5. Kapitel: Akadie
Als Mudev Skrugel geboren wurde, erblickte er, wie das in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts so üblich war, das Licht der Welt in einem Krankenhaus. Nach kurzer Zeit brachten ihn seine frischgebackenen Eltern in einem weißen Auto nach Hause. Sie nahmen dabei nicht die kürzeste Strecke, sondern fuhren die schönsten Straßen entlang wohlgeformten Jugendstil-Bauten, Repräsentationsgebäuden der Gründerzeit, Palästen des Barock und so manchem Park.
Dann kamen sie an, brachten den frischgeborenen Mudev Skrugel in den ersten Stock eines großen Hauses und freuten sich darüber, daß sie nun endlich Nachwuchs hatten.
Zur selben Sekunde wurde in einem gesichtslosen modernen Betonblock der Anti-Skrugel geboren, sein boshafter Gegenspieler, sein Feind, geboren allein zu dem einen Zweck, Mudev Skrugel zu quälen, zu peinigen und ihn eines schönen oder unschönen Tages zu vernichten, auszulöschen, auszuradieren. Der Anti-Skrugel war eben dies: Der geborene Feind. Dessen Eltern brachten den Anti-Skrugel am selben Tag nach Hause. Sie benutzten dabei ein schwarzes Auto und fuhren durch Industriebrache, durch erbärmliche Vorstädte und Gegenden, die jeder, der nicht dort leben mußte, tunlichst mied.
Als der Anti-Skrugel aufwuchs, entwickelte er die teuflische Fähigkeit, sich immer wieder in neuen Gesichtern zu verstecken, um Mudev Skrugel anzugreifen, ihm das Leben zu erschweren, und ihn zu verletzen. In Mudev Skrugels Kindheit tauchte der Anti-Skrugel als Alptraum auf, inszenierte in der Schulzeit den Sportunterricht und verführte die sogenannten Mitschüler dazu, Mudev Skrugel auf dem Nachhauseweg zu verprügeln. Er tat alles, damit Mudev Skrugel nicht noch mit einer 4- durchkam, sondern mit einer +5 scheiterte. Er quälte mit dumpfer Musik, zunächst, in den 60er-Jahren, mit Humdada-humdada-humdada im 2/4-Polka-Takt. Um 1974 mixte er dann in einem satanischen Labor die stampfende Disco-Musik zusammen und ab etwa 1988 peinigte und folterte er durch brutales, vergewaltigendes Techno-Hämmern. Um 1979 bewirkte er, daß jegliche Idee Mudev Skrugels von möglichst vielen niedergebrüllt wurde mit dem Spruch Da wart' nur, bis der Strauß Kanzler wird! Der treibt dir das aus! Und die – trotz allem – wachsende Selbstständigkeit, Individualität und Selbstverantwortung Mudev Skrugels veruschte er durch alles das niedererzuwerfen, was unter dem Siegel sozial, sozialpädagogisch, sozialistisch, gemeinschaftlich, mitmachen, sich einbringen und dergleichen mehr geführt wurde. Er organisierte geheimdienstartige Krankenkassen, die Skrugel ausspitzelten. Er verkörperte sich als dumpfer Pöbel und als aggressives Pack. Als Mudev Skrugel in den 90er-Jahren im Süden mit einer schönen Terasse wohnte, verwandelte sich der Anti-Skrugel in einen rülpsenden, stinkenden Nachbarn mit Fenster zur Terasse hin.
Er inszenierte Autounfälle, Verletzungen, Krankheit, Übelkeit und Fischstäbchen.
Der Anti-Skrugel überheizte jeden Raum, und ließ in so vielen Wohnungen, wie nur irgend möglich, Wasser die Fenster hinunterlaufen, damit Mudev Skrugels Bibliothek verschimmelte. Er brachte die 68er-Lehrer sowie auch die alten Lehrer aus der Nazi-Zeit in der Schule dazu, Mudev Skrugel politisch-ideologisch zu behämmern und in die Ecke zu drängen.
Der Anti-Skrugel kam von links und von rechts gleichzeitig. Von oben und von unten, von vorne und von hinten.
Einen ganz großen Triumph feierte der Anti-Skrugel jedoch, als er bewirkte, daß Mudev Skrugel mit gut 20 Jahren doch noch für 15 Monate zum Militär mußte. Der Anti-Skrugel war zuvor bei elektronischer, hämmernder Dröhn-Musik in einer überheizten Hölle gesessen, um den Einberufungsbescheid zusammenzustellen. Dann hatte er den Postboten angewiesen, Mudev Skrugel die Einberufung zum Militär mit öligem Grinsen auszuhändigen: So, ist's bei dir wohl so weit, na? Mußt zum Barras, wie? Na, da werden's dir die Flausen schon austreiben... Kunst? Literatur? Daß ich da nicht lach'... In den Dreck schmeißen mußt du dich vor dem Unteroffzier, göll! Das ist genau das Richtige für ein intellektuelles Söhnchen, für so einen Möchtegern-Künstler!
Als der Anti-Skrugel Mudev Skrugel nun 15 Monate ganz für sich hatte, um ihn zu bearbeiten, schaffte er es, ihm ein Wort in den Kopf zu setzen, das er nicht mehr vergessen konnte, und daß ihn für den Rest seines Lebens nachklingen würde: Akadie.
Der erste, kurz vor seiner Pensionierung stehende Spieß der Stammeinheit, in die es Skrugel zwangsweise verschlagen hatte, konnte nämlich die einzelnen Befehle beim Antreten nicht mehr allzu gut auseinanderhalten, und so verschmolz Stillgestanden!, Augen geradeaus!, Richt' euch! und Rühren! zu einem einzigen diffusen Akadie aus! Jeden Tag morgens und abends hörte Mudev Skrugel nun Akadie aus! und bald pflanzte sich diese Akadie, was immer das war, in seinem Kopf ein wie wucherndes Unkraut.
Akadie, das bedeutete, ein klares Bewußtsein vom allgegenwärtigen Irrsinn zu haben und dennoch mitmachen zu müssen. Akadie, das war der große Bedenkenträger, der Krittler und Nörgler, das Ablehnungsschreiben. Akadie, das war im kultivierten Paris in einem Haufen Hundescheiße auszugleiten und völlig unkultiviert hinzufallen. Akadie, das war Jörg Ferkle, der Nachbar in Mudev Skrugels erster Nürnberger Wohnung, der Hämmermusik dröhnte,mit einer dummen Visage glotzte und kleine Hündchen im Treppenhaus dazu brachte, zu pissen und zu kacken. Akadie, das war ein verbohrter Bremer Altkommunist und Krypto-Stalinist, der Skrugel anschrie, es gebe keine Freiheit, nur soziale Gerechtigkeit. Akadie, das war täglicher Nieselregen. Akadie, das war, Salat zu bestellen und vor leeren Essig- und Ölfläschchen zu sitzen. Akadie, das war, einen Brief zu schreiben und nicht ausreichend frankieren zu können. Akadie, das war, wenn der Gesprächspartner bei wohlduftendem Kaffee nur noch das Wort Herzinfarkt im Mund führte. Akadie, das war die widersinnige Zeitungsmeldung, seit der Einführung der Gurtpflicht habe es weniger Unfälle gegeben. Nun gab es ein Wort für all dies: Akadie!
Kein Wunder, daß Mudev Skrugel während seiner Fahrt in Richtung Süden des öfteren auch dieses Wort – Akadie – im Kopf hatte.
Er versuchte, der Akadie zu entkommen, indem er seine Aufmerksamkeit auf das Schöne richtete, das ihn umgab. Skrugel ahnte, daß er dieses Schöne einatmen mußte wie der Ertrinkende die rettende Luft, daß er in seiner ganzen Haltung naiv daherkommen mußte, um der Akadie zu entkommen. So fuhr er den Pyrenäen entgegen und satunte über die blanke, wilde Schönheit des langsam aus dem Dunst auftauchenden Gebirgszuges. Bis dorthin war Frankreich, dahinter Spanien; das wußte er. Eine Natur- wie auch eine Kulturgrenze. Mudev Skrugel war in der naiven Betrachtung des Schönen derart geübt, daß ihn der Anblick der Pyrenäen erschaudern ließ. Und die Pyrenäen machten es ihm sehr einfach, so zu erschaudern. Dazu hätte es – in der Tat – keiner Akadie und folglich auch keines Anti-Skrugel bedurft. Sie zeigten sich majestätisch und erhaben, und dennoch wild und unzugänglich im Ausdruck. Kein Wunder, daß über die Pyrenäen immer wieder die Sage von geheimen Orten und geistigen Städten in Umlauf kam.
Fort von der Akadie führte der Weg in die Pyrenäen hinein, hin zu versteckten, geheimnisvollen Orten. Das erste, was Mudev Skrugel von den Pyrenäen sah, während er in Richtung Narbonne / Perpignan fuhr, war ein gigantischer weißer Berg, auf den er genau zusteuerte. Kurz darauf tauchten mehrere der weißen Berge auf, von denen jedoch keiner derart risenhaft erschien wie der erste. Vor der Bergkette überflutete Flächen, zwischen denen sich die autoroute hindurchdrückte, hin und wieder von großen Anzeigen überwölbt, auf denen nichts anderes zu lesen stand als die Uhrzeit. Die Uhrzeit für Mythen über den Gral, der – einigen Erzählungen gemäß – hier sein soll, über Maria Magdalena, die in Südfrankreich gelandet sein soll und all die Tempelritter-Geschichten. Kein Wunder in einer solchen Landschaft, in der über weite Strecken gar nichts war außer jenen niedrig wachsenden Bäumen. Vorne die Pyrenäen, links das Mittelmeer und dazwischen im Grunde nichts, eine nahezu religiöse Vision, in ein Landschaftsbild verpackt. In der ausgehungerten Hoffnung auf eine starke Tasse Kaffee steuerte Mudev Skrugel die Aire de Lapalme an. Die Landschaft blieb so mystisch wie zuvor, ein flirrendes Gefühl umfing ihn und die Aire de Lapalme hieß weiterhin Aire de Lapalme und nicht etwa Aire de l'Akadie... Die erschütternde Landschaft ließ keinen Platz für irgendeine Form der Akadie. Gegen jede Akadie war die Gegend um Perpignan das beste Gegenmittel.
Wenn sich Mudev Skrugel nicht derart diszipliniert im Griff gehabt hätte, wären ihm hier, an dieser Raststelle Aire de Lapalme, hier in dieser Landschaft ob der reinen Schönheit des Anblicks fast die Tränen in die Augen geschossen. Einen Moment nicht aufgepaßt und schon wäre es passiert.
Er griff in seinem Wagen nach hinten und fischte Bücher und Schriftstücke aus dem Archiv. Kurz blätterte in Stevensons Travels with a donkey in the Cevennes, dann las er mal hier und mal dort, kreuz und quer in allen nur erdenklichen Veröffentlichungen, die er selber transportierte und nicht dem Spediter übergeben hatte. Sat Dham. Located in the Pyrenees in northern Spain, it is the home of the Brown Robe Monks, who are concerned with the healing principles and physical phenomena. Ja, solchge Dinge hatte er verstreut in Büchern stehen. Sie hatten ihn immer fasziniert. Am 22. Juli 1928 vermerkt Joseph Naber in seinem Tagebuch über die Konnersreuther Resl: An diesem Tage sieht Theres auch noch, wie Lazarus, seine ältere halb blöde Schwester Anna (nach dem Weggang Mariens aus Bethanien ebenso auch noch Maria genannt), Martha, Maria Magdalena und ein treuer Diener von den Juden auf einem segel- und ruderlosen Schiff in's Meer hinausgestoßen werden (vom Hohen Rat verurteilt), aber wohlbehalten auf einer Insel an der Südküste Frankreichs landen. Von dort verbringen Lazarus und der Diener Magdalena an's feste Land. Während jene zurückkehren, besteigt diese einen Berg, wo sie in einer Höhle sich niederläßt für die noch übrigen mehr als 30 Jahre ihres Lebens. Shamballa. Located in the Himalayan mountains between India and Tibet, it is the home of the White Brotherhood, who keep vigil on the physical aspects of world evolution along paths of peace and righteousneses. Und: Quickly I lunged at Schmidt, grabbing him and twisting him around. I pulled the gun out of his hand, and, throwing it up, fired twice. the Indian darted through the door as Guerrero backed up, firing. His first bullet clipped my shoulder, but I managed to shoot again. He took a step forward, one hand clutching his throat, the he fell flat on his face. Und: Viele Tramps mieden George, seit er Gold Tooth so kaltblütig erschossen hatte. Erst nachdem er tot war, erfuhr ich durch Zufall, warum er es getan hatte. Da war es dann zu spät, ihm dafür die Hand zu schütteln. Schließlich: Ich fühlte mich hintergangen. Ich dachte an mein Geld und an meine zwei großen Kavalleriepistolen. Wenn man so mit mir umsprang, dann würde ich Geld und Pistolen nehmen und dorthin gehen, wo ich eine anständige Behandlung bekam. Und sollte ich keine bekommen, würde ich sie fordern. Mudev Skrugel schätzte ein solches Hin- und Herlesen mindestens genauso hoch ein wie den Durchgang durch ein Buch von Deckel zu Deckel. Zwischen Büchern waren vermutlich ebensoviele Perlen versteckt wie in einem regulären Text. Er pflegte diese Lesart mit liebevoller Hingabe. Hier lag auch der Grund verborgen, warum Skrugel – wann immer möglich – wenigstens eine kleine Bibliothek um sich haben wollte. Darin lag keine Materialität in bloßem Besitzen-Wollen, sondern die Möglichkeit des Blätterns. Zu viel verlangt war das gewiß nicht. Vorzügliche, frei nebeneinander angeordnete Bücher gegen die Akadie. In der Tat: "Hey, du", sagte George über das Feuer hinweg, "du bist ein Lügner." Seine kleinen, matten, blauen Augen loderten auf wie bei einem verwundeten Keiler. "Du warst ein anständiger Tramp, aber jetzt bist du Hundefutter." Eine Kanone blitzte unter seinem Mantel auf und er schoß zweimal in Gold Tooth. Noch in sechs Fuß Entfernung konnte ich spüren, wie ihn die Kugeln trafen. Wie gut, selbst im Wagen eine kleine Bibliothek bei sich zu haben! Angefangen hatte es mit der erhebenden Landschaft am Fuße der Pyrenäen, und es breitete sich in verschiedene Richtungen aus. In gewisser Weise – so Mudev Skrugel – ist man nie alleine. Oder mit Martin Heidegger gesprochen: Das eigene Dasein ebenso wie das Mitdasein Anderer begegnet zunächst und zumeist aus der umweltlich besorgten Mitwelt. Mudev Skrugel bestand dabei jedoch darauf, die Zügel in der Hand zu behalten. Zunächst und zumeist, später jedoch vor allem war es Mudev Skrugel selbst.
Mudev Skrugel saß im Auto, das Fenster war offen, die Vögel sprangen herum. Später stellte er zum ersten Mal auf der Fahrt die Heizung ganz aus, um sie danach nicht wieder anzustellen.
Ein deutliches und unmißverständliches Privileg gegenüber den nördlicher gelegenen Gebieten.
Hätte Mudev Skrugel nicht schon immer oder wenigstens längere Zeit im Süden leben können? Hätte er? Paul, der Evaluator, der Igi-digi-di, war ja ein Meister des Konjunktivs, so hätte es sein können, eben so, daß er, der Evaluatior am Ende vielleicht ein Meister des Konjuktivs gewesen wäre. Es hätt' vielleicht sein können, wie er bei solchen Gelegenheiten vielleicht gesagt hätte. Er hätte vielleicht gesagt, daß so ein plötzlicher Anprall gewesen wäre oder zumindest hätte sein sollen: gewußt, gesagt gesollt! Danach könnte der Tod eintereten, nach so einem Anprall, wenn er geschehen wäre. Also fertig evaluiert: Man hätte die Akadie schon vertreiben können! sagt Paul, der Evaluator, und nach dem Tod der Friseurmeisterwitwe in der der heißen Seifenlauge hätte nicht unbedingt der Anti-Skrugel geboren werden müssen. Gygax, hilf mit allen herrlichen Apokalypsen!
Später hätte es vielleicht es sich vielleicht so ergeben können, hätte also so sein können, daß Mudev Skrugel den Anti-Skrugel hätte erledigete. Am Nachmittag jenes denkwürdigen 26. Oktober 1881 schritt Mudev Skrugel durch Tombstone / Arizona zum O. K. Corral. Dort wartete auf ihn der Anti-Skrugel. Mudev Skrugel trug sein US-Deputy-Marshall-Abzeichen und erklärte den Anti-Skrugel für verhaftet. Sekunden später rissen beide Parteien ihre Waffen aus den Holstern und das legendäre Duell begann. Mudev Skrugel schoß seinen Revolver leer. Der Kampf dauerte nicht einmal eine Minute. Der Anti-Skrugel war tot. Hätte sein können! Hätte vielleicht am Ende gar sein können! Ein weietres Mal wäre der Anti-Skrugel mit einem schwarzen Auto, nun mit einem Leichenwagen, durch die scheußlichsten Gegenden der Stadt gefahren worden: Nieder mit der Akadie!
Nach der Schießerei wäre gewiß ein schwitzender Sheriff aufgetaucht, hätte im Anblick von Blut und Leiche gelangweilt seinen breitkrempigen Hut in den Nacken geschoben, sich gekratzt und gemurmelt: Eine verfluchte Sauerei ist das... Wer putzt das jetzt auf? Wer wischt das nun weg? Verdammt, wenn ich da nur an die ganzen verschmierten Knorpel und Gelenkkapseln denke... So eine gottverdammte Sauerei...
Was stattdessen hätte sein können: Pyrenäen-Berge in erhabener Schönheit. Und dies: Die meisten der Bücher aus dem Wagen wären vielleicht vom Fahrersitz aus erreichbar gewesen. Es hätte lediglich einer leichten Drehung des Körpers nach hinten, ohne dabei aufzustehen, bedurft. Die erhebenden Fanfaren der – sagen wir – Symphonie fantastique von Berlioz, vor allem in dem Satz Marche au supplice. Der Körper des Anti-Skrugel wäre inzwischen in seiner Sarg-Akadie längst verfault. Akadie aus! Akadie Schluß! Absterben! Gebenedeit! Schluß mit der Akadie! Worte! Worte! Worte über Worte!
Die Sonnenstrahlen fielen sanft durch das Glas der Scheibe und zogen sich über die bunten Ordner des Archivs dahin. Beharrlich entlockten sie dem Archiv jedes Satubkorn, und an diesem Staub ließ sich deutlich erkennen, welche Aktennotiz oder welcher Artikel unlängst benutzt worden war und was schon seit Jahren wartete. Der Unterschied der Zeit drückte sich im Unterschied der Staubdicke aus. Auf manchen Archivinhalten lag nicht der geringste Staub: Sie wurden ständig herausgenommen, begutachtet und verwendet, zumindest jedoch in Betracht gezogen.
Der große weiße Berg der Pyrenäen leuchtete, das Archiv leuchtete und die flache Landschaft vor der Gebirgskette leuchtete. Im Grunde leuchtete alles, bis auf einige Ausnahmen. Zünftig ausevaluiert. Gerettet vor der Akadie: Licht!
Mudev Skrugel öffnete das Fenster und ließ Frischluft herein. Der Mief des Nordens, der mystifizierte Terror der muffeligen Heizungsluft im überheizten, erstickend gemütlichen Wohnzimmer und der geschlossenen Plastik-Fenster konnte so endlich entweichen. Die kulturelle Analpumpe der nördlichen Hemisphäre war abgestellt und sogleich ausgebaut worden, um sie zum Müll zu geben. Es war, als sei dabei ein unangenehmes Geräusch zu hören gewesen. Mudev Skrugel hatte in der Tat endgültig und unwiderruflich den Süden betreten.
So hätte es sein können.
So hätte man es vielleicht gehört.
Die Landschaft vor den Pyrenäen war vermutlich weniger bloße Landschaft, sondern ein Raum voller Zeichen, voller Verbindungslinien und unterirdischer Korridore zwischen diesen Zeichen und voller verschatteter Erdlöcher. Schmugglerpfade und geheime Wege im oder zumindest nahe am Licht. Nicht weit von hier, an der Küste, versuchte im September 1940 der Philosoph Walter Benjamin auf der Flucht vom französichen Banyuls-sur-mer ins spanische Port Bou zu gelangen, wobei er einem alten Schmugglerpfad folgte. Er schaffte es zwar bis Port Bou, doch mußte er dort erfahren, daß die spanische Regierung die Grenze geschlossen hatte, und er folglich am nächsten Tag zurückgeschickt werden würde. In seiner Verzweiflung beging er noch in der selben Nacht Selbstmord.
Die Landschaft war also nur zu verstehen, wenn man den Code wußte. Oder andersherum: Das Archiv begann auf diese Weise zu leben.
Immer wieder, zum Teil gar während der Fahrt, ließ sich ein Dokument, ein altes Papier, aus dem Archiv herausziehen und studieren. Inneres und Äußeres vermischten sich und wurden so uninteressant. Übrig blieb lediglich die Schwelle, der Übergang, die Passage, der über- oder unterirdische Geheimgang. Der Korridor. Das – so oder so – metaphysische Erdloch. Die Ruine, der Riß und der Weg, die Route, die Fahrt. Alles ist duchlöchert, davon war Mudev Skrugel überzeugt: Realität ist Käse.
Manchmal roch es danach.
Der Traum hingegen ähnelte eher dem Fleisch und der Wurst, oder besser: dem bayerischen Wurstsalat mit saurer Essig-Sauce und vielen Zwiebeln. Hin und wieder ein Gürkchen darin oder eine Tomate, am besten jedoch puristsich, fundamentalistisch: Wurst, Zwiebeln und Essig & Öl. Dazu Brot. Der Traum hatte etwas beißend-Scharfes und gleichzeitig Fundamentales. Schließlich war es im Schlaf nicht nötig, Kompromisse zu schließen, von irgendetwas abzurücken oder nachzugeben.
Aire du Village Catalan
: Letzte Raststelle in Frankreich, wie ein Schild vielsagend beschreibt. In Grenzgegenden war es Mudev Skrugel ststs etwas mulmig zumute. Einmal noch péage und dann wartete Skrugel auf die Grenze.Diese Grenze zeigte sich hier sehr bombastisch, sehr monumental: 1200 m Espagne. Französische Zöllner kontrollierten die durchfahrenden Wagen; Mudev Skrugel winkten sie einfach weiter. Er wußte: Er hatte ein unschuldiges Gesicht. Und für den Notfall schöne Visitenkarten mit Golddruck: Mudev Skrugel. Schriftsteller.
Auf der spanischen Seite kontrollierte ihn niemand.
Riesenhafte Pfeiler, auf denen jedoch nichts stand, keine Statue, kein Symbol. Leer und verwaist begleiteten sie den Übergang von einem Land ins nächste. Doch die Schriften am Straßenrand waren noch immer französisch.
Erst nach einem Viadukt bezeugte ein weiteres Schild den Sprachwechsel: España. Aus dem Bezahlen von péage wurde nun das Bezahlen von peaje. Die karge französische Landschaft veränderte sich hin zu einem bewaldeten Saum, der eher einen schweizer denn einen mediterranen Eindruck macht. Die Häuser zogen bei diesem Umbruch mit und koboldhaft vorbeihuschende Orte ergaben mit der Landschaft zusammen ein schlüssiges Bild. Auf beiden Seiten der Grenze fand sich die Region Katalonien, und trotzdem schnitt die französisch-spanische Grenzlinie den Kuchen in zwei recht unterschiedliche Hälften.
Raststelle Área de l'Empordá: Dumpfer Radio-Pop-Lärm ließ nur einen sehr kurzen Besuch der Örtlichkeit zu. Danach verließ Mudev Skrugel die Autobahn und folgte der N 2 in Richtung Barcelona, um Geld zu sparen. Hier betrat er erneut die Welt der Kreisverkehre, eine sinnvolle und praktische, andererseits aber auch recht zeitraubende Angelegenheit. Im Übrigen waren Kreisel sehr exotisch, solange man sie nur vom Süden her kannte. Da nun auch der Norden Europas mehr und mehr verkreiselt war, hat sich die Exotik verloren, und ohne Exotik war der beste Kreisverkehr langweilig. Der praktische Aspekt hatte für Mudev Skrugel im gesamten Leben noch nie eine Bedeutung gehabt. Er gab sich hin und wieder praktisch, so wie dem Kaiser der Zehnte bezahlt wurde, doch es war eine Lüge, eine notwendige und angenehme Lüge, die eine Mauer errichtet, hinter der es sich exquisit verstecken ließ. Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist. Aigua viva: Auch hier lebte das Wasser und zeigte sich bisweilen dennoch seifig-tot.
So teilten sich im Anbeginn die Gewässer in viele Ströme, lebendige und tote. Der Herr besah sich sein Werk und war zufrieden. Das tote Wasser überreichte er den Chemikern, denn der Herr konnte mit einem solchen toten Wasser nichts anfangen. Ein solches totes Wasser war für irgendein obskures H²O gerade recht. Das Spiel beinhaltete Hin- und Herpumpen beträchtlicher H²O-Mengen, endlose Debatten um Wasserqualität sowie das nervöse, hektisch-kurzatmige Herumzeigen von Wasserproben in Reagenzgläsern: Alles machbar heutzutage, meine Damen und Herren, alles machbar! Der Herr segnete die toten Gewässer und ging von dannen.
Das lebendige Wasser leitete er in die Tränen verwegener Mystiker und füllte damit die heiligen Flüsse, in denen die Leichenteile der Verbrannten dahinschwammen. Heiße Waschkessel dampften heiligen Qualm und transzendierten die darin verquirrelte Seife zu einem wässrigen tränenartigen Sekret. Vom Dach tropfte ein schwarzes Gewässer herab, das die Kinder wie in Trance und mit Sand, kleinen Holzteilen und Steinchen anstauten, so daß es erhalten blieb und gerettet wurde. Die Kinder schien mit dem Wasser in Verbindung zu stehen, denn sie waren stets zur Stelle, wenn die Traumgewässer der Erinnerung und des Vergessens hervorbrachen, um sich in Ritzen und Ecken zur Flut zu steigern. Nachts im Traum strömten eigentümliche Seen zu einem weitgestreckten und schimmernden Traumhorizont hin.
Der Herr hob segnend die Hand und sprach: >>Der überhitzte Traum der Kinder soll von nun an heilig sein! Niemand soll mehr zu mehr kommen außer durch den Traum und die überaus waghalsige Reise in die entlegensten Gebiete des Geistes, wo das blubbernde Wasser strömt.<< Tropfen spritzten schwarz nach oben und fielen in durchsichtigen mehrfarbigen Fäden auf das trockene Land herunter. Der Herr sprach...............
Mudev Skrugel rieb sich die Augen.
War er eingeschlafen? Hatte er geträumt? Er mußte – so oder so – eine Sekunde lang abwesend gewesen sein, um nicht zu sagen: eingeschlafen. Glücklicherweise fuhr er auf einem geradlinigen Stück Straße, so daß nicht viel passieren konnte. Der Traum jedoch hatte tatsächlich stattgefunden; Mudev Skrugel konnte dies an den Augenblicken von samtfabener Benommenheit, die noch in ihm steckten, erkennen. Es war nicht leicht, von den Traumgefilden derart schnell wieder herüberzuwechseln. Schließlich galt es, eine beträchtliche Barriere zu überwinden. Das verlangte seinen Tribut. Glücklich der, der die Traumwährung in den Taschen hatte, der sich an Traumtalern, -schillingen und -nickeln hemmungslos bereicherte. Die metaphysischen Geldwechsler waren gerissene Hunde... wie sie so dastanden mit den Händen in den Taschen und den dicken Geldbündeln in den verschiedenen Taschen der Kleidung! Geben Sie mir alte Scheine, die auf der Rückseite schon verschmiert sind!
All das erinnerte Mudev Skrugel an das Würzen von Speisen. Es genügte ja nicht, nur Gewürze in den Topf zu schütten, umzurühren und danach zu servieren. Vielmehr mußten sich die Geschmäcker verbinden und neue Zusammenstellungen hervorbringen. Dafür verschoben sich die Zeiten so, daß immer wieder Fenster in der Kochzeit entstanden, Würzfenster. Wer diese Würzfenster verpaßt, der bringt letztendliche eine langweilige, wässrige, öde Speise auf den Tisch, bestenfalls für den Wahn der Magersüchtigen geeignet. Die fein gewürzte Speise sollte hingegen gerade dieser dictatura anorexica entgegenwirken. Geben Sie mir alte Scheine, Sie gnädiger und metaphysischer Herr Geldwechsler, solche, die auf der Rückseite schon verschmiert sind! Das ist die Würze bei der Sache, Herr Geldwechsler!
Mudev Skrugel setzte seine Reise fort. Die Kinder sind streng! Ach, sind die Kinder streng! Träumen den ganzen Tag!
In seinem Wagen führte er auch einige Stücke aus dem Haus in der Weidener Türlgasse, das er verkauft hatte, mit sich. Nach dem Umbau durch den neuen Besitzer würde es nie wieder das sein, was es zuvor gewesen war. Skrugel hatte vieles herausgeschafft, in seinen Wagen geladen und mit auf die Reise in den Süden genommen, um dadurch die Aura zu erhalten. Ob es dann gelänge, dort zwei Auras – die alte Türlgassen-Aura aus Weiden in der Oberpfalz und die neue Aura, also Vergangenheit und Zukunft immer erlebbar zu machen und durch Dinge, sinnliche Dinge, miteinander zu einem dubiosen geistigen Gängesystem zu verschmelzen, konnte Skrugel nicht wissen. Einen Versuch war es jedoch – um des lieben Seelenfriedens willen – allemal wert.
Er holte das älteste Kassenbuch seiner Eltern, das № 1, Haushaltskasse vom 2. 12 1960 bis 7. 9. 1961 betitelt war, ein gebundenes Büchlein, schwarz mit einem Aufkleber auf der Titelseite, beschriftet mit einem Kugelschreiber in einer eigenwilligen Farbe zwischen weinrot und rotviolett, eben von jener Sorte, die man zu Beginn des 21. Jahrhundetts vermutlich vergeblich suchen würde. Er fischte willkürlich den Eintrag vom 10. Februar 1961 heraus und las:
|
10. 2. 61 |
Streichhölzer |
-, 30 |
|
" |
1 gr. Bären |
-, 90 |
|
" |
1 kl. Gustin |
-, 52 |
|
" |
3 Pfund Brot |
1, 29 |
|
" |
1 Kopfsalat |
-, 40 |
|
" |
1 Pfund Orangen |
-, 70 |
|
" |
Schok. Streußel |
-, 30 |
|
" |
4 Semmeln |
-, 32 |
|
" |
Petersilie |
-, 10 |
|
" |
Leber 200g |
1, 20 |
|
" |
1 Pfund Rindfleisch |
1, 65 |
|
" |
1 Pfund Aufschnitt |
2, 00 |
|
" |
100g Streichwurst |
-, 65 |
|
" |
Senft |
-, 25 |
|
" |
Blaukraut |
-, 20 |
|
" |
½ ltr. Milch |
-, 22 |
|
" |
Bistumsblatt |
-, 50 |
Zuletzt überkam Mudev Skrugel die Idee, noch ein gutes Strück weiter in der Zeit zurückzuspringen: Wanderbuch, 32 paginirte Blätter enthaltend (ausgestellt am 29. März 1853 in Weiden, Königreich Bayern).
Bekanntmachung
in Betreff
des Wanderers der Gewerbe=Gehülfen
Da ungeachtet der durch die Allerhöchste Kabinetts=Ordre vom 1. August 1831 erfolgten allgemeinen Aufhebung der bisher in einigen Landestheilen noch bestandenen Zwangspflicht zünftiger Handwerksgesellen, vor Erlangung des Meisterrechts eine bestimmte Zeit auf der Wanderschaft zuzubringen, und der gegen die Mißbräuche, zu welchen das wandern Veranlassung giebt, wiederholentlich erlassenen Verordnungen, noch immer eine große Anzahl von wandernden Handwerksgesellen zwecklos im Lande herumschweift, die Gewerksgenossen und das gesamte Publikum belästigt und die öffentliche Sicherheit gefährdet, so sind zu Beseitigung dieses Uebelstandes nachstehende Bestimmungen für nöthig erachtet:
1. Wanderpässe, d. h., Pässe, in welchen weder ein bestimmtes Reiseziel, noch ein anderer Reisezweck, als der, Arbeit zu suchen, angegeben ist, oder Wanderbücher, wo solche überhaupt hergebracht sind, dürfen nur solchen Inländern ertheilt werden, welche
a) eine Kunst oder ein Handwerk betreiben, bei welchem das Wandern allgemein üblich und Behufs der Vervollkommnung darin angemessen ist;
b) völlig unbescholten und körperlich gesund sind, welches letztere, sofern es irgend zweifelhaft ist, durch ein ärztliches Attest dargethan werden muß;
c) daß dreißigste Lebensjahr noch nicht überschritten, auch nicht schon vorher fünf Jahre mit oder ohne Unterbrechung auf der Wanderschaft zugebracht haben;
d) außer den erforderlichen Kleidungsstücken nebst Wäsche ein bares Reisegeld von mindestens Fünf Thalern beim Antritt der Wanderschaft besitzen.
Personen, bei welchen nicht alle dieser Erfordernisse vereinigt sind, können, auch wenn sonst kein Bedenken obwaltet, nur gewöhnliche Reisepässe erhalten, bei deren Ausstellung übrigens die bestehenden Vorschriften, namentlich auch hinsichtlich der Reisemittel, sorgfältigst zu beachten sind.
In den Wanderpässen und Wanderbüchern ist die Dauer ihrer Gültigkeit, welche einen Zeitraum von fünf Jahren nicht überschreiten darf, auszudrücken.
2. Ausländischen Handwerksgesellen ist der Eintritt in die diesseitigen Staaten und die Fortsetzung ihrer Wanderschaft innerhalb derselben, nur dann zu gestatten, wenn sie mit einem von einer kompetenten Behörde ihrer Heimath ausgestellten Wanderbuche oder Wanderpasse versehen sind, nach Ausweis desselben in den letzten acht Wochen wenigstens vier Wochen gearbeitet haben, auch alle vorstehend unter Nr. 1. a. b. c. und d. vorgeschriebene Eigenschaften besitzen, welche ein Inländer zur Erlangung eines Wanderpasses bedarf, und sich darüber gegen die erste zur Ertheilung von Pässen befugte diesseitige Behörde an der Grenze, welche das Erforderliche in dem Wanderbuche oder Passe zu vermerken hat,, vollständig auszuweisen.
3. Kann ein ausländischer, übrigens gehörig legitimierter, Handwerksgesell durch unverdächtige schriftliche Beweismittel darthun, daß er von einem das betreffende Gewerbe selbstständig betreibenden Inländer ausdrücklich verschrieben worden, so ist er zuzulassen, wenn er nur körperlich gesund ist und die erforderlichen Reisemittel besitzt, um nach dem pflichtmäßigen Ermessen der Grenz=Behörde ohne Unterstütztung an den Bestimmungsort gelangen zu können; doch ist das Wanderbuch oder der Paß alsdann auch nur nach dem Ort zu visieren und, sofern die sonstigen Bedingungen nicht vorhanden, die weitere Fortsetzung der Wanderschaft im diesseitigen Staate nicht zu gestatten.
4. Der Wandernde, welcher nach obigen Bestimmungen hinlänglich legitimirt ist, kann zwar die Orte, in welchen er Arbeit suchen will, beliebig selbst wählen, er ist indeß verbunden, der Behörde, welche das Wanderbuch oder den Wanderpaß ausstellt, oder bei dem Eintritt vom Auslande her, oder auch nach Publication dieser Verordnung, im Inlande zuerst visirt, den nächsten Bestimmungsort, von welchem es bekannt sein muß, daß daselbst das betreffende Gewerbe betrieben werde, anzugeben, damit sowohl der Bestimmungsort, als auch, wenn dieser über eine Tagesreise entfernt ist, die Route und die wahrscheinliche Zahl der Tagesreisen dahin in dem Wanderbuche oder Passe bemerkt werden.
5. Gleichzeitig muß er bei weitere Fortsetzung der Wanderschaft der Polizei=Behörde des ersten und jedes folgenden Bestimmungsortes den nächstfolgenden namhaft machen, und diese hat bei der jedenfalls nöthigen Visirung den von ihm angegebenen Bestimmungsort, so wie die Route und die wahrscheinliche Zahl der Tagesreisen zu vermerken.
Von der selbstgewählten Route, welche hiernach aus dem Wanderbuche oder Passe stets hervorgehen muß, darf der Wandernde nicht abweichen. Will er den gewählten Bestimmungsort verändern oder eine andere Route einschlagen, so muß er einer zur Ausstellung von Pässen befugten Polizei=Behörde auf dem zuerst gewählten Wege davon Anzeige machen, damit selbige den Paß unter Angabe der Route und der wahrscheinlichen Reisezeit nach dem neuen Bestimmungsorte visire.
6. Auch muß der Wandernde, wenn er etwa auf dem Wege Arbeit findet oder erkrankt – in welchem Falle die Fortsetzung der Wanderschaft vor erfolgter Genesung gar nicht zu gestatten ist – oder sonst durch besondere Umstände abgehalten wird, die Reise nach dem Bestimmungsorte in der angegebenen Zeit zurückzulegen, sich bei der betreffenden Orts=Polizei=Behörde melden, damit diese das Wanderbuch oder den Paß visire und die Veranlassung so wie die Dauer des Aufenthalts bescheinige.
7. Wenn der Wandernde im Bestimmungsorte keine Arbeit findet, oder dergleichen nicht annehmen will, so darf er daselbst nicht über die von der Polizei=Behörde festzusetzende Zeit verweilen, deren Dauer alsdann in seinem Passe oder Wanderbuche zu bemerken ist. Findet er Arbeit, so ist, wenn er demnächst die Wanderschaft fortsetzt, bei Visirung des Passes zugleich zu bemerken, wie lange und bei wem er gearbeitet und wie er sich betragen habe.-
8. In den folgenden Fällen ist die Fortsetzung der wanderschaft nicht zu gestatten, sondern der Wandernde, nach vorgängiger summarischer Erörterung, mittelst beschränkten Passes und vorgeschrienen Reise=Route, wenn er ein Ausländer ist, über die Grenze, sonst aber an den Ort der Ausstellung des Wanderpasses – wohin auch der dem Wandernden abzunehmende Paß zu senden ist – zurückzuweisen:
a) wenn er von der aus dem Wanderbuche oder Paß hervorgehenden Route abgewichen, auf dem Wege oder am Bestimmungsorte über die vorgeschriebene Zeit verweilt hat und den dadurch begründeten Verdacht eines zwecklosen Umhertreibens nicht zu widerlegen vermag;
b) wenn er, außer dem Fall einer unverschuldeten Krankheit, acht Wochen lang ohne Arbeit gewesen ist, mag die Arbeitslosigkeit übrigens verschuldet oder unverschuldet gewesen sein;
c) wenn er seine Gewerbsgenossen oder andere Personen um eine Unterstütztung angesprochen hat, ohne Rücksicht darauf, ob ein sonstige Bestrafung stattfindet oder nicht;
d) wenn er sich eines Verbrechens schuldig gemacht hat, in welchem Fall es sich jedoch von selbst versteht, daß er deswegen zuvörderst zur Untersuchung und Bestrafung zu ziehen ist.
9. Handwerksgesellen, die keine zureichenden Legitimations=Documente bei sich führen, ist das Wandern gar nicht zu gestatten. Wenn sie indeß behaupten, selbige verloren zu haben und solches glaubhaft nachweisen; so sind sie mit einem beschränkten Passe und vorgeschriebener Reise=Route nach dem Orte zu versehen, wo das Wanderbuch oder der frühere Paß zuletzt visirt worden, und dort kann man ihnen, wenn sie daselbst gearbeitet haben und sich übrigens vollständig zu legitimiren vermögen, ein neuer Wanderpaß statt des verlorenen ertheilt werden. In demselben ist aber der Verlust und die Beschaffenheit des früheren Legitimations=Dokuments zu erwähnen, auch das letztere durch das Amtsblatt und wo ein Kreisblatt erscheint, auch durch dieses für ungültig zu erklären, und die inländische Behörde, welche dasselbe ausgestellt, davon zu benachrichtigen. Ist der Fall aber, nach vorstehender Vorschrift, zur Ausstellung eines neuen Wanderpasses nicht geeignet, so sind dergleichen Handwerksgesellen resp. über die Grenze oder an den Ort der Ausstellung des verlorenen Wander=Passes zurückzuweisen.
10. Handwerksgesellen, die mit beschränkter Reise=Route zurückgewiesen werden, dürfen zwar mit Genehmigung der Orts=Polizei=Behörde in dem auf ihrem Wege belegenen Orten in Arbeit treten, sonst aber von der Route nicht abweichen, widrigenfalls sie nach den allgemeinen Bestimmungen zu verhaften und nach dem Ort der Ausstellung des früher besessenen Wanderpasses, sonst aber nach der Heimath, sofern diese durch Korrespondenz mit den betreffenden Behörden festgestellt worden, auf den Transport zu geben sind.
11. Handwerksgesellen, welche einmal an den Ort der Ausstellung des Wanderpasses zurückgewiesen worden, darf erst nach Ablauf von mindestens sechs Monaten ein neuer Wanderpaß unter den ad 1. gedachten Bedingungen ertheilt werden; muß ein solcher Handwerksgesell alsdann wiederum aus irgend einem Grunde zurückgewiesen werden, so ist ihm ein neuer Wanderpaß gänzlich zu versagen und auch ein gewöhnlicher Reisepaß nur mit besonderer Vorsicht, unter strenger Beobachtung der allgemeinen Vorschriften, namentlich auch hinsichtlich der Reisemittel, zu bewilligen.
12. Bei dem Antritt der Wanderschaft oder dem Eintritt in das Land ist jeder Handwerksgesell mit vorstehenden Bestimmungen durch Einhändigung eines Abdrucks, welcher dem Wanderpaß oder Wanderbuch, wenn er es nicht schon damit verbunden, anzuheften und anzusiegeln ist, bekannt zu machen.
13. Sämtliche Polizei=Behörden haben sich nach vorstehenden Bestimmungen bei Vermeidung nachdrücklicher Ordnungsstrafen, so wie des Ersatzes der Transport=Kosten für den Fall, daß der Inhaber eines zur Ungebühr ausgestellten oder visirten Wanderbuchs oder Passes auf den Transport gegeben werden muß, auf das Genaueste zu achten, auch die Gast= und Herbergs=Wirthe, Gewerksmeister u. s. w. auf dieselben aufmerksam zu machen und mit näherer Anweisung über ihre Mitwirkung zur Erreichung des Zwecks zu versehen.
Mudev Skrugel klappte das Wanderbuch wieder zu. Blaß-blau-grau lag es in seiner Hand. Die Beschriftung in schwungvollen Lettern vermittelte ihm ein behagliches Gefühl. Erstaunt befühlte er mit seine Fingerspitzen die an dem Buch klebenden Reste eines roten Gummibandes, das das Buch seinerzeit – möglicherweise schon seit 1853 – verschlosen gehalten hatte. Der damalige Wanderer muß ein sorgsamer Mensch gewesen sein. Über 150 Jahre später klebten die Reste seiner Sorgfalt noch immer auf dem Buchdeckel. 1853: Das war lange Zeit vor der Akadie.
Was Mudev Skrugel besonders faszinierte, war die schiere Undurchdringlichkeit der Zukunft, aber auch der Vergangenheit. Schlug er das Tagebuch seiner Mutter an einer Stelle auf, so versetzte ihn der Geruch, der dem Werk anhaftete, sogleich in die dazugehörige Zeit zurück, jener besondere, aufregende Staubgeruch aus dem Haus in der Weidener Türlgasse, der sich in die Seiten eingebrannt hat. Diese Seelenreise durch die Zeit war also auch über die Nase erfahrbar. Trotzdem blieben Teile des Tagebuchs unzugänglich, da stenographierte Stellen in den Fluß der in Rido-Merkern aufgeschriebenen Stichworte eingestreut waren, hin und wieder Personen auftauchten, die Mudev Skrugel unbekannt waren, und die eine oder andere Begebenheit aus einem derart persönlichen Blickwinkel geschildert war, daß es nahezu unmöglich erschien, sie nachzuvollziehen. Zudem blieb der Aufschrieb von über 30 Jahren, 1969 bis 2001, nicht beschränkt auf Erlebtes, sondern war vielmehr durchsetzt mit Kürzeln, Telephonnummern, Autokennzeichen, Gedichten, Notizen über gehörte Radiosendungen, päpstlichen Gebetsanliegen, Adressen und auch Kochrezepten wie zum Beispiel einer Möglichkeit, bayerische Kartoffelknödel auf eine schnellere als die traditionelle Art zuzubereiten.
Verwahrt war dieses Tagebuch in einer goldfarbenen Blechbüchse, die an den beiden kürzeren Seiten von dem Schriftzug Mondamin Backpulver verziert war, einer anderen Form des auf der Unterseite eingeprägten Mondamin GmbH Hamburg. Der Deckel zeigte eine reproduzierte Szenerie, vermutlich aus dem 19. Jahrhundert, die auf einer Anhöhe, im Schatten eines Wäldchens bei einem Brunnen mit ihren Schafen ruhende Schäfer wiedergibt. Still blicken diese Schäfer in eine arkadisch anmutende Ebene hinab und vermitteln so den Eindruck eines Ölgemäldes aus der deutschen Romantik, ganz wie aus der italophilen Schule der neo-raffaelitischen Nazarener: Et in Arcadia Ego.
So undurchdringlich wie das darin verwahrte Tagebuch zeigt sich das Gemälde darauf.
Doch die Seelenreise durch die Zeiten findet auch in der Blechbüchse an sich ihren erratischen Nachklang. Nicht nur die Romantik spiegelt sich darin; vielmehr erinnert das schwarz-goldene Ornament an der Seite in seiner Farbgebung an die Bilder des Sevillaner Barock, die eben diesen Zusammenklang von Schwarz und Gold aufweisen, an Murillo und Valdés-Leal. Wild durcheinander jagen sich Zeiten und Stile, und so manch einer würde sagen: Billig!
Gewiß: Die Blechbüchse entstammte einer Jahrzehnte zurückliegenden, auf gewisse Weise `billigen´ Massenproduktion. Trotzdem haftete diesem Kästchen eine seltsam verblaßte, vermutlich im Laufe der Zeit noch weiter verblassenden Schönheit an: Durch den Korridor der Zeit hindurch verfallen. Und solche Schönheit wußte Mudev Skrugel zu schätzen. Es lag in ihrem glücklichen Verfall eine Art von Entkommen, von Übergang, von unbestimmtem, freiem Zwischenreich.
Darin lag nicht das geringste Stäubchen von Akadie.
Mudev Skrugel hatte also das Haus in der Weidener Türlgasse verkauft und zog – besser gesagt: verzog sich – in den Süden. Rein von der Theorie her wäre das nicht die einzige Art des Reisens gewesen. Skrugel hätte sich genausogut dazu entschließen können, nicht von dem Haus weg, sondern vielmehr in das Haus hinein zu reisen. Der Gedanke war ihm keinesfalls fremd. Er hatte ihn des öfteren vor dem inneren Auge durchgespielt. Das Haus an sich hätte dabei unangetastet bleiben müssen. Skrugel hätte all die Unterlagen früherer Generationen, alle Möbel, alle sentimentalen Erinnerungen, die das Haus randvoll aufgefüllt hatten, stehenlassen und nur eine kleine Nische bezogen. Für den Rest seines Lebens wäre er dann Tag um Tag rituell durch das ganze haus gestreift, nur um zu sehen. Kaum hätte er etwas berührt, denn zu dieser Variante der inneren Reise im Haus hätte es dazugehört, die Staubschicht nicht zu verletzen, sondern über die nächsten Jahrzehnte hinweg möglichst intakt zu erhalten. Das hätte den Geruch, den er schon als Kind so sehr liebte, verstärkt, hätte dessen innerste Frequenz erklingen lassen. Auf dem Dachboden standen Blumenkübel aus dem Jahr 1975. Die Erde war noch – salztrocken – erhalten und ein paar, nunmehr über ein Vierteljahrhundert alte Stengel zeigten an, daß auf der Dachterrasse, der Altane, einst eine frische grüne Pflanze gestanden war und ihr Gesicht der Sonne zugewandt hatte. Sie war noch immer da, als verholzter Stumpf, als Geist, als Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft. Keine Akadie der Welt konnte diese Stille und Verborgenheit stören. Die Gänge, die Mudev Skrugel in seiner Kindheit durch das Gerümpel auf dem Dachboden gegraben hatte, existierten gewiß noch. Es war lediglich notwendig, die eingestürzten Eingänge wieder freizulegen, eine Art von traumwandlerischer Archäologie zu betreiben und Troja in der Türlgasse in Weiden in der Oberpfalz ans Tageslicht zu heben. Auch in diesem Fall hatten sich mehrere kulturelle Schichten abgesetzt oder sich schlichtweg nebeneinander gestellt, der alte gestrockte Filzhut eines früheren Bewohners neben einem verrosteten Mauskäfig aus den 70er-Jahren, die Blutstiller des approbierten Baders und Friseurs, der auch Blutegel aufgesetzt, geschröpft und Zähne gezogen hatte, neben ESSO-Sammelalben, herausoperierte Gallensteine in einem verknoteten Plastiksäckchen neben Scheinen verschiedener europäischer Währungen, belgischen, schweizer oder französischen Francs, britischen Pound Sterling und 50-Pfennig-Stücken aus der Weimarer Republik, auf deren Rückseite Sich regen bringt Segen zu lesen stand, Wasser aus Lourdes in einer durchsichtigen Plastikmadonna mit blauer Krone neben einem Topf von erheblichem Ausmaß, der zum Entsaften von Früchten verwendet worden war, zusammengebundene weiße Gänsefedern neben Plastiktäschchen für eurocheque-Formulare, drei indische Räucherstäbchen, die in einem Halter in der Form eines dicken grinsenden Buddhas steckten neben einem Glassturz, in dessen Inneren ein Kruzifix stand, an dessen Fuß sich ein Rosenkranz aus böhmischem Granat wand, ein vertrockneter Rosenstrauß neben einer Holzstatue des Heilgen Antonius, dem die rechte Fußspitze fehlte, sorgsam zwecks Einlagerung ineinander gesteckte, gebrauchte und ausgewaschene Yoghurt-Becher neben einem Filmschneidegerät im Format Super 8, mit dem man mittels einer Kurbel den Zelluloidstreifen an einer Glühbirne vorbeiführte, was in einer Art von mattem Schirm bewegte Bilder hervorbrachte, ein Römertopf neben Vogelsand, Vogelfutter und Vogelstreu, eine alte Wohnzimmeruhr neben abmontierten KFZ-Kennzeichen mit heruntergerubbelter TÜV-Plakette, stapelweise volkskundliche Almanache über die Oberpfalz neben einem Luftgewehr, Briefumschläge mit Sondermarken von den Philipinen neben einem Glas mit Zuckerstücken verschiedener Gaststätten, ein Ölgemälde des approbierten Baders und Friseurs mit ernstem Blick neben Schildkrötenpanzern, eine Gastherme neben einem blaßrosanen Eimerchen, in das aus dem Kamin schwarzes Sickerwasser tropfte, eine Welt neben der anderen, eine Welt größer und weiter als die andere, eine Welt gefährdeter und zerbrechlicher als die andere, eine Welt für nahezu endlose Reisen neben einer anderen gleichfalls Beinahe-Endlosigkeit. Genug Matetrial für Reisen im Inneren des Hauses und nicht aus ihm heraus, für Hände, die noch immer eine britische Frauenzeitschrift von 1976 betasten konnten, das Relikt einer Urlaubsreise: eat, drink and be slim!, oder Postkarten mit schwungvollen Schriften und Briefmarken des Königreichs Bayern, die den Prinzregenten Luitpold zeigten, darauf. Der Stempel sagte die des 12. Dezember 1912, 12 Uhr an: 12. 12. 12. – 12. In den Schuhkartons verstockten die alten Schuhe und grinsten weißfleckig heraus. In dieser Welt der Wunder, in dieser wortwörtlich zu verstehenden wundervollen Welt regte sich der Geologenhammer im knallroten Pop-Art-Jugendzimmerschrank und ramponierte den Cassettenrecorder von 1973. Seine nächsten Ziele waren ein Cassettenstapel, der Trenchcoat, der kaum jemals getragen wurde und die entsetzlichen Frottée-Schlafanzüge, die am Morgen klatschnaß geschwitzt waren. Leise summte der seit Jahrzehnten ab- und ausgestellte Nachtspeicherofen dazu und Steine der Mineraliensammlung – Flußspat, Turmalin und versteinerte Muscheln, Schnecken – machten kaum hörbar klack-klack-klack, klicke-klicke-klack. Das Konzert erfaßte das gesamte Haus und stellte ein passendes Orchesterwerk dar, das Reisen im Haus begleiten konnte.
Zu diesem Konzert tanzten die Mauerrisse, die aufgetaucht waren, als die Stadt Weiden es sich Mitte der 80er-Jahre in den Kopf gesetzt hatte, die Türlgasse zur Fußgängerzone zu machen. Im Dreiviertel-Takt öffneten und schlossen sich diese Risse und rieben sich das Mauerwerk heraus, das daraufhin wie Puderzucker auf den Parkettboden rieselte. Die letzten noch im Keller verbliebenen Kohlen pusteten im selben Rhythmus schwarzen Staub, und die letzte selbstgemachten Fruchtweinflaschen der Friseurmeisterswitwe vor ihrem Tod im Waschkessel, vor dem heiß-seifigen Absterben, sangen sanft und diskret ihren hohen Sopran klirr-klirr-klirr. Die dunkle Flüssigkeit in ihnen revoltierte langsam gegen diese Bewegung des Glases: glucks-glick-blubb.
Eine Reise mitten in das Haus hinein enthüllte mächtige Feldspat-Steine, in die der Normziegel aus der Zeit des Kaiserreichs eingewoben war, ein Zeuge von Umbau und nachträglicher Befestigung des Mauerwerks. Salpetrige weiße Gewächse raschelten im kühlen Luftzug des Kellers.
Die tiefsten Töne des Konzerts kamen aus einer Ecke des Kellers, wo der Boden abgedeckt war. Dort öffnete sich ein Brunnenschacht hin zum Sand, wo zu früheren Zeiten Wasser geschöpft wurde, um das Haus unabhängig zu machen.
Diese Reise in das Haus hinein wäre eine sinnvolle Alternative zur Fahrt in den Süden gewesen, vielleicht mit ein wenig mehr Mühe verbunden, doch ohne den Verlust des Hauses als persönlichen Besitz.
Okel-dōc?