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Erstes bis drittes Kapitel

erstellt von Thomas Stemmer zuletzt verändert: 18.08.2007 14:02

Es mochte der 30. oder 31. Oktober 1982 gewesen sein, als Bandolsin Trölk in Oberisling ankam. Kaum 19 Jahre alt, brachten ihn Vater Trölk und Mutter Trölk dorthin, damit er dort in einem der herzlosen Neubauten der Winkelstraße wohne und im bayerischen Regensburg, desssen gesichtsloser, öder Vorort Oberisling war, studiere.

Das betonierte Ein-Zimmer-Appartement, das die Eltern für ihn gemietet hatten, bedrückte ihn, doch hätte Bandolsin Trölk nicht zu sagen vermocht, was es war, das ihn derart auf den Magen schlug. Mit seinen 19 Jahren fehlte ihm die Lebenserfahrung, die nötig war, um Vergleiche zu ziehen. Bandolsin ging ins gesichtslose Oberisling wie ein Schaf zum Schlächter. Er tröstete sich jedoch mit dem Gedanken, daß gleich nebenan das überaus geheimnisvolle, alte, von sinsitren Gäßchen durchwobene Regensburg lag, und daß er ja jederzeit vom – im Grunde – unerträglichen Oberisling mit dem Bus, Linie 2, in beiden Richtungen, Karl-Stieler-Straße oder Schwabenstraße, nach Regensburg hineinfahren konnte. Eine Monatskarte hatte ihm der Vater spendiert und auch die Miete wurde auf diese Weise beglichen.

Bandolsin Trölks Studienfachwahl war auf Kunstgeschichte gefallen, und da er ein Nebenfach benötigte, schrieb er sich für Englisch bzw. Anglistik ein, denn schließlich hatte ihm die Mutter vorgerechnet, er sei doch gerade in Englisch immer so gut in der Schule gewesen.

Ende Oktober 1982 mußte Bandolsin Trölk also in Oberisling einrücken. Das Wetter war kalt, die Bäume entlaubt und die Straßen, an denen die Neubauten, die er im Grunde seines blinden Herzens verachtete, ja regelrecht haßte, standen, glänzten ölig, kalt und schmierig. Dahinter lagen dreckige schleimige Zuckerrübenäcker; dann tauchte aus dem zu dieser Jahrszeit meist wochenlang drückenden nebel das Zahnklinikum auf, eine Trutzburg des Schmerzes, und eine beständige Erinnerung daran, daß Bandolsin die Tortur einer Zahnspangenbehandlung auf den Weg gebracht hatte, in der vagen Hoffnung verfangen, damit könne er seiner Einberufung zum Wehrdienst entgehen. Die Frage, ob er denn ein Kunsthistoriker sein wolle, stellte er sich so nicht. Mit der Kunst verband ihn etwas Undefinierbares, und um konsequenterweise eine Mappe bei einer Kunstakademie einzureichen, fehlte ihm der Mut und die Selbstsicherheit. Daher also Kunstgeschichte. Das erinnerte ein wenig an Menschen, die gerne Schriftsteller wären und aus diesem Grund eine Lehre zum Buchhändler absolvierten. Ende Oktober war der Termin, denn das Semester begann pünktlich nach Allerheiligen am 2. November 1982. War es also schlimmer, auf die Zahnspangenbehandlung zu verzichten und sich auf 15 Monate in eine Kaserne wegsperren zu lassen oder halbherzig in die langweilige Neubausiedlung Oberisling bei Regensburg in Bayern einzurücken?

Wohnen also in Oberisling und studieren in dem Betonklotz außerhalb von Regensburg, dazwischen die rotzigen verregneten Zuckerrübenäcker, eine schnell hingegossene Fußgängerbrücke über die Autobanhn nach Passau und aufgerissene Erde, in der frenetisch die Bagger wühlten. An jenem 30. oder 31. Oktober 1982 wußte Bandolsin Trölk noch nicht, daß er ein paar Wochen später auf diesem Fußweg zur Universität durch die trübe Nebelsuppe auf dem schlüpfrigen Boden ausgleiten würde, um wie ein Käfer auf dem Rücken zu liegen, den Parka, ein Kleidungsstück, das man damals gemeinhin trug, in der bäuerlichen Gülle, im Dreck, in der Rotze, die Augen auf den dicken, undurchdringlichen Nebel gerichtet.

Seine Eltern waren an dieser Situation nicht schuld. Vielmehr hatte er die freundlichsten Eltern, die man sich nur ausdenken mochte. Sie halfen ihm, wo sie konnten. Doch wo konnten sie dies tun? Bandolsin Trölk bot ihnen kaum eine Chance, ihm zu helfen. Er war eben etwas antriebsschwach, so wie zu jenen Zeiten viele, die sich seinerzeit als alternativ titulierten, nur um zu verbergen, daß sie bislang rundum versagt hatten und nun alles anders, alternativ machen wollten und machen mußten.

Nein, Bandolsins Eltern waren unschuldig. Er hatte diese Lebenssituation selbst hervorgebracht, indem ihm nichts Besseres eingefallen war. Folglich: Kunstgeschichte, Anglistik, Zahnspange und dies: Oberisling, Winkelstraße. Neubaugebiet unter den Zuckerrübenäckern, auf denen Ende Oktober und Anfang November noch die eine oder ander Rübe herumlag, um still vor sich hin zu faulen uind dann vom frühzeitigenn Frost steifgefroren zu werden.

Was der halbherzige Studiosus Bandolsin Trölk ebenfalls noch nicht ahnte: Dieser Herbst 1982 würde besonders schlimm werden. Der Nebel würde zwei Wochen nicht weichen. Tag und Nacht keine Sicht über 20 Meter hinaus. Den suizidalen Gedanken durfte Bandolsin nicht nachgeben, denn er gehörte einer Religion an, in der Selbstmord kein allzu hohes Ansehen genoß. Er mußte bleiben und durchhalten. Oder wenigstens in Oberisling / Winkelstraße überleben, die körperlichen Akltivitäten auftrechtzuerhalten: Essen, Stuhlgang, traumloser, betäubender Schlaf.

Auch gegen die Kunstgeschichte – sofern man sie mit Leib und Seele studierte – war nicht das Geringste einzuwenden. Es war gewiß eines der interessantesten Studienfächer, ein Kind des historistischen 19. Jahrhunderts, voller eigenwilliger, hochgelehrter und schrulliger Persönlichkeiten, die es zu verstehen galt, Vasari, Karl-Friedrich von Rumohr oder den alten Johann Joachim Winckelmann mit seinen Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst von 1755, und viele andere mehr. Bandolsin Trölk saß jedoch in den Vorlesungen und den Seminaren und hatte das Gefühl, nicht mitreden zu dürfen, daß da die Großen diskutierten und er unter diesen Größen keinen Platz hatte. Nur ein einziges Mal in drei Semestern (so lange dauerte sein Versuch, in Regensburg zu studieren und in Oberisling zu wohnen!) meldete er sich zu Wort und druckste heraus, es könne einem doch passieren, daß man vor einer vermeintlich gotischen Kirche stehe und sie sei gar nicht gotisch, sondern lediglich neu-gotisch und vielleicht von 1890 oder dergleichen... Gütig antortete der Professor, ja, das könne wirklich passieren, ja, ein wichtiger Aspekt, den Sie da aufzeigen... Damals waren die Professoren froh, wenn Studenten überhaupt irgendetwas sagten. Selbst einer wie Bandolsin Trölk fand auf diese Weise Gehör.

An jenem 30. oder 31. Oktober 1982 aß er mit seinen Eltern zusammen im Hotel Maar in Oberisling zu Abend. Sie fragten an, ob er denn nicht aufgeregt sei, so kurz vor dem neuen Lebensabschnitt. Doch Bandolsin war lediglich ratlos. Nun, sagten sie, wenn du mal Hunger hast und nichts mehr im Kühlschrank, dann kannst du ja ins Hotel Maar gehen. Ist ja gleich um die Ecke... Dieses Hotel Maar nun lag in grauem Nieselregen vor ihm und er antwortete, das sei ja alles sehr praktisch, dann könne das Studium ja beginnen. Auf gewisse Weise war Bandolsin ein Idiot. Er spielte mit den Gefühlen seiner Eltern Ping-Pong, und das nicht einmal aus bösem Willen, sondern aus purer Antriebsschwäche und geistiger Trübheit. Es war ein Zug der Zeit in den frühen 80er-Jahren des 20.Jahrhunderts. Die Elterngeneration hatte viel Geld angesammelt und die Kinder sprühten nicht gerade vor Begeisterung. Damals verwandelte sich die allgemeine Kultur. Doch es war nur der Anfang. Später würden die Eltern den Kindern ihr Geld vererben, mit dem diese dann nichts mehr anzufangen wüßten. Doch der 30. oder 31. Oktober 1982 hatte noch eine gewisse Unschuld an sich. Die Eltern fuhren nach dem Abendessen im Hotel Maar zum ersten Mal, seitdem sie dieses Kind hatten, alleine in die etwa 100 Kilometer entfernt gelegene Heimatstadt zurück, und Bandolsin Trölk blieb in diesem Oberisling zurück. Er vermißte seine Geburtsstadt und auch die Eltern, doch das durfte er nicht zugeben.

Nun war er alleine in einem Haus in der Oberislinger Winkelstraße, 1. Stock. Ein sachlicher Neubau, ca. 1975. Er liebte alte Möbel, doch innerhalb der nächsten zwei Wochen würden moderne Plastikmöbel geliefert, ein sogenanntes Jugendzimmer in beige. Es war ihm nicht in den Sinn gekommen, daß er, wollte er schöne alte Möbel haben, sich auch darum bemühen mußte. Fürs erste jedoch hatte er auf dem harten, betonierten, modernem Boden nur einen Schlafsack zur Verfügung und ein Buch, das ihn nicht interessierte, ja, beinahe zu Tode erschreckte: Einführung in das Studium der Anglistik. Nur in der Toilette dieses Ein-Zimmer-Appartements standen bereits einige Utensilien, ein Putzeimer, eine Kiste weißer Traubensaft, diverse Lappen, Shampoo, Zahnpasta, und – zum Abstellen der dreckigen Schuhe – eine Tageszeitung seiner Heimatstadt, in der berichtet wurde vom Scheitern der Regierung Schmidt und der Amtseinführung der neuen Regierung Kohl kurz vor Bandolsin Trölks Übersiedlung nach Oberisling. Dieser Artikel über die jüngsten politischen Entwicklungen würde in den folgenden Wochen von den schmutzigen Schuhen schnell verdrecken. Bandolsin interessierte all dies nicht. Es kam ihm nun zugute, daß er 13 lange Schuljahre von sogenannten "Mitschülern" verachtet worden war, wobei die ersten vier Jahre der Grundschule Prügel an der Tagesordnung waren, die ihm all jene verpaßten, die gemeinhin als dumm galten, aus dummen Familien in dummen Stadtvierteln kamen und fest entschlossen waren, die Dummheit ihres Proleten-Daseins über die ganze Welt zu verbreiten und dabei in der Zeit vor ihrer Verfettung in Sport gut zu sein. Später, auf dem Gymnasium gestalteten sich die Angriffe auf Bandolsin Trölk verbal. Nun waren die 13 Jahre vorbei, und er hatte gelernt, sich stur am blanken Überleben festzuhalten, denn er wußte, eines Tages würde seine Zeit kommen, den Dreckstypen von damals alles auf Heller und Pfennig zurückzuzahlen. Nun galt es zu studieren, denn dann konnte er, Bandolsin Trölk, eines Tages aus höherer Position heraus zurückschlagen. Er mußte – so sehr es ihm das Herz zerriß – nach Oberisling. Er mußte durchhalten. Das konnte er. Das hatte er von der Pike auf gelernt. Wenn er sonst nicht viel konnte, so beherrschte er dies: Durchhalten.

 

Zweites Kapitel

Oberisling war bei weitem nicht die einzige in die Landschaft hingeklotzte abscheuliche Neubausiedlung. Auch bei der nächsten Ortschaft entlang der Buslinie 2 – Leoprechting – verschlug es Bandolsin Trölk jedesmal die Sprache. Es wäre ihm nie in den Sinn gekommen, dort auszusteigen. Was hätte es zu tun gegeben? Erst das darauffolgende Graß hatte wenigstens einen Rest von Charme bewahrt. Ein Ortskern war ansatzweise erkennbar, ein Biergarten und ein gewisser Hauch von gewachsenem Dorf. Dann wandte sich der Bus in die Außenbezirke von Regensburg. Dort galt es noch mehr derartige Bausubstanz auszuhalten. Weiter im Inneren der Donaustadt verbesserte sich dann die Situation. Da Regensburg im Gegensatz zu den meisten deutschen Städten im Zweiten Weltkrieg nicht zerstört worden war, war die verwinkelte, krumme, sich ausbeulende Schönheit geblieben. Sogar die alten Namen der Gassen spiegelten eine solche Schönheit wieder. Da gab es ein Poetengäßchen, eine Blaue-Stern-Gasse, einen Roten Herzfleck, eine Straße Zur schönen Gelegenheit sowie eine Hundsumkehr. Die Namen der sterilen Zersiedlungen in Oberisling konnte sich Bandolsin Trölk hingegen überhaupt nicht merken. Lediglich der Name der Winkelstraße, in der er nun zu seinem eigenen Erstaunen wohnen mußte, blieb ihm im Gedächtnis, denn die Meldestelle im Regensburger Minoritenweg wollte zu Überwachungszwecken wissen, wo er denn genau wohne.

Unterliegen Sie der Wehrüberwachung?

fragte das Meldeformular. Bandolsin schluckte und kreuzte Ja an. Von Oberisling aus ging es vermutlich direkt in die Kaserne. Kein Silberstreif am Horizont. Einer schlimmen Gegenwart stand eine schlimme Zukunft gegenüber. Seine Fähigkeit, durchzuhalten würde noch jahrelang mit äußertser Brutalität getestet. Dennoch glaubte Bandolsin Trölk fest, daß es von Wert war, durchzuhalten. Er hatte diffus etwas von Kunst im Kopf. Er müsse doch eigentlich ein Künstler sein, dachte Bandolsin des öfteren bei sich, nur wußte er nicht, weshalb, und vor allem nicht, auf welche Weise.

Für seine Vermutung, ein Künstler zu sein, sprach, daß er einige Bildbände besaß, die er jedoch im Hause seiner Eltern zurückgelassen hatte, weil ihm bei ihrem Anblick schwer ums Herz wurde: Klee, Kandinsky, van Gogh, aber auch Boticelli und Raffael. So kam es letztlich dazu: Kunstgeschichte, Zahnspange und Oberisling.

Und Anglistik. Dabei gingen ihm die Anglisten gewaltig auf die Nerven. Ständig wirkten sie aufgeschlossen, hielten eisern Stammtische am Leben und übten sich nahezu militant und pausenlos in kränklich guter Laune. Oh, have you ever been to Scotland? Tell us more about that!

Nach drei Wochen hörte Bandolsin auf, in anglistsiche Veranstaltungen zu gehen. Er lieferte eine knappe Hausaufgabe ab, in der er sämtliche Professoren und Dozenten masiv beleidigte, und blieb danach für immer der Anglistik fern. Danach benötigte er ein neues Nebenfach. Musikwissenschaft interessierte ihn, doch er konnte keine Noten lesen.

Immatrikuliert mußte er bleiben. irgendwann würde noch etwas aus ihm werden. In der Kunst vermutlich, besser gesagt, irgendwo im Nebel der Kunst. Dafür mußte er im Nebel-Wetter des Novembers 1982 nach Regensburg-Oberisling ziehen. Zeichnen oder malen konnte Bandolsin Trölk ebenfalls nicht sonderlich gut. In seinen Antrag auf Kriegsdienstverweigerung hatte er geschrieben: Meine berufliche Zukunft suche ich im Bereich der Kunst. Er hatte diesen Antrag gestellt, obwohl er in keinster Weise eine friedliche Persönlichkeit oder gar ein Pazifist war. Ganz im Gegenteil, manche Leute hätte er nur allzu gerne zusammengeprügelt oder gar erschossen. Doch da, um eine geringe Chance zu haben, vom Militär wegzukommen, eine Lüge vonnöten war, mußte eben gelogen werden, daß sich die Balken bogen. War Bandolsin Trölk ansonsten noch eine sehr unreife, junge Person, hier war er bereits sehr erwachsen. Es drehte sich um Macht, und daher galt es, Machtmittel einzusetzen. Der militärische Stratege Clausewitz lag ihm eindeutig mehr als der barfüßige Gandhi. In seine Begründung vom 11. Februar 1982 schrieb er Sätze wie Eine Situation, in der ich gezwungen wäre, Gewalt auszuüben, um mich gegen einen etwaigen Angreifer zu verteidigen, brächte große Gewissensnöte mit sich. Jede Handlung, so Bandolsin Trölk weiter, brächte Karma mit sich. Später würde er den Prüfungsausschuß für solche Gewissensfragen, der ihn natürlich ablehnen würde, persönlich kennen- und hassen lernen. Er hätte diese aufgeblasenen Typen gerne umgebracht.

Sicherlich wäre es in solchen Situationen die beste Strategie gewesen, als gemeingefährlicher Geistesgestörter zu gelten, der das Telephon aus der Wand riß und zerschmetterte, der brüllte und brutal um sich schlug. Doch dafür fehlte Bandolsin Trölk der Mut. Er war ja nur ein zugezogener Neu-Oberislinger, den alles verschreckte und verstörte, und der irgendwie und neblig Künstler war. Da war er wieder, jener Mix aus Kunstgeschichte, Zahnspange und Oberisling.

Der Bus (Linie 2) fuhr stets dieselbe Strecke. Das war nicht weiter verwunderlich. Busse fahren immer gleich, es sei denn, der Busfahrer verirte sich, und das kam in der Tat herzlich selten vor. Bandolsin Trölk steigerte sich jedoch jedesmal aufs Neue in den Gedanken hinein, der Bus würde eines Tages aus unerklärlichen Gründen eine völlig andere Route einschlagen, weg von Oberisling und hin zu pitoresken Örtlichkeiten, an denen er sich wohlfühlen konnte. Er wußte, es gab derartige Berichte von allen nur erdenklichen Sorten von Bermuda-Dreiecken oder Flugzeugen, die erratisch nach Shangri-la flogen, doch ob so etwas gleich bei Oberisling möglich war, blieb fragwürdig. Die Gegend um Oberisling schien für solche Höhenflüge eher ungeeignet. Bandolsin jedoch verrannte sich mehr und mehr in diese Idee, und mit der Zeit stellte sich ein gewisser Gewöhnungseffekt an die Nicht-Erfüllung von Wünschen ein. Das hatte einen philosophischen, aber auch einen durchweg praktischen Aspekt, denn immerhin führte diese Art des Erlebens doch zu einer gewissen Form der Bewältigung, dem Durchhalten nicht unähnlich.

Trotzdem: Die Buslinie 2 fuhr in einer Art Kreisverkehr, aus dem die beiden Sationen Schwabenstraße und Karl-Stieler-Straße endpunktartig hervorgehoben waren. Daran änderte sich nichts.

Mutter Trölk vertraute ihrem Sohn Bandolsin nach ein paar Wochen Oberisling an, daß Vater Trölk ein wenig enttäuscht war, von Bandolsin nichts vom Studium erzählt zu bekommen. Doch was gab es da zu erzählen? Am ersten Tag stand Bandolsin vor den großen Tafeln mit den Aushängen zu Vorlesungen, Proseminaren und Hauptseminaren, und es beschlich ihn die Furcht, alles belegen zu müssen. Er fragte und erntete ein lachen. Doch da der Professor für Kunstgeschichte versicherte, man könne jederzeit zu ihm kommen, marschierte Bandolsin Trölk direkt vor dessen Büro.

Was? Am ersten Tag schon zum Professor?

fragten entsetzt die höheren Semester. Da wandte sich Bandolsin Trölk auf dem Absatz um und ging in das Ein-Zimmer-Appartement nach Oberisling. Dafür stapfte er nahezu eine Stunde auf schmierigen Wegen durch den Nebel, vorbei an den neblig-diesigen Fenstern des Zahnklinikums sowie an faulenden Zuckerrüben, die wie Ratten am Boden aus dem Nebel auftauchten.

Hätte er seinem Vater davon erzählen sollen?

Das Tagebuch von Bandolsins Mutter verzeichnete im November 1982 zumindest einige Notizen über den Sohn:

1. November. Gasthof Riebel, Friedhof, Bandolsin nach Regensburg

2. November . Bandolsins 1. Tag a. d. Uni

4. November. Bandolsin zurück.

7. November. Kaimling, spazieren, Rupprechtsreuth, Bandolsin 19 Uhr 28 n. Rgbg.

9. November. Möbel f. Oberisling f. Bandolsin. – 15 °° - Abends Hotel Maar

14. November. Valentin-Museum, City-Hotel München, abends bei Bandolsin Rgbg. / Bischofshof / z. Ab. Essen

20. November Gasthof Riebel, Klassentreffen im `Opatja´, m. Bandolsin unterwegs

Bandolsin Trölck wußte nichts vom Tagebuch seiner Mutter. Zwar hatte er hin und wieder die kleinen Heftchen, die seinerzeit Rido-Merker hießen, und die für jeden Tag nur eine einzige Zeile bereithielten, doch verstand er dabei nicht, daß es sich tatsächlich um ein jahrzehntelang gepflegtes und gegen alle Widrigkeiten verteidigtes Tagebuch drehte. Bandolsin Trölk bekam im Jahre 1982 überhaupt recht wenig mit. Im Jahre 1982 kam er nicht mehr aus: Er mußte nach Oberisling.

Die Zahnspange sollte in Regensburg eingesetzt werden. Das war Stoff genug für doppelte Verbitterung, denn Regensburg war sehr schön; eine häßliche Zahnspange paßte im Grunde nicht zur romantischen Bausubstanz der Donaustadt. Es fügte sich einfach nicht in den Reim und den Rhythmus des Liedes Als wir jüngst in Regensburg waren, sind wir mit der Zahnspange im Mund über den Strudel gefahren... In der Nähe des Jakobstors, das die Altstadt an der einen Seite abschließt und so ein Gegenstück zum gotischen Ostentor darstellt, wurde vermessen und ganze Kiefer verwandelten sich in Gipsmodelle. Bald, so sagte man ihm in dem kalten, sterilen, modernen Bau des Kieferorthopäden, ist alles fertig und die Spange kann eingesetzt werden. Bandolsin antwortete, er freue sich; in Wirklichkeit jedoch schnürte es ihm vor Beklemmung die Luft ab. Die Tränen schossen ihm in die Augen, und obwohl er kein Christ war, überlegte er kurz, in einer der zahlreichen Kirchen Regensburgs eine Opferkerze anzuzünden. Doch ein absurder Gedanke hielt ihn davon ab: In diesem dumpfen Nebel, der Tag und Nacht über der Stadt und – noch schlimmer – draußen in Oberisling brütete, würde aufgrund der nagenden Feuchtigkeit doch keine Kerze mehr brennen...

So ließ er es bleiben.

Bandolsin ließ viel bleiben in Oberisling. Er tat vieles nicht.

Als er eines Tages in der trüben nebligen Nacht in das Ein-Zimmer-Appartenment in der Winkelstraße zurückkam, überlegte er, ob die in Mietshäusern übereinandergestellten Badezimmer wirklich hellhöriger waren, ob diese sogenannten Naßzellen schlechter schallisoliert waren als der restliche Wohnraum. Bandolsin Trölk war nämlich in seiner Naßzelle auf eigenartige Geräusche aufmerksam geworden, die aus der oberen Wohnung, genauer gesagt, aus der oberen Naßzelle zu ihm herunterdrangen. In ansteigender Lautstärke vernahm er das Keuchen und schwere Atmen einer Frau und eines Mannes, wobei der Mann in seinen lautlichen Äußerungen halbwegs gleich blieb, die Frau sich jedoch mehr und mehr ein schrilles Kieksen überging, bis eine Art von gedrücktem, gedrängtem Schrei dem Spuk ein Ende bereitete. Bandolsin Trölk geriet darüber ins Nachsinnen. Was war da oben geschehen? Er versuchte sich an Erklärungen. Die wagemutigste jedoch hielt er auch für die unwahrscheinlichste. Sollte dieses Keuchen etwas zu tun haben mit dem allerorten viel beschworenen sogenannten Geschlechtsverkehr, von dem alle sprachen? Etwas in ihm wollte es nicht wahrhaben: Es wird schon nicht so sein... Er war 19 Jahre alt und wußte nicht recht, was er sich darunter vorstellen sollte. Die Theorie war ihm aus Erzählungen geläufig, aber wurde so etwas oft praktiziert? Andererseits: Die da droben waren auch nicht älter. Sie waren – dem Anschein nach – ebenfalls Studenten. Wußten sie mehr als er? Bandolsin Trölk war sich bewußt, daß er ein wenig abseits stand von alledem, was die Großen in der Welt so taten, anrichteten oder anstellten.

Er beließ es bei diesen Erwägungen. Nie hätte er zu hoffen gewagt, daß er so schnell in jene Geheimnisse eingeweiht werden würde. Bis zu jenem Zeitpunkt hatte er sich in früheren Jahren hin und wieder gefragt, ob das, wovon alle redeten und was alle gewaltig zu erregen schien, denn tatsächlich so oft passiere. Tun die wirklich, wovon sie reden? hatte Bandolsin Trölk überlegt, und er war zu dem Schluß gekommen, so etwas geschehe wohl nur sehr selten. Es schien ihm zu gewaltig zu sein.

Die dazugehörigen obszönen Wörter hatte Bandolsin Trölk bereits in der Grundschule gehört und überlegt, wen er ansprechen könnte, um mehr darüber zu erfahren. Seine Wahl war seinerzeit auf Vedat, einen türkischen Schüler, gefallen. Vedat, der im Unterricht aus Superman-Comics abpauste, sprach am meisten von allen in diesen schmutzigen Wörtern. So fragte ihn der kleine Bandolsin eines Tages Was ist denn das eigentlich?, und Vedat erklärte es ihm sehr sachlich und nüchtern. Bandolsin glaubte gar nichts. Der Vedat, der flunkert doch!, dachte er bei sich. Jahre später erklärte ihm seine Mutter in einem Versuch der Aufklärung den Zusammenhang, und Bandolsin Trölk war verblüfft, daß seine eigene Mutter dieselben schmutzigen Geschichten erzählte wie der Vedat.

Trotzdem geschah es allem Anschein nach sogar in Oberisling, sogar in der dortigen Winkelstraße, sogar in der Etage über Bandolsin Trölk.

 

Drittes Kapitel

Hatte Bandolsin Trölk am Morgen die Nebelwand durchschritten und hatte er die schmierig-schmutzigen Zuckerrübenfelder überquert, kam auf dem Campus der Universität an. Dort mußte er eine große Eisenkugel finden, die vermutlich als Kunstwerk gedacht war. Das Praktische an dieser Eisenkugel war, daß man sich von dort aus gut orientieren konnte, etwas, das ansonsten aufgrund des Immergleichen in der Betonbauweise der Universität sehr schwer möglich war. Darüber hinaus hob sich diese Kugel sogar bei dichtem Nebel von ihrer Umgebung ab, da sie groß, schwarz und von düsterer Massigkeit war. Von der Kugel aus war es nicht weit bis zu den Hörsälen, und unter den Hörsälen zog sich ein fensterloser Durchgang hin, von dem finstere Nischen abgingen, das bauliche Gegenstück zu den Hörsälen. Aus unerfindlichen Gründen waren im hintersten, dunkelsten Teil kahle Betonbänke angebracht. Bandolsin Trölk hatte diese Bänke schnell zu seinem eigenen Nutzen entdeckt. Da er es nicht wagte, sich in eine der Cafeterias zu setzen, da er befürchtete, dort als dumm aufzufallen unter all denen, die sich auskannten und die zu diskutieren und sich aufzuspielen verstanden, holte er möglichst schnell einen Plastikbecher Apfelsaft und verzog sich auf die Betonbänke in diesen Nischen. Es gab dort kein Licht. Nie saß dort ein anderer Student. Er war immer alleine. Manchmal konnte Bandolsin Trölk dort drunten schlecht sehen, doch andererseits konnte auch ihn niemand sehen. Er konnte nicht sagen, daß er diesen Zustand genoß, doch er erfüllte ihn mit einer gewissen Befriedigung. Immerhin hatte er so einen Ort, ein Loch für sich gefunden.

Trotzdem überfiel ihn gerade auf diesen Betonbänken immer wieder der Verdacht, er dürfe den Apfelsaft nicht trinken. Nicht einmal hier im Loch. Es war, als würde er diesen Saft auch hier denen wegtrinken, die in der Cafeteria laut diskutieren konnten.

Ähnlich erging es ihm mit einigen der Attraktionen, denen er sich kaum zu nähern wagte. Ein Stand verkaufte Geldstücke, vor allem Eine-Mark- und Fünfzig-Pfennig-Münzen, die bunt angemalt waren, und die der findige Standbetreiber als Kunstwerke verkaufte, die er Ausgeflippte Geldstücke nannte. Im Jahre 1982 ließen sich viele Menschen noch durch ein Wort wie ausgeflippt ködern. Das Eine-Mark-Stück konnte man für zwei Mark erwerben; das 50-Pfennig-Stück kostete eine Mark. Bandolsin Trölk blieb nur kurz an dem Stand stehen, und blickte dem Verkäufer schnell und verstohlen in die Augen. Dann lief er schnell weg. Noch einen Apfelsaft in dem dunklen Loch unter den Hörsälen? Lieber nicht, schloß Bandolsin.

Gerne hätte er so ein ausgeflipptes Geldstück gekauft, doch er traute sich einfach nicht. Was, wenn sie ihn auslachten? Die, die in der Cafeteria laut diskutierten? Dabei hätte es ihm eine riesengroße Freude bereitet, das farbige Geldstück nachts in seinem Bett stundenlang durch die Finger gleiten zu lassen, zu befühlen und seine kunstvolle Farbe zu begutachten. Doch er vermochte es einfach nicht. Es hätte ihn auch gewiß nicht in finanzielle Nöte gestürzt, denn Bandolsin fuhr jedes Wochenende mit dem Zug zu seinen Eltern und kam zu Beginn jeder neuen Woche mit einem Hundert-Mark-Schein aus der Hand seines Vaters nach Oberisling zurück. Die Miete für das Ein-Zimmer-Appartement mußte er ebenfalls nicht selbst aufbringen. Trotzdem war Bansdolsin Trölk ein sehr armer Mensch. Er hatte nur dies: Kunstgeschichte, Zahnspange und Oberisling. Ein dunkles Resultat.

Daß gerade in diesen Umständen auch etwas Reiches, ja gar ein Privileg verborgen liegen könnte, wäre Bandolsin Trölk nie in den Sinn gekommen. Denn wer zu früh sein Pulver verschießt, der diskutiert kurz und laut in der Cafeteria der Universität, um dann für immer zu schweigen, schweigen zu müssen. Bandolsin begnügte sich jedoch mit wenigen bescheidenen Freuden wie einem kurzen Spaziergang von Zeit zu Zeit. Kurz hielt er diese Spaziergänge deswegen, weil er wußte, er hätte in Vorlesungen und Proseminaren sitzen müssen, was ihn mit einer feststeckenden Schuld zu infizieren schien.

In Oberisling herumzugehen, wäre ihm nie in den Sinn gekommen. Dafür fuhr er nach Regensburg, wo er den Anblick des alten, geheimnisvollen, damals im Jahre 1982 noch nicht zu Tode renovierten Gemäuers genoß. Auf diesen Spaziergängen, die ihn immer wieder von der Altstadt her zur Donau hinunter führten, wobei er bisweilen den Eisernen Steg überquerte, um zur Donauinsel zu kommen, überlegte er, in welcher Situation er sich befand. Mit 19 Jahren schon so etwas wie Oberisling erleben müssen! sagte er sich immer wieder. Warum nur? Warum? Er ging alle möglichen Gebiete der Erkenntnis durch, zu denen er mit seinen 19 Jahren schon Zugang hatte, und letztendlich blieb er stets bei einem Gedankengang hängen, den man wohl am ehesten in den Bereich der Theologie oder Religionswissenschaft verweisen würde. Gott, so war sein Ausgangspunkt, hat die Welt, nein, überhaupt alles erschaffen. Und er hätte alles auch anders erschaffen können, hätte er nur gewollt. Es handelte sich demgemäß um eine Art Willensentscheidung. Gott wollte demnach, daß Oberisling existiere. Die Menschen brauchte er dann als Jäger von Erfahrungen, so theologiserte Bandolsin Trölk; erlebten Menschen etwas, erlebte er es auch. Folglich benötigte Gott Idioten, Trottel, Geistesgestörte und überhaupt Wesen aus der Schattenzone, um zu wissen, wie es sich anfühlt, Idiot zu sein, Trottel zu sein, geistesgestört zu sein und im Schatten zu leben. Vielleicht war Oberisling eine Art göttliches Experimentierfeld? Mit anderen Worten: Wieviel Oberisling erträgt ein Mensch, bevor er endgültig zusammenbricht? Und bei Nebel? Mit Zahnspange? Ohne jede Aussicht auf ein Leben als erfolgreiche Existenz wie ein Mensch, der in den Cafeterias der Universität laut dröhnend herumdiskutiert? Hatte Gott also ihn, Bandolsin Trölk, erschaffen, um in Erfahrung zu bringen, wie es ist, zu versagen, in Oberisling zu leben, sich nicht zu trauen, ausgeflippte Geldstücke zu kaufen, und dergleichen mehr? Kurz, wollte Gott bewußt Bandolsin Trölk als exemplarisches Arschloch haben?

Dann allerdings wäre es nicht sonderlich schlimm, endgültig zu versagen, zu sterben und zu berichten: Herr, es geht nicht! Das mit Oberisling funktioniert einfach nicht!

Vor seiner Zeit in Oberisling hätte Bandolsin Trölk ein solcher Gedanke köstlich amüsiert, ja, nahezu auf hypnotische Weise fasziniert. Das war ihm nun nicht mehr möglich.

Zu lachen gab es nichts.

Auch das Fach Kunstgeschichte brachte ihn nicht gerade zum Lachen. In einer der ersten Stunden verkündete sein Professor, für diese akademische Disziplin sei die Kenntnis der italienischen Sprache unabdingbar. Damit das auch jeder verstehe, setze er heute seine Vorlesung auf Italienisch fort. Bandolsin Trölk verstand nichts.

Hatte er sich wenigstens noch mit halber Kraft auf die Kunstgeschichte gestürzt, so reizte ihn die Anglistik von der ersten Sekunde an zu blanker Aggressivität. Doch wohin mit dieser speziellen Sorte Wut? Die Situation glich dem dicken Nebel, der im November 1982 auf Oberisling lastete.

Als nach etwa zwei Wochen die ersten Stunden mit keinem oder nur recht wenig Nebel zu verzeichnen waren, und man weiter als nur gute zehn Meter weit blicken konnte, sah Bandolsin Trölk das ganze Ausmaß der Malaise: Oberisling war noch nicht fertiggebaut! Also würde es nicht schon reichen, daß es einen solch sterilen Ort voller gesichtsloser Neubauten bereits gab... Nein, es wurde tatasächlich weitergebaut! Bandolsin war erschüttert.

Insgeheim hatte er gehofft, für Oberisling würde man sich doch im Grunde des Herzens schämen, doch es schien gerade das Gegenteil der Fall zu sein. Munter wurde weitergeklotzt. Die Baustellen hatten die Erde aufgerissen; allerorten waren Dreckhaufen zu sehen und Löcher, in denen brackiges graues Wasser mit Schaumkrönchen stand. Schmieriger Dreck in tief eingegrabenen Reifenspuren und die unvermeidlichen Zementsäcke, deren Inhalt Stück um Stück in Nebel und Nieselregen zu zähem grauem Schleim verrührt wurde. Am Ende dieser Höllenfahrt und architektonischen Hetzjagd würde immer wieder aufs Neue ein weiteres steriles Haus stehen, in das dicht schließende Plastikfenster eingesetzt würden, um einen modernen, stumpfen, absolut unbelüfteten Innenraum zu schaffen, in dem man hoffnungslos um Atemluft und Frische rang. Haus um Haus ohne Ornament, lediglich die primitivsten Grundformen: Rechteck, Schräge, hin und wieder ein Kreis.

Bei genauerem Hinsehen war immer wieder ein enthusiastisch mit den Armen fuchtelnder Architekt zu sehen, der mit seinen Gummistiefeln im tiefen Erdschlamm steckte. In die Ferne deutende Zeigefinger ließen befürchten, Oberisling solle so schnell wie möglich geschwürhaft bis zum Horizont hin oder gar darüber hinaus wuchern. Nein, Bandolsin Trölk hätte niemals im Leben Architektur studiert. Nicht im 20. Jahrhundert. Dieser Gedanke erschreckte ihn. Gab es denn nichts anderes außer Kunstgeschichte, Zahnspange und Oberisling? War alles andere genauso schlimm?

Kurzum: Wo Oberisling bislang noch nicht war, dorthin würde es sehr bald hinterher kommen. Die Dreckhaufen und Schlammlöcher zeigten exakt und zuverlässig den Zug der Zeit an. Baufahrzeuge zogen den Dreckfilm mit ihren Reifen über die beständig eingenäßte und eingerotzte Straße. Mit den ersten Minusgraden und der einsetzenden Eisglätte verwandelte sich diese Rotze dann in handfeste, greifbare Lebensgefahr.

Bandolsin mußte dabei an einen desolaten Sandkasten denken, in dem verstörte Kinder ihren Lieblingspuppen und Plüschtieren den Hals herumdrehten. Mit einer letzten Intonierung von eingespeicherten Sätzen wie Mama, ich habe Hunger! oder Mmmmmmmh, schmeckt gut! gäben diese Puppen dann ihr Leben auf.

Hunger

! Ja, Hunger! Seinen gewaltigen Hunger hatte Bandolsin nicht einmal in Oberisling verloren. Dabei beließ er es nicht bei Brot, Wurst und Käse, sondern er nutzte die mit erstaunlicher Kälte gestaltete Kochecke ausgiebig. Freilich fehlte ihm im Alter von 19 Jahren die notwendige Erfahrung, und so kochte er beispielsweise Paprikagemüse und ließ es dananch zwei Tage lang offen stehen, in der festen Überzeugung, das Mahl sei dann noch ohne weiteres genießbar. Nach diesen zwei Tagen würgte ihn der erste Bissen, so daß er augenblicklich ins Bad lief, um den zerkauten Rest in die Toilettenschüssel zu spucken. Doch auch an solche kleinen Niederlagen war er gewöhnt. Bandolsin stellte so etwas in eine Reihe mit dem Zusammenprall von Schienbein und Bettkante, dem dröhnenden Kopfschmerz am Morgen und einem verregneten Tag. Das steckte er weg. Mit anderen Worten: Bandolsin Trölk kotzte in Oberisling des öfteren in die Kloschüssel.

Er war also kein sonderlicher Meister der Kochkunst: Es wäre – in der Tat – überaus verwunderlich gewesen.

Es gab eine bestimmte Käsesorte, die er besonders mochte. Sie war bei Horten am Neupfarrplatz zu erstehen, in Scheiben geschnitten und wurde in 100g-Packungen angeboten. Die eßbare Rinde, die sich kreisrund um die Käsescheibe herumzog, hob sich im dezenten Farbton des gebrannten Siena vom Gelb des Käses ab. Feine Einsprengsel von Schinken gesellten sich zur schmackhaften Palette und bildeten in ihrem Rot-Ton fast ein Zitat der Rinde. Bandolsin Trölk konnte es sich selbst kaum rational erklären, doch eine eigentümliche Scheu hielt ihn bei Horten stets davon ab, diese Käsesorte, die ihm so mundete, zu kaufen. War es das altbekannte Empfinden, es handele sich um einen Käse für die Großen, die in der Cafeteria laut diskutierten, mithin also nichts für ihn? Oder dachte er daran, daß er bald eine Zahnspange haben würde, in der sich die Käsestücke verfangen könnten, um zu gären und zu stinken? War es ihm also lieber, gleich auf den Käse zu verzichten, als es dem Kieferorthopäden am Jakobstor zu überlassen, von Käse dringendst abzuraten? Oder kam hier die Assoziation der Rinde mit dem Farbton Gebranntes Siena zum Zug? Wollte er so etwas essen? Es war Bandolsin Trölk bewußt, daß er bereits zu Schulzeiten bezüglich des gebrannten Siena kläglich versagt hatte. Zum Gelächter aller hatte er damals die Abkürzung Gebr. Siena im Malkasten des Kunstunterrichts mit Gebrüder Siena übersetzt. Das war schön und ästhetisch, doch entsprach es nicht der Wahrheit. Er hatte sich die Gebrüder Siena sehr interessant vorgestellt, zwei ältere Herren mit schlohweißem Haar und Vogelgesicht, die in ihrer Werkstatt in der italienischen Toskana, nahe der Stadt Siena, in riesigen Bottichen aus der dortigen Erde Farbe für den Kunstunterricht herstellten, und dabei Unmengen von köstlicher Pizza verzehrten. Eine unglückselige Verbindung von Lebensmitteln, Lesfehlern und Versagen. Unter diesen Umständen konnte er den Schinken-Käse von Horten nicht kaufen. Es war schlichtweg unmöglich.

Wenn er Glück hatte, gab es diesen Käse zufällig bei seinen häufigen Besuchen seiner Eltern. Die Chance bestand sehr wohl, denn Bandolsin fuhr dorthin, sooft er konnte. Nur weg! war dabei seine Parole, Weg von Oberisling!. War er dann bei seinen Eltern, bereitete es ihm Freude, sich vorzustellen, wie das Ein-Zimmer-Appartement leer und verwaist im Nachtlicht dalag.

Bandolsin Trölk war stets weit, weit weg.

Noch schämte er sich für diesen Charakterzug. Noch hatte er nicht jene Stufe der persönlichen Reife erlangt, auf der er stolz darauf gewesen wäre, weit, weit weg von allem zu sein, um gerade daraus Stärke und Inspiration zu schöpfen.

Noch nicht.

Noch lebte er in Oberisling, und er vermochte es nicht einmal, Unterisling zu besuchen, ein etwa ein Kilometer in der anderen Richtung liegendes Dorf, das den Berichten der anderen zufolge einen gewissen Reiz besäße, da es zumindest zum Teil noch ein echtes Dorf sei. Was jedoch, so Bandolsin Trölk, wenn er sich aufraffte und – ganz im Gegensatz zu den Erzählungen der anderen – dort dasselbe vorfand wie in Oberisling? Was, wenn also die Unterscheidung in Oberisling und Unterisling hinfällig wäre? Es hätte ihm das Gefühl vermittelt, endgültig verloren zu sein, auf Haut und Haar und auf immer und ewig den Schrecken eines Großislinger Reiches verfallen.