Den Kopf über dem Wasser halten
Auch ein etwas älterer Text, den ich heute so nicht mehr schreiben würde. Im Grunde ist es nur eine Zusammenfassung, was ich von Hannah Arendts "Vita Activa" und ihrem Begriff des Handelns verstanden habe, geschmückt mit ein paar poetischen Zitaten. Am Ende versuche ich, verschiedene Biographien zu typisieren.
In allen Weltanschauungen und in allen Theorien gibt es irgendetwas, das den Menschen vom Tier unterscheidet. Selbst die krassen Evolutionstheorien müssen zumindest zugeben, daß er eine besondere Art und Weise des sozialen und stratergischen Denkens beherrscht, die den Tieren fehlt. In der Bewußtseinsphilosophie ist es zumindest die Fähigkeit zur Selbsterkenntnis, die den Menschen unterscheidet, bei den Christen, das ist bekannt, die Seele. Im Marxismus ist es die Fähigkeit zur schöpferischen Arbeit. Es könnte auch die Fähigkeit zur Freundschaft, zu Empfindungen, zu Kunst oder Kultur sein. Jede Philosophie, jede Kultur, jeder Mensch hat heute seine eigenen Ansichten darüber, was den Menschen vom Tier unterscheidet. Eines jedoch haben sie alle gemein: immer wird dieser Unterschied als besonders rätselhaft, liebenswert, substanziell, wunderbar, unantastbar, ja irgendwie als heilig betrachtet
Bei Hannah Arendt ist es das Handeln. Sie umkreist dieses Phänomen, versucht es wie einen Schatz aus der Tiefe an die Oberfläche zu bergen; das Handeln ist etwas ganz Großes, aber was ist das Handeln?
Das Reich der Notwendigkeit, die täglichen Überlebenszwänge, Arbeiten, einerseits um Geld zu verdienen, andererseits die Wohnung sauberhalten, sich waschen, Lebensmittel kaufen, der Konsum, Essen kochen, Kleidung kaufen, Entspannen, Schlafen... hat der Mensch noch voll und ganz mit seinen tierischen Verwandten gemeinsam. Erst wenn alle Notwendigkeiten des Überlebens geregelt sind, kann der Mensch ins Reich der Freiheit treten. Im Reich der Notwendigkeit herrschen Zwänge vor, biologische Zwänge, gesellschaftliche Zwänge. Wenn man nicht zum Arbeitsamt geht, gibts keine Stütze. Man verhält sich, funktioniert nach Plan, heute im Sinne der ökonomischen Maschinerie, die sich immer weiter ausbreitet. Wirtschaftswachstum, das wir ja alle brauchen, sonst stürzen unsere Kapitalmärkte in den Keller, bedeutet für Hannah Arendt vor allem, daß das Reich der Freiheit immer mehr vom Reich der Notwendigkeit überwuchert, eingenommen, verdrängt, durchherrscht wird.
Im Reich der Freiheit wird gehandelt. - Es liegt in der Natur eines jeden Anfangs, daß er, von dem Gewesenen und Geschehenen her gesehen, schlechterdings unerwartet und unerrechenbar in die Welt bricht. - wer handelt, schert aus; nicht, daß er unbedingt gegen den Strom schwimmt, aber er wird aktiv, ohne von den äußeren Umständen dazu mehr oder weniger getrieben zu sein.
Insgesamt unterscheidet man in den Sozialwissenschaften zwischen Handeln und dem bloßem Verhalten: das Verhalten geschieht in der Regel nur halbbewußt, verläuft meistens automatisch in Bahnen, wird gesteuert durch Konventionen oder basiert auf einer psychischen Programmierung, die noch aus der Kindheit (oder aus der Steinzeit) stammt; dagegen offenbaren sich beim Handeln bewußte Entscheidungen; erst im Handeln äußert sich die Freiheit. Bei Hannah Arendt klingt das sehr feierlich, eine Hymne, Gesänge auf das Indidviduum, den einzigartigen Menschen.
Sie kann wunderschön Schreiben: Sprechend und handelnd schalten wir uns in die Welt der Menschen ein, die existierte, bevor wir in sie geboren wurden, und diese Einschaltung ist wie eine zweite Geburt, in der wir die nackte Tatsache des Geborenseins bestätigen, gleichsam die Verantwortung dafür auf uns nehmen. - Dieser Anfang, der der Mensch ist, insofern er Jemand ist, fällt keineswegs mit der Erschaffung der Welt zusammen; das, was vor dem Menschen war, ist nicht Nichts, sondern Niemand. - Handeln und sprechend offenbaren die Menschen jeweils, wer sie sind, zeigen aktiv die personale Einzigartigkeit ihres Wesens, treten so auf die Bühne der Welt, auf der sie vorher so nicht sichtbar waren. - Die Tatsache, daß ein Mensch zum Handeln im Sinne eines Neuanfangens begabt ist, kann daher nur heißen, daß er sich aller Absehbarkeit und Berechenbarkeit entzieht, daß in diesem Fall das Unwahrscheinliche selbst noch eine gewisse Wahrscheinlichkeit hat, und daß das, was "rational" (...) nicht zu erwarten steht, doch erhofft werden darf. Und diese Begabung für das schlechthin Unvorhersehbare wiederum beruht ausschließlich auf der Einzigartigkeit durch die jeder von jedem, der war, ist oder sein wird, geschieden ist.
Bei alldem sind die Einflüsse Martin Heideggers kaum zu überhören, bei dem die junge Arendt vorm zweiten Weltkrieg studierte und mit dem sie sogar eine heftige Liebesaffäre verband. Der große Heidegger behauptet sogar, dass er ohne sie "Sein und Zeit" nicht hätte schreiben können. - auch bei ihm geht es um das wahrhaftige Dasein des konkreten Menschens, der erst in Erscheinung treten muss, um wirklich da zu sein. Das ist der freiheitsliebende Aspekt seines Existentialismus, die Aufforderung zur Selbstermächtigung. Aber der provinzielle Heidegger blieb dabei stets unpolitisch, bis er später von den Nazis verführt wurde. Seine eigentümliche Sprache, das Ding dingt, das Zeug zeugt, das Werk werkt, die Welt weltet..., hat immer etwas drolliges, dorftrotteliges, was man bei einem der größten Philosophen des 20sten Jahrhunderts erwartet. Es gibt Geschichten, da wurde Heidegger von Professorenkollegen, die zwar seine Schriften bewunderten, ihn persönlich indes gar nicht kannten, für einen Bauern gehalten, und so wirkte er auch, in Trachtenjacke, Skihose und Wanderstiefeln. Es muss ihn sehr gestört haben, denn sonst wäre er unter den Nazis nicht so leicht größenwahnsinnig geworden. Er hat sich noch rechtzeitig von den Nazis distanziert, bevor der Weltkrieg und die Judenverfolgung gewaltig wurden; doch konnte er seine Verirrung nie richtig erklären, was für einen Philosophen, bei dem es um "Freiheit", "Verantwortung" und "Selbstermächtigung" geht, eigentlich eine Schande darstellt. Heidegger hatte als Dorfmensch schlicht keinen Sinn für die Gefährdungen des Individuums in der Massenkultur. Insofern hat Günther Anders recht, der ihn als viel zu verwurzelt für eine mobile Gesellschaft bezeichnet, als einen Philosophen der Topfpflanzen und Gartenbäume. Seine Philosophie, so klug und weise sie grundsätzlich sein mag, betrifft eben mehr das stille Leben gering aktiver Wesen und nicht so sehr das Leben von Menschen, die völlig verstrickt sind in die politischen und sozialen Spannungen ihrer Zeit; diesen Übertrag mussten Hannah Arendt und Günther Anders vornehmen, und so ließen die beiden Heidegger-Schüler ihren Meister hinter sich; sie hängten Heidegger ab.
Zwischen 1929 und 1936 war Hannah mit Günther Anders verheiratet. Sie waren Juden und aktiv im Kampf gegen die Nazis, versteckten Flüchtlinge, halfen jüdischen Kindern bei der Emigration, und Frau Arendt versuchte eine zionistische Bewegung gegen die Nazis ins Leben zu rufen. Dann mussten sie aus Deutschland fliehen, lebten in Paris und in New York, und schlugen sich, ohne festes Einkommen, mit allerhand Gelegenheitsjobs durch, Günther Anders mitunter als Fabrikarbeiter; Hannah Arendt und Heinrich Blücher, die 1940 heirateten, sowie ihre Mutter als Reininungskräfte in einer Chemiefabrik, Lektoren, Näherinnen, Lehrer und Rundfunksprecher. Für ihre Vita Activa gewiss nicht bedeutungslos. Die deutschen und jüdischen Philosophen der Hitlergeneration - geprägt durch die avantgardistischen Aufbruchstimmungen der 20er, durch Psychoanalyse, Marxismus und lebensreformerische Bewegungen, gebildet noch im Sinne der alten Schule, in griechischer Mythologie und Latein, doch vom Nazi-Regime zur Flucht gezwungen, geübt auch in Überlebenskampf, Gegenpropaganda, Widerstand - haben mit Sicherheit die stärksten Philosopheme des 20sten Jahrhunderts produziert: politisch, humanistisch radikal und der Welt zugewandt, pessimistisch, aber lebendig und mit utopischer Hoffnung und einer Realitätssicht, wie man sie nur in totaler Bedrängnis entwickeln kann. - aber lassen wir sie selber sprechen: Dies hätte nie geschehen dürfen. Und damit meine ich nicht die Zahl der Opfer. Ich meine die Fabrikation der Leichen und so weiter - ich brauche mich ja darauf nicht weiter einzulassen. Dieses hätte nie geschehen dürfen. Da ist irgend etwas passiert, womit wir alle nicht mehr fertig werden. Über alle anderen Sachen, die da passiert sind, muß ich sagen: Das war manchmal ein bißchen schwierig, man war sehr arm, und man war verfolgt, man mußte fliehen, und man mußte sich durchschwindeln und was immer; wie das halt so ist. Aber wir waren jung. Mir hat das sogar ein bißchen Spaß gemacht. Das kann ich nicht anders sagen. Mit allem anderen konnte man auch persönlich fertig werden, erzählte sie in einem Interview.
Also: Hannah Arendt weiß aus eigener Erfahrung, was Handeln bedeutet. Während ihr Lehrmeister Heidegger zwar ebenfalls den Beginn menschlichen Schaffens glorifiziert - der Anfang ist als Sprung immer schon ein Vorsprung, in dem alles Kommende bereits übersprungen ist, wenngleich als ein Verhülltes - so hört sich das bei ihm doch eigenartig statisch an. Wenn in der Art und Weise eines Anfangs immer schon alles gesetzt ist, etwa wie bei einem Ursprungs-Mythos, der sich in Folge stets nur noch selbst reproduziert, dann kann der Mensch durch Handeln eigentlich nicht viel neues erreichen. Geworfensein zum Tode, heisst das in Heideggers teils recht düsteren Philosophie. Mittlerweile war Hannah Arendt jedoch, wie gesagt, das erstemal geschieden und das zweitemal verheiratet, von Berlin nach Paris nach New York geflohen, war ein paar Wochen im Lager gefangen und half jüdischen Kindern bei der Emigration aus Deutschland. Wundert es da, wenn ihre Vorstellung des Neuanfangs durch Handeln eine ganz und gar verschiedene ist? - bei ihr ergeben sich durch jede Handlung eine unabsehbare Vielfalt möglicher Folgen, präsentiert sich mit jeder Handlung gleichsam ein endloser Horizont, wird die Welt durch die Handlungen überhaupt erst offen und pluralistisch. Sie ist der Prototyp der engagierten, politischen Studentin, wie wir sie als Klischee aus amerikanischen Kinofilmen und Fernsehserien kennen: aktiv und selbstbewußt, als konkreter Mensch sich ins Spiel bringend, moralisch reflektiert, unorthodox, persönlich. Dieser komische Spruch, den ich in den 80er Jahren an allen möglichen Toilettenwänden gefunden habe: global denken, praktisch handeln, Mensch bleiben, - könnte - wenn er nicht gar so platt klänge - von ihr stammen.
Der Mensch hat die Freiheit des Handelns nämlich nur solange, wie er mit sich selbst als einer integeren Person im Einklang steht. Denn: Das Risiko, als ein Jemand im Miteinander in Erscheinung zu treten, kann nur auf sich nehmen, wer bereit ist, in diesem Miteinander unter seinesgleichen sich zu bewegen, Aufschluß zu geben darüber, wer er ist, und auf die ursprüngliche Fremdheit dessen, der durch Geburt als Neuankömmling auf die Welt gekommen ist, zu verzichten. - ein Umstand, der auch einen gewissen Mut verlangt, denn bevor wir handelnd in die Welt treten, wissen wir noch gar nicht, können nichtmal ahnen, wer eigentlich wir genau sind. Erst am Ende eines Lebens lässt sich aus der gelebten Geschichte eines Mensches gewissermaßen herauslesen, was für ein Jemand dieser war. So denkt eine Frau, die sich während ihrer Emigration etablieren musste.
Die Menschenwelt ist gewissermaßen das, was der Mensch aus seinem Reich der Freiheit macht, wenn die Arbeit getan und die Bedürfnisse gestillt sind. Als aktiver Schöpfer gestaltet er diese ihm eigene Sphäre, ein schmaler Bereich oberhalb der Natur und unterhalb des Himmels. Indem er Häuser, Kunstwerke, Gesetze, Rituale, Diskussionen, Städte und Bücher produziert - gestaltet er die Menschenwelt, die eben eine ausschließliche Menschenwelt ist: für Tiere und Götter ist sie nicht gemacht. Da jedoch der Mensch, wie Nietzsche es formuliert, das nicht-festgestellte Tier ist, kann dieses Reich auf alle möglichen und auch unmöglichen Arten und Weisen gestaltet werden, solange die Menschen nur weltoffen und aufeinander bezogen handeln und couragiert bleiben. Die Welt entsteht allein durch Handeln und ist in dem Sinne auch endlos verhandelbar, solange sie bloß nicht, wie es ja aktuell der Fall ist, von ökonomischen Notwendigkeiten besetzt wird. Doch auch die Souveräneität eines einzelnen Herrschers tötet die Freiheit, da sie nur im gleichberechtigten Handeln autonomer Individuen untereinander gedeihen kann.
Entsprechend besteht für sie das Hauptproblem der Armut nicht in Hunger und Kälte, sondern vielmehr darin, daß arme Menschen sich nicht ausreichend in der öffentliche Sphäre der Politik darstellen können. Ihr Hauptschmerz besteht darin, am aktiven Austausch und Diskussion über öffentliche Belange nicht beteiligt zu sein. Hannah Arendt, sehr poetisch: Selbst wenn die Not des Elends gestillt ist, bleibt das Unglück der Armut, daß das Leben keine Folgen in der Welt hat, keine Spur in ihr hinterläßt, daß es von dem Licht der Öffentlichkeit ausgeschlossen ist, in dem allein das Ausgezeichnete und Außerordentliche aufleuchten kann. - dreht man diesen Gedanken um, so erhalten wir eine ungewohnte Definition für Armut. Dann nämlich heisst es, daß Armut vor allem darin besteht, sich mit den eigenen Werken und der Kreativität nicht ausreichend in der Öffentlichkeit darstellen zu können. Dabei hat Hannah Arendt als Philosophin der alten Schule freilich das Bild eines antiken Marktplatzes vor Augen, da die Menschen täglich aufeinandertrafen und über Belange von allgemeinem Interesse diskutierten. Man sollte die alten Griechen indes nicht überschätzen: möglicherweise waren solche Diskussionen auf den Marktplätzen von Athen unter aller Sau, wie der Historiker Egon Friedell vermutet, ein eitles Geschwätz aus Klatsch, Hysterie und hochgekochten Meinungen. Da wurde über jeden belanglosen Müll geschwätzt, und der durchschnittliche Grieche war auch nicht klüger als ein Vertreter unserer modernen Medienwelt.
In unserer Postmodernen Zeit, so könnte man denken, besteht an Foren wie diese griechischen Marktplätze also kein Mangel. Es gibt die bekannten Talk-Shows, bei denen Hinz und Kunz öffentlich über allgemeine Lebensfragen reden dürfen, ob es zum Beispiel besser sei, Geld zu haben und keine Freunde oder Freunde und kein Geld; Zeitungen drucken Leserbriefe, in denen jedermann seine Ansichten über politische und kulturelle Themen äußern darf, man kann eine Partei oder einen Verein gründen oder einen Artikel schreiben, wie ich es gerade mache, fotokopieren, verteilen, vorlesen, verschicken. Es gibt Menschen, denen geht dieses ständige Geschwätz und Gequassel auf den Keks, die finden das meiste, was an Gedanken und Ansichten diskutiert wird, überflüssig und eitel, und nüchtern betrachtet haben sie in den meisten Fällen sogar damit recht. - warum reden die Leute immer nur übers Geld und über ihre persönlichen Erfolge und Befriedigungen? - Hanna Arendt hat auch dafür eine Erklärung: Statt sich in den Bereich des Öffentlichen zu wagen und sich in seinem Licht zu exponieren, in dem das Außerordentliche aufleuchtet und das Ausgezeichnete glänzen kann, haben es sich die plötzlich zu Reichtum und Wohlstand gelangten armen Leute angelegen sein lassen, mit dem zu glänzen, was sie privat aufgespeichert hatten. Die Gesellschaft war und ist der Ort, an dem sie in aller Öffentlichkeit konsumieren können. Womit sie also in die Öffentlichkeit traten, war gerade das, was seiner Natur nach sich weder dazu eignet, noch es wert ist, von allen gesehen zu werden. - Sobald die meisten Menschen in die Öffentlichkeit treten, benehmen sie sich wie dressierte Affen.
Wie für ihren ersten Ehemann Günther Anders ist für Hannah Arendt die moderne, technisch fortgeschrittene Gesellschaft, auch Zivilisation genannt, eine einzige Katastrophe: Menschen bewegen sich blind wie Marionetten, ferngesteuert wie Roboter, keiner kann den anderen erkennen, jeder ist autistisch gefangen in seinem Universum, eingeschlossen in einem Kokon der Medien, isoliert in Mythen der Massenkultur, auf Arbeit und Konsum programmiert, der wahren Realität entfremdet, dem wirklichen Leben fern, ein Durchschnittswesen vom Fließband, zu wirklichen Gesprächen nicht mehr fähig, eingefügt in die automatischen Prozesse der moderne Gesellschaftssysteme, ohne Bewußtsein seiner selbst und der Welt, nur eine zufällige augenblickliche Verdichtung gängiger Ideologien. Mit solchen Mutanten, im eigentlichen Sinn nicht einmal mehr Menschen, lässt sich gewiss - kein Staat machen.
In solchen Gedanken scheint ein Elite-Gefühl aufzublitzen: es gibt die sehenden, begreifenden handelnden, wahrhaftigen Menschen auf der einen Seite und auf der anderen die Masse, die stumpfen, bloß funktionierenden und konditioniert reagierenden Menschen, die eigentlich gar keine echten Menschen darstellen, eher Nicht-Menschen, biomechanoide Reiz-Reaktions-Maschinen. Das klingt nicht freundlich und wurde gegen Frau Arendt auch mehrfach zum Vorwurf erhoben; dagegen muss man zweierlei einwenden: zum einen ist das Erwachen des Vormenschen zum ganzen Menschen für jedermann möglich, es setzt keinen Adelsstand, keine besondere Bildung, kein Geld voraus, nur etwas Mühe, die aber jeder gemäß seiner persönlichen Fähigkeiten aufbringen kann. Zweitens muss man ihre Erfahrungen mit dem Nazi-Regime bedenken, die ein umstandsloses Vergeben eigentlich nicht erlauben. Jedenfalls nicht, solange die Täter sich dermaßen stereotyp verhalten wie Adolf Eichmann bei seinem Prozess in Jerusalem, den Hannah Arendt beobachtete: "Selbstverständlich" hatte er (Eichmannn) eine Rolle bei der Ausrottung der Juden gespielt: "selbstverständlich" wären sie, wenn er "sie nicht transportiert hätte, nicht dem Schlächter ausgeliefert worden". "Was gibt es da zu 'gestehen'?" fragt er. Jetzt aber, fuhr er fort, würde er gern "mit seinen ehemaligen Gegnern Frieden schließen." - denn natürlich erwartet man von einem Menschen schon ein bißchen mehr Aufklärung über die eigene Persönlichkeit und Bewusstmachung der eigenen Fehler, bevor man ihm verzeiht!
Denn damit es im Reich der Freiheit verlässliche Punkte gibt, die nicht von jedem Augenblick zum nächsten sich wandelnden, subjektiven Ansichten weichen, hat die Welt (nicht Gott oder das Seyn, sondern: die Welt!) den Menschen nämlich zwei Hilfen zur Hand gegeben: das Versprechen und das Verzeihen. Das Heilmittel gegen die Unwiderruflichkeit - dagegen, daß man Getanes nicht rückgängig machen kann, obwohl man nicht wußte, und nicht wissen konnte, was man tat - liegt in der menschlichen Fähigkeit, zu verzeihen. Und das Heilmittel gegen Unabsehbarkeit - und damit gegen die chaotische Unabsehbarkeit des Zukünftigen, liegt in dem Vermögen, Versprechen zu geben und zu halten.
Es ist bemerkenswert, wie sie einerseits auf der Basis des Existentialismus ihre philosophischen Begriffe von Kontemplation, Arbeit, Herstellen, Handeln, Versprechen, Tod, Persönlichkeit, Verzeihen, Denken... entwirft, auf unsere moderne Gesellschaft bezieht und darüberhinaus eine Kulturgeschichte schreibt, die von den alten Griechen übers Mittelalter und die Neuzeit bis in die Postmoderne geht, und das alles in ganz elegant verschachtelten Sätzen, voller Poesie, die eine Lust und Freude am öffentlichen Handeln zum Ausdruck bringen, die Vorwürfe wie Eitelkeit oder Ruhmsucht nicht treffen.
Hel und ich finden vier Fälle dazu: der erste ist der einfachste; er beinhaltet den durchschnittlichen Menschen, der überhaupt nie handelt, sondern sich immer nur verhält, und insofern als besonderes Individuum eigentlich gar nicht in Erscheinung tritt. Ein solches Leben, darüber sind wir uns einig, muss gar nicht das Schlechteste sein; wenn man eine Frau, einen Mann findet, mit dem man zurecht kommt, wenn man genug Geld, ein Häuschen hat, kann das sehr glücklich verlaufen. Jedenfalls ist der zweite Fall unangenehmer: da geht es um Jemanden, der zwar ständig handelt, aber ohne glückliches Händchen, wie man so sagt. Sein Handeln ist nie wirklich treffsicher, immer schießt er an der Lage vorbei, entweder zu früh am falschen Ort oder zur rechten Zeit das falsche, alles läuft schief, trotz Talent, Chancen und Energien - nur Frust. Oder was soll man über jemanden sagen wie Kurt Tucholsky, der mit seinen Essays und Geschichten zwar eine ganze Epoche prägte, ansonsten aber eigenartig glücklos durchs Leben trampelte, bis er 1938 sogar Selbstmord beging?
Fall Nummer drei ist eindeutig besser: er handelt von Menschen, die einmal in ihrem Leben eine Sternstunde hatten, manchmal von ein paar Tagen, manchmal auch ein paar Jahre, während der sie immer am rechten Ort, zur rechten Zeit das richtige machten, bis sie später das Glück verließ und sie gewissermaßen wieder normal-fehlbar wurden. Damit haben sie in der Geschichte ihren Platz, wenn auch nur in Pünktchenform, nicht als längere Spur. Günther Grass, der mit seinem Roman die "Blechtrommel" in der Nachkriegs-BRD einen versteckten Zeitgeist traf und aufbrechen ließ, danach aber nur noch wichtigtuerisch herumdümpelte; seine Sternzeit waren die 50er Jahre. Die sind nicht wiedergekehrt.
Der vierte und letzte Fall ist freilich der Beste: nämlich der Mensch, dem es gelingt, sein ganzes Leben hindurch selbständig handelnd, persönlich und anständig durchzukommen, ohne von Pechsträhnen und Steinen auf dem Weg ernsthaft gefährdet zu werden. Zu ihnen gehört gewiss der großartige Aldous Huxley, der nach einigen schwierigen Jahren kurz nach dem Studium, da er schwer erkrankte und wenig Geld hatte, zum berühmten Essayistien aufstieg; mit Frau und Kind durch die Welt reiste, Vorträge hielt. Mit dem Roman "Schöne Neue Welt" wurde er bereits in mittleren Lebensjahren weltberühmt, und mit seinen LSD-Experimenten erreichte er Guru-Status in der Subkultur. Er schrieb Drehbücher für Hollywood-Filme, übte buddhistische Meditation, ohne dabei je nennenswert vom Weg abzukommen oder sich in hausgemachtes Chaos zu versticken. Ihre Ehe hielt bis zum Tode, und soweit wir es wissen, war sie recht glücklich. Solche Menschen hinterlassen eine Spur in der Geschichte wie Schritte im Schnee, eine Art Faden, an dem ein Betrachter ihre wahre Persönlichkeit ablesen kann und damit ein deutliches Gefühl für die Menschenwelt erhält, wie sie sich eben von der Natur und dem Universum spezifisch abgrenzt.
Hannah Arendt betrachtet die Geschichte von einzelnen Menschen mit dem gleichen Blick wie die Geschichte der Menschheit insgesamt: beide verlaufen weder nach göttlichen Regeln noch können sie bis ins Detaill am Reißbrett geplant und gestaltet werden; und dennoch verlaufen sie auch nicht zufällig. Gott bewahre - Geschichte zufällig! Das ergibt ein Rätsel, über das man gut meditieren darf; und hinterher kann man dann so schöne Portraits verfassen wie Frau Arendt hier über Tania Blixen: So hatte sie (Tania Blixen) der frühe Teil ihres Lebens gelernt, daß man zwar Geschichten über das Leben erzählen und Gedichte darüber schreiben, nicht aber dem Leben Poesie verleihen, es nicht so leben kann, als sei es ein Kunstwerk (wie Goethe es getan hatte), oder es für die Realisierung einer "Idee" benutzen kann. Das Leben mag die Essenz enthalten (was sonst wäre dazu in der Lage?); die Erinnerung, die Wiederholung in der Vorstellung, mag die "Essenz", den Sinn entziffern und das "Elixier" bereitstellen; und vielleicht mag man das Privileg erringen, etwas daraus zu "machen", "die Geschichte zusammenzufügen". Aber das Leben selbst ist weder Essenz noch Elixier, und wer es so behandelt, dem wird es nur seine Streiche spielen. (...) Das Geschichtenerzählen jedenfalls machte sie schließlich weise (...). Weisheit ist eine Tugend des Alters, und sie kommt wohl nur zu denen, die in ihrer Jugend weder weise waren noch besonnen.