8. Kapitel: Der Musident
Mit der Musik war es ja so eine Sache. Lange hatte der noch sehr kleine Mudev Skrugel von Eltern und Großeltern etwas über Musik gehört. So hatte er sich bei ihm, noch bevor er bewußt die ersten Töne und Takte einordnen konnte, ein besonderes Verständnis von Musik eingestellt.
Bis ihm abermals ein Wort in die Quere kam.
Man hatte ihm Muß ich denn zum Städtele hinaus vorgespielt und er hatte den Text falsch oder zumindest anders verstanden. Die erste Zeile dieses Liedes war bei ihm so angekommen: Musident, Musident, zum Städtele hinaus!!!
Es gab also eine Person, die – so oder so – mit Musik verwickelt war: Der Musident.
Und dieser Musident hatte offensichtlich etwas falsch gemacht und wurde nun streng behandelt. Man jagte ihn also aus der Stadt. Musident, Musident, zum Städtele hinaus!!! brüllten sie hinter ihm her, und der Musident, schlau, wie er war, sah, daß er gegen eine solche Übermacht nichts ausrichten konnte. War ein schreiender, geifernder und blökender Pöbel-Haufen erst einmal von der Leine gelassen, gab es keine Rettung und auch kein Halten mehr.
Der Musident verschwand schnell aus der Stadt und machte anderswo Musik. Die Stadt, die ihn verjagt hatte, stand nun auf seiner Schwarzen Liste. Vielleicht ergab sich ja später die Möglichkeit, es dieser Stadt und ihrem Pöbel heimzuzahlen.
So dachte es sich der Musident und spielte seine Flöte dazu.
Mudev Skrugel hatte diese Geschichte ebenfalls niemals vergessen. Zwar führte er für Menschen wie den Musidenten keine Schwarze Liste, doch seither dachte er daran, was dem Musidenten widerfahren war. Es genügte ihm zur Mahnung und zur Warnung, selbst wenn Eltern und Großeltern darauf beharrten, daß es gar keinen Musidenten gab, daß der noch kleine Mudev Skrugel vielmehr nur einem Hörfehler erlegen war. Skrugel jedoch hatte bereits so sehr an den Musidenten gedacht, daß er ihn vor sich sah und des Nachts sogar von ihm träumte. Es gab also ein Wesen, das sich ihm als Musident vorstellte und das tatsächlich existierte und dem kleinen Mudev Skrugel eine Lektion fürs Leben erteilte, wenngleich das Lied nicht vom Musidenten berichtete, und Eltern und Großeltern mit ihrer Behauptung von einem Hörfehler zweifelsohne Recht hatten.
Das Wort Musident öffnete die Tür und brachte Mudev Skrugel mit einem Wesen in Kontakt, das er – vielleicht fälschlicherwiese, vielleicht auch nicht fälschlicherweise – als Musident bezeichnete.
In der Gegend von Albacete wurde Mudev Skrugel bewußt, daß er seit seiner Abfahrt aus Nürnberg mit niemandem gesprochen hatte, außer mit Hotelangestellten an der Rezeption und mit dem Personal des Frühstücksbuffets.
Das reichte im Grunde. Vielleicht war aber auch der Musident selbst bei ihm. Sollte das so sein, könnte er genausogut mit diesem Musidenten sprechen. Nach dessen harten Erfahrungen – mit dem Spruch Musident, Musident, aus dem Städtele hinaus!!! vom Pöbel, vom Pack aus der Stadt gejagt zu werden – mußte dieser Musident doch Verständnis für nahezu alles aufbringen können!
Um Albacete war alles leer. Als Skrugel in Richtung Bailén weiterfuhr, verstärkte sich der Leere der Landschaft, der Leere sogar der menschlichen Ansiedlungen.
Was der Musident wohl dazu sagen würde?
Die Straße nach Bailén war nun sehr schmal, eine klassische Landstraße. Dennoch kam Mudev Skrugel gut voran, da nur sehr wenige Autos unterwegs waren. Mitten in dieser hügeligen Leere tauchten jedoch immer wieder kleine Wäldchen von plantagenartig aufgereihten hohen Laubbäumen mit geradem Stamm. Diese Wäldchen waren eindeutig angelegt und dienten dem einen oder anderen Zweck.
Der Druck auf die Blase brachte Skrugel zum Anhalten und Aussteigen. Eine unerwartete Stille umfing ihn, doch als er gerade auf den Gedanken verfallen war, der einzige Mensch auf Erden zu sein, entdeckte er die Reste eines zerfetzten LKW-Reifens. Er war – nun hatte er den Beweis – nicht der einzige Mensch auf Erden.
Was der Musident wohl dazu sagen würde?
Nach langer leerer Fahrt erreichte Mudev Skrugel ein kleines Dorf, das sich El Jardin, also Der Garten nannte. Dieser Jardin schmiegte sich in die Landschaft und war durchweg reizvoll anzusehen. Doch selbst wenn dieses Dorf nicht schön wäre, hätte es den Namen El Jardin vollkommen zurecht: Nach der zurückgelegten Leere der Landschaft wäre einem wohl jede menschliche Ansiedlung wie ein Garten erschienen. Nach El Jardin begann mehr und mehr ein eigentümlicher Wind zu pfeifen und Vögel flogen neben dem Wagen her, als wäre die Leere ein Meer und Mudev Skrugel befände sich auf einem Schiff.
In einer solchen geheimnisvollen Gegend alleine auf der Straße zu sein, hatte eindeutige Vorteile. Durchgezogene weiße Striche auf dem Teer ließen sich sehr gut ignorieren. Auch Schlangenlinien fahren hatte keinerlei Konsequenzen.
Immer wieder blitzte es rechts oder links neben der Straße. Zuerst konnte sich Mudev Skrugel das nicht erklären, doch dann verstand er, daß es sich um alte Dosen handelte, die so ihren unheimlichen Spuk entfalteten. Daß es so lange dauerte, bis Skrugel begriff, woher das Blitzen kam, lag zum einen an seiner Bereitschaft, alles zu glauben, je bizarrer, desto besser, und zu anderen daran, daß diese Landschaft mit ihren Hügeln, um die sich die Straße wand und der seitlich hereinsickernden Leere eine gewisse Bereitschaft für unerklärliche Phänomene beförderte.
Mudev Skrugel war also beinahe enttäuscht darüber, daß der blitzende Spuk einen derart banalen Grund hatte. Dosen! Nur Dosen! Einfache Doden. Andererseits jedoch war Mudev Skrugel in diesem Augenblick froh, daß es in Spanien kein Dosenpfand wie in Deutschland gab. So konnte der romantisch glitzernde Spuk die richtige Stimmung bei den Durchreisenden erzeugen...
Skrugel war begeistert!
Was der Musident wohl dazu sagen würde?
Kurz vor Alcaraz weitete sich die Landschaft. Auf der einen Seite standen hohe Berge, die andere Seite hingegen zeigte eine arkadische Landschaft, die ihn sogleich an das Bild auf der Mondamin-Blechdose erinnerte, in der er das Tagebuch seiner Mutter verwahrte, und die er inzwischen durch das leere Castilla La Mancha fuhr.
Etwa 100 Kilometer vor Bailén unterwies ihn ein Schild, daß er Castilla La Mancha verlassen und Andalucía betreten hatte. Zuvor war Mudev Skrugel nicht bewußt gewesen, daß sich Andalucía so weit in den Norden hinauf zog. Er hatte die nördliche Grenze gleich hinter Sevilla vermutet.
Die Straße zog sich nun direkt über die Bergrücken hin. Dort oben schien die Landschaft ein wenig mehr Kühle auszustraheln. Mudev Skrugel war es einerlei. Immerhin hatte er gesiegt: Dem mitteleuropäischen Winter war er davongefahren.
Bei Linares, kurz vor Bailén, verwandelte sich die Straße wieder in eine autovía, jene kostenlose Variante der mautpflichtigen autopista. Dadurch ging ein guter Teil der Romantik verloren. Doch Mudev Skrugel blieb ruhig: Schließlich war immer noch genug davon vorhanden.
Was der Musident wohl dazu sagen würde?
Mudev Skrugel rechnete hoch. Wenn nicht irgendetwas dazwischenkam – quasi plötzlich anprallte – würde er sein Ziel wirklich noch am selben Tag erreichen, aller Voraussicht nach gegen 21 Uhr. Eine Überlegung erschreckte ihn dabei ein wenig: Hatte das Anprallen und Absterben so lange gewartet, so könnte eine Art Torschlußpanik entstehen und das Anprallen gebärdete sich brutaler und heftiger als zu Beginn der Reise. Das galt, falls es überhaupt noch ein plötzliches Anprallen gab. Mudev Skrugel konnte, wie schon zuvor, nicht umhin zuzugeben, daß sein Denken ein wenig magisch durchsetzt war. Das plötzliche Anprallen und Absterben als eigene – handlungsfähige und entscheidungsfreudige – Person anzunehmen, war gewiß nicht jedermanns Sache.
Doch war das ein Argument? Mudev Skrugel lebte gut mit derartigen Annahmen. Sie reizten ihn und gaben Würze.
Was der Musident wohl dazu sagen würde?
Dann sagte das Straßenschild (Ganz so, als könne auch ein solches Schild handeln und Entscheidungen treffen... Magie über Magie!) das Wort Bailén. Er hatte also diesen geschichtsträchtigen Ort, an dem Spanier 1808 gegen Franzosen gekämpft und diese besiegt hatten, erreicht.
Bailén.
Das Wort Bailén hatte für Skrugel immer einen seltsamen Beigeschmack. Bailén: Das klang wie das spanische Wort für Tanzen: bailar. Hatte also seinerzeit die spanische Armee zu Beginn des 19. Jahrhunderts regelrecht zu Tode getanzt? War das die spanische Variante des tanzenden Hindu-Gottes Shiva? Shiva Nataraj?
Shiva: Dieser Gott war einer der interessantesten Aspekte des Hinduismus.
Was der Musident wohl dazu sagen würde?
Von Natur aus war Shiva ein Grenzgänger und eher mit den Randbereichen als mit dem Zentrum assoziiert. Im Rahmen der Hindu-Dreieinigkeit Brahma / Vishnu / Shiva spielte er den zerstörenden Teil; sein Tanz war der Tanz der Zerstörung, allerdings mit dem Sinn, das Neue aufzubauen Von 1200 v. Chr. bis etwa 600 v. Chr. erschien er in der vedischen Periode als Rudra, der Gott mit dem blauen Nacken. der früheste Hinweis auf Shiva-Rudra liegt in einem Siegel eines gehörnten Gottes aus der Industal-Kultur vor. Seither geistert der Herr der Tiere der Wildnis durch die Religionsgeschichte, ein zorniger Gott der Außenseiter, der allerdings gleichzeitig auch der Hüter der Orthodoxie sein kann. Er ist der Gott seltsamer Mystiker wie zum Beispiel der Vratyas, die ständig umherwandern und schwarz gewandet einherschreiten (um eines der vielen Beispiele herauszugreifen...). Die Vratyas gehen auf Männerbünde zurück, deren Mitglieder durch eine Initiation gestorben sind. Sie verbreiten Schrecken im Lande und fordern als Repräsentanten des Todes Vieh als Tribut.
Der Vratya-Anführer ähnelt dem Gott Indra, die Vratya-Anhänger haben etwas von den Maruts, den vedischen Windgöttern an sich. Es scheint, daß es sich bei den Vratyas um ketzerische Brahmanen handelt, die durch ihren Auszug im Ritual gereinigt werden. Sind die Vratyas in Not, wie durch anhaltenden Hunger, führen sie ein Ritual durch, das Sattra benannt ist. Ein solches Fest dauert 12 bis 61 Tage. Der Ort eines solchen Sattra ist die Wildnis, in die man durch das Unterholz kriecht. Dann sitzt man beim Sattra. Sattrins werden mit Hunden verglichen. Im Gegensatz zum klassischen Shrauta-Ritual, das immer gelingt, ist der Ausgang eines Sattra höchst ungewiß und hängt von den richtigen Formulierungskünsten ab. Von diesen Formulierungskünsten führt ein direkter Weg zur Dichtkunst, zur Poesie. Es geht sogar die Sage, das Epos Mahabharata sei während eines Sattras geschaffen worden.
Durch die Dichtkunst erlangt man also Speise, die ihrerseits durch die Dichtung legitimiert ist. Vratyas glauben, sie besäßen das Anrecht auf die Brahmanenspeise. Die Brahmanen wiederum verweigern ihnen dieses Recht: Die Heilige Speise wird zu Gift.
Da nun in Indien tendentiell alles mit allem verbunden wurde, entstand die Schlacht von Bailén lebhaft vor Mudev Skrugels innerem Auge.
Spanien entledigte sich dadurch von der französischen, napoleonischen Herrschaft. Die Vratyas tobten umher. Als Hunde verkleidet und Shiva oder Rudra preisend tanzten sie in Bailén. Napoleons Speise wurde zu Gift.
Die Schlcht von Bailén war nur ein sehr kurzes Sattra, denn eine Schlacht von 61 Tagen war eine unerträgliche Vorstellung. Diese Schlacht von Bailén war ein Gedicht, ein Tanz. Kein Wunder, daß das spanische Wort für `tanzen´ bailar ist. Bailar ist Bailén. Die Worte tanzen dahin. Mudev Skrugel bezeichnete diese heimlichen Zusammenhänge als Poetisch-ekstatische Wissenschaft. Wie die Vratyas glaubte er, daß es auf die richtigen Formulierungskünste ankam.
Erschien dies alles mitunter etwas weit hergeholt? Mudev Skrugel kannte einen solchen Vorwurf nur allzu gut. Doch wo sonst sollte er die wichtigen Dinge des Lebens herholen, wenn nicht von weit her, von ganz weit her, von so weit wie nur irgend möglich her? Er kannte ebenfalls jenen spezifischen Personentypus, der einen derartigen Vorwurf vorbrachte, sehr, sehr gut. Er wußte mit ihm umzugehen: das Beste war, elegant an ihm vorbeizutanzen: bailar. Bailén.
Kein Wunder, daß er damals, in den 70er-Jahren, als er gerade um die 15 Jahre alt war, und alle Welt ihn bedrängte, er solle einen Tanzkurs machen, ensetzt Reißaus nahm. Das, so ahnte er damals schon, war überhaupt nichts für ihn. So ein Tanzkurs war eben kein Sattra. Shiva war in diesen Tanzschulen nicht anwesend. Er hörte damals ein weiteres Mal das allseits bekannte bedrohliche Mantra Ja, da wennst du fei keinen Tanzkurs machst, wirst fei a gscheiter Außenseiter..., doch ihn erschreckte das in keinster Weise. Wie lange lebte er? 80 Jahre? 90? 100? Erdgeschichtlich gesehen nur eine Sekunde. Ob Mudev Skrugel diese eine Sekunde als Außenseiter, als Mitläufer oder als Minderbelasteter verbrachte, war vollkommen egal.
Gediegen das Wort Einundzwanzig auszusprechen – das soll angeblich eine Sekunde dauern – konnte jeder Idiot. Also auch Mudev Skrugel.
Was der Musident wohl dazu sagen würde?
Möglicherweise würde er gar nichts dazu sagen, denn es hätte ihm die Sprache verschlagen oder auch die Musik.
Daß die N 4, die Verbindung von Madrid nach Cádiz, so nahe an Bailén verbeiführte, daß eine Ausfahrt so benannt worden war, war – poetisch gesehen – mehr als lediglich schlau. Das reichte schon an Bereiche der Weisheit heran. Mudev Skrugel kam die Frage in den Sinn, ob eine solche geschickte Straßenführung nicht Allgenmeingut werden könnte. Es gäbe dann keine größeren Straßen mehr in Vorstädte mit immergleichen Plastikhäusern aus dem Katalog oder gar Blöcken, sondern in jeder Innenstadt wäre an einer ästhetisch schön gelegener Stelle ein Hinweis auf eine – im wahrsten Sinn des Wortes – wundervolle Fernstraße nach Indien. Ferner wäre der Iran angeschrieben, da dort der Dichter Hafis gelebt hatte, und auch das türkische Konya, denn dort war der islamische Dichter und Mystiker Jalal-ud-din Rumi, auch Hazrat Mevlana genannt, begraben. Darüber hinaus wären Städte mit schönen Kaffeehäusern miteinander verbunden, wie etwa Wien mit Prag oder Paris mit Barcelona. Die Ausfahrten entlang dieser Routen müßten nicht unbedingt profane Ortsnamen tragen, sondern könnten durchaus auch nach vorzüglichen Speisen benannt sein.
Nächste Ausfahrt: Chapeaux de champignons de Paris farcis
Nächste Ausfahrt: Tortilla española
Nächste Ausfahrt: Secreto iberico
Da also die napoleonische Armee bei Bailén vernichtend geschlagen worden war, könnte diese Ausfahrt Bailén – als kleiner Trost für die Grande Nation – in Poulet à la Marengo umbenannt werden.
Die dahinterstehende Geschichte zeigt die französische Armee im Jahre 1800 unter Napoleon Bonaparte vor der Schlacht von Marengo in arger Bedrängnis. Es fehlte die Butter, in der das Huhn für den Feldherrn Napoleon gebraten werden sollte. Geschwind wurde sie durch Olivenöl ersetzt und das Rezept Poulet à la Marengo, das berühmte Schlachtenhuhn, war entstanden. Napoleon ließ es sich schmecken und im Gegensatz zu den Vorgängen bei Bailén im spanischen Andalucía gewann er jene Schlacht!
Was der Musident wohl dazu sagen würde?
Dabei war Mudev Skrugels Weg nach Bailen recht lang. Von spektakulären Todesfällen in der Familie bis zur Idee, auf einer langen Reise in Richtung Süden plötzlich anzuprallen und abzusterben, in die sinistre Tiefe hinunterzusterben oder ebenso sinistre und verfallene Stadtbilder mit bröselnder Bausubstanz ekstataisch und berauscht zu verehren bis hin zur erstaunlichen Schlacht zwischen spanischen und französischen Truppen 1808 in Bailén. der Weg führte über unterschiedliche Landschaften, von der bayerischen Oberpfalz, die in ihrer für deutsche Verhältnisse sehr dünnen Besiedlungsdichte hin und wieder nahezu mystische Rauheit erreichen kann, über die Ebene, in der Nürnberg liegt, über das Neckartal, von der Dichte der Besiedelung das genaue Gegenteil der Oberpfalz, weg von den grimmigen Landschaften, in denen es im Grunde das ganze Jahr über lediglich verschiedene Abstufungen von Winter mit ein paar eingestreuten Frühlingstagen gibt, hin zu milderen, südlicheren Landschaften. Dem Et in Arcadia Ego war also ein Et in Oberpfalz Ego oder ein Et in Neckartal Ego und Et in Bailén Ego vorausgegegangen. Zumindest war es möglich – und das war Mudev Skrugels ureigenstes Anliegen – eine solche Route zusammenzubiegen, zusammenzubescheißen, zusammenzureimen. Dazu war ein solcher Musident gut! Man konnte ihm solche Zusammenhänge mit vielen Worten erklären und vorzüglich darlegen. Aufgrund seiner deprimierenden Lebenserfahrung mit anderen Menschen – "Zum Städtele hinaus!" – hatte er sich in einen geduldigen Zuhörer voller Geduld und Nachsicht entwickelt. Wer nicht auf der Schwarzen Liste des Musidenten stand, wurde vornehm behandelt.
Mudev Skrugel hatte in der Gegend von Bailén den Eindruck, Zwiesprache mit dem Musidenten, mit El Musidente zu halten. Dabei stellte er es sich so vor, daß sie zu zweit auf einer sonnigen Terrasse saßen und ein Poulet à la Marengo, ein Schlachtenhuhn verspeisten. Damit ließ sich jede Schlacht gewinnen. Ein kleiner Feldherrenhügel, eine entsprechend martialische Kopfbedeckung sowie feines Porzellan, auf dem das Poulet à la Marengo gut durchgebraten ruhte.
Wir schrieben also das Jahr 1808.
Für den Zeitraum bis 1832 hätte man in Deutschland Goethezeit gesagt.
---Goethe hätte den Sieg der Spanier über Napoleon bei Bailén sicherlich eher bedauert, nicht wahr, Herr Musident?
---Man könnte es vermuten, Herr Skrugel, nun, denn: Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten, / Die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt. / Versuch ich wohl, euch diesmal festzuhalten? Fühl ich mein Herz noch jenem Wahn geneigt? ///
---Das können Sie auswendig dahersagen, Herr Musident?
---Aber natürlich, Herr Skrugel! Selbstverständlich! Sie etwa nicht?
Der Musident hatte ihn kalt erwischt. Verstört kramte Mudev Skrugel aus dem Inneren des Wagens ein altes, abgegriffenes Bändchen – Goethe: Lyrische Gedichte – hervor und las, was dort unter der Überschrift Ein Gleiches (Beherzigung 1775. Aus der Oper Lila 1777) tröstlich vermerkt war. Feiger Gedanken / Bängliches Schwanken, / Weibliches Zagen, / Ängstliches Klagen / Wendet kein Elend, / Macht dich nicht frei. // Allen Gewalten / Zum Trutz sich erhalten, / Nimmer sich beugen, / Kräftig sich zeigen, / Rufet die Arme / Der Götter herbei. ///
Bei diesem Bändchen handelte es sich anscheinend um altes Schulwerk. Angenehme Ornamentik auf angegrautem Orange-Rot. Schöninghs Textausgaben alter u. neuer Schriftsteller, in altem Schrifttypus gedruckt, mit abgerundeten Ecken. Für solche Dinge hatte Mudev Skrugel eine stille Vorliebe. In einer dröhnenden Welt war ihm die Stille eine brachiale Waffe zu seinem eigenen Schutz, die er stets zur Verfügung hatte. Ein soches Gedichtbändchen etwa. Allein die Bezeichnung des Goethe-Gedichts mit Worten wie Beherzigung 1775 entzückte ihn. Auf diese Weise war er vor einiger Zeit auf ein Schlüsselwerk der Romantik Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders von 1797 aus den Federn von Ludwig Tieck und Heinrich Wackenroder gestoßen. Und er war nicht enttäuscht worden. Aus welchen Gründen auch immer, diese Herzensergießungen als Reclam-Bändchen hatte er dem Spediteur mitgegeben, der sie nun auf anderem Wege durch Europa fuhr.
Mudev Skrugel ließ es sich auf der Zunge zergehen, daß der Spediteur mit dem Büchlein der Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders Sätze wie diese – betitelt Der merkwürdige Tod des zu seiner Zeit weitberühmten Malers Freancesco Francia, des Ersten aus der Lombardischen Schule – quer durch den europäischen Kontinent steuerte:
Einst, als er von einem Ausgange nach Hause kam, eilten seine Schüler ihm entgegen und erzählten ihm mit großer Freude, das Gemälde von Raffael sei indes angekommen und sie hjätten es in seinem Arbeitszimmer schon in das schönste Licht gestellt. Francesco stürzte, außer sich, hinein. –
(...)
Es war ihm, wie einem sein müßte, der voll Entzücken seinen von Kindheit an von ihm entfernten Bruder umarmen wollte und stattdessen auf einmal einen Engel des Lichts erblickte.
(...)
Ehe seine Schüler sich versahen, fanden sie ihn tot im Bette liegen. –
So ward dieser Mann erst dadurch groß, daß er sich so klein gegen den himmlischen Raffael fühlte. Auch hat ihn der Genius der Kunst in den Augen der Eingeweihten längst heiliggesprochen und sein Haupt mit dem Strahlenkreise umgeben, der ihm als einem echten Märtyrer des Kunstenthusiasmus gebührt. –
(...)
Diejenigen kritischen Köpfe, welche an alle außerordentliche Geister, als an übernatürliche Wunderwerke, nicht glauben wollen noch können und die ganze Welt gern in Prosa auflösen möchten, spotten über die Märchen des alten ehrwürdigen Chronisten der Kunst und erzählen dreist, Francesco Francia sei an Gift gestorben.
Machte es einen Unterschied, ob eine Landschaft oder ein Land solchen Sätzen ausgesetzt war oder nicht? Wer jagt wen zum Stadttor hinaus? Wer macht für wen die Atmosphäre unerträglich?, das war, meinte Mudev Skrugel, die entschiedende Frage. Hinter jeder romantischen Fassade brodelte es. Mudev Skrugel liebte das. Alles brodelte. Alles kochte. Unendliche Hitze wurde erzeugt. Alles war möglich. Jede einzelne Landschaft war ein offenes Tal. Alles war süß. Am liebsten mochte Mudev Skrugel jene Bonbons, die innen mit klebrigem, zuckrigem Schleim aufgefüllt waren, und die er lediglich mit einem kurzen und harten Knack! seiner Zähne aufhebeln mußte, um möglichst schnell die feine Zuckermasse einzusaugen.
Wie sich dies alles im Fall des Musidenten verhielt, vermochte Mudev Skrugel jedoch nicht zu verstehen.
Was der Musident wohl dazu sagen würde?
Der Musident war ja auch so ein Romantiker. Gewiß hatte ihn ebenfalls ein solch langer Weg hergeführt wie Mudev Skrugel.
Mudev Skrugel hatte vor, bei Bailén zu einer Raststelle zu fahren; stattdessen landete er mitten im Ort selbst, in Bailén. Aufgrund der Geschichtsträchtigkeit des Ortes erwog er kurz, sich ein wenig umzusehen, doch verwarf er diesen Gedanken sogleich wieder. Er mußte – so schloß Skrugel – die spanische Geschichte nachspielen.
Die N4, die er so erreichte, sprach in ihren Schildern bereits von Sevilla und von Cádiz. Auch entlang dieser Straße wurde beständig irgendetwas verbrannt, was einzelne Abschnitte des Weges wie einen Innenraum mit Rauch oder Dunst auffüllte, was den Eindruck einer Waschküche vermittelte. Es wäre für Skrugel nicht weiter verwunderlich, würde ihm schwindelig werden und würde er in den nächsten Waschkessel stürzen. Anprallen, absterben, in der Familie bleiben und das Schicksal wiederholen. Altes, alter Haus, 16. Jahrhundert bestimmt, Gänge, versteckte Kammern und knarzende Treppen. Badewannen und Waschkessel. Alte Lampen, die leise schwankwen: Ja, durchaus eine Art von Futterneid, übersetzt in bröselnde Bausubstanz. Ausgehend von spansichen Feuern entlang der Autobahn.
Die Korridore sind überall. Und überall sind sie gleichermaßen geheim. Alles unterhöhlt, wohin man sich auch wendet. Unterirdischer Raum, wie schon Woyzeck vermutete. Irgendwan ergreift es jeden, vermutete hingegen Mudev Skrugel. Im Grudne wiederholte sich alles, im Guten wie im Bösen, von Mudev Skrugel, der immer wieder durch brennende Feuer fuhr, jeder Tag, der am Morgen begann und am Abend endete, die vielen Frauen, die ständig Es ist kalt! Es ist kalt! Ich friere! sagen, hin zu heiligen Ritualen, die einem Ritualtext nachfolgen. Weit hergeholt, wieder einmal, aber bestechend stimmig. Wiederholungen schafften in jeder Hinsicht böses Blut und geharnischte Auseinandersetzungen, doch was sollte man dagegen tun? Es gab nichts dagegen zu tun; schließlich lebte man in einem kriegerischen Universum, in einer Welt der Auseinandersetzungen. Die Schlacht war überall. Bailén war überall. Jedes Jahr ziegt der Kalender aufs Neue das Datum 1808. Ritual № 1808. Alle unterirdischen Korridore kreuzten sich in Bailén, jedes Erdloch, in dem jemand sitzt, um sich zu verstecken, hat eine Öffnung nach Bailén hin. Vielleicht wäre es von Erfolg gekrönt, eine Bailén-Religion zu gründen: Als ritualisierten Tanz. Als beständige Wiederholung, als Übung.
Es war Mudev Skrugel, als sei er mitten in einem langen Gedankengang auf dem Sofa sitzend eingeschlafen und nach ein paar Minuten wieder hochgeschreckt:
Was ist los?
Wo bin ich?
Wer bin ich?
Warum ist mein Körper so ausgekühlt?
Ist das Gift schon in der heiligen Speise oder wird es erst später hinzugefügt, wenn die meisten anderen schlafen?
Wie hoch steht das Wasser schon?
Uralte Fragen, die schon viele Menschen im Lauf der Geschichte um den Schlaf gebracht haben.
Zum Heiligen Eins-Acht-Null-Acht! Überall diese Hohlräume! Schwankende Böden, siedende Kessel und ständig auftauchende Wiederholungen, Wiederholungen, Wiederholungen! Es ist Krieg! Wo ist das Erdloch? Wo ist das unterirdische Korridor-Versteck?
Als Skrugel in der Kindheit während einer Sirenenprobe beim Heulton für Luftalarm voller Panik unter den Tisch gesprungen war, hatte er sich eine kleine Schramme in den Kopf geschlagen. Später beim Haareschneiden bemerkte der Friseurmeister den blutunterlaufenen Strich und fragte, woher Skrugel das denn hätte. Mudev Skrugel antwortete seinerzeit mit großem Ernst und würdevoll Da ist mir die Sirene auf die Nase gesprungen!
Daran hatte sich in all den Jahren nichts geändert. Es gibt, wie die Bibel sagt, nichts Neues unter der Sonne.
Was der Musident wohl dazu sagen würde?
Die Koordinaten verschoben sich langsam. Mudev Skrugel war nun schon wirklich sehr weit im Süden. Er folgte nun der N 4, die ihn wie eine Geisel mit sich führte. Es war bereits dunkel geworden. Das erleichterte derartige Entführungen enorm. Das Motorengeräusch übertönte jegliche andere Lebensäußerung. Bald würde er Córdoba erreichen. Er sah bereits am Horizont den riesigen diffus-orangen Lichtball aus der Schärze auftauchen, der in der Nacht eine herannahnede größere Stadt ankündigte.
Als Mudev Skrugel an Córdoba vorbeifuhr, bedauerte er es, daß es schon so dunkel war. So sah er nichts. Das war wie Wäsche waschen ohne Wasser, so daß die Kleidungsstücke vom trockenen Waschpulver lediglich eingestaubt wurden, oder ein groß angekündigter Kinobesuch für Blinde.
Doch immerhin: Wäsche blieb Wäsche, und die großen Schauspieler konnten durchaus auch interessante Stimmen vorweisen.
Córdoba blieb Córdoba. Eine der mythologischen Städte der Welt. Mußte man sie wirklich mit den Augen sehen? Allein das Wissen, daß Córdoba existiert, bewirkte im Herzen vieler Menschen die eine oder andere objektive Tatsache. Nichts ist verloren. Nichts brennt an, so Mudev Skrugel.
Die Türe öffnete sich und herein trat... Córdoba! Was für eine Überraschung! Was für ein Zufall! ¡Qué casualidad!
Was verbindet man nicht alles mit jemandem, der durch die Türe hereintritt? Einkäufe in knisternden Plastiktüten vielleicht am Ende gar? Lebensmittel? Schwarzer starker Kaffee? Schokolade?
Mülltüten?
Als Mudev Skrugel an Carmona vorbeifuhr, jenes kulturträchtige Städtchen 30 Kilometer vor Sevilla, ein seit mehr als 5000 Jahren von Phöniziern, Römern, Moslems, Christen und nun von heutigen Zeitgenossen besiedelter Ort, staunte er über dessen majestätische Ausstrahlung, sah man ihn von der Autobahn her und von elektrischem Licht geschickt angestrahlt. Die Landschaft um Carmona schien sich bei Dunkelheit stärker aufzuwellen als bei Tag, und so wurde diese Ansiedlung seh hervorgehoben. Wer würde wohl nach all den Phöniziern, Moslems, Christen und diversen Modernen von heute die nächste Besiedlungsschicht von Carmona darstellen? Grünfarbige Marsmännchen? Entkörperte Seelen? Astralwesen? Schwarze Rabenvögel? Beos?
Dieses Carmona übte auf Mudev Skrugel einen besonderen Reiz aus. Caesar hatte seinerzeit vermutet, die Stadt sei uneinnehmbar, da sie mit dem Teufel im Bund stehe. Doch letztendlich war Carmona unter dem Namen Carmo noch eine gewisse Zeit römisch geworden. Alles schlägt zurück. Selbst Carmo ist Karma.
Die Abfahrt Carmona kam mehrmals hintereinander. Mudev Skrugel fand das verwunderlich, denn es handelte sich in der Tat nur um ein kleines Städtchen und die N 4 näherte sich ihr zudem nur von einer Seite her. Hatte möglicherweise das Touristenbüro von Carmona dafür bezahlt, daß den Name derart oft genannt wurde?
Andererseits war es angenehm, das Wort Carmona derart oft zu lesen. Es klang in seinen Ohren wie die Bezeichnung kremig, und so tauchten von Skrugels innerem Auge – mehrmals hintereinander – Puddingberge, Yoghurtbecher und Sahenbeutel auf, aben alles was mit dem Etikett kremig belegt werden konnte. Kremig: cremoso, d. h., cre˙mo˙so, -a [kremóso, -a] adj. De crema o con sus características. Aus Carmona und cremoso ließe sich also das Kunstwort Cremona zusammensetzen. Das jedoch klang andererseits wieder ein wenig wie das Wort Krematorium, crematorio: cre˙ma˙to˙rio, -a [krematórjo, -a] adj. y s/m. Se aplica al lugar usado para la incineración de cadáveres o de basuras. Die Worte schwammen hin und her und erreichten mitunter seltsame Küsten. Während Mudev Skrugel also an Carmona vorbeifuhr, überlegte er, ob es lohnend wäre, das Wort Carmona noch weiter mit Gedankensprüngen auszureizen. In jedem Fall konnte er auf diese Art den Worten, die ihn reizten, all dem Absterben, den Evaluationen, den Skapulier-Bruderschaften und den Akadien, einiges zurückzahlen. Einen Versuch war es bestimmt wert.
Das jedoch war eine Aufgabe für später, denn im Augenblick war Skrugel dafür schlichtweg viel zu müde.
Was der Musident wohl dazu sagen würde?