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7. Kapitel: Die Skapulier-Bruderschaft

erstellt von Thomas Nöske zuletzt verändert: 21.10.2007 15:20

Was, so überlegte Mudev Skrugel, passierte mit den Worten, wenn er plötzlich anprallen und absterben sollte. Wären diese Worte, die sich in ihn eingebrannt hatten, dann wieder frei und würden sich lediglich einen anderern Wirt suchen, wie ein Virus, der nur ein einziges Programm in sich trägt: Überleben! Durchhalten! Um jeden Preis! Oder wären sie verschwunden, mit Skrugel dahingegangen, explodiert, in heiße Seife gelöst oder sanft entschlafen?

Wäre dann ein Absterben, ein Gebenedeit, ein Gygax und dergleichen aus einem anderen Mund als demjeneigen von Mudev Skrugel etwas anderes? Oder war jedes Okel-dōc dieses eine Okel-dōc, egal, wer es aussprach? Gab es nur eine einzige Akadie, die aber immer und immer wieder?

Es gab, so Skrugel, einen bedeutenden Grund dafür, anzunehmen, daß die Worte nicht mit ihm starben, denn: Diese Worte waren ihm zugeflogen. Sie existierten vor ihm. Sie mußten einen anderen Wirt gehabt haben. Jemand hatte sie ihm eingeimpft. Diese Impferei setzte sich mit jedem Lebensjahr fort. Es ging einfach weiter und weiter. Damit wäre nicht die Sprache an sich ein Virus, wie William S. Burroughs es verstand, sondern jedes Wort war ein Virus, eine ganze Armee, eine Bruderschaft von solchen Viren.

Mudev Skrugels Großmutter väterlicherseits war auch in einer Bruderschaft.

Des öfteren erzählte sie in Anwesenheit des damals noch recht kleinen Mudev Skrugel, sie sei in einer Skapulier-Bruderschaft. Das bedeutete, daß sie einem Dritten Orden angehörte, eben nuicht den beiden ersten für Mönche und Nonnen, sondern im dritten, der für diejenigen existierte, die nicht im Kloster waren sondern ein weltliches Leben lebten. Mitglieder eines Dritten Ordens trugen daher auch keine Kutte, sondern lediglich ein kleines Stück von demselben Stoff, irgendwo in ihrer Kleidung verborgen: Das Skapulier.

Das alles wußte Mudev Skrugel in seinem damaligen Alter noch nicht. Er lauschte nur auf den Klang dieses Wortes: Skapulier-Bruderschaft. Ein riesenhaftes Wort von enormer Wucht. Seine Großmutter betonte es zudem härter, als es erforderlich gewesen wäre: Skappulirr-Bruderschaft. Der Klang erwischte den jungen Skrugel wie ein Keulenschlag. Die Szenerie tat ein Übriges dazu. Die Großmutter, die ein Hauch von Dunkelheit umwehte, wurde stets sehr ernst, wenn sie mit starren Augen das Wort Skapulier-Bruderschaft aussprach. Die Wohnung der Großeltern war nicht sonderlich hell erleuchtet, und in diese Düsternis hinein hatte die Großmutter jenes eine Wort gesprochen: Skapulier-Bruderschaft!

Viel später entwickelte Mudev Skrugel eine starke Faszination für verschwiegene, ja, bisweilen gar subversive Bruderschaften, und so hätte das Wort Skapulier-Bruderschaft seiner Kindheit in einem nachher, als Erwachsener erworbenen Verständnis, was so eine Skapulier-Bruderschaft denn eigentlich ist, aufgehen, sich wie Tee-Geschmack im heißen Wasser auflösen können.

Doch so funktioniert das nie.

Der Klang allein setzt sich fest.

Von all diesen Worten war Mudev Skrugel der Drang geblieben, die Dinge anzustarren und zu versuchen, sie zu begreifen, eine Art von bannendem Blick auf jedes kleine Detail zu legen, schnell zu sein beim Begreifen, schneller als der Klang, der sich erneut festsetzen könnte. Hier lag der Grund dafür, daß Mudev Skrugel nichts entging, nicht die geringste Kleinigkeit. Er hatte alles sofort im Blick. Nachts wiederholte er bisweilen in eigenen Worten, was er sah. Ebenso hielt er es auch mit den Details seines Zimmers in Tortosa. Er sah sie und sprach sie laut aus.

Holz.

Ein Bild von Van Gogh.

Ein Bild oder vielmehr ein Druck `International Yacht Race October 21st 1871´

...

...und das Ganze zum halben Preis. Der halbe Preis von dem, was die französischen Hotels verlangten.

Am nächsten Morgen quoll das Wasser aus der Leitung rostig-gelb heraus. Selbst auf den zweiten Versuch erzielte Mudev Skrugel dasselbe Resultat: Gelb. Er erinnerte sich daran, daß er in der Nacht davor, in der Tiefgarage, als er das Auto abgestellt hatte, in einer Leitung ein Waserrauschen vernommen hatte, begleitet von einem kratzenden Geräusch, ganz so, als lebe ein furchterregendes Wesen in der Wasserleitung. Als er nun am Morgen nur gelbes Wasser aus dem Wasserhahn fließen sah, konnte er nicht umhin, sich des Kratzgeräusches in der Wasserleitung der Tiegfgarage zu erinnern und die beiden Geschehnisse miteinander in Verbindung zu bringen.

War das Tier noch lebendig, duschte er nun in dessen flüsssigem Auswurf, im Schwitzwasser des Monsters, in dem, was zwischen Schuppen oder aus dem Chitin-Panzer oder gleich aus dem sabbernden Maul heraussickerte. Hatte das Kratzen in der Tiefgarage den Augenblick des Todes bezeichnet, so war nun ein weiterer Tod im Wasser zu vermerken, der Mudev Skrugels Weg kreuzte. Duschen, Zähneputzen und Rasieren war jedoch notwendig, und so brachte er das Ganze standhaft hinter sich. Später vergewisserte er sich ein weiteres Mal durch die Wiederholung einiger Kleingikeiten seines Hotelzimmers:

Holz.

Ein Bild von Van Gogh.

Ein Bild oder vielmehr ein Druck `International Yacht Race October 21st 1871´

...

Eine vorzügliche Technik zur Vergewisserung seiner selbst im Reich der Worte. In der Skapulier-Bruderschafts' Namen, die Worte der Sprache waren pfleglich und sorgsam zu behandeln!

Aus diesem Grund konnte es Mudev Skrugel schon als Schüler schwer ertragen, wie die Sprache zerstört wurde. Unerträglich, wie aus dem Alfons ein Fonse wurde und aus dem gewöhnlichen Radiergummi ein Razifummel und schließlich erschreckenderweise sogar ein Fazirummel. Er hätte sich am liebsten 13 Schuljahre lang die Ohren zugehalten und geschrien, nach Leibeskräften (Skrugel war ein dickes Kind!) gebrüllt. Doch damit nicht genug! Als Student hätte Mudev Skrugel am liebsten brutal zugeschlagen, sagte jemand zu ihm nicht Könntest du bitte den Kühlschrank hochheben?, sondern Ey, du, kannst du mal `n Kühli hochpfriemeln? Nur seine grundsätzliche Freundlichkeit hinderte ihn daran, sich derart zu verausgaben. Selbst als Erwachsener fürchtete er den Tag, jenen Dies Irae seines eigenen Requiems, an dem er nicht mehr zum Bäcker gehen darf, sondern stattdessen zum Mehl-Designer muß, wie andere zum Zahnarzt. Doch es gab ja die Technik der Worte: Holz / Ein Bild von Van Gogh / Ein Bild oder vielmehr ein Druck `International Yacht Race October 21st 1871´... Lang lebe die Skapulier-Bruderschaft! Zum evaluierten und gebenedeiten Gygax noch einmal!

Eine andere Technik war die langsame, lebenslange Einübung einer eigenen Sprache. Mudev Skrugel nannte seine eigene Sprache Olsor. Olsor war frei von Bedeutungen und stellte reine klangliche Ästhetik dar. Über lange Jahre hinweg erfand er immer wieder ein eigenes Wort hinzu oder nahm ein Wort aus der allgemeinen Sprache und löste es von seiner Bedeutung ab. Andersherum geschah es auch, daß er ein Wort erfand, und jemand erzählte ihm, dieses Wort gäbe es schon! Das Olsor-Wort dolman wird zum Beispiel – zumindest von Spezialisten ihres Fachs – ebenfalls verwendet (um ein Teil einer militärischen Uniform zu bezeichnen). Darauf hatte man ihn aufmerksam gemacht. Die Olsor-Sprache klang also in etwa so:

Olsor, olsor, olsor! Ilir rachlidon olsor. Gerenkl, dolman, na genkl; sirr-e-harr. Hulz oc, na kolarister blombirq-poltergeist. Snōrgel? Razork ochladēn, genkl-e-harr. Na sirr-e-harr, na dolman tse halq. Poltergeist!

Seine Tochter, etwa ein Jahr alt, hatte eine ähnliche eigene Sprache. Sie war – das war jetzt schon zu sehen – einfach schlauer als der Papa. Es war ihm klar, daß sie es im Leben noch weit bringen würde, viel weiter vermutlich als ihr Vater.

Das Frühstück im Hotel in Tortosa war zwar von Radio-Lärm beschallt, doch andererseits gab es verschiedene Sorten Kaffee und zu seinem großen Entzücken frischen Knoblauch, ganze Knollen. Skrugel schälte sofort drei Zehen und verspeiste sie genüßlich und ohne jegliche Beilage, wobei er langsam kaute, bis ihm der wundervolle Knoblauch-Dampf unter die Schädeldecke kroch. Dann stand er auf und holte sich die erste Sorte Kaffee, um hinterherzuspülen. Danach begann er das eigentliche Frühstück, das er damit begleitete, jede Sorte Kaffee auszuprobieren und einige Mischungen selbst herzustellen, indem er eine große Tasse nahm und auf verschiedene Knöpfe drückte.

Insgesamt also ein Gleichgewicht: Es gab auf der Welt Hotels mit Knoblauch und Hotels ohne Knoblauch. Schwarzer und brauner Kaffee hielten sich die Waage.

Um halb zehn fuhr Mudev Skrugel los. Er hatte sich vorgenommen, noch an diesem Tag anzukommen. Er wollte keine weitere Übernachtung mehr. Es galt, eine große Strecke zurückzulegen. Das bedeutete, daß er noch eine Weile auf der mautpflichtigen Autobahn fahren mußte, um Land zu gewinnen. In anderen Worten, das Archiv mußte beschleunigt werden.

Wie sollte das mit den Worten enden? In der vollständigen Fesselung, oder in einer sich vielleicht zwangsläufig ereignenden Explosion des Bewußtseins in Bereiche jenseits der Worte, anders gesagt: mitten in die Kunst hinein? In Farbe und Form?

Diese Frage konnte Mudev Skrugel nicht beantworten. Er war dafür mit seinen gut 40 Jahren eindeutig zu jung. Ein Frischling. Ein Hacht. Da man aber für gewöhnlich nicht mit gut 40 starb, es sei denn, man prallte irgendwo an, an Dingen oder Umständen, war durchaus noch Zeit.

Mudev Skrugel genoß zwar die Hotels, in denen er nächtigte, doch stellten sie nicht jene Welt dar, in der er sich früher bewegte. Lange Jahre hatte er in französischen oder spanischen Billig-Pensionen oder –Hotels gelebt, hatte die Heiligen dieser Unterkünfte verehrt, das Bidet, das Waschbecken mit kaltem Wasser, das wackelige Frisiertischchen, die abgeblätterte Wand, das alte Holzfenster, der Steinfußboden, die Glühbirne von der Decke und die Gebete der islamsichen Einwanderer in den Nachbarzimmern, maghrebinische Essensdüfte und Kindergeschrei. Der Neonball der Rezeption verhieß Verlängerung um einen Tag, vorausgesetzt, man zahlte im Voraus. Auf der Etage gab es eine einzige oder höchstens zwei Duschen, für die ein kleines Zusatz-Entgeld zu entrichten war. Skrugel wusch sich damals am Waschbecken. Dafür kaufte er einmal eine Plastik-Mineralwasserflasche, die er dann befüllte und über den mit Shampoo eingeseiften Kopf in dieses Waschbecken hinein entleerte. Für den rest des Körpers hatte er einen Waschlappen. Vom Fenster aus verfolgte er die alten Fassaden und beobachtete, wie in den zerfetzten Innenhof schwarzes Regenwasser tropfte. In diesen Pensionen lebten einige ältere Leute, und erst sehr spät wurde ihm die klangliche Nähe der Worte Pension und Pensionär klar.

Die Gänge dieser Pensionen waren steinig-kahl und staubig-düster. Im Winter verströmten sie eisige Kälte.

Skrugel hatte zuerst gelernt, die alten Pensionen zu lieben, und dann die ein wenig teureren Hotels. Nun liebte er alles. Auch die Gasthöfe mit Fremdenzimmern und Hotels der Kindheit, die zum großen Teil nicht mehr existierten, da sie mehreren Wellen von Stadtsäuberungen zum Opfer gefallen waren.

Dennoch hütete er sich davor, alles zu kennen, denn wer alles kannte, der konnte genausogut gehen, der konnte plötzlich anprallen und deswegen absterben zur Unzeit. Dann hätte die Akadie gesiegt. Das wäre schlecht.

Nun, da Mudev Skrugel über 40 Jahre alt war, paßten schlechte Nachrichten nicht mehr in seine Welt, zumindest, wenn es sich um solche schlechten Nachrichten handelte, die ihn betrafen.

Als er aus Tortosa herausfuhr, fand er die Stadt von hohen Bergen umstellt, die dicke Wolken ankratzten. In der Nacht zuvor hatte er wegen der Dunkelheit nichts gesehen, ja, er hätte nicht einmal zu sagen vermocht, ob e sich im Flachland oder in Hügeln oder gar Bergen befand. Er hatte überhaupt nicht bemerkt, wie schön Tortosa in seiner Gesamtansicht vor diesen Bergen war! Skrugel bemerkte bei dieser Ausfahrt aus Tortosa Hinweisschilder auf Institute der Universität. Ein gutes Zeichen. Er überlegte, wie er es anstellen sollte, bald wieder zu kommen und sich Tortosa noch einmal anzusehen, doch es schien ihm, daß er damit wohl noch ein wenig würde warten müssen.

Baustellen, den man ansah, daß sie schon lange als Baustellen vor sich hin lebten, unfertige Häuser, einzelne Exempel einer Ästhetik des Unfertigen, und überall die kleinen – für Spanien typischen – brennenden Feuer. Warum in Spanien überall auf dem land Feur brannten, hatte Mudev Skrugel nioch nie herausgefunden. Das gesamte Land zeigte sich 24 Stunden am Tag ein wenig eingequalmt.

Seine Fahrt führte ihn an Olivenbäumchen vorbei, die sich die Berge hinaufzogen, dazu immer noch die dicken, doch inzwischen hellen Wolken. Gleichzeitig kam die Sonne durch und es wurde wieder warm.

Der Wagen lief Kilometer um Kilometer ruhig und stoisch weiter. Störend waren dabei lediglich die Halte an den Raststellen, an denen der ordinäre Radio-Lärm sogar die Toilette, den zu früheren Zeiten einmal als stilles Örtchen bekannten Platz, erfaßt hatte. Mudev Skrugel paßte allem Anschein anch nicht in diese Zeit. Ob er jedoch eher in eine der Vergangenheiten oder eine der Zukünfte geapaßt hätte, vermochte er nicht mit letzter Sicherheit zu sagen. Vielleicht war es sogar eher die Zukunft, der er angehörte, denn Skrugel hatte bemerkt, wie schwer es im Deutschen war, vom Wort Zukunft den Plural zu bilden. Zukünfte? Diese sprachliche Anmaßung, die Zukunft sei nur auf eine Weise denkbar, reizte ihn.

Schließlich ließen die Bäume nach und die Landschaft wurde steiniger. Es mochten noch etwa 80 Kilometer bis Valencia sein.

Es wollte Mudev Skrugel nicht aus dem Kopf, ob zwischen dem französischen Valence und dem spanischen Valencia irgendein Zusammenhang bestand; schließlich war das Wort – allem Anschein nach – dasselbe. Bestand eine französiche-spanische valenzianische Skapulier-Bruderschaft? War hier eine West-Route entlang einer geheimen Landkarte zu finden? Wo begann sie? Wo endete sie? Stellte sie einen einzigen Strang dar oder hatte sie mehrere Anfänge wie der Pilgerweg nach Santiago de Compostela? Oder Abzweigungen in unerforschtes Hinterland? Wo lag das Sakpulier? Welchem Gral lief diese Route hinterher? Welche Sonntagskinder konnten an welchen Tagen den Verschlußstein beiseiteschieben und mitten unter dem Wurstschnappen auf dem Kindergeburtstag verschwinden, sich schinbar in dünne Luft auflösen und in einer neuen phantastischen Welt auftauchen, um Abeneteuer zu bestehen? Wo würden sie wieder auftauchen, das Wienerl vom Wurstschnappen noch aus dem Mundwinkel hängend und trotzdem in der Hand den abgeschlagenen Kopf des Drachens?

Eifrig sickerte das Blut und andere stinkende Körpersäfte des erlegten Drachens in den elterlichen Teppich, und die zum Kindergeburtstag zusammensitzenden Mütter schrien frenetisch Mein Gott, die Kinder! Diese Kinder! Der schöne Teppich voller Drachenblut! Da müssen wir den Müllmann bestechen, daß er ihn mitnimmt, ohne dumme Fragen zu stellen... Diese Kinder, nein, diese Kinder!

So waren sie nur allzu oft, die Mütter. Kaum hatten sie sich von kinderlosen Frauen zu Müttern gewandelt und Kindergeburtstage ausgerichtet, war jegliches Abenteuer verboten: Setz doch deine Mütze auf! Sonst verkältest du dich! Angesichts des durchzustehenden phantastischen Kampfes mit dem Drachen auf einer geheimen Parallelroute – Warum nicht zwischen Valence und Valencia? – ein ungehöriges, ja, nahezu ordinäres, obszönes Ansinnen.

Doch das war nicht alles.

Das blutverschmierte Schwert, das den Drachen bezwungen hatte, stand im Hausflur: Mein Gott, wenn das die Nachbarn sehen!

Und wie soll nun der Drachenkopf entsorgt werden? Ist das Bio-Müll? Oder war ein Pfand auf dem Kopf? Muß man ihn zurückgeben? Oder irgendwo anmelden?

So seufzten die Mütter Wir wollen doch keine Umweltverschmutzer sein. Im Jahr darauf gab es keinen Kindergeburtstag mehr.

Den Kindern war es natürlich egal. Sie wußten um die geheimen Wege, nicht nur zwischen Valence und Valencia, sondern überall. Sie waren eine geheime Sakpulier-Bruderschaft, die Kinder-Loge zum heiligen Drachen.

Einem Bonmot von Alphonse Daudet, dem Verfasser von Lettres de mon Moulin, zufolge, war ein Poet derjenige, der sich seine Kinderaugen bewahrt hatte.

In Frankreich, in Lothringen, gleich hinter der Grenze, hatte Mudev Skrugel einen Rastplatz Aire de Katzenkopf gesehen, doch hier, bei Valencia, suchte er vergeblich nach einer Aera de Drachenkopf. Die Angelegenheit wurde offensichtlich sehr diskret behandelt. Das fand er überaus sympathisch.

Was also war der Zusammenhang zwischen dem französischen Valence und dem spanischen Valencia? Was die Kinder dazu sagen würden, konnte sich Mudev Skrugel sehr gut vorstellen. Doch was sagten Wissenschaftler? Heimatkundler? Sprachforscher? Hatten sie überhaupt etwas zu sagen?

Kurz vor Valencia wurde das Benzin knapp. Ein Piepsignal hatte Skrugel darauf hingewiesen. Zuerst hatte er es ignoriert, denn es war eine macke dieses Autos, ständig wegen irgendetwas zu piepsen, zu blinken oder sonstigen elektrischen Krach zu machen, doch dann begann er dennoch zu suchen und fand die Nadel der Tankuhr bereits auf Reserve. Daraufhin zog Mudev Skrugel einen eindeutigen Fehlschluß. Er vermutete, daß in dem Autobahnkreis um Valencia viele Tankstellen zu finden seien, da eine große Stadt mehr Benzin benötigte als das Land. Doch in diesem Punkt irrte er. Warum auch immer: Das genaue Gegenteil war der Fall. Um Valencia war keine einzige Tankstelle.

So verfolgte er seinen Plan, bei Valencia die Autobahn zu verlassen und in Richtung Albacete ins Landesinnere abzubiegen. Würde er dann – so rechnete er es sich aus – von Albacete aus nach Bailén fahren, erreichte er dort die N 4, die von Madrid aus über Bailén, Córdoba und Sevilla nach Cádiz führte.

So hatte er es sich auf einer Karte, die recht ungenau war, ausgerechnet.

Vielleicht um ihn für diese erstaunliche Kalkulation zu belohnen, tauchte sofort, nachdem er die Autobahn verlassen hatte, eine Tankstelle auf. Danach fand er sich wieder in einem recht breiten Tal, an dessen linkem und rechtem Rand hohe Berge standen. Der Sommer hatte hier seine Spur hinterlassen; alles war verbrannt. Die Landschaft wurde nun wieder interessanter, nachdem rund um Valencia eine relative Ödnis zu durchqueren war. Ein Schild besagte Castilla La Mancha.

Die Landschaften wechselten sich wie in einer Wellenbewegung ab, seitdem Mudev Skrugel losgefahren war. Einer reizvollen Gegend folgte purer langweiliger Schwachsinn, in Geographie gegossen und wie in einer Geldwechselstube in Gestein, Sand, Pflanzen und menschliche Utensilien eingetauscht. Was Skrugel dabei jedoch im Kopf herumging, war die Frage Warum?

Warum eine reizvolle und schöne Landschaft besiedelt worden war, ist sehr gut nachvollziehbar. Doch was die Menschen dazu brachte, eine Ödnis zu bewohnen, blieb ihm ein Rätsel. Man konnte doch, so mutmaßte Mudev Skrugel, weiterziehen, den Ort immer verändern. An einem unschönen Fleck mußte niemand bleiben. In der Regal war so ein Weiterziehen legal; und in Gesellschaften, in denen keine Freizügigkeit herrschte, war es immer noch möglich, illegal weiterzuziehen, über Mauern zu springen oder Tunnels zu graben. Die befreiende Verfalls-Logik des Erdlochs, des Korridor-Systems. Unterirdische Philosophie. Philosophia subterranea. Er schloß daraus, daß man selbst schuld daran war, an welchem Fleck der Erde man lebte. Das einzige, was Mudev Skrugel sehen konnte, waren Verzögerungen. Im äußersten Notfall war es immer noch angenehmer, den Wunsch nach Veränderung mit dem Leben zu bezahlen, als nichts zu unternehmen. In dem Wort Absterben lag in der Tat ein Aspekt der Reise, des Weiterziehens. Darin lauerte eine Art subtiler Freude, oder wie es des öfteren in hinduistischen Schriften diverser Gurus zu lesen war: All is bliss. Eine Reise nach Westen. Plötzlicher Anprall.

Warum also bleiben, wenn man nicht bleiben will? Warum gehen, wenn man nicht gehen will?

Doch letztendlich waren dies nur ein paar Gedanken-Gespenster in Mudev Skrugels Kopf. Sie geisterten herum. Mehr nicht.

Plötzlicher Anprall? Beständige Möglichkeit des Anpralls. Eine Evaluation in etlichen eigentümlichen Wörtern. Prallt die Türe an, so ist Besuch zu erwarten. Gastgeschenke, fein komponierte Speisenfolgen zur Begrüßung: Die Stadt, die Landschaft, die Gegend wird vorgezeigt. Die Vögel studieren diverse Vogelwissenschaften, um beim Überflug genau bestimmen zu können, wo sie sind. Reine Beologie.

Einsame Tankstellen, leere Raststellen in Castilla La Mancha. Waren sie überhaupt offen? Wer sie betrat, merkte: ja, in der Tat... drinnen war unverständlicherweise lauter Radio-Lärm. Doch an allem war der eine oder andere Haken. Wie hätte Mudev Skrugels Traumstadt ausgesehen? Vermutlich so: Das Stadtbild wie Barcelona, die Sprache feinstes und vornehmstes, ja durchaus auch ein wenig snobistisches Französisch, die Landschaft wie in der Gegend von Granada und in den Bars und Cafés nur das Stimmengewirr der sich an den Tischen unterhaltenden Gäste. Unüberschaubarkeit des Stadtbildes. Diffuse und inkorrekte Stadtpläne. Eine ungewisse Anzahl von Bibliotheken und Buchhandlungen. Eingestreute Sakralbauten wenig bekannter religiöser Gruppierungen. Tempelkuppeln, Türme, Minarette, Apsiden, Kapellen, Beinhäuser, Refektorien, Kreuzgänge, Symbole. Katakomben mit unterirdischen Seen mit weichem Wasser wie in Paris. Gab es eine solche Stadt bereits irgendwo?

Um Albacete und selbst danach, auf der Straße № 322 in Richtung Bailén war alles leer, erstaunlich leer. So hatte er sich immer die Welt nach einem mit Neutronenbomben geführten 3. Weltkrieg vorgestellt, mit allen noch vorhandenen Einrichtungen, nur ohne die zumeist dazugehörigen Menschen. Skrugel hatte den Eindruck, während der Fahrt die Straße mit den Reifen nicht zu berühren.

Mudev Skrugel hatte stets Schwierigkeiten damit gehabt, an historische Stätten zu fahren, die beinahe schon den Saum der Mythologie berührten. Es ergriff ihn dabei eine unerklärliche Bescheidenheit. Bailén? Ja, sollte er tatsächlich zu jenem Bailén fahren, wo seinerzeit die spanische Armee die zahlenmäßig weit überlegene französisch-napoleonische Armee besiegt hatte? Córdoba? Es erschien ihm anmaßend, ins Kalifat von Córdoba zu fahren. Granada? Es war ihm, asl dürfte er über diese Orte nur lesen, und sie nicht besuchen. Sah er an der einen oder anderen Stelle ein Straßenschild mit solchen Namen, so errötete er.

Durfte er tatsächlich dorthin fahren?

Wie würde die Landschaft, wie würden die Städte aussehen, wenn kaum noch jemand in ihnen wohnte, wenn die Leere von Castilla La Mancha überall einzog?

Ein leere Mezquita von Córdoba wäre sicherlich betrüblich anzusehen. Die Betonblöcke am Stadtrand allerdings wären leer am schönsten anzusehen. Sie würden nicht angenhem-romantisch und in Würde verfallen, sondern eines schönen Tages einfach zusammenklappen. Hilfreich wäre dabei der Umstand, daß Beton auf Dauer nicht so haltbar war wie Stein. Stimmte zudem die Anschuldigung einiger Bauarbeiter, die von Zeit zu Zeit immer wieder vorgebracht wurde, daß nämlich in großen Brücken und Viadukten eine ansehnliche Menge von Leichen eingegossen worden sind, so setzte das die Stabilität solcher Konstrukte noch weiter herab. Die Ausdehnungskoeffizienten von Beton und Stahl für Stahlbeton einerseits und von Leichen-Fleisch mit Knochen und Haaren darin andererseits unterschieden sich in beträchtlichem Ausmaß. Einbetonierte Leichen wanderten nicht nach Westen, sondern zuallererst aus dem Beton heraus. Über weitere Schritte, zum Beispiel solche westwärts, ließ sich später reden.

Der Ausdehnungskoeffizient der menschlichen Persönlichkeit vor dem Tod jedoch, sozusagen: prä-mortal, war hingegen enorm groß, so groß, daß die einzelnen Teile so weit auseinanderdrifteten, daß es schwierig war, eine einheitliche Persönlichkeit zu bleiben. Wie die Leiche den Beton sprengt, so sind die Erlebnisse des einzelnen Menschen begierig, aus der Persönlichkeit herauszuplazten, sie zu sprengen, in die Luft zu jagen. Je älter man wird, desto schwieriger gestaltet sich die Einheitlichkeit und der Zusammenhalt der Persönlichkeit, so glaubte Mudev Skrugel. Dagegen hatte er das im Auto verwahrte Archiv, das er unter einem unglaublich hohen Sicherheitsaufwand in den Süden verfrachtete. Doch das war nicht alles! Gewissse Bücher, die er dem Spediteur anvertraut hatte und die nun ebenfalls – an anderer Stelle – durch Europa verbracht wurden, gehörten zu Mudev Skrugels frühestem Lesestoff und begründete so eine eigene persönliche Geschichte, oder andersherum: eine Geschichte der eigenen Persönlichkeit, eine innere Niederschrift, der Nachforschung, aber auch dem Heil und der Rettung zuträglich. Diese Bücher, die zu Skrugels frühester Lektüre gehörten, vermittelten ihm die Empfindung von Kontinuität, von Fortbestand, von Dauer, denn wenn es noch dieselben Bücher waren, die er damals – irgendwann, vor langer Zeit – in den Fingern gehabt hatte, war der Umkehrschluß zumindest denkbar, daß auch er in einem kleinen Teil seines Lebens noch derselbe war. Diesen Büchern gegenüber empfand Mudev Skrugel eine nahezu religiöse Dankbarkeit. Jedes Buch von dieser Sorte war ihm ein heiliges Buch, ganz egal, wie `unheilig´ der Inhalt sein mochte. Seine Finger glitten bei solch zeremonmiell-persönlichen Anlässen über die inzwischen vergilbten Seiten und er las die eine oder andere zufällig aufgeschlagene Zeile. Ein solches traumverwobenes Lesen übte er beispielsweise mit einem Exemplar des Tao Te King von Lao Tse, einem kleinen schwarzen gebundenen Büchlein mit Golddruck darauf, die Übersetzung eines gewissen Walter Jerven, eingehüllt in einen durchsichtigen Schutzumschlag und innen beschrieben als die 3. Auflage 1977. Ebenso verfuhr er mit seiner alten Ausgabe von Henry Millers Wendekreis des Krebses, mit der Bhagavadgita, Werken von Rimbaud, Verlaine, Mallarmé sowie sämtlichen nur erdenklichen Bibeln und heiligen Büchern aller Religionen, Sekten oder Gruppierungen, mit Prosa und Poesie von unbekannten Schriftstellern und Romantikern von Byron über Shelley und Keats zu Nerval und Chateubriand.

Für den Fall, daß der Spediteur diese Bücher irgendwie schlecht behandelte, hatte sich Mudev Skrugel ausgefeilte Bosheiten einfallen lassen.

Skrugel war sich schließlich bewußt geworden, daß eine tägliche Routine denselben Zweck erfüllte, jene immergleiche Abfolge von Aufstehen, Zähneputzen, Pinkeln, Duschen, Ohren mit dem Wattestäbchen säubern, ein Deo in die Achselhöhlen schmieren, Wasser einlaufen lassen, die Utensilien für das Rasieren – Pinsel, Schälchen mit Seife und Rasierapparat samt Klingen – aufstellen, das gesicht mit weißem Schaum einseifen und die Klinge durch diesen Schaum ziehen, dann alles abwaschen und ein etwas altväterliches scharfes Rasierwassser einreiben, das Waschbecken ausspülen, damit die kleinen Barthärchen in den Abfluß hinein verschwanden, die Hände eincremen, die Ringe überstreifen, Unterhose, Hose, Socken und Hemd anlegen, die Kaffeemaschine befüllen und Milch erwärmen, schließlich viel Kaffee mit wenig Milch mischen und sich hinsetzen, um die Arbeit des Tages zu planen, zu ordnen und zu systematiseren, so daß ein Mindest-Pensum festliegt, das auf gar keinen fall unterschritten werden darf.

Diese Rituale hielten die Persönlichkeit ebenso zusammen und hinderten die Erlebnisse daran, aus der perönlichkeit auszubrechen wie Gegfängnisinsassen.

So manches Mal war es notwendig, die einzelnen Arbeitsstunden des Tages hin und her zu verhandeln und eine Traumtagebuch zu führen, um wie aus einer Zapfsäule an einer Tankstelle Kraftstoff zu haben.

Durchbrach Skrugel dann diese Arbeitsroutine an an manchen seltenen Tagen, so gestaltete sich dieser Durchbruch absolut und vollkommen, so daß er den ganzen tagen nur in der Stadt herumlief, um Gassen zu durchstreifen, die Ornamente der Häuser in allen Stockwerken zu studieren, in Bars Kaffee zu trinken oder an versteckten Orten Notizen in ein eigens dafür griffberweit mitgeführtes Heft hineinzukritzeln oder zu zeichnen. Dann ließ er sich treiben und versuchte, die Geräuschkulisse der Stadt sinnvoll zu deuten oder einen Sinn selbst hineinzuweben. Da er zumeist nur wenig deutbaren Sinn sah, war ihm die zweite Variante eindeutig lieber: Besser, er fügte den Sinn selbst den Dingen hinzu, als daß irgendjemand anders es für ihn tat. Daraus hätte er mit Leichtigkeit eine neue Theorie entwickeln können, doch er zog es vor, das zu unterlassen. Schließlich war er kein Philosoph, keiner der die Weisheit liebte, so die wörtliche Übersetzung von Philosoph, sondern eher einer, der es auf kunstvollen Wegen zu erreichen wußte, daß stattdessen die Weisheit ihn liebte, beschützte und auf Händen durchs Leben trug, ihm eine scharfe Zunge und einen Geschmack für das Wohltuende verlieh.

So war das, was er tat, nicht Philosophie studieren, sondern Philosophie herauszukitzeln und sie dann wie ein Denkmal abzustellen.

Mudev Skrugel hatte seine Wege durch die Stadt, durch jede Stadt. Der Moment, in dem er ihre Wege verstanden hatte, verschaffte ihm stets größte Freude. Manche Städte waren kompliziert und verweigerten sich seinem Verständnis, doch dies lag nicht an der Kompliziertheit, denn es gab andere Städte – ebenso kompliziert und unüberschaubar - die Mudev Skrugel binnen kürzester Zeit begriffen hatte. Er kannte dann jeden Hinterhof, jede Sackgase und jeden Flcuhtweg. Nichts blieb ihm verborgen. Er war ein urbaner Spion in eigenen Diensten.

So verliefen also seine faulen Tage.

So faulten seine Tage aus wie altes, schwarzes Fleisch. Mudev Skrugel selbst war dies einerlei. Es erschien ihm nicht wie der Gestank der Fäulnis, sondern wie ein notweniges Übel, etwas, das es hinzunehmen galt, da man dagegen sowieso nicht ankam.

Er lebte gut damit.

So wie sich die Bücher dachartig über sein Herz breiteten, so lag die Landschaft vor ihm, während Mudev Skrugel Kilometer um Kilometer weiterfuhr. Es mußte möglich sein, in der Landschaft zu blättern, schloß Mudev Skrugel daraus. Berge, Täler, Flüsse und Ebenen, Straßen, Plätze, Stadt und Land lagen als Tuch auf dem blanken Boden auf. Das durchfahrene Landschafts-Tuch war ihm das Sakpulier der Bruderschaft der Reisenden. Wer rastete und sich ein wenig hinlegte, der trug dieses Skapulier am Körper, Druckstellen von Steinen, Gras, Sand vom Meer und ein Hüsteln im Hals vom Qualm der brennenden Feuer.

Reisende durchschnitten die Landschaft an vielen unterschiedlichen Stellen und auf unzähligen Routen. Ein gutes Beispiel dafür stellete Mudev Skrugel selbst dar. Nicht nur, daß er täglich weiterfuhr; er hatte auch seine restlichen sachen auf die Reise geschickt. Der Spediteur nahm eine andere Strecke. Vermutlich – so hatte es Mudev Skrugel verstanden – fuhr dieser Spediteur über Nordfrankreich, Bordeaux, das Baskenland und Madrid, wählte also aus beruflichen Gründen einen nördlicheren Weg, denn überall dort lebten dessen andere Kunden, die in dem von früheren Lebensmitteltransporten leicht fischig reichenden LKW ihr Frachtgut zugeladen hatten. Da Mudev Skrugel ihm vor allem seine Bibliothek mit auf die Reise gegeben hatte, zog nicht nur er selbst eine Reisespur durch West- und Südwest-Europa, sondern seine Bücher taten zur gleichen Zeit dasselbe. Doppelt genäht hielt allemal besser, sagte er sich.

Diese Bücher hatte er zum größten Teil selbst zusammengetragen, sei es aus Antiquariaten und Buchhandlungen, von Flohmärkten, Bibliotheks-Verramschungen oder als Geschenk von Freunden. Einige davon hatte er bestellt, da sie im gewöhnlichen Buchhandel nicht zu bekommen waren, und andere waren Belegexemplare, da Skrugel in irgendeiner Weise am Entstehen der Bücher beteiligt war oder sie in irgendeiner Zeitschrift rezensiert hatte. Darüber hinaus gab es in Mudev Skrugels Bibliothek das eine oder andere Exemplar, das er geerbt hatte und das zuvor das Eigentum seiner Eltern gewesen war. Dazu zählten unter anderem ein dreibändiges Werk über das Leben des bayerischen Königs Ludwig II. vom Ende des 19. Jahrhunderts, das einst dem Friseurmeister gehört hatte, dessen Frau ins kochende Wasser gestürzt war. Außerdem zählten auf diese Weise viele Bände des Almanachs Oberpfälzer Heimat sowie die Vorgänger-Publikation aus den 1920er- und frühen 1930er-Jahren Heimatblätter für den oberen Naabgau. Das addierte sich recht schön zu seinen Werken über Hinduismus, Islam, Buddhismus, Sikhismus, Jainismus und vieler anderer zahlenmäßig kleinerer Richtungen. Es paßte gut zu klassischer Literatur aller nur erdenklicher Richtungen und zu einigen seltsamen Werken. Geerbt hatte er auch ein paar katholische Bücher, wie zum Beispiel die als Schott bekannte Sammlung ritueller Texte. In seiner Kindheit wurde daraus am Abend des 24. Dezember die Weihnachtserzählung gelesen. Das Exemplar roch noch nach dem Kleiderschrank der Eltern und Skrugel hoffte, dieser Geruch ging nicht auf dem Weg des Spediteurs verloren.

Die Reise war also zugleich geographisch, vorwärts und rückwärts in der Zeit und olfaktorisch.

In dieser Schott-Ausgabe von 1949 – Imprimatur 19. November 1948 – war ihm, erst nachdem er sie geerbt hatte, der abschließende Satz der Weihnachtserzählung aufgefallen: Gloria in altissimis Deo, et in terra pax hominibus bonae voluntatis. Wenn er das richtig verstand, so sollte es `Frieden auf Erden´ nur für jene Menschen mit gutem Willen geben... Das begeisterte Mudev Skrugel. Der Rest brauchte keinen Frieden auf Erden, sondern konnte getrost zur Hölle fahren. Er hätte sich nicht sonderlich anstrengen müssen, einige Typen aufzuzählen, die in der Tat keinen Frieden haben sollten; und Kappen auf verblödeten Glatzen-Visagen mit andere belästigender dröhnender Hämmermusik konnten gleich samt Jogginghose und schmierigen Turnschuhen mit zur Hölle fahren, direkt in die Höllen-Mitte hinein. Mudev Skrugel zischte: `Zelebriert euren Drecks-Rave mit Satan zusammen in der Hölle, aber ich will keinen Ton davon hören. Keinen Pieps, kein einziges bumm, päng oder wumm...´

Friede auf Erden

... Das alte geerbte Buch, in Schwarz gebundene Buch war reinstes Gold wert...

...für die, die guten Willens sind...

Skrugel lachte: Und für sonst niemanden...

Es erstaunte und erfreute ihn, was in dem altehrwürdigen Schott alles zu finden war. Hätte er von sich aus böse Stellen gesucht, hätte er vielleicht einen Roman von William S. Burroughs wie The Place of Dead Roads von 1983, Western Lands aus dem Jahr 1987, die 1995er-Veröffentlichung My Education: A Book of Dreams (feinstes Burroughs-Spätwerk) oder dergleichen mehr aus dem Bücherscharnk gezogen, um einige besonders boshafte Stellen aus tiefstem Herzen zu genießen, wie süßen Pudding einzusaugen und sich langsam auf der Zunge zergehen zu lassen. Doch ausgerechnet auf den Schott wäre Mudev Skrugel niemals von sich aus gekommen.

So reisten mit Mudev Skrugel und mit dem Spediteur zur gleichen Zeit nicht nur Menschen aus Fleisch und Blut mit Sack und Pack, sondern ganze Welten, zumeist aus duftendem, zu Büchern zusammengebundenem Papier.

Es erschien Mudev Skrugel, als führe er immer durch die eine oder andere Landschaft, Stadt-Landschaft und Land-Landschaft, als sei alles Landschaft, physische Landschaft oder psychische Landschaft, Landschaften, die sich überlagerten, die Schichten bildeten und in denen sich gut graben ließ. Reisen in solchen Landschaften konnte also genausogut Archäologie heißen. Mauerfunde. Knochenfunde. Goldfunde. Silberfunde. Bronzefunde. Vasenfunde. Aschenfunde. Münzfunde. Gerätefunde. Ackerbaufunde. Schriftrollenfunde. Kachelfunde. Steinfunde. Schmuckfunde. Fäkalienfunde. Devotionalienfunde. Farbfunde. Götterbilderfunde. Spielzeugfunde. Waffenfunde. Damit wäre das Reisen allerdings auch zu einer dreckigen Angelegenheit geworden. Archäologische Kratzgeräte in schmierigen Lehmböden schichteten Dreck auf Dreck, und je nachdem, welche Farbe der Dreck hatte, wurde er verschiedenen Zeitaltern zugeordnet. Wo sich die Dreckfarben vermischten, dort hatte schon früher jemand gegraben und Gefahr war im Verzug. Grabräuber!

Überall lagen sie, die ägyptischen Sarkophage und die dorischen, ionischen oder korinthischen Säulen, kanelliert oder nicht, die römischen Mosaike und die 5000 Jahre alten Normziegel der Harappa-Kultur. Man mußte nur ein wenig kratzen und schon leuchteten Steine und Leichen aus der Landschaft, Schmuck, Gold und alte Münzen. Ein Spatenstich in die Erde und schon grinste der Totenschädel heraus, und die Archäologie-Botschaft konnte diesem jovialen Totenschädel ohne Umschweife mitten ins Gesicht hinein gesagt werden: Graben! Graben! Graben! Buddeln! Buddeln! Buddeln! Das war – in der Tat – das höchste der Gefühle.

Doch auch von der anderen Seite her wurde Archäologie betrieben. Das war an den Universitäten im entsprechenden Fachbereich unbekannt. Um davon zu wissen, reichte Gedichteschreiben und Reisen gerade hin... Unaufhörlich kratzte die Knochenhand von unten her an der Landschaft: der Totenschädel lachte schon! An einigen Stellen war die Teerdecke der straße schon sehr dünn geworden. Es drohte die Gefahr, einzubrechen und in einem Erdloch oder unterirdischen Korridor zu verschwinden. Solche Dinge geschahen mitunter mitten in einer Stadt. Am nächsten Tag berichteten die Zeitungen darüber. Wer sich auf den Boden legt und das Ohr auf die Erde preßt, der kann die Knochenhand unterirdisch kratzen und schaben hören. Die Knochenkorridore waren weit verzweigt und als verzwicktes System angelegt. Jemand mußte die Archäologie auf den Kopf gestellt haben.

Nichts ist sicher. Alles ist verwackelt. Das subtile beständige Erdbeben ist der Normfall, allenfalls die Normvariante, nicht jedoch der Unfall, das plötzliche Anprallen und Absterben. Hinabzuleben und hinabzusterben war demnach die Devise. Und um zu überleben, hinüberzuleben, hineinzuleben, erklang in herrlichen Engelszungen der Psalm Heilige Archäologie, bitt' für uns!

Bitt' für die Liebe, bitt' für das Leben, bitt' für die nie endenwollende Reise, für das ewige Unterwegs!

Mudev Skrugel war überhaupt ein sehr lebensfreudiger Mensch. Er lebte in einer regelrechten Landschaft der Freude. Darin wie in einem Palimpsest zu kratzen, war ihm Lust und Anregung zugleich.

Zu einer gewissen Zeit seines Lebens hatte er im Sinn gehabt, Archäologie zu studieren. Während eines erfolglosen Versuchs in recht jungen Jahren, sich auf die eine oder andere Weise an der Universität zu etablieren, benötigte er für sein Hauptfach Kunstgeschichte ein Nebenfach, und da war ihm die Archäologie in den Sinn gekommen. Doch im letzten Augenblick hatte er ein anderes Nebenfach gewählt, denn es gab ein bedeutendes Argument gegen die Archäologie, und dem war er gefolgt. Skrugel wollte nicht in der Erde wühlen und sich die Hände schmutzig machen. Er hatte eine angeborene Abneigung gegen Praktika, denn er war an die Universität gekommen, um endlich Theorie zu studieren, reine geistige Theorie. Er wollte – endlich! – im Elfenbeinturm sitzen, denn außerhalb des Elfenbeinturms wütete das Banal-Praktische mit eiserner Faust. Dem wollte Mudev Skrugel schlauerweise entrinnen. Die Archäologie wäre ihm da viel zu praktisch gewesen. Das Praktische war ihm zuwider. Er konnte es nicht ausstehen. Nur allzu oft war ihm dieses Praktisch-Grob-Banale um die Ohren geschlagen worden. Das sollte nicht noch einmal passieren. Dem war seinerzeit die Archäologie als Studienfach zum Opfer gefallen.

Schade um die schönen Tonscherben!

Schade um die schönen Goldstücke!

Schade um das herausgeschürfte Silber, das auf Schiffe verladen wurde, die dann auf den Meeresboden sanken!

Schade um die schönen – zumeist mehrfarbigen – Meßstäbe, die die Archäologen neben ihre Funde legten, um auf Photographien die Größenverhältnisse herauszustellen!

Schade um die schönen Reisen an exotische Grabungsorte und um die schöne Kleidung, die vor Sandstürmen schützte!

Schade, schade, schade!

Andererseits konnte Mudev Skrugel möglicherweise die Landschaft gerade deswegen als Landschaft begreifen, weil er es poetisch meinte, und weit genug von der Archäologie entfernt war. Schließlich gab es eine poetische Archäologie noch nicht als Wissenschaft an den Universitäten.

Dreht es sich also um die sachgerechte Ausgrabung und Restaurierung des ersten Elfenbeinturms der Menschheit? Dafür würde es sich lohnen, die Hände verdrecken zu lassen und mit vielen praktischen Menschen unter einer Decke zu stecken, die vor Sandstürmen schützte. Es wäre ein enormer Durchbruch! Oder um in der archäologischen Terminologie zu bleiben: Ein Durchstich. Ein Quantensprung der Wissenschaft hin zur Kunst!

Man muß sich so einen Elfenbeinturm einmal genauer besehen. Wie könnte er aussehen? Wie stellte sich Mudev Skrugel einen solchen Elfenbeinturm vor?

Er stünde etwas abseits, doch gut erreichbar, oder in der praktischen Sprache ausgedrückt: Seine Anbindung an die Infrastruktur ließe nichts zu wünschen übrig, obgleich er selbst nicht Teil der Inftrastruktur war. Relativ schmal stand er, etwa zwei bis drei Stockwerke hoch, in der Nähe eines Abhangs. Das Mondlicht blitzte an der weißen, mit der Zeit leicht gräulich gewordenen Außenmauer ab, so daß sich zu gewissen Nachtzeiten für den Betrachter der Eindruck eines Leuchtturms einstellte. Innen war er voller Bücher, die die Luft mit einem spezifischen Geruch erfüllten. Das Licht der Glühbirnen war hell genug, um ein Studium dieser Bücher zu ermöglichen, doch nicht so hell, um jeden Winkel des Gebäudes unangenehm auszuleuchten. Irgendeine Ecke lag zu jeder Zeit im Schatten; das war für heiße Tage angenehm. Es gab weitaus mehr Türen als Räume, so daß die gesamte Innensicht des Gebäudes letztlich unlogisch und undurchsichtig blieb.

Nicht alle Türen führten nach draußen. Manche waren geschickt erzeugte Illusionen. Andere führten in ein unterirdisches Gangsystem, vorausgesetzt, es konnte überhaupt von einem System die Rede sein...

Ein guter Teil dieses Elfenbeinturmes war nicht architektonisch und konnte auch nicht später von Archäologen ausgegraben werden. Vielmehr handelte es sich um Sagen, Erzählungen und geschickt gestreute Gerüchte. Der Stoff, aus dem die besten träume gewoben waren: In jeder Hinsicht ein Skapulier.

Da waren sie wieder, die Worte!

So ein Elfenbeinturm hatte vor allem mit Worten zu tun. es schien von ihm ein Wispern und Raunen auszugehen, das jedoch nichts Bedrohliches an sich hatte, sondern sich eher verlockend zeigte: Vielleicht war ein solcher Turm ja von oben bis unten aus gehärtetem Marzipan gefertigt? Ganz sicher konnte man sich in dieser Frage der Bausubstanz niemals sein.

Worte, Worte, Worte!

Musikalisch schillernde Worte.