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Andalusische Labyrinthe

erstellt von Thomas Nöske zuletzt verändert: 19.05.2007 15:09

Zusammengestellt aus Fragmenten, die ich bei einem früheren Spanien-Urlaub 2002 in mein Merkbüchlein kritzelte. In guter, alter kybernetischer Tradition, versuche ich hier, das Labyrinth als abstraktes Daseyns-Prinzip schlechthin darzustellen.

Die Städte des Südens gewinnen alle unglaublich an Charme und Flair durch die Sonne und die glühende Hitze, die die Sonne auf Straßen und Plätzen erzeugt, und natürlich auch durch den hellblauen, ja fast weißen Himmel; er ist so weiß, dass uns das passende Wort für seine Farbe fehlt. An bewölkten Tagen oder an Regentagen erscheinen einem viele Orte in Südspanien schmucklos und häßlich: man sieht bloß Bauruinen, schmutzige Cafés, slumähnliche Vororte, Betonpisten und ein steiniges Land, auf dem nichts wächst. Man fragt sich, wie man sowas jemals schön finden konnte? - An schönen Tagen indes, ist der Himmel eigentlich nicht mehr blau, es ist nicht ganz weiß, es ist eher so, als wenn eine starke Sonne eine Unendlichkeit ausleuchtet, ohne je auf etwas zu stoßen oder verschluckt zu werden, es ist eben einfach: licht, oder - in der spanischen Sprache: luz. (Wobei sich das u gehaucht spricht und das z am Ende ähnlich scharf wie das deutsche ß, nur nicht so bissig, sondern wärmer, geschmeidiger, wenn man so will: erotischer.)

Darum möchte ich diesem Essay ein Zitat von Ludwig Wittgenstein voranstellen: Beschreib das Aroma des Kaffees! - Warum geht es nicht? Fehlen uns die Worte? Und wofür fehlen sie uns? - Woher aber der Gedanke, es müsse so eine Beschreibung möglich sein? Ist dir so eine Beschreibung je abgegangen? Hast du versucht, das Aroma zu beschreiben, und es ist dir nicht gelungen?

Bevor ich zu meiner kleinen Reise nach Spanien aufbreche, schlendere ich in Berlin nochmal durch verschiedene Buchhandlungen, nicht etwa um eine spezielle Reiselektüre zu suchen, sondern nur so aus Laune, weil ich das immer mache. Mitte September ist das Wetter noch spätsommerlich: man kann nicht mehr im T-Shirt herum laufen, aber der Himmel ist noch klar und trocken, das Laub färbt sich allmählich gelb. Wenn man allein verreist, hat man mit drei Schwierigkeiten zu kämpfen: zum ersten sind vielleicht manche Situationen, beispielsweise Abends in der Stadt, allein gefährlicher, denn man kann überfallen werden; zweitens ist es mitunter umständlicher, alleine Entscheidungen zu treffen, weil die einzelnen Argumente dafür und dagegen (bleiben wir noch eine Nacht hier oder fahren wir weiter zur Küste?) sich besser zu zweit tauschen lassen; drittens jedoch - und das ist der wichtigste Punkt - kann das Reisen allein manchmal ganz schön öde sein. Man pendelt zwischen einem Gefühle von Freiheit und "endlich mal Zeit ganz für mich" und der Langeweile, mit niemandem reden zu können. Zwar lernt man immer wieder Leute kennen, aber das ist häufig recht flüchtig. Die meiste Zeit muss man sich selber bei Laune halten. Doch immer nur mit sich selber allein – das kann mitunter auch recht anstrengend sein.

An der Friedrichstraße werden jede Menge Taschenbücher aus dem Piper-Verlag für zwei Euro fünfzig verramscht. Unter anderem finde ich dort einige von Hanna Arendt, aber auch einen Dialog zwischen Paul Watzlawick und Paul Kreuzer über Konstruktivismus. Ich blättere ein bisschen herum. Die folgende Stelle soll meiner kleinen Reise als Motto dienen: Die Frage, ob man das magische Theater der Welt als das Versprechen faszinierender Möglichkeiten erlebt oder als bedrückenden, verwirrenden, labyrinthischen Alptraum, hängt natürlich damit zusammen, wie man an die Frage herangeht. Das Labyrinth drückt den Irrtum aus, daß man durch Suchen die Wirklichkeit finden kann. Es ist umgekehrt: das Suchen hindert und am Finden. Sobald wir das wissen, haben wir gefunden, was wir suchen: wir werden auch mit dem Minotaurus fertig, der im Labyrinth auf seine Opfer lauert.

Donnerstag, der 19. September 2002: den Alcazar-Palast und Gärten in Sevilla besichtigt. Diese Durchgänge in dicken Wänden, mit ihren zwiebelförmigen Köpfen, diese zahlreichen Bögen, die von dünnen Säulen wie Spinnenbeinen getragen werden, diese quadratischen Innenhöfe mit ihren pokalförmigfen Springbrunnen in der Mitte wie Altäre, alles ist sehr labyrinthisch angelegt, Raum fügt sich an Raum, und immer so, dass man nach einer Reihe von hübsch, aber bescheiden angelegten Innenhöfen kurz darauf von einem prächtigen überrascht wird; große Teile der Anlage sind bewusst schattig gehalten, um der heißen spanischen Sonne zu entkommen, so dass man sich zwischendurch beinahe wie in Höhlen fühlt, dann wieder ein weißer Innenhof, in dem sich die Hitze nur so staut. Das alles wird durchzogen von einem Netz aus Springbrunnen oder kleinen rechteckigen Becken, in die dünne Wasserfälle plätschern, verbunden durch recht schmale, eckige Wasserläufe im Fußboden, die von Raum zu Raum führen, vollständig geometrisch, mathematisch, ornamental wie ein errechnetes Muster: das Wasser des Lebens. Besonders eindrucksvoll: eine Badewanne aus massivem Marmor als Auffangbecken für einen Wasserstrahl aus der Wand, der die Wanne permanent zum Überlaufen bringt, besser gesagt: am Überlaufen hält. An allen vier Seiten fließt das Wasser in einer andauernden Ruhe und Gleichmäßigkeit über den Rand, ein Symbol andauernden Überflusses, so prahlen die Moslems mit ihren nie versiegenden Quellen, die Kaufleute wie die Dichter, Reichtum dargestellt durch Fülle an einem sonst knappen Gut, denn was kann es in der Hitze schon Erotischeres geben als einen glatten, harten und nassen Marmorstein?

An einem heißen Sonnentag sich Verirren in einem maurischen Garten: in den Innehöfen hält man es vor Hitze kaum aus, aber in den schattigen Säulengängen mag man schon ein paar stille Augenblicke verweilen. Warum sage ich: "Augenblicke", warum zum Beispiel nicht: "Eine kurze Weile" ? - ganz einfach: weil man blinzelt, während man sitzt. Es gibt nämlich keinen Ort in dieser ganzen Palast- und Gartenanlage, von dem aus man auch nur annähernd einen Überblick über das Ganze gewinnen könnte, und das liegt nicht etwa daran, dass die Anlage dafür zu groß wäre. Es liegt vielmehr daran, dass der Architekt es absichtlich so gestaltet und eingerichtet hat, dass jeder Standpunkt, an dem man verweilen mag und den Blick schweifen, eben immer nur eine sehr eigenwillige Perspektive erlaubt; und ich habe in Sevilla prächtige Gärten besucht, über die Brücken mit wunderbaren Säulengängen hinwegführten, an deren Rändern gewaltige Paläste mit überbordenen Balkonen standen, traumhafter als in den tollsten Märchen und Fantasy-Epen - aber von keinem dieser Punkte, so sehr sie dem ehemaligen Kalifen oder König auch die Weite seiner Macht vor Augen führen mochten, von keinem dieser Punkte hatte man je einen Überblick über das gesamte Labyrinth der Anlage. Ganz im Gegenteil: der Architekt hat alles getan, um dies zu verhindern.

Vielleicht steht man auf einem prachtvoll erhöhten Balkon und wähnt sich eines über Alles erhobenen Überblicks des Herrschers. Man blickt über weite Teile der kunstvoll und labyrinthisch geschnittenen Hecken hinweg, hinüber zu schneeweißen Pavillons, zwischen verwinkelten Treppen, Wasserbecken... aber dann ist da plötzlich ein dichter Wald aus Palmen, hinter dem ein schmaler Säulengang perspektivisch so geschickt verschwindet, dass es dem Betrachter keine Ruhe lässt; tatsächlich hält man es kaum aus, wie dieser Säulengang da hinter den Palmen verschwindet: man denkt, gerade dort müsse das Geheimnis liegen, gerade dort müsse man jetzt unbedingt hin. Und so verhält es sich mit fast jedem Ort in diesen maurischen Palästen und Gärten: zuerst kommt man hin und will sich setzen, einen Augenblick ausruhen; doch schon bald ziehts einen wieder hoch, weil man eben sieht, dass es an anderen Ecken noch weitergeht, und so geht es eben immer weiter. Das ist soweit meine Definition des märchenhaften Labyrinths.

Aber wieviel Weisheit und Poesie steckt darin! Jeder zunächst scheinbar vollkommene Augenblick erweist sich bald als flüchtig: wenn man verweilen möchte, ist er fast schon wieder auf und davon. Und jeder Überblick des Ganzen ist zusammengesetzt aus lauter einzelnen Stellen, zufällig wahrgenommene Teile - nur Allah sieht das Ganze. Die Elemente freilich wiederholen sich: die Bögen, die Kuppeln, die Treppen und Säulengänge sind alle ähnlich gestrickt; so sind die Bögen immer deutlich massiver als die runden, zierlichen Säulen, die sie tragen, so dass das Dach immer irgendwie ein bisschen wie schwebend erscheint, und so existiert schier kein einziger Innenhof ohne Springbrunnen in der Mitte - als hätte einst ein mächtiger Kalif den Befehl ausgegeben, bei Todesstrafe niemals Innenhöfe ohne Springbrunnen zu errichten! Im Einzelnen mögen die Springbrunnen pokalförmig sein oder in den gekachelten Fußboden eingelassen, manche haben die Form von Kleeblättern, andere von Sternen, aber stets befinden sie sich vollkommen im Zentrum des Innenhofes, manchmal von zwei Seiten durch Säulengänge umgeben, manchmal von allen vieren, manchmal auch überdacht mit einer geschmückten Kuppel aus Gold oder - eine ganz ungewöhnliche Variation - als freistehendes Häuschen auf einem Sockel mitten im Park! Es ist also beides: eine kaleidoskopische Mischung aus Vielfalt und Einfalt. Die Muster wiederholen sich wie in den dunkelblauen Ornamentkacheln, jede Variation löste eine Überraschung aus, aber ebenso Erinnerung an lange schon Gewohntes. Manchmal betritt man einen Raum zweimal und merkt es nicht, weil man aus verschiedenen Richtungen kommt und ein völlig anderer Eindruck entsteht; oder andersherum: man meint, in einen bereits bekannten Ort zu treten, bis man merkt, dass die Kachelmuster und Ornamentformen doch etwas verändert sind. Also: derselbe Raum zweimal, was heißt das schon? - ist nicht jede Variation im Grunde doch eine Wiederholung, weil sie die Essenz unangetastet lässt; und ist nicht jede Wiederholung automatisch eine Variation, weil jede kleine Blickverschiebung das Ganze verwandelt?Sind das eine maurische Konzentrationsübungen, Oom-Gesänge, Zen-Gärten? Das ständige Plitschiplitschiplatschplatsche der Springbrunnen treibt mich immer wieder zum Hinsetzen und Notizen-machen, Kritzelkritzel an, so wie andere Leute durchs Geplätscher zum Pinkeln getrieben werden. Ist das der ewige Bewusstseinsstrom, der hier - angeregt durch die laufende Gegenwart von Springbrunnen - zur Quelle gewandelt, durch den Kugelschreiber aufs Papier vor sich hin plätschert?

Ich möchte einen Roman, oder wenigstens ersteinmal einen Essay, eine Novelle, schreiben, die labyrinthisch angelegt ist wie eine maurische Palast- und Gartenanlage. Auch Niklas Luhmann träumte von einer labyrinthischen Anlage seiner Theorie Sozialer Systeme. Der Leser soll an jeder Stelle beginnen und wieder aufhören können. Je nachdem, für welche Bereiche der Soziologie man sich interessiert, ob für Erziehungswesen, Wirtschaft und Politik oder Massenmedien und Protesbewegungen, kann man an einem beliebigen Punkt in Luhmanns Lehre einsteigen, den Weg weitergehen und sich tiefer verstricken, einwickeln lassen oder das Spiegelkabinett wieder verlassen wie eine Zentrifuge. Dies bedingt, dass auch Luhmann die einzelnen Elemente und Bauteile seiner gewaltig komplexen und verschachtelten Theorieanlage (er spricht selber auch von Theorie-Architektur) immer wieder neu durchkaut und wiederholt, nur geringfügig variiert aufs neue vorführt - wie die Mauren ihren Bögen und Springbrunnen.

Es ist die Wüstenlandschaft mit ihrer erhabenen Kahlheit, die den Araber zum Abstrakten, zum Ungenständlichen, zur Mathematik erzogen hat. Das monotone Thema dieser Landschaft ist die unendliche Wiederholung des Gleichen, das in der durchsichtigen Luft dennoch ohne eigentliche Tiefe ist, ja eine Dimension zu verlieren scheint

, schreibt Sigrid Hunke in ihrem Buch: "Allahs Sonne überm Abendland". - tatsächlich bin ich fasziniert von der arabischen Art und Weise, Reichtum, Pracht, Überfluss... auszudrücken, nämlich häufig durch Anhäufung von Dingen bis unter die Decke. Bei einem Stadtrundgang in Tanger sehe ich Teppich-, Bekleidungs- und Gewürzläden, in denen die Waren gestapelt sind - Raum für Raum, nebeneinander, übereinander, das es schier kein Ende nimmt; aber natürlich: es herrscht keine Vielfalt; die Teppichmuster unterscheiden sich nicht grundsätzlich, die Kleidungsstücke scheinen einander im Schnitt fast identisch, nur einzelne Ornamente sind an Kragen, Ärmeln, Brust und Beinen gering variiert... dennoch wird es lange nicht langweilig: ganz im Gegenteil, eine Zeitlang ist man immer wieder aufs neue überrascht, an jeder Ecke Staunen, Aah und Ooh wie bei einem Feuerwerk, man fragt sich: welches von all den Produkten das schönste sei? - die Frage gleicht vermutlich der nach der schönsten Sanddüne in der Wüste: es ist nämlich immer die, die gerade als nächstes kommst. Das Gesetz der Serie: welche der rund 800 Folgen der TV-Serie "Star Trek, Raumschiff Voyager", ist die Beste? - keine Ahnung, sie sind alle gleich gut; sie sind ja auch alle irgendwie gleich. Das Raumschiff fliegt durch das Universum, trifft auf Außerirdische und fremde Planeten, die Besatzung muss ihre Organisation an Bord regeln, wobei Captain Janeway immer die modernen Führungs- und Management-Konzepte der 90er Jahre (sozial-emanzipatorische, diskursiv-multikulturell...) verkörpert und die Mensch-Maschinen-Frau Seven-of-Nine mit ihrer Individualität und ihrer Programmierung fürs Kollektiv ringt. Arabesken der Pop-Kultur.

Goethe sagt zu Eckermann: die Komposition eines Kunstwerks muss aus dem Inneren des Werks selbst entstehen, es gibt keine allgemeinen Regeln. Das stimmt: denn wenn wir wirklich große Kunst betrachten, nehmen wir erstaunliche Unregelmäßigkeiten zur Kenntnis. Die Werke sind gewissermaßen ungleichmäßig proportioniert. Da gibt es Klümpchenbildungen und geballte Passagen, scheinbar ausgedünnte Stellen, wenig gefüllte Strecken, Exkurse und Schleifen und so weiter und so fort. Das ist wie mit den Menschen, die ja oft ebenfalls einen gar eigensinnigen Wuchs zeigen: da gibt es schmale Körper mit großen Köpfen, oder dicke Beine bei dünnen Schultern... oder wir denken an die Städte, zum Beispiel Sevilla, mit ihren engen, verwinkelten Gassen in der Altstadt, den angrenzenden Industrie- und Gewerbegebiete, die die Stadt scheinbar versorgen wie eine Infusion, auf den ersten Blick indes den zauberhaften Eindruck der Märchenstadt verschandeln. Dann die angrenzenden Prachtbezirke mit den weitläufig, großzügig angelegten Alleen, Palästen, Parks voller Palmen und Villen im kitschigsten Jugendstil, fast schon Walt Disney-Stil, die die Epochen scheinbar zusammenziehen wie eine Spirale, und das Ganze garniert mit Wohngebieten, gleichsam aufgesteckt wie Federn in einem Hut, eventuell noch eine Ufer-Promenade mit allerlei Tourismus-Schrott: Hotels, Restaurants, Souvenierläden, Side-Seeing-Treffs etc. Also: einen geschlossenen, gleichsam harmonischen Eindruck macht so eine Stadt, jedenfalls insgesamt betrachtet, wohl eher nicht. Auch ist sie ja nicht auf einen Schlag so geworden, sondern hat sich in zig Generationen entwickelt. Mal hat sich das Gebilde hier aufgebläht, dann fiel es dort wieder in sich zusammen, das ging so über Jahrhunderte, manchmal sogar Jahrtausende, so dass sich diese schrägen Gebilde entwickelten, die wir heute: Paris, London, Rom, Istanbul, New York... nennen. Berlin dagegen ist im wesentlichen zwischen dem 18ten und 20sten Jahrhundert entstanden: Formate, Stilrichtungen passen halbwegs zusammen, die Größenverhältnisse wirken aufeinander abgestimmt, Straßen, Plätze, Parks und Häuser scheinen alle nach ein und demselben Maß errichtet. Die Stadt war schon zu Zeiten Karl Friedrich Schinkels durch und durch preußisch und ist es noch. Selbst das Nazi-Regime und vierzig Jahre Teilung plus DDR-Sozialismus haben das architektonische Gleichgewicht nicht zerstört. Sevilla dagegen irritiert mit extrem engen, verwinkelten Gassen einerseits, unglaublich weitläufig angelegten Palästen und Prachstraßen andrerseits, sowie Neubaugebieten und Hochhausiedlungen in den Vororten. Das scheint sich zu beißen, gehört aber doch notwendig zusammen: keine lebendige Altstadt, ohne Neubauten drumherum, denn irgendwo müssen die Menschen ja wohnen; keine Prachtalleen und Paläste der Renaissance ohne Expo-Ruinen, denn natürlich möchte die Stadt an ihrer politischen Bedeutung von einstmals gern noch heute festhalten...Ich erreiche die Stadt am Mittwoch mittag gegen 14.00 Uhr; dennoch dauert es bis 17.00, bis ich mein Zelt endlich aufgebaut habe. Ich finde nämlich gar nichts: der erste Spanier am Busbahnhof erklärt mir den Weg zum Camping-Platz, beziehungsweise: die nächsten Schritte auf dem Weg dorthin, zwar durchaus vernünftig, aber ich bin zu blöd, um ihn richtig zu verstehen. Ersteinmal tingle ich von Haltestelle zu Haltestelle, bis ich schließlich die richtige erreiche; das ist gegen 15.30 Uhr. Dann erscheint der Bus nicht wie auf dem Fahrplan angegeben, sondern fast eine Stunde später. Außer mir warten noch drei oder vier Einheimische, die sich ebenfalls wundern, allerdings nicht allzu sehr. Offenbar sitzen die Menschen lieber eine halbe Stunde an einer Haltstelle herum, statt dass sie sich auf die unsicheren Angaben der Pläne verlassen. Immerhin ist es hier schattig.

Mesaline, eine Französin in Granada, die mit Matthias befreundet war, spottete über die Organisationswut der Deutschen. Wenn sie die deutsche Art des Sprechens immitiert, gibt sie zackige Geräusche von sich wie auf einem Kasernenhof und schlägt dabei wild mit den Händen durch die Luft. Aber manches ist bei uns durchaus klüger organisiert. Zum Beispiel existiert in Sevilla für jede Buslinie eine eigene Haltstelle; am Prado de San Sebastian macht das allein fünfzehn oder zwanzig einzelne Bushaltestellen, die an allen vier Seiten um den Park herum verteilt sind. Es gibt auch keinen zentralen Busbahnhof, sondern mehrere, je nachdem ob man nach Norden, Süden, Osten oder Westen weiterfahren möchte. An den Busbahnhöfen selber hängen wiederum keine allgemeinen Fahrpläne, auf denen alle möglichen Verbindungen angekündigt sind, sondern jede Busgesellschaft macht ihren eigenen, die wie bei einer Pinnwand an der Uni-Mensa auf lauter einzelnen, unterschiedlich gestalteten Zetteln aushängen. Man muss sich da durchwuseln wie durch Zeitungsinserate. In Fragen der Organisation könnten die Spanier von uns Deutschen also was lernen. Aber dann gäbe es keinen Kaffee mehr, während man auf die Busse wartet, weniger Gelegenheiten für den ausländischen Besucher, die spärlichen Spanischkenntnisse zu üben, und kein plötzliches Aufleben der Innenstädte nach dem Ende der Siestas.