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Siebtes bis neuntes Kapitel

erstellt von Thomas Stemmer zuletzt verändert: 18.08.2007 14:08

Auch nach Alois Riegl setzte sich die Theorie-Diskussion in der Kunstgeschichte fort. Konnte Riegl an den Anfang der Moderne plaziert werden – schließlich lebte er zeitgleich mit dem beginnenden Expressionismus –, so wurde schon bald alles völkisch, dann marxisitsch, dann postmodern. Bandolsin Trölk hingegen war derart in sich gekehrt, daß er auf romantische Weise seine eigene Kunstgeschichte darstellte, die sich wolkig in eigenen Empfindungen erging.

Mit der offiziellen, an Universitäten gelehrten Kunstgeschichte hatte dies nur wenig zu tun. Bandolsin wußte das, und deswegen sagte er in den Veranstaltungen nichts. Seine eigene Kunst- und Lebensgeschichte verließ das Wintersemester 1982 / 83 und Bandolsin verließ Oberisling für zwei Monate. Es war ihm klar, irgendwann schlösse sich da nächste Semester an und das bedeutete für ihn erneutes Einrücken nach Oberisling, ein neuer Gestellungsbefehl.

Dieser Tag des erneuten Einrückens erreichte Bandolsin Trölk in den ersten Maitagen des Jahres 1983. Es mochte der zweite oder dritte Mai gewesen sein, als er schweren Herzens die Türe zum Ein-Zimmer-Appartement in der Oberislinger Winkelstraße aufsperrte. Seine Eltern hatten ihn mit dem Wagen hingefahren und ihm erklärt, in welch priviliegierter Position er sich doch befände. Damit hatten sie ein durchgängiges Muster geschaffen, das sich wie durch einen Webstuhl seitlich in einen Stoff eingeschossen fortsetzte. So stand er wenige Wochen später zusammen mit seiner Mutter im Wartesaal des Bahnhofs. Wieder einmal war es für ihn – wie jeden Montagmorgen – an der Zeit, nach Oberisling einzurücken. Beide waren sie peinlich berührt vom Anblick eines entfernten Verwandten, der mit einem langstieligen Instrument die fahlgrünen Kacheln des Bahnhofs sauberschrubbte. Siehst du, sagte Bandolsins Mutter, der da muß die Kacheln waschen, während du dich mit so schönen Dingen wie der Kunst beschäftigen kannst! Bandolsin Trölk hielt einen Augenblick inne und kam zu dem Ergebnis, daß seine Mutter Recht hatte. Danach stieg er in den Zug nach Regensburg, und seine Mutter ging wieder nach Hause.

In Oberisling stand lange noch der Kasten Weißer Traubensaft, den Bandolsins Eltern mitgebracht hatten. als sie ihren Sohn zum Sommersemester 1983 wieder nach Oberisling einlieferten. Zum Teil lag das an der langsamen Trinkgeschwindigkeit, denn Bandolsin Trölk hatte vage mitbekommen, daß Weißer Traubensaft nicht gerade das billigste Getränk war. Andererseits schaffte er es nicht, selbst einen neuen Kasten zu besorgen; daher mußte der alte so lange wie möglich herhalten. Erst mit Ablauf mehrer Wochen rang sich Bandolsin Trölk durch, seine penetrante Schüchternheit ein Stück weit zu überwinden und zwei Flaschen Saft bei Horten am Regensburger Neupfarrplatz zu erstehen, doch selbst dieses Unternehmen geriet beinahe in eine nicht wiedergutzumachende Schieflage. Kaum hatte er nämlich die beiden Flaschen mit dem Gefühl, sie stünden ihm nicht zu, zu der Bushaltestelle vor dem gotischen Dom gebracht, da erstarrte er beim Anblick zweier junger Frauen, die in der sommerlichen Wärme in dünnen blumigen Kleidern auf einem leicht zu erreichenden Podest des Doms saßen und ihre Beine baumeln ließen. Der Stand der Sonne erlaubte es ihm, den Umriß der von den Kleidern nur mühsam verhüllten Körper als Schattenriß zu erspähen. An den Füßen trugen sie keine Schuhe und ihre zart geäderten Füße hingen lässig vom Dompodest herab. Mit einem Schlag kamen Bandolsin Trölk all die Erwägungen und all das Rätselraten über den sogenannten Geschlechtsverkehr der anderen in den Sinn, der sich wohl hier und da gelegentlich ereignen mußte... Hatten diese beiden Frauen da im wahrsten Sinn des Wortes auch ihre Finger im Spiel? Die beiden auch? Er würde es nie erfahren. Er nicht. Bereits sein Großvater hatte früher gemunkelt: Da war ich immer schon zu wenig dazu... Bandolsin hielt sich dafür umso fester an den beiden Saftflaschen fest. Wenigstens die wollte er sicher ins schreckliche Oberisling zurückbringen. Auf der Busfahrt fielen ihm kurz vor der Einfahrt nach Graß die vielen Mohnblumen auf, die ein Brachland überwuchert hatten. Nie zuvor hatte er sie bemerkt. Wenige Tage später kam Robert, einer der wenigen Freunde, die Bandolsin Trölk dennoch selten sah, auf Besuch vorbei. Robert hatte wieder, wie bereits des öfteren, einige Zeit in den USA verbracht, und erzählte Bandolsin, der es nie gewagt hätte, so weit fortzufahren, von jener großen Welt dort draußen. Dann stand Robert auf, blickte sich um und sagte Was für ein schönes Appartement! und Bandolsin erwiderte, es sei nicht schön, sondern ein nie endenwollender Alptraum.

Bandolsin konnte nicht einmal wegen Verzug bei der Zahlung der Miete hinausgeworfen werden, denn sein Vater zahlte und so mußte er bleiben, bleiben, bleiben.

 

Achtes Kapitel

Bandolsin Trölk blieb und lernte die Künste von Ikonographie und Ikonologie. Die Anglistik hatte er nun auch offiziell als Nebenfach abgelegt und – trotz aller Bedenken – durch Musikwissenschaft ersetzt. Ohne Notenlesen und ohne ein Instrument zu spielen gab es zwar keine Aussicht auf einen universitären Abschluß, doch so weit dachte Bandolsin nicht. Er belegte einen Kurs in Neumen-Notation, in der der gregoriansiche Choral niedergeschrieben wurde, und vermochte es tatsächlich, fast alle ihm vorgelegten Neumen in reguläre Noten zu übersetzen, wobei er es geschickt, ja, nahezu auf verschlagene Weise verstand, eben jene Noten, die er nicht vom Blatt ablesen konnte, mit einem Minimum von Verständnis aufzuzeichnen. Das ergab keinen direkten Sinn, doch Bandolsin Trölk hatte die Trennlinie zwischen Sinn und Unsinn längst niedergerissen. Der daraus resultierende Schein mit der Note 2 bescherte ihm einen absurden absurden, unnützen Sieg. Als er allerdings versuchte, in den Augen der anderen ein wenig besser dazustehen, indem er ohne Unterlaß von Neumen-Notation vor sich hin redete, machte er sich zumeist lächerlich. Manche fürchteten sich nun ein wenig vor Bandolsin Trölk. Sie hatten in ihren einschlägigen Zeitungen Artikel über Perverse, Psychopathen oder Triebtäter gelesen und betrachteten ihn nunmehr in diesem Licht.

Man konnte es drehen und wenden, wie man wollte, Bandolsin Trölk machte einfach bei allem, was er tat oder nicht tat, eine unglückliche, tollpatschige Figur. Es war ihm nicht einmal gegeben, durch diese Ungelenkigkeiten Mitleid zu erregen und so zum Beispiel das Herz einer Frau mit dem Antrieb einer Krankenschwester zu ergattern. Manche konnten das, oder es gelang ihnen versehentlich. Bandolsin Trölk vermochte es nicht. Überhaupt nicht. Nicht im geringsten. Doch vielleicht lag gerade hier der Kern einer Besserung seiner Lage in der fernen Zukunft. Bandolsin selbst hätte dieses Wort Besserung jedoch nicht gerne gehört, denn es klang in seinen Ohren nur nach weiterer Enttäuschung.

 

Neuntes Kapitel

Trop courtes sont les nuits d'été

hieß eines der Renaissance-Stücke auf den wenigen Cassetten, die Bandolsin Trölk mit nach Oberisling gebracht hatte. Eine dünne Flöte spielte die Melodie und eine zarte Frauenstimme intonierte den Text. Er verstand dabei schon den Titel nicht: Warum waren die Sommernächte zu kurz? Was sollte Bandolsin in solchen Sommernächten schon tun?

Vielleicht waren die Nächte im Sommer jedoch wirklich zu kurz. Wenn die Dunkelheit bereits morgens um 5 Uhr gewichen war... Was sah er da von seinem Oberislinger Fenster aus? Nichts als grauenhafte Zersiedelung durch sogenannten Wohnungsbau, die bei weitem primitivste Form der Moderne. In der Tat: Wäre es länger dunkel gewesen, könnten diese peinlichen Neubauten ein wenig länger versteckt bleiben. Ja, im Sommer waren die Nächte eindeutig zu kurz.

Den Balkon vor dem Fenster benutzte Bandolsin Trölk nicht. Nur ein einziges Mal in seiner Oberislinger Zeit trat er kurz hinaus. Bei Nacht, versteht sich. Der Grund dafür war eine Flasche schwarzer Soja-Sauce. Er hatte verzweifelt versucht, sie zu öffnen, um ein paar Tropfen auf seinen frisch gekochten Reis zu träufeln. Schließlich war er darüber derart in Wut geraten, daß er die Tür zum Balkon entriegelte, hinaustrat und die Flasche rotglühend vor Haß auf den Boden schmetterte. Dann holte er seinen Hammer aus dem Badezimmer und zertrümmerte die Scherben, deren Splitter in alle Richtungen auseinanderstoben. Das wiederum hatte zur Folge, daß er den Reis nunmehr – wie zur Strafe – trocken hinunterwürgen mußte.

Ein anderes Mal betrat er einen fremden Balkon, den im Stockwerk unter ihm, der von der Wiese aus erreichbar war. Seine Nachbarin, ebenfalls Studentin, war neu eingezogen und hatte ihren Schlüssel im Appartement liegenlassen. Die Eltern, die sie – wohl von irgendwoher aus Norddeutschland, dem Akzent nach zu urteilen – hergebracht hatten, waren noch da und baten Bandolsin, über den Balkon in das Appartement zu springen, um den Schlüssel herauszubringen. Bandolsin sprang hoch, klammerte sich fest und schwang mit seinem noch immer recht pubertären Körper so lange hin und her, bis er einen Fuß nachziehen konnte. Ein weiterer Satz katapultierte ihn auf den Balkon der Nachbarin. Die Eltern der Nachbarin scherzten von der Wiese her Nu, nu, daß der das mal nicht öfter macht... Doch warum sollte er das öfter machen? Wie oft wollte diese Nachbarin ihren Schlüssel noch in der Wohnung vergessen? Wie oft sollte er denn aushelfen? Er überlegte: Oder war hier wieder eine jener Anspielungen versteckt, die er nicht verstand oder schlichtweg nicht glauben konnte?

Die Welt schien voller solcher Anspielungen zu sein. Irgendwo hier – Bandolsin Trölk spürte es deutlich – spielte sich überaus Seltsames ab. Schnell drückte er seiner Nachbarin den Schlüssel in die Hand, ohne ihr dabei in die Augen zu blicken und rannte schnurstracks in sein Appartement zurück. Dort trank er ein großes Glas selbstgekauften Apfelsafts in einem Zug leer. Bandolsin Trölk schüttete dieses Glas derart schnell hinein, daß er darüber bis in die feinsten Fasern erschauderte.

Nie wieder betrat er einen Oberislinger Balkon, weder den eigenen, noch denjenigen von anderen. Er meinte damit nichts verpaßt zu haben.