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Oberisling

Eine Ebene höher

Thomas Stemmer verfasste dieses großartige Dokument, die Geschichte eines 19jährigen Jungen, der das elterliche Haus verlässt, um in Regensburg zu studieren, und dessen Angst, Verzagtheit, Scheu ... so eindringlich geschildert werden, dass der Schmerz auf den Leser regelrecht überspringt.

Erstes bis drittes Kapitel erstellt von Thomas Stemmer — zuletzt verändert: 18.08.2007 14:02
Es mochte der 30. oder 31. Oktober 1982 gewesen sein, als Bandolsin Trölk in Oberisling ankam. Kaum 19 Jahre alt, brachten ihn Vater Trölk und Mutter Trölk dorthin, damit er dort in einem der herzlosen Neubauten der Winkelstraße wohne und im bayerischen Regensburg, desssen gesichtsloser, öder Vorort Oberisling war, studiere.
Viertes bis sechstes Kapitel erstellt von Thomas Stemmer — zuletzt verändert: 18.08.2007 14:06
1983. Allein die neue Jahreszahl schüchterte Bandolsin Trölk gewaltig ein. Die Eins, die Neuen, die Acht und die Drei, was würden sie von ihm erwarten? Es war Januar und in Oberisling hatte sich nichts verändert, zumindest nicht zum Besseren. Wie immer ließen ihm selbst die Namen der Oberislinger Staßen das Blut in den Adern gefrieren.
Siebtes bis neuntes Kapitel erstellt von Thomas Stemmer — zuletzt verändert: 18.08.2007 14:08
Auch nach Alois Riegl setzte sich die Theorie-Diskussion in der Kunstgeschichte fort. Konnte Riegl an den Anfang der Moderne plaziert werden – schließlich lebte er zeitgleich mit dem beginnenden Expressionismus –, so wurde schon bald alles völkisch, dann marxisitsch, dann postmodern. Bandolsin Trölk hingegen war derart in sich gekehrt, daß er auf romantische Weise seine eigene Kunstgeschichte darstellte, die sich wolkig in eigenen Empfindungen erging.
Zehntes bis zwölftes Kapitel erstellt von Thomas Stemmer — zuletzt verändert: 18.08.2007 14:15
Später im Semester hielt er – schüchtern vor sich hinplappernd – einen Vortrag über ein Gemälde aus Picassos Blauer Periode, aus Picassos schwermütiger Zeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Bandolsin Trölk hatte keine Ahnung von Wissenschaftlichkeit und verglich das Bild aus dem hohlen Bauch heruas mit einem Werk von Cézanne. Sein Kunstgeschichte-Professor, der in diesem Proseminar in der ersten Reihe saß, blickte lange geistesabwesend vor sich hin, dann überfiel sein Gesicht ein Ausdruck, als wollte er sagen Unglaublich, welche Idioten heutzutage studieren dürfen!
Drei- bis fünfzehntes Kapitel erstellt von Thomas Stemmer — zuletzt verändert: 18.08.2007 14:41
Als das Sommersemester 1983 auf sein Ende zuging, fragten Bandolsins Eltern, ob er sie auf ihrer zweiwöchigen Urlaubsreise im August begleiten wolle. Bandolsin Trölk wollte jedoch nicht. Bandolsin Trölk wollte überhaupt nichts. Auf gar keinen Fall wollte er in Oberisling bleiben, doch der Gedanke an Wegfahren verstörte ihn zutiefst. Die Gefahr, so Bandolsin Trölk, lag eindeutig draußen. Daraus schloß er, das es die beste Idee war, still und starr dort zu verharren, wo man gerade war. Das heißt, solange es sich nicht um Oberisling handelte. Kurzum, Bandolsin Trölk war fest entschlossen, die zwei Urlaubswochen im Haus seiner Eltern abzusitzen.
Fünf- bis siebzehntes Kapitel erstellt von Thomas Stemmer — zuletzt verändert: 18.08.2007 14:38
Dabei kam erschwerend hinzu, daß es das 20. Jahrhundert nicht gut meinte mit Menschen wie Bandolsin Trölk. Im glücklicheren Zeitalter der Romantik hätte er in jedem Fall bessere Karten gehabt unter all den Poeten und Künstlern, unter den Mond-Doktoren und Magnetiseuren, Gemälden von abfahrenden Schiffen, arkadischen Sehnsüchten, nervlichen Überreizungen, Vignetten zu Minneliedern, literarischen Salons, Ruinen, den Leben diverser Taugenichtse und der Herzensergießungen, den unterschiedlichen Empfindsamkeiten und hymnischen Verliebtheiten in die sonnenabgewandte Nacht.
Achtzehntes bis Zwanzigstes Kapitel erstellt von Thomas Stemmer — zuletzt verändert: 18.08.2007 14:35
Der große olivfarbene LKW, der ihn genau um 14 Uhr jenes 2. April 1984 am Bahnhof Bayreuth eingesammelt hatte, um ihn zu anderen erschreckten Volljährigen, die sich mittels dummer Späßchen krampfhaft bei Laune hielten, auf die Ladefläche zu werfen, hielt kurz an, und Bandolsin Trölk wurde gewahr, daß er nun drinnen war. Die Schranke am Eingang der Kaserne senkte sich hinter ihm. Alles war vorbei.