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4. Kapitel: Evaluation

erstellt von Thomas Stemmer zuletzt verändert: 21.10.2007 15:13

Dieses Wort – Evaluation – erschreckte Mudev Skrugel, seitdem er an einigen der Universitäten studiert hatte. Zumeist wurde es ihm von hysterischen Dozentinnen an den Kopf geschleudert, die im Wissenschafgtsbetrieb unter dem Druck standen, sich durch besondere Methodenstrenge vor ihren männlichen Kollegen auszeichnen zu müssen: Das muß doch alles noch evaluiert werden!, und es klang wie gefoltert, erschossen, umerzogen, gehirngewaschen, gefälscht und falsch nachgedichtet.

Allein der Klang Evaluation mutete wie gewogen und für schlecht befunden an. Es war eines seiner Privilegien gewesen, in eine Zeit hineingeboren zu werden, als es noch relativ leicht möglich war, frei dort zu studieren, wo es ihm paßte, und die Universität so oft zu wechseln, wie es ihm persönlich zusagte. Schließlich war das der Sinn von Studium, einzutauchen in eine Welt des Wissens und des Denkens, und als einzelner Mensch gebildet zu werden und nicht als gefügiger Volltrottel eines technischen Systems. Mudev Skrugel hatte also dieses Privileg und er nutzte es. Er nutzte jedes Privileg, das sich bot. Er ließ keines entgleiten. Er blieb ststs an seiner eigenen vordersten Front.

Das mit dem Evaluieren schien ihn genau in diesem Punkt zu bedrohen. Das Wort Evaluation klang weniger nach Bildung, sondern eher nach Technik, weniger nach Studium, sondern eher nach für alle penibel gleich verbindlichem, tyrannischem Plan. Das allein wäre zwar schlimm genug, doch es wäre eben nur der Umstand, nur die Tatsache... Doch dazu gesellte sich zudem – dummerweise – dieser Klang des Wortes Evaluation, das in seinen vor allem dunklen Vokalen eauaio stets wie ein Befehl anmutete: Halt! Stehenbleiben! Evaluation! Oder: Sind Sie denn schon evaluiert – erfaßt, gefaßt, gemustert und kontrolliert – worden, Sie verfluchter Schweinehund, Sie? Faß, Hasso, faß! Vielleicht steht jede Musik auf einem Notenblatt, doch der Ton macht die Musik, der Klang, die Worte...

Was tun?

Mudev Skrugel hatte 1985 zum zweiten Mal zu studieren begonnen. Der erste Versuch war gescheitert. Er war begierig, zu lernen, zu wissen und zu denken. Nach den 15 Monaten Zwangsdienst beim Militär war er intellektuell ausgeblutet und sehnte sich nach den altehrwürdigen Institutionen von Bildung und Wissen, Diskurs, Diskussion und Vorlesungen, nach den schützenden Armen der Universität, der Alma Mater. Das erhebende Gefühl beim Anblick von Universitätsinstituten, vor allem von geisteswissenschaftlichen Fakultäten, hat ihn seither nie mehr wieder verlassen. Er liebte die alten lateinischen Bezeichnungen wie cum tempore für die institutionalisierte 15-minütige Verspätung oder sine tempore für den punktgenauen Beginn einer Veranstaltung. Mudev Skrugel schrieb sich nicht ein; nein, er immatrikulierte sich. Er sog alle derartigen Begriffe in sich auf wie ein Kind die Milch aus der Brust: Tutorium, Propädeutikum, Disputation, Rigorosum, Nomen nominandum, Auditorium Maximum. Begann ein Professor bei einem öffentlichen Vortrag seine Worte mit Magnifizenz!, so sonnte er sich in diesem Klang, als sei er selbst es gewesen, dem diese Anrede galt. Es stimmte ihn traurig, als er mitbekam, daß an den Reformuniversitäten der 60er-Jahre all diese Begriffe als alte Zöpfe verstanden und abgeschafft worden waren. Was er 1985 begonnen hatte, war 1996 vollendet. Er hatte promoviert und war zu einem Dr. Mudev Skrugel geworden. Dann ging er fort, um, wie in den Jahren zuvor schon, in alten, verfallenen Pensionen zu wohnen und Gedichte zu schreiben. Das war sein Verständnis vom nächsten Karriereschritt und es war vernünftig. Schließlich erwärmte ihn die Kunst: In der kalten Jahreszeit heizte er kaum.

Er blieb an einer der Reformuniversitäten eingeschrieben, obwohl er längst das Land verlassen hatte. Er wußte, daß es zum Selbstverständnis dieser Universitäten gehörte, sich liberal zu zeigen und nicht einfach jemanden hinauszuwerfen. Er antwortete auf keinen ihrer Briefe, in denen sie ihm anboten, er könne ruhig weiter eingeschrieben bleiben, wenn er sich nur kurz melde. Doch er schwieg, bis sie ihn nach vielen neu verlängerten Fristen trotzdem hinauswerfen mußten. Zwangsweise exmatrikuliert. Die Mühe bei diesem Procedere hatten sie, nicht er: Das war seine Rache dafür, daß die alten lateinischen Begriffe abgeschafft worden waren. Und seine Rache kam pünktlich, ohne jegliche von ihm zu vertretende Verspätung: sine tempore.

Im Jahr 1996 hatte er auch eine perfekte Lösung seines Problems mit dem Wort Evaluation gefunden. Aus einer der großen Tageszeitungen riß er das Photo eines Babys heraus und heftete es an die Wand. Das war der Evaluator. An den Evaluator konnte er sich immer wenden. Der Evaluator war schlau. Er rechnete alles durch, brauchte dazu Zahlenreihen und drei Grundfarben erster Ordnung sowie drei Grundfarben zweiter Ordnung. Der Evaluator wurde von einer unsichtbaren Gouvernante verpflegt. Er nannte den Evaluator Paul.

Nein, zugegeben, die Geschichte war in Wirklichkeit etwas anders:

Paul, der Evaluator, versuchte bereits 1991, zu ihm zu kommen. Er setzte sich in die Auslage eines Geschäftes mit elektrischen Musikprodukten und stülpte sich Kopfhörer über. Paul wußte, daß Mudev Skrugel an diesem Geschäft vorbeikommmen mußte. Doch Skrugel wurde auf den Evaluator Paul nicht aufmerksam. Er lief einfach vorbei. So zog sich Paul nach ein paar Jahren zurück und evaluierte gründlich. Mindestens 300 Zahlenreihen und mehr als nur die Grundfarben erster Ordnung.

Dann hatte er den rettenden Einfall ausevaluiert.

1996 schlüpfte er in eine Zeitung, die Mudev Skrugel kurz darauf kaufte. Zu Hause sprang Paul aus der Zeitung heraus, rief Ich kann evaluieren! und schlug ein Loch in die Wand, in das er sich hineinsetzte. Groß mußte das Loch ja nicht sein, denn Paul war noch sehr klein. Seither evaluiert er täglich und nächtlich. Ein Evaluator schläft nur sehr wenig.

Evaluator Paul machte jeden Umzug mit. Er schlug einfach in jeder neuen Wohnung ein Loch in eine der Wände, setzte sich hinein und evaluierte weiter. Vor jeder Ortsveränderung befragte Paul seine unsichtbare Gouvernante, ob er denn für den langen Weg Wanderstiefel benötige, doch die Gouvernante versicherte ihm, das sei nicht nötig.

Als Mudev Skrugel im Auto in Richtung Süden saß, ganz so, als gehöre er einer Religion mit der Gebetsrichtung Süden an, und an seine Familie dachte, kam ihm wieder jener Tag in den Sinn, an dem er siene Tochter vor den Evaluator Paul setzte und sie fragte, ob sie ihn kenne. Seine Tochter nickte offensichtlich.

Sie kannte den Evaluator Paul!

Wie heißt der denn?

wollte Mudev Skrugel wisen und sie sagte ihm zwar nicht Pauls Namen, sondern seinen Titel: Igi-digi-di.

Ja, und welchen Titel hast du dann?

fragte Skrugel verwundert bei seiner Tochter nach, und sie antwortete, ohne zu zögern: E-lei-lei.

Die beiden kannten sich offensichtlich schon, der Evaluator Paul, der Igi-digi-di, und seine Tochter, die allem Anschein nach auch schon halbwegs – sagen wir: für den Hausgebrauch – evaluieren konnte, die E-lei-lei.

Vielleicht war Skrugel ja selbst schuld daran: Als seine Frau mit seiner Tochter schwanger war, legte er sich in Arbeitspausen des öfteren auf das Bett, und stellte sich vor, daß sie auf dem Schrank oder auf seiner Truhe, in der er Briefe verwahrte, saß und mit dem Evaluator Paul redete. Das hatte er nun davon. Er hatte die beiden zusammengebracht, nicht ahnend, daß sich sie sich in so kurzer Zeit derart gut verstehen würden. Alles hatte Bedeutung. Nichts konnte nur so nebenbei dahingeplappert werden.

Mudev Skrugel mußte sich in Zukunft mehr zusammennehmen und besser aufpassen, was er dachte, tat oder tun wollte.

Was tun?

Vielleicht wußte ja der Evaluator einen Rat?

Paul, wieviele Zahlenreihen und Grundfarben brauchst du, um das zu evaluieren?

Paul begann mit der Evaluation.

Die Straße entlang Vienne, am Ufer der Rhône, lag tief. Nur durch eine Absperrung getrennt verliefen Straße und Wasser auf gleicher Höhe, so daß der befremdliche Eindruck entstand, sich auch auf der Straße im Schiff zu bewegen.

Danach stellte sich die Frage nach dem Weg erneut nahezu theologisch: Wo war der richtige Weg in Richtung Lyon zu finden? Als Mudev Skrugel noch klein war, wunderte er sich oft, wie sein Vater es schaffte, sicher von einem Ort zum anderen zu kommen, ohne sich zu verfahren. Doch nach einer gewissen Zeit kindlicher Evaluation zählte er zwei und zwei zusammen. Ging nicht sein Vater jeden Morgen aus dem Haus, um zur Arbeit zu fahren? Wiederholte er dieses Ritual nicht ebenso nach dem Mittagessen? Der seinerzeit kindliche Mudev Skrugel stellte es sich so vor: Sein Vater war Autofahrer. Er fuhr durch Stadt und Land, wie es ihm gefiel. Dafür bezahlte ihn irgendjemand. Kein Wunder also, daß seinem Vater alle Straßen dieser Welt bekannt waren! Er kannte ganz bestimmt alles: Japan, die Mongolei, die Antarktis oder die Westküste der USA. Alles! Alles! Einfach alles! So hatte sich Skrugel das damals in sienem Kopf ausgemalt.

Südlich von Vienne sprang die Landstraße von einem kleinen Städtchen zum nächsten. Daran schmiegten sich riesenhafte Ölraffinerien, die nur aus Stahlkorsetten und tausenden von Neonröhren zu bestehen schienen. Ein wenig öffnete sich das Tal und die Außenbezirke von Valence wurden sichtbar. Mehr erkannte er nicht. Wie weit er von der Rhône entfernt war, konnte er nicht einschätzen. Das mußte er auch nicht, denn die einzig Einschätzung, die nötig war, lag in der Frage Hat das Hotel einen abschließbaren Parkplatz oder nicht? Auf diese Weise verschlug es ihn erneut in einen der modernen Hotelklötze, in denen dieselbe Moderne, die immer selbige, gleiche Moderne, zwar ein angenehmes Bett bereitzustellen wußte, ansonsten jedoch sich eher der sachlichen, nüchternen Schäbigkeit zuzuneigen. Trotzdem sank Mudev Skrugel alsbald in einen tiefen Schlaf.

Es träumte ihm von einem alten Freund, der in dieser Traumsequenz ein sehr altes Haus besitzt:

Er hat hinter dem Haus einen Geheimgang entdeckt, den er mir zeigt. In dem Gang ist es sehr feucht. Er erzählt, er habe hier einen Cassettenrecorder gefunden. Das bestätigt meinen Eindruck, daß weiter hinten, in der Schwärze der Gänge, noch jemand lebt.

So berichtete Mudev Skrugels Traumbuch, in dem er alle Exkursionen zwischen Abend und Morgen notierte, sofern er sich an sie erinnern konnte. Skrugel fand es erstaunlich, daß der Schlaf in den freudlosen Betonmauern derartiges hervorbringen konnte, oder besser gesagt: Daß durch ein solches minimalistisches, schmuckloses Beton-Portal ohne Empfindung und bar jeglicher aufregenden Bausubstanz der Zutritt in eine Welt der Geheimgänge gewährt werden konnte. Es schien ganz so, als seien alle Erklärungen, alle Evaluationen fehlerhaft, ja, daß der Fehler alle Dinge und Umstände oder Situationen erst ermöglicht, so daß gerade der Fehler, die Falsch-Evaluation, das nicht vollständig Erklärbare, mithin NAHEZU ALLES, der Zugang zur Welt sein könnte. Sogar betonierte Hotels. NAHEZU ALLES.

Vielleicht mußte sich Mudev Skrugel verfahren, um gut anzukommen. Vielleicht sollte er die Arktis ansteuern, um in den Süden zu kommen. Warum nicht gleich den Nordpol als Zielpunkt wählen?

Dem jedoch würde dann etwas erschreckend Richtiges anhängen, und NAHEZU ALLES würde unmöglich. Es mochte sich also um die Kunst des gezielten Vergessens drehen: Augen zu und durch. Der Herrgott hat's gegeben; der Herrgott hat's genommen, so sagte ein Oberpfälzer Spruch. Die Reise führt zur Akzeptanz, zu einem subversiven Ja. Ob er daraus eine regelrechte Theorie des Subversiven Ja ableiten konnte, wußte Mudev Skrugel nicht. Wenigstens klang der Begriff hervorragend: Das subversive Ja! Das Wort. Mudev Skrugel war wieder am Anfang angelangt: Die Worte, die sich allein durch ihren Klang einprägten. Er schien über dieses Stadium nicht hinauszukommen. Östlich indisch-mantrisch oder war im Anfang das Wort und der Klang des Wortes würgt uns seither: Absterben! Gebenedeit! Gygax! Evaluation! Die persönliche Avantgarde in der eigenen Welt; eine jede Avantgarde spricht durch ein Megaphon: Unruhe! Unruhe! Unruhe! Heilige innere Unruhe! Aufgewacht! Raus aus dem Bett!

Es muß kalt gewesen sein in der Nacht. Als Mudev Skrugel aufstand und zum Fenster hinaussehen wollte, wurde er mit Schrecken gewahr, daß dies nicht möglich war. Die Scheibe war beschlagen und auf der Innenseite lief das Wasser in krummen Bahnen ab. Eine klamme Feuchtigkeit durchzog den Raum, so daß Skrugel ein weiteres Mal befürchtete, der Wintereinbruch in Mitteleuropa habe ihn doch noch eingeholt und er habe dieses great game hier in Valence doch noch verloren.

Der Blick aus dem Frühstücksraum enthüllte, wie nahe an der Rhône er übernachtet hatte. Der Fluß war vielleicht fünfzig Meter entfernt und am anderen Ufer erhob sich eine schroffe, von einer Burg bekrönte Felswand.

Es war empfindlich kalt: Hier war noch kein Süden. Bei weitem nicht. Diese verfluchten null Grad oder das lumpige eine Grad waren – in Mudev Skrugels Augen – völlig indiskutabel. Hatte er jemals eingewilligt, in irgendeinem steifgefrorenen Nowosibirsk zu leben, in einem vereisten und verschneiten Arbeits-Gulag, wo der Hoden vor Kälte in Rekordzeit auf Haselnußgröße zusammenschnurrte? Er konnte sich an so einen Wunsch beim besten Willen nicht erinnern. Er hatte immer den Süden bevorzugt.

Er mußte schneller vorankommen. Daher beschloß Mudev Skrugel, die autoroute zu benützen, egal, wieviel péage das kostete. Er mußte Land gewinnen. Den Vorsprung halten, wie Rimbaud in Une Saison en Enfer sagte: Tenir le pas gagné. Und: Das vertrocknete Blut schwelt auf meinem Gesicht. / Le sang séché fume sur ma face. Das klang wunderbar. Vor allem auf Französisch. Möglicherweise war es in Frankreich möglich, mit einer Pistole wild um sich schießend durch die Stadt zu laufen und gleichzeitig wohlgeformte Poesie zu rezitieren. Vermutlich käme man so in die Feuilletons hinein und bei den Verlagen unter. Bei den heutzutage verlegeunwilligen Verlegern eine enorme Leistung.

Mudev Skrugel plante, wenigstens bis zu den Pyrenäen auf der péage-pflichtigen autoroute zu fahren: sorgfältigst ausevaluiert! Montélimar – Avignon – Marseille, mit einer abrupten Richtungsänderung in Richtung Westen auf der Höhe von Orange. Folglich war die Welt riesengroß; man konnte jederzeit an jeder beliebigen Stelle abbiegen, und der morgendliche Kaffee im Hotel in Valence war viel zu dünn. Wie hätte das wohl Paul, der Evaluator bewertet?

Die große Spezial-Evaluation vom Kaffee-Tod

Letale Dosis Kaffee. Nach 30 fertiggestellten Manuscripten droht der Kaffee-Tod. Zittrig hinüberzugehen ist nicht schlecht. Es schiebt sich was, meine Herren, es schiebt sich was! Es geht was; es geht was! Ob Sie es wagen, der ersten minderen Gottheit drüben die Kaffeetasse umzustürzen? An der Grenzkontrolle zwischen Tod und Leben sind einige seltsame Heilige an unzugänglichen Schreinen aufzusuchen. Sprechen Sie drüben, wenn Sie angesprochen werden, immer vom imaginären China! Es muß so aussehen, als gingen Sie mitten in eine chinesische Tuschezeichnung hinein! In der Tat, ich kenne das imaginäre China sehr gut. Ich habe dort bereits ein wenig evaluiert. Gleich nach der Zollstation neigt sich ein Pfad zum Tal hinunter. Folgen Sie diesem Pfad bis zum Schrein am Teich mit dem Jade-Tempel auf der Insel. Sie werden sehen: Es gibt nicht nur gelbe Chinesen, sondern auch grüne, rote oder blaue. Im imaginären China ist jeder ein wenig gestreift, gepunktet oder kariert. So viel an Ausevaluiertem kann ich gut verraten, so wahr mir die Meister Lao-tse und Tschuang-tse helfen!

gezeichnet: Paul, der Evaluator

Mudev Skrugel folgte der Richtung Montélimar. Auf seinem Weg war er keine einzige Sekunde alleine.

Anscheinend begann sich in dieser Gegend das Wetter langsam zu verändern. Eine Anzeige auf der Autobahn warnte vor dem in der Zwischenzeit stark angeschwollenen Wind: Vent violent. Soyez prudents! Dazu gesellte sich die Sonne über dem Rhône-Tal. Die Wolken hatten sich links neben der Straße aufgetürmt, wobei noch nicht klar schien, ob sie nach diesem Turmbau zu Valence die Bühnen verlassen oder ob sie dir Sonne verdrängen würden.

Prealpes du Sud

: Warum gab es in den Alpen keine wilden Bergstämme?

Schließlich verriet der Rastplatz Aire de Montélimar, daß nun endlich der Süden begonnen hatte, eine andere Kultur und ein wenig wärmer, andere Bäume, eine andere Zone. Merkwürdig war dabei jedoch, daß Mudev Skrugel den Beginn des Südens stets in der geographischen Mitte zwischen Valence und Montélimar anmgesiedelt hatte. Dort war jedoch – eindeutig – noch Norden. Erst bei Montélimar kam der Kultursprung und wenigstens ein kleiner Temperatusprung. Hatte er früher nicht richtig hingesehen oder hatte sich der Norden ausgebreitet? Ist der Süden zurückgedrängt worden? Hat sich eine hochgradig ansteckende skandinavische Pest ein Stück weit in den Süden vorgeschoben? War nun ein Stück mehr vernordet, verpestet, skandinavisiert, vereiswüstst, eingenäßt, mit Seuchregen zugeschüttet und verpißt? Mudev Skrugel hätte sich gewaltig anstrengen müssen, im Angesicht der Wüste nicht an Friedrich Nietzsche zu denken; die Wüste wächst: weh Dem, der Wüsten birgt! Auf anderen Seiten sagte Nietzsche solch schöne Dinge wie >>Mein Leid und mein Mitleiden – was liegt daran! Trachte ich denn nach Glücke? Ich trachte nach meinem Werke! Wohlan! Der Löwe kam, meine Kinder sind nahe, Zarathustra ward reif, meine Stunde kam: - Dies ist mein Morgen, mein Tag hebt an: herauf nun, herauf, du großer Mittag!<< -- Also sprach Zarathustra und verließ seine Höhle, glühend und stark, wie eine Morgensonne, die aus dunklen Bergen kommt. Auf den Weg fort vom Norden und hinunter in den Süden nahm Mudev Skrugel für sich selbst jedoch folgendes Nietzsche-Wort mit: Diese Lehre aber gebe ich dir, du Narr, zum Abschiede: wo man nicht mehr lieben kann, da soll man – vorübergehn! –

Mudev Skrugel war berauscht von seiner eigenen Schlauheit. Im Licht des langsam heraufzühenden Südens besehen eine rundum stimmige Sache.

Harter Wind, geduckte Nadelbäumchen, roter Stein; in dieser Gegend also fand der Wechsel, der Sprung vom südlichen Norden in den nördlichen Süden statt. In der Gegend von Orange, an der Autobahn La Languedocienne zeigte das Schild zum ersten Mal eine spanische Stadt an: Barcelona, in den französichen Tonfall gesetzt: Barcelone. Die Evaluation formte einen plötzlichen traumverhangenen Anprall.

Evaluations-Versuch: Von Barcelona zu den Zwischenwelten

Sie Sehen, ich habe mich noch nicht ganz auf Barcelona einevaluiert. Die Bilder gehören noch zu anderen Sequenzen. Eine Szenerie von etwa 1890 in Paris ist noch zu kräftig anwesend. Vielleicht wäre ein Einstieg über eine verstaubte Privatbibliothek möglich... Sie wissen, daß über in Büchern plazierte Zettel ein Zusammenhang entsteht, der Tore, aber auch Falltüren öffnet... Die doppelte Sicherung einer Bibliothek oder eines Archives: So gut wie gerade nötig ein System, um Dinge, Worte, Sätze, Stellen, Zitate zu finden, und gleichzeitig ein Gegensystem, das verwirrt und durcheinander bringt, so daß ein Eindringling vom Zugriff auf das, was ihm nicht zusteht, abgeschreckt wird. In der Zwischenzone die vage Balance. Ah! Hier zum Beispiel... In ein Buch eingelegt: Eine Quittung aus Barcelona, noch in Pesetas, vermutlich um 1990, in einem Buch. Ein Bild taucht auf. Das müßte nahe der Carrer Joaquim Costa sein... Ecke Carrer de Ferlandina. Gleich beginnt das massige dunkle Stadtfleisch des Barrio Chino. In Richtung Hafen ein Gäßchen mit einem 90°-Winkel: Carrer de Malnom, die Straße mit dem schlechten Namen. Das Meer ist nicht weit. Der Verfall der Stadt staubt ins Licht über dem Meer; das ist einzigartig. 650 ₧., so billig konnte man damals ein Menu haben. Ich sehe im Postzustellbezirk 08002 – La Ciutat Vella – einen kreisrunden Platz, dessen Durchmesser bestenfalls 10 Meter beträgt, eine Röhre mit alten 3- bis 4-stöckigen Häusern, ein Gassengelenk in der Carrer Milans. Ein Hauch von Flucht durch beschattete Schluchten, Fluchtschluchten mit Meerausgängen. Kaffee ist im Übermaß vorhanden und recht billig. Verstehen Sie? Sie müssen in Barcelona sehr, sehr wach sein, sonst kann Sie die schiere Erregung über die bröselnde Bausubstanz töten. Nerventod, ein einziger Schlag, und die Stadt verstaubt den Körper um abgeschabte Ecken herum. Daher der Kaffee. Sehr stark. Sehr dunkel. Absolut notwendig. Am Stadtstrand liegen glattgeschliffene Glassteinchen im Sand, zumeist grün und braun, aber auch blau oder gelb, hin und wieder ein kleiner roter Glaspunkt. Ja, ich bin jetzt mitten in der Evaluation. Schnell fliege ich die Via Laietana hinauf, die erst um 1900 ins Barceloneser Stadtfleisch gebrochen wurde. Andere Linien im Stadtfleisch, wie zum Beispiel die 1851 aufgebrochene Carrer de la Princesa, kreuzen die Via Laietana. Rechts das relativ unversehrte enge Viertel um die drei Staßen Sant Pere Mes Baix, Sant Pere Mes Alt, und dazwischen die Carrer Sant Pere Mitja. Als engste Gasse die Carrer Petons evaluiert. Eine Sackgasse. Aus den Zeiten, als der Kaffee mit Pesetas bezahlt wurde, weht über die Kante zur Vergangenheit hinweg ein Wind in die Zukunft hinein, der nach Mauerwerk, genauer gesagt nach jahrhundertelater Bausubstanz, riecht. Wußten Sie, daß die Peseta, zum Zeitpunkt dieser Evaluation, also 2006 – trotz aller Unkenrufe – noch existiert? In einem Camp im südöstlichen Marokko, in der Sahara, in Al Tindouf, wurde, unterstützt von Algerien, die alte spanische Peseta als gültige Währung eingeführt. Die Münzen zeigen zum Teil den Kopf des spanischen Königs Juan Carlos I., wurden also ab 1975 geprägt, und zum Teil ist der Diktator Francisco Franco darauf zu sehen, wenn die Münze bis 1975 ausgegeben wurde. Interessanterweise gibt es Zwischenreiche im Monetären, im Numismatischen, über das sich vielleicht später die Historiker den Kopf zerbrechen werden, denn einige der Münzen zeigen auf der Rückseite noch den alten franquistischen Adler mit der Losung >>Una, grande, libre<<, auf der Vorderseite jedoch bereits König Juan Carlos I. Zum Studium dieser Münzen ist also das Sahara-Camp Al-Tindouf wärmstens zu empfehlen, inshallah. Nun lassen Sie mich weiterschreiten zum Thema der Zwischen- und Schattenreiche allgemein, denn Barcelona, als sokratische Stadt, in der man nichts weiß, eben nur dies, daß man nichts weiß, weil irgendetwas ständig zwischen den engen Mauern zu lauern scheint, ist für ein solches Thema bestens geeignet. Ein Archiv von im Schatten verfaßter Poesie wäre in Barcelona gut aufgehoben. Darin versteckt: Ein Forschungszentrum über bröckelnde Bausubstanz und innere Freiheit des einzelnen Menschen, das heißt, wie man sich entziehen kann. Eine Wissenschaft des Verstecks. Zu studieren nur von einzelnen Menschen, keinesfalls von Gruppen. Diese Schattenreiche müßten also – dem Anschein nach – sehr groß sein. Werden beipielsweise Münzen ausgegeben, denen ein Wert entspricht, und werden tagtäglich Münzen verloren, gerät ein kleiner Teil des Geldes in ein Schattenreich, wo Traumsubstanz auf somnambulem Weg finanziert wird. Eine Zentralbank der Traumsubstanz. Denn verloren geht nichts im Universum, das versichern uns die Physiker. Und die Schulen haben uns in den Kopf gesetzt, die Physik habe immer Recht. Doch vermutlich ginbt es eben auch eine Schattenphysik, eine Physik der angewandten Traumsubstanz zum Zwecke des Verstecks, der Flucht, des Verschwindens und des Abtauchens. Oder was geschieht mit den vielen Photographien? Was photographiert ist, ist da. So steht es in den Zeitungen. Seit etwa 1850, seit der Daguerotypie, der Vorform der Photographie, entstand ein Parallelreich aus photographischer Schlacke, Traumsubstanz, Milliarden von Familienbildern, die ein Paralleluniversum, eine Parallelgesellschaft bilden. All das Abgebildete! All die Abgebildeten! Fluchtwege über Fluchtwege! Ein Archiv individueller Freiheit im Abwind des Verfalls von Bausubstanz und aller anderen Schatten-, Parallel- und Versteckwelten wäre in dieser Stadt – Barcelona – bestens untergebracht. (Nebenbei erwähnt: Wußten Sie, daß ich als Evaluator dafür gelobt und gepriesen wurde, das Wort Bausubstanz in einen poetischen Bezugsrahmen überführt zu haben? Weg vom Architektonischen? Oder gar vom sogenannten >>Städteplanerischen<<?) Von Barcelona läßt sich also lernen, auf dem eigenen Weg uneinsichtig, starr, rabiat und unbeweglich zu bestehen. Schließlich geht es um das eigene Leben, den eigenen Kopf, das eigene Herz. Das habe ich heraus- und hinausevaluiert. Die Mauern bröseln! Gebe Gott, daß es so bleibt! Zwischen den sinstren Mauern Barcelonas steht eingeschrieben: Der Traum ist eine Waffe. Ich nehme Sie nun noch ein wenig mit auf die Barceloneta; das ist eine Halbinsel, die ins Mittelmeer hinausragt. Eng zusammenstehende Häuser im Schachbrettmuster, plötzlich dann gleißendes Licht: Das Meer! Etwa drei Stockwerke waren seinerzeit erlaubt, Viele Häuser haben illegale Aufbauten, die später stillschweigend toleriert wurden, so daß mitunter 5- bis 6-stöckige Bauten entstanden. Spüren Sie, wie es hier nach Salz riecht? Das ist die Meeresluft, die durch die Häuser streift. Nun, wenn Sie dies alles noch genauer betrachten, sehen Sie einen boshaften offiziellen Geheimdienst am Werk, der gegen den Traum arbeitet. Er nennt sich Enderrocs, das ist das katalanische Wort für Abriß. Überall werden mutwillig Häuser abgerisen, um den Traum zu zerstören und Parallelwelten zu verunmöglichen. Vor den Baulücken prangen Plastikbanner, auf denen das böse Wort prangt: Enderrocs. Es wird ein Gegen-Geheimdienst zu gründen sein. Das wird sich wohl nicht verhindern lassen. Zuletzt: Glauben Sie den Stadtplänen nicht! Barcelona ist bei weitem mehr als ein solcher Plan. Doch ästhetisch-traumverhangen ist so ein Plan durchaus hilfreich: Er ist sehr bunt, zeigt viele Linien und regt zum Phantasieren an. Die Zweisprachigkeit von Katalanisch und Spanisch ist ebenfalls sehr hilfreich, da es ein Element der Verwirrung in die Stadt bringt. Um dieses Potential möglichst effektiv und flexibel abzuschöpfen, habe ich es so evaluiert, daß noch zehn weitere Sprachen einzuführen wären; dann gäbe es insgesamt in Barcelona zwölf Sprachen! Ein ausgezeichneter Zustand, ein sprachliches Zwischenreich, ein Zugewinn an Freiheit. Ich schlage also vor: Sanskrit, Urdu, Chinesisch, Latein, Arabisch sowie fünf sehr seltene Stammessprachen. Besonders das Sanskrit schlage ich vor, denn diese sehr alte Sprache hat etwas überaus Elitäres, versteckt sich also gut! Nicht jeder sollte Sanskrit verstehen, nur die Eingeweihten. Anstatt sich einfacher auszudrücken, bemühte man sich um bewußte Doppelbödigkeit. In Indien gibt es einen berühmten Sanskrit-Text, der ohne Silbentrennung niedergeschrieben wurde. Setzt man nun diese Silbentrennung auf die eine Weise, kommt das Epos Mahabharata heraus. Anders gesetzte Trennungen ergeben beim selben Text das Ramayana. Man kann sich also in keiner Sprache so gut selbst beschützen wie im Sanskrit. Sollte dann eine der beiden Seiten der anderen in Barcelona die Sprache vorschreiben wollen, sei es das Spanische oder das Katalanische, würde ich dafür plädieren, sowohl Spanisch als auch Katalanisch abzuschaffen und nur noch Sanskrit zu sprechen. Ausschließlich. Dann wäre Gerechtigkeit hergestellt, weil es nur noch Verlierer gibt. Da ich aber andererseits – als Evaluator – nicht an Gerechtigkeit glaube (denn warum sollte ich?), ist mir dieser Sprachenstreit vollkommen egal. Ein Verlierer will ich nämlich auch nicht sein. Om, tat sat, tat sat, tat sat. Ich beende diese Evaluation, indem ich seitlich aus ihr aussteige, und das Bild langsam verschwimmen lasse. Blicke ich aus dem Fenster, sehe ich herumschleichende Enderrocs-Agenten, doch sie können mich nicht sehen, denn ich bin der Evaluator.

Mit diesem Text werde ich mich auf der nächsten großen Evaluatoren-Versammlung um den großen Evaluationsorden am Bande bemühen sowie um meine Anerkennung als Evaluator de luxe. Es sieht nicht schlecht aus, wie ich meine.

gezeichnet: Paul, der Evaluator, betitelt Igi-digi-di, Anno Domini 2006

Die Einfahrt in den Süden tat Mudev Skrugel gut. Allein die Sprache: Ein Schild besagte La garrigue sur 100 kilomètres. Bei dieser garrigue schien es sich um die bis an die autoroute stehenden niedrigen Bäumchen zu handeln. Doch allein schon dieses Wort: garrigue... Skrugel hatte sich schnell und elegant an den Gebrauch der französischen Sprache gewöhnt, doch bald schon würde er den spanischen Sprachraum betreten. In den verschiedenen Sprachen zeigte sich vermutlich noch am ehesten die Unterschiedlichkeit und Vielfältigkeit Europas, daß es eben nicht europäisch ist, da niemand ein Euro-Pidgin spricht. Und auf den Rückseiten der Euro-Münzen waren wenigstens noch unterschiedliche Prägungen zu sehen. Mudev Skrugel hatte sich bei den deutschen Euros gewundert, warum auf ihnen kein Goethe zu finden war. Die europaweite Aufteilung der Münzen erinnerte Skrugel an militärische Ränge. Dabei waren die unteren drei, die 1- , 2- und 5-Cent-Münzen in ihrem Kupferglanz die Mannschaftsdienstgrade, die mittleren 10er, 20er und 50er könnten die Unteroffiziere sein, mit und ohne Portepée, und die 1- und 2-Euro-Stücke, die an die Ästhetik der französischen 10-Francs-Münze heranreichten, die Offiziere. Da das Eichenlaub bei einem, zwei und fünf Cent eine bewußte Assoziation mit dem nunmehr dahingeschiedenen Pfennig sein sollte, trugen in diesem Fall nicht die hohen Offiziere das Eichenlaub, sondern die Mannschaftsdienstgrade. Historisch daran wäre die Umwertung aller Werte, die Ummünzung aller Münzen.

Angenommen, der Euro breitete sich in Europa noch weiter aus: Welche Symbolik für die nationalen Rückseiten der Münzen würde von welchem Land gewählt? Das eine oder andere Balkanland könnte beispielswesie mit dem ersten Satz neuer Euro-Münzen in Erinnerung an den Krieg einen Totenschädel prägen. Wie frei konnten die Länder überhaupt entscheiden? Was passierte, würde ein Euro-Land eine wirklich peinliche Rückseite münzen? Wäre das Geld dann tatsächlich überall gültig, wenn es obszön, politisch radikal oder geistesgestört daherkäme?

In Amberg, einem Städtchen in der bayerischen Oberpfalz, sah Mudev Skrugel vor einiger Zeit einen Automaten, in den man einen Euro und ein 5-Cent-Stück einwerfen konnte. Der Euro war sofort weg, er sicherte den Lebensunterhalt des Automaten-Aufstellers; er war sein Verdienst. Das 5-Cent-Stück ließ sich mittels eines Hebels umprägen. In anderen Worten: Man zahlte einen Euro dafür, um sich ein 5-Cent-Stück demolieren zu lassen.

Heraus kam dabei ein ovales dünnes, leicht gekrümmtes Geldstück, das zu Zahlungszwecken nicht mehr zu gebrauchen war. Die eine Seite war glatt, und die andere von Punkten eingerahmt, in denen ein Gebäude zu sehen war, sowie die Aufschrift AMBERG. RATHAUS.

So in etwa konnte sich Mudev Skrugel eine wahrhaft europäische Lösung für den Fall vorstellen, daß eines der Länder eine peinliche Rückseite drucken ließ. Denn ein Geldstück demolieren, kaputtmachen und zusammendreschen, das konnte jeder, das war auf dem kleinsten, allerkleinsten gemeinsamen Nenner demokratisch.

Auf der zahlungspflichtigen autoroute ging es Mudev Skrugel viel zu schnell. So schnell wollte er aus dem Bereich der französischen Sprache gar nicht heraus!

Fürs erste jedoch machte ihm die Gendarmerie im Vorbeifahren seltsame Zeichen. Skrugel überlegte, was zu tun wäre. Dann schloß er, wenn es sich um etwas Wichtiges handelte wie um einen kurz vor dem Platzen stehenden Reifen oder ein brennendes Auto, allesamt Dinge, die einen plötzlichen Anprall zum Zwecke des Absterbens herbeiführen konnten, würde ihn die Gendarmerie gewiß herauswinken und gebenedeit auf ihn einwirken, sowahr der Gygax ihm helfe. Doch nichts dergleichen geschah, und schon bald hatte Skrugel den Vorfall vergessen.

Mehr und mehr bestätigte sich der Eindruck des Südens. Er fuhr an Nîmes vorbei. Das ist seltsam festzustellen, denn Nîmes war einer jener Orte, zu denen man in der Regel hinfuhr, und nicht daran vorbei. Ein charmantes französisches Städtchen im Midi, das zudem ein römisches Aquädukt vorzuweisen hatte, da fuhr man doch – um Himmels willen! – nicht vorbei! Doch Mudev Skrugel mußte in einer angemessenen Zeit ankommen; er durfte nicht zu viel zeit verstreichen lassen. Und was für Nîmes galt, galt ebenso für Avignon, für Marseille, Narbonne, Béziers und Perpignan, ganz zu schweigen von Aix-en-Provence, Arles, Les Baux oder Saint-Rémy-de-Provence... In Van Goghs Narrenhaus in Saint-Rémy war es allemal angenehmer als in einer mitteleuropäischen verschneiten winterlichen Stadt, in der die Nässe bis auf die Knochen wirkte und der Schnee sich langsam grau am Straßenrand stapelte, ein böser Turm alle paar Meter, in den die Hunde pißten und kackten, so daß die Stadt unter grauen Wolken in eklehafter weißlich-gelb-brauner Soße dahinschwamm, bis sich (erst sehr spät im Jahr) der Frühling erbarmte.

Wo seinerzeit Van Gogh interniert war, erfreute ein stiller Kreuzgang, in dem hin und wieder ein Tropfen aus irgendeinem Gartenschlauch oder Wasserhahn widerhallte, den Besucher mit vielfarbigen Blüten in einem paradoxerweise ruhigen Überschwang.

Eine Abfahrt verkündete in bestem Okzitanisch: Aigues mortes. Tote Gewässer. War dies ein Wort für eine besonders trockene Gegend? Dafür würde sprechen, daß es in Südfrankreich mehrere Ortschften dieses Namens gab, sowie auch das Gegenstück: Aigues vives. Oder waren tote Gewässer eben doch Gewässer, so daß damit vielleicht nicht eine trockene Gegend bezeichnet ist, sondern ein unfruchtbarer Landstrich, wo man mit dem Wasser nichts anfangen konnte, und das ansonsten lebensspendende Naß nur mit der toten Seifenlauge im Waschkessel vergleichbar war. Köstlichst ausevaluiert, gewiß. Doch gerade in jener Gegend, in die Mudev Skrugel gerade kam, im westlichen Südfrankreich, hatte Mudev Skrugel schon früher die auf angenehme Weise tot wirkenden Seen bewundert, die gleich hinter der Meeresküste liegenden étangs, die sich wie eine geographische Widerspiegelung des von Gustav Mahler vertonten Rückert-Gedichtes Ich bin der Welt abhanden gekommen gaben: Stille, Weisheit, Gelassenheit. Eben dies: Der Welt abhanden gekommen.

Auch auf dieser Fahrt sah Skrugel jene étangs wieder. Dabei bedeutete das französische Wort étang lediglich so etwas wie Teich, doch im Süden Frankreichs, nur wenige Meter von der Küste entfernt, waren die étangs eben etwas Besonderes.

Mudev Skrugel hielt bei nächster Gelegenheit, denn er entsann sich, daß sich in seinem Wagen ein altes französisches Schulbuch, das ihn ststs entzückt hatte, befinden mußte. Darin stand, wenn er sich nicht sehr täuschte, etwas über die étangs.

Er hatte sich nicht getäuscht. Mit größter Zartheit hielt er das alte Buch in der Hand, ein bibliophoiles Kleinod, nicht vom durch einen Antiquar zu erzielenden Preis her, sondern in seiner einzigartigen Gestaltung, denn in den Text waren Drucke eingewoben, die es an Ausdruckskraft mit den berühmten Illustrationen zu Alice in Wonderland von Lewis Carroll leicht aufnehmen könnten. Skrugel hatte es vor langer Zeit für eine Mark auf einem Flohmarkt erworben. Die Innenseite war mit Bleistift beschriftet: 105 Francs.

Im Livre unique de français (Lecture, grammaire, conjugaison, vocabulaire, orthographie, composition française) eines gewissen Lucien DumasDirecteur d'école à Paris –, verlegt von der Librairie Hachette und 1934 gedruckt, las er gleich auf Seite 7:

Le vidage de l'étang.

L'étang a été vidé pour le débarrasser des perches d'Amérique qui détruisent les autres poissons.

Gab es also mehr Leben in den étangs als vermutet? Lauerte da etwas? War es wieder dieses alte Gefühl, beständig von etwas belauert zu werden, so lange man lebte? War es – kurzum – jenes Kaffee-artige Empfinden: grell wach, nie schlafend, skeptisch, nervös über die Schulter blickend?

Teich, Tümpel, See: Mehr als das Wasser zählte das, was sich darin verbarg oder zumindest das, was sich darin verbergen könnte. Dinge, Wesen und Begenheiten, die sich verwässern oder – ebenfalls – verwässern könnten. Unter Wasser verwischte sich die Vision und klarte dadurch auf. Der Lichtstrahl im Wasser ist zwar gebrochen, doch gleichzeitig ist er betörend schön.

In den étangs könnte ein Schatz liegen. Dabei war es denkbar, daß diese Teiche miteinander und – vielleicht noch aufregender – allesamt durch wässrige Korridore mit dem Mittelmeer verbunden sind. Das Denkbare könnte eine größere Freiheit darstellen als eine bloße, lumpige Tatsache.

Péage

im landschaftlich angenehmen Nirgendwo zwischen Nîmes und Montpellier: 14 Euro 20! Dabei war der Preis weniger schlimm als die dreiste Unterbrechung der Gedanken über Teiche und deren Inhalt. Daran schloß sich ein Stück, das allem Anschein nach ohne péage befahrbar war; trotzdem handelte es sich eindeutig um eine autoroute, 28 Kilometer vor Montpellier.

Wie Licht und Schatten wechselten péage und nicht-péage, und unter dem Strich war es eben nur einer jener herrlichen Tage auf der französischen Autobahn. Dabei schienen die Regeln der Corrida, des spanischen Stierkampfes, zu gelten, bei der ebenfalls verscheidene Preise für die jeweiligen Plätze im Schatten oder im Sonnenlicht – sol y sombra – berechnet wurden. Dazwischen reihten sich Sitzplätze ein, auf denen während der Corrida die Lichtverhältnisse wechselten. Die Fanfare ertönte und alle traten sie in prächtigen bunten Gewändern herein, die im Verlauf der Zeremonie sechs Stiere niedermachten, picador, torero, matador. Ein kleiner Transporter am Seiteneingang der Arena wartete, um die massigen Fleischberge abzuholen. Venta de localidades. Las localidades se expenderán: El día anterior del espectáculo anunciado, en horas de 10 de la mañana a 2 de la tarde y de 6 a 9 de la tarde, en los despachos oficiales de la empresa, en la plaza de toros (Paseo de Colón). El Domingo 8 celebración de la novillada, los despachos estarán abiertos de 10 a 2 y desde las 5 de la tarde en adelante. La novillada comenzará a a las 7 de la tarde. Aviso: Queda totalmente prohibida la entrada y / o el uso en esta Plaza de material de filmación y / o video. Dichas actividades podrían dar lugar, en su caso, a las acciones legales oportunas.

Nach Montpellier fuhr Mudev Skrugel auf eine Raststelle mit dem Namen Aire de Montpellier-Fabrègues. Erst hier spürte er mit Deutlichkeit den Bruch in der Witterung, die Bruchstelle, die ihm vermutlich endgültig versicherte, dem drohernden Wintereinbruch entronnen zu sein. Sonne, Menschen, die sich küssen und umarmen, ein Kind, das herumspringt, Leute, die im Hemd, ohne Jacke, im Freien stehen und Kaffee trinken: Eine andere Welt. Mudev Skrugel fühlte erst hier, daß er ein Mudev Skrugel war, und nicht ein verdrehter Skrudev Mugel oder Devgel Muskru. Auf dieser Raststätte mischten sich bereits die ersten spanischen Töne unter das Französische.

Mudev Skrugel gab dem Granatapfelbäumchen auf dem Sitz neben ihm sprudeliges Mineralwaser. Fasziniert beobachtete er, wie es in die Erde hineinzischte und nach einer Weile spurlos verschwand. Dann fuhr er weiter. Als er auf der Weiterfahrt das Bäumchen von der Seite her beäugte, fiel ihm auf, daß sich in der Wanne darunter Wasser angesammelt hatte. Es schoß ihm die Idee durch den Kopf, daß es sich ja um Mineralwasser handelte. Man könnte also behaupten, Mineralwasser, das einmal durch Blumenerde gesickert ist, sei heilsam und gesund, und es zum zehnfachen Preis verkaufen. Auf diese Weise hätte man selbst etwas getrunken, das Bäumchen hätte sein Wasser und obendrein wäre noch was daran verdient. Skrugel war ein Ökonom. Diese ausgesprochene Fähigkeit zum wirtschaftlichen Denken war ihm durch das viele Tagträumen zugewachsen. Er träumte eigentlich immer. Es gab keine Sekunde seines Lenbens, in der er nicht träumte.

Sète, Agde... und die plötzlich anprallende Erkenntnis, daß der Wind durch die geglückte Flucht vor dem Wintereinbruch ebenfalls aufgehört hatte. Der Eindruck der Mildheit der Landschaft war überwältigend.

Kurz zeigte sich – zum ersten Mal – das Mittelmeer. Mudev Skrugel, der in den Tagen zuvor nur noch eine verminderte Eßleistung erbracht hatte, bekam bei diesem Anblick erstmals wieder Appetit. Fast hatte er sich durch diese Appetitlosigkeit wie eine in Seifenlauge dahintreibende Leiche empfunden, hatte im Körper leimige Säfte stillstehen sehen, doch nun waren diese Tage des Zorns im Winter-Requiem vorbei. Dieser durch reinen südlich-mediterranen Anblick aufs Neue erwachte Appetit hatte die kräftige Süße der Erleichterung an sich.

Zuckerguß

125 g Puderzucker, ein zu Schaum geschlagenes Eiweiß, ein Eßlöffel Zitronensaft oder ein Eßlöffel Rum oder Arrak.

Zucker und Zitronensaft werden gerührt und das Eiweiß teelöffelweise allmählich hinzugegeben, wobei man den Guß fortwährend rührt, bis er schneeweiß geworden ist. Dieser Guß wird dann, nachdem dere Kuchen erkaltet ist, dartüber gestrichen und getrocknet..

Färben des Zuckergusses

Braun durch etwas geriebene Schokolade, die man mit der Masse verrührt. Einige Tropfen Johannisbeer- oder Himbeersaft geben der Masse ein schönes Rosa. Mit aufgelöster Cochenille färbt man die Masse hochrot.

Krapfen

2 Kilo Mehl / 200 g Zucker / 200 g Margarine / 4 Eier / abgeriebene Schale von 3 Zitronen / ½ Teelöfel Salz / 2 Päckchen Trockenbackhefe / gut ¼ l Milch / Fett: 500 g Resi-Schmelz und 500 g Butterfett.

Marmelade erst am Schluß

, nachdem die Krapfen gebacken sind, mit einer Krapfenspritze einschießen. Wenn man die Krapfen vorher füllt, teilen sie sich im heißen Fett und die Marmelade läuft aus; das Fett wird schwarz.

Abfahrt Béziers-Centre. Die autoroute zog sich nun zur Linken parallel zum Meer und zur Rechten parallel zu den ersten Vorbergen der Cevennen entlang.