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"Die weisse Massai"

erstellt von Thomas Nöske zuletzt verändert: 12.05.2007 16:17

An Corinne Hofmann wurde viel Kritik geübt, sie betreibe Abenteuerurlaub oder sei eurozentrisch. Ich denke, dass diese Kritik nicht den Kern ihrer Geschichte trifft, und nehme dies zum Anlass, allgemein über Emanzipation versus Eigensinn nachzudenken.

Die Behauptung wäre übertrieben, der Film "Die weisse Massai" polarisiere – soviel Bedeutung messe ich ihm nicht bei; aber ich finde es doch zumindest interessant, wenn ein Werk allzu automatische, reflexartige Ablehnung hervorruft: "Hast Du schon ‚Die weisse Massai‘ im Kino gesehen?" – "Oh nee! Den muss ich mir nicht geben!" – oder: "Uuh! Kann mich ja gerade noch beherrschen!" Mitunter ist es aufschlussreich, die Gründe für diese selbstverständliche Ablehnung zu betrachten. Häufig stößt man nicht etwa darauf, was den Film tatsächlich schlecht macht, sondern eher auf die unhinterfragte Konditionierung der Kritiker, die ihre Meinungen schon genauso klischeehaft und oberflächlich abspulen wie sie es sonst selber der kommerziellen Kulturindustrie zu recht vorwerfen. Die Kulturkritik ist selber zur Konvention und damit wertlos geworden.

Im Falle des Films wie des Buchs "Die weisse Massai" lauten die typischen Formeln gängiger Kritik, die Darstellung setze sich nicht ausreichend mit der Kultur und den Riten der Massai auseinander, und zum zweiten, Corinne Hofmann instrumentalisiere die Massai nur für ihre abgefahrene Afrikageschichte, oder: Sie suche nur nach dem sexuellen Abenteuer, lasse sich aber auf die fremde Kultur nicht wirklich ein. – Ich möchte nun der Frage nachgehen, ob diese Vorwürfe tatsächlich auf Buch und Film zutreffen.

Die Geschichte ist bekannt: die 27-jährige Corinne Hofmann macht mit ihrem Freund Urlaub in Kenia, lernt dort einen waschechten Sumburu-Krieger kennen, verliebt sich in ihn und beschließt, in Kenia zu bleiben und mit ihm zusammen zu leben. Mehrere Jahre lang leben die beiden gemeinsam im Busch, wie man so sagt, in einer Holzhütte ohne Strom und fließend Wasser, ernähren sich überwiegend von Tee und Ziegenfleisch. Corinne Hofmann bringt eine Tochter zur Welt. Aber dann gibt es immer mehr Streit mit ihrem Mann, der extrem eifersüchtig ist, bis sie zurück in die Schweiz flüchten muss. Eine ganz gewöhnliche Liebesgeschichte, könnte man sagen, Mädchen trifft Jungen, erste Flirts, große Liebe, Hochzeit, Probleme im Eheleben und schließlich Trennung. Mehr ist zu der Geschichte eigentlich nicht zu sagen, eine normale Lovestorie wie es hunderttausende gibt, freilich mit der Besonderheit, dass die Frau aus der Schweiz stammt und der Mann ein Massai-Krieger ist. Dadurch entstehen kulturelle und lebenspraktische Konflikte. Man könnte es als eine Liebesgeschichte unter erschwerten Bedingungen sehen.

Indes bemängeln viele Kritiker den ethnologisch oberflächlichen Blick, dass sowohl im Kinofilm als auch in dem Buch kein tieferes Verständnis für die Weltanschauung und Rituale der Massai vermittelt wird. Die ganze Geschichte sei aus einer eurozentrischen Perspektive erzählt, in der die Massai als Primitive, gar als Wilde erscheinen, und die Weißen müssten ihnen erstmal Zivilisation und wirkliche Wissenschaft beibringen. An dem Vorwurf ist was dran: beim Film freilich noch mehr als im Buch; besonders deutlich wird das in der Dramaturgie der Szene, in der Carola Lehmann (der Name der Filmfigur) im Dorf der Sumburus ihr Baby zur Welt bringen will. Sie schwitzt und schreit, dem Zuschauer wird schnell klar, die Sache läuft nicht ohne Komplikationen. Doch die Massai-Frauen können nicht mehr tun als ein Ritual, sie streicheln mit den Händen über Lehmanns Bauch und rufen im Chor "Enkai! Enkai!", das Sumburu-Wort für Gott. Die Filmbilder werden hektischer und verschwimmen, so als ob der Kinobesucher gemeinsam mit Carola Lehmann ohnmächtig wird; und dann erfolgt ein abrupter Schnitt. Und im nächsten Bild sieht man mehrere brennende Ölfässer, die im Dunkeln eine Landebahn markieren, und dann landet ein Flugzeug.

"Ein Glück!" denkt der Kinobesucher: "Endlich kommt die westliche Medizin-Technik zur Hilfe!" Das ist dramaturgisch spektakulär gemacht: der Kinobesucher ist überrascht, im Film fällt das Flugzeug buchstäblich vom Himmel; niemand weiß, wer es gerufen hat. Während im Buch schon lange klar ist, dass Hofmann ihr Kind im Missions-Krankenhaus einer benachbarten Stadt zur Welt bringen wird. Man kann in einem Massai-Dorf leben und sein Kind dennoch in einem christlichen Krankenhaus zur Welt bringen, darin liegt kein fundamentaler Widerspruch. Dagegen im Film wird die Rettung durch die westliche Medizin-Technik fast wie ein Wunder inszeniert und durchaus mythologisiert, durch das plötzliche Erscheinen des Flugzeugs, durch die brennenden Fässer, die natürlich die Landebahn markieren, aber auch an einen Fackelzug erinnern.

Im Buch wird der Kontrast zwischen Massai-Riten und westlicher Technik weniger hochgespielt. Ein weiteres Beispiel: im Film wie im Buch rammt der Massai-Krieger Lketinga bei seinen ersten Fahrversuchen das Auto gegen einen Baum, aber im Buch lernt er das Autofahren später doch noch, im Film dagegen nicht. Der Vergleiche lassen sich fortsetzen: auch beim Umgang mit Geld, mit Behörden etc. erscheint der Lketinga des Films durchgehend dämlicher als der des Buchs. Aber das mag auch daran liegen, dass Filme im Vergleich zu Büchern immer zur Simplifizierung neigen.

Die Frage ist wohl weniger, wie klug oder dumm die Massais im Verhältnis zu Europa dargestellt werden, denn auch der Begriff der "Lernfähigkeit" impliziert ja schon logisch, dass es etwas zu lernen gibt; sondern vielmehr, ob und Buch und Film überhaupt diese eurozentrische Perspektive verkörpern? Ich meine: ja, das tun sie bestimmt; das steht gar nicht zur Diskussion. Der Film ist eurozentrisch bis ins Mark. Die Holzhütten der Massai-Dörfer, kaum größer als ein Iglu-Zelt, ihre Ernährung, fast nur aus Tee und Ziegenfleisch bestehend, ihre Sitten, wenn Männer nichts essen dürfen, was Frauen angefasst haben etc. wirken samt und sondern primitiv, abergläubisch, absurd. Aber man darf nicht vergessen, dass es zuerst eine Geliebte und später die Ehefrau ist, die hier beschreibt und erzählt. Corinne Hofmann nähert sich ja nicht mit dem neutralen, methodisch reflektierten Blick eines geschulten Ethnologen ihrem Thema, sondern mit einem ganz eigenen und sehr persönlichen Interesse: "Ich will mit diesem Mann leben!" Und als solche hat sie das persönliche Recht, an der Hygiene, der Ernährung, der Behausung, der Sitten etc. zu mäkeln wie jede Ehefrau das Recht hat, die gemeinsamen Lebensbedingungen zu kritisieren.

Das Motiv ist hier nicht: Europäerin kommt in den Busch und findet die Eingeborenen bekloppt, sondern: Frau heiratet Mann und möchte mit ihm zusammen leben und nicht all ihre gewohnten Standards vergessen. Natürlich kauft sie das Auto nicht, um den Massais zu zeigen, was ein gutes Auto ist, sondern weil sie es braucht, um im Nachbarort Lebensmittel einzukaufen. Gewiss impliziert ihr Handeln auch eine – wenn man unbedingt will - eurozentrische Wertung. Aber es macht doch einen prinzipiellen Unterschied, ob ein Forscher oder Missionar sagt: "Wir müssen den Massai unsere Fahrzeugtechnologie beibringen!" oder ob die Ehefrau eines Massais sagt: "Ohne Auto gehe ich hier kaputt!"

Was ist das genau für ein Unterschied? – ich denke, es ist ein Unterschied der Standpunkte und Interessen. Der Ethnologe muss sich schon aus erkenntnistheoretischen Überlegungen zurückhalten, darf sich nicht zu stark in die fremde Welt einmischen, um den neutralen Blick des Wissenschaftlers nicht zu verlieren; dagegen muss der Missionar sich immer mit dem Vorwurf religiöser Dogmatik auseinandersetzen, den christlichen Gott und die christlichen Werte absolut zu setzen. Beide werden aus forschungspraktischen Gründen oder Toleranz-Geboten zur Zurückhaltung gezwungen, Ansprüche, die man an Corinne Hofmann nicht stellen kann. Eine Geliebte und Ehefrau muss weder erkenntnistheoretisch reflektiert noch religiös antidogmatisch operieren. Sie hat einen anderen Status, und aus dem heraus darf sie Autofahren und gegen Massai-Riten meckern wie sie möchte. Ich denke, diese Unterschiedlichkeit der Standpunkte muss man erstmal akzeptieren, wenn man Buch und Film kritisieren möchte, sonst verfehlt man die Perspektive, aus der die Geschichte berichtet ist. Damit wird auch klar, warum die Massai im Film vor allem als Kulisse fungieren; denn natürlich möchte sie ihren Mann aus seiner Herkunft lösen und in die eigene Welt mitnehmen.

Man könnte die Sachlage auch so formulieren: Corinne Hofmann verhält sich unter den Massi eurozentristisch in dem Maße, wie sie nicht bereit ist, auf bestimmte Ansichten, Kenntnisse, Gewohnheiten, Lebensstandards etc. in der fremden Umgebung zu verzichten. Eine Ehefrau ist heutzutage nicht mehr gezwungen, sich in ihrer gesamten Lebensweise voll und ganz der Kultur des Mannes anzupassen. Der Vorwurf des Eurozentrismus gegen Corinne Hofmann hat auch was frauenfeindliches, denn er impliziert, dass sich die Frau der Kultur des Mannes anzupassen hätte. Oder der Vorwurf läuft darauf hinaus, Europäaer und Massais dürften prinzipiell nicht heiraten und ihre Kulturen vermischen, also auf strikte Rassentrennung, Ideen kultureller Reinheit oder ähnliches. So oder so entsteht ein ethisches Dilemma, wenn man bei der Bewertung von Corinne Hofmanns Verhalten nicht die Maßstäbe an eine Ehefrau verwendet, sondern die an Ethnologen oder Missionare.

Wir müssen Corinne Hofmanns eigentliche Motivation genauer analysieren und sehen, in welcher Rolle, mit welchem Status etc. genau sie eigentlich zu den Massai kommt. Hier wird ihr häufig der Vorwurf gemacht, sie hätte die Massai für ihren eigenen Ruhm instrumentalisiert oder einfach nur Sextourismus, bzw. einen etwas ausgedehnten Abenteuerurlaub betrieben. Zu Punkt eins muss sagen: natürlich hat Corinne Hofmann mit ihren drei Bestseller-Büchern ihre Geschichte kommerziell gewieft ausgeschlachtet. Aber das kam erst Jahre später, nachdem sie aus Afrika wieder zurück in die Schweiz gekehrt war; während sie ihre Geschichte erlebte, stand die Perspektive ihrer Vermarktung in Reise-Romanen für sie wohl noch nicht zur Debatte. Ansonsten ist nur ihr erstes Buch wirklich spannend, die anderen beiden sind zweiter und dritter Aufguss. Als sie in Afrika lebte, war ihr Wunsch, "ich möchte diesen Mann heiraten", durchaus authentisch. Damals wußte sie noch nicht, dass sie später einmal darüber schreiben wird. Oder: vielleicht hat sie auch mal mit diesem Gedanken gespielt, aber er war nicht ihr eigentliches Motiv. Ihr eigentliches Motiv war: "Ich will den Massai!" Darum setzt der zweite Vorwurf radikaler an und stellt gleich die Qualität ihrer Beziehung in Frage: "Von wegen große Liebe! Das war doch bloß die nackte Geilheit, die wollte nur den schönen, schlanken, schwarzen Körper haben! Die hat sich nie wirklich auf Lkentinga eingelassen, die hat ihn nur konsumiert!"

Mit Verlaub, ich halte diesen Standpunkt für borniert. Z.B. meint Rüdiger Suchslandt: "Man nennt (das) Orientalismus", - als ob das schon ein Verbrechen wäre! – "Der ist in diesem Fall Kulisse für die Sorgen einer eher langweiligen weißen Mittelstandsdame, die sich beim muskulösen Ziegenhüter ihren sexuellen Kick holt und dann irgendwann die Lust an ihrem Lover verliert." Aber woher weiß er das? - Weder in dem Film noch in dem Buch gibt es Anzeichen dafür, Corinne Hoffman sei gelangweilt und suche lediglich den sexuellen Kick. Man erfährt, dass sie Geld hat und sich mit ihrem Freund zerkracht und dass der schlanke, schwarze Körper von Lketinga sie erotisch anzieht. Aber von dieser Beobachtung hin zur Schlußfolgerung, es handle sich um eine "gelangweilte, Mittelstandsdame, die nur einen sexuellen Kick sucht", ist es noch ein ziemlich weiter Weg. Immerhin lebt Corinne Hofmann mehrere Jahre mit Lektinga zusammen, sie gründen eine Familie, es gibt sogar eine gemeinsame Zukunftsplanung. Und die Beziehung wird dann von seiner extremen Eifersucht zerstört, nicht etwa bloß weil Hofmann die "Lust an ihrem Lover verlöre", wie Suchslandt meint.

Der eigensinnige Entschluss von Corinne Hofmann: "Ich bleibe in Kenia und heirate diesen Mann!" lässt sich nicht auf allzu schlicht gestrickte Formeln reduzieren. Gewiss kommt sie nicht aus missionarischen Motiven und auch nichts als Ethnologin, die etwas über ein unbekanntes Land erfahren und herausfinden möchte und dabei all ihre Gewohnheiten radikal in Frage stellt, um sich für Neues zu öffnen etc. Das habe ich schon erläutert. Allerdings kommt sie auch nicht als Sextouristin, sie macht das alles nicht aus purer Abenteuerlust oder Langeweile. Dafür wäre ihr Engagement, ihre Einlassungen und ihre Ausdauer bei den Massais tatsächlich zu groß. Ihre Gründe sind auf jeden Fall vielschichtiger und komplizierter. Allerdings kann sie in ihrem Buch ihre Gründe nicht erhellen. Vielmehr beschwört sie in ihrer schlichten, unpoetischen Sprache immer nur die Faszination: "Neben dem, was ich für Lektinga empfinde, erscheint mir alles andere, was vorher war, lächerlich", oder: "Ich werde von dieser unheimlichen Kraft weitergetrieben" Klar, das ist sprachlich unzulänglich, verdunkelt eher ihre Gefühls- und Gedankenwelt, macht sie dem Leser zumindest nicht transparent. Alles in allem bleiben die Motive doch ziemlich platt und oberflächlich, bzw. im Dunkeln. Man hat das Gefühl, dass sie von dubiosen Energien getrieben in die Massai-Welt hineinstolpert. Sie gibt sich auch keine große Mühe, selber ihren eigenen Antrieb zu verstehen, geschweige denn dem Leser oder Kinobesucher zu vermitteln. Ihr erster Impuls mag Abenteuerlust gewesen sein, der hat sie vielleicht noch in die Dorfdisco geführt; aber damit lässt sich nicht der ganze Aufwand erklären, mit dem sie ihr Leben in Afrika zu normalisieren versucht. Neben Lketinga freundet sie sich ja auch noch mit einigen anderen Leuten an, bemüht sich um ordentliche Papiere, um eine feste Beschäftigung im Land. Dass sie Geld aus der Schweiz hat, gibt ihr natürlich Sicherheit und mag die Entschlusskraft beflügeln; aber es ist nicht nur das Geld, dass es ihr ermöglicht, mehrere Jahre mit den Massai zu leben, sondern auch ihre Fähigkeit, sich auf die Leute einzulassen, von der Gemeinschaft akzeptiert zu werden, mit ihrem Auto die Maismehlsäcke fürs ganze Dorf zu transportieren etc.

Und darin liegt, glaube ich, das eigentlich Interessante und Verrückte an der Storie: die von den Kritikern vermuteten Motive spielen eine Rolle, sie können aber nicht den Verlauf der ganzen Geschichte erklären. Für Hofmanns Entscheidung, ihren langen Atem, ihre Ausdauer, sie über mehrere Jahre lang zu verfolgen, reichen diese Motive lange nicht aus. Es müssen noch andere Gründe hinzukommern. Diese lassen sich allerdings verdammt schwer identifizieren. Ich hatte schon erklärt, dass eine ethnologisch-wissenschaftliche Neugier, eine fremde Kultur kennenzulernen, oder christliche Motive, den Wilden endlich die Zivilisation zu bringen, ebenfalls nicht in Frage kommen. Frau Hofmann kann ihre Faszination nicht wirklich greifbar, nachvollziehbar machen, der Funke springt auf das Publikum nicht über. Die vollständige Aufklärung darüber, warum sie eigentlich macht, was sie macht, gelingt nicht – und ist anhand der in dieser Hinsicht spärlichen Informationen im Buch und im Film auch kaum möglich. Man müsste genauer erfahren, was sie eigentlich bewegt, was in ihr wirklich vorgeht. Was indes in Buch und Film sehr gut rüberkommt, ist die Individualität dieses Willens, der sozusagen seine Begründung in sich selbst findet, ohne sich auf allgemeine Imperative des richtigen Lebens zu berufen: "Ich will, was ich eben will, warum soll ich das noch weiter begründen?" Sie wird aber auch nicht blind getrieben wie z.B. der spielsüchtige oder der alkoholkranke Mensch, die es auch gegen den eigenen Willen immer wieder zum Roulettetisch, bzw. zur Flasche zieht. Sie weiß durchaus, was sie tut, und will auch wirklich das was sie will. Es gibt einen Entscheidungsprozess, im Film von der Schauspielerin Nina Hoss rein pantomimisch sehr schön dargestellt, durch eine entschlossene Verhärtung der Gesichtszüge, ein zuversichtlich gepresstes Lächeln, einen fixierenden Blick etc.

Diese Entschlossenheit, dieser starke Wille, der sich selbst genügt und nicht mit externen Werten begründet wird, ja eigentlich noch nicht einmal reflektiert und hinterfragt wird, ist komplett egozentrisch und eigensinnig, hat nichts mit den Emanzipationsparadigmen der 70er und 80er Jahre zu tun. Es geht nicht um die klassischen Werte der links-alternativen oder autonomen Szene, um persönliche Reife, Erwachsenwerden, Unabhängigkeit etc., sondern lediglich darum, den eigenen Kopf durchzusetzen, wo immer er herkommt. Ihr Blick auf die Welt ist ungetrübt von allem psychoanalytischen oder marxistischem Hintergrundwissen. Tatsächlich macht sie sich keine Gedanken darüber, ob sie das was sie macht, auch "persönlich weiterbringt" oder "sozialphilosophisch verantwortbar" ist. Indes handelt sie ebensowenig als unbewusste Agentin des kapitalistischen oder imperialistischen Systems. Sie handelt durchaus frei, nur eben nicht im Sinne klassisch emanzipatorischer Kriterien, sondern vollkommen eigensinnig. Man kann auch als nicht-aufgeklärtes, nicht-emanzipiertes Individuum seinen Weg der Selbstverwirklichung gehen, sich in ein total gestörtes Paralleluniversum einspinnen oder die Neurosen entfalten wie einen Pfauenschwanz.

Wir müssen im alltäglichen Sprachgebrauch zumindest zwei Sorten von "Selbstverwirklichung" unterscheiden: zum ersten als Selbstverwirklichung in einem allgemeinen-humanistischen Sinne, die z.B. eine Kultivierung bestimmter sozialer und politischer Eigenschaften und Fähigkeiten impliziert und der Persönlichkeitsbildung die Richtung vorgibt: "Du sollst nicht entfremdet arbeiten", "Du sollst das soziale Gleichgewicht befördern", "Du sollst eine liebesfähige Persönlichkeit werden", "Du sollst politisch informiert sein und aufgeklärt denken" etc.; zum zweiten als Selbstverwirklichung in einem radikal-individualistisch, nicht-verallgemeinerbaren Sinn, die für einen Außenstehenden durchaus egozentrisch, neurotisch, asozial etc. erscheinen mag. Man kann sich ja prinzipiell durchaus vorstellen, dass jemand seine egozentrisch-eigensinnige Selbstverwirklichung als Astronaut, Müllsammler, Computernerd, Pornofilmstar, religiöser Fanatiker, Eremit, technischer Berater für Nuklearbomben oder Vertreter einen durchgenknallten Hexen-Kults entwickelt, also in Bereichen, die nach den allgemein-humanistischen und 70er Jahren emanzipations Maßstäben einwandfrei als total gestört und nicht vernünftig motiviert gelten.

Das ist jetzt natürlich überspitzt, praktisch zeigen sich die verschiedenen Haltungen nicht so krass; doch wird in dieser Pointierung deutlich, wie unvereinbar sie im Kern doch sind, dass sie nichts miteinander zu tun haben. Man könnte den Konflikt zwischen der "Weissen Massai" und der typisch linken Standard-Kritik als Konflikt zwischen einer allgemein humanistischen Selbstverwirklichung und einer individualistisch eigensinnigen Selbstverwirklichung beschreiben. Die weisse Massai ist an dem links-alternativen Koordinatensystem emanzipatorischer Persönlichkeits-Entwicklung nicht interessiert; sie verfolgt ihre eigenen Maßstäbe, die sie indes nicht transparent machen kann. Sie zieht ihr eigenes Ding durch. Das ist soweit ja auch o.k., man kann sagen: "Gut, es ist ihre Sache, geht uns eigentlich nichts an!" Allerdings wirft das die Frage auf, warum man überhaupt ihr Buch kaufen soll? Warum soll ich mich mit dem Egotrip dieser Frau beschäftigen, die noch nicht mal in der Lage ist, ihre Motive, ihre Faszination, ihren Antrieb zu erklären? Das ganze liest sich ein bißchen wie ein Ereignis-Protokoll, "...dann habe ich ein Auto gekauft ... dann war ich im Krankenhaus ..." etc. häufig sehr emotional, fast euphorisch, wenn ich mich mal parodierend daüber lustig machen darf, etwa so: "Oh weh, ich lag krank auf dem schmutzigen Boden, ich hatte solche Schmerzen, ich dachte, ich müsste bald sterben – und was tat mein Darling? Ich freute mich so, als ich ihn sah! Aber er brachte mir Ziegenblut zu trinken! Ziegenblut! Igitt, igitt, igitt!"

Na gut. Zahlreiche Bands arbeiten mit nur drei Akkorden. Und mit mehr ist dieses Buch auch nicht geschrieben, aber es hat Tempo, man kann es an ein paar Tagen weglesen. Letztendlich ist "Die weisse Massai" kein großartig literarisches Werk und der Film auch kein großes Kunstwerk, sondern beides nur eine solide erzählte, kleine, verrückte Geschichte, die vor allem durch die Naivität und furchtlose Entschlossenheit der Erzählerin besticht. Ein Manifest ihrer Eigensinnigkeit, das was sie will und macht eben einfach nur zu wollen und zu machen, ohne sich auf weitere Reflexionen, Erklärungen oder gar Rechtfertigungen einzulassen. Denn ein freier Wille ist vielleicht auch dadurch gekennzeichnet, dass er kein Wille für einen weiteren Zweck, kein Wille "um zu" ist, sondern in gewisser Weise aus sich selbst heraus entsteht. Gut, dennoch könnte man ihn natürlich transparent machen – das würde dann das Buch literarisch machen; das ist es zweifellos nicht!

Vielleicht ist es völlig normal, wenn Menschen ihre besten Lebensphasen – häufig zwischen Mitte zwanzig und Mitte dreißig - verherrlichen und dann in irgendwelchen protokollartigen und überschwänglichen, literarisch und inhaltlich indes durchaus unzulänglichen Textwerken verarbeiten und publizieren und in der Erinnerung sagen: "Wow, damals lebte ich so intensiv, da war ich neugierig, da war ich wie berauscht und mutig, da wollte ich alles haben! Da war ich draufgängerisch und habe alles investiert" etc. etc. Man denke an die zahlreichen 68er-Erinnerungen, Musiker-Biographien, Ex-DDR und Nachkriegserlebnisse, die alle dieser gemeinsame Ton verbindet: "He, seht nur, damals war ich jung! Das habe ich gemacht!" Wir kennen diesen Sound aus "Sonnenallee", "Das wilde Leben", oder: "Rohstoff". Es geht nicht um Emanziption, auch nicht um Persönlichkeitsentwicklung oder das wahre Leben, sondern lediglich um den Rausch der Freiheit, wie man ihn nur im Westen im jungen Erwachsenalter erlebt. Ich glaube, wenn man "Die weisse Massai" so einordnet, kann man die Storie als abgefahrenen Bericht eines eigensinnigen Menschens würdigen, ohne sie einerseits als mutige Selbstverwirklichung zu sehr zu verklären, sie aber andrerseits auch nicht als Symptom westlich-imperialistischer Dekadenz zu verdammen. Vor allem geht es um das wunderbare Lebensgefühl, alles machen zu können, die ganze Welt vor sich zu haben. Der Witz dieses Genres liegt indes in seiner unglaublichen Pflegeleichtigkeit, dass man es nämlich ohne große Umstände verfilmen kann, weil kein tieferer Sinn, keine verborgene Botschaft die filmische Umsetzung erschweren; das Material lässt sich fast eins zu eins umsetzen. Darum existiert soviel davon, der Produktionsaufwand ist wunderbar gering, und zwar sowohl für den Autor wie für die Lektoren, Verleger, Regisseure und Schauspieler, und dabei kann man fast gewiss sein, einen Nerv zu treffen, irgendein Publikum damit zu fesseln.

Wer sich dagegen für die Faszination des schwarzen Kontinents interessiert, sollte eher zu Tanja Blixens Buch "Jenseits von Afrika" greifen. Blixen kann ihr Interesse am Land und an den Menschen zwar auch nicht politisch korrekt definieren, findet für ihre rätselhafte Anziehung aber zumindest eine poetisch angemesse Sprache. Sie schreibt: "Ich habe schon in den ersten Wochen eine große Liebe für die Eingeborenen gefasst. Es war ein tiefes Gefühl, das jedem Alter und jedem Geschlecht gleichermaßen galt. Die Entdeckung der schwarzen Rasse war für mich eine wunderbare Bereicherung der Welt. Ein Mensch, der mit einer angeborenen Liebe zu Tieren in einer Umwelt ohne Tiere aufgewachsen wäre, oder ein Mensch, der eine instinktive Neigung für Holz und Wälder hätte und zum erstenmal als Zwanzigjähriger einen Wald beträte, oder ein Mensch mit musikalischem Gehör, der zufällig erst als Erwachsener zum erstenmal Musik zu hören bekäme, würde sich in der gleichen Lage befinden wie ich. Sowie ich mit den Eingeborenen in Fühlung gekommen war, fügte ich den Rhythmus meines täglichen Lebens dem Orchester ein." (S. 23-24)