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Zehntes bis zwölftes Kapitel

erstellt von Thomas Stemmer zuletzt verändert: 18.08.2007 14:15

Später im Semester hielt er – schüchtern vor sich hinplappernd – einen Vortrag über ein Gemälde aus Picassos Blauer Periode, aus Picassos schwermütiger Zeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Bandolsin Trölk hatte keine Ahnung von Wissenschaftlichkeit und verglich das Bild aus dem hohlen Bauch heruas mit einem Werk von Cézanne. Sein Kunstgeschichte-Professor, der in diesem Proseminar in der ersten Reihe saß, blickte lange geistesabwesend vor sich hin, dann überfiel sein Gesicht ein Ausdruck, als wollte er sagen Unglaublich, welche Idioten heutzutage studieren dürfen!

Freunde, die Bandolsin hatte, ein unverheiratetes Pärchen, lebten zunächst im zehnten Stock eines deprimierenden Hochhauses in Regensburg-Königswiesen. Diese Gruppe von Hochhäusern verschloß die einzige Öffnung in der Hügelkette um Regensburg, so daß die Innenstadt von Regensburg durch diese Bausünde von Frischluft abgeschnitten wurde. Später zog dieses Pärchen nach Graß, zwei Dörfer von Oberisling entfernt. Bandolsin Trölk konnte sich auf den ersten Blick nicht entscheiden, was schlimmer war: Königswiesen oder Graß, doch dann sagte er sich: Wenigstens müssen sie nun nicht mehr im Hochhaus leben...

Dieses Pärchen traf Bandolsin jeden Mittwoch zum Tee, eine Woche in Königswiesen oder später in Graß, die andere Woche in Oberisling.

Darüber hinaus besuchte er in seiner gesamten Oberislinger Zeit lediglich zwei weitere Mal jemanden für gute je 10 Minuten, zwei Studentinnen, denen er vermutlich sogleich zur Last fiel, weil er ein jedes Mal und recht unromantisch ohne Umschweife zu den tieferen Fragen der Studienordnung der Universität kommen wollte. Dabei verströmte er die eigentümliche Panik eines studentischen Versagers. Eine dieser beiden Komilitoninnen lebte in einem der weniger guten Viertel von Regensburg. Um zu ihr zu kommen, mußte er sich vom Bahnhof aus über die Gleise der Eisenbahn hinweg zur Furtmayrstraße bewegen, und ihr dort, wo sie sich mit der Landshuter Straße kreuzte, folgen. Der Name änderte sich hier in Safferlingstraße und nach einer Krümmung in Guerickestraße. Dort, in dieser Guerickestraße verspürte er eine seltsame, ihm unbekannte Atmosphäre. Eine Frau, die am Starßenrand stand, wandte sich ihm zu, öffnete ein wenig ihren lose übergeworfenen Mantel und fraget Bandolsin Trölk Na, wie wär' s denn mit uns beiden? Bandolsin verstand nicht recht, was sie von ihm wollte, doch was er durch den geöffneten Mantel erspähte, wagte er kaum anzusehen. Schnell hastete er weiter, ohne zu antworten. Vielleicht war dies der Augenblick oder vielmehr die schmählich verpaßte Möglichkeit, ein echter Student der Kunstgeschichte zu werden, denn in jenen Sekunden gingen ihm die Madonnen aus der Raffael-Vorlesung des Wintersemesters 1982 / 83 durch den Kopf. Er war sich nicht bewußt gewesen, daß ihm trotz allem Ungemach mit der Universität und dem universitären Leben so viele Details über die Gemälde und das Leben von Raffael im Gedächtnis zurückgeblieben waren. So kam ihm ein Urteil aus der Rezeptionsgeschichte Raffaels in den Sinn, der Renaissance-Künstler sei von einem Menschen und einem Engel gezeugt worden. Und von all den duftigen Madonnen-Bildnissen Raffaels, die im Eiltempo an ihm vorbeizogen, lächelte ihn vor allem die Madonna del Granduca an, die im Original im florentinischen Palazzo Pitti hängt und als einzige von Raffaels Madonnen einen schwarzen Hintergrund aufweist. Kunsthistoriker stritten sich damals noch über die Frage, ob dieser schwarze Hintergrund die Übermalung einer raffaelitischen Landschaft darstellt, oder ob Raffael selbst wollte, daß diese Madonna wie vor einer schwarzen Wand plaziert stehen sollte. Das geheimnisvolle Lächeln der Madonna del Granduca mit ihrem kleinen, spitzen Mündchen verfolgte ihn. Klangheimlich drehte er sich zu der Frau, die ihn angesprochen hatte, um, doch sie beachtete ihn schon nicht mehr, hatte ihn vermutlich im kurzen Moment ihres Zusammentreffens nicht wirklich wahrgenommen. Das mag zum einen Geschäftstaktik gewesen sein; zum anderen war es auch sehr schwierig, einen Menschen wie Bandolsin Trölk überhaupt bewußt wahrzunehmen. Bandolsin hatte etwas von peinlicher Unsichtbarkeit an sich. Und nahm man ihn wahr, lag es immer noch im eigenen Ermessen, ob man ihn wahrnehmen wollte oder lieber vorgab, nichts zu sehen und nichts zu wissen.

Bandolsin beschleunigte daraufhin seinen Schritt, und als er zu seinem Kurzbesuch eintraf, redete er fanatisch und wie gehetzt von den Schrecknissen und Fallstricken der aktuellen Studienordnung für das Fach Kunstgeschichte.

Der zweite 10-Minuten-Besuch galt einer Studentin im Stadtteil Prüfening, die in einem abstoßenden seelenlosen Block nahe der Prüfeninger Straße wohnte. Viel hatten sie sich nicht zu sagen, und schon bald zog diese Komilitonin aus Regensburg weg, um in einer anderen bayerischen Stadt einen etwas großkotzigen Mann zu heiraten, der Jahre später eine Art Religion – mit sich selbst als wenigstens nach außen hin bescheidenem Oberhaupt – gründen sollte.

Das war sein letzter Besuch in der studentischen Außenwelt und auf der Heimfahrt mit dem Bus der Linie 2 schwirrte sein Kopf noch von den genauen Details der kunstgeschichtlichen Studienordnung.

Es erwartete ihn ein langer Abend ohne besondere Ereignisse im Ein-Zimmer-Appartement in Oberisling.

Er konnte nicht verstehen, daß es in einer derart herrlichen und gut erhaltenen alten Stadt wie Regensburg, mit all ihren Gäßchen und Winkeln, die ein bißchen an die Toskana gemahnten, schreckliche, abstoßende Vorstädte und Außenbezirke gab.

Hatte Bandolsin Trölk nun andere Freuden in seinem Oberislinger Leben? Irgendetwas, woran man niemals zu denken gewagt hätte? Gab es etwas zwischen den hin und wieder auftretenden Wutanfällen?

Aller Wahrscheinlichkeit nach war hier nichts zu finden. Am nähesten kam dem vielleicht ein Empfinden, das Bandolsin Trölk ab und zu heimsuchte wie ein Dieb in der dunklen Nacht, ein Hauch von Allheitsempfinden, das bestenfalls als ein klebriges, schleimiges proto- oder krypto-kosmisches Bewußtsein beschrieben werden kann, und das in den Jahren 82 / 83 als Begriff Kosmisches Bewußtsein in den Kopfen und in den Herzen junger Westeuropäer herumgeisterte. Hier hatte sich Bandolsin Trölk also einer bestimmten Richtung angeglichen, wobei sein kosmisches Bewußtsein angesichts seiner tristen Lebenssituation wohl eher als komisches Bewußtsein beschrieben werden kann. Seine Anflüge kosmischen Bewußtseins waren eher eingebildet; zwei Jahrzehnte später hätte man vielleicht virtuell dazu gesagt; oder um gleich deutlich zu werden: Es war Betrug. Wer es nicht für sich selbst schafft, ein erfolgreiches Leben zu führen, der zieht eben gerne verstohlen die glitschige kosmische Notbremse.

Auf diesem Gebiet geriet Bandolsin tatsächlich etwas durcheinander, denn obwohl er durchaus und eindeutig einer Religion angehörte, fing er im Sommer 1983 an, Veranstaltungen aller mystischen oder metaphysischen Gruppierungen, die an der Universität mit Vorliebe abends Einführungsveranstaltungen abhielten, zu besuchen. Von Ananda Marg bis Krishnamurti war er nun vielseitig gebildet, allenfalls mehr denn kunsthistorisch, doch was nützte ihm das schon?

In einer jener Abendveranstaltungen sprach ein orangegewandeter Swami eine Weile von Tantra, um sich dann mit einer Frage an das Publikum zu wenden: Now, what about Sexual Tantra? Dann lachte der Swami laut auf und beantwortete seine eigene Frage mit It is all nonsense! Tantra is a spiritual discipline only. Bandolsin Trölk wußte nichts über Tantra, doch von jenem Augenblick an fühlte er sich unwohl. Er verließ die Veranstaltung heimlich durch den hinteren Ausgang. er fand sich in der Nähe der Hörsäle und des Auditorium Maximum wieder, etwa dort, wo er ansonsten in einer dunklen Betonhöhle unter den Auditorien klangheimlich seinen Apfelsaft zu trinken pflegte. Draußen dämmerte es und die Universität lag als betonierter Moloch in spukhaftes Licht gehüllt.

Nun mußte Bandolsin nach Oberisling zurück. Sollte er auf den Bus warten? Fuhr die Linie 2 zu so später Zeit noch? Darüber hinaus hielt die Linie 2 nicht direkt an der Universität. Es hätte also zunächste eines Fußmarsches bedurft, um überhaupt zu einer Haltestelle zu gelangen, an der er dann möglicherweise lange wartend hätte herumstehen müssen. Bandolsin Trölk beschloß also, zu Fuß zu gehen. Binnen weniger Minuten fand er sich wieder – wie schon des öfteren – zwischen schmierigen Äckern in Richtung Oberisling. In all dem Dreck dort draußen war an ein erweitertes Bewußtsein nicht im Geringsten zu denken. Er fühlte sich den verschimmelten Zuckerrübenresten des Vorjahres näher als all jenen hochfliegenden Ideen seiner abendlichen Informationsveranstaltungen, die noch in ihm nachhallten wie von sinistren Lautsprechern intoniert. Wäre er geschäftstüchtig gewesen, hätte Bandolsin Trölk ein gutes Buch über diejenigen schreiben können, die nicht erleuchtet wurden, die keine Befreiung fanden, und die anstatt in den Himmel in die finstersten Höllen kamen. Doch daran war nicht zu denken.

Ein solches Buch, das war Bandolsin Trölk absolut klar, würde es aus seiner Feder niemals geben.

Warum auch.

 

Elftes Kapitel

Im Sommer 1983 überwand sich Bandolsin nach monatelangen dicht aufeinander folgenden Schüben von Passivität, endlich etwas für sein Zeichnen oder Malen zu tun; immerhin trug er das diffuse Empfinden in sich und auch vor sich her, ein Künstler zu sein... Zwar wollte er den diffusen, unklaren Aspekt in dieser Angelegenheit nicht verlieren, doch schließlich muß man ja irgendwann etwas tun... sonst glaubte niemand daran, daß Bandolsin Trölk eigentlich einer von den Künstlern war. Diesen Zustand als Künstler mußte er – zumindest in den Augen der anderen – in jedem Fall aufrechterhalten. Keinesfalls wollte er dabei jedoch zu schnell vorgehen und sich auf irgendwelche Ergebnisse festlegen lassen. Ein handgeschriebener Zettel an einer der vielen Wände der Universität kam ihm da gerade recht. Man könne, so suggerierte der Schrieb, ganz zwanglos in das Atelier eines Künstlers kommen, um dort Portraitzeichnen zu lernen, kostenlos. Zwar fürchtete er sich vor der klassischen Situation, an der Tür zu stehen und verlegen zu grinsen – Hallo, ich bin der Bandolsin...! -, doch er hatte noch ein wenig Zeit, um sich an den Gedanken zu gewöhnen. Darüber hinaus verlockte ihn die Adresse, die auf dem Zettel angegeben war. Eine Anschrift in der Altstadt, nahe der Donau, wie es schien, entlang der Route Goldene Bären-Straße / Fischmarkt / Keplerstraße. Dort standen in jenen Jahren um 1983 alte unrenovierte Häuser mit seltsamen Anbauten, Garagen, Anbauten, Winkel und Ecken. Die Aufräum-, Bereinigungs-, Modernisierungs- und Sterilisierungswut hatte 1983 Regensburg noch nicht erreicht. Für Bandolsin Trölk las sich dies wie ein Versprechen, etwas anderes im Leben zu finden als immer wieder und jeden Tag aufs Neue das verhaßte Oberisling.

Ein brüchiger Anbau mit Hinterausgang zur Donau erwies sich als die richtige Adresse. Einige Leute saßen im Atelier eines Künstlers. Einer der Gäste saß 15 Minuten Modell, dann wurde gewechselt und der nächste saß. Hin und wieder ließ der Künstler, der bei dem ganzen Spektakel seiner eigenen Arbeit nachging, den einen oder anderen Kommentar fallen, doch ansonsten war das kleine Grüppchen der Zeichner unter sich. Bandolsin ging einen Sommer lang hin, dann erschreckte ihm das Ganze aus ungewissen Gründen doch ein wenig, ganz so, als hätte er etwas getan, bei dem er sich zu weit vorgewagt hatte.

 

Zwölftes Kapitel

Drei Semester verharrte Bandolsin Trölk in Oberisling, wobei er den Ort in den Semesterferien, die immerhin fünf Monate des Jahres ausmachen, tunlichst mied. So fand er zu Beginn des Sommersemsters Belege irgendwelcher Strom- oder Wasser-Ableser auf seinem Jugendzimmer-Schreibtisch. Offensichtlich waren diese Eindringlinge vom Mieter im ersten Stock, direkt unter ihm, der ein wenig die Funktion eines Hausmeisters innehatte, eingelassen worden. Damals störte das Bandolsin wenig; wichtiger war es ihm, nicht anwesend sein zu müssen. Schließlich hatte er im Zimmer in der Winkelstraße kaum Privates und schon gar nichts Geheimes liegen, da er es im klassischen Sinn nicht bewohnte, sondern lediglich wie in einer Art Schreckstarre darin existierte.

Drei Semester, mithin eineinhalb Jahre: Das war eine unglaublich lange Zeit an einem Ort, der für Bandolsin Trölk einen solchen Schrecken barg! Es gab keinen vernünftig erklärbaren Grund dafür, nichts zu tun und einfach zu warten.

Vielleicht lag die Erklärung darin, daß Bandolsin Trölk tatsächlich auf etwas sehr Konkretes wartete, auf seine Einberufung zur Bundeswehr. Ab einem gewissen Zeitpunkt beantwortete er die leidige Frage Und was machst du? nicht mehr mit Ich studiere an der Universität Regensburg Kunstgeschichte!, sondern mit den Worten Na, ich warte halt, bis mich die Bundeswehr holt... Waren seine Eltern in einer solchen Situation anwesend, griff seine Mutter jedesmal an dieser Stelle ein, um das Image des Sohnes zu retten: Aber studieren tut er schon auch! Nämlich Kunstgeschichte! Eine sehr interessante Sache!

Bandolsin gab dazu in der Regel keinen weiteren Kommentar mehr ab. Was sollte er schon sagen? Es gab nichts mehr zu sagen. Darüber hinaus wollte er seiner Mutter, die er – wie seinen Vater auch – sehr gern hatte, nicht ins Wort fallen.

Am ehesten ist die teuflische Beziehung von Bandolsin Trölk zu Oberisling mit einer gescheiterten Ehe zu vergleichen, die – aus welchen Gründen auch immer – nach außen hin aufrechterhalten wird. Stoisch erträgt das Opfer der Ehe die Gereiztheiten und hysterischen Anfälle des ehelichen Täters, fleißig daran arbeitend, nicht zu sehr Visionen zu entwickeln, in denen er sich auf die Straße begibt, um wahllos um sich zu schlagen. Solche Ehen halten mitunter bis ans Lebensende von Täter oder Opfer oder von beiden zugleich. Letztere Variante wäre dabei für die Umgebung der beiden die beste aller denkbaren Möglichkeiten. In diesem Sinne hätte Bandolsin Trölk bis zum Lebensende in Oberisling leiden können, und von daher ist es mehr als verständlich, daß er die noch schlimmere Zeit, die ihm bei der Bundeswehr bevorstehen würde, zutiefst herbeisehnte.

Wenigstens, so Bandolsin Trölks Gedankengang, bewegte sich etwas. Irgendetwas. Er war guter Hoffnung, dereinst auch bei der Bundeswehr versteckt den einen oder anderen Apfelsaft trinken zu können.

Das Sommersemester 1983 führte Bandolsin Trölk zu jenem Zeitpunkt, an dem zwei seiner besten Freunde zur Bundeswehr eingezogen wurden. Sie rückten im Juli `83, exakt zu Beginn des neuen Quartals, ein. Nach einer Woche sah Bandolsin die auf solche Art Entführten und konnte sein Entsetzen darüber kaum verbergen, daß sie wie unter hypnotischem Bann stehend stundenlang von nichts anderem mehr reden konnten als ausschließlich von eben diesem einen Thema: der Bundeswehr. Dazu gesellte sich ein hektischer, unruhiger Blick sowie ein nervöses Auflachen zwischen den maschinengewehrartig herausgefeuerten Sätzen. Schiere Panik leuchtete in magisch aufgeladenen Worten wie Unteroffizier, Spieß, zur Sau machen, austreiben, fertigmachen, Gerödel, aufgefrischt werden, gefickt werden, Hachten, ABC-Gas-Fotze, Scheiß-G´studierter. Dahin also würde auch Bandolsin Trölks Weg in allernächster Zukunft führen. Als Bandolsin Trölk wieder im betonierten Ein-Zimmer-Appartement in Oberisling saß, starrte er stundenlang die Wand an. Schließlich resümierte er Na gut, ich wart´ halt, bis sie mich holen...

Später im Semester hielt er – schüchtern vor sich hinplappernd – einen Vortrag über ein Gemälde aus Picassos Blauer Periode, aus Picassos schwermütiger Zeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Bandolsin Trölk hatte keine Ahnung von Wissenschaftlichkeit und verglich das Bild aus dem hohlen Bauch heruas mit einem Werk von Cézanne. Sein Kunstgeschichte-Professor, der in diesem Proseminar in der ersten Reihe saß, blickte lange geistesabwesend vor sich hin, dann überfiel sein Gesicht ein Ausdruck, als wollte er sagen Unglaublich, welche Idioten heutzutage studieren dürfen! Bandolsin hatte den Picasso und den Cézanne an die Wand projizieren lassen. Je länger er sprach, desto nervöser lachte er zwischen den Sätzen, und so näherte er sich der Sprechweise der frisch eingezogenen Bundeswehr-Rekruten auf fatale Weise an. Als Bandolsin zu Ende gekommen war, stand der Professor auf und sagte Tun Sie den Cézanne weg! Das war alles, was er dazu bemerkte. Der Hiwi gehorchte sofort, und die Wand, die zuvor noch von Picasso und Cézanne geschmückt war, zeigte sich wieder kahl wie das Ein-Zimmer-Appartement in der Oberislinger Winkelstraße.

Bandolsin wagte es sogar noch, nach der Stunde das handgeschriebene Script bei seinem Professor einzureichen. Der ignorierte Bandolsin zunächst und sagte dann, da Bandolsin das Script in der Manier eines Bettlers immer wieder hinhielt, mit der für ihn typischen Eiseskälte in der Stimme Bitte sauber getippt abgeben! Dann packte dieser Kunstgeschichte-Professor seine Mappe und eilte davon.

Das brachte Bandolsin Trölk in Schwierigkeiten, denn er besaß keine Schreibmaschine.

Eine Nacht lang konnte er deswegen nicht schlafen

Dann kam ihm eine Idee. In der Universitätsbibliothek standen vor der Ausleihe mit Ketten festgezurrte mechanische Schreibmaschinen, die dazu dienten, die Ausleih- und Fernleihe-Zettel auszufüllen. Wie ein Dieb schlich sich Badolsin Trölk an die von der Ausleihe am weitesten entfernt liegende Schreibmaschine und hackte mit einem Finger los. Das Zehn-Finger-System hatte er nie gelernt.

Immer wieder hielt er inne, um den Eindruck zu erwecken, daß nun ein anderer Student tippte, und es sich nur um das Ausfüllen der Ausleihformulare handelte. Das Herz schlug ihm bis zum Hals und bis in die Knochen hinein empfand er tiefe Schuld ob des Umstands, keine eigene Schreibmaschine zu besitzen. Mit fehlendem Geld hatte das nichts zu tun. Bandolsins Eltern besaßen genug, um das Studium des Sohnes finanzieren zu können. Es hatte nur niemand daran gedacht, daß ein angehender Kunsthistoriker und Student ja eine Schreibmaschine brauchte... Bandolsin hingegen war viel zu schüchtern, um seine Eltern zu fragen. Selbst und eigenständig eine Maschine zu kaufen, stand außerhalb jeglicher Möglichkeit. Allein der Gedanke daran, in einen Schreibwarenladen zu gehen, laut und vernehmlich eine Schreibmaschine zu verlangen, sich die verschiedenen Modelle zeigen zu lassen und schließlich eine Auswahl zu treffen, jagte ihm Schauer über den Rücken. Er vermochte es nicht.

Mit dem getippten Script in Händen wartete er auf einem der Gänge der Universität auf seinen Professor, von dem er wußte, daß er demnächst aus einer der Türen kommen mußte, hinter der dieser ein Hauptseminar abgehalten hatte. Beim Anblick der inzwischen wohlvertrauten Gestalt sprang Bandolsin Trölk auf und fuchtelte mit seinem Script. Dann plazierte er sich breit grinsend neben ihn und rief Ich habe es abgetippt! Der Professor blieb nicht einmal stehen, rupfte lediglich im Vorbeigehen die Papiere aus Bandolsins Händen, ohne sich zu bedanken. Bandolsin Trölk blickte ihm hinterher, bis die Gestalt in den betonierten Gängen verschwand.

Später, als Bandolsin Trölk im Büro für Kunstgeschichte seinen Schein abholen wollte, erhielt er lediglich ein nicht-gestempeltes und daher ungültiges Scheinformular, über das der Professor mit kleksendem Kugelschreiber und flüchtiger Schrift Ungenügend! geschmiert hatte.

Da Bandolsin Trölk sonst nichts vorzuweisen hatte, bewahrte er diesen Nicht-Schein, das böse Zeichen seines Versagens, sorgfältig in seinen Unterlagen auf.