9. Kapitel: Ein Ei und Frieden
Nun, da Mudev Skrugel Sevilla bis auf wenige Kilometer nahe gekommen war, überraschte ihn eine eigentümliche Empfindung, ganz so, als sei er nicht vor einigen Tagen in Nürnberg losgefahren, und als habe er das alte mysteriöse Haus, das seine Kindheit mit Gewölben und unerwarteten Nischen begleitet hatte, nicht verkauft.
Als würde er in wenigen Sekunden in dem alten Bett im ersten Stock des Hauses in der Weidener Türlgasse aufwachen, wo eine 50 Jahre alte hölzerne Limonadenkiste den Zusammenbruch der Schlafstatt verhinderte, und alles sei nur ein langer oder zumindest recht ausführlicher Traum gewesen. Als würde er sogleich dankbar durch die alten Mauern schreiten und jenen Raum aufsuchen, der nahezu ein Kreuzgratgewölbe aufwies und der, in der Mitte des Hauses gelegen, kein Fenster zur Straße hin hatte. Jahrelang hatte ergeglaubt, es handele sich um eine alte Kapelle, doch in Wirklichkeit war es die alte Küche des Hauses, die Kuchl. Von der Decke her kam ein wenig Licht in diese Kuchl herein; ansonsten hüllte sich der Raum in wattiertes, samtig-dunkles Schweigen.
Mudev Skrugel hätte also entweder nur geträumt oder war nach einem eventuellen plötzlichen Anprall post mortem, abgestorben in das Haus in der Türlgasse zurückgewandert, nun einer der vielen Geister, die seit Jahrhunderten in den Gemäuern lebten, auf daß sich die Geister-Population weiter vergößere und beinahe ein ganzer jenseitiger Stadtteil in dem Haus lebte. Beide Varianten erschienen ihm gleich wahrscheinlich.
Immerhin: In diesem Haus in der Türlgasse lebten freundliche Geister. Geister, mit denen man es aushalten konnte und die beinahe etwas Bajuwarisch-Gemütliches an sich hatten, und die niemandem schadeten.
Als Kind hätte er geglaubt, nunmehr ein Ei und Frieden zu haben. So lautete einer seiner Hörfehler, denn der Pfarrer hatte während der Messe zwar Einheit und Frieden gepredigt, doch der seinerezeit erst wenige Jahre alte Mudev Skrugel hatte Ein Ei und Frieden! verstanden. Seither war ihm das logisch erschienen und selbst als mittelalter Mann, der im Wagen saß, der sich Sevilla näherte, klang Ein Ei und Frieden noch wie eine Segensformel. Was immer auch geschehen mochte, er würde immer wenigstens ein Ei zu essen und Frieden haben. Weniger als ein Ei und Frieden war nicht möglich. Ein Ei und Frieden sozusagen garantiert zu haben, ließ ihn mutig ins Leben schreiten, denn was sollte schon passieren?
Er hatte immer mindestens ein Ei und Frieden.
Und so konnte diese plötzlich anprallende Empfindung kurz vor der Stadtgrenze von Sevilla in Ruhe hingenommen werden, ob sie nun ein Zeichen des Lebens oder ein Zeichen des Todes war.
Für den Fall des Traums hatte er schon Pläne!
Würde Mudev Skrugel also aufwachen, und sich in einer der vergangenen Zeiten wieder in dem alten Haus in der Türlgasse finden, so könnte er sachte, um die schlafenden Eltern nicht zu wecken, über die rotlackierte, ausgetretene Holztreppe schleichen und dann in die Türlgasse hinausschlüpfen, alle benachbarten Familien, die Wirners, die Leinerts, die Merkls und die Späths grüßen, um danach mit den Händen in den Hosentaschen auf und ab zu flanieren.
An der Ecke der Türlgasse zum Unteren Markt, direkt gegenüber des Alten Rathauses würde er die Buchhandlung Taubald betreten, in der ihn ein Portrait des Komponisten Max Reger begrüßte, das ihm immer ein wenig Ehrfurcht eingeflößt hatte. Der große Tonkünstler hatte zu seiner Lebenszeit ebenfalls – wie es hieß – diese Buchhandlung frequentiert. Mudev Skrugel hätte ein wenig in den Büchern geblättert und wäre dann nach hinten, zu den schönen Sastruphon – LPs mit klassischer Musik gegangen, Schallplatten, die die bekanntesten Klassiker zu billigen Preisen, zumeist sechs Mark, feilboten, und die stets den Geruch von Schulwerk an sich hatten. Vielleicht lag das an dem sehr kunstvoll klingenden Namen der Plattenfirma – Sastruphon – der sehr nach solider, wohltuender, humanistischer Buildung roch. Wieder ein solches Wort: Sastruphon. In dieser Buchhandlung hatte Skrugel zu Beginn der 1980er-Jahre einer Lesung des Schriftstellers Franz Joachim Behnisch gelauscht, eines Mitglieds der Gruppe 47, den er damals noch nicht so hochgeschätzt hatte als später, da Skrugel einfach noch zu jung war. Später jedoch war Behnisch schon tot. Ja, in eine solche Buchhandlung mit den guten Geistern von Franz Joachim Behnisch und Max Reger wäre Skrugel als erstes gegangen.
Und dann wäre er ein wenig auf und ab marschiert. Was sollte ihm schon pasieren? Ein Ei und Frieden konnten ja als gesichert gelten.
In jenen Zeiten hingen zum Teil noch alte Schilder mit einer sehr schönen Schreibweise: Thürlgasse. Davon zweigte die Fleischgasse ab. Nun war alles da: Ein Ei, Fleisch und Frieden. Fehlten nur noch Zwiebeln, Knoblauch und eine starke Tasse Kaffee mit ein wenig Milch darin.
Den Rest der guten Speisen gab es im Hennerloch, einer traditionellen Gastwirtschaft mit Biergarten. Die Grünen Nudeln Don Alfredo, die man dort vor langer Zeit als Gericht eingeführt hatte, vermittelten ihm damals schon ein spanisches Gefühl. Sie kamen ihm in der Tat so spanisch vor, daß er viele Jahre später in einem Wagen samt Archiv und Büchern vor Sevilla, vor der spansichen Metropole stand, vor eben jener Stadt, die als heißeste Stadt Spaniens galt. Bis zu 50° C sollen dort schon gemessen worden sein.
Die Stadt Sevilla betrat Mudev Skrugel von der Seite des Flughafens her. es war aschjon lange dunkel und zu seinem Entstezen bemerkte er erste Regentropfen an der Windschutzscheibe.
Verdammt
, fluchte er, 2700 Kilometer habe ich das Archiv bewahrt wie ein rohes Ei, und jetzt kann ich alles wegwerfen, wenn es vollgeregnet wird...Ein rohes Ei und Frieden: Das Archiv war aus Papier und daher hochgradig empfindlich. Es ärgerte ihn.
Mudev Skrugel fluchte wegen des Regens nicht nur, sondern vielmehr fühlte er sich verflucht, und doppeler Wut fluchte er zurück. In einem Text von William S. Burroughs hatte er einen solchen Anti-Fluch gelesen, einen geraunten Spruch, der den Fluch mit doppeltem Schmerz und doppeltem Verlust wieder an den Absender zurückschickte – Curse, go back with double pain and lack! – und diesen Fluch zischte er wutentbrannt und glühend vor Zorn zwischen seinen Zähnen hervor, denn schließlich ging es um sein gesamtes Archiv sowie um einige sehr feine Bücher! Um mehr also als nur um den gesicherten Grundstandard von einem einzigen Ei und Frieden.
Auf den Frieden konnte er dabei noch eher verzichten als auf das Ei. Es war ihm lieber, ein Ei zu essen und ansonsten in Konflikt zu leben als ohne Ei friedlich dahinzuleben. Ob allerdings das Wort Ein Ei und Frieden eintauschbar war in Zwei Eier, vermochte Mudev Skrugel nicht zu sagen.
Ziellos geisterte er durch die Straßen von Sevilla, denn er hatte noch keinen Überblick über die Stadt, und die gräßlichen modernen Blöcke und Hochhäuser, durch die Skrugel hereingefahren war, vermittelten ihm den Eindruck von immergleichen Straßen, ununterscheidbar und öde. Er hatte nur eine Wahl: Er mußte so lange planlos fahren, bis er eine Ecke wiedererkannte und sich an ihr neu orientieren konnte. So führte ihn die Avenida Kansas City fast zum Macarena-Viertel, doch dann wieder in die Nähe des Stadtteils Nervion, schließlich über den Guadalquivir hinweg nach Los Remedios und danach direkt in ein städtebauliches Nirgendwo hinein, für das er auch im Nachhinein keinen rechten Namen mehr wußte.
Wo war er gelandet?
Er erreichte schließlich sein Ziel, El Porvenir, eine ruhige Ecke Sevillas aus den 1920er-Jahren, auf ungewissen Wegen und abseits jeglicher Planung. Über seiner Sorge um den richtigen Weg hatte er nicht gemerkt, daß es zu regnen aufgehört hatte.
Sein Archiv war gerettet!
Schnell trug er Stehsammler um Stehsammler, Aktenordner um Aktenordner ins Haus und brachte die Bücher an einen sicheren Ort.
War er angekommen?
Träumte er?
Oder war er doch noch plötzlich angeprallt und abgestorben?
Da er nun entweder träumte und erwachte oder im Traum erwachte oder der Tod ihm traumhaft viele Wege öffnete oder ob er tot – angeprallt und abgestorben – weiterlebte oder schlichtweg lebte wie im Traum oder immer schon träumend lebte, verflossen für ihn Erinnerung und Gegenwart ein einem Stillstand jeglicher Zeit.
Ein Ei außerhalb der Zeit.
Frieden außerhalb der Zeit.
Von dort ließen sich Landschaften überblicken wie Spielpläne von Kindern. Es war wie eine Speise für den Verhungernden, der die Leberpastete suchte.
Wo waren die Trüffel?
Wo war das Gänseschmalz?
War da nicht schon der Duft frisch zubereiteten Kaffees?
Welche heiligen Bücher vermittelten die besten Kochrezepte?
Wörter! Worte!
Silben!
Mantras!
Delirien!
Im Stillstand der Ankunft lag ein wenig Verwirrung. Tod? Leben? Essen? Ei? Frieden? Rezepte? Worte?
Wie auch immer oder wo auch immer, Mudev Skrugel war sich sicher, die Toten aller Jahrhunderte aus dem Haus in der Weidener Türlgasse würden ihn willkommen heißen. Notfalls würden für ihn sogar alle siedenden Waschkessel außer Betrieb gestellt werden. Wer im Waschkessel lag, würde sich erheben und nach einem überaus vergeistigten Trockentuch rufen.