Drei- bis fünfzehntes Kapitel
Als das Sommersemester 1983 auf sein Ende zuging, fragten Bandolsins Eltern, ob er sie auf ihrer zweiwöchigen Urlaubsreise im August begleiten wolle. Bandolsin Trölk wollte jedoch nicht. Bandolsin Trölk wollte überhaupt nichts. Auf gar keinen Fall wollte er in Oberisling bleiben, doch der Gedanke an Wegfahren verstörte ihn zutiefst. Die Gefahr, so Bandolsin Trölk, lag eindeutig draußen. Daraus schloß er, das es die beste Idee war, still und starr dort zu verharren, wo man gerade war. Das heißt, solange es sich nicht um Oberisling handelte. Kurzum, Bandolsin Trölk war fest entschlossen, die zwei Urlaubswochen im Haus seiner Eltern abzusitzen.
Doch noch war es nicht so weit. Noch lief das Semester. Noch mußte Bandolsin bleiben und eine – wenngleich nur noch sehr diffuse, schwer zu definierende – Beziehung zur Universität Regensburg aufrechterhalten. Es galt, an einigen Prüfungen und Klausuren wenigstens ansatzweise teilzunehmen. In Verbindung zur Regensburger Universität zu bleiben, bedeutete aber auch, zunächst in Oberisling bleiben zu müssen.
Die Sonne stand hoch am Himmel in jenen Tagen, und alle Studenten genossen den Sommer. Bandolsin fürchtete sich ein wenig. Er scheute sich, das zu sehen, was an ihm vorbeilief, jedoch für immer unerreichbar war.
Hin und wiedeer phantasierte er sich in die Idee eines Umzugs hinein, wohl wissend, daß es keine Hofnung gab, eine solche Idee jemals in die Tat umzusetzen. Er konnte ja sein Appartement in Oberisling nicht eigenständig künden, da es offieziell von seinem Vater gemietet worden war. Zum anderen blieb ihm nicht mehr allzu viel Zeit an der Universität, denn er wartete bereits auf die Einberufung zur Bundeswehr. Es hätte sich – so gesprochen – nicht rentiert. Trotzdem erging er sich in solchen Vorstellungen. Sein Favorit war dabei die Badstraße auf der Donauinsel Oberer Wöhrd, jene Straße, die nur auf einer Seite mit schönen alten Häusern bebaut war, da die andere Seite bereits das zur Altstadt hin gewandte Donau-Ufer darstellte. Diese Badstraße wurde für ihn zu einem Symbol, da sie das Gegenteil von Oberisling zu verkörpern schien. Bandolsin Trölk wählte also ein Symbol, das von seiner Struktur her abermals unerreichbar war. Doch je unerreicnbarer es erschien, desto intensiver versetzte er sich in die Vorstellung davon. In der Schlange vor der Mensa stehend und auf sein Essen wartend, studierte er immer wieder einen handgeschreibenen Zettel, der dort eine Weile hing. Kleines Zimmer in der Badstraße 100 DM. Ein ungeheuerliches Angebot! Bandolsin konnte seinen Blick nicht von diesem karierten und aus einem kleinen Block mit Spiralbindung herausgerupften Zettelchen abwenden, bis ihn die Schlange der Hungrigen weiter- und fortschob.
Essen!
Ja: essen.
Während des Essens in der Mensa pflegte er sich zu beruhigen. Ein guter Teller voller Nahrung vertrieb selbst die vermeintlichen Visionen von der Badstraße. Das Angebot der Mensa war vorzüglich. Man lud sich das Tablett mit alledem voll, worauf man Appetit hatte. Es gab mehrere Hauptspeisen, Beilagen, Salate und Nachspeisen, zumeist Puddings. Es war aber durchaus auch möglich, beispielsweise zwei Beilagen mit drei Puddings zu kombinieren, wenn man das so wünschte oder Gefallen daran fand. Das Tablett wanderte dann samt hungrigem Studenten zu einer Kasse weiter, an der man einen Bon erhielt, der nach dem Essen, beim Verlassen der Mensa, an einer anderen Kase bar beglichen wurde. Zudem gab es, anders als an anderen Universitäten, zusätzlich eine Abendmensa, die kulinarisch ebenfalls nicht zu verachten war. Bandolsin nahm die Dienste der Mensa sehr oft, bisweilen zweimal täglich, in Anspruch.
In der Mensa empfand Bandolsin Trölk nie jene Furcht vor den Mitstudenten, die es ihm in der Cafeteria unmöglich machte, sich hinzusetzen und seinen Apfelsaft zu trinken. Vielleicht lag es an der höheren Konzentration aller auf den Teller.
Die Pamphlete auf den Tischen, die er heimlich und verstohlen las, während er sich schnell einen Bissen nach dem andern in den Mund schob, sprachen von irgendwelchen Forderungen an irgendwelche Autoritäten. Bandolsin Trölk hätte es niemals gewagt, eine Forderung an andere zu stellen, selbst wenn sie berechtigt gewesen wäre. Er war schon darüber froh, am Leben gelassen zu werden. Mehr wollte er nicht.
Vor dem Ausgang der Mensa stand jeden Tag ein Büchertisch. Hin und wieder kaufte Bandolsin das eine oder andere Buch, stets etwas unverfängliches, einen alten, abgegriffenen Bildband des einen oder anderen Künstlers oder harmonische, stimmungsvolle Gedichte. Die anderen Werke schienen nicht für ihn zu sein. Er empfand sich einfach als zu dumm für einen Camus, einen Sartre oder eine Dokumentation des neuesten Achternbusch-Kinofilms. Niemals hätte er da mitreden können...
Nur wenn er ganz alleine am Bücherstand war, blickte er manchmal verstohlen in so ein Buch hinein. Schnell legte er es dann wieder zurück. Er hoffte, daß es niemand bemerkt hatte. Es hätte die Schamröte in sein Gesicht getrieben.
Nach Ablauf des Sommersemesters 1983 verließ Bandolsin Trölk Oberisling fluchtartig. Drei Monate saß er starr im Elternhaus. Von ihrer Urlaubsreise ohne Bandolsin schreiben seine Eltern Postkarten zu Bandolsin, der Tag um Tag im Haus verbrachte.
4. 8. 83
Lieber Bandolsin!
Viele Grüße aus Hamburg.
Haben einen ausgiebigen Stadtbummel hinter uns.
Es ist kühler geworden u. der Regen hat aufgehört.
Was agst Du zur Vorderansicht dieser Karte?
Deine Eltern
6. 8. 1983
Lieber Bandolsin!
Viele Grüße aus Heide / Schleswig-Holstein senden Dir Deine Eltern.
Was agst Du zu dieser Photo-Karte? Wir finden sie ganz toll.
Tschüß – bis zur nächsten Karte.
9. 8. 83
Hallo, lb. Bandolsin!
Viele Grüße v. Norden / Norddeich senden Dir deine Eltern.
Haben heute eine Schiffsreise z. den Inseln Norderney u. Juist gemacht.
Was sagst Du zu dieser Kunstkarte?
11. 8. 83
Hallo, Bandolsin!
Viele Grüße aus Köln. Haben eine Stadtrundfahrt hinter uns – mit Museumsbesuch (= Skulpturen).
Nachmittags fahren wir den Rhein entlang.
Deine Eltern
12. 8. 83
Hallo, Bandolsin!
Viele Grüße aus Heidelberg.
Wir sitzen gerade in einem Eis-Café und kühlen die Hitze mit einem heißen Capuccino.
Bis auf bald-----!
Deine Eltern
Bandolsin Trölk freute sich sehr über diese Karten, doch war er in einem Alter, in dem man dies nicht zugeben durfte. Also äußerte er sich in den Telephonaten, die die Postkarten begleiteten, nicht dazu. Hinzu kam eine diffuse Furcht, seine Eltern könnten ihn in einem dieser Telephongespräche nach dem Ein-Zimmer-Appartement in der Oberislinger WInkelstraße fragen. Abends saß er alleine im Wohnzimmer der Eltern und las die Karten ein zweites, ein drittes, ein viertes Mal. Spätestens nach dem dritten Durchgang ergriff ihn eine unbestimmbare Rührung.
Doch darüber schwieg Bandolsin Trölk.
Zum Zweck der Verheimlichung dieses Zustandes hatte sich Bandolsin ein beständiges, eingefrorenes Grinsen antrainiert. Es war ihm nicht klar, daß eine solche Maske nichts verhüllt, sondern – ganz im Gegenteil – alles verrät.
Obwohl er nun ein Vierteljahr außerhalb von Oberisling lebte, war dieser häßliche Regensburger Vorort dennoch auf lähmende Weise in Bandolsin Trölk virulent. Tagelang saß er da, ohne irgendetwas zu tun. Er hing seinen Gedanken nach. Dann waren die Gedanken wie an einem Prellbock eines unbedeutenden Sackbahnhofs in der Provinz am Ende und er flimmerte wie ein kaputter Monitor in schwarz-weißem, knisterndem, rauschenden Gestöber vor sich hin. Bisweilen überkam ihn der tiefe Wunsch, den Stecker des Monitors aus der Wand zu ziehen und dem Spiel ruckartig ein Ende zu bereiten, doch zur Umsetzung der Tat fehlte ihm die nötige Antriebskraft. Am ehesten wäre ihm der Sinn nach etwas Grausamen gestanden, um zum Ende zu kommen, etwas, was ins Fleisch stach und das Blut heraustreten ließ, eben dieses Fleisch zum Platzen brachte und das Gesicht wie von einem Giftopfer entsetzlich entstellte. Hier hielt ihn seine Angst vor körperlichen Schmerzen zurück. Schließlich mußte er sich eingestehen, daß in alledem ein Zug zur Komödie lag, eine Tendenz zum Lachen und Schreien. Bandolsin Trölk war für niemanden eine gefährliche Nummer, nicht für andere, und schon gar nicht für sich selbst. In diesem Zustand konnte er höchstens mit windschiefen, zerrupften Vogelscheuchen konkurrieren, an die die Bauern der Gegend ihre abgetragene, dunkle, schmutzige Kleidung hingen. Für andere Menschen war er schlichtweg nicht satisfaktioinsfähig. Den hingeworfenen Fehdehandschuh häte er nicht aufnehmen können oder dürfen. Lag der Fehdehandschuh im Dreck, hätte er ihn allenfalls in der Manier eines reudigen Straßenköters zögerlich einzuspeicheln und abzuschlecken vermocht.
So schlich er hin und wieder während der Semesterferien zwischen dem Sommersemester 1983 und dem Wintersemester 1983 / 84 durch die Straßen seiner Geburtsstadt. Die Leute, die ihn kannten, sprachen untereinander Da schau' her! Der Trölk, der studiert, und jetzt hat er seine Semesterferien! So gut möchte ich es auch mal haben! Aber unsereins muß jeden Tag ran...
Bandolsin Trölks übermäßig feines Gehör erlaubte es ihm, diese ihm hinterhergeworfenen Worte sehr wohl zu verstehen. Die Blicke der Menschen spürte er im Rücken mit der Wucht eines stumpfen Messers, das mit äußerster Gewalt in ihn hineingerammt werden mußte, um seine Wirkung entfalten zu können. Ihre spöttischen Zuckungen im Gesicht erriet er mit der Genauigkeit einer stählernen, rostfreien Pfeilspitze. Drehte er sich um, lachten sie ihm freundlich zu: Na, Bandolsin, mal wieder im Lande? Magst nicht zurückkommen? In der Heimat ist's doch immer noch am schönsten... Nicht wahr? Der Hase läuft, wo er fällt, wie's so schön heißt... Bandolsin Trölk lächelte dann verlegen und bestätigte alles. Jaja, schön ist's hier, wenn der kalte böhmische Ostwind weht... Über diesen Witz, den Bandolsin Trölk so nicht beabsichtigt hatte, lachten alle herzlich, und es wurde allgenmein vermutet, Bandolsin Trölk sei zwar ein komischer Kauz, aber den Humor seiner Heimatstadt habe er nicht einmal durch das Studium, wo sie alle so gescheit daherreden, verloren.
Eine solche Unterhaltung endete in der Regel mit dem Kommentar, man habe ja schon Bandolsins Großeltern gekannt. Hin und wieder tauchte auch der dumme Spruch von dem Spatz in der Hand, der der Taube auf dem Dach vorzuziehen sei, auf. Nach einer gewissen Zeit fielen Bandolsin Trölk dann keine Antworten mehr ein. Doch das war nicht sonderlich schlimm; schließlich hatte er sein Dauergrinsen, das in der Regel als Freundlichkeit misinterpretiert wurde. Freundlichkeit war darin jedoch nicht verborgen, sondern einzig und allein lauernde, hinterlistige, kalte Gefahr.
Der Grund dafür, daß es nicht zu blanker Gewalttätigkeit kam, war Bandolsin Trölks rationale Einsicht, daß das Gefängnis kein Ort war, der ihm entsprach. Das Gefängnis war genauso schlimm wie Oberisling. Folglich stellte eine Einweisung in das Gefängnis keine wesentliche Verbesserung seiner Situation dar. In Oberisling abzuwarten war hingegen keine so große Umstellung.
Also grinste er weiter.
Es gab allerdings auch einige tatsächlich freundliche Menschen in seiner Nachbarschaft, die es gut mit Bandolsin Trölk meinten. Diese Nachbarn durchschauten ihn recht gut und empfanden Mitleid. Bandolsin erkannte das, und sog dieses Mitleid begierig auf wie süßen Honig. Das sahen sie ihm großzügig nach. Auch Bandolsins Eltern zeigten sich als großzügige Seelen. Sie allein hielten ihn über Wasser.
Vierzehntes Kapitel
Selbst im Spätsommer 1983 verfolgte Bandolsin Trölk noch ein subtiler Eindruck der Raffael-Vorlesung vom Wintersemester `82 / `83. Nicht, daß er damals ernsthaft studiert hätte! Das tat er während seiner ganzen Zeit in Regensburg-Oberisling nicht. Doch hin und wieder betrachtete er die an die Wand projizierten Dias der Kunsthistoriker auf seine eigene Weise, abseits jeglicher Tendenz im Wissenschaftsbetrieb. Gewiß hätten ihn die Kunstgeschichtler mit Schimpf und Schande davongejagt. Doch Bandolsin Trölk betrachtete die Bilder Raffaels und hörte dem vortragenden Professor nicht zu. Er saß nicht in der Vorlesung , sondern eher daneben. Dem entsprach Bandolsins Gewohnheit, einen Hörsaal zu betreten, festzustellen, in welcher Sitzreihe die am weitesten hinten sitzenden Studenten zu finden waren, und sich dann einzeln und allein fünf weitere Sitzreihen dahinter zu setzen.
Dort hinten schwelgte er in romantischen, doch andererseits auch auf angenehme Weise etwas trivialen und naiven Ideen über die Kunst.
Alleine.
Gerne hätte er einige der Texte zu Raffael nachgelesen, doch zum einen verbat ihm dies seine stoische Furcht vor einem regulären Studium, und zum anderen konnte er mit den Mikrofiche-Geräten, die in der Universitätsbibliothek zum Zwecke der Recherche aufgestellt worden waren, nichts anfangen.
So träumte er sich durch die Büchermassen, und beim versonnenen Blättern in Bildbänden entdeckte Bandolsin Trölk so manchen Satz über Raffael. Diese Sätze notierte er in einem für jene Zeit typischen Ringbuch, das aus ideologischen Gründen aus grobkörnigem, dunkelgrauem Toilettenpapier zu bestehen schien. Diese Blätter nahm er nach dem Sommersemester `83 mit in das Haus seiner Eltern. Hin und wieder holte er diese Papiere heraus und studierte sie in aller gebotenen Heimlichkeit.
Er las die Worte dann langsam und mit Bedacht.
So hatte Johann Joachim Winckelmann 1755 geschrieben: Die königliche Galerie der Schildereien in Dresden enthält nunmehr unter ihren Schätzen ein würdiges Werk von Raffaels hand, und zwar von seiner besten Zeit, wie Vasari und andere mehr bezeugen. Eine Madonna mit dem Kinde, dem hl. Sixtus und der hl. Barbara, kniend auf beiden Seiten, nebst zwei Eseln im Vordergrunde. (...) Seht die Madonna mit einem Gesichte voll Unschuld und zugleich einer mehr als weiblichen Größe, in einer selig ruhigen Stellung, in derjenigen Stille, welche die Alten in den Bildern ihrer Gottheiten herrschen ließen. Wie groß und edel ist ihr ganzer Kontur! Das Kind auf ihren Armen ist ein Kind, über gemeine Kinder erhaben durch ein Gesicht, aus welchem ein Strahl der Gottheit durch die Unschuld der Kinder hervorzuleuchten scheint.
Aus den Propyläen, Ersten Bandes Erstes Stück, herausgegeben von Goethe, fand Bandolsin etwas zitiert, was er ebenfalls notierte. Raffaels Gemälde in den Stanzen offenbaren dem Beschauer das fruchtbare, schaffende Genie dieses Künstlers, seinen richtigen Verstand, Geschmack, Grazie und andere große Verdienste, die wir uns bemüht haben, in den vorigen Abschnitten dieser Betrachtungen gehörig auseinanderzusetzen. In den Logen fühlt man sich geneigt zu behaupten, daß die Stanzen bloß die Schule seines Geistes gewesen, der nun erst mit vollendeter Bildung auftrete. An jenen weitläufigen Werken hat uns sein Talent, seine Erfindungsgabe, seine Kunst und Gewandtheit in Erstaunen gesetzt; hier müssen wir seine Weisheit, seine Übersicht und den waltenden, großen Verstand bewundern. Verdiente jemals ein Maler den ehrenvollen Beinamen eines Philosophen, so war es Raffael, und nirgends machte er mit größerem Recht Anspruch darauf als in diesen Gemälden.
In den Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders von Wackenroder und Tieck wird schließlich im Kapitel Der merkwürdige Tod des zu seiner Zeit weitberühmten Malers Francesco Francia, des Ersten aus der Lombardischen Schule berichtet, wie der Anblick eines Gemäldes Raffaels unmittelbar zum Tod führte. Bandolsin Trölk liebte diese Zeilen mit um 1983 sehr unzeitgemäßer Innbrunst. Einst, als er von einem Ausgange nach Hause kam, eileten seine Schüler ihm entgegen und erzählten ihm mit großer Freude, das Gemälde von Raffael sei indes angekommen und sie hätten es in seinem Arbeitszimmer schon in das schönste Licht gestellt. Francesco stürzte, außer sich, hinein. (...) Von der Zeit an war sein Gemüt in beständiger Verwirrung, und man bemerkte fast immer eine gewisse Abwesenheit des Geistes bei ihm. (...) Alle die unendlich mannigfaltigen Bildungen, die sich von jeher in seinem malerischen Sinn bewegt hatten und in Farben und Linien auf der Leinwand zur Wirklichkeit übergegangen waren, fuhren jetzt mit verzerrten Zügen durch seine Seele und waren die Plagegeister, die ihn in seiner Fieberhitze ängstigten. Ehe seine Schüler sich versahen, fanden sie ihn tot im Bett liegen. So ward dieser Mann erst dadurch recht groß, daß er sich so klein gegen den himmlischen Raffael fühlte. Auch hat ihn der Genius der Kunst in den Augen der Eingeweihten längst heiliggesprochen und sein Haupt mit dem Strahlenkreise umgeben, der ihm als einem echten Märtyrer des Kunstenthusiasmus gebührt. Die Obige Erzählung von dem Tode des Francesco Francia hat uns der alte Vasari überliefert, in welchem der Geist der Urväter der Kunst noch wehte. Diejenigen kritischen Köpfe, welche an alle außerordentliche Geister, als an übernatürliche Wunderwerke, nicht glauben wollen noch können und die ganze Welt gerne in Prosa auflösen möchten, spotten über die Märchen des alten ehrwürdigen Chronisten der Kunst und erzählen dreist, Francesco Francia sei an Gift gestorben.
Von hier hätte vielleicht nach langer Zeit ein Weg zu einem regulären Kunstgeschichte-Studium führen können, doch für Bandolsin Trölk führte dahin kein Weg, denn allgemein herrschte unter Studenten die Meinung vor, die Kunstgeschichte in Regensburg sei doch großartig (oder um eines der von Bandolsin am meisten verachteten, ja, gehaßten Worte zu verwenden: fortschrittlich), da man sich dort mehr und mehr mit moderner Kunst beschäftige... Gerade zur selben Zeit entwickelte Bandolsin Trölk eine heiße Liebe zur romantischen, überschwenglichen Kunstbetrachtung und Kunstreligion des 19. Jahrhunderts und zu Raffael.
Es war Bandolsin klar, daß er diese kleine Heimlichkeit mit niemandem in der gesamten Fakultät teilen konnte.
Darum schwieg er.
Eiserner als jemals zuvor.
Seine Blätter mit den handschriftlich aufnotierten Zitaten zu Raffael faltete er nach jeder Lektüre sorgfältig zusammen, um sie gut zu verstecken. Mit der Zeit wurde das Papier speckig und glänzte unangenehm. Vielleicht wäre es eine gute Idee gewesen, das Ganze in eine festgebundene Kladde zu übertragen, doch er vermochte es nicht, offen in ein Schreibwarengeschäft hineinzugehen, und nach eine Kladde zu fragen. Er konnte das Wort Kladde nicht aussprechen, ohne einen scherecklichen eisigen Schauer auf dem Rücken zu fühlen. Umschreiben konnte er eine Kladde nicht.
So blieb es bei den speckigen herausgerissenen Blättern.