Fünf- bis siebzehntes Kapitel
Dabei kam erschwerend hinzu, daß es das 20. Jahrhundert nicht gut meinte mit Menschen wie Bandolsin Trölk. Im glücklicheren Zeitalter der Romantik hätte er in jedem Fall bessere Karten gehabt unter all den Poeten und Künstlern, unter den Mond-Doktoren und Magnetiseuren, Gemälden von abfahrenden Schiffen, arkadischen Sehnsüchten, nervlichen Überreizungen, Vignetten zu Minneliedern, literarischen Salons, Ruinen, den Leben diverser Taugenichtse und der Herzensergießungen, den unterschiedlichen Empfindsamkeiten und hymnischen Verliebtheiten in die sonnenabgewandte Nacht.
Während Bandolsin Trölk aufgrund der Semsterferien im Hause seiner Eltern weilte, einen wertvollen Augenblick lang sicher vor dem Studium und vor allem einen wertvollen Augenblick lang sicher vor Oberisling, kam ihm immer wieder ein Gedanke in den Kopf, den er nicht zu verscheuchen vermochte, und den er aufgrund der immensen Peinlichkeit, die er in sich trug, am liebsten vergessen hätte. Bandolsin überlegte, ob seine Eltern im selben Alter auch durch eine derartige Hölle gegagen waren wie er. Oder weniger fein ausgerdückt: Waren seine Eltern schon Versager? Oder hatte er – und nur er allein – in dieser seiner Familie mit dem Versagen angefangen? Er überlegte hin und her, und nach einer gewissen Zeit mußte er sich eingestehen, daß er der Versager war, daß seine Eltern nichts dafür konnten und daß sie in seinem Alter schöne Dinge machten, die sie erfreuten.
Herausgefunden hatte er das, indem er sich der Photoalben besann, die im Haus in diversen Schränkchen im Stil der 1950er-Jahre gelagert waren. Da Bandolsins Eltern im Urlaub waren, konnte er in aller Ruhe ein Album seiner Mutter und eines von seinem Vater hervorholen und betrachten.
Das Resultat war in der Tat niederschmetternd. Seine Eltern waren in seinem Alter viel unterwegs gewesen und hatten das Leben sehr genossen! Sie hatten darüber sogar mit viel Liebe und Hingabe Alben mit Photos beklebt. Von Bandolsin Trölk würde man niemals ein Photoalbum finden, denn auf diffuse Weise empfand er sich als alternativ. Alternativ – das mußte man in den späten 70er- und frühen 80er-Jahren sein; das war blanker, dummer politisch-kultureller Gruppenzwang, gegen den sich Bandolsin Trölk niemals zu wehren gewagt hätte. Ein Photoalbum war ihm nicht alternativ genug und deswegen besaß er keines. Es war schlichtweg Druck vorhanden, alles radikal und akribisch anders zu machen als frühere Generationen: Photoalbum war spießig, also hatte ein Alternativer kein solches Album.
Bandolsin hatte also kein Album.
Er hätte – heimlich – gerne eines gehabt, aber das hätte er sich nie zur Gänze eingestanden.
Doch seine Eltern hatten ihre Alben noch und Bandolsin Trölk blätterte darin.
Seine Mutter war seinerzeit nach Rom gefahren und hatte es in vollen Zügen genossen. Ihr Album begann mit ihrer Handschrift in weißer Tusche: Romfahrt i. d. Zt. vom 29. Okt. mit 4. Nov. 1954
Alle Stationen waren in säuberlicher Schrift aufgelistet. Dann begannen die Schwarz-Weiß-Photos, betitelt mit Notizen wie Abfahrt v. Hauptbahnhof München / Obb., Herrlicher Rundblick von der Oberstadt auf Assisi oder Unser Quartier bei den span. Schwestern in der Via Casilina 323. Überall entdeckte Bandolsin schäumende Begeisterung und beinahe hinter jedem Satz fand er ein Ausrufezeichen. Dazwischen schmuggelten sich Postkarten, ebenfalls in Schwarz-Weiß, die den Vatikan oder Papst Pius XII. zeigten. Stolz standen seine Mutter, damals etwa so alt wie Bandolsin im Jahre 1983, und ihre Freundinnen auf den vor der Kamera. Alle waren sie sichtlich von Herzen froh, es nach Rom geschafft zu haben.
Ein Photo amüsierte Bandolsin Trölk. Es zeigte eine etwas verschlagen dreinblickende Type mit den Händen in den Taschen des Arbeitsanzugs und einer Art Wollmütze auf dem Kopf. Hinter dieser fies dreinblickenden Type türmten sich Platten oder anderer behauener Stein, so daß der Eindruck eines Steinbruchs entstand. Bandolsin konnte das Gesicht des Dargestellten nicht ausstehen; es bereitete ihm beinahe körperlichen Schmerz, hinzuschauen. Er haßte ihn beinahe, jenen fremden Mann vom Schlage jener, die ihm schon auf dem Schulweg zum Gymnasium von ihren Baustellen her haß- und neiderfüllt hinterhergebrüllt hatten: Arbeiten! Nicht studieren! Bandolsin Trölk hatte für diesen Menschenschlag ein griffiges Wort gefunden: Feinde. Irgendwo zwischen Stalin und Hitler pendelten sich diese Feinde durch die Weltgeschichte, einig gegen jede geistige Kultur, gegen jeden G'studierten.
Das Photo im Album seiner Mutter zeigte einen astreinen Feind. Beim Anblick dieses Feindes wüteten in Bandolsins Kopf krude Gewaltphantasien. Der Anblick dieses Feindes machte Bandolsin das eigene Dilemma klar: Er verstand durchaus korrekt, daß ihn Leute dieses Schlages daran hindern wollten, sich mit feinen Dingen wie der Malerei Raffaels in all ihrer Schönheit und Romantik zu beschäftigen, und daß sie – hätten sie eine schlagkräftige Organisation wie eine kommunistische oder faschistische Partei an der Spitze einer Diktatur zur Hand – nicht eine einzige Sekunde zögern würden, Menschen wie Bandolsin Trölk zu quälen und zu vernichten. Anderseits: Was hatte Bandolsin Trölk vorzuweisen? Nichts! Er war als Student und als Mensch bei allen Qualitäten, die sich erst viel später in seinem Leben zeigen würden, in und auch an Oberisling gescheitert. Das ließ sich nicht verleugnen und setzte Bandolsin Trölk auf sehr schmerzhafte Weise ins Unrecht.
Bandolsins Mutter jedoch hatte voller Euphorie unter das Bild geschrieben: Ein typischer Italiener!
Es beschämte Bandolsin, daß seine eigene Mutter in jener Zeit bei weitem freudvoller, lockerer und leichter durchs Leben gegangen war als er.
Schließlich blätterte er ins Album seines Vaters.
Auch hier blickten ihn freudvolle Schwarz-Weiß-Bilder aus den frühen 1950er-Jahren an, Photos, die unschuldigen Spaß am Unterwegssein ausstrahlten. Sein Vater war damals mit dem Motorrad unterwegs gewesen. Alle Bilder waren unter ebenfalls mit weißer Tusche vermerkten Titeln zusammengefaßt: 1. Urlaubsfahrt Lindau i. B., Lindau i. B., Pack' die Badehose ein..., Große Badesaison im Bodensee, Gößweinstein, Fränkische Schweiz, 1. Fahrt zum Ski-Fahren nach Oberstdorf im Allgäu, 2. Januar 1953, Intern. Sprunglauf oder Kleinwalsertal / Österreich.
Unter den Photos besagten schließlich nähere Beschreibungen: Beim Baden, Abfahrt oder etwa beim Sprunglauf: Sepp Weiler (81 m).
Alle Bilder von Bandolsin Trölks Vater atmeten eine gewisse stille Freude am Reisen mit dem Motorrad.
Betreten sortierte Bandolsin die beiden Photoalben wieder an genau jener Stelle ein, wo er sie zuvor herausgezogen hatte. Wie ein Dieb der Erinnerungen anderer achtete er dabei darauf, alle Spuren zu verwischen.
Gewiß, er mußte sich all dies noch durch den Kopf gehen lassen, doch fürs erste mußte er sich eingestehen: Er, Bandolsin Trölk, wohnhaft in Regensburg-Oberisling (offiziell sein Zweitwohnsitz), entstammte allem Anschein nach nicht einer Familie von Versagern, sondern er war darauf und daran, innerhalb einer völlig normalen Familie munter mit der Versagerei anzufangen. Mit anderen Worten: Er war in keinster Weise als Opfer, sondern viel eher als Täter zu charakterisieren. Er wanderte durch das wunderschön verwinkelte und verstaubte Haus seiner Eltern, blickte auf Teetassen, bunte Glastüren und durch Jahrhunderte krumm gewordene Mauern. Seine Finger zogen im Vorbeigehen Muster in den Staub versteckter Winkel.
Vielleicht
, so überlegte Bandolsin Trölk, gab es ja noch andere Interpretationen seiner Situation. Etwas, was ihn in besserem Licht dastehen ließ. Im Rahmen seines gescheiterten Kunstgeschichte-Studiums hatte er immer wieder von Interpretation, Deutung, Ikonographie und von Symbolik gehört.
Sechzehntes Kapitel
Gab es nun ausschließlich Bedrückendes, Belastendes und Deprimierendes über Bandolsin Trölk zu berichten, oder war möglicherweise doch irgendwo ein Lichtpunkt zu erkennen? Hätte er noch eine Chance, wenn er nur Oberisling verlassen würde?
War er nicht in Oberisling, sondern zum Beispiel im Haus seiner Eltern, könnte sich mitunter der Eindruck verfestigen, nach Jahrzehnten strikter Abwesenheit aus Oberisling träte mit ein bißchen Glück ein dünner Hauch von Normalisierung ein.
Wenigstens ein paar der Dinge, die er tat, hatten nichts oder kaum etwas mit Oberisling zu tun und zeigten in eine andere Zukunft. Dabei kam erschwerend hinzu, daß es das 20. Jahrhundert nicht gut meinte mit Menschen wie Bandolsin Trölk. Im glücklicheren Zeitalter der Romantik hätte er in jedem Fall bessere Karten gehabt unter all den Poeten und Künstlern, unter den Mond-Doktoren und Magnetiseuren, Gemälden von abfahrenden Schiffen, arkadischen Sehnsüchten, nervlichen Überreizungen, Vignetten zu Minneliedern, literarischen Salons, Ruinen, den Leben diverser Taugenichtse und der Herzensergießungen, den unterschiedlichen Empfindsamkeiten und hymnischen Verliebtheiten in die sonnenabgewandte Nacht. Dort, ja, dort hätte sich ein stabiler Platz für Bandolsin Trölk gefunden.
Doch nun war ein Leben ohne Oberisling wohl am ehesten in einem Leben vor Oberisling zu erkennen, nun, da es schon einmal geschehen war, da dieses oder jenes Oberisling bereits in Bandolsins Leben gepoltert war. Oberisling war nicht nur da, wo Oberisling daraufstand, es war jeder Pesthauch in unsauberen Zeiten, jede fortgeworfene Bananenschale, die zum Genickbruch führt und der Tod des Kaffeetrinkers über einer Kanne Mokka gebeugt wie Packesel, die sich vom Leben verabschiedet haben. Das leergeräumte Haus, dem jegliche Erinnerung fehlt, und das grelle, moderne Verhörlicht in den Augen des festgesetzten Verbrechers... alles, alles Oberisling...
Ganz so, als hätte Bandolsin Trölk vorausgeahnt, daß er gegen Ende des Jahres 1982 nach Oberisling mußte, hatte er noch 1981 ein paar sehr schöne und innige Dinge getan. Viele dieser Dinge waren es – wie zu erwarten war – nicht, doch eines stach dabei hervor. Bandolsin hatte nämlich das Jahr 1981 stundenlang vor dem Radiogerät verbracht, genauer gesagt, auf der Flucht vor dem grausamen Lärmsender Bayern 3 und dem notorischen Langweiler Bayern 1, und hörte sich tief hinein in die Kulturberichte auf Bayern 2 und in die klassische und außereuropäische Musik auf Bayern 4.
Hatte Bandolsin eine Ahnung, was ihm bevorstehen würde und versuchte er schon im Jahr zuvor, sich gegen das heraufdringende Ungemach Oberislinger Prägung durch die hohe Kultur klassischer Musik zu wappnen?
Nächtelang hörte er sich in Sinfonien, sinfonische Dichtungen oder in die Musik der Bergpapuas aus Neu-Guinea ein. Von seinem Taschengeld besorgte er sich viele Cassetten, 60er, 90er und hin und wieder auch 120er, um diese Musik aufzuzeichnen. Zu diesen Cassetten entwickelte er eine derart innige Beziehung, daß er sie bemalte und sich auf diese Weise eine Art von Heiligenbildchen für seinen eigenen Gebrauch erschuf.
So nahm er zum Beispiel zwei C 60 Weltfunk-hifi-low-noise-Cassetten, da Bayern 4 Orgelttransskriptionen der Werke von Igor Strawinsky, Bela Bartok und Modest Mussorgsky angekündigt hatte. Auf die erste dieser beiden Cassetten konnte er den Großteil dieser Orgelmusik aufnehmen, dann mußter er auf der zweiten etwas überspringen und nahm dann den Rest auf. Später löschte er das Übersprungene der zweiten Cassette und füllte den freigewordenen Raum mit indischer Musik auf. Den restlichen Speicherplatz bis zum Ende des Bandes belegten kurze Stücke von Strawinsky, seine Version der Marseillaise (für Violine solo), den Valse de Fleurs und die Sonate für zwei Klaviere. Diese Weltfunk-Cassetten unterschieden sich von anderen Cassetten, da sie keine Plastikhülle hatten, sondern lediglich seitlich in eine Pappehülle eingeschoben wurden. Bandolsin überklebte die Pappe mit der Werbung für die Cassette mit weißem Papier und malte es voller bunter Wellenlinien. Mit Kugelschreiber verzeichnete er darauf Orgeltranskriptionen, Indische Musik, usw., so daß der Eindruck entstand, diese Worte seien wie in einem Unterwasserbild voller Schlangenlinien und blubbernder Blasen festgehalten. Sachte und sehr in sich selbst versponnen versteckte er in diesem Bild auf einer Hülle die Grundzüge des taoistischen yin-yang-Symbols. Da er auf der zweiten Cassette den Anfang neu bespielt hatte, schnitt er einen Teil dieses Bildes heraus, beschriftete ihn neu und verwob ihn mittels der bunten Linien mit dem Rest der Bemalung. strich er nun mit dem Finger darüber, so konnte er unter den Linien die Schnitt- und Klebekante fühlen. Dies erfüllte ihn mit tiefer Befriedigung, so als habe er gerade eine historische Großtat begangen.
Lauschte er später seinen Aufnahmen, ließ er sienen Blick versonnen über Farben und Formen gleiten.
Mal zeichnete er ein Blümchen auf eine solche Cassette, dann bediente er sich der damals sehr beliebten selbstklebenden Blumen auf dem Pril-Spülmittel, und hin und wieder riß er eine Seite aus einem in China hergestellten Tagebuch, das Felsen, fliegende Vögel oder Schiffe zeigte, und hin und wieder bediente er sich einfachen bunten Papiers. Er klebte und malte, beschriftete und verzierte. Er benutzte Buntstifte und Kugelschreiber, hin und wieder Wasserfarben, wie sie im handelsüblichen Malkasten für den schulischen Kunstunterricht verwendet wurden.
Seine sogenannten Mitschüler hätten ihn bestimmt verlacht, doch er wußte diese Cassetten-Innigkeit gut vor ihnen zu verstecken.
So seltsam diese nach Innen gewandte Aktivität erscheinen mochte, so sehr hätte die darin versteckte Phantasie ein Rettungsanker sein können. Doch als Bandolsin Trölk nach Oberisling einrücken mußte, nahm er diese Cassetten nicht mit. Er ließ sie im Haus seiner Eltern liegen, wo sie ihm kaum noch in die Hände fielen.
Die Zeiten hatten sich eindeutig verändert. Zum Schlechteren hin. Nach Regensburg-Oberisling hin.
Vermutlich hatte sich Bandolsin Trölk damals nicht getraut, seine geliebten bemalten Cassetten nach Oberisling mitzunehmen. Solche Dinge standen ihm nun vermutlich nicht mehr zu, und diese Cassetten später nachzuholen, verbot das Leben in der grausamen Vorstadtsiedlung, wo alles erstarb.
Wäre es also nicht das Beste für Bandolsin Trölk gewesen, Schluß zu machen, sich aufzuhängen, sich zu erschießen oder zu ertränken? Wäre die Zeit für den Selbstmord nicht ideal? Um ein eitles Ego zu befriedigen, wäre immer eine Inszenierung möglich, eine öffentliche Selbsttötung oder besonders grausame Varianten, bei der das Fleisch platzt, reißt oder aufspringt?
Doch keine dieser Möglichkeiten sagte ihm zu. Die meisten der aufgezählten Handlungen waren mit Schmerz verbunden und Bandolsin Trölk mied den Schmerz, fürchtete ihn und versuchte, so gut es ging, ohne ihn auszukommen.
Bandolsin hatte davor schlichtweg Angst.
Letztlich war – andererseits – doch etwas von der Cassetten-Bemalung übergiggeblieben... Niemand hätte jemals vermutet, daß derartige, nach innen gewandte und versponnene Tätigkeiten im wahrsten Sinn des Wortes lebensrettend sein können? Nur ein einziger Gedanke an seine vielen schön bemalten Casetten reichte, um gerade jenes Quäntchen an Weiterleben sicherzustellen, das durch ein, zwei oder drei Tage Oberisling trug. Gerade das, was verspottet, verlacht oder in den Schmutz gezogen werden würde, trug den größten erdenklichen Schatz in sich: Leben.
Sogar für so einen wie Bandolsin Trölk.
Gewiß: Es war niederschmetternd, von den farbigen Linien zu träumen, die den Hintergrund abgaben für Beschriftungen wie Igor Strawinsky: Die Geschichte vom Soldaten, Gustav Mahler: Das klagende Lied oder Don Cherry: Sita Rama Encores, und danach die Augen zu öffnen, um über die fürchterliche Beton-Kante des Balkons hinweg auf seelenlose Neubauten in Oberisling zu blicken.
Immerhin konnte Bandolsin Trölk die Augen wieder schließen und weiterträumen! An die Universität ging er ja seit geraumer Zeit kaum noch, außer um zu essen, und so gab es unendlich viele Chancen zu träumen, zu essen und – in diesem Sinn realistisch! – auf eine Besserung der Situation zu hoffen, wenigstens über den Zeitraum von mehreren Jahren hinweg.
Wer zuletzt lacht, lacht am besten!
hatten ihm einst seine Eltern während der ungeheuerlich langen Periode einer durchlebten Kindheit gesagt.Erst in Oberisling schlich sich das Empfinden von Zeitknappheit in das Leben des Bandolsin Trölk. Langsam, sorgfältig und leise wie ein Dieb in der Nacht schob sich dieses Gefühl in den Vordergrund.
Bandolsin war wie von Phantomen umringt und dennoch von einem Hauch Hoffnung angekränkelt.
Siebzehntes Kapitel
Schließlich kam der Zeitpunkt, zum Wintersemester 1983 / 84 wieder nach Oberisling einzurücken.
Die relativ unbeschwerte Zeit im Haus seiner Eltern war vorbei.
Es graute ihm bereits vor der etwa einstündigen Autofahrt, die zu Beginn des November 1983, gerade in der düsteren Zeit um Allerheiligen herum, wieder fällig wurde. Seine Eltern würden Bandolsin wieder in Oberisling abliefern, zum vermeintlich dritten Semester. Der Wagen würde auf der Landstraße durch noch vertrautes Gebiet gleiten, um dann, weit nach Schwandorf, die Autobahn zu erreichen. Jahr um Jahr fraß sich diese Autobahn, die A 93 näher an seinen Heimatort heran, oder mit anderen Worten: Oberisling rückte immer näher heran. Selbst wenn er es schaffen würde, aus Oberisling zu entkommen, zu entweichen, auszubüxen, und wieder in seiner Heimatstadt zu leben, käme dieses Oberisling Jahr um Jahr mit dem Fortschritt des Autobahnbaus näher.
Er konnte es sich lebhaft ausmalen:
Ein Spaziergang in seiner Heimatstadt. Relativ unbesorgt, so gut ihm das eben möglich ist, geht Bandolsin umher. Plötzlich hält ihn ein starker Arm fest: Halt! Stehenbleiben! Eine rohe Hand hält ihm einen Ausweis oder eine Erkennungsmarke unter die Nase: Wohnungs-Kontroll-Polizei Oberisling! Sie haben unverzüglich und ohne schuldhaftes Verzögern in die Winkelstraße, Oberisling, zurückzukehren! Bandolsin wirft einen Blick auf den Ausweis: Das Photo eines neugebauten Vorstadt-Siedlungshauses mit praktischem ökologischem Mülleimer, verkleidet durch sterilen Waschbeton; vor der Tür zeigt sich der Garten noch als dreckiges Loch, in dem Zementsäcke aufgestapelt liegen... Bandolsin Trölk gefriert das Blut in Sekundenschnelle. Bandolsin schreit auf... Bandolsin Trölk schreit vor Verzweiflung außer sich um sein Leben.
Doch letztlich half nichts. Anfang November 1983 kehrte Bandolsin Trölk nach Oberisling zurück.