Denken wie die Schweine
Oder der Versuch einer Erklärung, was wir eigentlich meinen, wenn wir die sogenannten "westlichen Werte" verteidigen. Anlass war natürlich die Diskussion über Pressefreiheit und Islamismus. Indes erschienen mir die Stellungnahmen der meisten sog. "Liberalen" irgendwie unbefriedigend, so dass ich eine eigene Antwort versucht habe ...
Die Auseinandersetzungen zwischen unserer westlichen Gesellschaft und der islamischen Welt sind vor allem ideologisch bedingt. Die einfache Wahrheit, dass es dabei womöglich um nichts anderes als Öl ginge, ist auch schon häufiger ausgesprochen worden. Zumindest für die Bombardements der USA gegen den Irak mag das vermutlich zutreffen. Aber was hat die junge Moslemin damit zu tun, die in Berlin-Neukölln zur Schule geht und am Schwimmunterricht nicht teilnehmen darf, weil es nach moslemischen Regeln "unkeusch" wäre? – in solchen Situationen zeigen sich dann auch kulturelle Konflikte, die nicht ohne weiteres vom Tisch zu wischen sind, auch wenn wir natürlich sonst friedlich zusammen leben können: im Gemüsehändler am Kottbusser Tor, beim Döner Imbiss in der Schlesischen Straße ...
Die Frage, ob eine Lehrerin hier ein Kopftuch tragen soll, oder eine Schülerin dort nicht am Schwimmunterricht teilnehmen darf, erschien zwar befremdlich, aber auch nicht sonderlich von Belang. Erst als 2006 die dänische Zeitung "Jyllands Posten" die berühmten Mohammed-Karikaturen veröffentlichte und dafür in mehreren moslemischen Ländern Brand- und Bombenanschläge auf dänische Botschaften erfolgten, "kommt Leben in die Sülze". Wahrlich, mit solch extremen Reaktionen hatte wohl niemand gerechnet! Noch weniger allerdings mit dem erstaunlich nachgiebigen Verhalten der westlichen Politiker, die sich für die Karikaturen sogar entschuldigten, sie seien ja wirklich viel zu provokant gewesen, und damit die Brand- und Bombenanschläge als angemessene Reaktionen akzeptieren.
Nun kann man selbstverständlich darüber streiten, wo auch die Freiheit der Kunst ihre Grenzen hat und wie weit Karikaturen provozieren und verletzen dürfen; aber das, was in den dänischen Karikaturen zu sehen war, war ja viel harmloser als das, was Harald Schmidt und Mike Krüger jede Woche im Fernsehen treiben. Und man muss sich nur mal überlegen, was sich die katholische Kirche über die Jahre hinweg alles hat gefallen lassen müssen. Ein Film wie Christoph Schlingensiefs "United Trash" enthält in neunzig Minuten mehr und härtere Angriffe gegen das Christentum als der Islam in den ganzen letzten zehn Jahren verkraften musste! Und für Peter Sloterdijk hat die Katholizismus-Kritik im Abendland sogar schon was selbstverständliches: "Der geile Mönch, der kriegslüsterne Kirchenfürst, der zynische Kardinal und der korrupte Papst sind stehende Typen des populären Realismus." Das bringt uns zu der Frage, warum wir die sittlichen, religiösen etc. Gefühle einer fremden Kultur stärker berücksichtigen sollten als unsere eigenen, oder andersherum: warum sollte unsere Gesellschaft Spott verkraften, die andere aber nicht?
Oder befinden wir uns etwa in der tragischen Situation, dass wir die zersetzende Kraft unserer Aufklärung bedauern und uns wünschten, wir verfügten über mehr harte, unumstößliche Tatsachen wie die moslemischen Kulturen? Fast könnte es so sein, werden doch in nicht wenigen Talk-Shows und soziologischen Publikationen die Anomien der modernen Gesellschaft beklagt, das Fehlen verbindlicher Werte, der Zerfall von Recht und Moral. In diesem Punkt ist der Islam freilich anders, aber beneiden wir ihn darum? – enthält am Ende das Nachgeben der westlichen Politiker im Karikaturen-Streit eine versteckte Kritik an unsrem eigenen respektlosen Umgang mit traditonellen Werten und Religion? Wollte man uns etwa sagen, auch wir sollten lieber ein paar Brandbomben werfen, wenn die Presse den Papst beleidigt, anstatt den Spott gegen unser katholisches Oberhaupt so passiv hinzunehmen?
Nun sind die christlichen Werte in unserer westlichen Welt freilich schon lange keine unangefochtenen Werte mehr, und der Papst erst recht nicht. Und so existiert ein Unterschied, ob wir in unseren Zeitungen und Talkshows, sozusagen intern, über Werteverlust und Anomie klagen und eine Rückkehr zu mehr Gemeinschaftssinn, Glaube und Moral fordern, oder ob wir mit einem Vertreter der islamischen Gesellschaft sprechen und ihm gegenüber unseren Wertezerfall und Anomie geradezu verteidigen. Wir vertreten die Interessen unserer eigenen Gesellschaft sozusagen einmal als Christen (intern) und einmal als Liberale (extren). Wenn wir als Christen sprechen, bekagen wir die Geldgier der Kapitalisten, Instrumentalismus und Zweckdenken, das Ende der Solidarität und des Gemeinwesens, die Pornografisierung des öffentlichen Raums etc. Wenn wir dagegen nach Außen als Liberale reden, verteidigen wir all diese Dinge, selbstverständlich nicht explizit, gar als kulturelle Errungenschaften, aber doch als etwas, das unter freien Menschen auch möglich und erlaubt sein muss.
Der Witz liegt mithin darin, dass wir uns – zumindest in der Auseinandersetzung gegenüber Fremden und Feinden – in unserer anomischen, amoralischen, antisozialen Gesellschaft irgendwie Zuhause fühlen. Umweltzerstörung, Isolation, Ausbeutung, Kriminalität, Drogensüchte etc. sind zwar schlimm, aber eigentlich wollen wir es gar nicht anders, jedenfalls nicht dann, wenn die Alternative religiöser Fundamentalismus heißt. Was aber ist das Gute an dem apocalyptischen Zustand unserer heillosen Welt, dass wir dieses Inferno aus Moral- und Geschmacklosigkeiten einer heilen Welt in religiöser Sicherheit vorziehen?
Und diese Frage bringt uns zu der viel grundsätzlicheren Frage, was genau wir eigentlich meinen, wenn wir die sogenannten "westlichen Werte" verteidigen wollen? - Die einfachen Antworten: Wissenschaft und Aufklärung, Gedanken- und Pressefreiheit etc. greifen alle irgendwie zu kurz, weil sie eigentlich nicht typisch westlich sind. Wer sich mal ein bißchen mit der Geschichte des Orients beschäftigt hat, weiß, dass zu gewissen Zeiten all diese Werte dort sehr hoch geschätzt wurden und sogar im Einklag mit dem Islam standen – und zwar zu einer Zeit, als just hier in Europa tiefster Aberglaube, Hexenverfolgung und Despotismus ihr Unwesen trieben. Denn anders als im europäischen Mittelalter waren Aufklärung und Religion im Orient keine Gegensätze. Ganz im Gegenteil: während in Deutschland, Frankreich und Italien die christliche Kirche wissenschaftliche Neugierde und Forschungsgeist als Blasphemie brandmarkte, existierte zur selben Zeit im Islam der Gedanke, menschliche Neugier sei ein Gebot, Wissenschaft als Gottesdienst zu betreiben.
Es könnte also durchaus sein, dass unsere Vermutung, die strikte religiöse Orientierung des Islam sei im Kern aufklärungs-, wissenschafts- und demokratiefeindlich eine Projektion unsererseits darstellt, eine Art logischen Kurzschluss, einfach weil wir eben diesen Dualismus von Glaube und Wissenschaft aus unserer Geschichte heraus gewohnt sind. Er gilt aber nicht allgemein, und er ist auch nicht auf die orientalische Welt übertragbar, selbst wenn dort aktuell mittelalterliche Zustände herrschen; diese sind womöglich mehr den politischen und wirtschaftlichen Zuständen geschuldet als ihrer religiösen Grundorientierung. Jedenfalls liegen Fanatismus und Fundamentalismus nicht in der Natur des Islams. Das ist lange bekannt und wird auch hierzulande immer wieder betont.
Andrerseits ist es eine Frage wert, ob die hierzulande übliche Verknüpfung von Freiheit und Liberalismus so zutreffend ist? Ich meine, was wir an den sogenannten und selbsternannten Liberalen wie z.B. Ralf Dahrendorf oder Henryk M. Broder kritisieren, ist ja selten ihre Liberalität, sondern eher, dass wir sie für gar keine echten "Freigeister" halten, sondern ihnen unterstellen, heimlich doch wirtschaftliche Interessen zu vertreten. Das liegt zwar durchaus im Wesen des liberalen Denkens begründet, das aufgrund seiner ostentativen Prinzipienlosigkeit für radikal oppositionellen Positionen ungeeignet ist: "Märtyrer können dies nur darum sein, weil sie einem einschränkungslosen Glauben folgen", wie Ralf Dahrendorf meint. Zudem scheinen sie aber auch partout nichts gegen Ausbeutung, soziale Ungerechtigkeit und kapitalistische Vermarktung unternehmen zu wollen, weil selbst dies ihrer freigeistigen Natur widerspräche. Die alt-linke Rede von den "Scheiß-Liberalen", wie sie von den Punks und Autonomen aus den 80er Jahren vertreten wurde, richtete sich ja gegen eine Haltung, die noch der Arbeiterin in der asiatischen Fabrik, die für dreißig Cents Turnschuhe zusammennäht, eine prinzipielle, aber unrealistische Freiheit unterstellte, sie müsse sich ja nicht auf den Job einlassen, sie könne ja schließlich auch "frei wählen". Das ist gewiss nicht damit gemeint, wenn man emphatisch von "Gedankenfreiheit" spricht.
Die emphatische Gedankenfreiheit könnte man frei nach Nietzsche so formulieren: "Wahrheit erkennt man daran, dass sie weh tut!" Gemeint ist freilich nicht jeder beliebige, sondern der spezifische Schmerz, den man empfindet, wenn liebgewonnene Überzeugungen, beruhigende Gewissheiten, Selbsttäuschungen, Lebenslügen etc. vergehen. In diesen Sinne spricht man ja in der Geschichte des Abendlandes von den drei großen Kränkungen, die der Menschheit durch Kopernikus, Darwin und Freud zugefügt wurden: der Mensch stehe nicht im Zentrum des Universums, er sei nicht von Gott auserwählt, und er sei sich seiner ganzen Wünsche und Handlungsmotive noch nichteinmal voll bewußt. Diese Wahrheiten tun weh, weil sie einerseits unseren Stolz und ein überhöhtes, verherrlichendes Selbstbild verletzen, andrerseits, weil eine andere Haltung gegenüber der Existenz durchschimmert: eine gewisse Hoffnungs- und Auswegslosigkeit. Das Leben steht plötzlich nackt da, seines Sinns entkleidet, wir kriechen über unseren Planeten wie die Insekten über eine Aprikose. Kein Wunder, dass gleich nach Kants Tod Leute wie Fichte und Hegel alles daran setzten, der Sinnlosigkeit der Existenz doch noch irgendwie irgendeinen Sinn abzutrotzen, bzw. anzuhängen.
Aber sowas hätte im Islam nicht passieren können: die Wissenschaft, die er fördert, bewegt sich immer im Rahmen religiöser Sinngebungen. Selbst wenn man die Erde als Kugel erkennt, die sich nicht im Mittelpunkt befindet, contra Adam und Eva eine Evolutions- und Urknalltheorie der Weltentstehung konzipiert etc., so juckt das den gläubigen Moslem nicht wirklich, denn es steht noch im Einklang mit Allah und der göttlichen Schöpfung, weil nämlich auch "der Koran die Vorstellung, Gott habe Adam als den ersten Menschen aus dem nichts geschaffen, zurückweist. Gott bewirkte, daß durch einen auf Sein Geheiß stattfindenen chemischen Prozeß Leben entstand. In einer Form entwickelte sich das Leben bis hin zu den Säugetieren." Anders als beim Christentum stellt die Naturwissenschaft im Islam also zunächst einmal noch keine Bedrohung der Religion dar. Der Glaube wird durch die Naturgesetze nicht erschüttert, sondern erst durch einen gezielten Widerspruch gegen die Moralgesetze zerbrochen.
Im Islam existiert zum Beispiel nicht dieser harte Anspruch an die Nächstenliebe wie im Christentum: "Liebe Deinen Nächsten wie dich selbst!" Allerdings ist man auch im Orient aufgefordert, den Armen zu spenden, sogar die Größenordnung ist ungefähr festgelegt, und diese Regel hat den Status eines absoluten Gesetzes. Darum nennt man den Islam eine "Gesetzesregeligion". Es ist wichtiger, was einer tut, als warum er es tut. Dagegen steht im Christentum die ideelle Forderung höher, sogar höher als das, was dann tatsächlich als konkrete Nächstenliebe praktiziert wird. Und entsprechend kann man diese Idee der Nächstenliebe auch durch wissenschaftliche Argumente "widerlegen" oder zumindest aushöhlen, etwa indem man Motive auf andere verhaltenswissenschaftliche, physikalische Ursachen zurückführt o.ä. Das kann dem Islam nicht passieren, weil seine Sätze nicht den Status von Wahrheiten, sondern von Lebensregeln haben.
Es ist natürlich eine ziemliche Vergröberung, aber ich möchte die These wagen, dass die Probleme eines Dialogs zwischen Europa und dem Orient zum Teil darin liegen, dass die einen lieber über Lebensregeln, die anderen lieber über Wahrheiten reden möchten. Dabei dreht es sich nur am Rande um die "kleinen" Regeln wie etwa das Verbot von Schweinefleisch, die Gebete Richtung Mekka oder die Verschleierung der Frau, sondern vor allem um die großen, die eigentlich wichtigen Regeln, nämlich den Armen zu geben, keine Kriege zu führen und nicht gierig zu sein. Solche Regeln existieren erstmal unabhängig davon, was die Wissenschaft über das Wesen des Universums herausfindet; selbst eine "wissenschaftliche" Erkenntnis, die den Menschen als von Natur aus egoistisch definiert, würde die Regel nicht gleich außer Kraft setzen, da es ja gerade zum besonderen Vermögen der Kultur gehört, sich auch und gerade gegen die Naturgesetze zu etablieren.
Dagegen haben Diskussionen über Wahrheiten einen ganz anderen Charakter, und Friedrich Nietzsche erkannte bereits Ende des 19ten Jahrhunderts, dass der christliche Anspruch, eine Wahrheit zu sein, von Anfang an wie eine Säure an der christlichen Ideologie fraß, die sich in einem zwangsläufigen Prozess mit der Zeit selbst zersetzte. Vorm Hintergrund einer solchen Theorie der Selbstauflösung werden dann auch spitzfindige Diskussionen verständlich, z.B. ob Jesus Gottes leibhaftiger Sohn war oder ob er nur eine Art "symbolischer Sohn". Der Einwand eines Anhängers von Lebensregeln statt Lebenswahrheiten zu dieser Diskussion würde etwa lauten, im Grunde sei es doch egal, ob Jesus Gottes Sohn sei oder nicht; vielmehr zähle das, was man an Jesus‘ - wie auch immer - vorbildlichen Lebensführung für die eigene Lebensführung lernen könne!
Nun ist der Islam selbstverständlich keinesfalls frei von solchen Diskussionen, aber das Verhältnis zwischen Lebensregel und Lebenswahrheit erscheint hier doch genau andersherum als bei uns: die Lebensregel wird nicht aus der Wahrheit abgleitet, sondern die Wahrheit aus der Lebensregel. Nicht: weil das Schweinefleisch unrein ist, dürfen wir es nicht essen, sondern umgekehrt: weil der Prophet seinen Genuss verboten hat, muss es unrein sein. Das führt zu einer erstaunlichen Naivität und Kurzschlüssigkeit in der moralischen, ethischen Argumentation, aber zu einer gewissen geistigen Weite und Freiheit in der geistigen. Dagegen verbinden wir im modernen Europa mit einem technizistisch verkürzten Wissenschaftsbegriff und einer auf ein starres Realitätsprinzip eingeengten Erkenntnistheorie eine Beliebigkeit in der Lebensgestaltung und eine enorme moralische Freizügigkeit.
Und ich vermute, hierin liegt der eigentliche Grund, der den modernen Liberalismus vom gläubigen Leben trennt: der Liberale hat im Kern bereits mit allen ewigen Wahrheiten gebrochen und leitet daraus sein prinzipielles Recht ab, auch gegen alle guten Lebensregeln verstoßen zu dürfen. Diese Haltung dem Leben gegenüber wird wohl am prägnantesten ausgedrückt von Nietzsches Formel "des Lebens als eines Experiments des Erkennenden". Nietzsche gelingt das geniale Kunststück, den ganzen Gedanken in nur drei Sätzen zu sagen: "Gegen die Reue. - Der Denker sieht in seinen eigenen Handlungen Versuche und Fragen, irgendworüber Aufschluß zu erhalten: Erfolg und Mißerfolg sind ihm zu allererst Antworten. Sich aber darüber, daß etwas mißrät, ärgern oder gar Reue empfinden – das überläßt er denen, welche handeln, weil es ihnen befohlen wird, und welche Prügel zu erwarten haben, wenn der gnädige Herr mit dem Erfolg nicht zufrieden ist."
Das Erkennen wird hier zweifelsfrei über das Leben gestellt, und die Regeln des richtigen Lebens können entsprechend nur darauf hinauslaufen, das Erkennen zu steigern: wir Leben, um zu erkennen, heißt es, also machen wir Fehler, um zu erkennen, wir zerstören, um zu erkennen, wir leiden Schmerzen, um zu erkennen etc. Und so wie Nietszche ja bereits im empathischen Wahrheitsbegriff des Christentums den Keim zur wachsenden Selbstauflösung des Glaubens in der Erkenntnis identifiziert hat, so ist für ihn schließlich die ganze Menschheit zur Selbstvernichtung durch Erkenntnis bestimmt, weil für sie letztlich das Erkennen gegenüber dem Überleben den höheren Wert darstellt. Das ist bei allem Fatalismus freilich auch eine sehr heroische Theorie, wie sie so saftig und phantastisch vermutlich keiner so schön wie Nietzsche hinbekommt; sie enthält aber auch eine starke Spur Wahrheit, nämlich den Gedanken, dass es uns im Westen tatsächlich lieber ist, illusionslos unglücklich zu sein als mit Illusionen glücklich. (Selbsverständlich ist diese Polarität einseitig konstruiert, denn sie ignoriert die Kombinations-Möglichkeiten illusionsreichen Unglücks und illusionslosen Glücks – doch dazu später mehr; jetzt erstmal weiter im Text ...)
Dieser enorme Drang, Lebenslügen aufzudecken und zu zerstören, sich nichts vorzumachen, der Realität kühl ins Auge zu sehen auf der einen Seite; auf der anderen Seite diese Blindheit für die Poesie des Alltags, diese märchenferne und jeglichem Zauber gegenüber absichtliche Unterkühltheit – das ist letztlich das, was wir verteidigen, wenn wir unseren westlichen Liberalismus verteidigen; das heißt: "brutalstmögliche Aufklärung", wie es Roland Koch freilich in einem ganz anderen Zusammenhang gesagt hat. Doch die Formulierung passt gut, um die Härte des aufklärerischen Denkens zu beschreiben, das eben an keine natürliche Grenze der Wahrheitsfindung gerät, sondern solange weiter aufklärt, wie wir die Wahrheit noch vertragen, ja aushalten können, bis die Luft zu dünn wird oder es uns innerlich zerreißt. Wer sich in Schopenhauers "Welt als Wille und Vorstellung", Freuds "Traumdeutung" oder Nietzsches "Fröhliche Wissenschaft" vertieft, hat nicht nur das Gefühl, einem wunderbar kristallklaren und logischen Denken zu folgen, sondern zugleich einem Denken, das versucht, seine eigene, je subjektive Schmerzgrenze zu finden, das sachliche Grenzen der Erkenntnisfähigkeit gar nicht kennt, sondern bis an die Grenzen seiner emotionalen, empfindsamen Erkenntnisfähigkeit gehen will; also wie der Extremsportler, Fallschirmspringer, Hungerkünstler buchstäbliche Grenzerfahrungen machen möchte!
Zumindest diese spezifische Form der Grenzerfahrung ist dem Orient fremd. Zwar existieren auch dort Aufklärer und Wahrheitssucher, aber diese sind verwandt mit den Künstlern und Dichtern. Ihre Wahrheit hat nichts denunzierendes, verräterisches an sich, bricht nicht zwanghaft mit der Harmonie der Dinge. Wie bei uns die Romantik dienten ihre Wissenschaften und Aufklärungen nicht der Ent-, sondern der Verzauberung der Dinge. Die spanischen Segler im 15ten Jahrhundert brachten von der afrikanischen Küste Gewürze, Kaffee, Schokolade und andere Süßspeisen mit, fein gewobene Tücher und kunstvoll geknüpfte Teppiche, aber auch astronomische Geräte, Uhren und Zahnräder, die für die damaligen Verhältnisse als technische Errungenschaften gelten mussten, aber die Natur nicht mechanistisch degradierten, sondern ästhetisch überhöhten. Sigrid Hunke berichtet sogar schon um 880 von einer Flugmaschine, die der Arzt Ibn Firnas baute und "mit Stoff und Federn bezog; wirklich gelang es ihm, sich mit ihr längere Zeit in der Luft zu halten und Gleitversuche durchzuführen, bis er eines Tages abstürzte", und Hadaytaullah Hübsch findet im Koran sogar die Urknall-Theorie der zeitgenössischen Physik wieder: "Das Sonnensystem, aber auch der Kosmos an sich, war nach dem Koran ursprünglich ein zusammengehörender Teil, der sich aufsplitterte und in die verschiedenen Himmelskörper auseinanderdriftete."
Man spürt diesen Geist noch, wenn man in den Museen die Landkarten oder Navigationsinstrumente betrachtet, die noch aus der vorkantianischen Zeitrechnung stammen – und voll des Staunens über die von ihnen selbst entdeckten, beziehungsweise nachvollzogenen Naturgesetze stecken. Das ist Kunsthandwerk im besten Wortsinne, nämlich als künstlerisches Handwerk, als Handwerkskunst. – und alles nur, weil man sich eben nicht im Widerstand gegen die Religion, sondern im Einklang mit ihr befand. Wenn es darum ging, mit einem mechanischen Gerät die von Gott geschaffenen Regeln zu reproduzieren, dann war das Gerät nur zur Hälfte Mess- oder Navigationsinstrument, zur anderen Hälfte zeremonielle Utensilie. Schließlich die Mathematik, die mit den arabischen Zahlen und der Null als eigener Ziffer, sowie den Regeln der schriftlichen Multiplikation und Division ebenfalls einen enormen Abstraktionssprung schaffte; doch auch sie blieb – wie die Ornamente an den maurischen Kachelwänden – immer regelgebunden, immer im Rahmen bekannter Muster. Ewige Wiederholungen und kleine Variationen, manchmal auch überraschend, verblüffend ... aber immer innerhalb der bekannten Strukturen verbleibend, den Rahmen nie sprengend, keine Grenzen überschreitend ... das sind Philosophie und Wissenschaft in den Grenzen eines durch Religion und Kultur festumrissenden Weltbildes: sie können ein enormes Niveau erreichen, das Niveau einer absoluten Hochkultur, und sie können unterm Strich für perfekte soziale Verhältnisse sorgen, aber sie können nicht ihr eigenes Fundament sprengen.
Ich will damit keine Wertung zum Ausdruck bringen! Vieles spricht dafür, wir im Westen hätten unsere Fundamente lieber nicht gesprengt, und meine verklärten Schilderungen des alten Orients romantisieren wie die dämlichen Karl-May-Romane eine Kultur, die längst vergangen ist und die ich nur aus Taschenbüchern kenne; aber eigentlich geht es gar nicht um die konkrete Frage, ob der Orient oder der Okzident die bessere Kultur sei, sondern um die viel abstraktere Frage, ob es besser ist, gläubig und verzückt oder liberal und desillusioniert zu sein? – das Plädoyer Nummer eins zugunsten des gläubig, verzückten Weltbildes fällt leicht aus: hier kann man einfach mit der Schönheit der Erfahrung, der Handlungssicherheit im Alltag und der Gewissheit des Jenseits sprechen. Man kann sagen, wie die evangelische Kirche es macht: "Schau! Als gläubiger Mensch geht’s Dir doch gut!"
Für die Seite der Liberalen indes sind griffige Plädoyers schwer zu kriegen. Wenn man unseren prominenten, europäischen Chefliberalen zuhört, hat man nicht unbedingt das Gefühl, bei der Geburt eines neuen Universums dabei zu sein. Ralf Dahrendorf spricht immer noch ein bißchen wie der baden-württembergische FDP-Landtagsabgeordnete, der er mal war, und bei Henryk M. Broder hat man sowieso das Gefühl, er möchte nur für eine andere Israel-Politik werben. Für beide bedeutet "Liberalismus" indes nicht nur ein Pamphlet für das Hinterfragen von überkommenden Werten, für wertfreies Denken, sondern ist selber ein Wert geworden, der verteidigt werden muss. Doch wenn sie diesen Wert verteidigen, klingen sie eher wie ein Steuerberater, der die Freibetragsgrenzen für Unternehmer verteidigt, oder die ganz gewöhnliche Hetze irgendeines Agitators gegenüber anderen Agitatoren, als wie große Philosophen, die eine Weisheit zu verkünden haben. Das sind vielleicht ganz gelungene Schlagabtäusche, da man die rhetorische Kraft, Geschwindigkeit und Treffsicherheit bewundern und sich mal für einige Augenblicke fesseln und mitreissen lassen, aber überzeugend, wirklich nachhaltig überzeugend wirkt das alles nicht. Und überhaupt: ein Liberaler, der gleichzeitig Parteigänger ist, und zwar egal für wen, ist eh unglaubwürdig.
Nietzsche freilich hat eine stärkere, flammendere Sprache gefunden – und er besaß auch die aristokratische Distanz allen weltlichen Angelegenheiten gegenüber, die man bei einem Denker von Rang erwarten möchte; aber Nietzsche hat ein anderes, schwerwiegenderes Problem, nämlich er wirbt nicht. Er hat nämlich gar kein Vergnügen am Liberalismus, der ihn trotz allem abstößt. Es ist zwar die letzte und einzige Haltung und Denkungsart, die ihm nach dem Zermalmen aller anderen Mythen, Ideologien, Hoffnungen etc. noch geblieben ist, und gewiss ist er auch von einem leidenschaftlichen Drang nach Erkenntnis ergriffen; aber diese Leidenschaft ist nur zum Teil kraftstrotzend, erobernd, sie ist zu einem weit größeren Teil gehetzt, getrieben, gepeinigt. Nietzsche denkt liberal, weil ihm gar nichts anderes übrig bleibt, weil er "nicht ein noch aus weiß", wie es Friedrich George formulierte. Sein enormer Wahrheitstrieb ist ihm kein Glück, sondern ein Verhängnis. Daraus machte er selber gar keinen Hehl und gab offen zu, dass sein Los – nicht nur sein persönliches, gesundheitliches, sondern auch sein intellektuelles – ihn ankotze. Dennoch blieb er dabei und wandelte sich nicht etwa zum Marxisten oder konvertierte zum Christentum, denn er wollte seine Wahrheit nicht verraten; das ehrt ihn und macht ihn zu einem großen Denker. Aber es macht seine Lebensphilosophie nicht wirklich attraktiv. Wenn‘s noch geht, möchte man doch lieber an etwas anders als ausgerechnet an seine Lehre – glauben.
Nur Lobbyisten, Realpolitiker und Agitatoren auf der einen Seite; auf der anderen Friedrich Nietzsche, für den sein freier Geist eine Passion darstellte - von wirklich überzeugenden Argumenten zur Verteidigung des Westens keine Spur. Ich fürchte wir müssen Deutschland verlassen und mindestens nach England, vielleicht bis in die USA ziehen. Bertrand Russell in einem Interview 1959 auf die Frage: "Glauben Sie, daß die Religion gut oder schädlich in ihren Wirkungen ist?" – "Die Religion veranlasste die ägyptischen Priester, den Kalender festzulegen und das Auftreten von Sonnenfinsternissen so genau zu berechnen, dass sie mit der Zeit in der Lage waren, sie vorauszusagen. Ich meine, dies waren wohltätige Wirkungen der Religion; aber ich meine auch, die überragende Mehrheit der Wirkungen sind schlecht gewesen. Ich glaube, sie waren deshalb schlecht, weil es wichtig angesehen wurde, dass die Menschen an irgendetwas glaubten, wofür es keine gültigen Beweise gab; und dies verfälschte das Denken eines jeden, verfälschte Erziehungssysteme und verursachte meines Erachtens eine totale sittliche Irrlehre; nämlich die Meinung, es sei richtig, bestimmte Dinge zu glauben, und falsch, bestimmte andere zu glauben, ganz unabhängig von der Frage, ob die fraglichen Dinge wahr oder falsch wären."
Was fällt an Russells Worten auf? – zunächst einmal eine klare und bestimmte Ablehnung religiösen Glaubens, der nicht nur im Hinblick auf seine Inhalte kritisiert wird, sondern vor allem im Hinblick auf seine Wirkungen. Der Glaube an sich wäre ja gar nicht so schlimm, wenn er nicht unser Erziehungssystem versauen würde. Auch diese Kritik geht einher mit einer klaren Feststellung darüber, was "wahr" ist und was "falsch" ist. Russell ist sich offenbar sicher, dass der religiöse Glaube "falsch" sei, eine Aussage, der gläubige Menschen gewiss widersprechen würden: ein überzeugter Christ wie Papst Ratzinger hält seinen Glauben ja nicht bloß für einen "Glauben", sondern explizit für "wahr". Es steckt also auch eine gewisse Naivität in den Ansichten der Liberalen, sie könnten den Gläubigen einwandfrei beweisen, dass es keinen Gott gäbe. Das Russell-Interview stammt noch aus den späten 1950er Jahren, als man an den Fortschritt der Wissenschaft glaubte. Andrerseits macht sich just an dieser Stelle aber auch eine bemerkenswerte Bescheidenheit in seiner Wortwahl sichtbar: Seine Rede wimmelt ja geradezu von "Ich meine", "Ich glaube", "meines Erachtens nach", das heißt also Formulierungen, die seine eigene Unsicherheit, die Relativität seines bloß subjektiven Standpunkts zum Ausdruck bringen.
Dass es sich dabei nicht um bloße Gewohnheiten in der mündlichen Rede handelt, zeigt sein Philosophisches Hauptwerk: die "Philosophie des Abendlandes". Auch hier, in einem breiten, lehrbuchartig angelegten enzyklopädischen Geschichte des Denkens immer wieder gezielte Formulierungen, die Absolutheitsansprüche einschränken, Vorbehalte artikulieren, Standpunkte relativieren etc. Der Impuls, den Gewissheiten des Glaubens zu widersprechen, indem man ihnen die wisenschaftliche Realität abspricht, verfällt nicht der Versuchung, seinerseits wissenschaftliche Wahrheiten zu absolutieren. Letztendlich weiß die Wissenschaft nämlich auch nicht mehr, aber in ihr ist zumindest die Skepsis als wesentlicher Grundzug und erkenntnistheoretische Tugend angelegt!
Diese Grundhaltung zeigt sich schon sehr explizit bei Sokrates, vielleicht des ersten Liberalen in der Weltgeschichte: "Anscheinend war das delphische Orakel einmal befragt worden, ob es einen weiseren Mann gäbe als Sokrates, was das Orakel verneint hatte. Sokrates bekennt, daß ihn das völlig verwirrt habe, da er ja nichts wisse, ein Gott aber nicht lügen könne. So wäre er denn zu verschiedenen Menschen gegangen, die als Weise galten, in der Absicht den Gott eines Irrtums zu überführen." – Sokrates gerät so der Reihe nach an einen Politiker, einem Dichter und einem Handwerker und fühlt ihnen durch sein berühmtes Sokratisches Fragen auf den Zahn, freilich stets mit dem Ergebniss, dass diese Leute eigentlich nicht weise seien; wobei Sokrates ihnen jedoch voraus hatte, dass er wenigstens wußte, dass er nichts wußte. "Diese Aufgabe, die angeblich Weisen zu entlarven, habe seine ganze Zeit in Anspruch genommen und ihm nicht das geringste eingebracht, doch habe er es für seine Pflicht gehalten, das Orakel zu rechtfertigen."
Wenn zwar die wissenschaftliche Erkenntnisse nicht als Tatsachen-Wahrheiten absolutiert werden, so doch wenigstens ihre Methoden. Der Pragmatist und Amerikaner John Dewey hat dies sogar einen "Neuen Glauben" genannt – und meint damit: "eine Philosophie der Erfahrung". Ludwig Marcuse (nicht Herbert!) schreibt über ihn: "Der alte Glaube war eingeritzt in die ehernen Tafeln der Religions- und Philosophie-Stifter. Der neue Glaube ist die Bekundung, daß die Zeit der ehernen Tafeln vorbei ist. Er ist auch noch mehr. Das Wort ‚Erfahrung‘ hat einen religiösen Pathos." – wie bei Nietzsche scheint es also hier darum zu gehen, das Leben als ein großes Experiment der Erkenntnis aus der Erfahrung anzusehen!
Doch hat dieser "religiöse Pathos" – den Ludwig Marcuse an John Dewey entdeckte - nichts von nietzsches Größenwahn an sich, sondern kommt sehr sachlich und entspannt daher: "Dewey sah im ‚metaphysischen Bedürfnis‘, das Kant noch für eines der entscheidenden menschlichen Bedürfnisse gehalten hatte, eine Marotte." – und er versucht diese besondere Haltung John Deweys gegenüber der Metaphysik genauer zu fassen: "Es ist wenig gesagt, wenn man hier eine partielle Blindheit feststellt. Es liegt etwas viel Eindeutigeres vor: es soll etwas nicht gesehen werden. Daß Metaphysik nicht möglich ist, scheint weniger wichtig, als dass sie ‚nicht nötig‘ ist. ‚Nicht nötig‘ – weil die Erfahrung ausreicht für die Leistung, die Dewey allein für wichtig hält: die Änderung der Welt. Wir sind mit diesem ‚Nicht nötig‘ im Zentrum seines Denkens. Das Gesamtwerk sagt noch mehr als: daß das Ergreifen einer ewigen Wahrheit ‚nicht möglich‘ und ‚nicht nötig‘ ist. Es sagt, (...) es gibt keine Wahrheit über die Welt, weil sie nicht fertig ist. Es ist nichts Absolutes da, worauf sich eine absolute Wahrheit beziehen könnte. Und – hier liegt Deweys geheimes Pathos (denn er war ein sehr nüchterner Schreiber): gerade diese Situation ist großartig."
Tortz aller Begeisterung: am Ende geht Dewey für Marcuse doch zu weit. Es sei ein Fehler, meint er, Dewey dürfe nicht einfach so alle Metaphysik vom Tisch fegen. "Daß die Jahrtausend-Fragen bleiben, obwohl alle Antworten auf sie verstorben sind, obwohl diese Antworten psychologisch und soziologisch erklärt werden können, obwohl die Klugheit gebietet, Antworten nicht mehr zu geben ... diese Einsicht liegt außerhalb der Grenzen des neuen Glaubens. Man kennt nur beantwortbare und degenerierte Fragen." Aber hier liegt Marcuse, meiner Ansicht nach, falsch. Dewey negiert weder die großen metaphysischen Fragen noch ihre Antworten. Er verlangt lediglich, dass diese Antworten wie die Ergebnisse der Naturwissenschaft nicht für ewige Wahrheiten genommen werden, sondern als Hypothesen behandelt in einem endlosen Experiment des Lebens.
O-Ton John Dewey: "Die Transformation (von metaphysischen Wahrheiten in Thesen der Lebensphilosophie; Th. N.) bedeutet nicht nur, daß Menschen dafür verantwortlich sind, daß sie aufgrund ihrer angeblichen Überzeugungen handeln; das ist eine alte Lehre. Sie geht viel weiter: Jeder Glaube als solcher ist ein Versuch, er ist hypothetisch; man handelt nicht einfach aufgrund des Glaubens, sondern er soll im Hinblick auf seine Aufgabe als handlungsleitend geformt werden. Infolgedessen sollte er das allerletzte sein, was man beiläufig aufpickt und dann beharrlich festhält. Wenn er als Werkzeug begriffen wird, als Instrument der Lenkung, wird auf seine Formation dieselbe skrupulöse Aufmerksamkeit verwandt werden wie jetzt auf die Fertigung von Präzisionsinstrumenten in technischen Bereichen."
Es lohnt sich, an diesem Punkt eine Zeitlang zu verweilen und über den genauen Status, den Dewey dem Glauben zuschreibt, nachzusinnen. Er ist ja nicht etwa bloß ein vulgärer Naturwissenschaftler, der auf eine Leiche zeigt und fragt: "Da liegt ein toter Mensch! Und, siehst Du etwa eine Seele aus dem toten Köper aufsteigen? Siehst Du irgendwas dunstiges, wolkiges in den Himmel schweben? Nein, nichts derartiges! Na also!" Und er glaubt aber auch nicht daran, durch schlichte Techniken der Verhaltenssteuerung die Gesellschaft zu modellieren, wie B. F. Skinner, der die großen Fragen nach Demokratie, Freiheit und persönlicher Verantwortlichkeit lakonisch zurückweist: "Keine Chance (...) Wir enden doch immer bei speziellen Vorgängen. Bedingte Reflexe und dergleichen."
Dewey ist Philosoph und Geisteswissenschaftler genug, er weiß, daß die "Beziehungen, die für das Auftreten menschlicher Erfahrungen verantwortlich sind, besonders wenn soziale Bindungen in Betracht gezogen werden, unendlich viel weiter und komplexer (sind) als diejenigen, welche die physikalisch genannten Ereignisse bestimmen." Indes gehen sie uns auch unendlich mehr an. Im Umkehrschluß: "Wir vergessen die unendliche Anzahl von Dingen, die wir über die Sterne nicht wissen, oder eher, daß das, was wir einen Stern nennen, selbst ein Produkt der erzwungenen und absichtlichen Elimenierung der meisten Merkmale ist, die etwas wirklich Existierendes charakterisieren. Das Ausmaß an Kenntnissen, die wir über Sterne besitzen, würde, wenn es auf Menschen übertragen würde und unser Wissen über sie erschöpfte, nicht sehr groß und wichtig erscheinen."
Es geht also nicht darum, die naturwissenschaftlich-experimentelle Methode eins zu eins auf Fragen der Moral, der Ästhetik und Lebenskunst zu übertragen. Dafür passen sie nicht, dafür sind ihre Modelle und Begriffe viel zu eng und die Phänomene der Wirklichkeit viel zu komplex und verschachtelt. Was aber dann? – Deweys Argumentation läuft eher auf eine Art Grundhaltung hinaus, auf eine Empfehlung zur Bildung der eigenen Persönlichkeit. Dewey empfiehlt, eine gewisse innere Einstellung einzuüben, in der man sich den eigenen Überzeugungen, Handlungen und Wahrnehmungen gegenüber so stellt wie der Naturwissenschaftler gegenüber seinen Gesetzen, Experimenten und Beobachtungen.
Das bedeutet natürlich nicht, dass sich metaphyische und Glaubensfragen sozusagen in Alltagsexperimenten auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen ließen, sondern vielmehr, daß sie sich an ihren Konsequenzen für die Lebensqualität messen lassen müssen. "Lebensqualität" freilich auch nicht in dem schlichten, vulgären Sinne gemeint – "Ich glaube, dass es gut ist, zu Fressen was und soviel man will, und so haue ich mir den Bauch mit Schokolade, Pizza und Hähnchen voll!" – sondern durchaus im buchstäblichen Sinne: Qualität als wesenshafte Beschaffenheit, Güte, Wert etc. des Lebens. Der Mensch ist eben nicht nur, was er isst, sondern er ist vielmehr noch, was er glaubt und für wahr hält. Gerade in diesem Punkt aber Freigeist und Forscher sein zu dürfen, ist vielleicht die eigentliche Qualität des wahren, des wirklichen westlichen Liberalismus!
Dewey ist kein Metaphysiker, soviel ist klar. Er ist aber auch kein Apologet der Naturwissenschaften oder expliziter Antimetaphysiker, wie Ludwig Marcuse meint. Vielmehr steht er der Metaphysik tatsächlich indifferent, sagen wir: mit einem pragmatischem, skeptischem Interesse gegenüber. Und darin bestünde dann auch der Weg, sozusagen die Entwicklungsgeschichte vom illusionsreichen Glück des Kindes und des naiven Gläubigen - über verschiedene Zwischenstadien des illusionslosen Unglücks des Zynikers und Weltuntergangsapostels und des illusionsreichen Unglücks der verbitterten Prediger und humorlosen Fanatiker - schließlich ins illusionslose Glück, das heißt: Glück als Aufgabe eines praktischen Forschungsprozesses zu verstehen, in dem sowohl die Gestaltung der Lebenswelt geschieht, als auch eine je angemessene Definition von Glück im Prozess der Handlungen und der Erfahrungen erst noch entwickelt werden muss.