken nicht die Konsequenz zu ziehen, nicht zu handeln, sich ihren Protesten und Aufrufen nicht anzuschließen. Hier setzen nun die Biographen an, um Adornos Verweigerung zu erklären. Am negativsten kommt er in einer ARTE-Dokumentation weg: hier wird er dargestellt als ein Intellektueller im Elfenbeinturm, der sich vor politischer Praxis einfach fürchtet, weil er schlicht vor jeder Form von Gewalt zurückschreckt, begründet in seinen Erfahrungen mit den Nazis, was seine Weigerung zwar verständlich macht, diese jedoch auf eine Charakterschwäche zurückführt, anstatt sie logisch-sachlich zu begründen. Die dialektisch-intellektuelle Erklärung für die Verweigerung liefert Stefan Müller-Doohm in seiner Biographie. Rolf Wiggershaus schließlich schildert die Ereignisse als komplizierte politische Wirren, in denen es einfach nur drunter und drüber ging.

Es kam zu dramatischen Folgen: Vorlesungen von Adorno wurden gesprengt, das Institut von Studenten besetzt, und Adorno ließ das Institut von der Polizei räumen. Später fragte er sie: Hat man euch gefoltert? – für seinen damaligen Assistenten Alexander Kluge ein Zeichen tiefer Tragik in dieser Situation: er glaubte tatsächlich, dass die Polizei von Hessen 1969 protestierende Studenten foltere! Das spricht für sein politisches Unverständnis: aber so weltfremd kann doch sogar ein Philosophieprofessor nicht sein! Anscheinend befand sich für ihn die bundesrepublikanische Realität noch sehr, sehr nah an der Praxis des gerade erst besiegten Nazi-Regimes. Doch wenn er das wirklich dachte: was hat er denn dann, in seinen eigenen Augen, bloß fürchterliches angerichtet? Muss man dann nicht ungeheure Gewissenbisse und Qualen bei ihm vermuten, wenn er tatsächlich Folterungen befürchtete - aufgrund eines von ihm gerufenen Polizeieinsatzes?

Dann haben er und die Studenten unglaublich aneinander vorbei gelebt und einander missverstanden; dann müssen für Adorno die Situationen geradezu alptraumhaft surreal gewesen sein, während die Studenten ihn als nervösen, verunsicherten, weltfremden, alten Mann gesehen haben müssen, den schon eine Trillerpfeife zum Herzinfarkt bringt. In einzelnen kurzen Augenblicken mag es sogar so gewesen sein. Zumindest einmal ist Adorno tatsächlich aus dem Hörsaal vor drei barbusigen, protestierenden Studentinnen geflüchtet. Alexander Kluge, der wohl dabei war, meint, die Angst in seinen Augen gesehen zu haben, aber auch die Kränkung, überhaupt ein Ziel solcher Proteste und Spotts zu sein.

Das Bild, das Stefan Müller-Doohm insgesamt entwirft, sieht anders aus. In seinen Darstellungen bleibt Adorno durchaus Herr der Lage, behält auch den Durch- und Überblick, wenn ihn zwar die Proteste schmerzen und er sich missverstanden fühlt. Er erkennt, was man von ihm verlangt und warum er es nicht geben will. Für ihn ist sein Denken eine Praxis, auch eine gesellschaftsverändernde Praxis. Wenn also zum Beispiel die Studenten in seine Vorlesungen über Aktionen nach dem Tod von Rudi Dutschke diskutieren wollen, lehnt Adorno dies ab, nicht etwa weil er gegen die Sache an sich ist, sondern weil er seine Philosophie für eine bessere Praxis hält als ihren blinden Aktionismus. - "Das Denken ist eine Praxis": dabei handelt es sich um weit mehr als nur um einen Spruch, mit dem er womöglich seine tagespolitische Ferne kaschieren wollte. Da steckt noch etwas mehr hinter.

Weil das objektive Unrecht in der Gesellschaft unmittelbar zusammenhängt mit dem ideologischen Verblendungszusammenhang, der eben den Menschen die Einsicht in die Falschheit ihrer Einsichten verwehrt, ist eben das analytischen Aufdecken und Überwinden dieser falschen Einsichten die erste Aufgabe des revolutionären Intellektuellen. Hieraus folgt einerseits, wie Thomas Schäfer sehr kritisch bemerkt, eine geistig-moralische Selbstprivilegierung der kritischen Theoretiker, ein Recht, für andere die Wahrheit auszusprechen, (...) stellvertretend gleichsam, auszusprechen, was die meisten, für welche sie es sagen, nicht zu sehen vermögen. – daraus folgt allerdings auch, dass eben diese Praxis des ideologiekritischen Denkens den ersten Motor des sozialen Fortschritts überhaupt darstellt. Dass man der Menschheit und dem wahren Fortschritt eigentlich keinen höheren Dienst erweisen kann, als eben diese Art und Weise des dialektischen Denkens zu üben, das Bewusstsein so weiterzutreiben. Insofern ist Adornos Denken nicht nur eine Praxis, sondern sogar die Praxis überhaupt, wenn es um Revolution geht, noch radikalere Praxis gibt es gar nicht.

Zusätzlich befremdeten Adorno die Sympathie der Studenten mit den real-sozialistischen Systemen in der Sowjetunion, Kuba, Korea..., für ihn sind das Varianten des Faschismus; dann doch lieber die labile, noch schwächliche Demokratie und wirtschaftlich dominierte Öffentlichkeit Westdeutschlands. Vor die Wahl gestellt, zwischen der persönlichen Redefreiheit des Intellektuellen im Liberalismus und der materiellen Gleichheit der Klassen im Sozialismus sich zu entscheiden, zieht er die Redefreiheit vor. Soweit geht seine Liebe für den materiellen Wohlstand für Alle dann doch wieder nicht.

Gleichzeitig sieht er die soziale, politische Situation in Westdeutschland kein bisschen positiver als seine Studenten, auch wünscht er sich ähnlich durchgreifende Änderungen; aber er differenziert viel mehr, und das macht die Situation kompliziert: vor allem, weil die Kinder, während sie gleichzeitig gegen die Autorität rebellieren, dann doch in einer fast rührenden Weise zu mir gelaufen kommen. Die Verantwortung ist arg groß, wenn einem der Widerspruch zwischen der Bewegung der Studenten und der objektiven Situation so bewußt ist wie mir, schrieb er in einem Brief an eine Freundin.

Letztlich konnte er sich nicht mit den Studenten zusammentun, sich weder an die Spitze ihrer Bewegung stellen noch zu einem ihrer nützlichen Fürsprecher werden. Die Dokumentation auf ARTE schreibt dies eher seiner prinzipiellen Abwehr gegenüber jeder Form von Gewalt und Massenbewegung zu, Stefan Müller-Doohm eher immanenten Überlegungen seiner dialektischen Gesellschaftsphilosophie und Rolf Wiggershaus den verwirrenden, verwickelten Zuständen damals am Campus und drumherum.

Was den Umgang mit der Gewalt anging, hatte es Adornos jüngerer Assistent Jürgen Habermas tatsächlich leichter: er war bereits mit Mitte dreißig als Professor ans Institut berufen, gut einen Kopf größer als Adorno, relativ kräftig, konnte auch schonmal einen Studenten am Hemdkragen packen und ruppig zur Seite stoßen. Es wurde berichtet, das Habermas, der Erfinder der Diskursethik, in philosophischen Streitgesprächen seinen Widersachern auch mal mit körperlicher Gewalt drohte: "Sag‘ nochmal, das Wittgensteins Wahrheitsunterstellung der Sprachspiele seien idealistisch, und ich haue Dir aufs Maul!"

Adorno dagegen, das merkt man sofort, wenn man ihn sieht und hört, wirkt unglaublich verletzlich und sensibel, fast zerbrechlich. Man muss mal seine Stimme von den Video- und Tonbandaufnahmen hören! Relativ hoch, nicht piepsig oder fistelig, aber sehr hell, ein bißchen nervös und akribisch, jede Silbe einzeln betonend, auf den scharfen Zischlauten verweilend, aber immer druckreif, zum Mitschreiben, korrekt, dezidiert, bestimmt, man hört förmlich jedes Komma, jeden Gedankenstrich in der freien Rede und zwischen jedem Wort die Pause, während er das folgende Wort gut auswählt, die Aufmerksamkeit und Konzentration also immer voll auf die eigene Sprachgestaltung fixiert, hochgradig verschachtelte und abstrakte, fast kühle Sätze, aber voller Melodie von teils schauriger, teils gewaltiger, teils sehnsüchtiger, teils rührend zarter Schönheit. Er konzentriert sich nur auf seine freie Rede, seine improvisierte Sprachgestaltung, vorne am Pult im Hörsaal stehend, während um ihn herum vielleicht die Menge tobt... ein Mensch, der sich ganz und gar auf die Zivilisation verlässt, ja verlassen muss, da er keine Waffen außer der Sprache hat, um sich irgendwelcher Angriffe zu erwehren. Man erkennt, wenn man ihn Reden hört und sieht, wie wichtig für ihn die Zivilisation zum Überleben ist, der Barbarei so fern wie sonst keiner; ohne sie wäre er sofort tot, von steinzeitlichen Horden erschlagen, aber auch verhungert, weil er nichts anderes kann als Denken, aber das kann er wirklich, und wie!

Auf der anderen Seite wirkt er nämlich ungeheuer entschlossen, unbeirrbar, beherzt, geradezu mitreissend. Die Behauptung ist falsch, er hätte in einem Elfenbeinturm gelebt. Er begab sich viel an die Öffentlichkeit, hielt Vorträge bei allen Gelegenheiten, organisierte Kongresse, sprach auch im Radio und Fernsehen, den Kontakt zu den Leuten durchaus suchend – und dabei rückte er von seinen radikalen Ansichten kein Stück ab; allerdings artikulierte er sich sehr kompliziert, so dass man ihn wohl auch nicht immer verstand. Seine Furcht vor Massenbewegung und Gewalt war jedenfalls keine Furcht vor anderen Menschen und der Öffentlichkeit im allgemeinen. Man kann ihm nicht vorwerfen, sich versteckt zu haben; ganz im Gegenteil: mit zahlreichen Artikeln und Vorträgen, war er eigentlich laufend präsent. Er gab das intellektuelle Gewissen der jungen Bundesrepublik, die ihre Nazigeschichte noch nicht aufgearbeitet hatte und einen selbstverständlichen, zwanglosen Umgang mit der neuen Demokratie noch nicht entdeckt.

Er mied die Wirtschausraufereien, nicht die Diskussion. - Angeblich war die Wohnung von Adorno und seiner Ehefrau bis in die späten 60er Jahre hinein, überhaupt das ganze Frankfurter Institut für Sozialforschung so eingerichtet, dass sie jederzeit bereit zur Abreise waren – für den Fall, dass die Nazis wiederkehren. Eine Information, die sich so ebenfalls nur in der ARTE-Dokumentation findet. Rolf Wiggershaus berichtet, Horkheimer und Adorno seien noch bis in die 60er Jahre hinein auch öffentlich als Saujuden beschimpft worden. Müller-Doohm dagegen weiß zu berichten, dass Adorno und seine Frau sehr wohl zu Wohnen verstanden und sich hier gut eingerichtet hatten.

Man kann es als Folge einer traumatischen Prägung deuten, als Skepsis gegenüber der jungen Demokratie der Nachkriegszeit, vielleicht aber auch viel harmloser, bloß als typisches Zeitgeistphänomen: Adorno war ja gewiss nicht der einzige, der sich in Anbetracht einer unsicheren Lage nur provisorisch einrichtete: man denke zum Beispiel an Berlin insgesamt, eine Art Stadt auf Abruf, nur vom schmalen Band einer Mauer zusammengehalten, später an die zahlreichen Aussteiger nach Australien, die schon mal prophylaktisch den letzten sicheren Ort bei einem Atomkrieg aufsuchen wollten. Bis in die 90er Jahre hinein, gab man dem Leben in dieser Gesellschaft fast überalll keine großen Chancen.

In den 60ern war für Adorno freilich weniger ein Atomkrieg die Sorge. Eher fürchtete er das Umschlagen von Zivilisation in Barberei, wie in der "Dialektik der Aufklärung": schon der Mythos war Aufklärung, und Aufklärung schlägt in Mythologie zurück. Davor schützt freilich auch kein Elfenbeinturm, wie er ja 1933 mit den Nazis bereits erfahren musste. Womöglich könnte man sagen, dass er vor 1933 eher in einem Elfenbeinturm lebte als 1968. Bis kurz vor Kriegsbeginn glaubte er noch, er könne mit unpolitischen Musikrezensionen und abstrakten philosophischen Arbeiten die Nazizeit auch in Deutschland selbst überstehen. Wäre ihm das gelungen, hätten wir womöglich nie was von ihm gehört. Erst die Erfahrungen der Flucht und des Exils haben ihn zu dem radikalen Gesellschaftskritiker gemacht, als den wir heute kennen und auch lieben. Sonst wäre aus ihm womöglich bloß ein normaler, langweiliger Musikjournalist geworden. Und diese Aussage betrifft nicht nur die Inhalte und Themen seiner Philosophie, so als ob allein eine gute Abenteuergeschichte eine Philosophie schon spannend mächte, sondern vielmehr seinen Stil, der so kräftig und so scharf ist, als könne jemand allein durch die Kraft seines Denkens den stärksten äußeren Bedrohungen standhalten.

Er formulierte den Satz, dass ein Kunstwerk ohne seinen Stil ungehört zerfließt. – sein eigenes Denken wurde durch seinen Stil unvergleichlich fest und hart wie ein Diamant – und auch so schön. Letztlich blieb ihm ja nur die Sprachgewalt, um sich vor einer feindlichen Außenwelt zu schützen: Lichtspiele und Rundfunk brauchen sich nicht mehr als Kunst auszugeben. Die Wahrheit, daß sie nichts sind als Geschäft, verwenden sie als Ideologie, die den Schund legitimieren soll, den sie vorsätzlich herstellen. (...) Jeder Kuß im Revuefilm muß zur Laufbahn des Boxers oder sonstiger Schlagerexperten beitragen, dessen Karriere gerade verherrlicht wird. (...) Tragik wird auf die Drohung nivelliert, den zu vernichten, der nicht mitmacht, während ihr paradoxer Sinn einmal im hoffnungslosen Widerstand gegen die mythische Drohung bestand.

Adorno beisst, Adorno spuckt, Adorno kratzt – aber mit Stil, mit einem geschmeidigen, eleganten, kräftigen, satt und geschraubten, unglaublichen Stil, denn: Die großen Künstler waren niemals jene, die Stil am bruchlosesten und vollkommensten verkörperten, sondern jene, die den Stil als Härte gegen den chaotischen Ausdruck von Leiden, als negative Wahrheit, in ihr Werk aufnahmen. – der Stil ist nötig, um sich zu panzern, um sich zu schützen. Aber auch um sich eingängig zu präsentieren, um das Publikum zu fesseln, Aufmerksamkeit zu binden. Adorno beherrschte diese Kunst, die er selber in die Nähe zur Ideologie einerseits, in die zur schwarzen Magie andrerseits rückt, vollkommen. Wenn es einen Schutz vorm Überschlag der Kultur in Barbarei und der Gewalt der faschistoiden Horden gibt, dann ist das der richtige Einsatz von Logik und Stil. Die "Dialektik der Aufklärung" ist so hart, so dicht und geschmiedet - wenn man das Buch nimmt und gegen eine Wand wirft, dann hat die Wand hinterher ein Loch, aber kein ausgerissenes Loch, sondern eins mit scharfen Rändern, exakt ausgestanzt von genau der Form des Buches.

Ähnlich verlief es übrigens bei Hannah Arendt, die ebenfalls erst durch die Erfahrung von Verfolgung, Flucht und Exil zur radikalen, politischen Philosophin wurde. Beide lernten: in der modernen Gesellschaft gibt es keinen Elfenbeinturm, der vor Barberei schützt. Die gleiche Lehre erteilte Berthold Brecht in den "Gewehren der Frau Carrar": Du kannst dich im Krieg nicht raushalten, du kannst dich nicht neutral verhalten. – und schließlich auch Sartre, wenn er meint: wir sind zur Freiheit und Selbstverantwortung verdammt.

Also: der Begriff des "Elfenbeinturms" trifft nicht das Verhältnis Adornos zu den rebellierenden Studenten von 1968; was aber dann? – es gibt in der "Minima Moralia" zwei Aphorismen, die sich mit dem vertrackten Verhältnis des Intellektuellen zum Volk verhalten. Der eine spricht sich für Distanz aus, der andere für Nähe. Beide haben Unrecht. Aber wie Adorno die jeweilige Unmöglichkeit der Standpunkte ineinander verflechtet und einander gegenüberstellt und spiegelt, ist auch ein Musterbeispiel für seine Art des bewegten Denkens, seine Methode der negativen Dialektik, die sich erst alle Mühe gibt, eine Situation gedanklich wirklich voll zu durchdringen und von allen Seiten zu betrachten, um schließlich festzustellen: "wie mans macht, ist es falsch." – aber auch das ist nicht resignierend zu verstehen, wie Luhmann der Kritischen Theorie vorwirft, sondern eher als Aufforderung, nach einem ganz anderen, vielleicht eher quergedachten oder gar intuitiven, kreativen Ausweg zu suchen.

Adorno, wie gesagt, immer davon ausgehend, dass die Gesellschaft, in der wir leben, eine Katastrophe darstellt, beginnt: Es gibt nichts Harmloses mehr. Die kleinen Freuden, die Äußerungen des Lebens, die von der Verantwortung des Gedankens ausgenommen scheinen, haben nicht nur ein Moment trotziger Albernheit, des hartherzigen sich blind Machens, sondern treten unmittelbar in den Dienst ihres äußeren Gegensatzes. Noch der Baum, der blüht, lügt in dem Augenblick, in welchem man sein Blühen ohne den Schatten des Entsetzens wahrnimmt. – dem ist eigentlich nicht mehr viel hinzufügen. Höchstens, dass jene Haltung der Abwehr der "Kleinen Freuden des Alltags" heute weitgehend vergesellschaftet ist, vor allem in links-alternativen und kritischen Kreisen. Man denke nur an den Begriff der "seichten Unterhaltung", der ja ein Schimpfwort darstellt, die verbreitete Abwehr gegenüber Small-Talks und belanglosem Geplänkel. Wer in der Gesellschaft wirklich was bewirken möchte, so heißt es, dürfe sich davon nicht einlullen lassen.

Adorno möchte darauf hinaus, dass ein sich Einlassen auf solche scheinbar harmlosen, alltäglichen Freuden sogleich hineinzieht in den großen, allumfassenden Zusammenhang gesellschaftlicher Schuld, an Ausbeutung und Zerstörung überall in der Welt. Hier wirkte er, der ja den Aphorismus Anfang der 40er Jahre schrieb, sichtbar kulturbildend. Wenn man zum Beispiel die Firmen oder Marken boykottieren möchte, die mit Nestle zusammenhängen, weil Nestle in Afrika eine unmenschliche Firmenpolitik betreibt, bleiben einem tatsächlich nicht mehr viele harmlose, kleine Freuden mehr übrig: kein Karamell-Speiseeis, keine weiße Crisp-Schokolade, keine Erdnusslinsen, keine Orangenkekse. Die Poster, die in zahlreichen links-alternativen WG-Küchen hingen, symbolisierten diese Unmöglichkeit des einfachen, harmlosen, zufriedenen Lebens. Für Adorno geht es freilich nicht nur um Konsum und Lebensstil, sondern allgemein, um jedes alltägliche Verhalten: Das Zufallsgespräch mit dem Mann in der Eisenbahn, dem man, damit es nicht zu einem Streit kommt, auf ein paar Sätze zustimmt, von denen man weiß, daß sie schließlich auf einen Mord hinauslaufen; kein Gedanke ist immun gegen seine Kommunikation, und es genügt, ihn an falscher Stelle und in falschem Einverständnis zu sagen.

Von hier aus kann Adorno schließlich den Bogen spannen zu dem schwierigen Verhältnis des Intellektuellen zur Öffentlichkeit. Er soll und darf sich eben nicht anpassen an das gemeine Volk – und zwar aus moralischen Gründen: Herablassung und sich nicht besser Dünken sind das Gleiche. Durch die Anpassung an die Schwäche der Unterdrückten bestätigt man in solcher Schwäche die Voraussetzung der Herrschaft und entwickelt selber das Maß an Grobheit, Dumpfheit und Gewalttätigkeit, dessen man zur Ausübung der Herrschaft bedarf. – daraus folgt fast zwangsläufig: Für den Intellektuellen ist unverbrüchliche Einsamkeit die einzige Gestalt, in der er Solidarität etwa noch zu bewähren vermag. Alles Mitmachen, alle Menschlichkeit von Umgang und Teilhabe ist bloße Maske fürs stillschweigende Akzeptieren des Unmenschlichen. – soweit, so klar: Adornos Plädoyer für einen Rückzug des politischen Intellektuellen aus dem allgemeinen gesellschaftlichen Leben, für eine Distanz zum normalen Leben der gemeinen Masse.

Doch sogleich folgt darauf auch schon seine Antithese, eine absolut schlagende Argumentation zum Gegenteil: Für den, der nicht mitmacht, besteht die Gefahr, daß er sich für besser hält als die anderen und seine Kritik der Gesellschaft mißbraucht als Ideologie für sein privates Interesse. – so direkt, unvermittelt und hart prallen in seiner Argumentation die Seiten aufeinander. Auch dieser Gedanke wird in einem längeren Aphorismus entfaltet. Der Distanzierte bleibt so verstrickt wie der Betriebsame; vor diesem hat er nicht voraus als die Einsicht in die Verstricktheit und das Glück der winzigen Freiheit, die im Erkennen als solchen liegt. Die eigene Distanz vom Betrieb ist ein Luxus, den einzig der Betrieb abwirft. – in den vierziger Jahren dachte Adorno dabei vermutlich an Vertreter der avangardistischen Kunst: die Zwölftonmusiker, kubistischen Maler, modernen Dichter etc. Ich denke dabei auch an den bis in die frühen 90er Jahre hinein in der links-alternativen Szene sehr verbreiteten Typus des glücklichen Arbeitslosen, der insgesamt recht zufrieden von der staatlichen Unterstützung lebt, sich privat einem besseren Leben widmet und nach Außen auf die Gesellschaft schimpft. Weder Adornos Avantgardekünstler noch die szenigen Arbeitslosen haben Unrecht: das dialektische Denken zielt ja vielmehr auf die Unmöglichkeit, so einen Typus sauber zu leben. Auch wer sich distanziert, lässt sich noch von dem als ungerecht, ausbeuterisch erkannten gesellschaftlichen System ernähren und hält sich gleichzeitig aus dem Betrieb fern, um die eigene Seele nicht von kultureller Falschheit zu beschmutzen. Das ist heuchlerisch!

Adorno schließt auch diesen Gedankengang paradox: Es gibt aus der Verstricktheit keinen Ausweg. Das einzige, was sich verantworten lässt, ist, den ideologischen Mißbrauch der eigenen Existenz sich zu versagen und im übrigen privat so bescheiden, unscheinbar und unprätentiös sich zu benehmen, wie es längst nicht mehr die gute Erziehung, wohl aber der Scham darüber gebietet, daß einem in der Hölle noch die Luft zum Atmen bleibt. – da klingen weder die erste These noch die Antithese besonders ausrichtsreich.

Aber wenn wir uns das durch den Kopf gehen lassen, diese Unmöglichkeit hier und diese Unmöglichkeit dort, kommen wir zu einer Vorstellung von dem Dilemma, in dem Adorno damals gesteckt haben muss, als ihn die Studenten 1968 zum Mitmachen und Mitprotestieren aufforderten. Er konnte nicht mitmachen, und er konnte sich nicht verweigern. Wie gesagt, in der Philosophie und soziologischen Theorie standen sie stets absolut hinter ihm: Adorno galt ihnen stets als der brillanteste, radikalste und integerste Professor seiner Zeit, eine neue kritische Vaterfigur für die Studenten der Generation nach dem Krieg, die ihre leibhaftigen Väter nicht immer als Vorbilder sehen konnten. Umso verständlicher ihre Enttäuschung, als er die verlangte Rolle ablehnte. Wie aber hätte er sich, angesichts der formulierten Widersprüche, sonst verhalten sollen?

Gewiss hätte er sich, sagen wir: wenn er auch ein etwas robusterer und kumpelhafterer Typ gewesen wäre, leicht an die Spitze der Studentenbewegung stellen können. Vielleicht hätte er sich ihnen anschließen, sich zum Wortführer erheben können. Aber dann hätte er zuviele Einwände, Differenzierungen, Feinheiten... einbringen müssen, das hätte entweder zaudernd geklungen, nach zuvielen Vorbehalten, zuvielen dialektischen Abwägungen und hätte letztlich der Bewegung ihre Eindeutigkeit und ihren Schwung genommen. Damit hätte er sich, durch sein ständiges Hin und Her und Drehen und Wenden von Aussagen und Gedanken völlig unmöglich gemacht, hätte fürchterlich umständlich und unpraktisch ausgesehen. Seine genauen und feinen dialektischen Analysen hätten im Kontext der politischen Artikulation wie Hemmungen gewirkt, wären mißverstanden worden als nicht weiter wissen wohin, als mangelnde Entschlusskraft oder Furcht vor klaren Worten. Aber das trifft es nicht: denn natürlich klingt und ist er entschlossen, nur eben nicht im Sinne des studentischen Aktionismus, sondern eher im Sinne des Denkens als Praxis, wie oben skizziert.

Oder aber er hätte kurzzeitig in das Horn der Protestierenden gestoßen, sich mit der ganzen Wucht seiner öffentlichen Persönlichkeit für ihre Ziele ausgesprochen, hätte sich aber dann gleich darauf wieder entfernen und auf die eigenen Interessen zurückziehen müssen, um nicht instrumentalisiert zu werden, um sich sozusagen vorm selber entfachten Sturm zu ducken und von der Protestwelle nicht mitgerissen zu werden. Damit allerdings hätte er dann seinerseits die Studenten instrumentalisiert, nämlich für sein Image als wortführender Revolutionär. Natürlich hätte Adorno auch für diese Strategie nicht Adorno sein dürfen: er hätte seine Rolle als intellektuelles Gewissen der Bundesrepublik egoistisch knallhart ausnutzen müssen, etwa wie es später die Grüne Partei gemacht hat, sich als radikaler Reformer präsentieren und auf der Welle der öffentlichen Meinung Karriere machen. Auch das hätte nicht wirklich zu ihm gepasst, und so konnte er eben nur machen, was er dann auch machte, nämlich auf seine Rolle als Professor für Philosophie bestehen – die Vorlesungen über Dialektik fortsetzen. Und zu dem Zweck musste das Institut eben geräumt werden. Ob die Studenten dabei von der hessischen Landespolizei gefoltert wurden?

Herbert Marcuse, der sich den studentischen Protesten und Inhalten vorbehaltsloser und nach Außen hin auch klarer anschloss, warf dem Frankfurter Institut vor, versagt zu haben. Adorno antwortete darauf in einem Brief: Ich meine, wenn man sich die Schwierigkeiten vergegenwärtigt, mit denen das Institut wie unser ganzes Leben lang so auch heute zu kämpfen hat, ist das Resultat menschenwürdig. – man sieht auch an diesem Beispiel wieder sehr schön, wo seine Interessen und die Maßstäbe liegen. Nicht der Revolution soll gedient werden, auch nicht dem Kommunismus, sondern der Menschenwürde. Im Unterschied zu zahlreichen Apologeten des Systems, sieht er diese jedoch noch fast nirgends verwirklicht, auch dann nicht, wenn sie in Artikel eins des Grundgesetzes verfasst ist. Man hätte sie lieber verwirklichen statt verfassen sollen. In einer nach wie vor latent faschistoiden Sozialstruktur und angesichts der zahlreichen Fallen links und recht am Wegesrand, inklusive der Falle des unentschlossenen Lavierens, sind menschenwürdige Resultate ja schon fast eine Sensation.

Hier zeigt sich übrigens eine erstaunliche Nähe zu Hannah Arendt, für die ein erfolgreiches Leben, ja überhaupt jeder Charakter eines individuellen und kollektiven Lebens nur rückblickend zu betrachten ist. Man könnte Adornos Satz womöglich auch als ein erfreuliches, vielleicht auch ein wenig überrascht klingendes Resümee interpretieren, etwa: "Angesichts dieser unmöglichen Lage haben wir doch beinah ein richtiges Leben im falschen geführt."