6. Kapitel: Okel-dōc
Eines der Kriterien, nach denen Mudev Skrugel die Menschen einteilte, war, ob sie Okel-dōc sagten oder ob sie nicht Okel-dōc sagten. Mudev Skrugel sagte nicht Okel-dōc. Ganz im Gegenteil, Okel-dōc widerte ihn an. Er konnte es nicht ertragen, wenn jemand zu seinem Gegenüber allen Ernstes meinte: Also, wir treffen uns dann morgen um zwölf, Okel-dōc? Für Skrugel lag darin etwas Erschreckendes.
Das Wort Okel-dōc klang boshaft, überheblich und arrogant, aus dem Mund von Männern launisch, aus dem Mund von Frauen zickig. Okel-dōc wurde stets von oben nach unten gesprochen, von oben herab auf da drunten irgendwo. Es gab Okel-dōc-Geber und Okel-dōc-Nehmer. Der reinste Strukturalismus wie bei Claude Lévi-Strauss, Gott hab' ihn selig, den vielbeschworenen `Einstein der Ethnologie´... Doch Mudev Skrugel war kein launischer Typ. Er sagte nie Okel-dōc. Auch in anderen Varianten gehörte das Wort nicht zu seinem Wortschatz: Oky-dōky beispielsweise. Doch so sehr er auch Okel-dōc verachtete, so sehr brannte es sich in ihn ein: Das Wort Okel-dōc oder Oky-dōky saß tief in den Bronchien wie ein böser Katarrh. Er schaffte es nicht, diesen Virus heruaszuspeien, heruaszurotzen, herauszukotzen. Zu oft hatte er diesen Okel-dōc-Virus mit seinen Ohren vernommen, und nun hatte er suich festgesetzt uind dröhnte ihm die Ohren voll. Ein unerwünschtes und dennoch nicht zu bekämpfendes Wort, scheußlich, ekelhaft und bissig wie ein Straßenköter.
Immerhin hatte ihm Okel-dōc bislang als Kriterium zur Einteilung der Menschen gedient. Doch nun, da er sich bereits ein Stück weit in Spanien befand, mußte er daran denken, daß das Wort Okel-dōc aller Wahrscheinlichkeit nach nicht zur spanischen Sprache gehörte, und daß ihm dadurch ein wesentliches Kriterium zur Beurteilung von anderen Menschen fehlte.
Ohne Okel-dōc also keine Menschenkenntnis auf spanischem Territorium?
Dabei hatte Mudev Skrugel bereits herausgefunden, daß Okel-dōc allem Anschein nach zumindest in der englischen Sprache durchaus existierte. Er hatte sich nämlich gefragt, ob Okel-dōc oder Oky-dōky nicht so peinlich klang, weil es nach den bekannten Onkel-Doktor-Spielen – Okel-dōc-Spielen? – der Kinder klang. Bei dieser Thematik lohnte es sich immer, bei Henry Miller nachzuublättern, sagte sich Mudev Skrugel seinerzeit. Und tatsächlich! Auf S. 54 von Millers Klassiker The World of Sex, in der Ausgabe der Grove Press von 1965 las Skrugel: Under a flickering gas jet I held her in my arms and did my best to soothe her ruffled feelings. She responded with warm embraces. I concluded that everything was okey-dokey again... Es gab Okel-dōc also auch in der englischen Sprache! Doch vermutlich war gerade dieses Okel-dōc im Spanischen unbekannt...
Damit fehlte Mudev Skrugel ein sehr wichtiges Kriterium. Trotzdem hallte das Wort Okel-dōc wie durch einem Lautsprecher verkündet in seinem Kopf nach. Es färbte mit all seinen schlüpfrigen Nebenklängen – The World of Sex – seine Vision: Als Skrugel der N 2 über Berg und Tal in Richtung Barcelona folgte, fielen ihm weiße Plastikstühlchen auf, die links und rechts der Straße standen. Die ersten, die er sah, standen verwaist, doch waren es zu viele, um rein zufällig in der Landschasft zu stehen. Es mußte einen Sinn dafür geben. Erst nach einigen Kilometern, und nachdem die Stühlchen nicht mehr verwaist dastanden, wurde ihm klar, daß sich hier Prostituierte den Vorbeifahrenden darboten. Selbst diese Einsicht kam zu ihm erst auf den zweiten Blick, denn seine erste Assoziation ging in die Richtung einer Auto-Zähl-Aktion aus dem einen oder anderen ökologischen Grund. Erst, als er überlegte, warum diese Zählerinnen derart lasziv bekleidet waren, war er bereit für eine andere Interpretation dessen, was sich am Straßenrand zutrug.
The World of Okel-dōc. Presented by Mudev Skrugel.
Eine weitere Parallelwelt.
Je mehr dieser parallelen Welten es gab, desto größer war – gemäß Mudev Skrugel – die Freiheit. Mehr Welten: mehr Möglichkeiten.
Auch in Spanien konnte Skrugel die Uhrzeit auf großen Anzeigen, die über die Straße gespannt waren, ablesen. Ob allerdings in jeder Parallelwelt dieselbe Zeit galt, war dahingestellt. Vielleicht war es sehr schlau, regelrechte Parallelgesellschaften zu bilden, überlegte Mudev Skrugel, denn er überlegte ständig irgendetwas. Dieses Überlegen war eines seiner Lebenselexiere oder Überlebenselexiere. `Überlegen = Überleben´, das war Skrugels Maxime, und er blieb ihr in verschiedenen parallelen Welten treu.
Schließlich dauerte es Mudev Skrugel zu lang und er wechselte erneut auf die Autobahn, egal, was es kostete. Schneller vorwärtszukommen war besser als langsam dahinzutuckern. Immer war ein Ding besser als das andere. Auch Okel-dōc war wenigstens nicht gar so schlimm wie die Akadie. Die Zeiten wurden besser. Von der Akadie zu Okel-dōc. Der nächste Schritt wäre möglicherweise die komplette und totale Erleuchtung. Nein, nicht nur Erleuchtung in die vielbeschworene Leere hinein, sondern darüber hinaus. Wer wollte schon leer sein? Für den Fall der Leere war vielleicht sogar Okel-dōc besser... Also schneller vorankommen... und allem entkommen, in eine neue Welt hinein. Eine Erleuchtung, noch über nirwana und samadhi hinaus. Nirvikalpa.
Mudev Skrugel brauchte für alles ein Wort zur näheren Bezeichnung. Er holte sich die Worte von überallher. Das war nicht sonderlich schwer, denn er las ja genug in verschiedenen Büchern
Gesagt, getan; Mudev Skrugel verließ die N 2 und fuhr auf der Autobahn weiter in Richtung Barcelona. Zu Beginn verwirrte es ihn ein wenig, daß er nicht an einer peaje-Station vorbeifuhr, um ein Ticket zu ziehen. Stattdessen tauchte plötzlich ein Häuschen auf und eine ältere Frau verlangte von ihm die exakte Summe von 58 Cent. Nach diesen 58 Cent konnte er reibungslos weiterfahren.
Auf dem Weg nach Barcelona wurde er ständig aufgehalten, um kleinere Summen zu bezaheln, wie etwa 1 Euro 62.
Area de Maresme
, eine Raststelle nahe an Barcelona. Die zweisprachigkeit in Katalonien – Spanisch / Katalanisch – bedeutete auch für Skrugel eine Umstellung: Doppelte Worte!Je näher er Barcelona kam, desto mehr wuchs seine Aufregung. Mudev Skrugel hatte schon mehrmals dort gelebt und war tage- , wochen-, ja, monatelang durch die Stadt gerannt, um jedes Detail zu sehen, jeden verfallenen Hinterhof, jeden dunklen Hauseingang, in dem eine Glühbirne oder eine Neonröhre hing, die eher Düsternis verströmte. Dieser bröselnde Stadtmoloch war damals für Mudev Skrugel wie eine Heilung von der Sterilität deutscher Städte, die im 2. Weltkrieg weggebombt worden waren und hektisch und kurzatmig aufgebaut und ständig ebenso hektisch und kurzatmig renoviert zur modernen Wüste aus Dämmstoffen und Überheizung verkamen. Barcelona hingegen war obskur und sinister, dunkel und erregend, verfallend und gärend, und dennoch vom mediterranen Licht bestrahlt. Umschlossen von Cerdàs Planstadt Eixample aus dem 19. Jahrhundert und mit Gaudis Jugendstil wie mit silbrigen Fäden durchwirkt, verströmte die große unübersichtliche Altstadt einen vermischten Geruch aus Kaffee, Staub, Abgasen und Tortilla-Geruch. Hunderte von Gassen, in denen die Sonnenstrahlen zu keiner Tageszeit jemals den Boden berührten. Diese Mischung machte die Stadt unverwechselbar.
Mudev Skrugel hatte sich seinerzeit in Barcelona sehr wohlgefühlt, doch er kehrte nun nicht mehr dorthin zurück. Der Traum wies jetzt in andere Richtungen, noch weiter südlich, und dem Traum galt es zu gehorchen. Irgendetwas muß man im Leben dienen. Warum also nicht gleich und direkt dem Traum dienen? Das war das Einfachste und Vernünftigste: Sehr praktisch. Spätenstens hier, an dieser Stelle, hätte die andere Sorte von Menschen zurückgefragt: Okel-dōc? Nicht wahr? Okel-dōc? Okel-dōc?
Zum Gygax nochmal, Barcelona war zum Absterben schön! Was für eine gebenedeite Geschichte...
Mudev Skrugel überschritt die Stadtgrenze von Barcelona. Er hatte dies nicht so geplant; vielmehr wollte er Barcelona auf der Autobahn umgehen. Doch auf die eine oder andere Weise zog es ihn wohl immer wieder in diese Stadt, seitdem er dort gelebt hatte. Möglicherweise hatte er damals aus der Fontana de Canaletes, aus dem Canaletes-Brunnen getrunken, von dem man sich erzählt, daß derjenige, der auch nur einen Schluck aus ihm nähme, für immer nach Barcelona zurückkehren müsse. Mudev Skrugel überlegte und kam zu dem Schluß, es könne durchaus so sein, denn er hatte stets aus irgendwelchen öffentlichen Brunnen gekostet, und die Fontana de Canaletes stand verührerisch zugänglich am oberen Teil der Rambla, eben dort, wo sie in den Plaça de Catalunya einmündete. Ja, Mudev Skrugel war sogar der Meinung, daß es – ganz im Gegenteil – nahezu ausgeschlossen war, nicht davon zu trinken. Schließlich genoß der Flaneur, wenn er die Rambla hinaufspazierte, diverse Zeitungsstände, Blumenläden und exotische Vögel. Das lenkte die Aufmerksamkeit zu guter Letzt auf den prächtigen Trinkbrunnen.
Mudev Skrugel war also in Barcelona gelandet. Er kam vom häßlichen Ende der Stadt herein, dort, wo die Gran Via noch von Betonblöcken verschandelt war. Wie stets in derartigen Gegenden überkam ihn ein Gefühl von blankem Ekel, der in die Frage mündete: Wollen die Leute, die dort hausen, auch Glück im Leben? Jeder Einzelne? Ist so viel Glück noch übrig für die Blöcke, die Klötze, für die steinig mumifizierte Moderne, die mit brachialer Gewalt über die Menschen gekommen ist?
Existiert überhaupt derart viel gallertartige, schmierige, zuckersüße und klebrige Glücks-Rohmasse, daß es auch für die zubetonierten und krebsartig wuchernden Massensiedlungen ausreichte? Skrugel dachte: Hier wird der Ekel zur Ontologie. Zumindest dachte er dies in seinen philosophischen Zeitabschnitten. In seinen religiöseren Augenblicken wurde er gewahr, daß eine Spur Mitgefühl und weniger Ekel vorhanden sein sollte; daher wandte er sich ab, schaute weg und sagte zu sich so etwas wie Im Grunde zählt nur Gott. In künstlerischen Momenten erinnerte er sich jedoch daran, daß in Italien und Frankreich solche Siedlungen, in denen keiner mehr leben wollte, mit einer zünftigen Ladung Dynamit wieder weggesprengt worden waren.
Glücklicherweise änderte sich die Vision schnell und die Gran Via, die mitten ins Herz Barcelonas hineinführte, wurde wieder zur Prachtstraße, in gewisser Weise auch voller Blöcke, doch eben voller alter Blöcke, die ausufernde Formen und Ornamente zeigten und vom Verfall bis ins steinerne Knochenmark hinein poetisiert dastanden. Es handelte sich eben um unterschiedliche Bausubstanzen.
Schließlich ereichte Skrugel das royale Gebäude der Universität, mit seinen Uhren, seinen Türmen und Innenhöfen, in denen angelegte viereckige, von Ziegeln eingefaßte Teiche im angenehmen Schatten dalagen. Doch nicht genug! Eine Umleitung führte ihn in die Carrer de la Diputació, in der seine Frau seinerzeit eine Weile gelebt hatte. Ein anderes Straßenschild besagte Rocafort, ein Name, den er von Fahrten mit der U-Bahn her nur allzu gut kannte. Entlang dieser U-Bahn-Linie zog sich eine Verbindung der beiden Plätze, die in den Köpfen und Herzen der Katalanen eine derart wichtige Rolle spielten: Plaça Catalunya (Plaza Cataluña) und Plaça Espanya (Plaza España), die ein Hin- und Herpendeln der kulturellen Identität zwischen Katalonien und Spanien aufzeigten. Der Ethnologe Marc Augé, der ein sehr beliebtes Buch über die Metro in Paris als kulturelles System verfaßt hatte, hätte an diesem kulturellen Detail seine Freude gehabt. Jene Linie L1, die im Plan rot gekennzeichnet war, verband die Stationen Catalunya und Espanya mittel dreier dazwischengeschalteter Haltepunkte: Universitat, Urgell und Rocafort.
Wer eine Universität besucht hatte und folglich lebenslänglich von dem Drang gejagt und gehetzt war, Dinge zu interpretieren, der konnte sich die Einzelheiten aufschreiben und bei einer Tasse Kaffee in einem netten Café (warum nicht gleich im Café de l'Opera an der Rambla in Barcelona?) über ihnen brüten:
1) Die Linie 1 (die "erste")
2) Die rote Farbe der Linie (rot = lebendig = feurig = voller Zündstoff)
3) 3 Stationen dazwischen (3 als heilige Zahl in vielen Kulturen...)
4) In welchem Zusammenhang stehen Universitat, Urgell und Rocafort?
usw.
Salvador Dalí, der katalanische Künstler und Schöpfer einer von ihm selbst so benannten kritisch-paranoiden Wissenschaft, könnte als Patron für solche Interpretationsversuche herhalten. Und damit wären alle Komponeneten wie in einem schmackhaften Tagesmenü in einer einfachen Bar zusammen. ¡Qué aproveche!
Mudev Skrugel erreichte schließlich die Stierkampfarena. Zu seiner Überraschung fand er sie völlig entkernt. Nur die ovalen Außenmauern standen noch. Hatten ganz andere Mächte diesen Punkt der Erde übernommen? Was kam jetzt in diese Mauern hinein? Kam überhaupt noch etwas hinein? Oder entstand hier vielmehr ein Gegenstück zum hohlen Zahn der seit etwa einem Jahrhundert unfertigen Kirche Sagrada Familia? War die Stadt also von einer Achse zweier hohler Kunstwerke durchwirkt? Dieser Gedanke faszinierte Mudev Skrugel, und obgleich der Verkehr in den Straßen Barcelonas, schaffte er es, weit draußen, dort, wo es vermutlich nicht mehr Barcelona, sondern längst Hospitalet war, anzuhalten und nach hinten in sein Archiv zu greifen.
Das Archiv war die letzte Chance, eine eigene Identität zu sehen. Wenn Mudev Skrugel dieses Archiv angelegt hatte, und wenn Mudev Skrugel – Jahre später – dieses Archiv befragte, mußte es noch derselbe Mudev Skrugel sein. das Archiv, das er in seinem Wagen verwahrte, sagte: Mudev Skrugel existiert. Hätte es dieses Archiv nicht gegeben, hätte sich Skrugel seiner selbst nie gewiß sein können. Das Archiv war die letzte und einzige Chance, dem ansonsten scheinbar mit dem Alter unausweichlich voranschreitenden Zerfall der Persönlichkeit entgegenzutreten.
Das Archiv stellte die Rettung dar. Ohne das Archiv war die Auflösung der Lebenslinie eine abgemachte Sache. Sein Leben wäre dann nur noch als lose Folge vollkommen unzusammenhängender Details wahrnehmbar. Doch Skrugel hatte vorgesorgt: Er hatte ein Archiv zusammengestellt. Hin und wieder dachte Skrugel, daß das Archiv möglicherweise eine Lüge sei. Vielleicht war das Leben nur dies: Nur Augenbklicke, die keinen Zusammenhang aufweisen konnten. Dann könnte zwar noch Erinnerung bestehen, doch lediglich durch eine gläserne Wand hindurch. Die Erinnerung im Badezimmer mit einer milchigen Duschkabine, an der die Tränen herunterliefen. Selbst der Boden unter den Füssen wäre dann ungesichert, denn durch ein Loch im Boden der Wanne schoß das Wasser fort, hin zur Kläranlage der Stadt, zur Kloake oder direkt in den Fluß hinein, um ihn nachhaltig und auf lange Zeit hin zu vergiften.
Doch Mudev Skrugel hatte ein Archiv eingerichtet. 12 Stehsammler mit Artikeln, Photos, Dokumenten, Kunstwerken, Mitschriften, Kritzeleien, Traumbüchern, Programmen und dergleichen mehr. Dazu ein paar prallgefüllte Aktenorner. Für den Fall des Verlustes weiter Teile dieses Archivs oder gar der Zerstörung des gesamten Archivs hatte er weise vorgesorgt. Vieles hatte er so lange bertachtet, in der Hand befühlt und sogar daran gerochen, so daß in seinem Inneren ein zweites Archiv existierte, das im Notfall überlebte. Aus diesem Nukleus ließ sich dann mittels Stift und Papier ein neues Archiv rekonstruieren. Gemischt mit der Erinnerung an das erste verlorene Archiv gäbe es in diesem Fall sogar drei Archive. Zwei direkt zugängliche, sowie ein Meta-Archiv.
Er holte sich also aus dem Archiv einen Stadtplan von Barcelona, faltete ihn und zog – so gut das eben im Auto ging – eine direkte Linie von Sagrada Familia zur Stierkampfarena. Zu seiner Überraschung berührte diese Linie keinen bedeutenden Punkt der Stadt. Selbst über der Universität verlief sie zwei Blöcke entfernt und durchschnitt lediglich einen Platz mit Namen Plaça Doctor Letamendi. Mudev Skrugel erinnerte sich gut an diesen Platz. Etwa 10 Jahre zuvor, als er in Barcelona lebte, war er an diesem Platz gesessen und hatte überlegt, was er tun sollte, denn er hatte kein Geld mehr. Er war absolut, zu 100% bankrott. An diesem Platz also hatte Mudev Skrugel seinerzeit nachgesonnen.
Ansonsten schnitt die Linie keinen anderen benennbaren Ort.
Warum kommen einem im Fall von Barcelona immer solche Ideen?
wunderte sich Mudev Skrugel. Irgendetwas an dieser Stadt erweckte ein Gefühl von Geheimnis, von Bewegungen im Schatten, von geheimen Korridoren, auf den ersten Blick undurchsichtigen Strukturen und von verdeckten Tätigkeiten. Das konnte nicht nur an Mudev Skrugel liegen. Die Stadt hatte gewiß ihren Anteil daran.An Barcelona haftete etwas Unerklärliches. Nirgendwo anders wäre Mudev Skrugel auf die Idee gekommen, allen Ernstes Linien auf dem Stadtplan zu ziehen und dabei zu vermuten, so würde eine verdeckte Struktur verständlich.
Grob betrachtet, lag Barcelona ost-westlich entlang des Mittelmeeres ausgestreckt. Die Toten, so erinnerte sich Mudev Skrugel, reisten nach Westen, wenn der alte Spruch stimmte, und so hatte er einen Grund mehr, nicht aus dieser Stadt wieder herauszufahren. Doch er hatte sich vorgenommen, weiter in den Süden zu fahren, und so setzte er seine Fahrt fort. Selbst wenn die gesamte Welt Aber Herr Mudev Skrugel, okel-dōc???!!! rief, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, hielt er daran mit eiserner Härte fest. Er hatte also die entkernte Stierkampfarena, jenen hohlen Zahn nahe des Plaça Espanya gesehen, seine Schlüsse gezogen und nun fuhr er weiter.
Weiter in Richtung Süden.
Die endlose Vorstadt-Brache um Hospitalet, El Prat und andere Orte betrübte ihn schon vom bloßen Anblick her. Wenn in dieser Gegend eines klar war, dann dies: Wer hier angekommen ist, der hat eindeutig Barcelona verlassen, der hat das blanke Ungemach betreten, der hat mutwillig einer sinistren Schönheit den Rücken zugewandt. Er war – so betrachtet – selber schuld.
Verließ Mudev Skrugel also Barcelona in Richtung Südwesten, so war er selbst unbegreiflich geworden. Vielleicht lag der Grund für dieses Unerklärliche ja darin, daß Mudev Skrugel lange in dieser unerklärlichen Stadt Barcelona gelebt hatte, und daß da etwas abgefärbt hatte. Wie der Baum, so die Frucht, hieß es in einem alten Sanskrit-Vers: yathā vŗkşas tathā phalam. Auch sein altes Sanskrit-Lehrbuch, den vielgerühmten Stenzler (Adolf Friedrich Stenzler: Elementarbuch der Sanskrit-Sprache. Grammatik. Texte. Wörterbuch, 17. Auflage, 1980), der in seiner 1. Auflage noch im 19. Jahrhundert erschienen war, hatte er im Auto dabei.
Es hatte also etwas von dieser Stadt auf ihn abgefärbt, hatte ihn nicht nur ein wenig angefärbt, sondern gänzlich eingefärbt, das Gewebe durchwirkt wie Safran, Zwiebelschale oder Aubergine die Teppichfaser. In der Tat wäre er niemals anderswo auf die Idee gekommen, eine solche Linie über den Stadtplan oder die Landkarte zu ziehen.
Er hielt inne.
Vielleicht häte er das ja doch an einem einzigen anderen Punkt der Erde getan, einen Fleck, der ihn vom ersten Augenblick an fasziniert und den er genauestens studiert hatte, jedes nur greifbare wissenschaftliche Werk, sei es Buch, Artikel in einer Fachzeitschrift oder Reisebericht: Dardistan im nord-westlichen Pakistan, eine schillernde Ecke in jeder Hinsicht, Schamanismus und Islam, die schiitische Ismailia des Aga Khan in Hunza und bei den Kalash, jenen Kafiren, die Ende des 19. Jahrhunderts nicht islamisiert worden waren, da sie damals nicht auf afghanischem, sondern auf britischem Territorium lebten, noch Reste einer alten vedischen Religion, mit dem Hinduismus mehr als nur verschwistert. Vielleicht war diese Ecke der Welt bestens dazu geeignet, sich zu verstecken, irgendwo ganz weit hinten, südlich des afghanischen Wakhan, dort, wo unweit von Chitral der mächtige Gipfel des Tirich Mir (7690 m) aufragt. Dabei hätten sich die Darden selbst nienmals als Darden bezeichnet. Sie wurden von außen her so benannt. John Biddulph hatte das Gebiet in seinem um 1880 erschienen Klassiker Tribes of the Hindu Koosh definiert als the country lying between the 35th and 38th parallels of latitude, and the 70th and 76th degrees of longitude. Karl Jettmar schränkte dies knapp ein Jahrhundert später, im Jahre 1975 im Überblick Die Religionen des Hindukush ein wenig ein und zählte die nordwestlichen Ketten zum Karakorum; den Nanga Parbat betrachtet man als westlichen Pfeiler der Himalaya-Kette, zu der man aber auch noch die sich fortsetzenden Berge bis zum Indusknie rechnet. In dieser Gegend trieben sich so manche sehr exzentrische Persönlichkeiten herum wie beispielsweise Gottlieb Wilhelm Leitner (1841 – 1899), auch bekannt als Mawlawi Abdur Rashid, der für die Briten in Lahore im Schuldienst arbeitete. In seinem Bungalow in Lahore wurde er beinahe ständig von Darden besucht, und er verfaßte über die dardische Kultur phantasievolle Werke, in denen er von sich selbst als The Gilgit Doctor in der dritten Person redete: This is what the Gilgit Doctor did in 1866. Auf einer Karte dieses Gebietes hätte sich Mudev Skrugel also vorstellen können, eine Linie ziehen zu können.
Über Dardistan und über Barcelona.
Sonst nirgendwo.
Doch Mudev Skrugel hatte keine Karte von Dardistan im Wagen. Sein Archiv barg so manche Information über diese Gegend in Ordnern. Doch sollte er darüber eine Linie ziehen?
Er entschied sich für eine andere traumverhangene Methode. Von einem Seminar, das Zur Ethnographie der Darden betitelt war, und im Wintersemester 1989 /90 jeden Freitag von 14 bis 16 Uhr stattfand (Dr. Snoy, Südasien-Institut der Universität Heidelberg), besaß Mudev Skrugel eine dreiseitige, mit einer mechanischen Schreibmaschine getippte und angenehm in ihren kunstvoll, surrealen Grautönen ästhtische und inspirierende, weil herrlich schlecht kopierte Literaturliste. Er schlug sie nach dem Zufallsprinzip auf und deutete auf eine Stelle. Dort las Skrugel:
Ghulam Muhammad
: Festivals and Folklore of Gilgit. In: Memoirs of the Asiatic Society of Bengal, Vol. 1, S. 93-127. Calcutta, 1905Es war bereits dunkel und Zeit, weiterzufahren. Mudev Skrugel war auf unerklärliche Weise von der Autobahn abgekommen und hatte die ganze Stadt Barcelona durchquert. Einerseits ärgerte ihn ein wenig der Zeitverlust, denn er wollte ja weiterkommen, doch andererseits – und das war der bei weitem größere und bedeutendere Teil in ihm, der ihm ins Ohr flüsterte – war er dankbar über die Möglichkeit, die Stadt nach all den Jahren noch einmal zu sehen zu können und sich dort ein bißchen in Träumen zu verlieren. Doch nun galt es, die Autobahn wieder zu erreichen und so weit wie möglich in den Süden vorzustoßen, bevor er ein Hotel für sein Archiv und seine Bücher (und für sich selbst dazu) fand.
Etwa auf der Höhe von Sitges war die Autobahn Autopista Pau Casals benannt. Mudev Skrugel freute sich über die Bezeichnung durch den Namen des berühmten katalanischen Cellisten.
Als er Tarragona erreichte, las Mudev Skrugel auf einer Tafel, diese Stadt sei Weltkulturerbe, doch als er versuchte, so viel von Tarragona von der Autobahn aus zu sehen, wie das in der dunklen Nacht möglich ist, konnte er nur Betonklötze sehen, abstoßende, verletzende Architektur. Sollte so etwas Weltkulturerbe sein, überlegte Skrugel, könnte der Gedanke an das Verschwinden jeglicher Kultur regelrecht reizvoll werden. Andererseits jedoch wäre die Kultur schon in dem Augenblick wieder da, sobald der erste Mensch einen Stein auf den anderen drischt: Stein-Dresch-Kultur. So einfach war das, erkannte Mudev Skrugel.
Mudev Skrugel betrieb Mudev-Skrugel-Kultur.
Die Vogel-Kultur beispielsweise fand sich – obwohl es dunkle Nacht war! – in einem Baum auf der Raststelle bei Tortosa.
Vögel hatten gewiß eine Art von Schabernacks-Kultur; dessen war sich Mudev Skrugel sicher. Da gab es die Beologie der Beos, jener gefiederten Halunken mit schwarzem Gefieder und gelbem Fleck am Hals, ferner Flamingo-Wissenschaften, Fluglehre, Bunttukan-Übungen und das Lori-Tutorium.
So manches mal inspirierten die Vögel mit ihrer Kultur auch die Kultur der Menschen. In Haitersbach bei Nagold soll vor Jahrhunderten das Auftauchen eines Kuckucks die Dorfbewohner derart erschreckt haben, daß sie die Stadttore schloßen und die Fugen mit Kraut verstopften, damit der Kuckuck nicht in die Stadt kommen könne. In der Kirche sangen sie ein Lied, das mit diesen Worten begann: Es ist ein fremder Vogel kommen / In dem Wiestal une dran / Kyrieeleyson. Mudev Skrugel indes hätte diese Vorkommnisse als reine Beologie bezeichnet. Er dachte daran, wie er vor einige Jahre zuvor mit einem Raben gesprochen hatte. Stetig und durchdringend hatte ihn das weise Rabenauge angblickt. Eine beologische Übertragung. Immerhin war der Rabe – wie der Beo – ebenfalls ein schwarzer Vogel. Machten schwarze Vögel immer Schwarzflüge? Auf Flughäfen hatte Skrugel beobachtet, daß hin und wieder auch Vögel die Startbahn der Flugzeuge benutzten, um abzuheben. Flogen die Vögel also hin und wieder offiziell vom Flughafen und vom Tower geleitet ab, um ansonsten frei unangemeldete Schwarzflüge zu machen? Waren also im Grunde alle Vögel Beos und war der beologische Schabernack weltweit – global – auf dem Vormarsch? Das mit der Globalisierung funktionierte wohl kaum; das mit dem beologischen Schabernack könnte jedoch global durchaus gelingen. Beo-Logik. Logik der Beos. Schwarze Logik. In dubio pro beo.
Vielleicht konnte die Vogel-Kultur die Menschen-Kultur eines Tages retten, wenn wir uns nach Jahren und Jahrzehnten in einer Spaß-Kultur beinahe zu Tode gealbert haben. Das stetige, ruhige und ernste Auge des Raben schien in eine solche Richtung zu weisen, dachte Mudev Skrugel und er wünschte sich, er hätte seinerzeit länger mit diesem Raben gesprochen oder ihm wenigstens einen Moment länger in das Auge geblickt.
Standen die Vögel schon bereit oder vielmehr: Saßen Sie schon auf den Ästen der Bäume bereit? Richteten sie ihre beständigen und tiefen Vogelaugen von oben her auf uns herab, um zu warten... zu warten... zu warten...?
War auch die ornithologische Struktur der zukünftigen Kultur bereits errichtet oder auf die eine oder andere Weise schon bereitgestellt? Ein neuer Ernst. Das war in der Tat etwas ganz anderes als das lächerliche Okel-dōc.
Immerhin war es doch erstaunlich, daß die Vögel im Baum auf der Raststelle bei Tortosa des Nachts sangen. Mudev Skrugel hatte die Idee im Hinterkopf, daß es sich, wann immer die vermeintlichen Vögel nächtlich aktiv waren, um Feldermäuse handelte, doch so viel wußte er: Fledermäuse singen nicht. Würden sie singen, so wäre dies bestimmt sehr schaurig mit anzuhören. Der einzige Vogel, den er in diese Kategorie einreihen konnte, wäre das Käuzchen, desssen unheimlicher Ruf mitten in der Nacht erscholl und das so den weiteren Namen Todesvogel erhalten hatte. War die Stunde des Absterbens vom Ruf eines versteckten Todesvogels begleitet?
Dieser Ruf des Käuzchens konnte jedoch weniger ein Absterben ankündigen, sondern vielmehr ein vage geduetetes Ansterben. Ein wenig gebenedeit nur. Nur wenig von Gygax und schon gar keine Akadie. So würde sich der Charakter einer Reise zeigen, als Ansterben, als Pilgerschaft, die den Reisenden aus dem Alltag herausholt und in eine nahezu heilige Atmosphäre versetzt. Gutes Reisen konnte daher nichts anderes sein als eine Pilgerschaft. So oder so: Etwas Heiliges war immer mit dabei.
Die Ekstase des Unterwegsseins wartete mit beständigem Rabenblick.
Schon die ersten wackeligen, noch unsicheren Schritte eines Kindes pilgerten auf das eine oder andere Ziel zu. Jeder Sturz, wenn die kleinen Beinchen einknickten, verbarg einen Kniefall wie in einem Tempel oder einer Kathedrale. Mudev Skrugel war schon gute zwei Tage lang unterwegs. Er war – gemäß – seiner eigenen Defintion schon recht heilig geworden. Demnach war die Ankunft nach einer langen Fahrt eine Form des Martyriums. Dieses Martyrium stand Mudev Skrugel noch bevor. Schließlich war er bereits bei Tortosa, ein gutes Stück weit in Katalonien. Barcelona und Tarragona hatte er schon hinter sich gelassen.
Vielleicht sangen die nächtlichen Vögel von Tortosa nur für die Reisenden, für die Heiligen. Oder vielleicht sangen sie für alle, aber nicht jeder konnte sie hören. Bis 100 Kilometer war Stille. Ein leises Wispern ergab sich bei einer Fahrt bis zu 1000 Kilometern und erst jenseits der 1000er-Grenze erklang der volle schöne Vogelgesang in dieser Nacht des Reisenden, in dieser Heiligen Nacht. Stille Nacht, heilige Nacht: Das wäre damit ein zusammengedachter Gegensatz und auf diese Weise eine belebende und berauschende Spannung. Dieses Lied nur zu Weihnachten zu singen, ist also eine völlig unnötige Selbstgeißelung und recht dumme Selbstbeschränkung. Kein Wunder, daß so die eine oder ander Nacht zur Käuzchen-Nacht gerinnt...
Während des Reisens gelingt also ein flüchtiger Blick in eine parallele Welt, in eine zu jeder Zeit offene Möglichkeit: Es könnte alles anders sein. Die Dinge ändern sich mit unglaublicher Schnelligkeit. Stille Nacht, heilige Nacht: Die Szenerie ist – bei in der Nacht nicht vorhandenem Licht besehen – recht bizarr. Hirten schlafen. Es blitzt. Wesen mit Flügeln erschienen. Die wundersame Geschichte von der Geburt eines seltsamen, eigenartigen Menschen, wie auch im Falle von Buddha, Krishna oder anderen. Auf diesen Gedanken ließe sich leicht eine neue Religion gründen. Heilig, heilig alle Reisenden! Vom vielen Kaffee unterwegs surrt der Schädel. Doch Gott hat nach dem Kopfschmerz auch das Aspirin erschaffen. Aus der Spannung von Mittel und Gegenmittel entfaltet sich die Welt, die dann – etwas später – das Reisen und damit das Heiligwerden ermöglicht. Es war also genauso, wie Mudev Skrugel vermutete: Darauf könnte man - wenn man nur wollte – eine neue Religion gründen. Doch wäre diese Religion wirklich neu? Vermutlich nicht. War das Neue in diesem Bereich überhaupt wünschenswert?
Heilige Straße!
Heiliges Auto!
Heiliges Archiv!
Heilige Reise!
Heilige Vögel im heiligen Baum!
Heiliges Tortosa!
Heilige Autobahn!
Heiliges Benzin!
Heiliger Qualm aus dem Auspuff!
Heilige Raststelle!
Heiliger Automatenkaffee!
Heilig, heilig, heilig!
Mudev Skrugel erschien alles heilig, während er Kilometer um Kilomteter weiter in Richtung Süden fuhr. Die Straßenschilder waren voller Mantras, heiliger Silben, oder mit Ritualtexten bedeckt. In den Raststellen gab es geheiligte Speisen und rituell gereinigte Getränke. Der Kaffeeautomat meditierte ein wenig, bevor er einen kleinen Plastikkelch auswarf und dananch wie von Geisterhand betrieben mit einer heiligen Flüssigkeit befüllte. Dafür mußte er zuvor ein Almosen in einen Schlitz werfen und dann eine der Tasten mit bunten Heiligenbildchen drücken. Das Licht der inneren Welten blitzte auf und formulierte die Segensformel Gracias por su compra (Vielen Dank für Ihren Kauf). Die Wärme des Numinosen, des Heiligen, bestimmte die Temperatur des Kaffees und ein Geschäft war vom restlichen Raum wie durch einen Glaskasten abgetrennt, offensichtlich, um ein Inner Sanctum, ein Allerheiligstes, einzurichten. Parkplätze erlaubten den Pilgern eine Rast; das P für Parkplatz bedeutete eigentlich Pilgerreise. An der kase wurde eine Gebetsfahne oder ein Beichtzettel ausgedruckt. Dafür gab es – logischerweise – auch eine Gebetszettel-Druckmaschine mit einer Tastatur, auf der sich recht praktisch und kommod ein Mantra eintippen ließ. Die Auspuffe der pilgernden Wägen entließen Weihrauch in die ansonsten profane Luft und das Brummen der Motoren war auf eine gewisse befreiende Schwingungsrate eingestellt. Da Mudev Skrugel sich nun schon geraume Zeit in einem Gebiet aufhielt, in dem seine Muttersprache nicht mehr gesprochen wurde, umgab ihn beständig eine Mauer des Halb-Verständlichen und Halb-Unverständlichen. Da er aber immer die Meinung vertreten hatte, man müsse sich um Verständnis selbst bemühen, schrieb er dieses Nicht-Verstehen seiner eigenen Person zu und nahm an, er sei von Mantras und religiösen Formeln umgeben wie die Fische im Wasser eines Flusses, Sees oder im Meer.
Er beschloß, hier die Autobahn zu verlassen, und in die Stadt Tortosa zu fahren, um ein Hotel zu finden. Die Nacht stand bevor und das Archiv mußte gut abgestellt werden, und Mudev Skrugel war müde. Wartet er noch länger, wäre die Nacht möglicherweise schon so weit fortgeschritten, daß er keine Erholung im Schlaf mehr finden würde. Jede Sekunde des Schlafes, die den Traum ermöglichte, war kostbar.
11 Kilometer
, besagte ein Schild.Diese elf Kilometer zeigten sich recht unschön. Fabrikanalagen, aufgerissene Erde, dampfende Schlote. Würde er in Tortosa fündig werden?
Dann begann die Stadt. Mudev Skrugel staunte. Er überquerte einen Fluß und fand sich binnen kürzester Zeit in einem sehr alten, engen und düsteren Stadtteil wieder, der seine Phantasie angenehm beflügelte. Dieser Teil der Stadt erschien ihm wie eine stark verkleinerte Ausgabe des verrufenen und erregenden Viertels Barcelonas Barrio Chino. Gerne wäre er augestiegen und hätte in einer Bar eine Tasse Kaffee getrunken, doch dafür hatte er keine Zeit. Er fuhr kreuz und quer, immer darauf achtend, ob er ein Hotel fände, das einen bewachten Parkplatz hatte. Dabei kam er mehrmals durch das kleine vermeintliche Barrio Chino, und lenkte ein jedes mal den Wagen wieder in eine andere Richtung weg. Dieses Viertel war ihm zum gelenk geworden, von dem aus er seine Hotel-Forschungsfahrten unternahm. Es lag Mudev Skrugel gewissermaßen im Blut oder im Urin, ständig die seltsamen Viertel des Verfalls anzusteuern, seitdem er mit 12 Jahren mit seinen Eltern in Frankreich in einem alten staubigen Hotel übernachtet hatte und mit seinen 12-jährigen Augen von seinem Fenster aus auf eine verfallene Straße geblickt hatte, die im Licht der Straßenlaternen etwas von einer unbezwingbaren Schönheit an sich hatte. Die Trias von Kunst, Leben und dem Verfall der Dinge hatte sich damals fest eingebrannt. Dieser eine Blick von einem alten staubigen Zimmer mit vergilbter Blümchentapete und einem Eisenbett auf eine morsche französische Staße hat ihn mehr geprägt als alles andere. Seither geistert diese Welt des Verfalls durch sein Leben. Tortosa war da nichts Besonderes. Ein Verfall mehr. Noch ein Verfall. Noch so ein Verfall. Noch so ein Verfall mehr.
Er war fast schon dabei aufzugeben, als ihm ein größeres Hotel auffiel, das mit einer runden Vorderfront an einer Straßenecke stand. Dieser scharfe Kontrast von rund und eckig schien ihm ein gutes Omen zu sein, und überdies war das Hotel gehoben genug, um einen bewachten Parkplatz zu besitzen. Er stellte sein Auto ab und betrat die Lobby. Warum dort nervend-laute Musik gespielt werden mußte, verstand er nicht; trotzdem wandte er sich an die Rezeption und trug sein Anliegen vor.
Hier stachen ihm die Unterschiede von französichen und spanischen Hotels, die er schon früher bemerkt hatte, ein weiteres Mal ins Auge. Französische Hotels waren leiser, kulturierter und charmanter. Davon fand sich in den spanischen Unterkünften eindeutig weniger, dafür jedoch waren sie erheblich billiger. Anderseits hatte man ihn in den französischen Hotels nur nach dem Namen gefragt, und er hätte jeden nur erdenklichen Namen nennen können, Hauptsache, er bezahlte korrekt. Hier in Tortosa tauchte wieder der typisch spanische Kontroll-Fimmel auf. Pasaporte! Paßnummer aufschreiben. Kontrolle, ob die Nummer tatsächlich mit der Nummer im Paß übereinstimmte. Photokopie des Passes. Unterschrift. Unterschriftenvergleich. Rückfragen, die nach Fangfrage rochen. Und vor allem: Stets ein todernstes Gesicht dabei aufsetzen und die Augen dramatisch kullern lassen. Schließlich: Tortosa lag noch immer in Katalonien und Katalanen galten als die effizientesten Spanier in jeder Hinsicht: Dicen que los catalanes de las piedras sacan panes. Stimmte dieser Spruch, dann zogen Katalanen selbst aus den Steinen noch Brot heraus. Doch: Es gab eine Tiefgarage und darum war Mudev Skrugel dankbar.
Welches Fahrzeug haben Sie?
Welche Farbe?
Wie, was heißt das: Grau oder blau? Was? Eher grau denn blau, trotzdem mit einem nicht zu übersehenden Stich ins Blaue? Was heißt das?
Wo steht der Wagen jetzt?
Fahren Sie jetzt gleich in die Tiefgarage oder später? Bueno, Sie drücken also auf den Knopf und indentifizieren sich mit Ihrer Zimmernummer...
Skrugel antwortete wie ein braves gezügeltes Pferd, die Ohren angelegt und die Finger züchtig auf die Rezeption aufgelegt, den Kopf ein wenig seitlich geneigt. Schließlich ging es um sein Archiv und um eine Handvoll nicht zu ersetzender Bücher. Diese Art der Kontrolle hatte etwas Operettenhaftes an sich, und das machte die ganze Sache dennoch amüsant, denn der Auftritt war wichtiger als die Sache selbst. Die schöne Frau an der Rezeption machte dabei auch eine gute Figur als Operetten-Sopran und überhaupt. Da Skrugel der Meinung war, man solle das Schöne, das Kunstvolle, das Ästhetische betonen und nicht das Häßliche, beobachtete er diese schöne Frau mit den schwarzen Augen und den schlanken Fingern beim Kontrollieren. So hatte er auch etwas von der Sache. Vor allem jedoch hatte er sein Archiv gesichert. Jegliche Aufmüpfigkeit gegen dieses Regime der Sopranistin hätte die Sicherheit des Archivs gefährdet. Im Fall dieses Archivs übte Mudev Skrugel die Kontrolle aus. Er war hier der unerbittliche Kontrolleur in eigener Sache. Jeder war glücklich, denn jeder hatte von diesem Deal profitiert. Projektmananger sprachen in solchen Fällen von einer Win-Win-Situation. Wesentlich beunruhigender fand es Mudev Skrugel da zum Beispiel, daß in Japan manche Toiletten ungefragt die frischen Exkremente analysieren. Das empfand er nach allen Regeln der (Nicht-) Kunst unmoralisch.