Der Wachstums-Begriff als metaphysischer Konsens unserer Zeit
Angeregt durch den Fall Natascha, gehe ich der Faszination des Wachstums-Begriffs nach. Dabei geht es freilich nicht nur um körperliches, sondern gerade um psychisches oder spirituelles Wachstum. Extrem verschiedene Denker wie Nietzsche, Papst Ratzinger oder die humanistischen Psychologen sind sich über den Wert des Wachstums einig. Aber meinen sie auch wirklich dasselbe?
Intro: Der Wachstumsbegriff im Fall Natascha
Mein Grundgedanke besteht darin, "Wachstum" als den übergreifenden, metaphysischen Konsens unserer Zeit zu analysieren. Denn Wachsen wollen wir alle. Im Sommer 2006 machte der Fall von Natascha Schlagzeilen, einer jungen Frau, die im Alter von zehn Jahren entführt worden war und von einem Psychopathen im Keller eines normalen Einfamilienhauses gefangen gehalten wurde. Erst acht Jahre später, mit 18 Jahren, gelang ihr die Flucht. Das Interesse der Medien war enorm, und in einem Interview wurde Natascha gefragt, wie sie diese lange, schreckliche Zeit überhaupt aushalten konnte? Ihre Antwort wurde in allen Zeitungen immer wieder zitiert, weil sie so sehr beeindruckte, sie antwortete nämlich: sie habe ja stets gewusst, dass sie immer noch größer und älter werden würde und so habe sie mit ihrem "späteren, erwachsenen Ich" einen Vertrag geschlossen, sofort zu fliehen, sobald sie dafür groß genug sei. Das leuchtet unmittelbar ein: ein zehnjähriges Mädchen kann man in einem Kellerverschlag gefangen halten, nicht aber - sofern sie sich körperlich, geistig und psychisch normal entwickelt - eine erwachsene Frau.
Der Dauer der Entführung war durch Natschas Älter werden sozusagen eine biologische Frist gesetzt: eines Tages würde sie einfach zu groß, zu stark, zu schlau etc. dafür sein, eines Tages würde sie, wenn er sie nicht vorher tötete, was er offenbar nicht wollte, einfach entkommen – müssen! Das musste auch dem Entführer jederzeit bewußt sein, der sich vermutlich durch eine krankhafte Passion in diese Situation gebracht hatte: seine Zeit lief ab, er würde auffliegen, und folgerichtig plante und begang er an diesem Tag Suzid! Wie bei einem Suchtkranken, war seine Handeln ganz von der Passion determiniert, verengte seine Handlungsspielräume zusehends und verstrickte ihn immer mehr in den katastrophalen Verlauf.
Die Entführungs-Situation implizierte also für beide Seiten eine fast zwingende, vor allem aber hochinteressante Teleologie: je älter Natascha wurde, umso schwieriger wurde es für den Entführer, die Situation aufrecht zu erhalten oder anders aufzulösen. Und Natascha erinnerte ihn regelmäßig daran, indem sie ihn überredete, Weihnachten und ihre Geburtstage mit ihr zu feiern! Denn aus ihrer Sicht verlief die gleiche Teleologie freilich mit umgekehrten Vorzeichen: Wachstum statt Selbstzerstörung! Ihr war bereits als zehnjähriges Mädchen klar, dass sie ganz automatisch eines Tages schlau und stark genug sein würde, um der schreckliche Situation zu entkommen; sie musste eigentlich nichts weiter tun, als darauf zu warten und wohlwollend zuzusehen, wie sich ihre geistigen, körperlichen und psychischen Kräfte weiter entwickelten. Weit tiefer als spektakuläre Kriminalgeschichten für gewöhnlich faszinieren, steckt in Nataschas Geschichte ein Motiv des unbedigten Vertrauens auf das eigene Entwikcklungspotential, sich eines Tages aus eigener Kraft aus einer fürchterlagen Lage befreien zu können! Der berühmte Spruch Hölderlins aus dem 18ten Jahrhundert: "Sieh! Wo die Gefahr am größten, wächst das Rettende auch!" wird von Natascha in einer fast schon dinglichen Materialität anschaulich!
Für sie war die Zeit eine positive Dimension, zu ihrem elften, zwölften, dreizehnten Geburtstagen mag sie jeweils gedacht haben: "Noch bin ich zwar zu klein und kann nicht entkommen, aber bald schon werde ich groß genug sein und es können!" Sie weiß noch nicht, wie genau sie sich befreien wird, aber dass es eines Tages soweit ist und sie es eines Tages schaffen wird, das weiß sie gewiss. Meiner Meinung nach, liegt der besondere Reiz dieser Geschichte darin, dass sie die beiden Motive "Wachstum" versus "Selbstzerstörung" so sinnfällig gegenüberstellt. Wir kennen alle Situationen in unserem Leben, in denen wir denken: "Mein Gott! Das ist alles so schrecklich, das ist alles so schlimm, und ich habe keine Ahnung, wie ich da jemals wieder heil rauskommen soll", in denen die einzige Hoffnung eben darin besteht, zu wachsen: "Eines Tages werde ich groß und stark genug sein, um die Lösung zu greifen; selbst wenn ich heute noch keine blasse Ahnung habe, wie sie aussehen könnte!" Allgemein beruht die Hoffnung darauf, ein Elend zu überwinden, indem man über sein aktuelles Ich hinauswächst. Das ist freilich ein metaphysisches Motiv und lässt sich verallgemeinern auf alle Situationen, die dem Subjekt unerträglich scheinen: Armut und Hunger, Gefangenschaft, Einsamkeit ... und deren Überwindung das Subjekt aktuell noch überfordern.
- Die Kraft des Wachstumsbegriffs
Doch auch wenn den Meisten von uns ein so krasses Schicksal erspart wird, kennen wir doch alle Situationen, die wir nur in der Erwartung überstehen, "bald darüber hinaus zu sein", "die Sache bald überwunden zu haben". Außerdem existieren Wünsche, die sich ebenfalls nur über Wachstumsprozesse verwirklichen lassen. Wir wollen nach Amerika auswandern oder auf dem Klavier eine perfekte Bach-Interpretation spielen, und es ist klar, dass es dabei nicht bloß um die Übung einer paar technischer Fertigkeiten geht, sondern wir gewissermaßen mit unserer gesamten Persönlichkeit in diese Aufgabe hineinwachsen müssen. Die Erfahrung eines solches Prozesses, vom anfänglichen Zweifel: "Werde ich es schaffen?", über die Entwicklung: "Ich kann mich verändern", bis schließlich zum stolzen Ergebnis: "Jetzt bin ich endlich gereift!"gehört gewiss zu den großartigsten, berauschtensten und intensivsten Erfahrungen eines jeden subjektiven Lebens.
Diese besondere Stärke der Wachstums-Erfahrung macht den Begriff zugleich anfällig für Ideologien. Doch die ideologische Dimension des Wachstums-Begriffs ist nicht etwa als eine Art "Missbrauch" zu verstehen, so als ob jemand den Begriff etwa absichtlich für seine egoistischen Zwecke falsch verwenden würde, sondern dialektisch in ihm selbst enthalten. Wer auf Wachstum setzt, verzichtet dafür auf die Befriedigung aktueller Wünsche, diszipliniert sich in Erwartung einer besseren Zukunft, akzeptiert Versagungen, lernt Geduld und Schmerzen ertragen. Das können wir überall beobachten: so wurden zum Beispiel Kürzungen des Arbeitslosengeldes und eine Ausweitung von Zwangsmaßnahmen begründet, sie seien sogar im Sinne der betroffenen arbeitslosen Menschen; nur so würden die Leute gefordert, eigene Kräfte zur Überwindung ihrer Lage zu mobilisieren. Die fürsorgerischen Hilfen bevormunden die armen Menschen und unterdrücken ihr Selbsthilfepotential. In globaler Perspektive argumentiert man ähnlich gegen Hilfeleistungen für arme afrikanische Länder. Die Übergänge zu Maßnahmen der "Hilfe zur Selbsthilfe" sind freilich fließend, und zumindest rein theoretisch könnte man sämtliche Hilfs-Maßnahmen untersagen mit der Behauptung, sie würde das natürliche Wachstumspotential der Betroffenen unterwandern. Die Tatsache, dass solche Überlegungen aus eigener Erfahrung nicht ganz falsch sind, zeigt, wie eng hier Erfahrung, Ideologie und Metaphysik miteinander verwachsen sind. Egal ob Friedrich Nietzsche, der bekanntlich sagte: "Was den Menschen nicht umbringt, das macht ihn härter", die katholische Kirche oder die humanistische Psychotherapie – in allen Weltanschauungen ist Entsagung und Bedrängnis eine Wachstumsvoraussetzung.
Das führt uns zu dem Verdacht, die Wachstumserfahrung könne nur eingebildet sein. Wachstum, nicht als metaphysischer, sondern vor allem ideologischer Konsens unserer Zeit. Das stärkste Argument der modernen Psychologie gegen alle metaphysischen Erfahrungen ist ja bekanntlich das der "Selbsterfüllenden Prophezeiung": weil wir uns selbst so sicher sind, dass Wachstum existiert, interpretieren wir mehr oder weniger alle unsere Erfahrungen im Rahmen der Wachstums-Ideologie; auch wenn die Erfahrungen nüchtern betrachten sie gar nicht unbedingt bestätigen. Das Argument ist natürlich richtig, hat aber den Nachteil, dass es für alle Welterfahrungen zurtifft; denn es gibt ja keine reine Erfahrung, die nicht durch subjektive Erwartungen und Überzeugungen vorgefiltert wäre. Eine restlos unvoreingenommene Wahrnehmung ist unmöglich, irgendeine wie auch immer explizit formulierte "Prophezeiung" wird immer "selbsterfüllt". Von diesem Standpunkt aus ließe sich der Wachstumsbegriff zwar widerlegen, doch die alternativen Modelle von Evolution, zielloser Veränderung oder was auch immer fielen dem gleichen Verdikt anheim, und wir hätten gar nichts gewonnen; das Argument der "Selbsterfüllenden Prophezeiung" ist zwar gut geeignet, um voreilige Gewissheiten zu brechen, führt indes zu keiner eigenen befriedigenden Position. Bevor wir uns weiter mit dem Begriff des "Wachstums" beschäftigen, ist es also notwendig, ein kurzes Kapitel über die Grenzen und Möglichkeiten metaphyischer Evidenz überhaupt einzuschieben. Das wird jetzt als nächstes geschehen.
- Grenzen und Möglichkeiten metaphysischer Evidenz.
Ich fasse nochmal kurz zur Erinnerung unser Problem zusammen: wir konnten uns nicht entscheiden, was an dem "Wachstums"-Gedanken wirkliche Erfahrung ist und was lediglich die Projektion einer Ideologie. Dieses Problem lässt sich jedoch nicht lösen, sondern mündet in dem grundsätzlichen Paradox, dass all unsere Welterfahrungen begrifflich gefiltert sind und unsere Begriffe umgekehrt erfahrungsgesättigt; dass wir also niemals endgültig entscheiden können, was Projektion eigener Idee und was Wahrnehmung der wirklichen Welt ist? Dabei handelt es sich freilich nicht nur um irgendeine beliebige Haarspalterei, sondern um eine der ewigen ungelösten Fragen der Philosophie.
Die verschiedenen Antworten von Kant, Schopenhauer, Hegel, Nietzsche etc. sind allesamt nicht völlig doof; doch nach eingehender Beschäftigung erscheint mir die Antwort von Karl Jaspers am klügsten: in seinem Buch "Der philosophische Glaube" differenziert Jaspers zwischen "Offenbarung" und "Vernunft". Dabei versteht er "Offenbarung" freilich im Sinne der Religionen, als etwas, das dem Menschen von außen (einem Gott, dem Universum etc.) eingegeben wurde; ich würde es noch neutraler sagen und "Offenbarungen" als Gewissheiten verstehen, die vor aller vernünftigen Reflexion fraglos feststehen. "Es gibt einen Gott", wäre eine solche, wie aber auch: "Die Welt besteht nur aus Materie, sonst nichts", oder eben: "Die Aufgabe des Menschen ist es, über sich selber hinaus zu wachsen". In einem philosophischen System oder einer Weltanschauungen haben Offenbarungen oder Gewissheiten den gleichen Status wie Axiome in der Mathematik: sie sind Grundlagen-Sätze, auf denen alle weiteren aufbauen. Dagegen beschreibt "Vernunft" die rationale, auch für andere Menschen logisch nachvollziehbare Entfaltung dieser Grund-Gedanken. Wenn wir z.B. mit Adorno einer Meinung sind, dass sich "Auschwitz nicht wiederholen" darf, und zweitens, dass die Voraussetzungen für Auschwitz nicht in der konkreten Politik lägen, sondern in der "Sozialpsychologie" und der "Gesellschaftsstruktur", dann ergibt sich daraus vielleicht schon der gesamte Rest von Adornos Denken einwandfrei und zwingend logisch!
Der Witz von Jaspers Philosophie liegt darin, dass weder die Offenbarung noch die Vernunft sich allein erhalten können, sondern jeweils die Bestätigung durch ihr Gegenüber brauchen. Die Vernunft kann sich nämlich stets nur innerhalb eines Rahmens entfalten, der durch Offenbarungen gesteckt ist; ist also sozusagen immer nur eine Binnenvernunft. Dagegen müssen Offenbarungen ihrerseits vernünftig entfaltet, reflektiert, interpretiert etc. sein, um für die Menschen überhaupt nachvollziehbar, kommunizierbar und Orientierung sein zu können. Das bedeutet, dass eine Offenbarung die sich vernünftig nicht vermitteln lässt, ebenso abfällt wie eine Vernunft, die auf keinen festen Gewissheiten steht. Dieses Wechselspiel zwischen Offenbarung und Vernunft könnte man als "Evidenz" beschreiben. Es findet sozusagen ein permanentes Ringen statt zwischen dem, was wir glauben wollen, und dem, was wir glauben können, was uns als Erkenntnis aufgeht und was uns vernünftig erscheint, bzw. was uns unvernünftig erscheint und was uns auch im Herzen unzugänglich erscheint.
Zum Beispiel können wir uns das an den theologischen Erörterungen von Papst Ratzinger schön angucken. Wenn Papst Ratzinger sagt, es handele sich beim christlichen Glauben nicht um "irgendein abergläubisches Abenteuer", sondern seine Inhalte seien vielmehr auch dem skeptischen, rationalen Geist zugänglich, dann muss er uns das demonstrieren. Er muss gerade uns die schwierigen Aussagen der Bibel, von Jesus als leibhaftigen Sohn Gottes bis hin zur Auferstehung von den Toten, so interpretieren, vermitteln und erklären, dass sie uns nachvollziehbar, vernünftig und richtig erscheinen. Das heißt es, Offenbarung durch Vernunft zu stützen und auf dem Weg Evidenz zu erzeugen. Wenn Ratzinger die göttliche Natur von Jesus Christus damit erklärt, Jesus sei nicht halb Mensch und halb Gott, sondern "ganz Mensch und ganz Gott", dann ist diese Erklärung durchaus befriedigend; denn sie macht deutlich, dass es sich beim göttlichen Menschen nicht um irgendein skurriles Mischwesen handelt, wie etwa einen Kentaur oder die Sphinx, sondern um eine Aussage über die eigentliche Natur des Menschen, der gerade als Mensch – das heißt: in seiner Unvollkommenheit - vollkommen ist, und sein göttliches nicht etwa im Übermenschlichen, Größenwahnsinnigen, Fanatischen etc., sondern nur im menschlichen, endlichen, begrenzten etc. finden kann – und dabei dennoch keine Abstriche vom ganzen Göttlichen machen muss. Wie man zum christlichen Glauben konkret auch immer steht, die vernünftige Argumentation und die Sätze der Offenbarung stützen sich zumindest gegenseitig und widerstreiten einander nicht.
An anderen Stellen quietscht Ratzingers Argumentation ziemlich schief. Als ihn der Journalist Peter Seewald in einem Interview provoziert, "Gott müsse die Dinosaurier sehr geliebt haben, denn sie bevölkerten 150 Millionen Jahre lang die Erde", fällt Ratzinger darauf nichts wirklich Schlaues mehr ein: "Es wird klar, daß es ein unermeßlich langer Weg ist und das Abenteuer des Menschseins als eine Art Finale erscheint". - Ein Argument, das freilich nur dann gilt, wenn wir das Finale tatsächlich schon erreicht haben; d.h. wenn wir sicher wüßten, dass nach uns nichts mehr kommt. Und selbst wenn es so wäre: warum sollte sich Gott dafür interessieren, das Finale seiner Weltschöpfung kurz und kompakt zu gestalten? - Ratzingers Binnenvernunft kann aus ihrem religiösen Rahmen nicht heraus und beginnt ganz schön zu knirschen. Man merkt ihr einfach an, dass er nicht unbefangen denkt, sondern natürlich daran gebunden ist, am Ende stets die Christliche Offenbarung zu bestätigen.
Aber nicht nur religiöse, auch naturwissenschaftliche Binnenvernunft wird unglaubwürdig, weil auch sie letztlich alle Antworten aus ihren eigenen Gewissheiten heraus schöpfen muss und in diesem Sinn unfrei ist. Die Versuche der Gehirnforscher, die Phänomene Kunst oder freien Willen aus der Neurophysiologie zu erklären, sind genauso bemüht und unbefriedigend wie Ratzingers "Saurier-Theorie". Dort heißt es z.B., das Gehirn produziere Kunstwerke zufällig wie die Forpflanzung Mutationen, um "neue Elemente der Kommunikation in der sozialen Evolution auszuprobieren", also experimentell, um unser Repertoire an kommunikativen Formen zu erweitern; eine Erklärung, die freilich an die Phänomene Bach und Picasso längst nicht heranreicht. Man hat auch hier den Eindruck, dass sich die Gehirnforscher überheben, wenn sie an die großen Rätsel des Lebens mit ihrer spezifischen Binnenvernunft heranwollen, aus der sie nicht herauskommen.
Joseph Ratzingers "Saurier-Theorie" und die Gehirnforscher zum Thema Picasso: wirklich evident erscheint uns beide Erklärungen nicht. Ich wollte indes mit diesen beiden Beispielen Jaspers Gedanke vom Verhältnis zwischen Offenbarung und Vernunft demonstrieren, wie beide Seiten aufeinander angewiesen sind, die Vernunft nur als Binnenvernunft im Rahmen der durch die Offenbarung gesteckten Grenzen existieren kann, und die Offenbarung andrerseits durch die Vernunft gestützt werden muss, um glaubwürdig und überzeugend zu bleiben. Jetzt aber zurück zum Thema. Die Frage nächste Frage lautet nun, was das für Evidenz und Ideologie des Wachstumsbegriffs bedeutet?
3. Evidenz des Wachstumsbegriffs
Wie die christliche Lehre und die Gehirnforschung, besitzt auch der Wachstumsbegriff eine ideologische Seite und eine evidente Seite. Zur ideologische Seite zählen gewiss die psychologischen Theorien, die dem Menschen ein "angeborenes Wachstumsbedürfnis" unterstellen, sowie geschichtsphilosophische Systeme, die darauf warten, dass der Mensch endlich reif für die utopische Gesellschaft werde. Es hat was verklärtes, wenn man von den Armen, Kranken und Schwachen verlangt, sie sollten endlich über ihr eigenes Elend hinauswachsen und sich selbständig aus dem Sumpf ziehen. Entsprechend macht es auch keinen Sinn, in schlechten Zeiten selber auf einen "Wachstumsschub" zu warten, bis man sich aus seiner aktuellen Lage erhebt, wenn eine Veränderung schon mit einfacheren und pragmatischeren Mitteln, z.B. einer Verhaltenstherapie, möglich ist. Man muss grundsätzlich fragen, ob in allen Problemsituationen, die ein rasches Handeln erfordern, mit einem metaphysisch aufgeblasenen "Wachstums"-Begriff gedient ist, und sei er noch so gut gemeint.
Schließlich möchte ich noch den spirituellen "Wachstumsbegriff" erwähnen. Herbert Laschet schrieb mir dazu sinngemäß, "Wachsen wollen die? Die wollen bloß nicht älter werden!" Man könnte es so auffassen, als sei die Wachstums-Ideologie eine raffinierte Umdeutung, um sich das Leid des eigenen älter-werdens sozusagen schön zu denken. Es ist doch angenehmer, mit den Jahren nicht bloß zu zerfallen, sondern zu reifen. Während das biologische, körperliche Wachstum ja mit 18 oder 20 Jahren an sein Ende kommt, und die Menschen danach nur noch immer dicker und fetter werden, soll spirituelles Wachstum endlos dauern. Die volle Erkenntnis Gottes, die ewige Liebe, die totale Weisheit lassen sich niemals restlos erreichen. Der religiöse Mensch leidet, weil nie genug lieben, glauben und hoffen kann. Dagegen wollte Natascha nicht bis ins Unendliche wachsen, sondern hatte ein bestimmtes Ziel: groß genug für die Flucht zu werden! Alle irdischen Angelegenheiten erfordern nur endliches, zielgerichtetes Wachstum: in meinen Autoführerschein, eine Liebesbeziehung, einen Posten als Oberarzt ... kann ich abschließend hineinwachsen; es handelt sich um eine bedingte Angelegenheit, bedingt von der konkreten Aufgabe, der man gewachsen sein will. Gewachsen-Sein meint ein Endliches. Dagegen bedeutet das Wachsen in den Willen Gottes hinein, die Überwindung aller irdischen Verhaftungen zur grenzenlosen Weisheit ein unbedingtes und unendliches Wachstum. Es hat zwar eine Richtung, aber kein Ziel, und erfordert darum ein andauerndes Bemühen, das sich nie restlos auszahlt. Das spirituelle Wachstum lässt sich also als eine Spezialform des psychologischen begreifen, das keinen endlichen Zustand anstrebt (Ich möchte heiraten, einen Beruf erreichen, das Rauchen aufgeben etc.), sondern ins prinzipiell Unendliche strebt (Ich möchte Unsterblichkeit, totale Weisheit, ewige Liebe etc.).
An dieser Stelle sind als Zwischenglieder das künstlerische und das kulturelle Wachstum interessant: Kunstwerke und Kulturen sind mehr als bloß psychologisch, aber zugleich deutlich weniger als spirituell. Was geht und was nicht geht, ist weniger klar und eng festgelegt wie beim biologischen und psychologischen Wachstum; man kann alle Erwartungen übertreffen und etwas radikal Neues und Anderes schaffen. Wie das spirituelle Wachstum kann der Prozess der Kunstschöpfung keine fixierten, ausgemalten Zielvorstellungen vorwegnehmen; dennoch hat er ein Gefühl für den Weg und spürt, wann er ans Ende gekommen ist. Anders als der religiöse Mensch kennt der Künstler Endpunkte, Abschlüsse, die Idee eines nicht mehr steigerbaren Optimums, an dem es einfach nicht mehr besser geht. Die Musikstücke Johann Sebastian Bachs, die Romane von Jane Austen, die Architektur der Renaissance lassen sich nicht korrigieren, weil sie sich nicht verbessern lassen. Gleichzeitig begibt sich der Künstler jedoch in den Prozess der Werkschöpfung, ohne ein genaues Bild von seiner fertigen Gestalt zu haben. Er muss sich selbst von der Entwicklung leiten lassen und steht praktisch in jedem Augenblick vor unentscheidbaren Entscheidungen, die die weitere Gang des Werkes glücken oder missglücken lassen können. Dennoch agiert er weder blind noch zufällig noch naiv, sondern verfügt über Kenntnisse und Techniken, die ihm bestimmte Kunst- und Eingriffe nahelegen, andere eher verbieten; ein Gefühl für den Stoff, was er sich gefallen lässt und was man lieber nicht macht; sowie eine gewisse Übung darin, aus dem eigenen Unbewußten zu schöpfen, Intuitionen zu materialisieren, Ideen Gestalt zu geben. Kunst und Kultur sind in ihrem Wachstum also ohne Zielvorstellung, aber nicht endlos; vertrauen dem Schöpfungsprozess, sind aber nicht blind oder technisch naiv.
Das gilt in ähnlicher Weise auch für die Kultur. Nun wirkt der Begriff der Hochkultur oft anrüchig und elitär, weil er Status-Gehabe, Abgrenzungsdenken, Ettikette, Arroganz etc. assoziiert und einem extrem weltfremden, vergeistigten, sublimierten Kunsttypus huldigt. Kulturelles Wachstum in einem wirklich umfassenden und guten Sinne müsste dagegen noch Gewalt, Ausbeutung, Isolation, Unterdrückung etc. in der Welt überwinden. Wie beim spirituellen Wachstum schwingt auch hier ein Heilsversprechen mit, es könnten einige Grundübel menschlicher Existenz an der Wurzel gepackt und abgeschafft werden. Andrerseits existiert wie beim psychologischen Wachstum ein klares Bewußtsein über das menschliche Entwicklungspotential und seine Grenzen: Aggressionen lassen sich zum Beispiel sublimieren, kanalisieren, entschärfen, aber nicht völlig auflösen. Man möchte nichts unmögliches, überirdisches erwarten, aber dennoch die aktuell gesteckten Rahmen überschreiten. Jedes neue Kunstwerk ist einerseits revoluionär, einzigartig, öffnet neue Horizonte, weitet den Blick und ist gleichzeitig bodenständig und traditionell, durch die Schulen der bisherigen Möglichkeiten gegangen. So muss auch die utopische Gesellschaft einerseits im Rahmen des menschenmöglichen bleiben, andererseits aber auch alles bisher bekannte überwinden.
4. Gefährliches Wachstum
Die Begriffe des biologischen, psychologischen, spirituellen, künstlerischen und kulturellen Wachstums erschienen uns zwar teilweise fragwürdig, im Großen und Ganzen aber doch eher positiv oder zumindest nicht schädlich. Anders verhält es sich mit dem gesellschaftlichen Wachstum: dazu gehört z.B. die Vorstellung von der Ausbreitung des westlichen Lebensstils über die ganze Welt. Das kann sehr anschaulich geschehen, etwa wenn man auf einer Weltkarte die Länder in bestimmten Farben markiert, die eine kapitalistische Ökonomie fördern, und dann über die Jahrzehnte vergleicht, wie sich die blauen Flächen gegenüber den grünen o.ä. ausbreiten. Bei den Nazis wurde dieser Gedanke des gesellschaftlichen Wachstums durch die "Volk ohne Raum"-Metapher ebenfalls anschaulich gemacht. Auch das Wachstum von Großstädten lässt sich leicht sinnlich erfahren, wenn man mit dem Zug durch die gedehnten Vorstädte und Industriegebiete der europäischen Ballungsräume des Ruhrgebiets oder Barcelonas fährt oder durch die endlosen Slums von Istanbul oder Shanghai. Verkehrswachstum wird sichtbar an der Länge, Breite und Dichte der Autobahnen, Größe und Anzahl der Bahnhöfe und Flughäfen.
Abstrakter wird es beim "Wirtschaftswachstum", "technologisches Wachstum" etc., die man zwar auch noch an einzelnen symptomatischen Zeichen erkennt, an der Sauberkeit der Innenstädte, Kleidung der Menschen, Qualität der Geschäfte etc., häufig aber eher über abstrakte Kennziffern wie Börsenkurs, Bruttosozialprodukt, Arbeitslosenindex operationalisiert. Zum Beispiel lässt sich das Wachstum der chemische Industrie weniger an der Ausdehnung der BASF-Fabrikhallen vor Ludwigshafen erkennen, sondern eher an der Anzahl der Patente im Bereich der Gentechnologie oder am Export von Pharmazieprodukten. Auch das Wachstum meines Vermögens ist in diesem Sinn abstrakt, wenn ich nicht gerade mit dem Hubschrauber über das weite Feld meiner Immobilien fliege, sondern mich anhand von Kontostand, Aktienbesitz, Rentenversicherungen etc. informieren muss.
Bis in die 80er Jahre war die westliche Gesellschaft davon überzeugt, dass "Wachstum" immer gut ist: die chemische Industrie in Deutschland soll wachsen, unsere Bankkonten sollen wachsen, der öffentliche Nahverkehr, der soziale Wohnungsbau, die Verbreitung elektronischer Medien sollen wachsen etc. Dann veröffentlichte der "Club of Room" eine Studie mit dem Titel: "Grenzen des Wachstums", in der die These vertreten wurde, die menschliche Gesellschaft könne über die Ressourcen der Erde hinauswachsen. Bevölkerungsexplosion, Rohstoffverbrauch, Kohlendioxydausstoß und Erderwärmung stehen für die selbstzerstörerische Merkmale und Dimensionen des Wachstums. Auch hier wird eine quantitative Marke überschritten, bis ein radikaler Umschlag im Qualitativen erfolgt: eines Tages ändert sich das Klima nicht mehr bloss teilweise wie etwa auf den Gletschern der Alpen, sondern spielt richtig verrückt, bis Holland im Meer versinkt. Dagegen hilft nur Wachstums-Kontrolle: nicht aus altruistischen oder idealistischen Motiven heraus, sondern ganz handgreiflich, weil wir überleben wollen, dürfen wir unser Wachstumspotential nicht ausschöpfen.
Die positive Formulierung ist die des Gesundschrumpfens: Anders als im Fall Nataschas besteht hier die Rettung vor der Gefahr gerade darin, nicht bzw. weniger zu Wachsen als man könnte; nicht aus Bescheidenheit, Furcht oder falschen Hemmungen heraus, sondern aus einer absolut realistischen, nüchterner Klugheit sich selbst Wachstumsbeschränkungen aufzuerlegen. Das Wachstum besteht dann paradoxerweise gerade darin, die persönliche Reife zu entwickeln, sich vom Anspruch nach oberflächlichen Wachstum zu emanzipieren, auf weiteres Wachstum zu freiwillig verzichten zu können.